MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

Nr. 266

Fünfter Hauptsatz

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Antoine Vicomte de Saint Exupery

 

Wir Menschen glauben alle und gerne, dass wir sehen, was wir sehen. Wir schwören auf unsere Beobachtungsgabe, Objektivität, Erkenntnisfähigkeit und unseren Wahrheitswillen. In dem Wort Scharfsinn verknüpft sich diese vermeintlich exakte Sicht mit der optimalen Verarbeitung unseres nie ausgelasteten und immer überforderten Gehirns. Bestärkt werden wir in dieser Selbstüberschätzung von falschen Propheten und Lehrern, die ihre kleinteiligen Weisheiten als empirisch nachvollziehbare religionsähnliche Wahrheiten verbreiten. Aber auch die Wirklichkeiten der alten Religionen predigen Abgeschmacktes, Heruntergezoomtes und als Geburtstagsgeschenke verpacktes, was wir in unser Wohnzimmer neben den Fernseher stellen können. Und der tickt auch Wahrheiten am laufenden Band, Nachrichten, nach denen man sich nicht richten kann, nach Sendern sortierte so genannte Fakten, mehr oder weniger manipulierte Bilder. Bilder sind insofern immer manipuliert, indem unsere Kameras einen Teil der von uns gewünschten Sichtweisen technisch herstellen, indem wir in bestimmten Situationen auch vorhersehbare Erwartungen haben, indem wir gewissenlos bereit sind, jede Veränderung als technisch bedingt und notwendig zu erklären. Darin bestärken uns die Politiker, die einerseits von Sachzwängen reden, denen man nicht ausweichen könne, und andererseits von alternativlosen Vorschlägen, diesen Sachzwängen auszuweichen. Die meisten Sachzwänge sind jedoch soziale Artefakte des Zeitgeistes. Wenn auch der Zeitgeist die Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, so lädt er doch eher zum Verharren ein als zum Weiterschreiten. Insofern ist Erkenntnis auch die berühmte Entscheidung zwischen Freiheit und Sicherheit. Sie führt so oft dazu, dass wir uns von den Mächten der Welt bestimmen lassen, die wir selbst sind. Und dann erschrecken wir vor uns und zeigen mit dem Finger auf die anderen. Zwar ermöglicht eine ‚mea culpa‘ Haltung auch Märtyrertum, aber erstens ist es ethisch vertretbarer Märtyrer statt Tyrann zu werden, obwohl wir alle vielleicht aus Bequemlichkeit das zweite wählen würden, wie wir aus Bequemlichkeit auch den Zweiten wählen, aber zweitens leuchten Märtyrer in die Zukunft hinein, weshalb die Demokratie oft so verzweifelt versucht, Märtyrertum zu verhindern. Märtyrer sind natürlich nicht nur Rechtsextreme und Linksextreme, Christextreme und Islamextreme, sondern auch Yesus, Gandhi, Korczak und King. Ziel einer eigentlichen Erkenntnis wäre eine mit Freiheit kombinierte Geborgenheit.

Wie elitär Verschlüsselung und Entschlüsselung sind, kann man gut aus der Geschichte der Decodierung der Wehrmachtsbefehle durch den polnischen, britischen, französischen und amerikanischen Geheimdienst erfahren. Die Wehrmacht benutzte eine elektromechanische Chiffriermaschine ‚Enigma‘, die Arthur Scherbius erfunden hatte, die wie eine Schreibmaschine bedient wurde, jedoch nicht den getippten Buchstaben als Ergebnis entließ, sondern einen nach dem Zufallsprinzip von drei unabhängigen Rollen ermittelten. Der chiffrierte Text war jedenfalls so kompliziert, dass die Wehrmacht bis an das Ende des Krieges an die Bewahrung seines Rätsels glaubte, obwohl die Alliierten jeden Tag viele tausend Befehle decodierten. Allerdings ging dem ein äußerst langwieriger mathematischer Prozess voraus, in dem versucht wurde, hinter den rotierenden Walzen mit je 26 Buchstaben Algorithmen zu entdecken. Die Deutschen verbesserten ihre elektromechanische Maschine, die Polen, Franzosen, Engländer und  Amerikaner decodierten die Codierung immer aufs neue.  Alan Turing und anderen gelang es dann später, aus diesen Arbeiten die Grundlagen der Simulation menschlichen Denkens im Computer zu gewinnen, ohne dass wir genau wüssten, wie Denken oder besser gesagt Bewusstsein funktioniert.

Mathematik und Empirismus lassen uns glauben, dass alle unsere Erkenntnisse schon decodiert sind. Wir übersehen dabei die tiefe Verwurzelung auch elementarer Signale in unserem emotionalen Gedächtnis, was nicht nur viel größer und umfassender, sondern vor allem auch viel wichtiger für uns ist. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen ist so gesehen noch viel eingeschränkter anzunehmen als wenn wir, wie bisher, von einer Freiheit des verstandesgesteuerten Willens ausgehen. Da aber gleichzeitig und parallel die Zahl und die Qualität der Erkenntnisse rasant gestiegen ist, kann sich eigentlich niemand mehr auf die gefühlsmäßige Bremsung einer verstandesgelenkten Entscheidung berufen. Eher ist es umgekehrt. Die Zahl der Verbrechen, vor allem auch der Kapitalverbrechen, nimmt ab, in großen Teilen der Welt hat kaum noch jemand Gelegenheit zu Taten, die früher gang und gäbe waren: Progrome, Lynchjustiz, Blutrache.  Um so mehr stört uns, ganz zu recht, jeder einzelne Mord, und ganz zu Unrecht, jeder einzelne Tod.

Die eigentliche Erkenntnis ist Vertrauen. Die religiösen Grundlagen unserer Gesellschaft verbunden mit der Emanzipation von Freiheit und Individuum durch die Aufklärung, die Überschätzung des Verstandes einschließlich der Mathematik und das schließliche Verständnis für das Gefühl haben aus uns eine Gemeinschaft von im Vertrauen verbundenen Menschen gemacht, die es so vielleicht, im viel kleinerem Maße nur im Neolithikum gegeben hat. Die Jahrtausende dazwischen haben wir mit patriarchalischem Unfug, Krieg, nationalistischem Getümmel, Kampf gegen harmlose Minderheiten und dergleichen verbracht, eine grausame, vielleicht notwendige Übergangszeit.

Es ist keine Vision anzunehmen, dass sich das jetzt grundlegend ändert. Es muss sich gar nicht ändern. Wir hätten nicht überlebt, wenn nicht ein Großteil der Menschen, sagen wir etwa die Hälfte, schon immer vom Gefühl ausgegangen wäre. Durch die Zunahme an aufgeklärter Sicherheit kann sich aber immer mehr Freiheit ausbreiten, so dass wir heute beobachten können, wie sich immer kleiner werdende Minderheiten auf den Abwegen des vergangenen verlaufen. Zwar verharren andererseits große Bevölkerungsanteile in Bildung, die nur aus Bildern und Symbolen besteht, aber durch die repräsentative Demokratie ist der Einfluss solchen Nichtdenkens unter Kontrolle. Es hat sich also nicht so sehr die Teilung der Gesellschaft in Eliten und Massen geändert, sondern die Eliten können freier und transparenter entscheiden. Die Bindungen der Eliten bestanden einerseits in nichtabstrakten Traditionen, wie zum Beispiel Wörtlichkeiten oder Fundmentalismen des Christentums, die aber vor allem auch institutionalisiert waren. Wem das zu verschlüsselt klingt, der kann sich als vereinfachte Formel merken: Gewissen gleich Beichte gleich Inquisition; und umgekehrt: statt Inquisition Beichte, statt Beichte Gewissen.

Auf der anderen Seite waren den Eliten durch handfeste Lebensnotwendigkeiten die Hände gebunden: Hunger, Krankheiten, Naturgewalten, kurz: geringe Lebenserwartung. Das Vertrauen der Massen stieg natürlich mit der Lösung dieser Probleme durch die Eliten und damit die Entscheidungsfreiheit der Eliten gegenüber den Massen, gebremst nur noch durch eine, noch dazu repräsentative, Demokratie.

Wenn Erkenntnis also Vertrauen heißt, dann heißt Vertrauen auch Verantwortung. Die Entdeckung und mögliche Entfaltung des Individuums darf auf keinen Fall seine Vereinzelung bedeuten. Vielmehr hat die zugenommene Freizeit nicht nur mehr Freiheit gebracht, sondern auch mehr Kommunikationsmöglichkeiten, die nun zu einer Vernetzung der Gefühle führen können, die sich leider oft zuallererst in kollektiver Empörung zeigt. Die Angst vor Oberflächlichkeit wird vielleicht auch gerade von denen geschürt, die glaubten, dass Entfesselung des Menschen unverantwortlich sei, weil sie unverantwortlich mache.

Anmerkung:

Alle in diesem Text erwähnten bedeutenden Menschen starben eines gewaltsamen Todes, bis auf Scherbius gemäß Goethes Vision im Faust: Die wenigen, die was davon erkannt…hat man von je gekreuzigt und verbrannt. [Faust I, Vers 590ff.]

Antoine de Saint Exupery:  auf einem Flug über dem Mittelmeer verschollen

Yesus: gekreuzigt

Mahatma Gandhi: erschossen

Janusz Korczak: mit seinen Waisenkindern in der Gaskammer ermordet

Martin Luther King: erschossen

Arthur Scherbius: fuhr mit einem Pferdewagen gegen eine Wand

Alan Turing: starb an einem [selbst] vergifteten Apfel infolge seiner Bestrafung als homosexueller

 

 

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NEUE WELT PRENZLAU

Nr. 265

 

Die Welt mischt sich immer wieder einmal neu. In Prenzlau befand sich wenige Meter von der Marienkirche entfernt, ungefähr da, wo die immer noch vom letzten Krieg gezeichnete Jakobikirche heute eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge aus der ganzen Welt unterhält, ein slawisches Heiligtum. Mal nahm man an, dass die Slawen sich dem einwandernden Deutschtum willig assimilierten, weil sie es als technisch überlegen erlebten, dann wieder überwog die Ansicht, dass sich die Slawen erbittert der deutschen Ostexpansion und der damit verbundenen Zwangschristianisierung widersetzen. Kein Mensch kam bisher auf die Idee, dass es weder die Slawen noch die Deutschen gegeben hat. Es gab ganz sicher Slawen, die mit den Deutschen kooperierten, es gab die Anführer des großen Slawenaufstandes von 948 sowie die weinenden Mütter am Straßenrand, und es gab ganz sicher Slawen, denen alles ganz egal war. Es gab Deutsche, die den Osten kolonisieren und christianisieren wollten, was sich nach christlicher Ansicht ausschließt, es gab Deutsche, die einfach vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen sind, andere wieder fanden die Mädchen der Slawen attraktiv, es gab Deutsche,die waren gar keine Christen, andere wieder waren gar keine Deutschen. Das war die Lage vor tausend Jahren.

Am Ende des zweiten Weltkriegs brennt die Marienkirche, einer der wuchtigsten Kirchenbauten Nordeuropas, nieder, nicht von alliierten Bombern getroffen, sondern sozusagen mit diffuser Täterschaft entzündet. So wie auch viele Dorfkirchen in der Umgebung kann die einheimische Bevölkerung, ähnlich wie die Massenselbstmorde vor allem von Frauen in Demmin, in einer Mischung aus Angst und Selbstbestrafung, die Kirche als mächtigstes Symbol der gesamten Vergangenheit (außer der slawischen) selbst in Brand gesteckt haben. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass SS oder HJ oder beide die Kirche als letzte Selbstverteidigung geopfert haben. Das wäre sinnlos gewesen, aber der ganze Krieg war sinnlos. Anklam wurde am selben Tag von der Nazi-Luftwaffe zerstört, weil es sich kampflos ergeben wollte wie die Nachbarstadt Greifswald, warum soll nicht Prenzlau von der SS geopfert oder bestraft worden sein? Jahrzehntelang wurde behauptet, dass die ankommenden Russen die Kirche und die Stadt nicht ertragen konnten und sie deshalb sinnlos (sinnlos?) zerstört haben. In der Zwischenzeit lebten in Prenzlau neben der assimilierten ehemaligen slawischen Bevölkerung natürlich die Deutschen, aber auch zeitweilig fast ein Viertel Juden, dann aber im achtzehnten Jahrhundert auch ein Drittel Franzosen. Immer gab es viele Polen, denn Polen war nicht nur nie verloren, sondern immer auch ganz nah, ob nun mit oder ohne Grenze. 1929 kam eine große Gruppe von wolgadeutschen Mennoniten, die auf dem Roten Platz in Moskau solange demonstriert hatten, bis sie nach Deutschland ausreisen konnten. Sie kamen ausgehungert und verwahrlost in Prenzlau an und die Überlebenden wanderten weiter nach Paraguay aus. Nach dem letzten Krieg kamen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, zu Fuß auch solche aus der Batschka, der deutschen Insel in Kroatien. Bevorzugt kamen auch Siebenbürger Sachsen und Rumänen nach Prenzlau. In den neunziger Jahren gab es soviele Russlanddeutsche in Prenzlau, dass der Zeitungskiosk im Kaufland zwölf russischsprachige Zeitungen führte. Im Jahr 2015 hat Prenzlau ziemlich geordnet und fast vorbildlich etwa 1000 Flüchtlinge aus aller Welt aufgenommen, untergebracht, in der deutschen Sprache unterrichtet und ihnen den einen oder anderen Sinn für ihre Freizeit und Freiheit gegeben.

Wer definiert jetzt bitte, wer oder was ein Prenzlauer oder ein Deutscher ist? Jedes Land ist ein ständiges Auf und Ab, ein Kommen und Gehen, so wie es in einer Familie auch ist.

Viel merkwürdiger als die verschiedenen Gruppen der Alt- und Neubürger – inzwischen sind die Stettiner und Batschkadeutschen Altbürger und Salinger, eine Familie auf dem vorbildlichen jüdischen Friedhof im Süßen Grund, das klingt gut, ist aber zwischen der Bahnlinie und der Bundeswehrkaserne, die – ich finde es falsch, das so zu nennen – laut Uckermarkkurier – eine transsexuelle Kommandeurin hat, Salinger ist ein weltberühmter, toter, äußerst skurriler Dichter in den USA, viel merkwürdiger sind die neuen Nationalisten, die ständig auf ihr Land kotzen möchten. Es ist zu vermuten, dass sie sich auf das berühmte Zitat eines berühmten Berliner Juden beziehen, der, als die Nazis die Macht übernahmen, gesagt hat, dass er nicht soviel essen könne, wie er kotzen möchte. Er hat es wohl eher als Berliner gesagt, aber vielleicht als Jude gedacht. Es ist schwer zu glauben, dass er ein jüdischer Maler war, denn er hat keine jüdischen Sujets gemalt. Die Bundeswehrkommandeurin ist auch nicht in Prenzlau, um sexuelle Abenteuer zu erleben – das dürfte auch sehr schwer werden -, sondern um die NATO-Dienststellen in Stettin mit Nachrichtentechnik zu versorgen. Es werden neuerdings Attribute verteilt, die nicht mitteilungsrelevant sind.

Die neuen Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, sondern die Vergangenheit, haben genau die tausend Jahre als Richtschnur gewählt, die auch Hitler und Himmler vorschwebten. Wie wir alle wissen, haben sie diese Ziel verfehlt. Der Krieg ging verloren, wir sagen zum Glück, aber selbst wer es als Unglück empfindet, muss es eingestehen. Demzufolge muss man doch fragen dürfen, welche Vergangenheit sich die Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, zurückwünschen. Im Kaiserreich gab es bittere Not, Hunger und Kinderreichtum, von dem die neuen Nationalisten annehmen, dass er ein Geschäftsmodell der Flüchtlinge sei. Die Neudeutschen haben nicht nur keine Kinder mehr, einige von ihnen halten Kinder auch nicht für etwas beglückend Schönes, einen Lebenssinn vor allen anderen, sondern für ein Geschäftsmodell. Gleichzeitig schimpfen sie auf den Kapitalismus. Sie halten uns – als Deutsche – für dumm. Ständig preisen sie Polizeistaaten mit ihren Unrechtssystemen und fordern strenge Bestrafungen nach dem Vorbild Saudi Arabiens und Chinas, obwohl sie und wir alle in einem der sichersten Länder der Welt mit sinkender Kriminalität leben. Die Kriminalität sank auch 2015 und vor allem 2016 weiter, obwohl angeblich so viele potenziell kriminelle Neubürger hinzukamen.

Nach der neuerlichen Aufzählung der Menschen, die in einer relativ kleinen Stadt wie Prenzlau in den letzten tausend Jahren hinzukamen und wegwanderten – ich erinnere an New Prenzlau in Queensland und Familie Salinger -, kommt man eher zu dem Schluss, dass die ständige neue Mischung von Menschen normal und wünschenswert ist, jedesmal aber mit Vehemenz von einer winzigen verbohrten Minderheit bekämpft wird. Natürlich kann man Nörgeln nicht verbieten, Polizeistaaten versuchen es immer wieder, aber man kann es als lästig empfinden. Die mutigen Menschen leben in den Flüchtlingsheimen, nicht draußen.

 

Neue Prenzlauer vor den slawisch-deutsch-christlich-jüdisch-französisch-polnischen-russland- und batschkadeutschen Orten, deren Ururenkel womöglich einst Meier heißen werden.

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DEFORMATION UND REFORMATION

 

Wenn Martin Luther Kardinal geworden wäre, gäbe es heute keine Waschmaschine. Aber an der Waschmaschine klebt ein kleines Schild: wer den Papst, die Juden und die Türken zu Feinden erklärt, hat Yesus nicht verstanden. Denn nur wer seine Feinde liebt, hat keine. Das Argument, dass man stürbe, wenn man sich nicht verteidigte, gilt ja wohl noch viel mehr, wenn man sich verteidigt. Der dreißigjährige Krieg, auch eine Folge von Luther, ist aber zugleich auch der Beginn der Diplomatie und Europas. Schade, dass es wieder einer Wahrheitssekte bedurfte, um zu mehr Freiheit zu kommen. Aber gilt das gleiche nicht für das Automobil, das auch gleichzeitig Weg und Unweg ist? Weder ist Gott eine Burg noch ist das Automobil die Freiheit, wenn es auch noch so viele glauben wollen. Solche Jubiläen wie ‚500 Jahre Reformation‘ verstärken auch immer die Inflation der Begriffe und führen dazu, dass man glaubt, die nächsten 500 Jahre nichts mehr davon hören zu können. Das Schicksal aller Innovatoren, selbst zu veralten und selbst zur Ikone zu werden, teilt Luther seit er auch Symbol bittersten Nationalismus wurde. Das beste Buch über Luther schrieb übrigens Feridun Zaimoğlu aus Kiel. Veränderungen sind weder gut noch böse, sondern haben tausend Seiten.

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ALL YOU NEED IS LOVE

Nr. 264

Vierter Hauptsatz

[John Lennon/Paul McCartney]

Die Allgemeingültigkeit dieses wunderbaren Satzes besteht darin, dass er nicht etwa nur passiv, sondern vor allem auch aktiv gilt. Man könnte leicht verstehen: ich hatte es schwer, alles, was ich noch brauche, ist Liebe und Verständnis, Zuwendung und Solidarität meiner Mitmenschen. Vielmehr ist es umgekehrt: da die Welt Liebe braucht, muss ich sie ihr geben. Liebe entsteht durch geben. Es ist nur da, was ich und meinesgleichen produzieren. Der Neid produziert nichts als Missstimmung und Zerstörung, und zwar nicht nur beim Beneideten, sondern vor allem auch beim Neider. Ein ganz ähnliches, fast arithmetisch zu nennendes Verhältnis zeigt uns, dass durch Rache das Leid zu- und nicht abnimmt, durch Neid die schlechte Laune befördert wird, nicht die Gerechtigkeit.

Überhaupt: der Markt mag ergebnisorientiert sein, das Leben ist erlebnisorientiert. Wenn man Liebe als Investition ansehen wollte, so darf man doch nicht erwarten, dass sie das gewünschte Ergebnis hat. Das wird schon dem Pubertierenden klar: seine Sehnsucht sucht sich einen Gegenstand, der für ihn unerreichbar bleibt. Die Lösung ist ein entstehendes Idol oder Ideal.

Die Botschaft des Satzes erreichte die Welt zu einem Zeitpunkt, als sie glaubte, alles mögliche zu brauchen. Die Massenkonsumgüterproduktion lief zwar schon mehr als sechzig Jahre, aber war immerhin und immer wieder von der massenhaften Produktion von Waffen und Rettungsgerät unterbrochen worden. Erst die großen Konjunkturen, in Deutschland als dem an sich gläubigsten Land Wirtschaftswunder genannt, brachten die Botschaft, dass und was man alles braucht, um glücklich zu sein. Diese Annahme, dass wir vom Pappbecher bis zur Atombombe (Jean Luc Goddard) alle diese überflüssigen Gegenstände benötigen, führte zu der umfassendsten Produktionskrise, die die Menschheit bisher erlebt hat, denn sie entstand auf dem Boden der größten Produktion und Verfügbarkeit von Dingen. Es wird nicht abwegig sein zu vermuten, dass auch die Überhandnahme von Geld, und damit sein vermeintlicher Mangel, zusammenhängt. Gleichzeitig schritt aber die Säkularisierung mit einer fast total zu nennenden Informierung und Kommunikation einher, so dass die bisher professionellen Wertebewahrer, also Religionen und Staaten einschließlich ihrer Bildungssysteme, ebenfalls in eine tiefe Krise gerieten, zumal sie sich innerlich nicht von ihrer bisherigen Monopolstellung befreien können.  Keinesfalls sind die alten Werte wie Liebe, Solidarität oder Kooperation überholt. Dagegen ändern die Sekundärtugenden so schnell ihre Bestimmungen, wie sich die hinter ihnen liegende reale Welt wandelt. War eine zwar kohärente, aber auch starrsinnige Welt an Konditionierung, an Lohn und Strafe, gebunden, die auch in das Verhältnis zu Gott hineinprojiziert wurde, so konnte die darauffolgende Arbeitsgesellschaft als einzige und Höchststrafe die Arbeitslosigkeit anbieten. Diese hat im fast religiös anmutenden und funktionierenden Sozialstaat ihre Wirksamkeit verloren. Eine ganze Generation kann das Leben ohne Arbeit ausprobieren, ohne zu verhungern. Auch in den hungernden Regionen, die glücklicherweise schrumpfen, träumen viele Menschen nicht von Arbeit, sondern zum Beispiel von Fußball und Musik.

Liebe ist nur zu erlangen, als Konsum und als Instrument, durch Liebe. Das ist keine Tautologie, sondern ein Hinweis darauf, dass es keiner weiteren Bedingungen bedarf. Man muss nicht noch einem Verein zur Verbreitung der Liebe beitreten, damit die Liebe sich verbreite. Es reicht, wenn man sie verbreitet. Das ist natürlich immer auch institutionalisiert möglich, vor allem aber auch individuell. Gegen das Institut spricht dessen Abhängigkeit vom Zeitgeist, der Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wo Menschen zusammenkommen streben sie nach Konsens, sie vergleichen ihre interpretativen Ausgangspunkte, und so entsteht eine neue Abteilung des Zeitgeistes. Das Wunder der Menschheit vollzieht sich im Verständnis. Zum Missverständnis bedarf es keiner Anstrengung. Jähzorn, Vorurteil, Neid, Missgunst, Wahrheit (also die Monopolisierung einer einzigen Interpretation), deren Folge dann oft der Hass ist (also ist Hass das organisierte Gefühl einer so genannten Wahrheit), das alles sind die gewöhnlichen Hinderungen der Liebe. Sie muss man im täglichen Leben einfach überwinden. Das ist alles sehr schwer. Viele von uns können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es keine ‚Wahrheit‘ gibt, also keine längerfristig gültige Interpretation. Vertrauen in die Welt entsteht, man will es nicht glauben, durch die Liebe unserer Eltern zu uns, nicht dadurch, dass jemand die Teilbarkeit der Teilchen voraussetzt oder nicht voraussetzt. Der Unterschied zwischen einem Gleichgewicht und einem stabilisierten Ungleichgewicht ist im Alltagsleben gleich null. Die Wissenschaft einschließlich der Evolutionstheorie, das ist inzwischen ein ebenso legendärer wie trivialer Vorwurf, hat sich einfach an die Stelle der alten ‚ewigen‘ Wahrheiten gesetzt und ein ganzes Jahrhundert ist ihr willig gefolgt. Man kann den Alltag bestehen, ohne an Gott zu glauben, ohne die Relativitätstheorie zu kennen oder auch ohne Shakespeare. Wieviel Shakespeare, Relativitätstheorie und Gott allerdings in den vorhandenen Interpretationen und Dingen steckt, das wiederum  vermag niemand zu bestimmen. Wer Shakespeare nicht kennt, wird ihn auch nicht entdecken können. Das ist das einfache Paradoxon der Bildung, nicht des Lebens.

Wenn man nun alle Lebenserleichterungen, vom Eisenerzabbau (physisch) über die Espressomaschine (psychosomatisch) bis hin zur Psychotherapie (psychisch), auf den berühmten Nenner (eine der wunderbarsten mathematischen Metaphern) zu bringen versucht, so kommt entweder Gier heraus oder Liebe. Die Gier ist ein Erzeugnis der Sattheit und des daraus sich ergebenden Überdrusses, weshalb Völlerei schon zu den antiken sieben Todsünden zählt. In der Sattheit zu erkennen, was einem fehlt, ist auch schon seit der Antike diskutiert worden. Wir suchen einen Sinn unseres Lebens. Die einen sagen, der Sinn des Lebens ist nichts als das Leben selbst. Die Existenz kann nicht über sich hinausdenken, wohl aber über sich hinaus handeln. Den Folgen meines Handelns folgen meine Nachfolger. Die anderen sagen, der Sinn des Lebens besteht in einem Leben nach dem Leben, in einer fortdauernden Existenz, die bilderbuchhaft vorgestellt werden kann. Beides ist hilfreich. Hilfreicher ist es aber, zu einem Pool der Liebe beizutragen. Hilfreicher ist es, wie Kinder immer wieder zu einer Unvoreingenommenheit zu gelangen. Es spricht nichts dagegen, sich dabei von denjenigen helfen zu lassen, die das auch schon so gesehen haben, die großen Religionsstifter, die großen Künstler und die großen Sätzeschreiber. Aber es ist andererseits nicht nötig, immer nach dem Großen und Alten zu sehen. In deiner Nachbarschaft, bei den so genannten schlichten Menschen entsteht genau so viel Menschlichkeit durch Liebe wie Liebe durch Menschlichkeit, wie in den großen Religionen, Philosophien und Kunstwerken. Sie alle sind Liebeswerke.

KEINE PARTEI, SONDERN HANDELSVEREIN

 

Nr. 263

 

Wir alle wundern uns, dass die AfD kaum über andere Probleme spricht als über Flüchtlinge und Islamisierung. Der FDP-Vorsitzende Lindner vermutet, die AfDisten am Büfett statt an Sachthemen interessiert, viele halten sie für inkompetent. Es gibt immer tausend Gründe. Der Hauptgrund ist aber wohl, dass sie gar keine politische Partei ist.

Sie bedient auf der einen Seite das latente Hasspotential, die Lust zu widersprechen, die neue Möglichkeit, längst vergessen und begraben geglaubtes aus der Versenkung holen und aussprechen zu dürfen. Das Holocaust-Denkmal in Berlin hat drei Millionen Besucher im Jahr, aber es gibt auch Menschen, die es nicht verstehen. Denen spricht die AfD tatsächlich aus dem Herzen. Der Höcke-Satz, dass es kein Volk gäbe, das sich so sichtlich und erfolgreich mit seiner negativen Vergangenheit auseinandersetzt, ist in dem Sinne zu interpretieren. Anlässlich der Wehrmachtsausstellung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Frage der Leistungen und Verbrechen der Wehrmacht diskutiert. Vielleicht sah damals mancher seinen Großvater diskreditiert. Tatsächlich hat sein Großvater Deutschland diskreditiert, in dem er einen Krieg mitmachte, der bar aller Vernunft war, gegen die Ansicht von Clausewitz, auf den man sich fälschlich berief, dass der Krieg lediglich die Fortsetzung der Politik sei. Was sind das für Nationalisten, die das eigene Volk besudeln, das sich aus der Selbstbesudelung so wunderbar hervorgehoben hat.

Auf der anderen Seite bedient sich die AfD einfach der Demokratie, um Geld zu verdienen. Insofern ist sie keine politische Partei, sondern ein sehr einseitiger und unfairer Handelsverein, Rabattjäger ohne wirklich Konsument oder gar Produzent zu sein. Die AfD-Antwort auf dieses AfD-Verhalten ist einfach: härtere Strafen, man darf das nicht durchgehen lassen, zum Schluss wird unsere gute alte Demokratie nicht nur angezweifelt, sondern autokratisiert. Sie würden, wenn sie ihr Verhalten von außen beurteilen müssten, ganz klar den Rechtsbruch erkennen und vehement bekämpfen. Genauso hat übrigens Goebbels argumentiert, als die echten Nazis den Reichstag (damals noch in Einheit von Inhalt und Form) nach und nach übernahmen: man werde die Demokratie benutzen und von innen aushöhlen.

Aber das ist gerade der Unterschied. Die Demokratie ist für alle da, auch für diejenigen, die sie aushöhlen wollen, denn sie werden damit scheitern. Deshalb ist es merkwürdig, wenn immer davon gesprochen wird, dass falsche Toleranz dies und jenes bewirke. Toleranz ist doch nur das Dulden eines anderen, unabhängig von der selbst zu wählenden Distanz. Toleranz außerhalb einer Rechtsordnung ist heute nicht mehr vorstellbar. Im Rechtsstaat wohnt niemand neben einem Mörder. Unserer Rechts- und Strafverfolgungssystem hat zur dauerhaften und nachhaltigen Senkung der Kriminalität geführt. Deutschland gehört zu den sichersten Ländern der Welt.  Was soll also falsche Toleranz sein?

Es ist die immer gleiche Diskussion, von der nur neu ist, dass sie wieder möglich wurde. Allerdings ist ihre Unmöglichkeit nicht gerade ein Ruhmesblatt für Demokratie und Diskurs, denn wir haben diese Diskussionen auch gerne ausgetreten wie einen beginnenden Waldbrand, ohne selbst zu beachten, dass wir eine hervorragend funktionierende Feuerwehr haben.

Drei Beispiele des gleichen Argumentationstyps sollen das veranschaulichen.

Unter Kinderarmut muss man sich nicht verarmende Kinder bei wohlhabenden Eltern vorstellen, was ein gutes Sujet für ein gesellschaftskritisches Theaterstück wäre, sondern die Kinder der Armen, die nicht so gut ausgestattet sind wie die Kinder der Reichen. Zu beklagen ist eine Ungleichheit in der Gesellschaft doch aber nur, wenn man sie für ungerecht hält. Die beiden hervorstechendsten Errungenschaften unserer Gesellschaft sind aber gerade die Demokratie auf der einen Seite und die mit ihr verbundene soziale Durchlässigkeit auf der anderen Seite. In Deutschland hängt immer noch viel an der Bildungsferne oder Bildungsnähe der Eltern, es ist anscheinend wichtig, was am Abendbrottisch besprochen wird, und trotzdem kann ein Mensch von ganz unten Vorstandsvorsitzender oder  Bundeskanzler werden. Das ist anders als in den USA oder im bildungsverliebten Frankreich. Die Tradition der Berufsbildung, die in Deutschland begründet wurde, ermöglicht diese soziale Mobilität und widerspricht damit dem konventionellen System der Eliteschulen. Diesterwegs Satz, dass Volksbefreiung eben Volksbildung sei, ist somit einerseits moderner als das Lamento über Kinderarmut, andererseits zeigt er die tiefe Verankerung der Demokratie, lange vor ihrer Institutionalisierung.

Die Wut im Netz, die von der AfD geschürt und teilweise ermöglicht wird, ist doch keinesfalls neu. Wieder einmal zeigt sich, dass das Medium keineswegs die Botschaft ist, Wut ist auch gar keine Botschaft, sondern eben gerade die Botschaftslosigkeit. Die Demokratie erzeugt im besten Falle eine soziale Durchlässigkeit, weniger Armut und Rechtsstaatlichkeit. Trotzdem gibt es Menschen, denen es weniger gut gelingt, am gesellschaftlichen Standard und damit am Wohlstand teilzunehmen. Die Frustrationen, die diese Menschen auch als ganz konkrete Demütigungen, zum Beispiel in Ämtern, erleiden, können sich durch die sozialen Medien einfach nur verbreiten, und es ist nicht nötig, die Erkenntnis der Echokammern hier noch einmal ausdrücklich zu erklären. Auch diese Echokammern sind nicht neu, sondern nur größer und effektiver. Aber was ist denn nicht größer und effektiver als früher? Früher war alles schlechter, aber nicht jeder hat alles gewusst. Dazu tragen übrigens bei weitem nicht nur die Medien bei, sondern auch die Freizeit und die Freiheit von Existenzangst. Ein Mensch, der aufgrund seiner mangelnden Ausbildung oder seiner Unterbeschäftigung weniger Beiträge bringt, muss natürlich nicht dankbar sein, dass er trotzdem mehr als satt wird und an großflächigen Bildschirmen das Weltgeschehen verfolgen kann, soweit er es versteht, aber es wundert doch, dass sich seine Frustration nicht in Taten, sondern in Wut entlädt und er dann auch noch AfD wählt. Das Weltgeschehen endet bei ihm oft im Grundsicherungsamt.

Immer wieder wird, um ein härteres Vorgehen gegen Sexualstraftäter oder kriminelle Flüchtlinge zu begründen, mit der Dunkelziffer argumentiert. Diese Dunkelziffer, die in Wirklichkeit keine Ziffer, sondern eine Metapher ist, kennt niemand, der Verteidiger des Rechtsstaates ebenso wenig wie sein schärfster Kritiker. Wir müssen uns also auf die bekannten Delinquenten gleichzeitig konzentrieren und beschränken. Jede Empörung geht ins Leere, wenn sie nicht in Taten, sondern nur in Pessimismus oder gar apokalyptische Wahnvorstellungen übertragen werden kann. Jeder, der für BROT FÜR DIE WELT spendet, tut etwas Gutes und damit richtiges, jeder dagegen, der mit Plakaten auf die Straße geht, auf denen die Verfolgung möglicher und zukünftiger Verbrecher gefordert wird, handelt zumindest irrational. Prävention findet nicht auf der Straße, sondern in der Schule statt, genauso wie Volksbefreiung.

DRITTER HAUPTSATZ


 

Nr. 262

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keine Nachbarn mehr.

 

Friedrich Nietzsche  (173. Geburtstag)

 

Und es ist noch schlimmer: hinterher weiß unsere Erinnerung, dass wir gar nicht schuld waren. Vom Kindergarten bis zum Streit ums Erbe und Erbbegräbnis: es sind immer die anderen. Der Nachbar ist die ideale Projektionsfläche des Bösen. Alles, was anders ist, ist schuldiger und dümmer als wir. Wer fremd ist, weiß den Weg nicht, den wir gerade gingen. Was zählt, ist unser Erfolg, nicht unser Preis.

Dabei ist jeder fremd, der auf die Welt kommt und mancher Preis ist das Leben. Auch der Freund ist der Fremde – zunächst und danach! Wir sind also gut beraten, auf die sanften Stimmen zu hören, auf die Güte und auf den Charakter. Sanfte Sätze und radikale Lösungen schließen sich nicht aus. Die Grenzsteine hinwegzunehmen ist genau so radikal, wie sie zu setzen. Das war die Vorbedingung für Wirtschaft und Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung, die in dem ersten Prozess der Sozialisation der Menschheit als Ergebnis erscheint, wird jetzt als Vorbedingung gebraucht.

Ohne Grenzsteine kann nur leben, wer andere ertragen kann, ohne sie dominieren zu wollen und ohne sich hinter sich selbst zurückzunehmen. Das ist eine Balance, die fast buddhistisch klingt.

 

Die grammatische Form des Satzes, der Imperativ: Nehmt die Grenzsteine weg!, lehrt uns, dass diese Lebensform lernbar ist. Wir sind nicht verurteilt, der Stimme unseres Blutes zu folgen, falls es sie gibt. Wir müssen nicht die Fehler unserer Ahnen ahmen. Unser Profil ist zwar weder beliebig noch so variabel wie die Profile in digitalen Netzwerken, aber doch auch nicht invariabel. Wir sind veränderbar! Die Schule der letzten tausend Jahre hat sich vor allem mit der Weitergabe von so genannten Fakten beholfen. Wo offensichtlich keine Fakten waren, hat man sie erfunden oder die Phänomene in Fakten atomisiert. Die Weitergabe von Weisheit erfordert weitaus mehr Zeit und Liebe. Für sie gibt es nur modellhafte Schulen. In einer autoritären Schule fällt es natürlich schwer zu denken, dass man sich ertragen muss. Es käme also seit Seneca darauf an, die Schule endlich umzukehren, aus einem Abbild der Vergangenheit ein Paradigma der Zukunft zu machen: die Welt ohne Grenzsteine.

All die Abgrenzungen der Vergangenheit, das Abwehren des Fremden zur Sicherung der eigenen Identitäten werden sinnlos, wenn man sich auf der anderen Seite in ein informationelles Atom einer riesigen Datenwelt verwandelt. Allerdings versuchen alle diese Atome Profile zu entwickeln, die kompatibel mit anderen sind. Es kommt darauf an, vorweisbare Freunde zu haben und dadurch möglichst viele likes. Es kann also sein, dass das Ideal der menschlichen Menschheit, die Verbrüderung und Verschwisterung, durch die Informationstechnologien und die Vernetzungen, durch den Drang zur Aktivität in den sozialen Netzwerken befördert, wenn nicht verwirklicht wird. Der analoge Fall dazu ist die Forderung der Romantik nach Poetisierung der Welt, die in der Verfilmung aller Weltbegebenheiten ihre Verwirklichung so weitgehend fand, dass man davon sprechen kannn, dass sehr viele Menschen die Wirklichkeit nur noch durch Filme und Computerspiele zur Kenntnis nehmen. Zwei schöne Ironien am Rande sind, dass Wagners Musik der Vorläufer der Filmmusik ist und dass an die Stelle von Grimms Märchen alle Arten von Fantasyerzählungen getreten sind und dass die Schreibung des eingedeutschten    französischen Wortes sich gerade von selbst anglisiert.

Die möglichen Gegenargumente sind immer dieselben: es wird eine neue Kriminalität befürchtet, die Jagd nach den kostenpflichtigen oder finanziell verwertbaren Anteilen der Profile. Das ist sicher richtig, nur liegt der Grund dafür nicht in den Maschinen und ihren virtuellen Welten, sondern in unserer Gier. Sobald uns jemand etwas anbietet, glauben wir zunächst und kurz, dass es für uns günstig sei. Wir kaufen Dinge, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie vermeintlich billiger sind als dieselben Dinge wo anders oder als andere Dinge hier. Das mag gut für die Wirtschaft sein, aber wer ist die Wirtschaft, wenn nicht wir? Jedoch haben wir nicht nur eine wirtschaftliche Dimension. Die Kriminalität nimmt ab, aber sie nimmt auch in dem Maß ab, wie die Profilierung der Menschen zunimmt und wie es uns gelingt, das Geld von seinem unverdienten Thron zu stürzen.

Was ist denn die Angst vor der Transparenz anderes als ein überholter Grenzstein? Die Kriminalität wird nur als Vehikel davorgeschoben, um sich nicht zeigen zu müssen. Die Netzwerke dagegen dulden keine blassen Profile. Sie fördern aber auch das bis dahin völlig Unbekannte. Wir wussten nicht, dass der Fußballer ganz in einer Welt der Musik lebt. Wir konnten nicht ahnen, dass der Staatssekretär Sonnenuntergänge und sich mehr  liebt als Politik und Amt, wofür wir ihn jetzt mehr schätzen. Wir sehen – ohne Netzwerk –  den Nachbarn nicht als Poeten oder Fotografen, der er ist, den Schüler nicht als Gläubigen und den Kaufmann nicht als Trauernden. Natürlich gibt es auch Nationalisten und Sexisten, vielleicht auch Fundamentalisten und Rassisten. Aber sie sind im Netz genau wie in der Wirklichkeit eine verschwindend geringe Minderheit. Die Dürftigkeit ihrer Argumente wird unter der Transparenz deutlicher als im lauten Alltag. Netz und Alltag verhalten sich in diesem Punkt wie Regenguss und Reagenzglas. Der Monitor verengt zwar den Blick, aber konzentriert und vertieft ihn auch.

Die Demokratie wird sich durch vielleicht heute noch unbekannte Netzwerke verändern, weniger im Sinne einer schwerfälligen Basisdemokratie oder Graswurzelrevolution, sondern einfach im Sinne der schon immer geforderten und jetzt erst durchsetzbaren Transparenz. Das muss kein neues Demokratiemodell sein, schon gar nicht ein völlig anderes Politikparadigma, sondern einfach nur die sprunghafte Verbesserung des kopflastigen Typs der repräsentativen Demokratie, die so sehr zum verbergen im Namen des Guten, des Volkes, des Fortschritts, der Wirtschaft, ja, Gottes neigte, dass ihre Gegner links und rechts das Verbergen mit der Demokratie populistisch verwechselt haben, weil sie es verwechseln wollten.

Das antinationalistische Bild aus tief nationalistischer Zeit wird zum Aufbruchssignal in die gläserne Zeit, vor der manche noch zittern, die aber unausweichlich ist, weil ihr eine poetische Versuchung vorausweht, der man ebenso wenig widerstehen kann, wie der Freiheitsversuchung, die im Automobil lag. Die Hälfte mag Trug gewesen sein, aber die andere Hälfte, dass wir durch Mobilität die Welt kennenlernten, dass der Verbrennungsmotor, so schädlich-dilemmatisch er auch sein mag, der Motor einer wahren Weltanschauung wurde, die andere Hälfte bringt uns auf den gläsernen Berg der Transparenz, Profilierung und Brüderlichkeit.

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE

 

Nr. 261

Zweiter Hauptsatz:

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE shakespeare

Vom Delta-Geben

 

Ein Mann wird von einem halbwüchsigen Jungen durch den Londoner Nebel geführt. Am Ziel angekommen, fragt der Mann nach seiner Schuldigkeit, aber der Junge antwortet: ich bin doch Scout. Natürlich ist das ein Gründungsmythos voller Symbole. Der Mann wurde der erste Pfadfinder in den USA, und der Junge, wir wissen es nicht, bestimmt auch etwas bedeutendes. Warum brauchen wir immer wieder moralische Erneuerungen, neue Mahnungen, das Gute zu tun, und Erklärungen, was das Gute ist? Einmal schleifen sich eingeübte Verhaltensweisen ab, verblassen wie die Dateien, in denen sie gespeichert sind. Und zum anderen bestimmt sich auch immer wieder neu, was gut ist. Galten früher moralische Grundsätze nur regional, wollen wir sie heute global bestätigt sehen. Auch gibt es heute weitaus mehr Menschen als früher, so dass auch die Erreichbarkeit mit traditionellen Inhalten fragwürdig wird. Das gilt aber fast nur für das lange Zeit wachsende Europa. Merkwürdigerweise haben zwei ganz unterschiedliche Denker vorausgesagt, dass die menschliche Gesellschaft sich alle fünfzig Jahre so erneuert, dass die jeweils alten Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Der eine ist Goethe, und er schrieb es in einem seiner sympathischsten Bücher, nämlich in ‚Maximen und Reflexionen‘. Es ist dies eine sehr frühe These für eine noch zu entwickelnde mentale Geriatrie: alt werden kann man nicht lernen, man muss es tun. Der zweite Denker ist Kondratieff, der zwar nicht für diese These, aber für seine Gesamttheorie erschossen wurde, weshalb wir diesen fünfzigjährigen Innovationszyklus nach ihm benannt haben. Er hat die kapitalistische Wirtschaft beobachtet und ist auf diesen Abstand der Berge und Täler sinnvollen Wirtschaftens gekommen.

α

Wir wollen das Geben probehalber in vier Kategorien unterteilen. Die erste und einzig negative Kategorie des Gebens ist das Wegnehmenlassen. Rousseaus berühmtes Beispiel, dass, wenn uns die Geldbörse gestohlen wird und wir sie dem Räuber geben, weil uns unser Leben lieb ist, dieselbe Geldbörse unser Besitz bleibt und sich also zeigt, dass es kein Recht des Stärkeren, sondern nur unrechtmäßige Gewaltanwendung gibt, der wir uns auch beugen sollten, dieses berühmte Beispiel ist so einleuchtend wie wirkungslos. Denn viele Menschen glauben sich nicht nur betrogen und bestohlen, sondern sehen sich von Stärkeren umstellt, die ihnen aufzwingen, was Recht und Ordnung zu sein habe. Selbst wer in die Demokratie flieht, glaubt weiter an Polizei und Gewalt. Wer wenig weiß, kann sich das Neue noch nicht einmal analogisch erschließen. Für ihn wird das Leben erst nekrologisch logisch. Da der Dieb meistens zu der Gruppe der Zukurzdenker gehört, ist es unwahrscheinlich, dass er aus seinem Nehmen, unserem Geben, etwas Gutes macht, wenn auch der Spruch ‚unrecht Gut gedeihet nicht‘ andersherum, als Warnung vor dem falschen Nehmen, nicht als Warnung vor dem falschen Geben, gemeint war.

β

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass man geben sollte, um nehmen zu können. Eine Hand wäscht die andere, gut, aber was macht der Einarmige? Selbst der anthropomorphe Gott soll nach anthropomorpher Ansicht so handeln: dient man ihm, so dient er uns. Als pragmatischer Grundsatz mag die Maxime taugen, für den Verkehr mit den netten Nachbarn, für die Beantwortung der Frage, wer bezahlt den nächsten Espresso in der Betriebskantine. Aber für das Leben schon eines einzelnen Menschen reicht das Sätzchen nicht aus. Wir erleben, dass es höhere Motive, tiefere Abgründe und demzufolge weitaus kompliziertere Rechnungen gibt. Die Spieltheorie hat viel zum Verständnis des menschlichen Lebens beigetragen. Zwar ist ‚tit for tat‘ (wiedumir, soichdir) ein durchaus auch längerfristiges Erfolgsversprechen, jedenfalls erfolgreicher als Defektion (Schwinden der Kräfte, Ablehnung der Kooperation), aber im wiederholten Gefangenendilemma, wenn ich also weiß, wie der andere entscheidet, nicht tauglich. Überhaupt setzt wiedumir oder β-geben einen Anfang voraus, ist nur Antowrt auf etwas schon vorhandenes, kann also zu wenigstens fünfzig Prozent ‚gut‘ sein. Ein immer beantwortendes Verhalten lässt aber keine Neuerung zu. Irgendjemand muss vom Ulmer Münster oder über den Bosporus fliegen. Nicht jeder von uns kann Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm und punktgenauer Zeitgenosse Beethovens, oder Ahmed Celebi sein, aber jeder sollte es sein wollen und können.

γ

Niemand ist frei davon zu schenken, weil er sich ander Freude des Beschenkten freuen will. Davon zeugen schon einmal die vielen Gelegenheiten und Feste, die auf Essen und Schenken beruhen. Freude bereiten heißt in diesem Sinne geben oder schenken. Es ist natürlich und legitim. Man entdeckt auch lange Zeit nicht die Kehrseite, genauso lange will man sie nicht wahrhaben. Aber der Tag kommt, an dem man erkennt, man kann weder einen Menschen mit Geschenken oder anderem Gutsein binden, noch werden diese Geschenke immer weiter die Freude auslösen, die sie beim ersten Mal erzeugten. Das Gute und das Böse lösen bei uns leider auch Gewöhnungsmechanismen aus, ja das Böse ist überhaupt nur durch sie zu ertragen. Und schon ahnt man: auch das Gute ist schwer und letztlich nur durch Gewöhnung zu ertragen. Das mentale Gefälle erscheint uns immer eher als Ungerechtigkeit denn als Ansporn. Wir jammern lieber als zu loben. Alles erscheint uns beklagenswert, auch und gerade das für den Anderen Gute. Wir wollen nicht das Gute an sich kennen, weil wir es lieber bestreiten als es zu befördern.   trotzdem: lasst uns weiter Weihnachten und Bayram Ramazani feiern und uns an den leuchtenden Augen der Beschenkten freuen. Aber lasst uns doch auch endlich aus den stumpfen Augen der Enttäuschten lernen: Es gibt nur eine art des Gebens, die keine Enttäuschung auslöst.

Δ

Der satz the more i give the more i have for both are infinite, den Julia zu Romeo sagt, erweist sich als universell. In der liebe, wie hier offensichtlich gemeint ist, ist seine Wahrheit offensichtlich. Wenngleich jeder Liebende, der zugleich auch noch ehrlich ist, eingestehen wird, dass er nicht genau weiß, ob er nicht etwa liebt, um geliebt zu werden, und dass sein Gegenüber, wenn es genau so denkt, die Differenz auch gar nicht bemerken könnte. Indessen wäre die Liebe nicht transzendent, wenn sie genauso funktionieren würde wie der Konsum. Liebe entsteht durch das Risiko, welches wir eingehen, um den anderen zu gewinnen, aber nur dadurch, dass wir ihn auch verlieren können. Merkwürdigerweise gilt das aber auch in der Wirtschaft. Der Markt ist genauso chaotisch und tragisch wie die Liebe. Am Markt und in der Liebe wird nur derjenige auf Dauer erfolgreich sein, der mehr zu investieren bereit ist als er zu gewinnen hofft. Eine reine Konsumwelt würde sich selbst aufzehren! Den Hunger zu besiegen war ein Ziel der Menschheit, nicht den Konsum oder gar das Geld zum Gott zu machen. Geben ist auch evolutionär das stärkere Prinzip. Der Geber wird geachtet und geliebt, zumindest will man seine Gene weitergeben. Reine Konsumenten sind letztlich Schmarotzer, deren belebende Bedeutung man allerdings auch nicht unterschätzen sollte. Jedoch sind nur Asketen und Stifter wahrlich glücklich.

Wer andere durch den Nebel führt, gerät nicht selbst hinein, sondern heraus. Liebe ist die beste Investition. Investieren ist immer gesünder als profitieren. Man kann das eine schlechterdings nicht ohne das andere.

Ein Delta ist Anfang und Ende. Der Fluss diversifiziert sich und mündet in ein höheres Prinzip. Aber die Pflanzen, Tiere und Menschen gewinnen aus diesem Ende den Anfang, die Fruchtbarkeit. Der Buchstabe dafür ist gleichzeit Bild, Anfang und Ende der Bildersprache und Symbolschrift, die Metapher wird zur wirklichkeit, wo vorher das wahre Leben Metapher wurde.