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ORIENTEXPRESS

Nr. 228

Der Orientexpress, der legendäre Zug von Paris nach Konstantinopel, fährt in Leere. Inzwischen gibt es auch die beiden großen Bahnhöfe in Istanbul nicht mehr, Sirkesi auf der europäischen Seite und Endstation des Orientexpresses, und Haydarpaşa, der Ausgangspunkt der Bagdadbahn werden sollte.

Der Begriff des Romans wird gewöhnlich aus den romanischen Sprachen, woher er kommt, hergeleitet. Das übersieht die italienische Neuigkeit, novella, aus der die englische und amerikanische novel kommt. Und alle zusammen vergessen, dass nirgendwo länger und ausgiebiger erzählt wurde als im Orient, nicht nur tausendundeine Nacht lang, sondern Jahrtausende.

Die osmanische Herrschaft war traumatisch grausam wie jede Fremdherrschaft. Aber sie hatte ihre Nischen und Kommodationen. Zwar wurde jeder zehnte christliche Knabe in einer ebenso spektakulären wie theatralischen, aber auch leidvollen Aktion (devşirme, Knabenlese) für die Janitscharen, die Elitetruppe der Sultane, geraubt, und die Mütter gingen kilometerweit schreiend und klagend hinter dem Zug her. Aber jeder tausendste Knabe hatte auch die Chance des Aufstiegs. Wenn man das Leid der Familien wegrechnen könnte, dann wäre die Chancenverteilung mathematisch nicht so grundlegend anders als heute. Aus einem bosnischen Bergdorf namens Sokolov, Falkenort, unweit Vişegrads, wurde um 1515 ein solcher Knabe geraubt, der es bis zum Großwesir des Osmanisches Reiches und Schwiegersohn des Sultans Selim II. brachte, nachdem er Admiral und Gouverneur, dritter und zweiter Wesir geworden war. Er hat sich in einer Reihe berühmter Bauten verewigt, die zum Teil, wie die legendäre Brücke über die Drina und die wenig bekannte, aber wunderschöne Moschee (Sokollu Mehmet Paşa Camii), von dem ebenfalls aus der Knabenlese stammenden Megabaumeister Mimar Sinan errichtet worden waren. Was er, der seiner Familie und seinem Volk ein Denkmal errichten wollte, nicht ahnen konnte, dass Jahrhunderte später wieder ein kleiner Junge davon träumen würde, seiner Vergangenheit mit einem Monument zu dienen. Man darf nicht vergessen, dass Bosnien ein kleines, liebenswürdiges, wunderschönes, aber gänzlich unbekanntes Land ist. Ivo Andrić, der später, als er schon als alter Dichter in seiner Belgrader Wohnung sinnierte, den Nobelpreis dafür erhielt, war als kleiner Junge bei seiner Tante in Vişegrad untergebracht. Dort sah er täglich die Brücke, die nicht nur die beiden Ufer der Drina, sondern auch die beiden Welten Orient und Okzident miteinander verband. Die Brücke, die oft auch zerstört wurde, zuletzt im Bosnienkrieg 1992-1995, ist selbst auch ein kultureller Ort gewesen, den der kleine Ivo tief in sich aufgesogen hat. Andrić schrieb eine viel beachtete Dissertation und wurde Botschafter des Königreichs Jugoslawien in Deutschland. Während der deutschen Besatzung, sozusagen im Zwangsexil, schrieb der seine weltberühmte fiktive Chronik ebenjener Brücke in ihrer krassen Widersprüchlichkeit. Die Brücke ist an sich schon die perfekte Metapher der Verbindung von Widersprüchen. In diesem beschaulichen Tal trafen aber nicht nur gewöhnliche Widersprüche, sondern die beiden Welten aufeinander. Sie, diese beiden Welten, sind sich gleichzeitig Orientierung, denn wir haben das Wort son unserem morgendlichen Blick in den Osten, und Feind. Diese Feindschaft wird immer wieder beschworen. Sie ist nicht nur überflüssig, wie inzwischen jede Feindschaft, sondern auch historisch nicht vertretbar. Die Religionen, die so lange Orientierung für fast alle Menschen in Europa und damit auch in Amerika waren, kommen aus dem Orient, die Mathematik, der Kaffee und eben die Erzählkunst, das hohe Abschweifen, die ganz lange, fast permanente Geschichte. Während man lebt erzählt man gleichzeitig sein leben, so dass Leben und Erzählung, Tatsache und Fiktion, zu einem einzigen Fluss zusammenwachsen, so wie die Drina und der Rzaw an der Brücke von Vişegrad. Ivo Andrć hat diese gemächliche, alle Nebengeschichten zulassende orientalische Erzählkunst in die Gegenwart gerettet. Dort hat sie Orhan Pamuk aufgefangen. Pamuk stammt aus einer reichen Istanbuler Familie. Von seinem wunderbaren Haus kann er sowohl über den Bosporus als auch über das Goldene Horn blicken. Diese privilegierte Sicht nutzt er, um die Tiefen menschlichen Verhaltens zu beobachten und zu beschreiben. Seine Geschichte aus tausendundeinem Jahr beschreibt eine Familie, eigentlich nur einen Menschen aus dieser Familie, den Boza-Verkäufer Mevlut Karataş. Da beginnen schon die Symbole. Boza ist ein vergorenes joghurtähnliches Getränk, manchmal mit, manchmal ohne Alkohol, das in den Straßen ausgerufen und lose verkauft wurde, ein Relikt aus dem alten Konstantinopel, die letzte Bastion der Natur vor den heute allgegenwärtigen und allmächtigen Plastikbechern, die eines Tages unsere Meere zugeschüttet haben werden. Karataş, Schwarzstein, und Aktaş, Weißstein, sind die beiden Zweige derselben Familie, die alle vom Land nach Istanbul gehen und damit der merkwürdigen Stadtentwicklung folgen, die zum großen Teil aus Gecekondus besteht, aus Bauten also, die, um die Baugenehmigung zu umgehen, in einer Nacht errichtet wurden. Mevlut geling nicht der Aufstieg. Er bleibt der ewige underdog. Er schreibt mit einem Briefsteller und weiterer Hilfe Liebesbriefe an ein Mädchen, das er nur einmal gesehen hat, und muss dann ihre Schwester heiraten. Aber sie und die beiden Töchter liebt er über alles. Fast könnte man sagen, dass über dem orientalisch erzählten Roman der Satz des Augustinus stünde:  ama et fac quod vis, liebe und tue, was du willst. Aber es zeigt sich, dass man in einem normalen Leben, und das hat eben unser armer Mevlut, nicht tun kann, was man will, sondern was man muss. Also bleibt uns nur zu lieben.

Zwischendurch sollte man allerdings auch immer etwas lesen. Lesen ist keine Sache des Expresses, des Druckes der Geschwindigkeit und des Zeitgeists. Lesen ist Ausdruck – Express – des langen Flusses des Lebens, der keiner Navigation, keiner Kausalität, keinem Zwang folgt. Jedem Anstauen des Flusses folgt eine Entladung, jeder Entladung ein Mäandrieren und Verweilen. Und vielleicht sind wir alle, wie der Fährmann von Visegrad, der vor der Errichtung der berühmten Brücke sein Handwerk verrichtete: ‚Er war ein Mann von hünenhaftem Wuchs und ungewöhnlicher Kraft, aber er war heruntergekommen in vielen Kriegen, in denen er sich hervorgetan hatte. Er besaß nur ein Auge, ein Ohr und ein Bein, das andere war aus Holz. So, ohne Gruß und ohne ein Lächeln, beförderte er Waren und Reisende, launenhaft und eigenwillig, langsam und unregelmäßig, aber ehrlich und sicher, so dass seine Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit genauso weit bekannt waren wie seine Langsamkeit und Eigenwilligkeit.‘

 

 

 

Ivo Andrić,   DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA, Hanser 1962

Orhan Pamuk,  DIESE FREMDHEIT IN MIR, Hanser 2016

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DIE GEGNER SIND ALLE IM INTERNET

Nr. 227

Ein Brief

 

Liebe D.T.,

endlich habe ich nun das von dir geschenkte Buch gelesen und verstehe, warum du es mir geschenkt hast. Viele Schreibende – bei den Lesenden erfährt man es nicht – sind in dieser uns so schnell erscheinenden Zeit – aber ein Blick in den Salomon, Shakespeare und die Barockdichtung zeigt: die fanden die Welt auch zu schnell, bloody tyrant time – fasziniert von der Gleichzeitigkeit der Menschen und Dinge. Wir erleben als nebeneinander stehend, was unsere Vorfahren noch schön sortiert nacheinander erfuhren. Genossen haben sie es auch nicht, sie litten unter dem, was sie sahen, wir leiden an der heutigen Welt und eines unserer klagenden Lieblingsworte ist deshalb auch ‚heutzutage‘, was immer so klingt, wie ein resignierender Greis im Kreis seiner technikbegeisterten Enkel.

Einen alternde Professor, der mit der plötzlich vorhandenen Zeit und dem leeren Raum um ihn her hadert, beschreibt Jenny Erpenbeck aus der Pankower Erpenbeck-Literatur-Dynastie in ihrem jüngsten und hochaktuellen Roman GEHEN, GING, GEGANGEN. Modellhaft stellt er unsere vielfach zerrissene und auf wundersame Weise Gleichzeitigkeit repräsentierende Welt dar. Er kann auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht so recht fassen, dass er im vereinten Deutschland nicht nur lebt, sondern hochangesehen und wohlhabend ist. Zwar wurde das Orchester, in dem seine Frau einst Bratsche spielte, abgewickelt, aber sie hatte, wie wir auf den letzten Seiten erfahren, noch drei weitere Probleme, nämlich dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen konnte, dass ihr Mann eine Klischeegeliebte hatte, nämlich eine Studentin, und dass sie deshalb dem Alkohol in diesen kleinen billigen Chantréfläschchen, die es an der Kasse gibt, verfallen war. Dieses Vakuum füllt der alternde Professor mit seiner Beschäftigung, denn zunächst ist es mehr Interesse als Engagement, für eine Gruppe westafrikanischer Flüchtlinge, die er auf dem Oranienplatz zufällig gesehen hat. Am meisten wundert er sich darüber, dass wir als aufgeklärte, höchstmoderne, mit schnellster Informationstechnik ausgerüstete Menschen nicht in der Lage sind zu unterscheiden, ob wir etwas wollen oder etwas uns will. Würden wir mehr auf die Afrikaner hören, so wäre die Antwort schnell gefunden: Wer das Mittelmeer in lecken Schlauchbooten ohne Steuermann überlebt, mit dem hat Gott etwas vor. Wer kurz vor dem Verhungern ist, dem zeigt das Schicksal einen Ring, der in einer für einen einzelnen Menschen viel zu großen Villa sinnlos herumlag, wie der Leser weiß, schon seit Jahrzehnten. Aber da begibt sich der Dieb, obwohl er sein Überlebensproblem kurzfristig gelöst hat, in ein unlösbares moralisches Dilemma, das mit seinen kindlichen Thesen und unserem übertriebenen Rechtsverständnis kollidiert. Er tritt, obwohl die Erzählerin die Schuldfrage letztlich offen lässt, nach dem möglichen Diebstahl nicht mehr auf und muss sich selbst verleugnen. Wir lehnen aber diese einfachen klaren Denkstrukturen ab und nennen sie kindlich. Wenn wir bei Verstand geblieben sind, lehnen wir aber auch die Produkte eines kranken, bürokratischen Ungeistes ab, der zum Beispiel Duldung als Aussetzung der Abschiebung definiert. Demnach wäre Leben auch nur die Aussetzung des Todes und der Bürokrat in einem üblen Sinne allmächtig. Vielmehr ist der Professor in seiner Ostvilla das Sinnbild, nach dem wir handeln könnten und nach dem er auch im letzten, fast utopisch zu nennenden Kapitel handelt: er füllt sein Sinnvakuum mit Menschenliebe und seine Bibliothek mit lieben Menschen. Um das als richtig, machbar und notwendig zu erkennen, muss er aber erst eine Berliner Odyssee durchlaufen, vom Altersheim, das jetzt ein Flüchtlingsheim ist, aber dann umgebaut wird, nach Spandau und von da in das Kirchen- und Wohnzimmerasyl.

Und genau dort in Spandau, liebe D.T., du hast es vielleicht geahnt, kam auch ich in der ersten Flüchtlingskrise vor zwanzig Jahren zu meinem Interesse an der Verwandlung von Papierfetzen in Menschen. Genau wie damals in Spandau, sind auch hier die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, und das ist allemal besser als in einer Turnhalle, die noch dazu gebraucht wird. Die Kaserne dagegen braucht niemand mehr. In ihren großen, für Appelle und hallige, louisarmstrongmäßige Befehlsschreie gedachten Fluren stehen noch die russischen Bezeichnungen aus der Besatzungszeit. Wenn ich noch länger dorthin gehe, entdecke ich im Keller vielleicht auch noch die Uniform eines toten Wehrmachtshauptmannes. Oben kochen meine Ostafrikaner ihre scharfen Saucen und brutzeln deutsche Hühner zu äthiopischen Kostbarkeiten um. Wie der Professor aus dem Buch erhalte ich als einziger Besteck, ich kann die Suppe nicht mit dem Brot, das injera heißt, essen. Eine weitere schöne Parallele sind die Autofahrten. Die Menschen, die uns an der Kreuzung stehen sehen, vier Schwarze und ein verrückter weißer alter Mann, verstehen die Welt nicht mehr. Und damit haben sie recht: es ist schwer zu verstehen, dass die Welt sich gerade wieder, vielleicht wirklich aller fünfzig Jahre, in einem Umbruch befindet. Wir wissen es nicht, aber vielleicht bringt dieser Umbruch wieder einen Schub Gerechtigkeit. Der fiktive Professor und der reale Dorfschullehrer hören jedenfalls die gleichen Geschichten aus West- und aus Ostafrika: jeder Cent, der hier durch Sparen und billigstes Essen übrig bleibt, wird nach Hause geschickt. Dort muss eine Schwester aus dem Gefängnis in Libyen freigekauft werden, hier wird ein Stück Land für die ganze Familie in Ghana gekauft.

Im Roman, den ich nicht gleich gelesen habe, weil mein Vorurteil gegen dokumentarische Literatur manchmal Zeit haben will, wird ganz deutlich der Gewinn gezeigt, den wir alle von den Flüchtlingen und überhaupt von allen Migranten haben: die Welt, die wir als Erfahrung brauchen, kommt zu uns. Migration ist so gesehen ein Pizzadienst der Weisheit. Unser Sinnvakuum füllt sich langsam, nicht ohne Rückschläge auf.  Das überflüssige (ich hoffe, dass die mitlesenden Ökonomen das leicht verachtende Wortspiel erkennen) Geld wird sinnvoll unter die Menschheit gebracht. Die Umweltkatastrophe, die durch unsere maßlose Energieverschwendung beschleunigt wird, kann durch die Aufnahme von Menschen aus anderen Weltgegenden abgebremst werden. Die Besinnung auf traditionelle Techniken könnte dies noch unterstützen, zum Beispiel Fahrräder aus Bambus, die in Ghana hergestellt werden. In Westafrika gibt es begnadete professionelle Autobastler, die aus von uns aufgegebenen Ruinen keine Nobelkarossen, aber doch fahrtüchtige Flitzer machen. Aus Ostafrika kam einst der Kaffee und kommt er noch, aber wir, die wir ihn lieben, verachten seine Erfinder. Vielleicht war der Finder des Kaffees wirklich ein Ziegenhirt in der äthiopischen Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen munterer waren, wenn sie von einem bestimmten Strauch gefressen hatten. Auch er konnte in der Mittagssonne eine Aufwachdroge gut gebrauchen.

Gestern war ich im Heim verabredet, aber es war niemand da. Später wird eine Botschaft nach der anderen bei Facebook eingehen. In der Küche brutzelte ostafrikanische Köstlichkeit und ein Baby schrie. Und zum zweiten Mal merkte ich, dass sich schwarze Babies (a boy or a girl?) von alten weißen (stupiden?) Männern gern und gut beruhigen lassen. Die Mutter freute es.

Unsere Welten sind offensichtlich nicht nur kompatibel, sondern komplementär. Wenn jeder einen Flüchtling aufnähme, gäbe es keine mehr. Und in noch einem Punkt geht es mir und sollte es uns allen wie dem alternden Professor in dem Roman gehen: Ich kenne nur Sympathisanten. Die Gegner haben sich alle ins Internet verzogen.

 

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Knaus 2015

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HEUTELAND IST MORGENLAND

 

Nr. 226

Der erbitterte Widerstand gegen Angela Merkel ist auch ein Restvorurteil gegen Frauen. Frauen hatten bis 1918 in Deutschland kein Wahlrecht und kein Recht, ein Konto zu eröffnen, selbst dann nicht, wenn sie eine beträchtliche Summe  geerbt hatten, weil die herrschende Meinung den Frauen nicht das Recht absprach, aus Gehässigkeit, aus Machtwillen, aus Demagogie, sondern die Fähigkeit. Man war vor 1918 der festen Überzeugung, dass Frauen und Schwarze über andere, nämlich geringere geistige Fähigkeiten verfügten als Männer. Diese Erkenntnis kam daher, dass es offensichtlich keine Frauen in führenden Positionen gab, keine Dichterinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen. Selbst den Ausnahmen unterstellte man Hilfebedürftigkeit. Maria Theresia regierte nur deshalb so erfolgreich, weil ihr nach außen erst ihr Mann und dann ihr Sohn zur Seite gestellt war, so dass damalige Frauenfeinde die österreichische Politik genau andersherum sehen konnten. Nicht die Vergangenheit war besser, sondern die mangelnde Erkenntnis war einfacher. Früher stimmte die Welt noch, ist der Satz, den man genauso oft hören kann wie: früher war alles besser. Wenn nur alte, weiße, blöde Männer zur Regierung taugen, dann ist nicht die Regierung besser, sondern die Erkenntnis der Fehler und Richtungsweisungen leichter. In den Vereinigten Staaten von Amerika spielt sich gerade eine solche Erkenntnistragödie ab. Die Botschaft, es sei doch alles ganz einfach, den Terror beendet man mit Einreiseverboten, mangelnde Wirtschaftskraft mit Protektionismus und das ewige Zaudern schwarzer, weiblicher, liberaler und junger Menschen mit Aktionismus. Jedoch weiß jeder Mensch: Aktionismus ist blind, weil er wütend wird. Und Wut ist nicht das Gegenteil von Zaudern. Demokratie ist auch nicht zaudern, sondern abwägen, überlegen, erörtern.

Die großen autokratischen Regierungen des neunzehnten Jahrhunderts, die meist auch gleichzeitig monarchisch waren, wurden durch die Abschaffung der einfachen, dichotomischen Sichten ausgehöhlt. Erst nach dem Sturz des Kommunismus 1989 wurde den meisten Menschen klar, dass die große politische Differenz nicht zwischen links und rechts bestand, sondern zwischen autoritär, was zeitweilig auch totalitär genannt wurde, und liberal. Allerdings sind sowohl Freiheit als auch Ordnung als Leitbilder menschlichen Zusammenlebens notwendig. Während aber die Freiheit das wichtigste Ideal und Ziel der Menschen ist, kann die Ordnung immer nur ein begrenztes notwendiges Übel sein. Natürlich hatte Rousseau recht, wenn er schrieb, dass die rechtliche Definition des Raumes oder des Besitzes  der Beginn der Gesellschaft ist, weil sie den ersten Vertrag darstellt. Aber auf Rousseau können sich die Ordnungshüter gerade nicht berufen. Er ist ihnen zum Glück verdächtig. Alle Versuche, den Besitz in Gemeineigentum zu überführen sind dann gescheitert, wenn dies als die neue Ordnung ausgegeben wurde. Allerdings gibt es berühmte Ausnahmen, wie die Allmende, die gemeinsame Weide. Aber es gibt, als Gegenargument, auch das Allmendedilemma, das schädliche Suchen nach dem eigenen Vorteil zulasten der anderen. Man kann es gut mit einem schönen, leider wahren Satz von Goethe aus den ‚Maximen und Reflexionen‘ umschreiben: ‚So eigenartig widersprechend ist der Mensch: zu seinem Vorteil will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.‘[163]

Vielmehr ist die Lösung der Ungerechtigkeit unter uns Menschen in Bildung und allgemeinem Wohlstand zu finden. Das sind beides langwierige, letztlich nur demokratisch zu erlangende Eigenschaften. Die soziale Durchlässigkeit, sozusagen die Abschaffung der Klassen, ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit dem Verlust der elitären, apriorischen Eigenschaften einer vorbestimmten Führung. Wenn jeder und jede nach oben gelangen kann, dann fehlt es, dem Anschein nach, an wirklicher Führung. Deshalb wird von sozialrevolutionärer Seite immer wieder das Auseinanderklaffen von arm und reich betont, das es auch tatsächlich gibt. Allerdings lebt ein Prozent unserer Bevölkerung in märchenhaftem Reichtum, ein Prozent lebt in bitterer, unwürdiger, meist auch unnötiger Armut. Aber dazwischen ist die eigentliche Errungenschaft der Industriegesellschaft: achtundneunzigprozentiger allerdings1 abgestufter Wohlstand. Allerdings2 ist die Befreiung vom Hunger nicht identisch mit dem Erreichen einer Zufriedenheit. Allerdings3 ist allgemeiner Wohlstand nicht Problemlosigkeit. Allerdings4 schaffen weder Wohlstand noch Demokratie den ständigen Widerspruch zwischen Evidenz und Tatsache aus der Welt. Der neue informationelle Zustand scheint dabei sogar eher kontraproduktiv zu sein. Aber auch er ist nicht abschaffbar. Informationelle Isolation ist heute weniger denn je möglich, wünschenswert ist sie ja ohnehin nicht. Nordkorea wird an der einfachen, durch Internet und Fernsehen verbreiteten Tatsache zugrunde gehen, dass Südkorea gar nicht arm ist, obwohl es nach der Logik der Herrscherdynastie arm sein müsste.

Obwohl Autokraten immer mit der Evidenz spielen, um es harmlos zu sagen, sind sie doch immer wieder erfolgreich. Nach einer langen Periode der Liberalität, der Demokratie und auch des Wohlstands sehnen sich mehr Menschen nach autokratischen Verhältnissen, in denen sozusagen die Welt noch stimmt: Mann noch Mann ist und Frau Frau, in denen Männer herrschen und Waffen das Sagen haben, in denen schwarz und weiß deutlich unterscheidbar sind, der Feind außen ist, der Freund innen. Ob Hitler, Honecker oder Höcke glauben, was sie schreien, wissen wir nicht. Es ist aber auch nicht sehr wichtig.

Innenpolitisch machen wir gerne den Wandel zur Demokratie am Jahr 1968 fest. Die Spiegelaffäre war überstanden, Brandt wurde Kanzler und kniete in Warschau, die linken Studenten mutierten von niederzuknüppelnden Staatsfeinden zur Elite. Aber es wird vergessen, dass noch zehn Jahre lang in Baden-Württemberg Filbinger regierte und der CDU die höchsten jemals erreichten Wahlergebnisse einfuhr. Filbinger kämpfte nicht nur gegen linke importierte Studenten, sondern auch gegen einheimische Bauern, die den Rhein für wichtiger erachteten als Atomkraftwerke. Und Filbinger reagierte und regierte nicht nur mit Wasserwerfern, sondern auch mit der Untergangslüge, die gerade wieder modern wird: wenn wir das Atomkraftwerk Wyhl nicht bauen, wird es in zehn Jahren hier dunkel sein. Wenn wir Europa und Amerika nicht zumauern, wird das Abendland untergehen.

morgenland

Evidenz ist oft nicht Erkenntnis, sondern dummer Spruch. Erkenntnis ist so schwer wie Wohlstand und Demokratie. Das dauert.

In seinem zweitberühmtesten Zitat beklagt Hamlet nicht, dass die Welt aus den Fugen, dass etwas faul im Staate, sondern dass ausgerechnet er, der Zauderer und Prokrastinierer, berufen sei, sie einzurichten. Dass wir uns berufen fühlen, Schicksalsschläge hinzunehmen, besonders hartes Leid zu tragen oder die Welt zu verbessern, ist doch auch nur eine Frage der Projektion, nicht des Projekts. Die meisten Menschen folgen ohnehin nur der Musik, befolgen Befehle und folgen damit ihrer eigenen Vergangenheit, unabhängig davon, ob sie erfolgreich war. Gruppe scheint ihnen wichtiger als Erfolg.

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WO WAREN 1967 DIE ACHTUNDSECHZIGER?

Nr. 225

Wir Menschen schwanken in unseren Erwartungen gern zwischen der Apokalypse und dem tausendjährigen Reich. Unsere historischen Emotionen und Dimensionen pendeln vom Minimum auf das Maximum und zurück. Als tausend noch eine große Zahl war, fielen die beiden Begriffe auch gern zusammen. Ein Hauptgrund für diese der täglichen Langeweile widersprechenden Vorstellung ist unser dichotomisches oder bipolares Weltbild. Wir sind immer die Guten, die anderen dürfen das Böse verkörpern. Unser Reich ist das Ende der Geschichte, alles andere muss und wird untergehen. Diese Sicht erzeugt Selbstgerechtigkeit und die schadet einer Idee immer mehr als der äußere Feind, den einzuladen wir so gerne verpassen. Statt sie einzuladen, werden die anderen, die auf der anderen Seite gerne als die Antipoden angesehen, die also nicht nur anders sind, sondern auch noch auf dem Kopf stehen. Diese ganze Feindrhetorik beruht auf dem Unterschied von Evidenz und Tatsache. Erst seit kurzem ist uns bewusst, dass wir Tatsachen nicht so leicht aufnehmen können, wenn überhaupt. Die Relativität von oben und unten hat es den damals herrschenden, ob nun bewusst oder unbewusst, leichtgemacht zu erklären, dass in Australien niemand leben kann, es sei denn, er sei vom bösen Geist besessen, es sei denn, die Erde ist eine Scheibe, es sei denn, die Berichterstatter lügen allesamt. Das war die Erfindung der Lügenpresse. Wir können nicht glauben, dass das, was wir sehen, nicht das ist, was ist, sondern nur das, was wir glauben. Unsere Gewissheit über oben und unten wurde zum ersten Mal erschüttert, als wir eine Milchkanne an unserem Arm herumschleuderten und die Milch nicht auslief. Aber es gibt keine Milchkannen mehr. Eine Karikatur über die europafressende Rothschildbank hat es immerhin schon bis in ein Sozialkundebuch (Autor der Karikatur: David Dees, Anstöße 2, 2012) des Klettverlages geschafft.

Seit vielen Jahren bedauern wird die Abschwächung des Rechtslinksschemas. Merkel wird die Zerstörung des Konservatismus, Schröder die Aufweichung der Sozialdemokratie vorgeworfen. Tatsächlich leben wir in einem reichen Sozialstaat mit Schützen- und Vertriebenenvereinen, mit rechten und linken Parteien, mit einer sehr großen Bandbreite von Meinungen und politischen Absichten. Die Wähler   wählen seit vielen Jahren die Partei oder die Parteien, die Beständigkeit versprechen. Aber Beständigkeit ist nicht identisch mit Konservatismus oder Sozialdemokratismus. Wählen ist nicht nur eine rationale, sondern auch eine emotionale, traditionelle, zeitgeistbelastete, flüchtige Entscheidung. Kaum einer prüft die Parteiprogramme oder die Kandidaten. Jeder, der auf Tatsachen schwören würde, wenn man ihn fragte, folgt hier dem nebulösen Gefühl von Sicherheit und Unsicherheit, von Bündnis und Nationalstaat, von Europa und dem Dorf, in dem seine Großmutter lebt.

1968, und die Jahreszahl ist auch eher Symbol als Tatsache, vollzog sich ein Wandel von der formal schon seit 1917 installierten Demokratie – oder jedenfalls dem Ende von fünf monarchischen Großreichen – zur wirklich gelebten Demokratie mit freien Wahlen, freier Presse, mit Emanzipation der Frauen und der Schwarzen, mit der Revolution und dem bittersten Konservatismus. Am 2. Juni 1967 wurde der schöngeistige Student Benno Ohnesorg in Westberlin von einem blindwütigen Polizisten erschossen, der sowohl Nazi, wie die Hälfte seiner Kollegen, als auch Stasi-Agent war und trotzdem das Denkschema von vor 1917 zu verteidigen glaubte. Ihn trifft der Vorwurf: Wenn wir die Schläger schlagen, sind wir die Schläger. Aber Benno Ohnesorg war kein Schläger, Randalierer, Revolutionär oder dergleichen. Eher war er die Ahnung von dem neuen empathischen, interessierten, hilfreichen Menschen.

Die Frage, die sich jetzt aufdrängt, nachdem genau wieder fünfzig Jahre vergangen sind, ist, ob die Welt sich wieder umkehrt, die Populisten, die Rechten, die Rechtskonservativen das Denken bestimmen werden.

Diese Frage kann niemand beantworten. Wieder kann man nur glauben, obwohl man glaubt Tatsachen zu sehen. Aber wir wollen noch einmal auf 1917 u nd 1967 zurückblicken. Vielleicht haben 1917 mehr Menschen den Krieg für sinnlos gehalten als 1914, wo doch eine satte Mehrheit den Krieg als Lebensgefühl und legitime Methode verstanden hatte. Aber niemand hat auch nur im entferntesten geahnt, dass vier Kaiser  einfach von der Bildfläche verschwinden würden. 1967 hat selbst der sozialdemokratische Pfarrer als Bürgermeister von Westberlin die Weltordnung durch feinsinnige Kunststudenten gefährdet gesehen.

Niemand kann die Zukunft voraussehen. Aber das überlange Festhalten an veralteten Vorstellungen hat immer eher zum Gegenteil dessen geführt, was es wollte oder vorgab zu wollen. Dass es oft einfach um Macht und Geld geht, hat auch nicht zur Glaubwürdigkeit von Politik beigetragen. So wie wir nicht wissen können, ob etwas Tatsache, Meinung oder Ideologie sei, so können wir auch nicht wissen, ob jemand an das selbst glaubt, was er sagt. Wenn wir andererseits immer von Manipulation, Betrug und Verführung ausgehen, muss es ein Skript geben, das jemand kennt und ausnutzt. Aber das Leben hat kein Skript, noch nicht einmal feste Regeln. Ineinandergeschachtelt unterliegen wir biotischem Verhalten, das wir aber aushebeln können (‚Antibabypille‘), sozialem Verhalten, das wir aber manipulieren (Halluzinogene, Populismus) und einem informationellen System, das zwischen Omnipotenz und Infarkt schwankt, wie wir selbst. Vielleicht sind wir in den letzten hundert Jahren aber auch geschickter zum Vorausahnen geworden. Kriege scheiden als Konfliktlösung aus. Mauern dienen keinesfalls dem Handel, der die Voraussetzung zum Wohlstand ist. Teilen ist das Grundprinzip des Sozialstaats und sollte in der Welt nicht gelten? Empathie hat sich nicht nur theoretisch (Jesus, Gandhi), sondern auch praktisch als Basisverhalten bewährt, ebenso wie Emanzipation. Wir glauben heute nicht mehr an die Schädlichkeit oder Besessenheit der Antipoden. Wir sollten gewitzt genug sein, überhaupt gegen anti zu sein. Besonders Ideologien, die sich auf anti stützen oder stützten, haben sich nicht bewährt. Da alle Ideologien für die Macht missbraucht wurden, sollten wir sie überhaupt überdenken oder auf ein Minimum beschränken.

Rechts hebelte die Mitte aus und gebar Links. Links vergaß sich in Selbstgefälligkeit und gebar erneutes Rechts. Was kommt, wird weder links noch rechts sein. Bis dahin können wir schon einmal an alle Wände sprühen: Mr. Trump tear down this wall. 

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CELANs TODESFUGE

Es kann ihnen und uns kein Trost sein, dass der Tod auch Meister aus anderen Ländern war, ihnen nicht, weil sie nicht auferstehen können von den Toten, uns nicht, weil unsere Vorväter die Untaten auf ihr und unser Gewissen geladen haben. Der Dichter entkam den einen Schergen und entkam den anderen Schergen knapp, aber er entkam nicht seinem Gewissen und seiner Erinnerung. Er wurde derjenige, der die törichte Frage für absurd erklärte, ob man nach Auschwitz schreiben könne, man müsse, war seine Antwort, man müsse nach Auschwitz schreiben, auf dass das nicht zu Verstehende gefühlt würde. Sein Gedicht wurde das berühmteste und auch das beste, aber der Preis dafür war sehr hoch: sein Leben.

Es wurde schon oft hineininterpretiert: der einzige Reim in dem Gedicht besteht aus den blauen Augen des Mörders und seinem zielgenauen Schuss. Vielleicht ist es Zufall, dass sich das Gedicht an dieser Stelle reimt. Was es zu einem großen Kunstwerk macht, ist der Gesang des schrecklichen Details, das Rezitativ der Trauer, die Banalität des bösen Briefeschreibers. Das Lager bestand nicht nur aus Schrecken und Tod, sondern auch aus diesen fortwährenden trivialen Befehlen: grabt schneller, grabt tiefer, grabt weiter an eurem Grab, eine Olympiade des Grabens, des Grauens und des Abgrunds. Dieses Gedicht zeigt, dass der Superlativ des Abgrunds nicht nur in der Größe des teuflischen Projekts lag, sondern auch in jedem einzelnen Opfer und jedem einzelnen Täter. Jeder Täter musste ein Maximum an Bösem in sich anhäufen und nach außen dringen lassen. Und jedes Opfer musste ein Maximum an Leid tragen und mit in das vor ihm liegende Grab nehmen. Darüber darf kein Gras wachsen, so nötig uns Gras sonst ist. Immer wieder gibt es Unmut darüber, dass wir, so lange danach, immer noch mit Verantwortung gestraft sind. Der Grund ist dieses unerträgliche Maximum an Leid, das die Opfer auf sich nehmen mussten. Jeder einzelne dieser Menschen hat ein Recht darauf, dass an ihn gedacht wird. In Löcknitz, einem vorpommerschen Städtchen, gab es nur zwei oder drei jüdische Familien, eine davon, die Familie Schwarzweiss, besaß das einzige Kaufhaus am Ort. Der letzte Besitzer hatte den heute peinlichen Vornamen Adolf. Eines Tages traf ich drei alte Frauen, und sie erzählten mir von dem Tag, an dem die drei Familien, voran Dolfi Schwarzweiss, aus ihren Wohnungen getrieben wurden, zum Bahnhof gehen mussten, nach Stettin gebracht wurden. Weiter wollten die drei Frauen nichts wissen. Wir wissen, dass nach Stettin das Todeslager kam, und aus dem Gedicht wissen wir, dass er, der Mörder, Briefe schrieb, dass Dolfi Schwarzweiss und seine Tochter Esther zum Graben singen mussten. Sie stehen im Totenbuch von Mecklenburg und in der Gedenkstätte Yad Vashem. Aber nur ihr Name ist erhalten. Als die Russen kamen, wurde gerade ihr Kauf- und Wohnhaus, in dem auch ein kleiner Betraum war, zerstört. Nichts erinnert mehr an die drei Familien von Löcknitz. Nur das Gedicht.

Dieses Gedicht ohne Satzzeichen, mit nur einem Reim, mit unerträglichem Refrain des Todes, dieses Gedicht lehrt uns, wie falsch es ist, immer noch die Sprache der Täter zu sprechen, nicht deutsch, das ist auch die Sprache der Opfer und des Dichters. Die Sprache der Täter sagt nämlich, dass dort nicht Menschen ermordet wurden, sondern angeblich eine bestimmte Gruppe von Menschen. Wer das betont, glaubt, wie wir wissen, an die Berechtigung seiner Morde. Aber wir? Wir glauben nicht an die Berechtigung zu töten. Wir lassen nur noch den Selbstmord und den Tyrannenmord als Ausnahme vom universellen Tötungsverbot bestehen.

Das ist nicht die Folge des Gedichts, wohl aber die Folge dieser Taten, und die hat dieses Gedicht zuerst und gültig beschrieben. Zu recht wird vom Wirtschaftswunder gesprochen, schon zu unrecht wird es nur westlich der Elbe gesehen. Aber ganz unrecht ist: warum wir nicht – oder zu wenig oder zu langsam – sehen, dass es nach diesem Krieg auch ein Moralwunder gegeben hat. Die Todesstrafe ist abgeschafft, der Krieg wurde für immer geächtet: Nicht der andere ist uns feind, sondern der Krieg. Nicht der Fremde ist  Ursache des Kriegs, sondern der Hunger.

Die Intoleranz steht am Pranger, alle Kinder und Jugendlichen lesen Rousseau und Kant, die Mündigkeit ist Verfassungsgebot, vielleicht am wichtigsten: alle fahren in alle Länder, also alles Fremde wird uns nah.

Fakt und Kontrafakt gehen in diesem Gedicht ineinander über wie im Leben. Wer will entscheiden, ob ‚das Grab in den Lüften’ die Metapher für das Undenkbare ist, oder das reale Bild verbrannter, zu Rauch gewordener Menschen, oder der ewige Ort, hoch oben, aller unserer Seelen?

Das Absurde kann nur im Absurden gezeigt werden, aber das Gedicht ist alles andere als surreal. Es heißt Fuge, weil es die stärkste Verdichtung des Grauens zeigt. Alle Mittel der Kunst werden ausgeschöpft, darunter erschreckend Neues, aber es liest sich trotzdem wie der Bericht eines Überlebenden. Tatsächlich hat sich Celan in die Rolle seiner Mutter versetzt, aus ihrer Sicht, die nicht überlebt hat, ist der Bericht. Er hat sich sein Leben lang Vorwürfe gemacht, dass er überlebt hat, sie nicht. Er war jung. Er ist zweimal weggelaufen, einmal vor den Deutschen, einmal vor den Russen, er, der so gut russisch konnte, dass er die Gedichte des erschossenen Mandelstam kongenial übersetzt hat und, wenn er betrunken war, russische Lieder gegrölt hat, mitten in Paris. Wie seine Heimat war er multilingual. Wie seine Heimat ist er untergegangen. Die Seine in Paris nahm ihn auf, nachdem der Pruth in Czernowitz ihn verstoßen hatte.

Eine Reihe von uns unbekannten Dichtern, die aber alle mit Celan bekannt waren, haben ähnliche Gedichte geschrieben. Celans Gedicht ist das dichteste, das deshalb zurecht das berühmteste wurde und er der berühmte Autor. Es ist schade, dass die anderen Dichter fast oder ganz vergessen sind (Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas), aber das darf uns nicht hindern, Celan zu bewundern. Er selbst hat am meisten unter der von ihm bewusst gewählten – und von manchen Plagiat geschimpften – Intertextualität gelitten. Sein Gedicht ist eine Kompilation aus all den anderen Gedichten, aber auch das Denkmal gewordene Abbild des Schreckens. Besser als ein Geschichtsbuch lässt es uns fühlen (wer nicht hören will, muss fühlen), wie es wäre, wenn wir die Opfer oder die Mörder wären. Als einziger hat Celan es geschafft. Er litt auch darunter, dass dieses Gedicht in den Lesebüchern steht, aber da gehört es hin, zu uns.

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ADENAUER ALS NARZISST

Nr. 223

Schon allein sein Dienstmercedes 300 C Langversion ist heute eine Freude. Mit ihm fuhr er 1958 zu General de Gaulle, seinen Dienstmercedes nahm er nach Moskau mit. Jeden Morgen fuhr er mit ihm auf einer Fähre über seinen geliebten Rhein. Als Adenauer vor fünfzig Jahren starb, war er schon ein steinalter Mann, der zweimal Witwer geworden war, drei politische Systeme überlebt und das vierte wesentlich mitgeprägt hatte. Er starb so gesehen mit einem guten Gewissen. Wie in einem Menschenleben, so ist es auch mit einem Land: hinterher kommt uns alles, was geschah, notwendig vor, richtig, schön. Das Leben wird erst nekrologisch logisch. Die Kunst des Lebens und Überlebens und damit auch der Politik besteht aber gerade darin, dass man nicht weiß, ob das, was  getan wird, sich auch als richtig und gut erweist. Ein schönes Beispiel ist das Werk von Adenauers östlichem Widerpart, die Mauer. Die Wirkung einer Mauer ist, umgekehrt wie das Leben, zunächst evident. Aber ob sich dann auch ein wirklicher Nutzen oder gar Sinn einstellt, ist bei der Berliner Mauer doch eher zu bezweifeln. Wäre sie sinnvoll gewesen, dann hätten wir Ostmenschen unser Schicksal angenommen. Da wir aber täglich in unseren Zeitungen lasen, dass morgen alles besser wird, waren wir zu Verzicht und Demut nicht bereit. Die bedeutendste Leistung von Adenauer dagegen ist eben jene Öffnung nach Westen hin gewesen, die ein paar Jahre später von Brandt durch die Öffnung nach Osten ergänzt wurde. Jahrzehntelang hatte es eine erbitterte Konkurrenz zwischen Frankreich und Deutschland gegeben, wirtschaftlich, kulturell, hegemonisch. Immer wieder fanden sich auf beiden Seiten des Rheins verbohrte Politiker, die den Zwist anheizten und zum Krieg reifen ließen. Drei verheerende Kriege mussten uns schwächen, bis sich Adenauer und de Gaulle in der wunderschönen Kathedrale zu Reims die Hände reichten. Schon lagerten vierhundert Journalisten mit Fotoapparaten und Schreibmaschinen an den geschichtsträchtigen Orten, aber noch wollten die Menschen Symbole und Metaphern sehen, Händedruck statt Großkonferenz. Es ist heute unvorstellbar, dass Europa damals von drei charismatischen Greisen geführt wurde: Churchill, de Gaulle,  Adenauer und auch Amerika bis 1961 einen greisen Präsidenten hatte, der noch dazu ein ehemaliger Fünfsternegeneral war.

Wahrscheinlich haben die Zeitgenossen etwas ganz anderes als größte Leistung Adenauers gesehen. Er reiste 1955 als erster westlicher Staatschef nach Moskau, um diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufzunehmen und die letzten 10.000 Kriegsgefangenen zurückzuholen. Beides gelang ihm nicht ohne Schwierigkeiten. Als die ehemaligen deutschen Soldaten, die sich entscheiden konnten, ob sie nach Ost- oder Westdeutschland entlassen werden wollten, in Friedland bei Hannover eintrafen, war Adenauer anwesend und eine alte, tränenüberströmte Frau versuchte immer wieder, ihm die Hände zu küssen. Adenauer wollte das einerseits abwehren, weil er ein eher distanzierter Mensch war, andererseits verstand er natürlich die Geste und genoss sie. Die alte Frau benahm sich traditionell, sie dankte – bildlich gesprochen – dem Bischof an Gottes statt, da kein Heiland greifbar war, griff sie sich den Verkünder. Politik und Religion waren immer noch eins, wenn auch diese unheilvolle Verbindung schon schwer beschädigt war. Wir können heute nur spekulieren, aber doch annehmen, dass sich die meisten Kriegsgefangenen und ihre Familienangehörigen für unschuldig hielten. Niemand lebt gern mit seiner Schuld. Wir Menschen suchen uns gerne unsere Perspektive aus: mal wollen wir lieber Täter sein, dann wieder scheint uns die Opferrolle angemessen. Aber das Kaninchen, das geschlachtet wird, eines der grausamen Bilder aus meiner Kindheit, tötet nicht noch vorher schnell tausend Mäuse oder Bienen, weil sie unter ihm zu stehen scheinen.

Das Politikverständnis von Adenauer war von dem Ulbrichts also nicht so sehr verschieden. Beide sahen sich als Heilsbringer, die nicht nur eine Botschaft, sondern auch Lösungen hatten. Beide misstrauten ihren Mitarbeitern und Nachfolgern. Beide waren autoritär. Beide waren alt. Warum aber der eine sein Land einmauern ließ, der andere es aber gerade im Gegenteil öffnete, ist eine der unsinnigen Warumfragen, die man nicht beantworten kann.

Erst einem anderen Bundeskanzler ist dann ein Paradigmenwechsel im Politikverständnis gelungen. Willy Brandt hat sich nicht als Heilsbringer gesehen, obwohl er nicht weniger charismatisch war als Adenauer, sondern als erster Bürger seines Landes. Er bat die Nachbarn um Vergebung für etwas, das er nicht mitgetan hatte. Er war übrigens in seinem ersten Wahlkampf, – im zweiten durch gentleman agreement nicht mehr, er verzichtete im Gegenzug auf die Nennung des Altnazis Globke -, von den Konservativen und auch von Adenauer persönlich sowohl als uneheliches Kind als auch als Vaterlandsverräter bezichtigt worden. Fast scheint es so, als ob in dem Wort Volksverräter dieser Ungeist wieder erwacht, wenn auch nur bei einer Minderheit. Auch der vorgestern inaugurierte 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird mit seiner patriotischen Argumentation nicht erfolgreich sein, wie sich schon mit den machtvollen Demonstrationen am nächsten Tag zeigte. Die Zeiten des Einmauerns und Händeküssens sind vorbei. Jeder Politiker braucht eine Portion Narzissmus, um den politischen Alltag zu überstehen, aber Narzissmus ist kein politisches Programm. Übrigens ist schon Narziss an sich selbst und überhaupt gescheitert. Narziss und Echo scheinen jedoch wieder auferstanden.

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DAS MATHEMATIKGEBÄUDE

Nr. 222

für a.r.s

Wenn die Großstadt und das Wetter zusammenstoßen, erscheint es uns oft wie ein Weltuntergang. Dagegen versinkt die Großstadt nur in jener Umwelt, die sie auch ohne die Millionen Menschen wäre. Die Spatzen, Rehe und Wölfe, die früher hier lebten, erlebten auch die Inkommodität des Schneesturms. Aber sie waren nicht so viele, sie hatten keine Lobby, sie waren von Gott verlassen. Der Schneesturm hinderte an diesem Tag selbst die Kanzlerin Deutschlands, rechtzeitig zur Eröffnung der Elbphilharmonie nach Hamburg zu kommen. Wo früher die Rehe und Wölfe waren, ist jetzt das Einsteinufer, das man vor lauter Schnee kaum erkennen konnte. Ein graues Hochhäuschen, im Stil dem Anbau des Rathauses Wedding nicht unähnlich, ist vom Einsteinufer aus gesehen das Portal in die Welt der Mathematik und Informatik. Endlose Gänge, herauskopiert aus science-fiction-Filmen der sechziger Jahre, Automatiktüren, wenige Menschen, diese in sich versonnen und verschlossen. Man läuft mit dem Klischee im Kopf mit dem Kopf durch die offenen Wände. Tatsächlich gibt es keine bessere Metapher für die Offenheit der Gesellschaft, die einerseits ihren Ursprung zweifelsfrei in Jean Jacques Rousseaus Gedanken, andererseits ebenso zweifelsfrei in der Visionswelt John von Neumanns hat, als die Gänge und Übergänge, die Fenster, beinahe möchte man sagen windows, und sich von Zauberhand öffnenden Türen in einem Mathematikgebäude. Man kommt sich in dieser unwirklichen Welt wie Harry Potter und das verwunschene Kind vor, der Twitter als Zauber entlarvt, der keiner ist.

Das Äußere des Gebäudes verblasste an diesem Tag im Schneesturm, hat aber auch sonst schwer zu kämpfen gegen die Siegessäule, gegen die verblichene Königin Sophie Charlotte und den legendären Ernst Reuter, der aber auch lange nach Werner von Siemens kam, der nicht nur das Telefon, damals noch mit ph, als Kommunikationsmittel verbreitete, viele vergessen, dass dieses kleine Berlin, in dem noch vor kurzem die Wölfe am Einsteinufer heulten, der Beginn einer gigantischen technischen Umwälzung war, sondern auch die U- und die Straßenbahn mit Elektromotoren erfand und in die Geschichte losschickte, der irgendwie verlassen den Gebäudekomplex zu bewachen scheint; er hatte hier Vorlesungen gehalten. Von außen wirkt das Gebäude also wie eine ins Unscheinbare abgeglittene Mikroutopie. Innen finden es die angehenden Mathematiker, Informatiker und Ingenieure, die aber alle Siemens als Vorbild haben, etwas veraltet. Nun gibt es aber kaum ein Institut, vielleicht vom Elektronenbeschleuniger der Hamburger Universität abgesehen, in dem schneller gedacht wird, demzufolge die Dinge auch schneller veralten. Tatsächlich ist die Innenarchitektur, die man mit drei Strichen nachzeichnen kann, keineswegs veraltet. Sie ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der Industriegesellschaft. Rote Rohre geben die Begrenzungen, Geländer und fast den gesamten Schmuck ab. Ein Dubai der Petrolchemie ist hier vorweggenommen, ein Spiegel und eine abgekürzte Chronik der Ruhrgebiete und Liverpools und Lothringens, insofern auch eine gesamteuropäische Wallonie, in der aber Zahlen produziert werden. Und diese Omnipräsenz der Industrie ist es, die unseren mathematischen Vordenkern wie eine abgelebte Vergangenheit vorkommt. Es fehlt nicht viel, und die Industrie der Rohre und Schlote scheint genauso lange her zu sein wie das Einsteinufer mit seinen heulenden Wölfen und flüchtenden Rehen. Das zweite Element ist sogar eine architektonische Vorwegnahme: nämlich Sichtbeton, von dem der finnische Architekt Pekka Einari Salminen sagt, dass er der Naturstein des einundzwanzigsten Jahrhunderts sei. Aus Sichtbeton bestehen hier anachronistische Alkoven, kleine Amphitheater und offene Gänge wie in der Kölner Philharmonie. Sie sind verspielt, aber nicht veraltet. Aber können wir wissen, wie diese Schnelldenker und Zukunftsplaner, die hier in babylonische Gespräche vertieft sind, fühlen? Nicht nur der Architekt muss eine Mitte finden zwischen Zeitgeist, Tradition und Zukunft. Schnell sind wir mit dem Urteil zur Hand, aber die Entscheidung liegt in den Tiefen der Jahrhunderte. Erst wenn ein Gebäude Jahrhunderte überstanden hat, können wir es groß oder klein nennen. Das gleiche gilt für Texte, Bilder, Musik, in Zukunft auch für Filme. Form follows function ist hier keinesfalls der Verzicht auf Zierrat. Davon zeugt auch das dritte Element, die Unzahl von Aluminiumlampenschirmen, die insofern inzwischen ein metaphorischer Witz geworden sind, als es in den Büros eine Unzahl von Bildschirmen gibt, ja das ganze Leben der Menschheit sich von den Lampenschirmen ab- und den Bildschirmen zugewandt hat. Form follows function heißt bei so einer dynamischen Institution wie der alten Charlottenburger Technischen Hochschule, der heutigen weltberühmten Technischen Universität, aber auch Abriss. So wird es wohl auch hier sein, weshalb ein Requiem benötigt wird, dessen Name – Ruhe – für Gebäude aber untauglich ist. Der drohende Abriss ist auch noch aus einem anderen Grund mehr als bedauerlich, hatten doch die Architekten einst versucht, mit einer fast ganz gläsernen Südfassade ökologische Vorstellungen vorwegzunehmen, Menschen wie Pflanzen in ein Glashaus zu setzen und dem Klima höchst schädliche Klimaanlagen zu verbannen. Dass ausgerechnet im kalten Deutschland, durch das die Schneestürme und Wölfe heulen, der Sommer ein Problem für diesen wunderbaren Versuch darstellte, ist bedauerlich. Aber Mathematiker sind nicht die einzige Sorte Mensch, die man nicht beauftragen kann, jeden Abend auf das Thermometer zu sehen und für die notwendige Nachtauskühlung die Fenster zu öffnen. In dem Moment sehen wir aus dem Fenster, draußen steht Siemens, der den Elektromotor nicht nur für Straßenbahnen dachte. Kann er uns unterstützen, nachts die Fenster zu öffnen und damit dem Bau und seiner Idee zum Fortbestehen verhelfen?

Dem Zeitgeist zu widerstehen heißt ja nicht nur, durch den Schneesturm mit Sandalen zu gehen. Ein Balance aus Funktion und Tradition ist schon schwer genug. Die bildliche Vision zum Beispiel eines Schiffes muss die Elbphilharmonie mit dem Gesundbrunnencenter teilen, einer Mall für eher Arme. Wer sich über Kosten aufzuregen angewöhnt hat, solle, nebenbei bemerkt, sich klarmachen, dass die achso teure Elbphilharmonie, ein Palast des Wohlklangs und der Bildung, gerade einmal so viel gekostet hat, wie ein Kriegsschiff (Fregatte vom Typ F125) oder zehn Eurofighter. Aber auch die Balance aus Funktion und Vision ist schwerer herzustellen, als man im ersten Moment glauben mag. Auch Visionen können sich nur aus Bildern der Welt, wie sie ist, speisen. Gebäude sind eher wie Fotografien ein erstarrter Moment, nicht ohne Dialog, aber ohne substantielle Fortentwicklung. Natürlich passt sich ein Haus seinen Bewohnern oder Nutzern an, aber sein Fundament sollte es lieber nicht antasten. Selbst Raum und Klang kommen, wie in der Elbphilharmonie, nicht sofort überein, brauchen den Dialog, den Kompromiss, das taktile Feingefühl. Überhaupt sollte man mit voreiliger Kritik vorsichtiger umgehen. Viele Dinge und Gedanken erschließen sich erst spät, manche sogar erst, wenn sie bereits vergangen sind.

Was hatte ich eigentlich im Mathematikgebäude zu suchen? Nichts, ich hatte die vergessene Brotbüchse eines Zahlenmagiers und Visionärs gefunden und sie ihm gebracht. Kinder sind das beste, was man machen kann.

Das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin wurde von Georg Kohlmaier und Barnabas von Sartory (1927-2000) entworfen, der hier in einem kleinen Dorf begraben liegt und an den ein Kunsthof erinnert.

siehe auch baunetz vom 25.11.2015