BTHVN-WEIHNÄCHTE

 

Nr. 383

 

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD? *

 

Es ist schwer vorstellbar, dass Beethoven Weihnachten gefeiert hat. Weihnachten beginnt auch erst so richtig im neunzehnten Jahrhundert. Trotzdem gibt es einen Anhaltspunkt: die sechste Sinfonie. Von der Natur haben wir ähnlich veridyllisierte Vorstellungen wie von Weihnachten. Das hängt mit unserer Kindheit und den dort entstandenen Idealen zusammen. Weihnachten erschien uns, als wir Kinder waren, nicht als diese völlig mit überflüssigen Geschenken und viel zu vielem Essen überladene Freizeit. Weihnachten war (und ist?) für Kinder ein mystischer Ort und eine mystische Zeit. Aus dem Lied nur kennen wir das Gehämmere des Vaters an den neuen oder rekonstruierten Spielzeugen, die dann im Licht der Stearinkerzen erstrahlten. Lichter und Weihnachtsbäume gehören allerdings zum heidnischen Inventar, das sonst von der Kirche gern als unstatthaft denunziert wird. Wir dagegen lehnen den Begriff des ‚Heiden‘ ab, weil wir uns fragen, warum ausgerechnet diejenigen Menschen, die die Natur noch als Unbill und Heil erlebten, unspiritueller gewesen sein sollen als wir mit unserem Assekuranzdenken.  Wer unsere Vorfahren als ‚Heiden‘ oder anders beschimpft, hat wohl kein Verständnis für Höhlen- und Felsmalerei entwickeln können.

Und alles, was zwischen Höhlenbildern und Weihnachten liegt, wird in der auch Pastorale genannten Sinfonie geschildert. Wie in einem Roman, der ebenfalls in dieser Zeit aufkam, entwirft Beethoven hier in einem Gemälde wie von Pieter Brueghel einen Schnitt durch Ort und Zeit. Die Natur verkam zu dieser Zeit zum Ort des Ausflugs, was auch ein metaphorisches Wort für die Scheinidentifikation des Menschen mit der Natur war. Man wanderte – lebensmäßig – in die Städte ein, am Sonntag aber aus den Städten in die Natur, aber vielleicht doch mehr in die Ausflugslokale. Beethoven reiht sich hier ein in die, vor allem romantischen, Beschreiber des Rousseauschen ‚Zurück zur Natur‘, das ja nur zeigt, wie weit sich die europäisch-nordamerikanische Menschheit schon von der Natur entfernt hatte. Rousseau war es auch, der alle bisherigen Theorien vom Menschen als bloße Distanzierung von der und Erhebung über die Natur entlarvte. Sein missgünstiger Kollege Voltaire schrieb ihm daraufhin, dass er, seit er das las, glaube, auf allen Vieren gehen zu müssen. So groß war der Abscheu selbst hochgebildeter Aufklärer vor der einfachen Tatsache der Gleichheit, die Gleichartigkeit wie die daraus folgende Gleichberechtigung meint, nicht eine geistige oder körperliche UNIFORMIERTHEIT. Jede Herabsetzung und Verächtlichmachung dieser Gleichheit beruht auf UNINFORMIERTHEIT.  Das ist der wahre Grund, warum es keine eigentliche rechte Theorie gibt: man kann Uninformiertheit nicht aufschreiben. Von Graf Gobineau über den unsäglichen Houston Stewart Chamberlain bis hin zu Oswald Spenglers ‚Untergang des Abendlandes‘, der  wenigstens noch in seiner Loserfantasy wortgewaltig zu schwelgen verstand, von Kubitschek als bloßem Nachplapperer  zu schweigen, steht in den Büchern mehr oder weniger nichts, nichts, das wir nicht schon wüssten und entweder aus gutem Grund abgelehnt hätten oder das sich selbst in sinnlosen Kriegen verzehrt und ausgelöscht hätte.

Der zweite Weg, uns von der Natur zu entfernen, ist unsere Ernährung, der Brühwürfel als Metapher und Inbegriff zwar ausreichender, aber naturferner und substituierter** Sättigung. Justus von Liebig und Julius Maggi haben zwar einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers geleistet, Liebig sogar doppelt durch die elementare Düngung, aber gleichzeitig auch zur Industrialisierung der Landwirtschaft und damit der Natur.  Heute stellen pervertierte Landwirte Kreuze in die Landschaft, die sie unter ihren Feldern nicht mehr erkennen, nicht etwa um auf das Artensterben hinzuweisen, sondern auf die Minderung ihres Profits. Das Christentum hat scheinbar nicht nur die Deutungshoheit über Weihnachten und Ostern verloren, sondern auch über das makabre Symbol des Kreuzes. Die mechanische und chemische Einwirkung auf den Boden hat seither in automatischen Maschinen, die Mälzels Schachautomaten schon von der Funktion her in den Schatten stellen, gigantische Ausmaße angenommen. Man könnte, um den Begriff der Megamaschine aufzugreifen, der geschaffen wurde, um zu erklären, wie riesige Steine zu Megalithgräbern aufgehäuft werden konnten, von einer solchen gigantischen Maschine sprechen, die sich anschickt, global alles zu vernichten, über und unter dem Wasser- und Erdspiegel. Wir werden Beethoven nicht missbrauchen, um in die Partei des Dystopien, der sich selbst als realistisch bezeichnenden Untergangs- und Loserfantasien einzutreten, im Gegenteil wollen wir auf den selbstverschuldeten Werteverfall hinweisen, der sich aus der Lösung der gravierenden drei Probleme der Menschheit ergab: Hunger, Krieg und Pest. Der Jubel über das Überleben übertönte sie Sorge über den möglichen Untergang nicht etwa des Abendlandes, sondern aller Länder. Es bleibt, nebenbei bemerkt, völlig unverständlich, wie man angesichts solcher schwerwiegenden Probleme annehmen kann, dass das völlig in Problemen und Ruinen versunkene Morgenland sich anschicken könnte, das Abendland zu usurpieren. Weder wird es irgendeine Religion noch einmal zur Weltherrschaft schaffen noch ein Land, das nicht kann als seine eigenen Bewohner in Gefängnisse zu stecken und die Erde ohne Rücksicht auf ihren Verlust auszubeuten.

Beethoven konnte das alles nicht wissen, als er 1808 seine sechste Sinfonie schrieb, aber er wusste, was Hunger ist, weshalb sein kleines Lied von dem hungrigen Savoyarden mit dem Murmeltier genauso eindrücklich ist wie seine romanhafte Beschreibung der Natur. Aber er beschreibt keine Idylle, sondern ein Ziel: zurück zur Natur. Wir können nicht glauben, dass die Entwicklung immer größerer und immer naturfernerer Megastädte etwas anderes sein kann als steingewordene Dystopie. Umgekehrt ist die sechste Sinfonie klanggewordener Jubel über die Vielfalt und Schönheit der Natur. Sobald man sie geldwert umrechnet, wird sie selbst zum Feind: fünfzig Millionen Küken werden jährlich in Deutschland geschreddert, Millionen Ferkel ohne Betäubung kastriert, ein Kalb kostet im Moment neun Euro, ein anderthalbjähriger Zuchtbulle dagegen 100.000 €. Das ist alles Ausdruck widernatürlicher Gier und Perversion von uns allen, die wir nicht zurückfinden können zur Natur des Menschen, der irgendwo in der Natur liegen muss. Aber vielleicht ist das auch schon eine Dystopie.

 

*Brief an Struve 1795

**durch Hilfsstoffe wie zum Beispiel Geschmacksverstärker ersetzt

DIE BTHVN EMANZIPATION

Nr. 382

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?*

 

Als der junge Beethoven 1792 von Bonn nach Wien zu einem Studienaufenthalt aufbrach, von dem er übrigens nie zurückkam, brach die europäische Menschheit zu einer ähnlich dimensionierten Veränderung des gesamten Lebens auf, wie wir sie heute erleben. Wir können deshalb gut verstehen, dass und wie den Menschen das Staunen im Halse steckenblieb. Damals ging es auf der einen Seite um das, was wir heute Menschenrechte nennen, auf der anderen Seite um eine beinahe nicht vorstellbare Technisierung der menschlichen Existenz.

Beethoven war mit einem der großen Erfinder seiner Zeit eng befreundet, Nepomuk Mälzel. Wir kennen ihn als den Konstrukteur des Metronoms, eines einfachen mechanischen Uhrwerks, das den Takt der Musik misst oder antizipiert. György Ligeti, der 1967 den Beethovenpreis der Stadt Bonn erhielt, schrieb 1962 ein Poem für 100 Metronome, das zeigt, dass alle Präzisionsinstrumente falsch gehen. Es gibt keine Gleichzeitigkeit. Es gibt keine Hierarchie. Mälzel konstruierte aber auch einen Schachautomaten, der ein mechanisch-kommunikatives Meisterwerk, aber gleichzeitig ein double fake war, indem Mälzel die Urkonstruktion gekauft und nur verbessert hatte und indem in dem Apparat ein Schachspieler verborgen war, was viel später Edgar Allan Poe nur durch Beobachtung und Argumentation nachweisen konnte, ein seltener Fall der Kraft der Worte. Die damaligen Menschen begegneten Maschinen, die sie nicht verstanden, sie standen einer Welt gegenüber, wie Professor Hegel in Berlin verkündete, die sie selbst nicht gemacht hatten. Es verband sich auch am Beginn des mechanisch-industriellen Zeitalters der moderne Begriff der Maschine mit dem des Dämons. Ganz so hatten die alten Griechen auf ihrem Theater unliebsame Probleme durch den deus ex machina, den Gott aus der (Theater-)Maschine lösen lassen.

Beethoven erlebte – und vielleicht erklärt von Nepomuk Mälzel, übrigens weltberühmt durch seine Automaten, die keine fakes waren, er war im gleichen Jahr wie Beethoven nach Wien gekommen – den Beginn der Eisenbahn, der Dampfschifffahrt, der Luftschifffahrt, des Liverpool-Kapitalismus und der Verkündung der Menschenrechte durch die amerikanische und französische Revolution. So wie heute waren das zunächst Ereignisse, die nur in den – ebenfalls soeben erst erfundenen – Zeitungen verkündet wurden und die man im täglichen Leben vergebens suchte, andererseits war jedem denkenden Menschen klar, dass sich die Welt soeben tatsächlich änderte.

Während das neunzehnte Jahrhundert in Beethoven den genialen Nerd sah, der auf seinen Flügeln, die damals noch Pianoforte hießen, sempre forte herumhämmerte und im täglichen Leben zum Scheitern verurteilt war, unterstützt wurde diese Lebensuntüchtigkeit durch seinen extremen Alkoholismus und die dadurch – mit – verursachte Taubheit, sehen wir heute eher den emanzipierten Bürger.

Mit Ausnahme weniger Denker, etwa Rousseau und Alexander von Humboldt, ging man von einer natürlichen hierarchischen Ordnung aus, die qualitative und vor allem unveränderbare Unterschiede beschrieb. Demzufolge war der Bürger ein besserer Handwerker, wenn nicht überhaupt der Handwerker, der dem Adel zu dienen hatte. Allerdings gab es immer Ausnahmen, Adlige, wie Friedrich II. von Preußen oder eben Humboldt, die das anders sahen, oder Bürgerliche wie Goethe, denen es gelang, ganz nach oben zu kommen. Aber noch Beethoven haderte mit dem kleinen Buchstabenunterschied seiner Herkunft, er wäre gern ein von Beethoven gewesen. Schließlich hat er den fehlenden Buchstaben durch Selbstbewusstsein ersetzt. Der Bürger ist also jemand, der Herkunft durch Leistung ersetzt. Das ganze folgende neunzehnte Jahrhundert würde zeigen, dass die bedeutendsten Denkfehler der Menschheit Identität und Definition sind. Rousseau zeigte den Wilden, so nannte man damals die nichteuropäischen Menschen, als moralisch höherstehend, Darwin zeigte Wal und Fledermaus als Säugetiere und das Säugetier Mensch als Teil und nicht Vorstand der Natur. Napoleon riss, wir hören es heute nicht mehr so gerne, die Standesschranken nieder und erklärte alle Menschen für Brüder, was Schiller dann für die Neuzeit kodifizierte und Beethoven in die allgemeingültige Form goss.

Der Bürger war ein riesiger Brocken im Emanzipationskuchen, an dem seit der Renaissance gebacken wurde. Bonner Freunde berichteten Beethoven sicherlich von einem anderen Schritt zur Verbrüderung: erfreute Bürger schlugen mit Beilen das Tor zum Bonner Ghetto ein, nachdem die französische Besatzung die Juden zu freien Bürgern erklärt hatte. Im benachbarten Frankfurt stieg nicht nur Bürger Goethe auf, sondern auch die ein Jahrhundert lang finanzmächtige Familie Rothschild, vor der die Neurechten heute noch zittern, so mächtig war ihr Ruf.

Beethoven hat die Widmung seiner dritten Sinfonie** rückgängig gemacht, als ihr Namensgeber, der Bürgergeneral, sich als Kaiser definierte. Aber solche Bezeichnungen – Eroica, die Heldenhafte – und solche Widmungen sind ohnehin Zeitgeist und nicht Grundlage der Interpretation. Die rechte Interpretation ist das, was wir hören. Man muss nicht Musik oder Wissenschaft studieren, um Musik zu verstehen: Rap kam aus den New Yorker Ghettos und ist heute so populär wie damals in Wien Beethoven. Verdi griff einem Leierkastenmann in die Kurbel, weil ihm das Tempo nicht gefiel, und heute kann jeder Mensch auf der Welt ALL YOU NEED IS LOVE pfeifen.

Heute kann man sich zuhause ganz sicher fünfzig verschiedene Aufnahmen der dritten Sinfonie anhören und man denkt bestimmt nicht an Napoleon oder Nichtnapoleon. Vielleicht hört man im vierten Satz zwei Themen oder Motive miteinander abwechseln. Sie werden beide ausgeführt, das starke, strahlende, große und das softe Thema, das den Menschen weichzeichnet, fragil, empathisch. Dann donnert wieder die Emphase dazwischen: sei Held, Held, Held. Aber das kleine weiche Thema summt: bleib Mensch, bleib Mensch, bleib Mensch. Der afrodeutsche Rapper Filimon Mbrhatu rappt: Mensch ist Mensch und Papier ist Papier. Er meint seinen nicht vorhandenen Pass, obwohl er doch offensichtlich vorhanden ist. Wo ist der Unterschied zu Beethoven?

Beethoven hat die beiden Themen dann so zusammengeführt, übereinander gelegt, wie es vor ihm – aber ganz anders – nur Bach konnte. Der Mensch ist nicht definierbar, reduzierbar, schon gar nicht durch seine Identität oder Herkunft. In seinem Inneren widerstreiten immer verschiedene Prinzipien oder Geiste. Wir erleben es gerade jetzt: das Analoge lässt sich durch das Digitale nicht austreiben. Im Mittelalter sang man: so treiben wir den Winter aus, durch unsre Stadt zum Tor hinaus, aber wir wissen und auch Beethoven wusste, dass es leider nicht geht, denn er hatte das Jahr ohne Sommer, 1815, miterlebt. Der Osten lässt sich durch den Westen nicht vertreiben, so schallt es aus Sachsen. Die Autoritären, die Menschen töten, bekämpfen die Liberalen, die auf Einsicht hoffen. Und so ist immer alles offen: Beethoven, dritte Sinfonie, vierter Satz.

 

*1795, Brief an Struve

**opus 55, Es-Dur, 1805

DER POP BTHVN

 

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD.[1]

Nr. 381

Man wüsste heute wohl kaum, wo Savoyen liegt, wenn es nicht ein berühmtes Skigebiet wäre und ein nicht weniger berühmter Prinz aus dem Hause Savoyen einst die Türken aus Europa vertrieben hätte und schließlich in einem früher sehr bekannten Lied von den kleinen Jungen aus Savoyen berichtet würde, die sich mit ihren dressierten Murmeltieren durch Europa bettelten.  Goethe soll sich in so einen verlausten und verkrätzten Jungen dichterisch verguckt haben, so dass er ihn in seine Komödie ‚Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern‘ auch mit dem Namen seines Murmeltieres aufnahm. Beethoven wiederum las den Text und schrieb, ebenso wie zu der Tragödie Egmont die Schauspielmusik[2]. Das Lied ging in den Volksliedschatz ein, später in das Repertoire der Jugendbewegung und Lebensreformer um die 19. Jahrhundertwende. Dann tauchte es mit seiner schelmischen Sozialkritik ein bisher letztes Mal in der Friedens- und Singer-Songwriter-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf. Wer nicht glauben kann, dass die Melodie von Beethoven stammt, höre zum Vergleich den dritten Satz des ersten Klavierkonzerts, wo er mit dem gleichen slawisch-romantischen Wechsel zwischen Dur und Moll spielt. Eine ganz kleine Ecke von Beethoven ahnt also eine Winzigkeit von Tschaikowski voraus.  Wer nicht glauben kann, dass die Melodie von Beethoven stammt, überprüfe in diesem Jahr sein Beethovenbild.

Goethes Schwank oder Posse wirkt heute etwas verstaubt, am lebendigsten sind noch das Mädchen, das Eier und Milch verkauft und um das sich der Zigeunerhauptmann und sein Bursche streiten, und der Knabe Marmotte [ICH KOMME SCHON DURCH MANCHE LAND], der die Menschen auf dem Jahrmarkt mit seinem Lied und mit seinen Kunststücken erfreut. Er ist so eindringlich, obwohl sein Auftritt in der Weltliteratur winzigst ist, dass es im neunzehnten Jahrhundert ein Standardsujet für Gemälde gab, auf dem seine Tränen, nicht aber seine Krätze dargestellt waren. Die Reichen verkitschen sogar das Elend der Armen, während die Armen in den Hochglanzmagazinen die Allüren der Reichen bewundern. Trotzdem ist es erstaunlich, welch langwährende Wirkung ein so kleines, allerdings auch sehr schönes Lied haben kann. Es spielt mit dem Hunger, gleich zweimal mit der Erotik einer Jungfer und genauso mit Dur und Moll. Beethoven ist eben nicht der Held auf einem Sockel, wenn er auch nicht der Gelegenheitskomponist war wie Bach, Händel oder gar Scarlatti und Haydn.  Trotz der sechsundfünfzig Wohnungen in dreißig Wiener Jahren ist er nicht das ungehobelte Genie gewesen, das im Leben nicht zurechtkam. Er hatte viele Freunde, aber vor allem auch Freundinnen, Briefwechselpartner, Mäzene, Kollegen, allein bei der Uraufführung der siebten Sinfonie spielte ein Dutzend berühmter Musiker aus ganz Europa mit! Und er hat eben nicht nur tiefgründige Großmeisterwerke, sondern auch sehr schöne Petitessen wie dieses Lied geschrieben, das immerhin auch nach mehr als zweihundert Jahren weit bekannter ist als das ziemlich veraltete und vergessene Theaterstück seines Kollegen Goethe, dem es entstammt. Goethe und Beethoven haben sich im Kurpark von Teplitz getroffen und dort promenierte auch die kaiserliche Familie, Beethoven ging mittendurch und ließ sich grüßen, Goethe katzbuckelte am Rande mit gezogenem Hut. Aber obwohl Beethoven der Meinung war, dass es genügend Adlige, dagegen nur einen Beethoven gäbe, hat er zeitlebens bedauert nur van und nicht von zu heißen. Andererseits hatte Goethe in seinem Großherzog nicht nur einen Gönner, sondern auch einen gleichrangigen Freund gefunden, der ihn und Schiller sogar auch noch mit dem von belohnte.

Weithin wird Beethoven auf seine Vertonung der Worte Schillers aus dessen Ode an die Freude reduziert. Sie wird inflationär zu Staatsanlässen und neuen Jahren gespielt, dient außerdem als Europahymne.  Das ist das KLEINENACHTMUSIK- oder KREUZIMGEBIRGESYNDROM.  Manche Kunstwerke verkommen zu Postkarten oder Erkennungsmelodien. Dafür können die Kunstwerke nichts.

Wir hören die neunte Sinfonie nicht als Sinfonie, sondern als dreisätziges Vorspiel zur Ode, und die Ode als Hauptbestandteil des vierten Satzes. Aber so ist es nicht. Jeder der drei Sätze ist eine eigene Sinfonie über ein Element des vierten Satzes. Und der vierte Satz ist ein Gesamtkunstwerk, das Beethoven hier gemeinsam mit Schiller, der leider schon lange tot war, entworfen hat. Die Millionen stürzen nieder, weil sie eben nicht die Freude als die mögliche Triebfeder und Tochter aus dem Elysium, dem vorchristlichen Paradies, erkennen und den Schöpfer der Welt – ein Prinzip, kein Mensch – auch nicht einmal ahnen wollen. Diese Erkenntnisse waren für Beethoven nicht neu, als er sich an die Verwirklichung seines lang gehegten Plans machte, den Schillertext zu vertonen. Schon 1795, also fünfundzwanzigjährig, schrieb er an einen Jugendfreund aus der Bonner Zeit, der inzwischen als Diplomat nach Russland aufbrach, dass er auf die Zeit hoffe, in der es nur Menschen geben wird.

Heute haben wir den kleinen Jungen namens Marmotte, er heißt so wie sein tanzendes Murmeltier, als Stellvertreter der Menschheit benannt. In den nächsten zweiundfünfzig Wochen wollen wir weitere Menschen in Beziehung zur Musik von Beethoven setzen.

Es ist zu befürchten, dass das neuerliche Beethovenjahr, sein 250. Geburtstag im Dezember, zu einer weiteren Inflation führen wird. Was uns früher alles fern war, ist uns heute näher als nah, und was und früher alles rar war, verkommt zur Inflation. Ob man dieser Inflation ausgerechnet mit einer neuen Textfolge wird entgegensteuern können, mag bezweifelt werden, aber nicht, bevor es probiert wurde.

[1] Brief an Heinrich von Struve, 17. September 1795

[2] Opus 52 Nr. 7

DIE RUINE DER HUFNAGELFABRIK

Nr. 380

 

Im Dreieck zwischen der B 167, dem Finowkanal und der Eisenbahnlinie Berlin-Stralsund liegt eine malerische Industrieruine, die von Carl Blechen, der nicht weit von hier tatsächlich gemalt hat, erdacht worden sein könnte. Es ist die erste und einzige Hufnagelfabrik Deutschlands. Die Villa des einstigen Unternehmers ist in einem winzigen Urwald verschwunden, der wohl ein Park war und nun sehr erfolgreich versucht, den Primat der Natur wiederherzustellen. Kulturhistorisch ist es sicher eine Schande, dass solche Orte erst verfallen und dann verschwinden. Andernorts gibt es Bürgerinitiativen, die versuchen, einen Sinn für Ruinen außerhalb rein musealer Vorstellungen zu schaffen. Aber so viele Räume werden nicht mehr gebraucht. Wir halten uns lieber in überheizten und überhitzten Einkaufszentren auf.

Im Jahre 1869 erfand ein deutscher Unternehmer namens Clemens Schreiber eine Maschine zur Herstellung der bis dahin handgeschmiedeten Hufnägel. Es gab zu diesem Zeitpunkt Millionen von Pferden, die Milliarden von Hufnägeln verbrauchten, mit denen die Eisen auf den Hufen der Tiere befestigt wurden. Das typische Geräusch der schnell wachsenden Städte war das Klappern der Hufeisen auf dem Kopfsteinpflaster. Wenn man das Aussterben der Pferde als Zugtiere beklagt, muss man sich gleichzeitig fragen, ob diese Pferde glücklich gewesen sein können. Wenn man allerdings schon nach dem Glück der Pferde fragt, darf man sich auch die nicht sehr zufriedenen Menschen vorstellen. Vielmehr kämpften sie mithilfe der SPD und ihrer Bildungsvereine für den Achtstundentag, die Gleichberechtigung der Frau und für den ihren Aufstieg durch Bildung.

Wenige Jahre nach dem Aufstieg der Hufnagelfabrik begann der Siegeszug des Automobils, das zunächst für ein gefährliches Luxusgut und für einen Pferdemörder gehalten wurde. Die Perfektion eines Systems kann als sicheres Anzeichen für sein Ende gesehen werden. In den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts verlor das Handwerk als produzierendes Gewerbe endgültig seine Bedeutung. Noch hundert Jahre bestand es als Dienstleister fort, um jetzt als Modulaustauscher einer Wegwerfgesellschaft einen weiteren Wertewandel zu erleben. Ausgerechnet der Pferdemörder Automobil wurde zum Symbol von Freiheit und Bildung. Deshalb fällt der Abschied jetzt so schwer. Vielleicht sterben das Automobil und die Sozialdemokratie gemeinsam, aber nicht, weil eine sich Alternative nennende Partei eine bessere Lösung wüsste oder wäre, sondern weil das Automobil und die Sozialdemokratie selbst einen Perfektionsgrad erreicht und eine Perfektionierung der Gesellschaft geschaffen haben, die ihren Tod bedeuten. Die Gesellschaft dagegen sucht sich einen neuen Fetisch und ein neues Ziel.

Der Philosoph dieser Entwicklung war nicht, wie wir lange annahmen, Karl Marx mit seiner obsiegenden Arbeiterklasse, und schon gar nicht Houston Stewart Chamberlain mit seiner obsiegenden Bleichrasse, auch nicht Johann Heinrich Wichern mit seiner Rückkehr zu einer obsiegenden Glaubensmasse, sondern es war der nach dem Preußenkönig benannte Friedrich Wilhelm Nietzsche, der die Umwertung aller Werte voraussagte und nicht mehr an den Sieg irgendeines Prinzips glauben machen wollte. Sein oft missverstandener neuer Typ war nicht der Übermensch einer Klasse, einer ‚Rasse‘ oder eines Glaubens, sondern der flexible fitte Leser.

So wie aber das Werk jedes Philosophen voller Widersprüche und Widerworte ist, wir erinnern an Hegels Afrikabild und Adornos falsches Leben, so scheinen im Leben der Gesellschaft nicht nur Höhen und Tiefen, sondern auch Perfektionen und Zusammenbrüche auf. Kein Wunder also, dass so viele Menschen unbelehrbar und immer wieder auf monolithische fehlerfreie Blöcke des Wissens und des Seins hoffen. Immer noch träumen so viele Menschen von Definitionen und Wahrheiten und schlüssigen Erklärungen, weil es sie so viele Jahrhunderte lang tatsächlich zu geben schien. Es wäre schön, wenn es sie gäbe, wer hat das nicht schon auch gedacht? Aber sie sind vergänglich, sie sind eitel und Asche im Wind, wie es schon beim weisen König Salomo heißt.

In der derzeitigen Krise sowohl der Demokratie als auch des Diskurses, die vielleicht aber auch nur die Vorbereitungsphase zu einer neuen Stufe des gesellschaftlichen Selbstverständnisses ist, geht es merkwürdigerweise nicht darum, Argumente auszutauschen, sondern sich seiner Gruppe und seiner Zugehörigkeit zu versichern. Man redet sozusagen nicht nach vorne zum angenommenen Gegner, sondern nach hinten zum eignen Stall und erfreut sich am zustimmenden Blöken. Wer so fühlt, glaubt sich immer noch in einer abgegrenzten Schafherde, hat von einer Umwertung aller Werte noch nichts bemerkt. Vor allem können wir nicht genau wissen, was und wohin von uns umgewertet wird. Die Zutaten mögen schon bereitliegen, aber wir kennen den Kuchen noch nicht, der offensichtlich auf uns wartet.

Vielleicht könnten die beiden folgenden Vorschläge helfen, uns Menschen in unserem Festigkeits- und Sicherheitswahn zu erschüttern:

Es sollten Gedenkstätten des Zerfalls geschaffen oder Ruinen in der Absicht des Gedenkens aufgesucht werden. Ruinen sind Gegenstücke zur Fiktion, auch in ihrer Sonderform als Vision: verzerrte Wirklichkeiten mit didaktischer Absicht. Der große Häfner* mag uns die Ruinen hingestellt haben, in dem Sinne wie Hölderlin einst vom zerstörten Palmyra erzählte, das man schon wieder beklagen muss. Aber: es wird immer etwas fehlen, das zerstört wurde. Der Wiederaufbau mag ein Trost sein, ein utilitaristisches** Darüberhinweggehen, wir jedoch müssen mit dem Verlust zu leben lernen. Man kann nicht alles einfach zukleistern. Das widerspricht nicht der Notwendigkeit von Neubau und Neukonstruktion, zu der es Mut, Zuversicht, Kreativität und Jugend braucht.

Es sollten kleine Kompendien zuhauf gedruckt werden, wie sie die deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg mit in den Tod nahmen, in denen sie zum Heldentum aufgerufen wurden, genauso wie die Millionen Chinesen, die mit der Mao-Bibel heldenhaftes schaffen sollten, aber Opfer wurden, weil sie geopfert wurden. Allein Salomos und Nietzsches Gedanken enthalten dutzende und aber dutzende Hinweise zur Vergänglichkeit, Shakespeares Frühstück, bei dem man nicht isst (!), sondern gegessen wird, kann gleich auf dem Titel stehen. Es müssen alle Denkperioden der Menschheit und alle Richtungen ausgesucht werden, damit schon in den Zitaten die Widersprüche der wirklichen Welt deutlich werden. Sowohl die Abbildung der widersprüchlichen Welt kann nur in lauter Widersprüchen bestehen, wie auch die Denker sich selbst widersprachen und widerriefen. Adenauers schöner Satz ‚Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern‘, der immer negativ zitiert wird und als Zeichen der Treulosigkeit der Politiker genommen wird, sagt genau das, was wir lernen sollten: von gestern ist nicht soviel zu lernen. Trotzdem gibt es übergreifende Weisheiten, die zu allen Zeiten galten und gelten werden.

*Häfner süddeutsch für Töpfer, in Barockgedichten Gottesmetapher, hier im Sinne des Demiurgen, des personalisierten Prinzips, das die Welt schafft und leitet, aber der Nachteil dieses [Hegelschen] Prinzips ist, dass man daran glauben muss

**nur auf den Nutzen bedacht

DER PAZIFISMUSSCHWÄTZER

 

Eine Weihnachtsbetrachtung

Nr. 379

In dieser Vorweihnachtswoche bin ich dreimal erkannt worden. Gleichzeitig hat sich damit ein Verdacht erhärtet, den ich schon lange habe: dass wir in den reflektierten Bildern und Worten einer Welt leben, statt in einer Welt mit Dingen, Erscheinungen, Bildern und Worten. Der Bruch trat ein, als sich unser Leben in Europa vom Land in die Stadt, vom Feld in die Fabrik und von der Kirche in die Schule verlagerte: Urbanisierung, Industrialisierung und Säkularisierung waren der dritte große Einschnitt nach der neolithischen Revolution und der Renaissance mit dem Buchdruck und dem Beginn der Globalisierung. Den vierten Umbruch erleben wir jetzt mit der Digitalisierung.

Geht man durch eine Sammlung alter Meister der Malerei, so kann man leicht sehen, dass sie eine Welt der Fiktionen malten, eine vorgestellte Welt, zum Beispiel DAS JÜNGSTE GERICHT. Gleichzeitig muss man aber beachten, dass diese Bilder, die wir heute in Museen zu hunderten sehen, früher nur ganz singulär vorhanden waren, in Kirchen für alle, in Rathäusern und Schlössern für Eliten. Hinzu kommt die Kopiermöglichkeit, die es uns erleichtert, einen Masaccio* zu sehen, ohne nach Florenz fahren zu müssen. Die Fiktionen waren antike Mythen und religiöse Erzählungen, allerdings seit der Antike auch schon Portraits und Landschaften, aber die sollen hier nicht interessieren. Dadurch wurde die Vorstellungskraft entwickelt und gestärkt.

Heute dagegen wird die wirkliche Welt täglich tausendfach gespiegelt und kommentiert. Unsere kommunikativen Fähigkeiten werden maschinell so vielfältig und beschleunigt, dass wir sozusagen unserer eigenen Welt nicht mehr folgen können. Wir heutigen Menschen haben also nicht nur die Veränderung selbst zu erleben, die in ähnlicher Dimension auch der Renaissancemensch durchlief, sondern ihre ständige Wiederholung und Kommentierung. Überschlagen wir bitte zur Probe einmal, wie oft wir in den letzten dreißig Jahren den folgenden Satz gehört haben: ‚Das ist…nach meiner Kenntnis…sofort, unverzüglich…“ Das war gestotterter Unsinn, der allerdings Geschichte machte, auch interessant als Lehrbeispiel gegen Verschwörungstheorien. Gleichzeitig entsteht durch diese Allgegenwart der sich überschlagenden und in Endlosschleife reproduzierten Ereignisse auf der einen Seite der Eindruck der eigenen Überlegenheit, auf der anderen Seite aber die Furcht vor dem Vakuum. Die Leerstelle der halbstündlichen Nachrichten, auch wenn nichts passiert, wird durch übereifrige Redakteure durch Sommerlochrhetorik gefüllt.

1

Am Anfang der Woche beschimpfte mich ein Neurechter als Pazifismusschwätzer. Auf meinen Blog über die Nobel Lecture des äthiopischen Premierministers Dr. Abiy Ahmed Ali erwiderte er nicht etwa Argumente – wie auch, Krieg ist bestimmt kein ‚way of life‘, sondern immer ein way of death -, sondern die ewiggestrigen Vorstellungen von ‚Wehrhaftigkeit‘ und dergleichen, wie sie seit altersher von den Bellizisten vorgetragen werden. Nur ist inzwischen Beruhigung in das Leben der Völker eingetreten. Europa hat die längste Friedensperiode seiner Geschichte erleben dürfen. Der Westausgleich und die Westanbindung ist durch einen der wenigen großen Konservativen, Adenauer, der Ostausgleich durch einen der wenigen großen Sozialdemokraten, Brandt, zustande gekommen, durch Handel und Wandel und die EU. Die EU als pseudodemokratisches Monster darzustellen, ist eine glatte, wahrscheinlich auch absichtliche Verkennung ihrer Aufgabe und ihrer Leistung. Selbst die Kritik an der GradheitDerGurke-Norm war böswillig, denn sie war eine Forderung des Handels und kam aus dem nationalen Recht. Man muss die Dimensionen, die Geschichte und die manchmal kollidierenden Interessen beachten, wenn man über dieses größte Projekt Europas seit dem Westfälischen Frieden nachdenkt. Europa, gern von den Neurechten als christliches Abendland bezeichnet, beruht auf Barmherzigkeit und Feindesliebe, nicht auf Wehrhaftigkeit und Waffen. Die Waffen sind nicht am Krieg schuld, aber mit weniger Waffen gibt es auch weniger Mord und Totschlag und Krieg. Pazifismusgeschwätz. Vielleicht sind sie, die bellizistischen Neurechten, auch aufgerufen, das Machwerk eines ihrer Vorboten zu erfüllen: Deutschland abzuschaffen.

Die Rede des äthiopischen PM bezog sich nicht auf pazifistische Visionen, sondern  auf einen konkreten und bewunderswerten Friedensschluss nach einem über vierzig Jahre manchmal schwelenden, manchmal offen ausgetragenen Konflikt. Dieser Krieg, der nicht nur viele Opfer, sondern auch viele Entwicklungschancen kostete, war sinnlos. Er ging um ein paar Quadratmeilen, wie es schon bei Hamlet heißt. Jeder Krieg ist sinnlos, auch der gewonnene, der größte Feldherr ist immer noch Pyrrhos. Abyi Ahmed, der selbst in diesem Krieg war, begründete in Oslo, warum Frieden notwendig und möglich ist. Das heißt, der Geist des Friedens kann sich endlich auch in Afrika ausbreiten. Und das wiederum heißt, dass die kreativen Kräfte in diesem riesigen Gebiet zum zweiten Mal, endlich, endlich, eine Chance haben. Der Krieg ist nicht nur nicht der Vater von allen Dingen, sondern er ist der Pate des Untergangs. Den Bellizisten bleibt nichts als die Arroganz des Unterlegenen. Und: wer sich selbst zum Realisten erklären muss, weil kein anderer es tut, kann schon deswegen keiner sein.

Ich dagegen nehme diesen Beinamen gerne an, selbst wenn der Spender von Missgunst gerieben war: der eloquente Friedensbote.

2

In der Mitte der Woche stand ich mit einem Neubürger, dessen Gesicht seine einzige Verbindung an die Vergangenheit, dessen Hintergrund** aber diese Plattenbausiedlung in der Hauptstadt der Uckermark ist, an seinem neuen Hauseingang. Ein alter Mann schob sein Fahrrad die Kellertreppe hinauf. Wir begrüßten uns freundlich und er erfuhr von seinem neuen Mitbewohner. Und da sagte er: ‚Ich bin ein alter Ossi. Wir sehen das anders.‘ Das war ganz sicher nicht feindlich gemeint. Er wollte offensichtlich erklären, vielleicht sogar rechtfertigen, dass er die Welt anders sieht. Aber es sind dreißig Jahre seit der Wiedervereinigung vergangen, und sein Alter erlaubt die Verwendung des Begriffs der Wiedervereinigung. Aber weshalb hat er mich, obwohl ich es zweimal erklärte: auch ich bin ein alter Ossi, nicht als Ossi – ich verabscheue das Wort – anerkannt? Er hat mich ikonografisch aus seiner Welt ausgeschlossen. Wieso beharren wir weiter und immer weiter auf unseren möglichen Differenzen, die von Äußerlichkeiten geprägt, statt auf unseren Gemeinsamkeiten, die unser wahrer Charakter sind? Es ist übrigens bei jedem Menschen so, dass lediglich sein Gesicht ihn mit seiner Vergangenheit verbindet. Das Angesicht schleppt er sein ganzes Leben mit sich, aber die Hintergründe, ob es das Schweriner Schloss oder Konstanz am Bodensee, Berlin-Kreuzberg oder die Prenzlauer Plattenbausiedlung ist, ändern sich und sind unser Jetzt und Heute. Das Angesicht ist also die einzige Schnittstelle (only face is interface).

Auch wenn er – das unterstellen wir einmal – sein ganzes Leben in dieser Plattenbausiedlung zubrachte, ist nur sein Gesicht gleichgeblieben. Wenn er, falls er gedanklich noch im alten Osten (‚alter Ossi‘) lebt, muss ihm Kaufland als Paradies vorkommen. Wir können ihm keine Ratschläge geben, aber wir denken eher über Auswege aus dem Überfluss und der Plastik- und Wegwerfwelt statt über Wege in die Isolation von Mauern und Vorurteilen nach. Vielleicht sollten wir das einmal im Kaufland oder Neukauf, Real, Marktkauf, Penny oder Netto an den Notausgang schreiben.

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Am Ende der Woche betrat ich die wunderschöne, von Friedrich August Stüler erbaute und von Volkmar Haase*** außen mit einem Stahlaltar geschmückte Matthäuskirche im Berliner Kulturforum. Es war gerade eine Andacht, aber eine sehr nette ältere Frau empfing mich freundlich und sagte mir, dass ‚das hier‘ gleich zuende sei und ich mich für wenige Minuten setzen könne. Woher wusste sie, dass ich mir die eigenartigste Ausstellung der merkwürdig überrealistischen Bilder von Norbert Bisky ansehen und nicht die Andacht hören wollte? Sie hat mich ikonografisch erkannt. Bis auf eine Ausnahme, das Bild mit dem neugeborenen Baby, das hinter dem Steinaltar hängt, sind alle Bilder an der Holzdecke der Kirche angebracht. Einige Spiegel verhelfen zu Einsichten. Überall liegen Fern- und Operngläser herum. Bisky, den einige zu den bedeutendsten Malern der Gegenwart zählen, den man gut mit Neo Rauch vergleichen kann, der wie dieser ein noch nicht so alter Ossi ist, malt die neue Welt mit den Mitteln der alten: das sieht aus wie sozialistischer Realismus, aber die Gegenstände stammen alle von heute. Was der alte Ossi in seiner Plattenbausiedlung nicht schafft, realisiert der realistische Maler: er verwendet die damals euphemistische, übertriebene Freundlichkeit einer eigentlich grauen Welt, um die Probleme der heutigen Welt freundlicher zu sehen, als sie dem einen oder anderen erscheinen mögen. Und damit erklärt er sich nicht selbst zum Realisten, sondern – verstärkt durch die tatsächlichen Spiegel – wird sein Werk zu einem symbolischen Spiegel und zu einer ‚abgekürzten Chronik der Zeit‘, nochmals aus dem Hamlet zitiert.

Aber leben wir nur noch in ikonografischen Gruppen, erkennen uns an Symbolen und Sprechblasen? Es scheint manchmal so, als ob wir unser Leben von außen beobachten würden. Wir bilden uns selbst als Fiktion ab. So sehr die allgegenwärtige und tausendfach kopierte Kunst begrüßenswert ist, so schön es sein mag, jedem Bekannten und vielen Unbekannten in jeder Sekunde den eigenen Seelenzustand mitteilen zu können: zu wenig sehen wir seinen oder ihren Seelenzustand. Wir irren als alter Mann oder als alte Frau in einem Park der freizügigen und allgemeinen Kommunikation ziellos umher. Wenn unser Ziel die Lebensverlängerung ist, was machen wir dann in den letzten dreißig Jahren in den überfüllten Heimen mit unseren zerbrechlichen Rollatoren?

Leider sieht man im Moment ein weiteres Symbol dieser dreifach gespiegelten Symbolwelt: die Weihnachtsmärkte, auf denen man schon lange nichts mehr kaufen will oder muss oder kann, sondern auf die man die überflüssige Zeit und das überflüssige Geld zu Markte trägt, um nichts an Sinn hinzuzugewinnen. Statt mit dem Yesuskind jedes Kind als Neubeginn und Sinnzuwachs zu feiern, raisonnieren wir über den Kinderreichtum der Armen und Migranten, verbreiten Vorurteile über Roma und Afrikaner und schämen uns nicht, selbst keine Kinder und keinen weiteren Sinn – außer Konsum – zu haben.

Ein neues Weihnachten wäre: vom Frieden, den wir machen, auch zu reden, statt in den eigenen Spiegel in das Gesicht des nächsten Menschen zu schauen und mit ihm zu fühlen und an der Bildung der Menschen mit Wort und Tat teilzunehmen.

 

*der gestern (21.12.) 618. Geburtstag hatte und von dem fünf Bilder auch in Berlin zu sehen sind

**Your face is your past, but the background now.

***deutscher Bildhauer in Berlin-Kladow und Brüssow in der Uckermark, 1930-2012

PEACE IS A WAY OF LIFE

 

Friedensnobelpreis für Dr. Abiy Ahmed Ali

Nr. 378

Es gibt immer Kritiker, es gibt immer Besserwisser, es gibt leider immer auch Attentäter. Die absurdeste Kritik an Friedensnobelpreisträger Williy Brandt stammte von Adenauer, Brandt sei nur unehelich. Später haben sie im Wahlkampf ein gentleman agreement gegen solche populistischen Scheinargumente geschlossen.

Auch gegen den Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea, die immerhin einen dreißigjährigen Bruderkrieg geführt haben, gibt es Einwände aus der eritreischen Diaspora, aus Äthiopien selbst und – natürlich – aus Europa. Vielfach sind die Einwände nichts als fatalistische Befürchtungen. Niemand kann die Zukunft voraussehen. Tatsache ist, dass Äthiopien im Moment mit 10% nicht nur die höchste Wirtschaftswachstumsrate in Afrika, sondern sogar weltweit hat. Das ist ein Hoffnungsschimmer, nicht das Ende der Armut.

Kooperationen mit Deutschland und China führen allerdings zu Investitionen, die der Armut entgegenwirken werden. Der erste Weg der neuen Kommissionspräsidentin der EU führte zur Afrikanischen Union nach Addis Abebea. Die Hälfte aller Minister in Äthiopien sind junge, promovierte Ministerinnen. Auch der erste äthiopische Milliardär ist eine Milliardärin. Das ist deshalb so wichtig, weil die Rolle der Frau und die Rolle der Traditionen weitgehend parallel verlaufen und die nächsten Generationen mitbestimmen. Es sieht aber ganz so aus, als ob PM Abiy Ahmed eine solche jähe Wendung der Geschichte sein und veranlassen könnte, auf die so viele Menschen in Afrika hoffen. Dagegen spricht, dass er selbst aus dem militärischen und politischen Establishment kommt, das sich gewöhnlich – wenn überhaupt – nur millimeter- und sekundenweise bewegt. Dafür spricht seine Herkunft aus dem größten, aber nicht dominanten Volk der Oromo, während die letzten hundert Jahre unter amharischer Herrschaft standen, in Eritrea unter der Herrschaft der Tigrinya, die in Äthiopien Tigray heißen. Wie in fast allen afrikanischen Ländern gibt es auch in Äthiopien genügend ethnisches Konfliktpotenzial für tausend Kriege. Abiy Ahmed spricht neben seiner Muttersprache Oromo auch amharisch, tigrinisch, französisch und englisch, wovon sich ein illustres Publikum in Oslo überzeugen konnte.

Dagegen gibt es in beiden Ländern keinen Streit zwischen den beiden großen Religionen. Die ersten Christen Äthiopiens stehen in der Bibel*, und die ersten Muslime waren über das Rote Meer geflohen (!) und der Prophet Mohammed selbst lobte die gute Aufnahme und gelobte ewige Freundschaft.

Der letzte Kaiser, Haile Selassie II., sah sich einerseits als zweihundertfünfzigster Nachfolger des legendären Königs Salomon, andererseits als Erneuerer, der sich am Westen, den er gern und viel bereiste, orientierte. Er wurde durch den Major Mengistu Haile Mariam gestürzt und ermordet, der das Land durch seine prokommunistische Politik in die größte Hungerkatastrophe führte, die Afrika seit den biblischen Plagen gesehen hatte. Die Hungerkatastrophe war so verheerend, dass 1984 NATO und Warschauer Pakt und weitere Länder eine gemeinsame Luftbrücke betrieben, die mit ihren Lebensmittellieferungen allerdings nicht verhindern konnte, das mehrere Millionen Menschen verhungerten. Der inzwischen zum General avancierte Mengistu wurde 1989 während eines Staatsbesuchs bei Erich Honecker gestürzt, ebenso wie dieser am Ende seines und unseres Schicksalsjahres. Seitdem brach der bis dahin verdeckt geführte Bürgerkrieg voll aus und endete mit dem Sieg und der Abspaltung des kleinen Eritrea unter Militärdiktator Isaias Afewerki, während in Äthiopien weiter der Hunger und die Zwietracht herrschten, die das Land lähmten, dessen einzige Bewegung der enorme Bevölkerungszuwachs war. Die Geburtenquote Eritreas ist es auch, die den Diktator uns seine greisen Getreuen gelassen bleiben lassen angesichts des massenhaften Exodus der Elite. Eine Million überwiegend junger Menschen ist bereits geflohen.

In seiner Dankesrede für den Nobelpreis (Nobel Lecture) sagte Abiy Ahmed, dass er gemeinsam mit seinem eritreischen Gesprächspartner erkannte, dass die beiden Nationen (!) nicht Feinde seien, sondern Opfer des gemeinsamen Feindes Armut. Die Bedeutung dieser Rede liegt auch darin, dass sie ganz bewusst und  betont an große Reden anderer Weltenlenker anknüpft, hier und an anderen Stellen an die Inaugurationsrede John F. Kennedys von 1961, der dort sogar die drei biblischen Feinde der Menschhheit – Krieg, Hunger und Pest – beschwor.

Er sei überzeugt gewesen, sagte Abiy Ahmed, dass die imaginäre Mauer zwischen ihren beiden Ländern schon längst hätte niedergerissen sein können, Futur II Konjunktiv. Er bezog sich dabei schon von der Wortwahl her (‚tear down‘) auf die berühmteste Rede Ronald Reagans in Berlin. Zum Glück war es zwischen Äthiopien und Eritrea tatsächlich nur eine symbolische Mauer, die von allen eritreischen Flüchtlingen, die ich kenne, bei Nacht überwunden werden konnte. Mehrmals betont er, dass der Friedensschluss zweiseitig ist und nur zweiseitig sein kann, er bezieht den weltweit als Diktator verachteten Afewerki immer mit ein.

Aber nicht nur das, er versucht uns auf einer Gedankenreise mitzunehmen, die von Äthiopien über das Horn von Afrika, das er sich als Füllhorn Ostafrikas wünscht, bis in die weite Welt geht. Von vielen Menschen nicht beachtet, gibt es einen Politikertyp, früher Weltenlenker geheißen, der die Interessen seines Landes mit der Weltperspektive verknüpft. Letztlich kann für ein Land nur gut sein, was für die Welt gut ist. Dabei kann Äthiopien mit seiner absoluten Völkerbuntheit, es werden 80 Sprachen gesprochen, Modell und Vorbild für die ganze Welt sein. Inzwischen, auch das bemerken leider nicht alle, hat fast jedes Volk eine Diaspora, eine auswärtige Minderheit. Viele Äthiopier und Äthiopierinnen leben in den USA, im Libanon und in Israel, viel Eritreer und Eritreerinnen leben in Deutschland (120.000), in Schweden, in Frankreich und Israel. Anstelle von Mauern, ich zitiere wieder den noch jungen ostafrikanischen Politiker Abiy Ahmed, brauchen wir also Brücken der Freundschaft, der Zusammenarbeit und des guten Willens.

Schon in seiner Rede in Davos, in seinem ersten Buch und jetzt auch in der Nobel Lecture vom 10. 12. 2019 in Oslo stellt er eine äthiopische Philosophie vor, die mit dem amharischen Wort Medemer bezeichnet wird und mit dem südafrikanischen Ubuntu verglichen werden kann: ICH BIN, WEIL WIR SIND. Es ist die Verankerung des Einzelwesens in seiner Community und in der Weltgemeinschaft. Kein Mensch, sagt der jüngste Friedensnobelpreisträger, ist eine Insel, aber jeder kann eine Brücke werden. Er hat diese Weisheit des Volkes von seinen Eltern in einer kleinen Oromosiedlung zusammen mit seinen Geschwistern übertragen bekommen und fasst sie – in dieser Rede – zweimal in die alttestamentarische** Form I AM MY BROTHER’S KEEPER, nicht ohne hinzuzufügen: I AM MY SISTER’S KEEPER. Vielleicht ist es so, dass wir diesen Welt- und Zeitgrundsatz vergessen haben, weil wir gar keine Brüder und Schwestern mehr haben. In Deutschland herrscht Pflegenotstand, in Japan bringen sich die steinalten Menschen reihenweise um, überall im Westen und Norden ist der goalkeeper oder sogar der bookkeeper wichtiger als der Bruder- und Schwesternhüter.  Dann erst, wenn wir alle, und allen voran die Philosophen und Politiker, wieder erkannt  – und vielleicht aus Afrika gelernt – haben werden, dass unsere erste menschliche Pflicht und Freude DAS HÜTEN UND BEWAHREN DER MITMENSCHEN ist, wird der Frieden zu einem way of life, zu einer labor of love, wie nicht John Lennon, sondern Abiy Ahmed in Oslo sagte.

Schön ist es, wenn die Preise der Welt auch an Menschen gehen, die der Welt etwas zu sagen haben, die potenzielle Weltenlenker UND Zeitendenker sind, von denen wir alle lesen und lernen können.

Lasst uns alle dieses lernen, aus einer kleinen ostafrikanischen Siedlung in Westäthiopien und aus dem Saal voller Honoratioren in Oslo:

LET’S ALL BE EACH OTHER’S KEEPERS.

*Apostelgeschichte 826

**Genesis 49

VERPASSTE UMVOLKUNG. FUTUR II

 

Nr. 377

Die Argumente, wenn man sie überhaupt als solche zählen will, der neurechten Bewegungen tänzeln nicht nur auf sehr dünnem Eis, sondern werden auch kampagnenmäßig verbreitet, oft auch nicht ganz leise, so als fürchte man, überhört zu werden. Aber es ist ja gerade umgekehrt: große Teile der Medien und mit ihnen der entsprechend größere Teil der Bevölkerung wartet auf die nächste Runde. Zum Beispiel könnte die AfD einen Vorschlag zu einem neuen Rentensystem machen. Der Bismarcksche Generationenvertrag, der die familiäre Obhut ersetzte, geriet durch den demografischen Wandel, den es in allen wohlhabenden Ländern seit etwa hundert Jahren gibt, ins Wanken. Das ist also nicht die Schuld einer aktuellen Bundesregierung. Überhaupt ist die ahistorische Sicht, das Starren auf den Augenblick, ein merkwürdiges Kennzeichen des neurechten Diskurses.

In den allerdings umstrittenen Gesprächen Adolf Hitlers mit dem später abtrünnigen Danziger Senatspräsidenten Rauschnigg heißt es denn auch, dass Hitler sehr wohl bewusst war, dass der Begriff der Rasse aus der Tierzucht stammte und er, Hitler, versuchen würde, dem deutschen Volk eine ahistorische Sicht aufzudrängen. Am meisten verwundert dabei die Verwendung des Begriffes ‚ahistorisch‘, denn bekanntlich hatte sich Hitler in seiner Schulzeit lieber mit Kriegsspielen und Opernpfeifen beschäftigt und seine Bildung später aus antisemitischen Broschüren im Obdachlosenasyl (‚Männerheim‘) nachgeholt.

Statt uns also mit – beispielsweise, denn es gibt noch weit mehr Probleme – einem neuen Rentenmodell zu erfreuen, statt also konstruktive Politik zu betreiben, verdrießt uns die AfD, von NPD und anderen Splittergruppen ganz zu schweigen, mit immer weiteren möglichen Dekonstruktionen. Selbst in der Kommunalpolitik glänzen diese neurechten Gruppen nur durch dekonstruktive Ausfälle. So gibt es Anfragen zu Inzest, Kriminalität und Einwanderung, obwohl das keine der drängenden Probleme unserer Zeit sind.

Die Einwanderer könnten, so wird immer wieder unterstellt, sei es durch ihre fremde Kultur, durch ihre Religion oder durch ihre traditionelle Fortpflanzungshaltung, die deutsche Bevölkerung sozusagen unterwandern, aushebeln und schließlich austauschen. Diese archaische Angst vor dem Verlust der sexuellen Oberhoheit, davon abgesehen, dass sie zutiefst frauenfeindlich ist, entspricht einem alten antisemitischen Stereotyp. Wahrscheinlich ist dieser Stereotyp noch älter und überhaupt xenophob. Es beruht auf einem ganz einfach zu durchschauenden Denkfehler, der bis in den Jugoslawienkrieg hinein als mörderisches Politikelement verwendet wurde. Der Denkfehler besteht in der Umkehrung der weiblichen und männlichen Rolle bei der Fortpflanzung. Eine Frau kann praktisch pro Jahr ein Kind bekommen, theoretisch weicht die Zahl etwas ab. Ein Mann kann in einer Nacht tausend Kinder zeugen. Wenn man also einem Volk durch Nichtfortpflanzung schaden will, muss man die Frauen von der Fortpflanzung fernhalten, nicht die Männer. Da aber dieses biologische Phänomen durch das kulturelle Rollenverständnis des dominanten Mannes überlagert wurde und ohnehin fast nur im männerdominierten Krieg wirksam war, konnte man von den biblischen Zeiten her, dem nordamerikanischen Rassismus, über Himmlers sexuelle Germanisierungsfantasien bis hin zum versuchten Genozid in Bosnien und Ruanda diese schrecklichen ‚Umvolkungs‘pläne und -taten beobachten. Da von neurechter Seit immer wieder auf den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas hingewiesen wird, muss man deutlich sagen, dass die Rassisten die Mörder waren, während heute Rassisten versuchen, die Einwanderung zu stoppen. Der Goldschatz der Azteken wurde aus Goldgier und rassistischer Verachtung eingeschmolzen.

Jedoch kann man eine Kultur nicht auslöschen, so wie das Weihnachtslicht der Abglanz aller Lichtkulturen, also aller Kulturen ist. Eine einmal aufgestoßene Tür kann man nicht wieder schließen. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sieht – alle Jahre wieder, seit 2000 Jahren – das sinusförmige Hin- und Herwanken der Kulturen, das eben kein Kampf im Sinne von clash* ist. Die verschiedenen Kulturen streben zueinander, weil sie den gleichen Kern haben. Alle Versuche der Segregation, der Hierarchie und der Hegemonie im kulturellen Sinn sind daher gescheitert und werden auch weiter scheitern. Globalisierung, wie böse sie auch angefangen haben mag – wir schreiben hier immer: 1444 mit dem ersten Sklavenschiff – ist weder rein wirtschaftlich zu begreifen noch ist sie die Fortführung der alten Politik mit neuen Mitteln. Vielmehr wird Globalisierung die neue Qualität des menschlichen Zusammenlebens sein, wenn es gelingt die Probleme der Menschheit weiter zügig zu lösen. Während die drei Kernprobleme: Krieg, Hunger, Pest fast überwunden sind, tun sich neue Probleme auf, indem viele technische Problemlösungen unabsehbare Kollateralschäden hatten, allen voran das Energieproblem, besonders mit fossilen Brennstoffen.

Der von Spengler** vorausgesagte Untergang des Abendlandes tritt genauso wenig ein wie der immer wieder von den Zeugen Jehovas prognostizierte, zuweilen auch mit Datum versehene Weltuntergang. Beide beruhen auf dem Denkfehler der Definition. Eine Definition hält einen Wissensfluss an und ist demzufolge nur didaktisch wahr, nicht aber wirklich. Sie ist eitel und vergänglich. Aber die Welt ist sozusagen nicht die Definition eines noch so Hegelschen Demiurgs, man kann sie nicht anhalten. Vielmehr wissen wir seit 1862, als Clausius mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ein lineares Welt- und Naturbild decodierte und stattdessen erkannte, dass die energetische Hauptgröße der Natur die Entropie ist: ‚Denn alles, was entsteht. ist wert, dass es zugrunde geht.‘***

Einige Jahre zuvor, 1822, decodierte Champollion die Hieroglyphen und erkannte damit die Banalität des Göttlichen, das man zuvor in jeder Schrift gesehen hatte. Der umgekehrte Vorgang, die Codierung komplexer und immer komplexerer Zusammenhänge und Prozesse in einem banal-dualen Zeichensystem ist die Grundlage dafür, dass sich die Kulturen, die ohnehin aus einem Punkt in Afrika stammen, weiter und schneller einander annähern werden. Ohnehin waren sie nie gegensätzlich, und der ideologisch nicht deformierte Mensch, der früher seltener war als heute, hat das auch immer schon so gesehen.

Von solchen Gedanken ist das ahistorische und detailverliebte Geschwafel der neurechten Argumonteure weit entfernt. Aber selbst ihr selbsternannter Oberschreiber, Spengler, intellektuell weit über Kubitschek und seinesgleichen stehend, singulär auf weiter Flur, ungeheuer belesen und bewundernswert eloquent, konnte nicht aus dem Schatten seiner eigenen ideologischen Beschränktheit treten. Ein fast formelhaft geschnitzter Satz, der daraus seinen Wahrheitsgehalt ziehen zu können glaubte, erweist sich als Bumerang: ‚Die Judengasse‘, schreibt er auf Seite 950, ‚ist der gotischen Stadt um tausend Jahre voraus.‘ Das klingt einleuchtend und objektiv und ist doch nicht nur der Gipfel pseudowissenschaftlicher Verlogenheit, sondern auch eine tragische Verkehrung der Tatsachen. Wenn es tatsächlich ein Voraus und ein Hinterdrein einer linear vorgestellten Geschichte in gut Hegelscher Tradition geben sollte, dann hätte die Schlussfolgerung aus der Spenglerschen Formel heißen müssen: dann lasst uns die vorauseilenden Kenntnisse der Judengasse schnellstmöglich in die gotische Stadt integrieren.

In tausend Jahren werden wir gesehen haben, was aus dem afrikanischen Dorf zu lernen war.

 

*Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations, 1996

**Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1923

***Goethe, Faust I, Vers 1339f.