DAS IST ES. MIGRANTEN SIND WIR SELBER.

 

Nr. 370

Die ältesten überlieferten Geschichten erzählen von Zwist, Neid, Hader und Brudermord. Aber diese Geschichten sind keine Zustandsberichte, keine Soziologie des Altertums, sondern sie sind Warnungen. Dem Verfasser einer dieser alten Warngeschichten fiel auf, dass wir, wenn man seine Geschichte wörtlich nähme, alle von Kain, dem Brudermörder und Stammvater des Neids, abstammten. Also bekamen Eva und Adam noch einen Sohn, Seth. Wenn wir alle von Neid und Bruderzwist zerfressen wären, wären wir schon längst ausgestorben. Sollten wir aussterben, dann nicht am Bruderstreit, sondern an unserer schamlosen Ausbeutung der Natur. Es wird ihr, seit wir nicht mehr hungern,  mehr entnommen als zurückgegeben. Das ist kein guter Deal.

Die menschlichen Beziehungen dagegen scheinen nur subjektiv enttäuschend zu sein, was tatsächlich eine Quelle der Kunst ist, der subjektivsten Art der Weltbetrachtung. Objektiv betrachtet – soweit das überhaupt geht -, jedenfalls in der Bilanz aller Bilanzen, soweit sie erkennbar ist, muss die Solidarität den Hass überwogen haben.

Wenn aber nun alle Feldzüge, die nach Meinung der Konservativen notwendig und allgegenwärtig, sogar der Vater aller Dinge wären und in der Natur des Menschen lägen, die dem Landerwerb oder der Landverteidigung dienten, nichts als verkürzte, komprimierte und militarisierte Migrationen wären? Dann würde die Migration aus dieser Sicht vom Makel befreit sein. Denn immer noch steht in fast jedem Dorf und in fast jeder Stadt ein Obelisk mit der Aufschrift, dass diese militarisierte Wanderung mit Gottes ausdrücklichem Segen stattfand. Im ersten Europakrieg wurden von hunderttausenden Soldaten tausende von Kilometern hin- und zurückgelegt und dabei zwei Dutzend Millionen Menschen umgebracht.  Das war nicht nur kein gutes Beispiel für Sesshaftigkeit und Lebensraum, es hatte auch nichts mit Treue, Nation und Religion zu tun. Es ging nur um Geld und Abschlachten. Zum Schluss dieses verheerenden und totalen Krieges trafen sich die Fürsten Europas in Münster und Osnabrück und schlossen das erste europäische Vertragswerk. Nicht der Krieg war also notwendig, sondern eine neue Ordnung, und die ist nicht durch den Krieg erreicht worden, sondern durch den Westfälischen Frieden.

Was aber sind die unbewaffneten Völkerwanderungen? Können sie nicht die Folge zu stringenter Ordnungen sein, die dann zum Krieg oder zum Ausweichen ganzer Bevölkerungsgruppen führen? Die Hamelner Rattenfängerlegende und vorher der Kinderkreuzzug können Hinweise auf gezielte Migration überzähliger Bevölkerungsgruppen, in diesem Fall von Kindern und Jugendlichen sein. Aber auch sonst weisen Migranten eine Reihe gemeinsamer Merkmale, wie Flexibilität, Resilienz und eine große eidetische Bewahrkraft,  auf. Nicht unbedingt eine überdurchschnittliche Intelligenz oder eine hohe Berufsqualifikation, sondern eine – auch sprachlich-mental – besondere Anpassungsfähigkeit und -willigkeit. Eine schleichende Invasion völlig feindlicher Kräfte zur Unterwanderung einer alten Kultur, wie sie AfD und andere rechte Gruppierungen besonders seit Sarrazins unseligem Buch von 2010 und seit 2015 immer wieder beschworen haben, ist schon von daher Unsinn. Sarrazin geht einerseits von einer Übernahme durch Fertilität, andererseits aber von der genetischen Unfähigkeit muslimischer Einwanderer durch Inzucht aus. Eine ähnliche Ungereimtheit trat dann gleich zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise aus, indem einerseits den Flüchtlingen unterstellt wurde, dass sie weder arbeiten könnten noch wollten (‚make the lazy nigger working‘), sie aber andererseits und enigmatischerweise eine direkte Bedrohung für die Arbeitsplätze der autochthonen Bevölkerung wären.Inzwischen hat die Rechte ohnehin die Gefahr aus dem Islam zugunsten der afrikanischen Invasion fallengelassen.

Auch das Ausweichen vor Hungersnöten, wie zum Beispiel die irische und deutsche Auswanderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, fällt in diese Kategorie, denn spätestens seit Friedrich II. wissen wir, dass der Staat sehr wohl, auch vorausschauend, für seine Untertanen sorgen kann und muss, nicht nur für die bewaffneten.

Der Kulturaustausch in Kriegszeiten wird fast immer im wesentlichen auf der Vergewaltigung und Zerstörung menschlicher, wirtschaftlicher und baulicher Existenzen beruhen. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten – auch wenn das den Vorwurf des Zynismus einbringt -, dass alle Konzepte oder auch nur Vorstellungen von nationaler oder ethnischer Reinheit eben durch die Angreifer und immer ad absurdum geführt werden. Es gibt sie nicht. Wo Menschen aufeinandertreffen, ob im Guten oder Bösen, tauschen sie Gene und Geist, Erfahrungen und sogar auch Traditionen aus. Deshalb flüchten alle segregationistischen Modelle, alle erzkonservativen Ordnungen, alle Mauerbauer und Intelligenzverwalter zum Schluss immer in biologistische Wahnvorstellungen: es ist eben so. Durch Segregationsschübe kommt es immer wieder auch zu Liberalisierungen. Da aber die Bildung weltweit zunimmt, haben autokratische Systeme und segregationistische Modelle immer weniger Chancen sich durchzusetzen, wenn sie es auch auch wieder und wieder, wie eben jetzt, versuchen.

Auf die Frage, ist aber zum kulturellen Austausch Migration zwingend erforderlich, kann man leicht antworten: nein, wahrscheinlich nicht, es reichen auch Kriege. Gemessen an den wirklich großen Kriegen, gibt es immer weniger und immer kleinere Kriege. Da wir heute viel mehr über Gerechtigkeit wissen und nachdenken, da wir viel mehr von der Opferperspektive ausgehen, finden wir solche asymmetrischen Kriegen wie den saudisch unterstützen Bürgerkrieg im Jemen oder den syrischen Stellvertreterkrieg unerträglich. Das war früher, als es immer wieder auch große Kriege gab, ganz anders. Goethe hat das in der Osterszene im Faust I mit sprichwörtlich gewordener Präzision beschrieben. Empathie ist ein Ergebnis der Demokratie, der Bildung und des Wohlstands.

Zwar ist die Berliner Mauer wahrscheinlich die einzige Sicherung eines rigiden Staatssystems nach innen, aber sie ist – vom Jubiläum ihres Falls ganz abgesehen – hervorrragend geeignet zu zeigen, dass alle natürlichen und anscheinend auch alle sozialen Systeme Osmose als Grundprinzip haben. Andersherum gesagt: es gibt keine Undurchlässigkeit. Die Berliner Mauer hatte ihren Höhepunkt vielleicht 1976, also fast genau in der Mitte ihrer Existenz, als Gartenschläger durch Abbau von Selbstschussanlagen nachwies, dass die Mauer selbst, ohne Hunde und diese Schießautomaten, hochdurchlässig war. Er musste es mit dem Leben bezahlen, aber die DDR-Regierung musste die Anlagen, die übrigens ein SS-Ingenieur für die KZ erfunden hatte, abbauen. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon das Mauermuseum am Checkpoint Charlie, das bis heute die verlogene Großspurigkeit der DDR-Führung und die Großporigkeit der Mauer zeigt. Nach Berlin kommen jährlich mehr als dreißig Millionen Menschen, wahrscheinlich sehen sie sich alle die Reste der porösen Mauer an und wissen, dass so etwas nicht funktioniert. ‚Je kompakter die Ordnung, desto aggressiver die Entropie,‘ sagt der polyglott-philosophische Reiseführer afrikanisch-jamaicanischer Herkunft, ‚die Definition ist der Grund der Spaltung.‘ Aber da wendeten sich schon viele Touristen der Currywurst zu.

 

‚Das ist es. Deutschland, das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswanderer, jener großen Blutströme, die aus den Wunden des Vaterlandes rinnen und sich in den afrikanischen Sand verlieren.‘ 

Heinrich Heine, Vorrede zum ersten Band des ‚Salon‘, Werke, Band 12, S. 21, Leipzig 1884       

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DAS IST ES. KAPITALISMUS, DAS SIND WIR SELBER.

 

Nr. 369

Je größer das Vehikel, desto größer ist auch die Neigung, sich dahinter zu verstecken. Die abstruse Ansicht, dass mit der Abschaffung der Zinsen auch die Ungerechtigkeit verschwände, hat Millionen Menschen vom Nationalsozialismus überzeugt. Trotzdem empfindet der Betroffene die Zinsen, den Kaufpreis des Geldes, als ungerechtfertigt (hoch), auch wenn sie extrem niedrig sind. In Deutschland verging kein halbes Dutzend Jahre, als die schräge These, dass die Abschaffung des Eigentums nun aber wirklich und endgültig Gerechtigkeit brächte. Diese These fand sogar ihren Weg in das Programm der soeben gegründeten neuen konservativen Partei, der CDU. Wenn heute jemand Enteignung, die im Grundgesetz vorgesehen ist, fordert, schrecken alle auf, in Berlin sollten damit aber die Fehler des SPD-geführten Senats kaschiert werden, der seinerzeit städtische Wohnungen an private Investoren verscherbelt hatte. Und dabei war Berlin einst, mit so großen Sozialdemokraten wie Ernst Reuter und Martin Wagner, die Geburtsstätte des sozialen Wohnungsbaus als architektonische Meisterleistung.

Das alles kann und sollte gewusst werden. Trotzdem lassen sich immer wieder viele Menschen mit dem tröstlichen Gedanken einlullen, dass an allen Schwierigkeiten der Kapitalismus schuld sei. Wir wollen nicht schon wieder den berühmten Bäcker von Adam Smith herbeizitieren, obwohl wir uns gerne an dem Erstaunen ehemals nur linker, neuerdings auch rechtskonservativer Leser weiden: ach, es gibt gar keinen Versorgungsauftrag? Der Staat macht gar keine Preise? Adam Smith‘ Bäcker bäckt nur, um selber satt zu werden?

Es scheint schwer vorstellbar, dass aus dem Chaos von blinden Akteuren so schöne Produkte wie der Faustkeil, die Dampfmaschine und das Smartphone geboren werden können. Dasselbe ungläubige Erstaunen haben die Gegner der Evolutionstheorie vorzubringen, die am Kreationismus festhalten, weil er evident ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Bauplan, sondern die Ordnung gebiert sich aus dem Chaos. Dasselbe Chaos ist der Markt. Nassim Nicholas Taleb schreibt sich die Finger wund und die Kasse voll mit seiner nun wahrlich nicht neuen These, dass nichts vorhersehbar und der Markt chaotisch ist. Wir tun gut daran, uns ausnahmsweise dieses Autoritätsbeweises, der natürlich keiner ist, zu bedienen. Dadurch dass es Mode geworden ist, dass jeder Kommentare zu allem absondern kann, dadurch entsteht keine Kompetenz. Und so wie die Physik sich seit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zur Relativität aufschwingen musste, bis sie bei der Heisenbergschen Unschärferelation ankam, so musste sich auch die ökonomische Lehre von den naturwissenschaftlich erscheinenden Gesetzen abwenden und der soziologisch verbrämten Spekulation zuwenden.

Man hätte es beim Televisor ahnen können: ganze Völker und Kontinente ziehen Information und Unterhaltung der primären Bedürfnisbefriedigung vor. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Europa noch gelächelt, als afrikanische Dörfer gezeigt wurden, die einen Fernsehapparat mittels dieselbetriebenen Notstromaggregats unterhielten und sich köstlich über, beispielsweise, Schnee und Eis auf europäischen und nordamerikanischen Straßen amüsierten, weil es zwar Endgeräte, aber keine eigenen Programme gab. Gleichzeitig, aber nicht kausal verbunden mit dieser Informationsrevolution ist auch der Hunger zurückgedrängt worden. Übrigens übersehen das gerne diejenigen Argumenteure, die vor einer, bis vor kurzem islamischen, jetzt plötzlich afrikanischen Invasion in Europa warnen. Sie glauben, das sei ein mathematisches Problem. Mathematische Probleme sind beispielsweise Gleichungen, aber nicht Invasionen. Die Lösungen der afrikanischen Probleme sind ebensowenig durch Migration zu finden, wie die europäischen, fast identischen Probleme in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Migration zu lösen waren, obwohl es riesige Migrationsströme vor allem nach Amerika gab. Hunger und Bevölkerungswachstum als Problem haben eigentlich nur eine Lösung: Wohlstand. Der war in Europa damals ziemlich wohlfeil, weil die Industrialisierung, noch nicht aber die Massengüterproduktion und die Sozialversicherung angeschoben war. Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion hat aber auch heute erst sichtbare Nachteile. Wir werden nicht weiter so viel Fleisch essen können wie bisher. Der Fokus auf die tatsächlich nicht unbeträchtlichen Probleme Afrikas vergisst aber, dass gleichzeitig der Westen, nämlich nicht nur Europa, ebenfalls anwachsende Probleme hat. In Japan kann man das demografische Problem des Westens am besten studieren, in den USA ist es durch die Einwanderung abgeschwächt, in Europa stehen wir an der Schwelle: eine Gesellschaft ohne Kinder reproduziert sich auch geistig nicht, erstarrt und verkalkt im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Der Sinn des Lebens geht ohne Kinder verloren, denn er kann nun und nimmermehr im Konsum bestehen. Das gilt übrigens nicht nur nur auf der materiellen Ebene. Wir befinden uns vielleicht auf dem Zenit der Reproduzierbarkeit von Kunst. Aber die Euphorie wird in Langeweile umschlagen. Letztlich befriedigend ist, genügend Zeit und Geld vorausgesetzt, nur die Produktion. Noch nie haben soviele Menschen geschrieben, musiziert, fotografiert. All das bedarf aber auch der kontinuierlichen Innovation.

Afrika wird nicht den Weg der Industrialisierung gehen können, wie ihn einst Europa ging, aber wir müssen gemeinsam Lösungen zum Wohlstand finden, natürlich außerhalb der Migration. Migration ist enorm wichtig für den von den Konservativen so sehr verteufelten Kulturaustausch, sollen sie bei ihrem Theoretiker Ernest Renan nachlesen. Aber Migration löst selbstverständlich nicht die Probleme einer noch wachsenden Bevölkerung.

Das alles ist der Kapitalismus. Das alles sind wir. Die Konzerne kommen und gehen. Sie streben nach Maximalprofit, den sie aber nur erlangen können, wenn wir alle maximal konsumieren. Und das tun wir, je mehr Freizeit und Geld wir zur Verfügung haben, desto lieber und desto mehr. Auf Facebook, einem kapitalistischen Goliath, der Spielwiese des Lords Zuckerberg, krächzen manche gegen den Kapitalismus. Das ist ebenso hilflos wie lächerlich. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderte ein seltsamer Apostel der Umkehr durch Europa, mit dem passenden Namen Gusto Gräser, barfuß und ohne jedes Eigentum. Er wurde verhaftet, für verrückt erklärt, verlacht und verschmäht. Zurück-zur-Natur-Apostel gab es auch in Siedlungen wie Eden, Gildenhall oder Monte Verita, genützt haben sie nichts oder nicht viel. Die europäische Menschheit schlitterte blind und ohnmächtig in einen Konsumrausch nicht nur ohnegleichen, sondern wie er nie und nimmer vorstellbar war, es sei denn im absurden Märchen vom Schlaraffenland.

Wir machen den Fehler aller Diktaturen und Diktatoren: wir häufen Fehler auf Fehler, mit denen wir uns selbst schaden, bis wir untergehen. Ungeachtet dessen, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht, sollten wir auf zwei Dinge in der Zukunft verzichten, weil die Lebensqualität durch sie sinkt und nicht etwa steigt: auf Fleisch aus Massentierhaltung und auf große Städte. Man kann natürlich nicht zuerst den Menschen in Lagos oder Mumbay empfehlen, aufs Land zurück zu gehen, weil sie nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis haben. Wir müssen damit anfangen, wir, die wir es uns leisten können. Die Erwerbsarbeit darf dann natürlich nicht auf Pendeln, sondern muss auf Digitalisierung beruhen. Auch der Fleischkonsum muss vom Westen und vom Wohlstand aus zurückgedrängt werden. Das wäre ein Lackmustest zur Abschaffung des Kapitalismus von seiten der Konsumenten. Keine noch so steile These ersetzt den handfesten Boykott.

DAS IST ES. DEUTSCHLAND, DAS SIND WIR SELBER.

 

Nr. 368

Man hätte Deutschland so vereinigen sollen, dass der Osten den Westen domestiziert, aber auch wieder so, als wenn er selber schon der Westen gewesen wäre. Und den Kapitalismus sollte man einfach mit menschlichem Antlitz gestalten. Du gehst in dein Kaufhaus, nimmst dir, was du brauchst, die Kassiererin sagt: schon gut. Auch dein Arbeitgeber winkt müde ab: bleib zuhaus. Da hinten steht Götz Werner und winkt mit 1000-€-Scheinen.

Schon in der DDR, als sie noch gar nicht wackelte, gab es diesen Trend: Neckermannreisen und Sozialversicherungsausweis. Immer mehr Nichtrentner konnten im Laufe der achtziger Jahre in den Westen reisen, und sie berichteten, dass dort in Bochum einerseits die Hölle herrsche, andererseits das Paradies. Und genau so empfanden viele – wahrscheinlich andere – die DDR UNSER HEIMATLAND, so die arhythmisch-rhythmische Variante der FDJ-Sprechchöre, wenn irgendwo ein Politbüromitglied herein getragen oder geschoben wurde. Die bestgepflegten Greise hatten erreicht, wovon sie früher geträumt hatten. Damit muss man gar nicht das Jagdschloss in Wolletz oder das graue Einfamilienhaus in Wandlitz meinen. Sie hatten die Macht. Das war ihr Fetisch. Andererseits ignorierten sie jedes Problem, also glaubten sie ihre Bevölkerung nicht nur wohlverwahrt, sondern auch wohlversorgt. Im GUNDERMANNfilm gibt es diese berüchtigte Begegnung mit Werner Walde, dem Cottbuser Bezirkssekretär, die das zeigt: was wollt ihr denn, ihr habt doch alles, die Schwierigkeiten kommen von außen.

Dieses Erklärungsmuster ist uns geblieben. Irgendjemand muss immer schuld sein. Die Ikone des linken Vereins mit dem schönen proletarischen Namen Wagenknecht tritt immer wieder damit an: Schuld an der Misere sind die Konzerne, ist der kalte Kapitalismus. Die Misere muss erst herbeigeredet werden. Die Gegenüberstellung lautet ja nicht Hartz IV oder unter der Brücke schlafen, und Hartz IV gibt es keinesfalls nur im Osten, sondern auch besonders schlimm in Bochum. Die Gegenüberstellung Wagenknechtscher Prägung lautet: ob es nicht erniedrigend sei, von den Jobcenterbeamten sanktioniert zu werden. Ihre Antwort auf diese Frage lautet immer gleich: Banken enteignen.  Unsere gemeinsame Antwort sollte aber sein: Ja, es ist demütigend, besser ist es arbeiten zu gehen. Die Wagenknechtsche Konstellation scheint zudem davon auszugehen, dass alle Menschen im Osten Hartz IV beziehen, besonders die Rentner. Aber weder die Rentner in ihrer Gesamtheit noch der gemeine Ostmensch sind arm. Sie sind – statistisch gesehen – etwas ärmer als ihre, wie man leider nur früher sagte, als wir noch geteilt waren, Schwestern und Brüder im Westen. Gemessen an ihrer eigenen Vergangenheit sind sie aber viel, viel reicher, auch reicher als ihre Schwestern und Brüder jenseits der Oder-Neiße-Grenze.

Man hätte die Wiedervereinigung nicht besser oder auch nur anders gestalten können. Nur selten in der Geschichte kann etwas aktiv und bewusst, rational und vielleicht noch dazu demokratisch ‚gestaltet‘ werden. Meist passiert die Geschichte, weil zuviele Faktoren zu einem Ereignis beitragen, sagen wir (wie immer) 1000 und nehmen wir einen besonders guten Politiker, sagen (wie immer) Willy Brandt. Dann kann er ein Zeichen setzen, niederknien, eine neue Ostpolitik  wagen, nach Erfurt reisen. Aber er konnte – leider, leider – nicht dafür sorgen, dass sein schöner Spruch JETZT WÄCHST ZUSAMMEN, WAS ZUSAMMENGEHÖRT, der uns damals allen das Wasser in die Augen trieb, schneller als, sagen wir, in hundert Jahren verwirklicht werden kann.

Dass am 1. September 1939 alle Menschen in Deutschland, besonders die Männer, aber vor allem auch die Frauen, Mütter, Schwestern, Verlobten, Freundinnen, Krankenschwestern, gesagt hätten: NEIN, NICHT SCHON WIEDER, ist genauso unwahrscheinlich, wie dass alle Menschen an einem Tag ihr Geld als Bargeld von der Bank abholen. Soviel Geld gibt es nicht, soviel Einigkeit gibt es nicht. Es gibt noch nicht einmal eine Schulklasse in Deutschland, die einstimmig beschließt, die Klassenfahrt nach Lloret de Mar zu machen. Wie Geschichte wirklich funktioniert, konnte man viel besser am 9. November 1989 sehen: ein Staat (und nicht ein Land oder eine Heimat) brach zusammen, weil irgendwelche Tattergreise die Zettel verwechselten oder ihre Schlaftabletten nicht finden konnten. Der Staat ist nichts als die Büroklammer einer Gesellschaft.

Es gibt Länder mit enteigneten Banken, es gibt Länder ohne nennenswerte Industrie, es gibt Länder mit Regierungen, die ihre Politik besser erklären als die Bundesregierung MERKEL IV. Aber keines dieser Länder ist insgesamt erfolgreicher. Die USA und China haben größere Volkswirtschaften als Deutschland, aber will wirklich eine signifikante Menge Menschen aus Deutschland dorthin wechseln? Ich erinnere nur an den erschossenen Austauschschüler aus Hamburg. Da ging es um eine Büchse Bier. Auch wenn es mir immer wieder Kritik einbringt: China ist weder die gewünschte noch die tatsächliche Zukunft der Welt. China wird einfach untergehen. Saudi Arabien ist gerade dabei.

Ein funktionierendes und wohlgefälliges Staats- und Gesellschaftssystem (schon das Wort ‚System‘ klingt zu sehr nach Konstruktion) wächst ganz langsam. Das Projekt der deutschen Einheit braucht hundert, vielleicht sogar zweihundert Jahre. Schon vor der deutschen Teilung gab es ein statistisches Gefälle zwischen Nord und Süd, Ost und West. In den ostpreußischen oder uckermärkischen Dörfern gab es vor hundert Jahren Armut, in Bochum dagegen Wohlstand. Gerechtigkeit ist ein Ideal, genauso wie Freiheit, dennoch nehmen sie real in der Gesellschaft zu. Flaschensammler gab es schon in der DDR, man kann bezweifeln, dass sie nur ein Armutszeugnis sind.

1989 waren wir alle überfordert. Ein winziger Fehler hatte zu einem politischen Erdrutsch geführt. Jeder war auf seine Weise desorientiert. Der Kalte Krieg war zuende, die Sowjetunion brach in sich zusammen, Grenzen verschwanden, Völker wanderten ein- und aus. Aber heute verlangen Unrealisten, dass die damaligen Politiker schon damals gewusst hätten, was wir selbst heute nur erahnen können: Zusammenhänge, Netzverflechtungen, Strömungen, Einflüsse. So ungern man es (immer wieder) sagen muss: der Koloss Kohl war ein Pragmatiker der Macht und als solcher der richtige Mensch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Der Schwachmatiker Lafontaine dagegen hat zurecht alle Wahlen verloren. Wahrscheinlich ist sein Anteil am Untergang der deutschen Sozialdemokratie größer als sein Rache- und Geltungsbedürfnis. Seine Gattin Wagenknecht, mit dem schönen proletarischen Namen und dem rosa Luxemburgkleid, radelt auf ihrem 10.000-€-Fahrrad durch das arme Saarland und überlegt, was man im Osten noch zur Misere erklären könnte. Auch sie hat eine Partei in den Ruin gestürzt. Das alles ist weder schade noch traurig: jegliches hat seine Zeit. Traurig ist, dass im Osten Deutschlands nicht nur das Erklärungsmuster gleich geblieben ist, sondern auch die Parolensucht. Eine Parole müsste doch irgendwann einmal richtig sein, glaubt man hier. Politik im Osten ist ein bisschen wie Lotto: man tippt immer die selben Zahlen (Parolen) und verliert.

Statt dessen gilt: Im Lotto kannst du nichts gewinnen, mit einem Lächeln kannst du alles gewinnen. Liebe Mitschwestern und Mitbrüder im Osten: lächelt. Seid doch endlich einmal froh, dass es keine Grenzen mehr gibt, aber dafür Baumärkte (reißt mal eure alten Schuppen ab!), dass ihr ein gutes Auto habt, ein Haus, eine freundliche Wohnung (selbst die einst grauen Plattenbauten leuchten in vielen Kleinstädten), freut euch, dass ihr nach Mallorca reisen könnt, aber fahrt bitte auch einmal woanders hin. Seid stolz und nicht wehleidig. Baut Leuchttürme statt Tränenteiche und Jammertäler! Lest Heine!

 

 

‚Das ist es. Deutschland, das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswanderer, jener großen Blutströme, die aus den Wunden des Vaterlandes rinnen und sich in den afrikanischen Sand verlieren.‘

Heinrich Heine, Vorrede zum ersten Band des ‚Salon‘,

Werke, Band 12, S. 21, Leipzig 1884

BILDBESCHREIBUNG

Nr. 367

Im Jahre 1721 ließ ein Graf von Schwerin in dem kleinen vorpommerschen Dorfe Putzar seine Kirche neu einrichten. Die Orgelempore stellte er auf Säulen, die vier riesige Mohren darstellten. Sein Vater, Detloff Graf von Schwerin, der in niederländischen Diensten gewesen war, soll sie aus Dankbarkeit, weil sie ihm das Leben gerettet hatten, mitgebracht haben. Aber hat er ihnen auch das Leben gerettet oder auch nur verbessert? Vielleicht hat er die vier, die in seiner kleinen, exorbitant schönen Kirche als Helden, Riesen, gute Goliathe dargestellt sind, vor der Sklaverei bewahrt? Immerhin war es Preußen, wenn auch hundert Jahre später, das als erstes Land überhaupt die Sklaverei verbot. Allerdings gab es in Preußen gar keine Sklaven. Trotzdem darf man, zumal in einer Kirche, nicht den Faktor der Barmherzigkeit unterschätzen.

In einem vorpommerschen Dorf gilt heute noch als Fremdling, wer vor fünfzig Jahren aus dem Nachbardorf herzog oder vor 75 Jahren als Vertriebene oder Vertriebener aus dem ehemals deutschen Osten kam. Die panische Angst vor dem Fremden fand ihren skurill-tragischen Höhepunkt im Jahre 1945 ein paar Dörfer weiter, in Alt-Teterin, als die verschüchterten Dorfbewohner, bestärkt vom Obernazi-Gutsverwalter, die lauten Motorgeräusche, vielleicht von Tieffliegern, vielleicht auch nur von ein paar Artillerieschleppern, für einen Menschenfleischwolf der Russen hielten und sich dutzendweise mit ihren Kindern das Leben nahmen.  Die Russen waren 1944 und 1945 aus leicht erkennbaren Gründen das zum Horror aufgeblähte Feindbild. Sieht man sich die rechtsextreme Propaganda zur Migration seit 2015 an, ähneln sich die Bilder  so erschreckend, dass der Vergleich doch nicht mehr ganz abwegig ist. Das Fremde wird gern verteufelt. Wie mag es also unseren vier Afrikanern gegangen sein? Sie waren vier junge Männer, niemand konnte und wollte sie verstehen oder gar heiraten. Die Angst hat sich vielleicht schnell gelegt, spätestens als sie den riesigen und superschweren Prunksarg des Grafen zu Grabe trugen. Aber auch ohne die Angst hielt sich die Kommunikation sicher in Grenzen. Erst zehn Jahre später wird im benachbarten Dorf Spantekow der Sohn des dortigen Pfarrers geboren, Johann Christoph Adelung, der ein so berühmter Sprachforscher wurde, dass man ihm die kommunikative Brücke  zu den vier damals Mohren genannten Afrikanern hätte zutrauen können. Das Wort ‚Mohr‘ ist übrigens kolonial unbelastet und eher biedermeierlich zu verstehen. Es leitet sich von den Mauren her, die den arabisch-saharischen Baustil in Spanien und auf Sizilien mitbrachten. Heute erinnert nur noch das einzige Land der Welt an sie, Mauretanien, in dem es zwar offiziell keine, aber inoffiziell sehr wohl noch atavistische Sklaverei gibt und die Menschen in die hellhäutigen Araber-Berber (Bidhan) und die dunkelhäutigen, schwarzafrikanischen Sklaven (Soudan) eingeteilt werden. Auch in Libyen gibt es, allerdings wegen seiner herausgehobenen Stellung als erstes Transitland, neu aufgelebte Formen des segregationistischen Sklavenhandels.

Diese Seite der Migration, die das Leid des Zurücklassens, der Unangepasstheit, der Fremdheit und des Heimwehs meint, findet sich meisterlich beschrieben in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘. Wie dem biblischen Hiob wird Mendel Singer alles genommen, als er nach Amerika geht, aber er übersieht, dass er Lockungen gefolgt ist und sich über Warnungen und Bindungen hinweggesetzt und insofern selbst den ersten Impuls zu seinem namenlosen Leid gegeben hat. Seine Frau stirbt im Gram über den Tod des Sohns in russischen Diensten, der die Leichtigkeit des Soldatenlebens verkörperte, Alkohol, Prostitution und verlorenes Geld. Die Tochter kann ihre Männertollheit nun ausleben, gibt aber darüber ihren ohnehin schon verkümmerten Geist auf. Und wie beim biblischen Hiob gibt es eine Wendung zum Guten: der kranke und behinderte, in Russland gegen den Rat des Rabbiners zurückgelassene Sohn Menuhin taucht als Musikgenie auf, wie um den sterbenden Vater zu trösten. Der Vater hatte all dieses Leid kausal der Migration zugeordnet, nicht eigentlich seinem Leben. Darin gleicht er, und deshalb hat der große Erzähler diesen Titel gewählt, dem biblischen Hiob und sovielen unserer Zeitgenossen.

Wir können nur hoffen, dass sich jemand fand, die sterbenden afrikanischen Helden im Dorfe Putzar in Vorpommern zu trösten. Ich vermute beinahe, dass es niemand war, dass man stattdessen aufatmete, die sinistren Fremden endlich los zu sein, die nichts als eine Marotte des großen Herrn waren. Wegen dieser zu Absonderlichkeiten und auch zu Grausamkeiten neigenden Art der Feudalherren verstehe ich bis heute nicht, warum die Menschen, die an einen personalen oder zumindest anthropomorphen Gott glauben, diesen ‚Herr‘ nennen, König, Lord of Lords, Herrscher gar der himmlischen HEERscharen und dergleichen. Ich verstehe es nicht.  Eine Marotte des wahrlich großen, ebenso skurrilen wie genialen Herrn war auch die afrikanische Geliebte, Machbuba, des weltberühmten Fürsten zu Pückler-Muskau, die seine Liebe nur drei Jahre ertragen konnte und dann an dem Gram darüber starb. Das sind die Kehrseiten. Vielleicht reagieren wir demnächst wenigstens der Verzweiflung gegenüber milder.

Der fünfte Afrikaner, der je nach Putzar kam, hörte sich diese Geschichten alle an. Die heutigen Afrikaner staunen über das Alter der europäischen Gebäude. Wenn sie wüssten, wie harsch der große, aber blasse Philosoph Hegel, der den Weltgeist und den Fortschritt erfand, über diese Gebäudelosigkeit in Afrika urteilte, ‚Afrika hat keine Geschichte‘, dann würden noch weniger ihre eigene große Geschichte verstehen. Der fünfte Afrikaner von Putzar kommt aus einer Kultur mit mindestens zweieinhalbtausendjähriger Geschichte, die ersten Christen seines Landes stehen in der Bibel*. Aber an diesem vielleicht letzten Spätsommertag des Jahres genoss er einfach seine Berufung als Model und ließ sich gerne fotografieren. Die Herkulesse nahm er gelassen hin, staunte nur über ihr Alter.

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Zwischen den beiden, durch 300 Jahre geschiedenen Afrikanern hängt ein Zettel, der den ganzen Jammer unserer heutigen Kultur zeigt**. Auf dem Zettel, der an eine historische Holzsäule gepinnt ist, steht, dass der Besucher bitte eine Spende für den Erhalt der Kirche geben soll. Die Kirche wurde mehrmals von den Patronen, den adligen und steinreichen Besitzern des Dorfes und des Landes ringsum gebaut, renoviert und mit teils kostbaren Ausstattungsstücken versehen, darunter die exotischen Mohren, aber auch die Trägerfiguren des Sarkophags, Epithaphien, die Kassettendecke, Gemälde, Gold, Silber, Edelstein, alles vom Feinsten. Die heutige Kirchenorganisation verfügt über Milliarden und Abermilliarden. Allein von den deutschen Bischofsgehältern eines Monats könnte man zwanzig nubische Dörfer ein ganzes Jahr lang ernähren. Zum Erhalt besonders wertvoller Kunstdenkmale gibt es die Deutsche Stiftung Denkmalpflege, die Millionen ausschüttet. Aus Steuermitteln und Sparkassengewinnen, von privaten Großspendern und nicht zuletzt von den adligen Ehemalspatronen fließen ebenfalls beträchtliche Summen. Aber die deutsche Konsumseele, nie zu faul, den Kapitalismus als böse Geißel der Menschheit zu beklagen, entblödet sich nicht, überall, ungeachtet des kunsthistorischen Wertes, Zettel anzupinnen, auf denen steht, dass es auf deinen Groschen ankommt. War es nicht Yesus, der die Händler aus dem Tempel vertrieb***? Ich meine das nicht als Kirchenkritik. Die Kirche muss man nicht kritisieren, die zerlegt sich von selbst, indem sie einerseits das Rollenspiel der Staatskirche ad absurdum führt, andererseits weiter und immer weiter die ehemaligen Groschen der einstmals Armen einsammelt.

Ich meine das als Kritik an uns allen, an einer Gesellschaft, die ihre Talente nicht als Leuchttürme versteht, sondern überall daraus tiefe Tränenteiche und Jammertäler macht. Das Jammern wird zur Nationalhymne auf angepinnten Zetteln. Dieses Land schwimmt in Geld und Zeit, Überfluss jagt Überfluss, verbleibt aber im infantilen Zustand des Kohlrübenwinters. Dreiundzwanzig Millionen Rentner rasen jeden Freitagnachmittag mit ihren Mercedessen in die Kaufländer, der Rest bestellt bei Amazon und lässt von Hermes, DHL und DPD liefern. Was früher die Volksparteien waren, sind heute die Lieferdienste und Paketboten: die gute Botschaft dieselt durchs Land. Parteien plakatieren das Elend, das nur sie bekämpfen können. Tatsächlich werden allein in Deutschland jährlich 14 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Zum Glück verstehen die Neubürger die Wahlplakate und Manifeste noch nicht so genau. Sie wüssten nicht, worüber sie jammern sollten. Ihre Partei, wenn sie eine hätten, wäre einfach nur dankbar. Vielleicht ist das sogar der tiefe Sinn der Migration: dass die Sesshaften die Dankbarkeit neu lernen. Du musst dich nicht bedanken, sagte der Hausbesitzer zu dem Hausbesetzer, du bist doch das Geschenk.

Die Welt des Schwerinswinkels, die vorpommerschen Güter, Schlösser, Kirchen und Dörfer, die den Grafen von Schwerin gehörten, mag in der alten Form untergegangen sein. Wer aber den Weg dorthin findet, findet Juwelen, Kostbarkeiten, Leuchttürme der Schönheit, der Exotik, der Ruhe, des Friedens, der unberührten Natur. Auch die Gerechtigkeit muss man mehr in den Herzen suchen, und nicht auf den Kontoauszügen oder Wahlplakaten.

*Apostelgeschichte 8,26-40

**der Zettel war also nicht zufällig auf das ansonsten gestellte und zugeschnittene Foto geraten

***Johannes 2,16

DIE WIEDERKEHR DES ZAUBERERS NOBI

 

Nr. 366

für D.T.

An dem Tag, als ich seit langer Zeit wieder einmal eine Grundschule betrat, wurde gefragt, was man in der Schule, eher war eine Elementarschule gemeint, gelernt hat. Ein von uns sehr geschätzter Lehrer erzählte vom Krieg, das Schlimmste, was er als achtzehnjähriger Soldat erlebt hatte, waren die norwegischen Krankenschwestern, vor denen er seinen Po entblößen musste, damit sie ihn spritzen konnten. Es war also nicht alles nur Indoktrination. Natürlich lernten wir lesen und schreiben. Auf meinem allerersten Zeugnis hatte ich in beidem eine 1, trotzdem schrieb die Lehrerin, dass ich wild und nicht sorgfältig sei. Was hätte ich für Zensuren bekommen können, wenn ich zahm und sorgfältig gewesen wäre? Da ich einen sehr guten Russisch- und Musiklehrer hatte, lernte ich in diesen beiden Fächern auch sehr gut. An mehr kann ich mich nicht erinnern, aber als ich jetzt in dieser Grundschule ganz nach oben ging, lagen dort auf einem Tisch aussortierte alte Kinderbücher, die sich die heutigen Kinder wohl mit nach Hause nehmen können. Zuoberst lag Ludwig Renns ‚Nobi‘*, die rührende Geschichte einer wunderbaren Kindheit im historischen Afrika. Sofort erstand meine Kindheit in meiner Fantasy**. Ich sehe mich am Nachmittag, die Mappe, damals noch Ranzen genannt, war zuhause abgelegt, das Mittagessen hineingeschlungen, eine kurze Stippvisite auf dem Spielplatz absolviert, aber dann ging ich in die Kinderabteilung der Stadtbibliothek. Sie erschien mir riesig. Sie erschien mir fast so groß, wie heute die Grimm-Bibliothek, die größte Freihand-Bibliothek Europas. Die Studenten sagen, sie sei zu klein. In meiner Bibliothek kannte ich mich aus. Ich habe damals alle Kinderklassiker gelesen, aber mein Oberklassiker war Ludwig Renn.

Was ich damals nicht wusste und was für mich auch irrelevant gewesen wäre, dass er ein ehemaliger Adliger war, ein Freund des sächsischen Kronprinzen, Offizier im ersten Weltkrieg, Schriftsteller in der Weimarer Republik, Kommandeur im spanischen Bürgerkrieg, Emigrant in Mexiko, Professor an der Humboldt-Universität. Obwohl er weitgereist und welterfahren war, war er ganz auf der Linie der regierenden Partei. Der Grund war vielleicht seine, wie man heute sagen würde, offen schwule Lebensweise. Mit seinem Lebensgefährten und einem weiteren Freund lebte er in einer Villa in Berlin-Kaulsdorf. Alle drei wurden später zusammen auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde begraben, Abteilung Künstler, obwohl seine beiden Freunde vielleicht weder Sozialisten noch Künstler waren.

Ludwig Renn, dessen wirklicher Name Arnold Vieth von Golßenau war, eröffnete mir die andere Seite der Welt, die eine Seite war die Russenkaserne am Binnenhafen meiner winzigen Heimatstadt. Ein kleiner mexikanischer Junge namens Trini half – in dem gleichnamigen Buch – seiner Familie bei Überleben. Und Nobi, ein wirklich heldenhafter kleiner Afrikaner, kämpfte gegen alles, was nicht in seine Heimat gehörte. Soweit, und auch in dem heute merkwürdigen Wort ‚gerechter Kampf‘ war das Buch linientreu. Aber dafür habe ich es nicht geliebt. Jetzt, beim Wiederlesen nach sechzig Jahren las ich denselben Glanz und dieselbe Spannung: Nobi ist ein Zauberer. Er kann nicht nur mit den Tieren kommunizieren, sondern sein Lächeln bewirkt, dass alle Menschen – egal was sie vorher gedacht oder geplant hatten – ihm freundlich begegnen. Dieses Lächeln ist das Äquivalent zum Nathan-Parabel-Ring, von dem sich ja auch herausstellt, dass die Wirkung auch ohne den Ring möglich ist. Es gibt solche Menschen, und wir alle sollten uns bemühen, zu ihnen zu gehören. Nobi verliert früh seinen Vater durch einen grausamen Jagdunfall, dadurch verabscheut er die Jagd und wird aus Protest Schmied. Man kann das heute gut und gerne als Anti-DDR-Parabel lesen, nur können wir nicht mehr eruieren, ob der Erfinder von Nobi es so gemeint hat. Seinen bösen Lehrmeister überflügelt und vertreibt Nobi, genauso wie er ohne Jagd und ohne Sport – nur durch seinen Beruf – zu einem Athleten heranwächst, vor dem man sich fürchten sollte, wenn man ihn nicht lieben müsste. Der großmächtige Zauberer, der alte böse König, der junge gute König, sie alle gehen auf seine Seite über. Die weißen Sklavenhändler jedoch werden von ihm bekämpft (‚gerechter Kampf‘), besiegt und vertrieben. Und da steht ein Satz, der überhaupt nicht in die frühe DDR passte: Nobi tut es leid, dass er im Kampf so viele europäische Sklavenhändler töten musste, aber seine hochgiftige Zauberschlange tröstet ihn: es ging nicht anders, sagt sie. Aber fortan wird er die Sklavenhändler, wiewohl sie abgrundtief böse sind, nur noch vertreiben.

Mit erstaunlicher Weitsicht und Modernität wird die Natur und die Kraft der Natur beschrieben. Ein alter Elefant, der so vielen Menschen als aggressiv und böse erschien, wird lenkbar im Kampf gegen die gierigen und grausamen Eindringlinge. In dem nagelneuen Buch Die Intelligenz der Tiere*** steht genau das: dass Elefanten, Wölfe und Wale gut und böse, Menschen und Unmenschen unterscheiden können. Mich wundert nicht, dass die Kunst der Wissenschaft voraus ist. Das ist sie schon immer gewesen und das bleibt auch so. Mich wundert, dass in einem schlichten DDR-Kinderbuch solche Weisheiten standen. Ludwig Renn hatte sicher doppelte Narrenfreiheit, die er  aber auch mit seiner Loyalität erkaufte. Als ‚Spanienkämpfer‘ stand er in einer Reihe mit Hans Beimler, Heinz Hoffmann, Erich Mielke, aber auch mit Ernest Hemingway, Willi Brandt und Joris Ivens. Er musste nichts mehr für seinen Ruf und seinen Ruhm tun. Geld hatte er auch genug. So konnte er sich seinen Freunden und seinen Kinderbüchern widmen.

Mir wurde klar, wie sehr mich dieses Buch geprägt hat, mehr als die Schule, mehr als meine Familie, mehr als die Kirche, die in meinem Heimatort aus einen autoritären Luther-Epigonen bestand, der mehr Menschen vertrieb als anlockte, einer seiner Söhne tat es ihm nach, einer wurde Mensch, der dritte nahm sich das Leben. Zu meinem großen Glück hatte ich meinen Freund Nobi zwischen zwei Buchdeckeln. Heute kenne ich einen Neubürger aus Ostafrika, dessen Lächeln alle Menschen betört und erfreut. In dem Punkt hat er es leicht. Für ihn habe ich das hier aufgeschrieben.

 

*Ludwig Renn, Nobi, Kinderbuchverlag Ostberlin 1955                                                  [die ersten sieben Auflagen hießen noch: Der Neger Nobi]

**von mir vorgeschlagenen Euro-Schreibweise

***Carl Safina, Die Intelligenz der Tiere, New York 2015,                                                              deutsche Ausgabe: München 2017

UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT

Nr. 365

Diktaturen funktionieren nur abstrakt, konkret müssen sie versagen: die Planwirtschaft mag logisch sein, die Bedürfnisse kann sie nicht befriedigen. Leider erklärt sich so auch, warum Kim Jong Un seinen Onkel, angeblich mit einer Kanone, erschießen ließ, warum Stalin und Hitler ihre eigenen Leute umgebracht haben. Der konkrete Mensch passt nur dann in die Schablone, wenn Loyalität über die Kompetenz und über die Solidarität gestellt werden. Auch die technizistische Sprache der Diktaturen ist so zu erklären: der Mensch ist nur wert, was er als Maschinenteil im Apparat taugt. Dies wurde zuerst von Klemperer* beschrieben und wird nach wie vor nicht beherzigt, indem wir immer noch die Sprache der Täter imitieren, angeblich um die besondere Grausamkeit oder die Einmaligkeit der Verbrechen zu betonen. Tatsächlich wird hinter technizistischen Begriffen der Mensch eskamotiert: das Opfer verschwindet in einer undefinierbaren Masse, die ‚vernichtet‘ wird, so die Sprache der Täter von der Wannsee-Konferenz bis zu den Aufzeichnungen des Auschwitzkommandanten Höß, der sich als einer der Haupttäter ebenfalls hinter der Technik verstecken kann: als das berüchtigte Rädchen im Getriebe. Schon das Wort ‚Judenvernichtung‘ besagt, dass nicht ein Mensch einen Menschen von Angesicht zu Angesicht ermordet hat, auch die Hinzufügung der Gründe der Täter – ‚Rassismus‘ – ändert daran nichts: denn es gibt keinen Grund, der uns erlaubt, einen Menschen zu töten**. Warum also entschuldigen wir nachträglich die Täter, indem wir sie zu industriellen Systemteilen erklären, die nicht anders konnten, als so zu handeln wie es jeder Menschlichkeit, jeder Religion und jeder Philosophie, nicht aber jeder Ideologie widerspricht? Ein Mensch kann nicht vernichtet werden, weil er – außer in der Gesellschaft – auch in seiner Familie, in seinem Freundeskreis, in seinem Arbeitskollegium, in seiner Wohnsiedlung als Mensch fortlebt. Es war nicht die Politik oder die Gesellschaft als Ganzes, die uns mit dem Projekt der Stolpersteine bildlich vor Augen führt: wer hier einmal gelebt hat, lebt in unserer Erinnerung fort. Streng genommen wird sogar nichts zu nichts. Es fehlt ein neues Buch von der Qualität und Reichweite der LTI.

Was nicht fehlt, sind Bücher und Filme zu den Diktaturen, in denen unsere Ahnen als Täter oder Opfer agierten, der neueste Film zitiert als Titel eine Zeile der später verbotenen DDR-Hymne ‚…und der Zukunft zugewandt…‘. Das heißt in dieser Geschichte: auf jeden Fall der Vergangenheit abgewandt. Drei Frauen waren in Workuta, in einem der GULAGs, obwohl und wohl weil sie Kommunistinnen waren. In einem benachbarten Lager ist der Mann von Antonia Berger inhaftiert – und jedes dieser Wörter ist ein Euphemismus – und er überwindet Stacheldraht und Wachmannschaften, strömender Regen hilft ihm etwas klischeehaft, um seiner kranken Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. Auf dem Rückweg wird er erschossen, obwohl er auf seiner Kompetenz als Ingenieur der Moskauer U-Bahn insistiert. Ihm wird ein Mangel an Loyalität unterstellt, und deshalb sind er und seine kleine Familie, wie auch alle anderen Häftlinge, aus dem Zirkel der allgemeinmenschlichen Solidarität ausgeschlossen.

Auf Intervention des in der Bevölkerung wohlgelittenen, in Wirklichkeit aber arg stalinistischen Staatspräsidenten Pieck werden die drei Frauen vorzeitig entlassen und kommen nicht nur in der DDR, sondern in der ersten sozialistischen Planstadt an: Fürstenberg an der Oder, das bald darauf in das unaussprechliche Stalinstadt, dann in das noch widersetzlichere Eisenhüttenstadt umbenannt wurde. Zum zweiten Mal zeigt sich unsere These vom Versagen der Diktatur im Konkreten in der ersten Krankenhausszene: das sterbende Kind in den Armen der ausgemergelten Mutter wird als erstes nach dem Sozialversicherungsausweis gefragt, der analogen Krankenkassenkarte. Der Arzt ahnt Schreckliches, als er die hochgradigen Erfrierungen sieht und er greift im Geheimschrank nach dem Penicillin aus amerikanischer Produktion. Die Liebesgeschichte zwischen dem Arzt und der durchaus der Zukunft zugewandten Antonia geht tragisch aus, sie erkaltet im kalten Krieg und wird als telefonische Freundschaft bis zum Mauerfall fortgesetzt.

Antonia, die auch ihrer Mutter nicht sagen kann, wo sie die letzten zehn Jahre war, scheitert immer wieder am Konkreten und rettet sich immer wieder in die Abstraktion des Kommunismus. Auf diese Abstraktion der fernen Zukunft beruft sich auch der Agitationssekretär Silberstein, ein durchaus sympathischer und durch seine mögliche Herkunft aus einer jüdischen Familie noch mit einem zusätzlichen Bonus versehener Altgenosse, der zwar mehrmals den Ausgleich oder den Kompromiss zwischen den beiden Ebenen des Lebens sucht und versucht, letztlich aber doch zum Telefon greift und die Staatssicherheit beauftragt, Antonia im Konkreten endlich umzudrehen. Jeder – auch die Protagonisten im Film – versteht die Situation: ein Mann mit Hut und Mantel klingelt an der Tür, zeigt seinen Ausweis und nimmt Antonia mit. Der Verhörer glaubt, nur er sei im richtigen Lager gewesen und nur die Qualen, die er ausgehalten hat, und die allerdings wirklich furchtbar und unvorstellbar waren, berechtigten ihn, jetzt andere Menschen zu befragen und zu quälen. Allerdings lenkt er ein, eine Intervention von außen kommt in Gestalt des Sekretärs Silberstein. Antonia sollte nicht schon wieder verschwinden, sondern nur ernsthaft verwarnt werden. Das gelingt auch, sie vernichtet ihre Aufzeichnungen aus dem Lager und glaubt, vielleicht hofft sie auch, dass damit auch das Lager selbst verschwindet.

Es gab – wenn auch vielleicht wenige – Menschen, die in beiden Arten Lagern inhaftiert waren, zwei davon sollen hier als Beispiele genannt werden, Margarete Buber-Neumann und Erich Reschke. Margarete Buber-Neumann heiratete nach ihrer Scheidung vom Sohn des Religionsphilosophen Buber den Führer der linksradikalen Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands und Kontrahenten Ernst Thälmanns, Heinz Neumann. Seine Radikalität bestand darin, als den Hauptfeind der KPD und der gesamten Gesellschaft die Nationalsozialisten zu erkennen und  benennen, während Thälmann gemäß den Weisungen Stalins die SPD als den Hauptfeind bekämpfte. Neumann wurde 1938 in Moskau erschossen, seine Frau interniert, später wurde sie nach Deutschland abgeschoben – auch eines dieser Wörter aus dem Thesaurus der Täter – und im KZ Ravensbrück gefangen, wo sie Zeuginnen Jehovas, der Freundin Kafkas, Milena Jesenska, der Witwe Stauffenbergs half und der Witwe Thälmanns begegnete. Erich Reschke dagegen war zwölf Jahre lang KZ-Häftling, lange in Buchenwald, und dort war er Lagerältester, also Chef der von der SS installierten und tolerierten Selbstorganisation der Häftlinge. Als solcher wurde er von Bruno Apitz in dessen berühmtem Buch ‚Nackt unter Wölfen‘, das man nicht wörtlich und als Erlebnisbericht, sondern eben als Roman verstehen muss, als einer der Hauptakteure bei der Rettung des Kindes gezeigt. Heute wissen wir, dass die Rettung durch einen Austausch auf der Auschwitz-Transportliste zustande kam. Erich Reschke wurde von den Amerikanern befreit und hatte den unterstützenden Aufstand der Häftlinge mit organisiert. Wahrscheinlich deshalb wurde er einer der ersten Generäle der Volkspolizei, bis es eines Tages an seiner Wohnungstür klingelte und sich die berüchtigte Szene tatsächlich abspielte, die der Film so realistisch zeigt. Reschke wurde wegen angeblicher Spionage oder dergleichen zu lebenslanger Lagerhaft verurteilt, musste aber nur bis zum Lebensende von Stalin – was? – büßen. Danach lebte er als Leiter eines Gefängnisses (!) und dann Frührentner, von Honecker spät mit dem Karl-Marx-Orden rehabilitiert, in Hohen Neuendorf.

Uns geht heute leicht von den Lippen: das ist eine Diskrepanz zwischen dem Abstrakten der Diktatur und dem Konkreten des menschlichen Daseins. Aber jeder Mensch lebt nur einmal. Neben einer faszinierenden Alexandra Maria Lara in der Hauptrolle, neben Robert Stadlober als bewundernswertem und von Antonia bewunderten Chefarzt, brilliert aber auch Barbara Schnitzler als die abtrünnige Genossin, die mit ihrer Ankunft in der von vornherein verlogenen DDR nicht mehr Genossin sein möchte, die sich den Mund nun und nimmermehr verbieten lassen will. Die dritte Leidensgenossin, gespielt von Karoline Eichhorn, ist für immer desorientiert und aller sozialen Kontakte – mit Ausnahme Antonias und des Rotweins – beraubt. Wenn es einen deutschen Oskar für die beste Nebenrolle gäbe, bekäme ihn von mir Hark Bohm in der Rolle des Vaters, der seinen Sohn, den Zonen-Chefarzt in Stalinstadt, zurück nach Hamburg holen will, um dort, so wie es Recht und Ordnung gebieten, die Praxis zu übernehmen. Er versteht die Welt nicht mehr. Verstehen wir sie denn?

Die titelgebende Textzeile aus der Nationalhymne Ostdeutschlands, zu dem Zeitpunkt der Filmerzählung war sie noch nicht verboten, wird damals von vielen als frohe Botschaft angenommen worden sein. Der Dichter musste sich allerdings mit Morphium benebeln und betäuben, um die Diskrepanz zwischen der von ihm erdichteten und der um ihn herum errichteten Welt aushalten zu können. Seinen fortwährenden toxischen Rauschzustand kann man wunderbar nachvollziehen, wenn man sich bei YouTube ansieht, wie er dressierten Jungen Pionieren erzählt, dass Walter Ulbricht der größte Sohn des deutschen Volkes sei.

 

 

 

 

*LTI (Lingua Tertii Imperii), Die Sprache des Dritten Reiches

**traditionell gab es fünf Ausnahmen: Krieg, Todesstrafe, Tyrannenmord, Selbstmord, Abtreibung, von denen heute eigentlich nur noch der Selbstmord als legitim erscheint und die Abtreibung als historische Übergangslösung geduldet wird. Für diese beiden verbliebenen Ausnahmen gilt, dass man sie weder billigen noch nicht billigen kann.

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SOLOMONs GRIME

 

Nr. 364

Man wünscht sich spätestens ab Seite 600 einen Mozartschluss: dam-dam-da-di-da. Statt dessen geht es aber so weiter wie bisher, als ob ein geklonter Franz Liszt immerfort artifizielle Permutationen desselben genialen Gedankens generierte, ein fortwährendes prestissimo und fortissimo als Ritardando eines asymptotischen Untergangs. Das andere Buch dagegen ist wie ein langsamer Beethovensatz, vierhundert Seiten lang: der Mensch ist nicht so politisch wie er sein könnte oder sollte.

Sibylle Bergs Buch GRIME stand als Neuerscheinung sozusagen auf dem Plan, während Toni Morrisons SOLOMONs LIED sich durch einen Zufall ergeben hat, noch dazu lieferte Amazon eine DDR-Lizenzausgabe, die ein Papier-dejá-vu bescherte: das schwerfällige, dicke und den Fingern unfreundliche Papier aus Schwedt, als es noch Großstadt sein oder werden wollte. Aber dann stellte sich doch die Frage: was schreiben zwei so angesagte Frauen anders als die immer noch zahlenmäßig überwiegenden Männer?

Nur als Frau kann man die Jagd, seit sie nicht mehr – vor der neolithischen Revolution – unmittelbares Existenzmittel ist, als das denunzieren, was sie ist: blutrünstiges Machogehabe, nicht so weit vom Mord entfernt. Vom Landgericht Stralsund wurden vorgestern zwei junge Monster verurteilt, die eben einmal sehen wollten, wie ein Mensch stirbt. Als Opfer hatten sie sich ein schwangeres Mädchen aus ihrem Freundeskreis ausgesucht. Zwar bekamen beide die jeweils mögliche Höchststrafe und werden wahrscheinlich nie wieder in Freiheit kommen, aber das versöhnt uns nicht mit dieser Tat und solchen Taten überhaupt. Die beiden Großschriftstellerinnen jedenfalls kritisieren die Jagd jeweils aus der Sicht des gezwungenen weichen Teilnehmers, für den das Erlebnis traumatisch ist. Wie weit Männlichkeit immer noch mit Härte identifiziert wird, kann man in einer eigenartigen Inschrift auf dem Bahnhof Wriezen lesen: Kevin Anders ist eine Pussy, steht da, und das soll heißen, dass dieser Kevin zu weich für diese Welt ist, wie jedenfalls der Graffiteur oder die Graffiteuse meint.

Toni Morrisons Buch handelt ausdrücklich vom Verhältnis der Männer zu den Frauen. Der Protagonist heißt Milchmann, weil er von seiner ungeliebten Mutter gestillt wurde, bis er zweieinhalb Jahre alt war. Nicht nur seine Mutter war ungeliebt, auch er selber sollte mit Schlägen und Stricknadeln aus dem Bauch getrieben werden, was seine Mutter verhinderte. Erst als Milchmann schon erwachsen ist, erkennt er seine Mutter und bewahrt sie einmal vor den Schlägen des sich omnipotent glaubenden Vaters, der es tatsächlich geschafft hat, aus dem Ghetto herauszuragen. Er besitzt Immobilien und lebt von den Mieten und Rückständen. Die zweite Frau im Leben Milchmanns ist seine Tante Pilate, von der er lange glaubt, dass sie einen Goldschatz verwahrt. Erst zum Schluss erkennt er sie als eine Traditionshüterin an, und da stirbt sie auch schon. Beinahe noch tragischer ist sein Verhältnis zu seiner Cousine Hagar, die er nicht liebt, mit der er aber über ein Dutzend Jahre ein Verhältnis hat. Sie nimmt sich das Leben, als er sie verlässt. Anders als die biblische Hagar ist Milchmanns Cousine selbstbewusst und liebt den, der sie nur als Verhältnis missbraucht, wenn auch nicht etwa bösartig, sondern eher gleichgültig. Morrisons Figuren haben alle eine tiefe Bindung an ihre Vorfahren, die Sklaven waren, davon handelt eigentlich der Roman. Die Schattierungen der Hautfarbe, als Projektion der Verachtung durch die weißen Sklavenhalter und durch den weißen Trash, spielen eine große Rolle, obwohl die beiden Großväter Milchmanns erfolgreich und reich waren. Milchmann, schon durch seinen Spitznamen an die Frauen gebunden, emanzipiert die drei wichtigen Frauen in seinem Leben spät, zu spät. Im Land seiner Vorfahren trifft er auf eine Schönheit, mit der es vielleicht sogar echte Liebe geben könnte. Eine andere Schlüsselszene ist die fast tödliche Prügelei, die nur deshalb ausbricht, weil Milchmann in der Kneipe sich verhält wie ein weißer, reicher Fremder, jedenfalls glauben das seine Kontrahenten. Darin liegt auch die Aktualität des Romans nicht nur für Amerika, sondern auch für unsere zu früh friedlich geglaubten und gehofften Gesellschaften, in denen immer wieder aus Hass und Angst Mord und Totschlag wird. Wir sind, so könnte wohl die Botschaft dieser liebenswerten, ein wenig verschnörkelt erzählten Geschichte lauten, wir sind, obwohl wir es nicht wollen, im Gestern vernetzt, aber selbst, wenn uns das Böse treibt, schleppen wir das Gute mit uns.

GRIME erzählt dagegen, dass wir, obwohl wir es nicht wollen, immer schon im Morgen angekommen sind, und alles das Gute scheint all das Böse nicht verhindern zu können. ‚Das ist keine Dystopie‘ steht auf der Rückseite des Umschlages, sondern ein brillanter Report einer selbst ernannten Realistin. Es ist ziemlich unrealistisch, sich für einen Realisten oder eine Realistin zu halten. Der ganze lange Roman tut so, als ob unser Leben schon jetzt und vor allem in naher Zukunft in jenem Schmutz stattfinden würde, nach dem die im Buch vorherrschende Musikrichtung heißt, nach der der Roman heißt. Tatsächlich sind viele Menschen jetzt schon in der virtuellen Welt abgetaucht. Sicher kann man besonders viele junge Menschen sehen, deren Leben fast ganz im Internet, in ihrem Endgerät, wie es im Roman heißt, spielt, sozusagen ohne sie. Und wir können sogar glauben, dass die beiden Mörder, die wir vorhin erwähnten, reales Leben auf die perfideste, schändlichste, böseste Weise ausprobieren wollten, fühlen wollten, was sie schon oft auf dem Monitor sahen. Aber diese eben doch dystopische Sicht übersieht aus stilistischen Gründen, dass das Internet, das Smartphone, der Computer, die Navigation, die AI für Milliarden Menschen eben auch Bildung, Teilhabe, Rettung, Kunst, Unterhaltung, Sprache, Kommunikation bedeuten. Milliarden Menschen reisen im wahrsten Wortsinn durch die Weltgeschichte, Dutzende Millionen Menschen können den Ort politischen oder wirtschaftlichen Elends verlassen und finden sich mit zusammengesuchten Brocken Englisch zurecht und den Weg zur nächsten Polizeistation. Ein Roman ist keine Universalenzyklopädie, aber ein Mentalatlas schon. Echt dagegen scheint die Angst vor der neuen Versklavung zu sein, die noch dazu mit vollständiger Überwachung einherzugehen scheint. Wir alle wissen jedoch noch nicht, ob es wieder Staatswesen geben wird, die – ähnlich wie die derzeitige chinesische Regierung – an einer solchen Kontrolle interessiert sein werden. Die Wirtschaft ist an uns als Konsumenten interessiert, und das beschreibt Berg in ihrem kunstvoll konstruierten Stil, der manchmal – bis in die generierten Pejorative hinein – von AI inspiriert ist. Die Wirtschaft ist an uns interessiert – ‚wir sind die verdammte Zukunft‘ [S. 509] -, aber wir müssen nicht bestellen. Es gibt eben keine Plus- oder Minuspunkte für Verhalten, wenn sich auch die Wähler von Trump, Putin, Bolsonaro, Erdoğan, Orban und wie sie alle heißen das wünschen. Mugabe ist schon gestorben, Strache und Salvini sind hinweggewischt und Erdoğan wackelt. China wird mit dieser Ordnung nicht triumphieren können.

Die fast entpersönlichten Figuren sind wahrlich traurige Gestalten, deren Vorbilder in der Wirklichkeit nicht bestritten werden können, aber sie sind, genauso wie der Schmutz der Städte, singulär, beherrschbar, sekundär. Übersehen wird der Sozialstaat als Bindemittel, dagegen wird seine Entmündigungstatsache in den Vordergrund geschoben. Dass wir uns in einer schwierigen Phase, in einer Krise sowohl der Demokratie als auch der Arbeitswelt befinden, heißt doch nicht, dass wir in dieser Krise verbleiben oder gar vergehen.

Die Hoffnung bei Morrison ist das Finden einer neuen Identität und vor allem Individualität. Die Hoffnung bei Berg bleibt aus. Und unter diesem Aspekt sind die 600 kunstvollen Seiten dann 500 zu viel. Die entpersönlichten Figuren entwickeln sich nur zum Schmutz hin. Zwar sterben auch bei Morrison wichtige Protagonisten, aber dass Thome erst sein ungeliebtes und ungeborenes Geschwisterchen mit den Knien tottritt, dann seine gehasste Stiefmutter ermordet und in Säure auflöst, dann den Vater, der nicht zum neuen Premierminister gewählt worden war, auf dessen Bitten hin – in ausdrücklicher Erinnerung an die Jagdszene –  erschießt, um sich dann selbst zu entseelen oder zu entleiben, das geht doch sehr weit in einen abgrundtiefen Pessimismus hinein. Es gibt in GRIME keine großartigen Momente, aber großartige Sentenzen und Erkenntnisse. Eine dieser guten Ideen ist es, die Weltbevölkerung gegen eine neue Weltbevölkerung auszutauschen. Einer der großen Sätze ist: ‚Emotionen, Hass und Wut, sie sind wie Saurier in einem kleinen Reisebus.‘ oder ‚Kaufen. Das hat sich bewährt. Es war noch einfacher als ein Glaube.‘ Darüber kann man natürlich streiten.

Die zerbrochene Welt, die dann nur noch der Schmutz zusammenhält, wird durch eine gebrochene und zerbrechende Syntax dargestellt. Das geht beinahe bis zum Exzess, allerdings auch auf Kosten des Lesers. Morrisons Stil dagegen wird durch die Übersetzung aus dem Slang heraus in eine gewisse Piefigkeit hineingezogen, liest sich aber überwiegend konventionell.

Die beiden großen Frauen setzen zu einem grandiosen Schluss an, beinahe wie Mahler in der dritten Sinfonie. Was aber bei Morrison Spannung bis zur letzten Zeile ist, ist bei Berg keine Entspannung, auch keine Entwarnung, wenn auch ganz zum Schluss, auf den allerletzten Seiten dann doch noch die Notbremse gezogen wird: die Welt geht vielleicht nicht unter. Davon nicht. Jetzt.

1000 Seiten, von zwei Frauen geschrieben, sind doch eine andere Sicht auf die Welt. Sie hat früher gefehlt: Stillen aus der Sicht des Kindes (Morrison) oder Sex aus der Sicht einer achtjährigen Nutte (Berg). Beide zeigen auch, dass das Unten der Frau und der Schwarzen nur ein Unten aus der Sicht der weißen alten Patriarchen war. Vielleicht hat Freud das mit seinem Übervater gemeint. In beiden Büchern wird auch das altväterliche Element der Namen und ihrer Bedeutung dekonstruiert. Die Namen der ehemaligen Sklaven sind fast genauso Beinahe-Karikaturen – übrigens auch der Bibel – wie die HipHop-Namen der Postpostpostmoderne, der angeblich nahen Zukunft. But: what’s in a name, wusste schon Shakespeare. Auf der einen Seite, das können wir bei Morrison lesen, wird eine neue Menschlichkeit geboren werden, wo sie früher gerade am wenigsten vermutet wurde. Auf der anderen Seite lesen wir bei Berg nicht, dass die Welt nicht nur digitaler, sondern auch komplexer und vielleicht ein bisschen besser wird. Wir hoffen es jedenfalls.