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DISTANZ

Nr. 207

Der Wohlstand gebiert Kinderlosigkeit, Massentierhaltung, Monokulturen und Müll. Die Umwelt verarmt in demselben Grad wie der Mensch aufblüht. Die hohe Lebenserwartung erzeugt Demenz, Hilflosigkeit und Alleinsein. Der Nationalstaat, dem heute doch eine beträchtliche Menge nachtrauert, hatte Grenzen, Mauern und Kriege als Begleiterscheinungen. Aber auch diese neuen Probleme können gelöst werden, wenn man beachtet, dass diese Lösungen wieder problematisch sind. Während man früher auf den Staat hoffte, dessen autoritäres Gehabe bis hin zur Todesstrafe man als Gegenleistung hinzunehmen hatte, bringen  Wohlstand und Demokratie aber auch jenen mündigen Bürger hervor, den die Aufklärung als Voraussetzung des demokratischen Zeitalters erträumte. Merkwürdigerweise hat die Bildung, obwohl sie nebst dem Wohlstand  zwingende Voraussetzung der Demokratie ist, selbst noch nicht ihre neue Dimension erreicht, vielleicht, weil sie zu lange in der falschen Vorstellung der Hierarchie des Wissens, des Staates und damit der Bildungsinstitution gefangen ist. Und im Gefängnis lernt es sich schlecht.

Jegliches hat also nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis. Je radikaler die Lösung eines Problems ist, desto umfassender sind auch die Kollateralschäden oder Nebenwirkungen. Das Individuum, der Mensch, der sich als Einzelwesen sieht und sehen kann, aber auch sehen darf, ist die Entdeckung des achtzehnten Jahrhunderts, aber erst jetzt kann sich der Einzelne, von einigen Grundbedürfnissen abgesehen, auf sich selbst zurückziehen, und also nicht zufällig ist jahrzehntelang von Selbstverwirklichung die Rede gewesen. Der Anspruch der Selbstverwirklichung ist zum Beispiel die individuelle Voraussetzung der sozialen Durchlässigkeit. Die Ideale können sich anders verteilen. Andererseits führt aber die Konzentration auf die Selbstverwirklichung zu einer Isolation, die die Verwirklichung anderer Individuen in unserem Umkreis verhindert, zum Beispiel der Kinder. Der sich selbst verwirklichende Mensch hat vorsichtshalber weniger bis keine Kinder, um gar nicht erst in den Konflikt zwischen den verschiedenen Verwirklichungsmöglichkeiten zu geraten. Am Rande ist zu erwähnen, dass dann oftmals das eine Kind mit Verwirklichungsmöglichkeiten überhäuft wird, die es wieder entindividualisieren, diesmal durch seine Helicoptereltern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, diesmal durch einen Berg von Zuwendung, Supervision und Luxus.

Von Ludwig Feuerbach stammte der Begriff der Entfremdung, bei ihm die Entfremdung des Produzenten von seinem Produkt. Heute entfremdet sich der Mensch von sich selbst, er betrachtet sich im Spiegel seiner medialen Äußerungen. Das Foto von sich selbst, liebevoll selfie genannt, das Foto der Mahlzeit, das Hochzeitsfoto, fast sympathisch die Kinderfotos. Aber die Kinderfotos werden auch am meisten kritisiert, seien sie doch ein Angriff auf die kommende Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Sollte das heutige Kind einst Weltstar sein, dann könnte ihm die Eitelkeit seiner Eltern im Wege stehen. Auf der anderen Seite aber stürzen sich ohnehin mehrere hundert Journalisten auf den Lebenslauf eines Politikers oder Stars, um ihn auf Unwägbarkeiten, Lug und Betrug zu durchsuchen.

Diese Distanz wir auch in den Schulen gelehrt. Die Kinder und Jugendlichen lesen dort nach wie vor große und bedeutende Texte. Dann aber schreiben sie selber keine Erwägungen dazu, sondern folgen einem Regelwerk, das ihnen bestenfalls zeigt, wie man einen vorgefertigten Text aus Bausteinen zusammenbastelt. der Lehrer ist lediglich der Moderator zwischen dem Regelwerk und dem entfremdeten Kind. Das Kind lernt nicht, seine Gedanken aufzuschreiben. Es genügt vielen Lehrern, wenn da steht ‚Der Text hat mich zum Nachdenken angeregt.‘ Jede zeit hat ihre Modeausdrücke und Formeln, um etwas zu sagen oder nicht zu sagen. Barocke Texte scheinen nur aus Textbausteinen zu bestehen, und das neunzehnte Jahrhundert brachte uns nicht nur Grimms Märchen und Grimms Wörter, sondern auch die hyperventilierte Kanzleisprache mit ihrem ‚an sich‘ und ‚im Grunde‘, das sie Hegel entnommen hatte, ihrem ‚beziehungsweise‘, ’sozusagen‘ und ‚und so weiter‘, das sich oft als ‚et cetera‘ bildungssprachlich verkleidet. Das können wir nicht verbieten und auch nicht recht kritisieren, so verbreitet ist es. Aber warum muss in der heutigen Schule gelehrt werden? Die heutige Schule müsste doch durch die vielfältigen Hilfsmittel viel mehr Zeit haben um vielleicht nicht jedem Schüler, aber doch mehr als den Ausnahmen die Entwicklung einer eigenen Sprache zu ermöglichen. Dazu braucht man kein Smartboard, so praktisch das auch ist, sondern Ermutigung und eigene Kompetenz. Letztlich könnte man das Schreiben auch mit Bleistift und Papier erlernen. In jeder ersten Klasse im großen Landkreis Uckermark ist in diesem Jahr ein Flüchtlingskind. Vielleicht bringen sie neue Metaphern ein, die hier am Verdorren sind.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass Politik und Medien sich ebenfalls in Floskeln zurückziehen. Was auch passiert, die Bundeskanzlerin oder der Außenminister ‚zeigte sich betroffen‘. Schon wenn sie betroffen gewesen wären, wäre das wenig genug, weil es eine menschliche Selbstverständlichkeit wäre. Auch der linken Nachbarin sieht man ihre tatsächliche Betroffenheit an, wenn sie vom Tod der  rechten Nachbarin hört. Vielleicht ist die Formulierung erfunden worden, um die normale Empathie, zu der fast jeder Mensch fähig und willens ist, abzuheben und auf das Podest der Abgehobenheit zu stellen. Aber das ist nur eine Erklärung und keine Entschuldigung.

Vielleicht müssen wir auch, angesichts der Dauerpräsenz der Weltereignisse in unserem Hirn, über unsere stete Neigung zum Whataboutism nachdenken, jener schon in der Antike, natürlich unter anderem Namen, kritisierten Haltung, auf jede Schrecklichkeit mit einer anderen Schrecklichkeit zu antworten, um damit abzulenken und unsere Verantwortung zu blocken, falls es eine gibt. Denn auf der anderen Seit kann nicht jeder Mensch, obwohl die Empörer gerne so tun, für alles verantwortlich sein, was auf der Welt passiert. Vielmehr gilt: Würden wir unsere distanzierte Ausdrucksweise aufzugeben vermögen, dann hätten wir mehr Raum und mehr Kraft, die Probleme zu lösen, die uns in unserem unmittelbaren Umkreis reichlich gegeben sind. darüber hinaus können wir wählen gehen, und das ist mehr, als die Menschen in immer noch zu vielen Ländern der Welt können. Niemand ist gehindert, Gutes zu tun, aber jeder greift wie zu einem Rettungsring gern zu distanzierten Textbausteinen der Abwehr und Gleichgültigkeit. Die Kraft, die wir in ein verklausuliertes NEIN investieren, würde oft für ein schönes und optimistisches JA ausreichen.

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DIE HOFFNUNG DER MENSCHHEIT

 

Nr. 206

Je trüber der Blick, desto kaputter ist die Welt. Das kann man zurzeit auch auf der politischen Bühne nicht nur hierzulande, auf der gerade unperfect actors in großen Dramen und noch größeren Mengen agieren, beobachten. Aber auch die europäische Bevölkerung ist von Verlustängsten und Minderwertigkeiten geschüttelt. In Europa wird in diesen Wochen und Monaten so geredet, wie in Pompeji am Vormittag des 24. August 79 hätte geredet werden können oder sogar müssen. Über das Datum wird seither übrigens gestritten, während die einen auf den absolut glaubwürdigen Beobachter Plinius den Jüngeren schwören, gehen die anderen von Essenresten und anderen Indizien aus. Was man auch beobachtet: es ist falsch.

Es gibt immer Zeichen des Untergangs. Auf einem Schiff ist es das ringsumher befindliche Wasser, das deutliche Züge des Untergangs zeigt. Alle Schiffe, die untergegangen sind, taten dies im Wasser. In einer Gesellschaft ist es der Mangel an Gleichgewicht. Obwohl die europäischen, nordamerikanischen und ostasiatischen Gesellschaften in den letzten zweihundert Jahren immer stabiler wurden, gab es immer wieder ein Aufflackern des ursprünglichen oder des endzeitlichen Chaos auf der einen Seite, auf der anderen aber die unerschütterliche Angst davor. Das Chaos selbst dagegen ist nur aushaltbar, indem man es konsequent leugnet. Die Menschen in Pompeji, auf der Titanic, der Gustloff und auf der Rampe in Auschwitz waren felsenfest davon überzeugt, dass sie nicht untergehen können. Dass aber selbst das Wunder ein Klischee sein kann, beschreibt der Roman Hiob von Joseph Roth, der sein großes Talent an den Teufel verkauft hat.

Das Glauben der Menschen – und das ist etwas anderes als der Glaube der Menschheit – befindet sich seit jeher in einem riesigen Dilemma: Gehen sie vom Untergang aus, so tritt dieser nicht ein,  leben sie in beschwingter Sicherheit, so leben sie nicht mehr lange. Aber dieses Dilemma ist gleichzeitig ein Trugschluss, denn das Leben richtet sich nicht nach dem Glauben der Menschen. Je mehr Wissenschaft es gibt, desto größer ist auch der Wissenschaftsglaube, den man genauso gut Wissenschaftsaberglaube nennen könnte. Je mehr Wissen es gibt, desto mehr Glauben gibt es und muss es auch geben. Es gibt überhaupt die Inflation von fast allem. Nur das Wunder ragt weiter einsam in die Welt und in unser Leben hinein. Leider wird es manchmal – und das hat sich überhaupt nicht geändert – gar nicht und nach wie vor nicht gesehen. Auf einer Wiese zum Beispiel gibt es das Wunder der Harmonie und der komplementären, ästhetischen Abhängigkeit, wie sie niemand besser als Darwin beschrieben hat, und wer an einen anthropomorphen Gott glaubt, der jede einzelne Ameise kontrolliert, der kann hier die Perfektion der Schöpfung anbeten. Inflation dagegen entsteht, wenn eine Tierart, zum Beispiel der Mensch mit einem Pestizid, speziell Herbizid, in diese Harmonie eingreift. Nach dem Einsatz eines Herbizids kommen die Pionierpflanzen als erste und zunächst einzige in Massen: Brennnessel, Distel, Klettenlabkraut. Das Ergebnis ist  DER STUMME FRÜHLING, in meinem Meyers Konversationslexikon von 1907 stünde jetzt: siehe dort.

Wenn man also auf eine mit Brennnesseln überfüllte Fläche gerät, dann ist nicht nur die göttliche Harmonie gestört, sondern auch unser Blick getrübt, der Fokus richtet sich auf die Bekämpfung der Brennnesseln, beim Klettenlabkraut muss man sich sogar zuerst einen Weg bahnen.

Und so – denke ich – haben wir uns auch den Blick für die  Lösung unserer Probleme dadurch verstellt, dass wir durch Problemlösungen neue Probleme zu den alten gefügt haben. Schon vor vierhundert Jahren hat Shakespeare darüber gespottet: The time is out of joint, o cursed spite that ever I was born to set it right. Natürlich ist niemand berufen, die angeblichen Krankheiten der Zeit – schon allein daran kann man die Satire erkennen – zu heilen. Wer immer das behauptet, hat die billigste Larve auf, als ein unperfect actor on the stage, und trotzdem wird die billigste Versprechung inflationär immer wieder geglaubt.

Die Lösung aller unserer Probleme liegt nicht im Rückwärtsgrübeln und Aberglauben an Wunderheiler, sondern in den nächsten Generationen. Wir Europäer haben den Glauben an unsere Kinder so nachhaltig aufgegeben, dass wir immer weniger Kinder haben. Begegnet uns ein fröhliches und neugieriges Kind, so erschrecken wir und es fallen uns tausend Probleme ein, die dieses Kind haben oder verursachen könnte. Unsere Kinder werden mit Ritalin und künstlich erzeugtem Schulstress für die Erwachsenenwelt kompatibel gemacht. Eine Gesellschaft, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung fröhliche Kinder sind, können wir uns schon lange nicht mehr vorstellen. Falsche Fröhlichkeit lassen wir uns in unseren Lieblingsspielzeugen, den Massenmedien, von sexistischen und immer wieder und nur die Politiker beschimpfenden Kabarettisten vortäuschen. Niemand scheint bemerken zu wollen, dass diese Kabarettisten und Bücherschreiber eben damit sehr viel Geld verdienen und Teil des Systems sind, das sie zu bekämpfen vorgeben. Millionenauflagen kann man haben, wenn man behauptet, dass die Gier der Kapitalisten an allem schuld sei. Gestern noch waren die Juden an allem schuld, morgen werden es die Flüchtlinge sein. Die Kartoffelkäfer aus Amerika und die Amerikaner, das Geld, die Schulden, die Zinsen, die Chinesen als gelbe Gefahr, die Achtundsechziger, die Polen, die uns alles wegkauften, die Muslime im allgemeinen und die Burkträgerinnen im besonderen, alle waren schon schuld an unserem Unglück. Aber wo ist unser Unglück?

Man sieht schon die Gegenargumente – aber sind es wirklich Argumente? – wie Maden aus verdorbenem Weißkohl krabbeln: Naivität, Romantik, Sonntagsreden, Unrealismus, Versöhnlertum, Synkretismus, Nestbeschmutzer und seit neuestem Gutmenschen.  Aber selbst wenn aus ihnen Fliegen werden – ihr wisst: musca domestica, unser treuer, unverzichtbarer Ekel -, so können sie doch nicht die Schönheit des unverdorbenen Weißkohls, der harmonischen Wiese und des fröhlichen und neugierigen Kinderlachens stören. Das Unglück der Welt gibt es tatsächlich, aber immer wieder lachen Kinder und freuen sich selbst da, wo die Erwachsenen Schimpf und Schande anhäufen.

Wir haben es nur vergessen. Die Kinder sind keine Last, sondern die Hoffnung der Welt. Und: ‚Es sind ja noch itzo ganze Völker, bey welchen die Schönheit so gar kein Vorzug ist, weil alles schön ist.‘ [Johann Joachim Winckelmann]

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FREIHEIT UND ORDNUNG II

 

Nr. 205

[Man verliert eine Heimat nach der anderen. JOSEPH ROTH]

Früher war alles gut. Früher war alles sicher. Selbst die Menschen, die im bitteren Winter 1945 bei minus 20 Grad über die Kurische Nehrung vor den Russen, die sie als Monster und Schicksal angesehen haben, geflohen sind, empfinden ihre davor liegende Kindheit als Idylle. Schuld ist als Projektion immer fern und stark, Idylle dagegen nah und schwach. Die Menschen, die heute auf Nussschalen über das Mittelmeer kommen, werden trotz ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit als Bedrohung gesehen. Beide Gruppen wurden und werden als Fremde beschimpft und gedemütigt. Tatsächlich ist jemand, der unter widrigen Umständen vor Gefahr und Chaos flieht, stark und ein anderer, der sich hinter Staat und Tradition verbirgt, schwach.

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Die Menschen im Nordosten wählten aber nicht eine autoritätsaffine Partei, weil sie besonders viel Angst vor den wenigen Fremden in ihrem bevölkerungsarmen Land haben. Vielmehr wirkt in ihnen besonders der sechsmalige Wechsel eines Staatssystems als Verlust des Staates. Das gleiche Gefühl gibt es aber auch in Norwegen, wo seit 100 Jahren der gleiche Staat und die gleiche Familie (sogar die Familie wie in Dänemark) herrscht. Im Bewusstsein derjenigen Menschen, die der Demokratie misstrauen, herrscht der Staat eben nicht mehr. Je mehr Demokratie es in einer Gesellschaft gibt, desto weniger Staat muss es geben. Da aber der Staat große Teile der einst rein religiösen Barmherzigkeit als Sozialstaat adaptiert hat, wirkt er gerade in jenen Bevölkerungsteilen noch omnipotent, die sowohl wirtschaftlich abhängig als auch bildungsfern sind. Es besteht sogar ein Kausalzusammenhang zwischen der Abhängigkeit und der Weigerung zu lernen. Die Gegenleistung für soziale Absicherung oder Barmherzigkeit war in autoritären Systemen die Akzeptanz der Strafe. In der Demokratie und im Sozialstaat ist diese Gegenleistung die zunehmende Selbstständigkeit. Dieses Verhältnis wird als asymmetrisch empfunden.  Dasselbe Fünftel, das die autoritätsaffine Partei gewählt hat, ist im  Rentenalter und hat früher in der Landwirtschaft gearbeitet. Der Grund für die relativ günstige Altersstruktur im Jahre 1990 war nicht die hohe Geburtenquote, sondern die niedrige Lebenserwartung durch die härteren Arbeitsbedingungen, den hohen Alkoholkonsum und die schlechte medizinische Versorgung. Als Erinnerung bleibt aber: die Zeit vor 1990 war glücklich, denn es gab Kinder, Kinderkrippen, Schulen und einen funktionierenden Staat, der ordentlich bestrafte, was zu bestrafen war. 1945, als Mecklenburg mit Flüchtlingen überfüllt war, gab es eine ähnliche Staatsnostalgie gegenüber dem nationalsozialistischen Wahn. Man verliert eine Heimat nach der anderen, schrieb der große Erzähler Joseph Roth.

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Das Gefühl belogen worden zu sein, ist aus den Untergängen beider Diktaturen überliefert. Soeben ist der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger gestorben. Er hatte unter anderem herausgefunden, dass wir Menschen nicht rational kaufen und verkaufen, dass wir kein homo oeconomicus sind. Und obwohl das eine triviale Erkenntnis ist, gehen die meisten nach wie vor davon aus, dass sie besonders clever einkaufen, wählen und verreisen, dass wir belogen und betrogen werden, dass der Bäcker um die Ecke einen Versorgungsauftrag hat, dass die Preise ständig steigen und die Löhne kräftig sinken. Die letzten Politiknobelpreisträger Deutschlands waren Brandt und Rathenau, sie gingen nicht vom rationalen mündigen Bürger, sondern davon aus, was letztendlich für Europa gut sein wird. Das war in beiden Fällen der politische und wirtschaftliche Ausgleich mit jenen Ländern, die Deutschland im jeweiligen Krieg überfallen und ausgeplündert hatte. Der Wähler lebt vom Erfahrungsschatz seines Großvaters und von der Menschenkenntnis seiner Großmutter. Das Spannungsfeld zwischen Erlebtem und Erzähltem wird in unserem eigenen Leben nicht als Lüge erlebt, aber erst im Nekrolog logisch. Bei jedem anderen unterstellen wir aber Unwahrhaftigkeit. Dass Wahrheit nicht erreichbar ist, mag den meisten von uns dämmern, also verlangen wir Wahrhaftigkeit, die wir selbst nicht zu geben bereit sind. Mit der quantitativen und qualitativen Zunahme der Medien nehmen auch der Focus auf bestimmte Ereignisse und die Unschärfe zu. Denken wir uns kurz zurück in die Zeit, als wir HEUTE, AKTUELLE KAMERA und TAGESSCHAU nacheinander sahen. Wo war da die Lügenpresse? Was wir sehen, ist immer der statistische Schnitt aus Evidenz und Abbild gekoppelt mit der von uns projizierten Wahrhaftigkeit. Die Medien haben nicht nur aus technischen Gründen zugenommen, sondern auch, weil wir alle wesentlich mehr Freizeit haben als unsere Voreltern. Diese freie Zeit wird nun mit genau dem gefüllt, was mit ihr entstanden ist: der medialen Aufbereitung sowohl der Welt als auch unserer Unterhaltungssucht.

 

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Letztendlich ist die Wahl der falschen Partei durch zwanzig Prozent der Bevölkerung sogar ein Sieg der Demokratie. Diese Menschen haben vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben bemerkt, dass ihre Stimme gefragt ist und Wert hat, nicht nur in dem Sinne, dass sie einer Partei ins Parlament geholfen haben, sondern auch dass sie durch die eigentlich verachteten Medien wahrgenommen werden. Das ganze Land spricht von ihnen, den Rentnern aus Vorpommern, die stumpfsinnige und schwere Arbeit in der Landwirtschaft verrichten mussten, die dafür – so glauben sie – viel zu wenig Rente bekommen, die eine geringere Lebenserwartung als alle anderen in der Republik haben und deren Enkel in Bayern und Holstein, in Westfalen und Württemberg arbeiten. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben haben sie etwas entschieden, nicht ganz freiwillig, denn die Partei, die sie gewählt haben, hat genau das gefordert, was sie fühlen. Und was sie fühlen ist eine Ablehnung der Gegenwart, ein kollektiver Widerspruch gegen alles, was vom Westen her kommt, was ihre Vergangenheit in Frage stellt, was sie nicht verstehen, weil es für sie nicht evident ist. Demokratie herrscht nicht, schrieb einst Erich Fried, und genau dieses Nichtherrschen wird hier als Mangel empfunden und soll nun, wenn schon nicht von Udo Pastörs, so doch von Gauland und Petry beendet werden. Die Flüchtlinge der Kanzlerin, die auf den Hauptstraßen der kleinen gottverlassenen Städte zu dritt auf einem Fahrrad  zu sehen sind, sind dabei nur das Vehikel des Volkszorns. Man kann hier beinahe nicht anders als dieses populistische Wort von Goebbels zitieren. Denn einen Volkszorn kann es nicht geben, weil es kein Volk gibt. Wir reden hier von den Rentnern in Mecklenburg-Vorpommern, die AfD gewählt haben, das sind 20 Prozent von etwas mehr als einer Million Wahlberechtigten. Weil es das Volk nicht gibt, ist Demokratie eine so wichtige Errungenschaft. Schon zwei Menschen denken nicht mit einer Stimme, wenn sie sich auch manchmal einstimmig fühlen. Auch früher war vieles unsicher, vor allem das Leben selbst. Früher war alles schlechter.

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Krähe

Fotos:

Das Gefängnis zu Prenzlau

Krähenkolonie im Stadtpark Prenzlau

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FREIHEIT UND ORDNUNG

 

Nr. 204

Freiheit ist wie ein Vakuum und so gesehen wenig wünschenswert. Ordnung dagegen ist wie eine heillos mit Regeln überfüllte Rumpelkammer. Trotzdem gibt es nur zwei Lebensalter, in denen wir Freiheit der Ordnung vorziehen: die Pubertät und das Greisenalter. Im Greisenalter müssen wir keine Rücksichten mehr nehmen, aber es entsteht der gleiche Widerspruch wie in der Pubertät: wir wollen unabhängig sein und sind noch oder schon wieder abhängiger als dem freiheitssüchtigen Menschen recht sein kann. Die durch Ordnung gebändigte Abhängigkeit wird am deutlichsten in der abhängigen Erwerbsarbeit. Sie zeigt auch das Dilemma, in dem wir stecken, dass die Vorbedingung identisch mit dem Endergebnis ist. Es ist schwer, aus diesem Zirkel wenigstens soweit herauszukommen, dass mehr als ein Grabstein von uns bleibt. Das Leben darf nicht die Reise sein, die man nur macht, um von ihr erzählen zu können. Denn wir wissen alle, auch wenn wir es lange verdrängen, die Reise endet genauso wie die Erzählung.

Die Kritik an der Freiheit meint also eher die Kritik an dem weltfremden Wunsch nach dem Vakuum der absoluten Unabhängigkeit. Denn sobald ich mich auf einen anderen Menschen zubewege, und sei es, um ihm zu helfen, begünstige ich eine doppelbindige Abhängigkeit, die des Schutzsuchenden an mich und meine an die Hilfsbedürftigkeit. Ein beliebter Vorwurf der Ignoranten ist also das Helfersyndrom. Man könnte statt dessen sagen, hätten alle Menschen das Helfersyndrom, wäre die Welt zwar nicht problemlos, aber wenigstens ohne Not. Etwas nicht zu tun aus Angst, dass das Ergebnis nicht das gewünschte sein könnte, ist absolut unsinnig. Das Ergebnis ist so wenig das gewünschte, wie es überhaupt Dinge mit nur einer Ursache gibt. Es gibt keine. Am leichtesten kann man sich Multikausalität vorstellen, wenn man ein weißes Blatt Papier vor sich auf den Tisch legt und versucht, einen Gedanken, den man gerade hatte, darauf schriftlich auszuführen. Man schreibt immer etwas anderes,  als man denkt. Und man denkt immer etwas anderes, als man gerade schreibt. Da helfen, glauben die Ignoranten, nur Regeln. Ja, sagen die Neinsager, da helfen Regeln nur insoweit, wie sie zeitweilig und provisorisch gemeint sind, weil Regeln, Gesetze, Ordnungen und selbst Traditionen immer nur zeitweilig und provisorisch sein können. Wenn wir uns ein Kind vorstellen, das laufen lernt, so ist es auf unsere Hilfe angewiesen, es schwankt von Elter zu Elter, deren Plural ihm zum ersten Mal bewusst wird, ist an das Gefühl gebunden, welches ihm fragile, manchmal durch Jähzorn oder Unfähigkeit gebremste Sicherheit gibt, aber es ignoriert seinerseits die Regeln der Ignoranten. Unter Ignoranten wollen wir in diesem Text Menschen verstehen, die tatsächlich glauben, dass ein Leben nur die eine Dimension der Ordnung hätte, sie glauben es sogar zu wissen. Allerdings wird der Spielball der Fakten immer schneller. Die Notwendigkeit eines Regelwerks wird durch seine Umstürzbarkeit aufgehoben und neu bestätigt. Das Leben hat keine Leitplanken, und sie sind für Motorradfahrer wenig hilfreich. Das Leben ist überhaupt, und wem sage ich das, keine Spazierfahrt in einer selbstbeweglichen und selbstnavigierenden Kutsche, sondern eher die unsichere Fahrt mit einem Mountainbike, das Kraft und Navigation und Geschicklichkeit, Erfahrung und Innovation von uns verlangt.

Auch wenn man das schon tausende Lebensalter währende Dilemma von Freiheit und Ordnung betrachtet. kommt man auf nur eine mögliche, aber selbst wieder dilemmatische Lösung, die so fragil ist, wie der Mensch oder Gott selbst: die Liebe. Sie bindet uns nicht nur an einen Menschen und die Menschheit, sondern auch an uns selbst.

Alle Energie wird Bindung und alle Bindung wird Energie, wenn sie nicht durch zu viel Ordnung und Tradition unnötig gebunden sind. Und Energie ist die Vorbedingung und das Ergebnis der Freiheit.  Freiheit ist, hinter den verworfenen Regeln den übergreifenden Sinn zu ahnen. Wenn die Vorbedingungen der Freiheit Bildung und Bindung sind, dann ist ihr Ergebnis Liebe.

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Fotos:

1 Grabstein neben der zur Konzerthalle umgebauten Marienkirche in Neubrandenburg

2 Fenster des ehemaligen Zucht- und Korrektionshauses Luckau

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ROTHSCHILD UND FEUERBACH

 

Nr. 203

für Anselm

Seit fast genau zweihundert Jahren glauben Menschen daran, dass die Familie Rothschild die Welt beherrscht.

Vor fast genau zweihundert Jahren reformierte und verwissenschaftlichte Feuerbach das Strafrecht. Erstmalig wurde die Folter abgeschafft, es durften nur noch Strafen verhängt werden für Delikte, die auch tatsächlich und vor der Tat strafbewehrt waren. Er ist damit sowohl der Begründer des positiven Rechts als auch des Rechtsstaats. Bis heute wird die von ihm eingeführte Würdigung des Täters kritisiert. So viele Menschen bemerken nicht, dass in den letzten zweihundert Jahren, besonders aber in den letzten siebzig Jahren die Gewaltkriminalität abgenommen hat, besonders bei den Kapitalverbrechen. Das hängt natürlich nicht nur von der Reform des Strafrechts, sondern auch vom gewachsenen Wohlstand ab. Alle Weltverbesserung war wahrscheinlich in den Wind geredet, solange es Hunger, Pest und Krieg gab. Schweden ist das Land ohne Zäune, und der Ausdruck ‚hinter schwedischen Gardinen‘ hängt gerade mit der Zunahme des Wohlstands durch Eisen- und Stahlexport zusammen. Deutschland ist das Land ohne Mord. Scheinbar hängen wir Menschen, wenn wir am Alten hängen, nicht nur am guten Alten, sondern auch am  bösen. Ständig gibt es die Forderung nach mehr Polizei, höheren Strafen und sogar hin und wieder die Sehnsucht nach der Todesstrafe. Obwohl Erdoğan weiß, dass mit der Wiedereinführung der Todesstrafe weder der nächste Militärputsch oder Kurdenaufstand verhindert werden kann, dass das Tor zur Europäischen Union auf lange Zeit geschlossen bliebe, ist er ganz sicher, dass er damit an Urinstinkte anknüpfen und seine Zustimmungsrate erhöhen kann. Aber auch bei uns gibt es immer wieder diese Rache- und Talionsgelüste, obwohl die Probleme abnehmen.

Der alte Feuerbach hatte früh zweimal promoviert und habilitiert, war mit sechsundzwanzig Jahren schon Professor, wenig später Gerichtspräsident. In ganz Europa wurde er mit seiner Untersuchung des Falles Kaspar Hauser berühmt. Weniger ging es hier um dynastische Spekulationen, die sich allerdings wirklich bestätigten, sondern um das Menschenrecht, das jedem menschlichen Wesen – und sei es noch so sprachlos – eine Würdigung seiner Umstände zubilligt. Er ist der einer der ersten wissenschaftlich beschriebenen Fälle, der zeigt, dass es sich lohnt, die Persönlichkeit mit ihrem angeborenen Recht und ihrer garantierten Würde gegen die bloße Phänomenologie zu stellen. Ein Fakt ist eben nicht der erste Anschein, sondern das wissenschaftlich unterfütterte Bild, mehr Theorie als Begriff. So frühvollendet der alte Feuerbach auch war, so früh starb er am Schlaganfall. Aber er hinterließ eine ebenso bewundernswerte Familie wie er selber war. Der Mathematiker Karl Wilhelm Feuerbach, sein zweiter Sohn, nimmt in einem Punkt seines Lebens das Schicksal Alan Turings vorweg: statt seine mathematische Hochbegabung zu schätzen, wurden ihm zeitgeistgemäße und haltlose juristische Vorwürfe gemacht, die zu seinem Tode führten. Am bedeutendsten war aber sein Sohn Ludwig, der Philosoph, der als Begründer des Atheismus galt und deshalb Lehrverbot an deutschen Universitäten erhielt, was seinen Einfluss noch verstärkte. Spätere Theoretiker haben ihn als den frommen Atheisten bezeichnet, weil seine Lehre vom guten und göttlichen Wesen des Menschen handelt. Es ging ihm nicht um die Ablösung Gottes, sondern um die Ablösung schädlicher Institutionen und des Glaubens an Strukturen statt an Menschen. Seine Lehre, dass Gott das menschliche Wesen, das Gute und Abstrakte im Menschen sei, geht über Hegel hinaus, dessen Weltgeist schon vom Namen her immer noch anthropomorph ist. Die Kritik am Christentum als Institution teilt er mit seinem Zeitgenossen Nietzsche, aber er geht weit darüber hinaus, indem er die Religion als etwas dem Menschen Innewohnendes erkennt.  Der Ruhm der Familie Feuerbach erreichte einen letzten Höhepunkt mit dem Maler Anselm Feuerbach, der ein Sohn des Archäologen war. Seine Bilder sind ein bedeutendes Narrativ am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sie sind ein Abschied von der alten Welt.  Mit ihm endet auch das Jahrhundert der Feuerbachfamilie.

Statt nun aber die Familie Feuerbach zu verehren, wird die andere deutsche Familie mit fünf Söhnen geschmäht. Obwohl ihre große Bedeutung und ihr überdimensionaler Ruhm im neunzehnten Jahrhundert lag, genau von 1815 bis 1914, wird ihr Nimbus hundert weitere Jahre überdauern. Selbst Heinrich Heine, nicht nur Romantiker, sondern auch von allerschärfstem Verstand, welcher nur durch seine Freundschaft mit Karl Marx getrübt wurde, glaubte, dass das Geld der neue Gott und Rothschild sein Prophet sei. Der dritte geldgeile Großgeist, der zum falschen Zeugnis über den Rothschildclan beitrug, war Balzac. Er kolportierte die Legende, dass Nathan Rothschild den Sieg über Napoleon bei Waterloo erkauft hätte. Wer Waterloo und Wavre kennt, weiß dass es anders war. Neben Wellington, ‚ich wünschte es wäre Nacht und die Preußen kämen‘, war es Blücher,  dem die Menschheit diesen Sieg dankt, und Blücher war in dem kleinen mecklenburgischen Dörfchen Galenbeck vom Schweden zum Preußen geworden.

Der alte Rothschild stammte aus dem Frankfurter Ghetto, seine Eltern starben früh und so ist er ein frühes Beispiel eines selfmademan, wozu man neben Geist auch Durchsetzungsvermögen benötigt. Reiche Menschen hat es schon vor den Rothschilds gegeben, aber soviel Kapital konnte erst im Kapitalismus entstehen. Das neunzehnte Jahrhundert ist nicht nur eine Geschichte der Romantik, der Traum vom allumfassenden Narrativ, sondern auch der fast grenzenlosen Wertschöpfung, die in ihrer Fortsetzung durch Ford und Rathenau angesichts des wachsenden Wohlstands aus der Betrachtung fiel, aus der Betrachtung, nicht aus der Wirklichkeit. Der Reichtum Deutschlands beispielsweise beruht immer noch auf Wertschöpfung, denn der Export ist nur das Ergebnis dessen, dass wir mehr produzieren – und also mehr Wert schöpfen – als wir selbst verbrauchen können. Das hat übrigens Rathenau als einer der ersten erkannt. Keinesfalls sind wir reich, weil andere arm sind, wohl aber haben wir die Verpflichtung zu teilen.

Auf der einen Seite sollten wir darüber nachdenken, was es bedeutet, Menschen zu ghettoisieren, was sozusagen der banlieue-Fehler der postmodernen Gesellschaften ist, andererseits muss uns klar sein, welche übermenschlichen Anstrengungen unternommen werden müssen, um aus dieser Bannmeile herauszukommen. Das wichtigste Ergebnis von Bildung muss die soziale Durchlässigkeit sein. Niemand darf im Gefängnis seiner Herkunft schmachten oder geschmäht werden!

Nachdem er durch Münzverkäufe reich geworden war, war es das höchste Ziel des alten Rothschild, Hoffaktor, also privilegierter Händler eines Fürsten zu werden, er träumte nicht von Geld- und Weltherrschaft. Aber er hatte eine wunderbare und hochintelligente Frau und zusammen hatten sie, wie es damals bei arm und reich üblich war, viele Kindern, darunter fünf Söhne. Diese wurden Gründer und Filialleiter der Bankhäuser in Wien, London, Neapel und Paris. Der älteste, mit seinem Vater gleichnamige Sohn blieb in Frankfurt und übernahm das Stammhaus, während der dritte Sohn, Nathan, in London der erfolgreichste und reichste war. Zwei anekdotische Faktoren mögen zu dem Irrglauben über die Weltherrschaft beigetragen haben. Erstens haben die Rothschilds Europa mit einem privaten und kryptischen Kommunikationssystem überzogen, ein Netz von Boten mit einer Geheimsprache, das überflüssig wurde, nachdem die Erfindung des Historienmalers Samuel Morse wirksam war und jedermann immer schneller kommunizieren konnte. Die Familie Rothschild ist also höchstens ein Beweis dafür, dass solche Kommunikation tatsächlich gebraucht wurde, was ihr Erfinder nicht annahm. Und zweitens ist die immer größer werdende Familie bald zu Parallel- und Kreuzcousinenheiraten übergegangen. Im Familienzusammenhalt sah man den Garanten für wachsenden Reichtum. Den Gipfel dieser ethisch wahren, genetisch aber verheerenden Ansicht hat Nicolas Berggruen, mit den Rothschilds nicht verwandt, erreicht, indem er sich zwei von ihm geclonte Kinder machen ließ. Jeder Gedanke ist gut, aber jeder zum Prinzip erhobene Gedanke wird falsch und immer falscher. Die Vernunft ist unendlich und universell, nicht der Unverstand.

rothschild und feuerbach

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39387 ANDERSLEBEN

 

Nr. 202

Vielleicht sind die Menschen, darunter die Politiker und Polizisten und Richter in Sachsen nicht rechter als anderswo, aber staatstreuer. Vielleicht wird, genauso wie in der DDR, nichts rechts oder links oder gut oder schlecht oder nützlich oder unnütz belohnt oder bestraft, sondern treu oder nicht treu. Und wie sich der Staat als Staat treu bleiben soll oder treu bleiben will, so wollen sich auch seine Zweifler und Gegner treu bleiben. Sie wollen Zeichen setzen, weil sie glauben Zeichen setzen zu sollen.

Vielleicht teilt sich überhaupt die Menschheit mehr in Bewahrende und Aufbrechende. Die Aufbrechenden müssen sich als Verächter des Alten beschimpfen lassen. Den Bewahrenden dagegen wird vorgeworfen, dass sie das Neue, den Fortschritt behindern. Den Fortschreitenden wird hinterhergerufen, dass es schändlich ist, den Raum der eigenen Geschichte zu verlassen. Wer aber das Elternhaus als Gefängnis erlebt, der freut sich über die Befreiung von außen. Bringt nur eine agrikulturelle Maschine Nutzen oder auch das Hünengrab auf dem Hügel? Ist ‚Nutzen‘ überhaupt die geeignete Kategorie, um unser Leben zu beschreiben? Ist vielleicht alles ewiger Generationskonflikt?

Der größte Irrtum ist, dass es eine wenn auch noch so kleine Wahrheit gibt. Niemand hat einfache Antworten auf die immer komplexer werdenden Fragen. Denn Globalisierung heißt nicht nur, dass mein Frühstück aus Argentinien und mein Koch aus Pakistan stammt, sondern auch, dass der Schaden, den ich anrichte, irgendwann im Süden Afrikas ankommt. Die alten Witzworte, dass uns etwas interessiert ‚wie die Wasserstandsmeldung‘ oder nahegeht ‚wie der in China umkippende Sack Reis‘ werden uns noch im Halse steckenbleiben. Wer also Alternativen sucht, sollte an Tätigkeiten denken, nicht an Thesen. Um zu verdeutlichen, dass sich Philosophie und Technik perspektivisch nicht so sehr unterscheiden, wie man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen könnte, begeben wir uns in ein Gedankenexperiment: Man kann die scheinbar unendliche und grenzenlose Technikentwicklung auf zwei Grundprinzipien reduzieren, nämlich Mobilität der Körper und Mobilität der Gedanken. Dann wäre das Smartphone eine Variante des Marathonläufers und des Rauchzeichens und der Stau auf der A9 eine Permutation des Mongolensturms. Die heutige technische Entwicklung wäre nichts anderes als die ständige Verkleinerung der Dinge bei gleichzeitiger Erhöhung ihrer Nutzgeschwindigkeiten. Dann erscheinen die zeitgenössische Einfallslosigkeit der Philosophie des letzten Jahrhunderts oder das Fehlen wirklicher Geistesriesen nicht mehr als Mangel. Genau wie in der Technik würden dann die einmal und für immer erkannten Grundprinzipien in tausend Variationen fortgeschrieben, was auch Arbeit ist. Das Warten auf Lösungen in einer gelösten Welt erschiene dann als sinnlos, nicht das vermeintliche geistige Vakuum der Philosophie.

Es gibt vielleicht zwanzig Zinstheorien. Es gibt überall auf der Welt wachsenden Reichtum und wachsende Möglichkeiten des Ausgleichs von Armut und Reichtum, wie zum Beispiel Handel, Entwicklungshilfe und Flucht. Trotzdem gibt es immer wieder Gruppen oder einzelne Menschen, die glauben, dass das Elend oder das Wohl der Welt im Zins läge. Wer über den Zins klagt, liebt das Haus nicht, in dem er lebt. Von dem Brot, das wir essen, lebt auch der Bäcker. Man hat nicht zu wenig Geld, sondern zu viele Wünsche. Aber statt dankbar zu sein, dass wir nicht mehr hungern wie unsere Vorfahren, dass wir nicht mehr an der Pest sterben, dass es keinen Krieg gibt, statt dankbar dafür zu sein und die aufzunehmen, bei denen Krieg ist, popeln wir lieber solange in der Geschichte herum, bis wir einen Schuldigen an einem Krieg gefunden haben, den wir beschimpfen und bekämpfen können. Am Bürgerkrieg in Syrien können die Amerikaner schuld sein oder die Russen, der syrische Diktator oder der Kolonialismus, der Waffenhandel oder der Ölpreis, der Kampf zwischen den Schiiten und den Sunniten oder die Kreuzzüge, der zweite Weltkrieg oder der erste, der Kommunismus oder der Kapitalismus. Wem hilft es, wenn wir einen oder zwei oder alle immer wieder benennen? Wem hilft es, wenn wir einem Flüchtling oder einem Obdachlosen helfen? Den Waffenhandel beenden Wahlen und nicht Beschimpfungen. Bildung bringt mehr Freiheit, und die Erkenntnis, dass es keine absolute Freiheit gibt, bringt nichts.

In einem Laden in einem sächsischen Städtchen kann man die Treue zum permanenten Protest sehen, wie aber auch die Lösung der menschlichen Probleme in der Tätigkeit. Kunst ist die Alternative für denjenigen, dem sein Leben zu eng erscheint. Denn Politik ist immer mehr Verwaltung und Veraltung als Innovation oder gar Revolution. Immanuel Kant bewunderte jenen Herrn in Potsdam, der mehr Herrentum abgeschafft hat als die köpferollenden Revolutionäre in Paris und Petersburg. Aber auch das Preußentum ist pervertiert, und der letzte deutsche Kaiser ist eher der Vorläufer vom totalen Krieg als der Nachfahre jenes weisen Preußenkönigs gewesen.

In diesem Laden werden Blätter verteilt, die Lösung für Probleme versprechen, die keine sind, die Politik als etwas kritisiert, was sie nicht ist und meistens auch gar nicht sein kann. Dass Politik visionär gigantische Menschheitsprobleme löst, kommt ganz selten vor, und es ist geradezu lächerlich, einen gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten als  Schattenwirtschaftsexperten anzusehen. Da wird links schneller zu rechts als man den Kopf wenden kann.

Die Welt wird besser, wenn wir alle etwas tun, denn ob es tatsächlich für die Verbesserung ist oder dagegen, können wir meistens nicht erkennen. Noch stehen in unserm Land tausende Denkmale herum, die unterstellen, dass Menschen mit Krieg Opfer für ihr Land, das sie verkleinerten, für uns, die sie nicht kannten, für ihre Kinder, denen sie den Vater raubten, gebracht hätten. Noch nicht einmal die simple Erkenntnis, dass Frieden immer ist und Krieg nur ganz selten, hat bisher ein Denkmal erhalten.

Ob man also in einem alten Laden alte Bücher, zum Beispiel von Kant, verkauft, oder ob man in einem Blog alte Gedanken wägt, das bleibt sich gleich, wichtig ist nur, dass man etwas tut. Man hört schon wieder die Rufe der Empörer: Beliebigkeit, wo bleibt die Wahrheit, wo bleibt die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bleibt immer in der Asymptote des Tuns.

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MENSCHENMÄKELEI

 

Nr. 201

Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen, lässt Lessing seinen Nathan aus dem Berliner Nikolaiviertel sagen, und setzt damit die erste Antirassismusformel. Die zweite stammt von einem Mathematiker, Cavallo-Sforza, und sie besagt, dass die Unterschiede zwischen zwei Gruppen immer kleiner sind als die innerhalb einer Gruppe.

Aber Menschenmäkelei gibt es nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen den Geschlechtern, den Alters- und sozialen Gruppen. Rassen- oder Klassenhass sind also nur bestimmte historische Erscheinungsformen oder auch nur Namen der einen und selben, oft auch organisierten Menschenmäkelei.

Übrigens lässt Lessing im in seinem Nathan nicht nur gewöhnliche Vertreter ihrer Völker oder Religionen aufeinandertreffen: Nathan haben die Christen die Frau und sieben Söhne verbrannt, ein Schicksal von Hiobsausmaßen, wie es erst in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘ wieder erscheint, der Tempelherr kommt mit einem Kreuzfahrerheer, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen und ist der Neffe des muslimischen Sultans, der Kurde und nicht Araber ist, was auch heute noch zu mancher Mäkelei und manchem Mord Anlass gibt, der das Christenheer (’so widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht‘) zwar auch militärisch schlägt,. seinen größten Sieg aber mit Geld erringt, das ihm im Drama Nathan besorgt, in der Wirklichkeit wohl aber vorhanden war. Auch die Nebenfiguren sind voller wunderbarer Widersprüche: der Patriarch ist ein Fundamentalist, der keine Einwände gelten lässt: ‚tut nichts, der Jude wird verbrannt‘, Daja, die einfältige Christin dient dem reichen Juden, des Klosterbruders einfacher Glaube wird schamlos missbraucht, und der Finanzminister des Sultans spielt lieber Schach.

Aber wenn wir uns einfach umsehen, dann finden wir alle diese widersprüchlichen Menschen innerhalb unseres Horizonts. Die Globalisierung trägt aber nicht nur zu Verschärfung der Ansichten bei, sondern schärft auch unsern Nathanblick. Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir alle annehmen. Die Biologen sprechen schon lange von, ich glaube, 99,98% Übereinstimmung. Und je mehr man Menschen aus der ganzen Welt beobachten kann, sei es durch Reisen, Flucht oder Fernsehen, desto mehr wird man auch deren Übereinstimmung sehen und desto stärker wir diese Übereinstimmung zunehmen.

 

Der hohe Grad der wachsenden Übereinstimmung und der und die Sinnlosigkeit der Menschenmäkelei sollten uns zu der Überlegung führen, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann und dass sie auch nicht ausgesucht werden und ausgesucht worden sind.  Der Garant, dass das Leben weitergeht, ist die pure Quantität. Erst aus den tausend Bedingungen, auf denen ein Mensch steht, ergibt sich seine Manchmal besondere Qualität. Der große Bach sah vielleicht seine Mitmenschen oft müßig (sitzen, streiten, schreiben) und sagte deshalb, eine von seinen tausend Bedingungen hervorhebend, dass er einfach fleißig gewesen sei und dass, wer eben so fleißig sei, es eben soweit bringen werde. Der große Shakespeare wiederum fand, dass wir alle übereinstimmend wie ein unperfekter Akteur auf Bühne stehen, alle. Und der große Michelangelo hat seine Wirbelsäule genauso bei der Arbeit verbogen wie die von ihm geliebten Marmorarbeiter in Carrara.

Diese tausend Bedingungen sind ein Wechselspiel von Zufall und Freiheit. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst die einfache Stubenfliege, musca domestica, manchmal, wenn sie an einem Fenster Gefangene ihres falschen Weltbildes ist, mehr Energie für die Freiheit, für den freien Willen, für die Durchsetzung dieser einen, buitter notwendigen Bedingung aufwenden muss, als sie tatsächlich zur Verfügung hat. Das Ergebnis ist, dass sie tot auf dem Fensterbrett zur barocken Metapher der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit verkommt.

Die Partnersuche wird von vielen Menschen als ein ganz aktiver Prozess verstanden. Selbst in Ländern oder Zeiten, in denen ein Pulk dicker Tanten die passende Braut nach einer Bedingungstabelle aussuchten, platzt der Bräutigam vor Stolz über seine Wahl. Niemand, der gerade eine Braut oder einen Bräutigam gefunden hat, zweifelt an der Wahl. Aber jeder kennt auch den schönen mathematischen Satz des Sokrates: ob du heiratest oder nicht, später wirst du es bereuen.

Bei allen anderen Menschen ist der Zufall, der sie zu uns brachte, klarer erkennbar, bei Kollegen, bei Urlaubsbekanntschaften sogar signifikant, der alte Mann in den Bergen, das junge Mädchen am Brunnen, sie alle sind das Mosaik oder das Paradigma der Menschenbegegnung. An der Bosheit der Tyrannen kann man ebenfalls das harte Wirken des Zufalls sehen: der böse König Herodes musste alle Knaben seines, wenn auch nicht großen, Landes töten lassen, um den einen, der durch Flucht ausgewichen war, nicht zu treffen. Demografisch spielt das, mögen die Zahlenfetischisten unter uns nörgeln, genauso wenig eine Rolle wie die fehlenden jungen Männer in dem ebenfalls kleinen Land Eritrea, nur moralisch sind solche Diktatoren unhaltbar, Herodes und Yesaias Afewerki.

Und trotzdem muss man nicht Fatalist werden oder die Welt als ein Abbild bloßer Zahlenverhältnisse sehen. Vielmehr ist es umgekehrt, die Zahlenverhältnisse sind die immer schlechten Abbilder der Welt. Schopenhauer war wohl ein großer Skeptiker und Pessimist, aber von ihm stammt der fast umwerfende Gedanke, dass wohl jeder Junge einen Käfer zertreten, aber kein Professor einen Käfer erschaffen kann. Das erste Wunder, das als unmittelbare Folge aus diesem Satz folgt, ist, dass heute weit weniger Knaben Käfer zertreten als früher. Wir sind für das Wunder sensibilisiert. Die Bildung ähnelt sich übrigens auch weltweit und nimmt bekanntlich zu, wie auch die Kunst selbst für Analphabeten immer erreichbarer und allgegenwärtiger wird. Immer mehr Menschen werden aus anerzogener Rücksicht Vegetarier.

Das zweite Wunder, das aus dem Satz des großen Skeptikers folgt, ist, dass Käfer und Mensch sich nur in einer Richtung begegnen können. Weil die Zeit irreversibel ist, ist das Leben unteilbar. Was uns begegnet ist nicht nur Zufall, sondern eben auch immer Wunder. Es stirbt nicht nur ein Käfer, sondern es vergeht ein Wunder für immer. Und was zurecht für Käfer gilt, fragen wir in gut lessingscher Manier, sollte nicht für unsere Mitmenschen gelten? Fragen wir uns nicht ständig, woher wir kommen, sondern freuen wir uns auf das gemeinsame Stück Weg.

Mit der Menschenmäkelei dagegen ist es wie mit dem Zorn: sie verbrauchen mehr Energie als die Freude einbringt, sie sind also nicht nur für andere, sondern auch für uns ein Desaster. Statt immer wieder zu überlegen, was wir an anderen ablehnen oder gar verbieten könnten, sollten wir lieber viel öfter sagen: Dich schickt der Himmel. Das ist mathematisch und moralisch exakt.