ERBITTERTER STAATSGLAUBE

Nr. 339

Macht ist ein Attribut des Denkens. Der Staat ist ein Instrument, kein Ziel. Trotzdem erleben wir soeben eine Wiedergeburt extremer Staatsgläubigkeit, die aber immer ihren eigenen Untergang mit einschließt. Egalitäre Gesellschaften werden von außen usurpiert, elitäre Gesellschaften zerfressen sich selbst. Daraus ist der falsche Gedanke der wehrhaften Demokratie entstanden, ein Konstrukt, das sich selber ausschließt. Wenn leben Risiko heißt, dann gilt das auch für Gesellschaften. Wer etwas beginnt, muss mit seinem Ende rechnen. Zu mehr Frieden würde also eine nicht wehrhafte Demokratie weitaus mehr beitragen.

Wenn eine ungeheure Straftat begangen wird, ein Terroranschlag zum Beispiel, dann rufen auch die weichsten, linkesten und alternativsten Politiker ganz laut, dass jetzt die ganze Härte des Rechtsstaats die Täter treffen möge. Das sagen sie aber nur, um mit den härtesten, rechtesten und gewöhnlichsten Politikern gelichzuziehen. Denn jedes Kind lernt in der Schule, dass der Rechtsstaat gerade die Abschaffung der Härte und die Einführung des Zweitechancesystems ist. Dadurch sinkt die Kriminalität. Trotzdem kann niemand, weder das friedfertige Schweden noch das streitsüchtige Pakistan, Terroranschläge ausschließen.

Vielmehr haben Terroranschläge und Staatsgläubigkeit etwas gemeinsam: sie glauben, dass sie Recht haben das Alte mit Gewalt zurückholen zu sollen. Terroristen und Staatsgläubige berufen sich ausdrückliche auf die angeblich bösartige Natur des Menschen, nur um ihre Bösartigkeit zu begründen. Einerseits wollen sie eine ahistorische, segregationistische Ordnung, andererseits berufen sie sich darauf, dass das, was sie wollen, schon immer so war. Da wir immer noch Gesellschaften von Jägern und Sammlerinnen beobachten können, sehen wir, dass es nicht schon immer so war. Wenn immer nur die stärksten überlebt hätten, würde die Menschheit nicht wachsen, sondern schrumpfen.

Einer der Denkfehler der Staatsgläubigen liegt darin anzunehmen, dass jede neue Ordnung die Fortsetzung der alten mit anderen Mitteln ist. Da die Weltordnung der letzten vierhundert Jahre immer durch Hegemone durchgesetzt wurde, sucht man sich einfach einen neuen Hegemon, um neue Angst vor der Zukunft schüren zu können. Solange wir, die Europäer, oder sie, die US-Amerikaner, die Welt beherrschten, war alles gut, aber jetzt kommt China ohne Rücksicht. Rücksichtslosigkeit ist in der Weltpolitik nicht mehr zu toppen. Vor vierhundert Jahren wurde aber auch der Westfälische Frieden geschlossen, in Münster und Osnabrück fand die erste große und erfolgreiche Friedenskonferenz statt. Der Versailler Vertrag und das Potsdamer Abkommen samt Marshall-Plan, Völkerbund und UNO sind seine Abkömmlinge. Der Versailler Vertrag von 1919 ist von den Siegern wie von den Verlierern allerdings als Mittel der Demütigung angesehen worden: altes Denken schadet immer. Dagegen ist der Marshall-Plan die verbesserte Schlussfolgerung aus diesem Fehler.

Allerdings kann man Demokratie im Gegensatz zur Autokratie nicht exportieren. An der falschen Vorstellung von einem Weltpolizisten kann man leicht einsehen, dass eine Gesellschaft nicht als erstes eine Ordnung und deren Polizei, sondern das Ideal der Freiheit braucht. Erst wenn jede Segregation geächtet ist – ganz eliminieren lässt sie sich leider wohl nicht – kann ich eine Ordnung und eine Polizei installieren, sowohl in einer begrenzten Gesellschaft als auch in der Weltgemeinschaft.

Es gibt kaum eine schönere Metapher für diese Staatsordnung als die Tafeln mit den zehn Geboten. Für die Masse der Menschen kommen die Gebote von außen. Jeweils eine Minderheit setzt sich darüber hinweg. Man darf jedoch nicht übersehen, dass im Dienste der Segregation das zentrale Tötungsverbot von Religionsgemeinschaften und Staatsgebilden außer Kraft gesetzt wurde. Daraus folgt im Umkehrschluss: keine Religionsgemeinschaft ist ‚richtig‘, keine Nation ewig oder besser und kein Staat seht über den Menschen, denen er helfen soll.

Jeder kennt die Antwort* Friedrichs II. auf den dummen Satz Ludwigs XIV. Aber da antwortete nicht ein Deutscher einem Franzosen, sondern ein Demokrat einem Autokraten. Natürlich konnte Friedrich, als Sohn eines jähzornigen Autokraten, kein lupenreiner Demokrat sein, Adenauer konnte es nicht, weil er als alter Mann erst zur Demokratie kam, Brandt konnte es nicht, weil er, wie sein Sohn sagt, von Pappnasen umgeben war, und Merkel kann es nicht, weil der Wind der Autokratie gerade eben über die europäische Steppe bläst. Niemand ist ein reiner Demokrat. Aber daraus folgt nicht, dass es keine Demokratie gibt oder geben kann. Daraus folgt nicht, dass Härte siegt oder Militär irgendeinen Nutzen außerhalb der Geldverbrennung hat. Daraus folgt nicht, dass Güte oder Barmherzigkeit Attribute der Schwäche sind. Und daraus folgt vor allem nicht, dass die Welt an den Bösen, die immer die anderen sind, untergehen wird.

Merkwürdig ist, dass die Staatsgläubigen nicht ganz ohne Demokratie auskommen können. Sie glauben sich von vornherein in der Mehrheit. Sie seien, sollen wir ihnen glauben, das Volk, das Rache üben und ebenjenen Staat für die Dauer ihrer Gewaltaktionen außer Kraft setzen kann, den sie danach wieder anbeten. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Freiheit das Skelett jeder Ordnung ist. Der freie Mensch ist das Ziel jeder Ordnung. Dagegen ist die Ordnung nie das Ziel freier Menschen. Ordnung ist ein Attribut, keine Substanz. Die Substanz ist der Mensch jeder Herkunft, jeder Religion, jeder Ansicht, überall, immer. Wir können eben nicht die ‚Feinde‘ der Demokratie ausschließen, weil wir dann den ersten Schritt in Segregation und Autoritarismus wanken, wanken, denn von aufrecht gehen kann in diese Richtung keine Rede sein.

Weil irren menschlich ist, braucht jeder von uns immer wieder eine Chance, aus dem Meer des Zweifels aufzutauchen. Das Organ des Irrtums ist der Staatssekretär, weil er etwas durchsetzen kann, was er nicht verantworten muss, weil er glaubt, es durchsetzen zu müssen, obwohl er weiß, dass er es nicht verantworten kann. Erbitterung schlägt oft in Verbitterung um, deshalb ist es besser freudig von Freiheit und Demokratie zu träumen, als sich ständig vom Untergang und von Feinden verfolgt zu sehen. Der Staat ist dafür da, die Verwerfungen zu betreuen. Noch kürzer gesagt: die Energie, die man für ein NEIN verschwendet, sollte man lieber in JA investieren, denn in der Gesellschaft passiert nichts, was wir nicht machen.

 

*Le prince était le premier serviteur de son état. F II.

L‘Etat c’est moi. L XIV.

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HAUS IM FLUSS. Geschichten aus dem Jahr 1968

Eine Rezension als Gastbeitrag von Dr. Egon Jahn

Die rührende Geschichte vom Verfall eines Hauses, dessen letzte Bewohner mit Kopierstift BITTE KEINE LANGFINGER an die Tür schrieben, aus Angst um den einen schönen Schrank, diese Geschichte hat mit dem Jahr 1968 nichts zu tun. Häuser verfallen immer. Alle Häuser verfallen. Statik ist der Versuch, die Natur auszuhebeln, und die Natur kennt nicht nur den Frühling, sondern auch den Herbst. Herbst wird mit Verfall gleichgesetzt, obwohl er oft so schön ist. Das schönste Gedicht in diesem Bändchen, Nr. 39, sagt uns aber, dass wir alle unseren Herbst erst noch vor uns haben und dann, dann erst wird Winter sein. Im tatsächlichen Winter des Jahres 1968 (Nr. 12) mussten die Soldaten der kleinen Garnison das Städtchen freischaufeln, aber der Autor lässt einen Soldaten rote Phrasen erbrechen und die anderen den Schnee gelb färben. Ganz offensichtlich litt die idyllisch-leere Landschaft unter den Soldaten, die wenige Jahre nach dem letzten Krieg kamen und mit ihren Panzerstraßen (Nr. 11) und Truppenübungsplätzen die Idylle entweihten. Aber die Bewohner bekamen Arbeit und Strom und verdrängten alle negativen Erscheinungen, auch noch nach 1990. 1968 hatte nicht nur einen bitterkalten Winter, sondern auch einen harten Sommer. Der Bundespräsident wurde in Westberlin gewählt, weshalb der Warschauer Pakt ausgedehnte Manöver rund um die geschundene Stadt veranstaltete. Westeuropa war erschüttert von den Studentenunruhen, besonders in Paris, Frankfurt/Main und wieder Westberlin. Und schließlich marschierten die Armeen des Ostblocks in Prag ein, um das demokratische Experiment der tschechischen Kommunisten zu beenden. Und kurz davor ermordete ein Soldat hier in dieser, durch die Fotos des kleinen Büchleins skizzierten Landschaft, in einem Haus direkt an dem kleinen Fluss, eine Frau, die er vorher vergewaltigt hatte, und ihr Kind, das Zeuge des Verbrechens geworden war. Das andere Kind entkam, aber kam nie in seinem Leben wieder auf die Beine, genauso wenig wie sein Vater die Tragödie verarbeiten oder verkraften konnte. Solche Ereignisse wurden in der DDR unter den Teppich gekehrt und die SED-Kreisleitung Ueckermünde wird froh gewesen sein, dass die Bevölkerung wenige Tage später geglaubt hat, an einem Krieg vorbeigeschlittert zu sein. Und der Soldat war auch kein gewöhnlicher Soldat, sondern er hatte sich während seines Grundwehrdienstes zu weiteren fünfundzwanzig Jahren verpflichtet, was ihm den Hohn und Spott der übrigen vielleicht zweitausend Soldaten dieses Kasernenkomplexes eintrug. Vielleicht hat er sich auch nur verpflichtet, um Zugang zu der Waffe zu erhalten, mit der er seine abscheuliche Untat beging? Vielleicht kam ihm die Idee, als er aus den offenen Fenstern heraus bepfiffen und verlacht wurde? Er stolzierte mit seiner nagelneuen Uniform und dem dazu unpassenden niedrigen Dienstgrad jeden Nachmittag über das Oval des Appellplatzes (Nr. 28).

Die Stieleichen, die auch Caspar David Friedrichs Lieblingsmotiv waren – sein Bruder hat in der Gegend des Büchleins Kirchen ausgemalt – stehen zweihundert oder dreihundert Jahre, gerne auch länger. Sie zeigen, dass in all der Vergänglichkeit Ungerechtigkeit herrscht: die Waldameisen über Tage, die Waldarbeiter unten auf dem kleinen Friedhof (Nr. 8), die Frau und das Kind vorzeitig tot, und zu allem Unglück, auf so einem winzigen Stück Erde, später noch einmal ein Unfall während eine kleinen Musikfestivals, die Krüppelkiefern zerbrochen, aber die Stieleichen stehen.

Die Landschaft heißt hier fast modern: Kuhlmorgen, gemeint ist wohl das Feuchtgebiet, das in einer Schleife der Uecker liegt, danach geht der Fluss fast gerade in die kleine Garnisonsstadt. Über dieser Landschaft liegt ein Nebel der Verlassenheit. Der Autor zeigt mit seinen oft tagebuchartigen Texten, dass eben nichts verlassen ist, weder das Verfallende, noch das immer wieder Auferstehende. Es gibt den Specht mit seiner Percussion. Es gibt den jedes Jahr neu den Kranich und den Graureiher (‚in Gegenwart und Gegenlicht‘), Nr.40), übrigens als eines der besten Fotos. Daneben ragt die Schraubzwinge, der jeder Zwang genommen wurde, zerbröselnd in den Raum. Die Sprache und die sprachlichen Bilder sind von spröde-alltäglich bis hin zur Trauer und Hymne alles auslotend, was in solch einen kleinen Raum passt. Es lohnt sich – landschaftlich – nicht, dorthin einen Tagesausflug zu machen. Aber man kann in diesen Texten und Fotos gut erkennen, dass in jeder noch so unscheinbaren Ecke des Kulturlandes Geschichten, oft leider auch als Blutspur, eingegraben sind. Trotzdem strahlt letztlich ein schlichter Optimismus durch die Zeilen: ‚es wandern durch die Wälder / du und das fließende Haus‘ (Nr. 39).

Rochus Stordeur,   HAUS IM FLUSS. Ein Requiem, GRILLE VERLAG Nechlin 2018, 8,50 €

03_Haus im Fluss

DER WERT EINES APFELS

Nr.  338

Im Fernsehen beißt ein Mann oder eine Frau in einen Apfel und als Text hört man, dass man sich krankenversichern oder prophylaktisch behandeln lassen soll, damit man später auch noch so kraftvoll in Äpfel beißen kann. Unsere liebsten Äpfel kommen aus Neuseeland und Israel. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das sind die neuen Eckdaten für ein einstiges fundamentales Lebenssymbol.

Durch den Überfluss der Dinge haben sich sowohl das Ranking als auch der Fokus verschoben. Der Mensch entfremdete sich erneut von seinen Lebensgrundlagen. Die erste Entfremdung war bekanntlich die Industrialisierung, die Arbeiten wurden – aus handwerklichen oder bäuerlichen Produzenten – zum Teil des Arbeitsprozesses oder sanken sogar zum Maschinenteil herab. Ein Arbeiter bei VW, der die Setzung von 400 Schweißstellen pro Minute sowohl am Monitor als auch analog verfolgt, erhält einen Teil seiner Selbstständigkeit zurück: er kann die ganze Arbeit verwerfen und verschrotten. Die zweite Entfremdung lässt uns genetisch manipulierte, aus Massentierhaltung stammende oder über eine Entfernung von mehr als 18.000 Kilometern herbeigeholte Lebensmittel verzehren, zu denen wir kein Verhältnis entwickeln können. Gleichzeitig erklärt sich der Bauer im Nachbardorf, der mit computergesteuerten Systemen 2000 Hektar bearbeitet, zum wichtigsten Beruf. Als Gipfel dieser unheilvollen Phase sieht man immer wieder eine geschälte Mandarine, die in Plastik eingeschweißt ist. Eins unserer Hauptprobleme heißt Verpackung, die auch ein Teil der Entfremdung ist. Eine einfache Influenza-Diagnostik beschäftigt heute eine ganze Phalanx von Maschinen, die den Ärzten jedes empirische Denken und Handeln buchstäblich aus der Hand nimmt.

Immer wieder gibt es Versuche, unser Leben zu reformieren, auf den Boden der Natur zurückzuführen. Vor hundert Jahren blühte eine vielschichtige Reformbewegung, die auf Obsternährung, Sport und Genossenschaften gründete. Nackte, langhaarige Prediger zogen durch Europa und ermahnten die Menschen zur natürlichen Lebensweise. Fünfzig Jahre davor warb der viel gelesene Graf Tolstoi für Bildung und Einfachheit, allerdings in extrem christlicher Ausprägung. Wieder hundert Jahre zurück glaubte Rousseau, dessen Einfluss man nicht überschätzen kann, dass die damals so genannten Wilden das eigentliche Leben repräsentierten, während jede Zivilisation notwendig rückwärts geht.

Wie zwei Lavaströme aus dem Eyjafjallajökull laufen also die Rationalisierung genannte Entfremdung und die Reformierung genannte Rückkehr zur Natur nebeneinander. Eine Maschine nach der anderen wurde erfunden, heute redet man fast ausschließlich von Künstlicher Intelligenz, also von Maschinen, die Maschinen und Technologien ohne weiteres Zutun des Menschen herstellen. Der Alptraum dieser Entwicklung sind Milliarden von Menschen, die weder verhungern noch etwas tun.

Der Apfel muss als Tatsache und als Symbol wieder in unser Bewusstsein und in unsere Jackentasche zurückkehren. Nicht nur vor dem Weltuntergang und nicht nur jeder Mann sollte einen Apfelbaum selbst pflanzen und nutzen. Schon allein die dann entstehenden Gespräche wären eine ungeheure Bereicherung. Dabei wäre die autarke Ernährung auf dem Land nur ein abstraktes und ideales, der Vitamin und Sauerstoffreichtum das konkrete Ziel.

Bildung sollte weniger als staatliche, oft widerwillige wahrgenommene Aufgabe gesehen werden, sondern als kollektive und vor allem aktive Aneignung der äußeren, der maschinellen und der inneren Welt. Als Fächer genügen Fußball, Theater und Scouting. Alle notwendigen Abstraktionsprozesse würden sich unterwegs ergeben. Vorbild ist nicht nur der katechetische und maschinengestützte europäische Bildungstyp, sondern auch der afrikanische Ubuntukreis mit fünfzig Schülern als Gegenmittel zu allzu ausgeprägtem Individualismus.

Arbeit muss wieder als Wertschöpfung wahrgenommen werden können, das heißt, sie muss es auch sein. Die beiden größten Errungenschaften, das Handwerk und die Landwirtschaft, müssen von jedem Menschen auf der Erde verstanden und praktiziert werden. Wir können nicht mit dem Wahn weitermachen, immer nur die letzte Erfindung als größte und einzige Möglichkeit zu verstehen. Der gegenwärtige Preisunterschied zwischen industriellen und handwerklichen Produkten würde sich durch eine Verschiebung der Anzahl der Produzenten ausgleichen. Wie die Lebensreformbewegung vor hundert Jahren setzen wir auf Genossenschaften als Organisationsform. Aber auch die vor zwanzig Jahren eher ironische gemeinte ICH-AG sollte ernsthaft gedacht werden.

Der Lebenssinn ergibt sich aus den neuen und überdimensionierten Möglichkeiten der Kunst als Antikonsum. Durch die milliardenfache Reproduktion ist Kunst einerseits zum Konsumartikel herabgesunken, andererseits aber durch die Inflation von Zeit und Geld für jeden machbar. Es fehlen – als Bindeglied – oft nur die Fertigkeiten. Fiktion ist längst Teil der Wirklichkeit geworden, aber viele glauben noch und nur an die Kraft der immer wackliger werdenden Fakten. Die Menschen sehnen sich sowohl nach Sinn, der sich aus Kunst, als auch nach einem Übervater oder einer Übermutter, die sich aus entzerrter Religion ergeben. Jede Institution trägt den Keim der Spaltung und des Wahns in sich. Vielleicht und hoffentlich eröffnen die online-Vernetzungen neue Möglichkeiten.

Zwei Irrwege der Industrialisierung sind die großen Städte und das Automobil. Die Konzentration von Menschen als Arbeitskräfte war nur eine historische Etappe, ist heute überflüssig. In den nichtindustriellen Ländern ist dieser Irrweg ohne Industrie, aufgrund der bloßen Hoffnung auf ein besseres Leben nachgeahmt worden. Allein die Slums von Lagos, der 22-Millionen-Stadt in Nigeria, mit ihrer eigenen Lebens- und Produktionsweise, teilweise auf dem Wasser, ihrer Kunst und ihrem Leid und hunderttausendfachem Tod auf Megatonnen Müll, sollte ein schnelles Umdenken von den Städten aufs Land bewirken. Fragt man alte Menschen in dünnbesiedelten Gegenden, warum sie ein Auto – in Australien und Island auch gerne ein Flugzeug – benutzen, dann zeigt sich die Grundversorgung als Hauptgrund. Aber jede Ware ist heute online bestellbar und mit Elektroautos am nächsten Tag lieferbar. Die medizinische Versorgung muss ebenfalls einfach neu organisiert werden.

Es geht also nicht um einen neuen Maschinensturm – silesian weaver’s like -, sondern um den Unterschied von Renaissance und Konservatismus. Während der Konservatismus zwangläufig auch schädliche Traditionen – wie zum Beispiel die Wehrpflicht oder das Robbentöten – bewahrt, kann die Renaissance diejenigen Elemente der Vergangenheit wiedergebären, die jetzt einen völlig neuen Sinn oder einen Zweck für alle – omnibus, ubuntu -, eine neue Dimension oder eine ungeahnte Vernetzung haben.

Globalisierung – seit 1444! – ist auch angstbesetzt, die einen fürchten eine Islamisierung, die andern eine Anglisierung. Diese Ängste mögen verständlich sein, nachvollziehbar sind sie zum Glück nicht. Mit dem Wohlstand sinkt nicht nur die Kinderzahl, sondern auch die Notwendigkeit institutionellen Glaubens. Statt also Angst zu kultivieren, sollten wir lieber – freiwillig – einen Weltramadan einführen und uns freuen, dass wir mit jedem Menschen, welcher Muttersprache auch immer, in Englisch online – und natürlich auch analog – reden können.

Lasst uns lieber Gedanken importieren als Äpfel.

HEGEMONIE

Nr. 336

 

Hegemonie scheint vielen Menschen ein genauso natürliches Verhältnis zu sein wie Hierarchie. Nur allzugern wurde die falsche Theorie von den natürlichen Alphatieren aufgenommen, obwohl ihr Autor selbst ihr widersprach. Wir verstehen, was wir gern so sehen wollen, deshalb haben wir diese Reihe auch mit dem semantischen Gefängnis begonnen, in dem wir uns alle befinden.

Neben der Sprache unserer Großeltern ist aber auch der Glaube an überlieferte Strukturen in uns als unerschütterliches Fundament eingegraben. Diese Strukturen überleben, weil sie sich auch bewährt haben. Wie immer wird der Misserfolg einfach ausgeblendet. Seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in beiden deutschen Teilländern die Abschaffung der Prügelstrafe, im Osten eher als im Westen, diskutiert. Als ein Argument für die Prügelstrafe wurde immer wieder gesagt, dass es ihnen, den vorhergehenden Generationen, auch nicht geschadet hätte. Zwei Weltkriege, sichtbare Trümmer der autoritären Gesellschaft wurden verdrängt, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass Autorität anders als mit Strafe oder gar Prügel entstehen kann. Ähnlich wurde bei der Abschaffung der Todesstrafe, diesmal umgekehrt, erst im Westen und erst spät im Osten, argumentiert. Wir können uns die neue Ordnung, selbst wenn sie die bessere, menschlichere, moralischere ist, nicht vorstellen. Wir glauben lieber, manchmal noch jahrzehntelang, dass es eigentlich nur mit der alten Ordnung geht.

Völkerbund und UNO waren und sind die beiden Versuche, die Lösung internationaler Konflikte ohne Hegemonie, ohne Androhung militärischer Gewalt anzugehen. Nach wie vor gibt es Gebiete, die schwer befriedbar sind, deren Konfliktpotential sich rationaler Bewertung eher zu entziehen scheint, wie etwa der Nahe Osten oder Kongo. Dass es auch ausgerechnet die Führungsnationen der westlichen Demokratien waren, die den Grundsatz nichthegemonialer Lösungsversuche immer wieder durchbrachen, ist tragisch, spricht aber nicht gegen den nichthegemonialen Grundsatz. Der britische Indienkonflikt, so heftig und falsch er auch war, endete letztlich friedlich. Indien ist das mit Abstand größte englischsprachige Land geworden. Der Algerienkrieg war grausam und unsinnig, aber heute sind alle Algerier geborene Franzosen, wenn sie es wollen. Der Vietnamkrieg zerriss die eine Nation und vereinte die andere. Die Amerikaner verdanken den Frieden und den auch finanziellen Ausgleich mit Vietnam einem Präsidenten, den die meisten noch nicht einmal mit seinem berühmten Namen kennen, weil er nach Nixons erzwungenem Rücktritt nur zwei Jahre als amtierender Präsident arbeitete, Gerald P. Ford. Der gute Frieden rechtfertigt nicht den bösen Krieg, trotzdem ist die Geschichte in diesen Punkten gut ausgegangen. Trotzdem aber wird auf der anderen Seite immer wieder und immer weiter von den USA als Weltgendarm gesprochen, als jene Macht, die versucht, Demokratie mit den Mitteln von gestern, also mit Hegemonie, durchzusetzen.

Früher wurde immer gern Deutschland als positives Beispiel dafür angeführt. Jedoch war die blutige Autokratie in Deutschland so sehr am Boden zerstört, zusammengebrochen und jede autokratische Ordnung diskreditiert, so dass die auch nur sehr zögerliche Annahme der Demokratie erst ab 1968 wirklich gelang. Im Osten dagegen wurde die neue, nicht so blutige Autokratie extra mit dem Etikett der Demokratie versehen, auf das sich dann immerhin 1989 die Demonstranten berufen konnten. Bekanntlich waren sie erfolgreich. Im Irak oder in Libyen dagegen wurde die Autokratie erst mit dem Sturz der beiden skurrilen und blut- und geldrünstigen Diktatoren beendet, Saddam Hussein und Muammar al Gaddafi. Leider ist in diese beiden Länder weder Frieden noch Demokratie eingekehrt. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit befindet sich aber ein weiteres, ebenfalls durch Bürgerkriege und Hungersnöte zerrüttetes Land, das zweitgrößte Afrikas, Äthiopien, auf dem Weg des Wirtschaftsaufschwungs, es hat die größte Wachstumsquote der Welt, und auf dem Weg in die Demokratie. Die inneren, oft nationalen Konflikte wurde ohne Anwendung von Hegemonie gelöst. Die Herrschaft der alten Männer wurde sanft gebrochen. Der neue Ministerpräsident setzt nicht auf militärische Stärke, setzt stattdessen auf Bildung und auf die jungen Frauen. Denn Äthiopien hat, wie auch sein kleines Nachbarland Eritrea, mit dem es jetzt sogar einen Friedensvertrag und Grenzübergänge gibt, eine immer noch hohe Geburtenquote.

Die Ablösung eines Paradigmas braucht viel mehr Zeit, als man glaubt und hofft. Hegemonie, die Oberherrschaft über Länder, Völker und Einzelmenschen, sitzt tief als Muster in uns allen. Hierarchie wird sogar von vielen als natürliche Ordnung angesehen. Obwohl jede und jeder das Kindchenschema, das von Konrad Lorenz entdeckt und benannt wurde, kennt und bestätigt findet, wenn er oder vor allem sie in einen beliebigen Kinderwagen schaut, glaubt man an Aggression und Alphatiere mehr als an Liebe, Solidarität, Aufzucht, Erziehung, Gleichberechtigung. Diese Begriffe erscheinen vielen Menschen als zu weich. Aber ungeachtet dessen gibt es auch die Persistenz, das Verharren in Zuständen, nicht weil sie gut, sondern weil sie da sind. Fatal ist weiterhin, dass Hegemonie nicht nur für den Hegemon angenehm ist. Es gibt immer Unterjochte, die das Joch aus Bequemlichkeit lieben. Unmündigkeit ist immer selbst verschuldet.

Einer meiner rechtskonservativen Kontrahenten schrieb neulich zu diesem Satz: ‚Von wem er auch ist, er ist schlicht falsch.‘ Dieser Satz ist von Kant, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass er seit der Antike zum Grundbestand menschlichen Denkens und vor allem Strebens gehört und von Kant nur gültig formuliert wurde. Jeder Sklave, der seinem Herrn entlief, ist – egal wie es ausging – ein lebendes Exemplar dieses Satzes, der auch von Rousseau, sogar von Seneca sein könnte. Rosa Parks hatte Helfer, es hätte trotzdem auch gut sein können, dass sie ihre berühmte Omnibusfahrt nicht überlebt. Aber sie wusste: Unmündigkeit ist immer selbst verschuldet. Und der beste Omnibus ist die Demokratie: für alle.

Der Paradigmenwechsel ist kein Traum oder keine Illusion, sondern die Wirklichkeit, die sich schon lange vollzieht. Manche starren aber – wie das Kaninchen auf die Schlange – auf die Rückschläge, Verzögerungen und Krisen. Über allen Entwicklungen steht die Sinuskurve als allgemeine Beschreibung und allgegenwärtige Warnung. Die Persistenz eines linearen Fortschrittsbegriffs sollte uns andererseits nicht hindern, an die Wirklichkeit zu glauben, statt an Hirngespinste wie ‚göttlicher Führer‘, ‚heilige Kirche‘, Hierarchie und Hegemonie. Die Wirklichkeit ist der gute Mensch in allen Ländern, der sich nach Freiheit sehnt und sie step by step herbeiredet und herbeischafft.

FLUCHT AUS DEM SEMANTISCHEN GEFÄNGNIS II

Nr. 335

Wo es kein Brot gibt, gibt es auch keine Freiheit und kein freies Wort. Das ist eine Binsenweisheit. Aber leider ist uns deren Umkehrung nicht klar: die Inflation der Dinge schließt die Inflation atomisierter Gedankensplitter mit ein.

Gedankengänge zerlegen sich in telegrammartige Schnipsel, weil jeder, wie ein abgerichteter Hund, auf Stichworte reagiert. Weniger die Reproduktionsmedien wie Schallplatte und Film als vielmehr  Rundfunk und Fernsehen haben uns mit einer Flut überflüssiger Nachrichten zugeschüttet. Auch das ist schon oft gesagt worden.  Aber so, wie man zu viel isst, wenn man einen Überfluss an Essen im Angebot hat, so suchen sich auch die überzähligen Informationen – gleich dem Durchfall oder der Adipositas – einen Weg nach außen. Seit knapp hundert Jahren können wir im Stundentakt Nachrichten aus aller Welt hören und sehen. Damit wird auf der einen Seite die Lust an der Sensation geschürt, so wie sie früher in jedem Dorf zuhause war. Allerdings passierten in einem Dorf gewöhnlich nicht mehr als zwei bis drei Katastrophen jährlich. In den Funkmedien müssen also die Katastrophen des ganzen Landes und schließlich der ganzen Welt zusammengetragen werden. Durch diese Fokussierung auf das Elend einzelner entsteht der Eindruck des Elends aller. Überall in der Welt verbessert sich das Leben, aber in der gespiegelten Welt wimmelt es von Katastrophen und Elend. Und selbst das wird schon seit über einem halben Jahrhundert gesagt: only bad news are good news, aber wir lassen uns nicht abhalten, an das Elend zu glauben so wie früher die Menschen an die Auferstehung geglaubt haben.

Solange wir aber nur Rezipienten der überflüssigen Nachrichten waren und Opfer der atomisierten, nicht erörterbaren Gedankengänge, hielten wir still. Aber aus den ‚lieben Zuhörern und Zuschauern‘ wurden Menschen, die alles und jedes kommentieren konnten. Nach nur zehn Jahren kommentieren glaubt ein großer Teil der Kommentatoren nicht nur selbst der Urheber der Nachrichten, des Wissens und der Meinungen, sondern sogar auch der Taten selbst zu sein. Fake news sind keine Erfindung der Neuzeit, sondern die Rezeption der falschen Nachricht von einer Milliarde Menschen gleichzeitig. Die Verwechslung von aktiv und passiv hat schon Nietzsche vor fast 150 Jahren beklagt, aber er konnte nicht ahnen, dass eine Milliarde sich gleichzeitig zum Täter erklären wird. Die Reden, die früher ein solitärer Dr. Goebbels allein halten musste, werden heute im Internet von einer Million Kommentatoren gleichzeitig gehalten. Das sind schreckliche Zahlen, aber man darf nicht vergessen, dass mit jedem Schreihals oder Kommentator – auf jeder Seite – auch die Wirksamkeit nachlässt. Die Gegenseite zählt nur, aber keiner erzählt neues. Zwar vertieft sich die Spaltung, aber bei gleichzeitiger Zunahme der Redundanz. Nachrichten und so genannte Meinungen wirken also nur noch reziprok: je mehr es davon gibt, desto weniger Wirkung haben sie. Stattdessen glauben aber ihre Verbreiter an ein positives Paradox: je lauter sie riefen, desto erhörter würden sie sein.

Demgegenüber steht nicht nur das Bild vom Rufer in der Wüste. Es stellt eine Vergeblichkeit vor, vielleicht mahnt der Rufer auch Gedanken an, die wir schon lange kennen, aber verdrängen oder vergessen wollen. So wie die Ablösung des Hungers die Völlerei war und die Ablösung der Unmündigkeit und Unwissenheit die Redundanz, so sollte nach Jahrhunderten der Emanzipation und Selbstverwirklichung vielleicht wieder eine Zeit anbrechen, in der wir erkennen, dass wir nicht wert sind, dem anderen Menschen die Schuhriemen zu lösen. Wir haben lange gebraucht, um den eignen Gleichwert zu erkennen. Jahrtausende lang spielten Herkunft und Klassifizierung große Rollen. Vielleicht, wir wissen es nicht, ist die massenhafte gezielte Ermordung und Zwangsumsiedlung von Menschen nach Herkunft der Höhe-, aber gleichzeitig auch der Umschlagpunkt gewesen. Die Weltbevölkerung wird ihren zahlenmäßigen Höhepunkt um 2050 erreichen. Was spricht dagegen, dass es auch der moralische Höhepunkt der Menschheit wird? Dagegen spricht die Ideologie der Nachrichteninflation, nicht aber die Weltlage. Es gibt immer Rückschläge, jegliches hat seine Zeit, aber das behindert weder das Gute noch die Liebe. Schon immer hat es Schlechtredner gegeben, die sich selbst zu Realisten, die andern aber zu Träumern erklären. Aber seit den biblischen Zeiten – wenn wir sie historisch nehmen -, archäologisch sogar weit länger, haben sich die Träumer in das Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben. Salomon soll siebenhundert Frauen gehabt haben, das würde selbst heute als ein Makel gezählt werden, aber geblieben ist nicht seine Verurteilung. sondern sein Urteil. Das Leben eines Menschen muss nicht zu seinen Taten und Gedanken passen, dafür gibt es viele Beispiele, der zerstreute Physikprofessor ist ein sympathisches Klischee dafür. Wer glaubt, dass er nichts glaubt, sondern, dass sein (!) Wissen ausreicht oder dass er das Wissen der anderen subsumieren könnte, überschätzt sich maßlos. Das trifft besonders dann zu, wenn seine Quellen ausschließlich inflationäre Nachrichten oder andere schnelllebige, atomisierte Splitter sind. Zwar hat sich die Hoffnung auf einen linearen Fortschritt nicht verwirklicht, sondern als Irrglaube erwiesen, aber von einer Kumulation von Wissen und Erfahrung können wir schon ausgehen. Und deshalb sollten wir auch nicht nur ständig Angst vor Manipulation, Verschwörung und Weltherrschaft haben. Es ist nicht zu bezweifeln, dass es das Streben nach Weltherrschaft gab und gibt, aber es vergeht auch ebenso schnell wie es kam. Wer das nicht glaubt, sollte sich immer wieder den Film ‚Der Untergang‘ ansehen, schon wegen Bruno Ganz. Überhaupt ist Angst, wie wir eigentlich alle wissen, ein schlechter Ratgeber. Wenn wir unser Leben schneller und gründlicher umdrehen könnten, von Selbstbehauptung zu Demut und von dauerkonsumieren zu geben und teilen, hätten wir weniger Angst. Früher haben wir alle, wie unsere Ahnen, an die Kraft der Herkunft und jede noch so widerliche Ableitung daraus gerne geglaubt, was hindert uns, ab sofort nur noch an die Kraft der Zukunft zu glauben. Zukunft braucht Zukunft und Optimismus, Glauben, Demut, Kraft, Schnelligkeit, Gedanken, Erörterungen, Menschlichkeit. Es gibt keine besseren Menschen, nur ein besseres Leben, es gibt keine schlechteren Menschen, nur ein schlechteres Leben, dessen Bedingungen sich langsam verändern lassen, wie man sieht.

FLUCHT AUS DEM SEMANTISCHEN GEFÄNGNIS

Nr. 334

Immer noch nicht vergessen ist die Zeit, in der wir Menschen in monistischen Verhältnissen lebten: der Gutsbesitzer war gleichzeitig Arbeitgeber, Richter, Entjungferer unserer zukünftigen Frau* und Patron der Kirche, in die wir bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit großer Regelmäßigkeit gingen, in der wir getauft, konfirmiert, verheiratet und in die Grube geschickt wurden. Vergessen ist, dass dieses Leben mit einem großen repressiven Aufwand seitens der Eliten ermöglicht wurde. Selbst der Familienvater, der gleichzeitig Opfer und unterster Delegat staatlich-kirchlicher Macht war, konnte seinen renitenten Sohn unter dem Schutz des Gesetzes totschlagen. In Armee, Kirche und Zuchthäusern wurde ebenfalls schlimmstenfalls bis zum Tod geprügelt. Die Menschen wehrten sich nicht oder nur selten, weil ein winziger Teil der Macht bis in die Familie hinein delegiert worden war, weil also die Ächtung bis hinein in den intimen, sensiblen Teil des Lebens wirkte. Der Preis für die monistische Ordnung war hoch. Seit der Aufklärung wird die repressive Durchsetzung der Ordnung schrittweise durch Liebe, Bildung und Demokratie ersetzt. Das war leicht, solange die Erinnerung an die vergangenen – also möglichen – Strafen noch hellwach war. Ein heutiger Steuerbescheid oder die Rechtshilfebelehrung auf einer Ordnungswidrigkeitenfeststellung benutzt dieselbe Sprache, in der einst drastische Strafen bis hin zum Tode verkündet worden waren. Die Elitensprache ist für weite Teile der Bevölkerung nur als Strafensprache erkennbar, selbst wenn sie sich mit der Sprache der Aufklärung kreuzt. So hört man nicht selten, dass Eltern ihre Kinder auffordern, etwas ‚vernünftig‘ zu machen, wenn sie ordentlich oder mit Schadensbegrenzung meinen. Die Vernunft ist also als Begriff bis ganz nach unten gesickert, muss aber dort für Ordnung und Durchsetzung stehen. Die Elitensprache der Gelehrten dagegen drang immer nur über Lehrer vermittelt, also auch stark zeitverzögert ins allgemeine Bewusstsein. So wird Darwin zum Beispiel bis heute nicht selbst gelesen, sondern es ist das am bekanntesten, was gar nicht von ihm ist: surviving of the fittest**. Im Austausch zwischen Wahrheit und Evidenz hat sich letztere wieder einmal durchgesetzt. Wir glauben jetzt zu wissen, was wir schon vorher geglaubt haben.

Dieses Gefangensein in einer Herrschaftssprache wird besonders deutlich in der auch heute noch üblichen Übernahme der Bürokratensprache. Bei der notwendigen Auswahl gleichrangiger Paragrafen einer Verordnung macht das Wort ‚beziehungsweise‘ Sinn. Im täglichen Leben reicht ‚oder‘, aber der Reiz der Partizipation an der Macht oder wenigstens an der Bürokratie ist zu groß, als dass man ihm widerstehen könnte. Die Demokratie hat also die sprachliche Observanz des Repressionszeitalters übernommen. Das kann man am besten an solchen Figuren zeigen, die beiden Zeitaltern angehörten, Adenauer, de Gaulle und Churchill, sie waren Patriarchen in der heraufkommenden Demokratie. Die Spiegelaffäre Adenauers trug stark autoritäre Züge, der Algerienkrieg war ein eindeutiges Relikt der Kolonialepoche, die ihrerseits der komprimierteste Ausdruck von oktroyierter Ordnung war. Für diese krassen Auswüchse des Autoritarismus musste extra das Christentum mit seiner humanistischen Botschaft ausgeschaltet werden.

Die Ausbreitung von fast omnipotenten Kommunikationsmitteln, die jeder und jedem auf der ganzen Welt verfügbar sind, hat nun dazu geführt, dass eine große Menge von Menschen den Boden der gemeinsamen Sprache verlässt. Statt einer überholten Herrschaftssprache wird nun die Sprache der Straße auf politische und allgemeinmenschliche Verhältnisse angewandt. Nun rächt sich, dass die Grundlagen der Liebe, Bildung und Demokratie nicht genügend verbreitet wurden. Zugunsten eines – für die Arbeitswelt ebenfalls notwendigen – mathematisch, naturwissenschaftlichen und ingenieursmäßigen Weltbildes wurde es vernachlässigt, die Notwendigkeit und die Herausbildung der Demokratie in Argumentationsketten von Kant, Rousseau und hannah Arendt zu studieren, unser Verhältnis zur Natur mit Darwin und Konrad Lorenz zu begründen und empathisches Verhalten nicht nur in der Familie zu fördern. So wird in der Schule – jetzt kommt ein triviales Beispiel – nicht nur der Abschreiber bestraft, sondern auch oft derjenige, der abschreiben ließ. Beides ist falsch. Hilfe und Solidarität ist immer ein übergeordnetes Verhalten, dessen Bestrafung den Bestrafer bestraft und seine Autorität zurecht untergräbt. Aber auch das Abschreiben selbst ist nur eine Sonderform des allgemeinen Kopierverhaltens, das auch nicht nur negativ zu sehen ist. Die Kopierfähigkeit von Kunst führte nicht nur zur Kunstpostkarte, sondern auch dazu, dass Musik die allgemeinste und allgegenwärtige Kommunikationsform wurde. Sie hat alle Religionen und Ideologien in den Schatten verwiesen. Dicht gefolgt ist sie von der Literatur in Form von Filmen oder Movies. Beides wird auch von einer Vielzahl von Menschen nicht nur konsumiert, sondern auch selbst gemacht. Wenn wir ganz kurz in unsere gedachte Dorfkirche zurückspringen, so konnten die damaligen Menschen nur konsumieren: die vorgegebene Musik, das zum Herrschaftswort umformatierte Narrativ des Christentums und die Herrschaft selbst, die in der Patronatsloge auch oft anwesend war und sich selbst und den Staat repräsentierte.

Durch den Computer und vor allem durch das Smartphone gelang es der übergroßen Mehrheit der Menschen, dem Gefängnis der Herrschaftssprache zu entkommen. Die Flucht führte keineswegs in Nichts oder in das Vakuum. Versatzstücke der neuen Sprache stammen vor allem aus Filmen und Texten der Musik. Fast ganz unbeachtet ist ein neues Genre der Kunst heraufgezogen, das über eine ganze Generation zu herrschen scheint: Rap. Aus dieser neuen halbaktiven Sprache und Sprachverwendung erwächst die Verachtung der Herrschaftssprache, die aber gleichzeitig die Demokratie mit ausschüttet. Die Elitenverachtung, die in den USA immer mehr als in Europa vorhanden war, hat endlich eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden.

Das Ende des kalten Krieges war also nicht der Epochenbruch, sondern die Digitalisierung ist es. Gleichzeitig aber tritt der Mensch deutlich aus dem Arbeitsprozess heraus, bei gleichzeitiger ebenso deutlicher Zunahme der seiner Konsumtion. Alles das ist seit dem zweiten und letzten Weltkrieg immer weltweit zu denken. Die Menschen im Rest der Welt sind keine unmündigen Arbeitssklaven mehr, wie man an den soeben verschobenen Wahlen in Nigeria gut sehen kann. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wird ein Epochenbruch nicht durch gläubiges oder erstauntes Murmeln, sondern durch Milliarden Kommentare begleitet. Wahrscheinlich sind 99% dieser Kommentare unbrauchbar, aber das war früher, als es noch viel weniger Kommentare gab, auch nicht anders. Wir haben nicht nur das Gesetz der großen Zahl entdeckt, was nur der nüchterne mathematische Ausdruck für mehrere Wunder der Natur ist, sondern wir leben in einer Welt der Megazahlen. Wir sollten immer wieder versuchen, uns den Unsinn oder sogar Antisinn dieser unserer Welt vorzustellen: es gibt täglich eine Milliarde oft sinnloser  Kommentare und es gibt jeden Tag eine Milliarde vollgekackter Plastikwindeln, deren Entsorgung uns bisher vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Epochenumbruch. Ausgerechnet der Sprüchedichter eines Ölgroßkonzerns, nämlich ESSO, hat den Text vorgegeben, den wir statt aller Beschimpfungen, Empörungen und Besserwissereien jeden Tag einmal posten und dann auch beherzigen sollten: ES GIBT VIEL ZU TUN, PACKEN WIRS AN.

*aus Sicht der Frau überließ also ihr zukünftiger Mann der Macht die Hegemonie über die Liebe

**im Einvernehmen von Herbert Spencer als Metapher übernommen

WACHSAM LESEN

Nr. 333

Ein Abschiedsbrief

Es begegnet uns von Zeit zu Zeit ein Zeitgenosse, der an die magische Kraft des Rationalen glaubt. Selbstverständlich ist ein Leben logisch – hinterher, durch die Lebenslüge und den Nekrolog. Lebenslüge hört sich schrecklich an und wir denken vielleicht an einen Raubmörder, der in unserer Straße unter falschem Namen lebt. Aber wir selbst sind der Raubmörder. Wir selbst, jeder von uns hat sich seine Biografie selbst erschaffen, aber nicht den tatsächlichen Lebenslauf, sondern den gedachten: eins hin, zwei im Sinn, so wie wir es gelernt haben. Schon durch die mahnenden Worte unserer Mütter oder die Schelte der Väter wurde eine Person geschaffen, die eigentlich eine Personalie ist: ein fiktives Wesen, das sich trotz aller Misserfolge gleich blieb, gleich gut, gleich stark, gleich freundlich, hier teilt sich schon die Menschheit: oder gleich durchsetzungsfähig. Lange Zeit wirkten auch einfach Klischees: Frauen sind emotional, Christen sind nächstenliebig, außer Katholiken, die sind falsch, Afrikaner sind fröhlich wie Kinder und wir Europäer eben blond und rational, wie man leicht am Automobil erkennen kann, das wir alle, jeder einzelne von uns, immer wieder konstruieren.

Wir sehen, was wir sehen wollen oder können. Unser Geist will aufnehmen, aber die Synapsen sind verknotet wie das Seil eines Zirkuskünstlers oder wie der Softwareweg eines Computers, der sich aufgehängt hat. Wenn wir zwanzig Zeugen eines Verkehrsunfalls befragen, so wird es zwanzig teils sehr verschiedene Varianten geben. Es gibt schon über einen einfachen Verkehrsunfall keine Wahrheit. Wahrheit kann immer nur das Konstrukt einer, meinetwegen herrschenden, Gruppe sein. Dieses Zugeständnis an die Herrschaftskritik vergisst, dass die im Untergrund tagende und den Umsturz planende Widerstandsgruppe ebenfalls schon eine fertige Geschichte im Laptop hat. Wahrheit ist in Wirklichkeit eine Definition: einige Menschen haben sich für einen meist kleinen Zeitraum auf eine Formulierung geeinigt, die von anderen aber verlacht wird. Eine Definition hält die ewige Bewegung der Dinge, Prozesse und Meinungen für einen Moment an, eigentlich ist alles infinit. Deshalb sind auch die meisten Definitionen tautologisch, zum Beispiel Armut ist der Mangel an Lebensmitteln oder Armut ist das Leben unter dem Existenzminimum.

Ohne Vorurteile kann man nicht leben und denken, aber wer nur mit Vorurteilen durch die Welt geht, wird niemals etwas neues sehen oder hören. Für denjenigen oder diejenige gibt es keine Spontaneität der Ereignisse, sondern nur Manipulation. Letztendlich geht so ein Weltbild von einem, wie es bei Hegel heißt, Demiurgen aus. Hegels Demiurg war so etwas wie ein umgekehrter Chirurg, der die kranke Welt durch Schnitte heilen will, sie aber dabei kaputt und immer kaputter macht. Selbstverständlich gibt es Manipulation, aber sie ist weder in der Politik noch im täglichen Leben der bestimmende singuläre Beweggrund. Unerklärliches wurde von der einen Gruppe als Vorsehung, von der anderen als Gesetzmäßigkeit gedeutet. Wie irrational der Glaube an einen übergreifenden Demiurgen ist, zeigt der Vergleich zweier historischer Ereignisse, wenn auch unterschiedlicher Wertigkeit: der Beginn des zweiten Weltkrieges und der Fall der Berliner Mauer jeweils als höchst komplexe und irrationale Geflechte von hilflos agierenden Menschen, immer wieder schön: Schabowski als Gipfel der Inkompetenz. Shakespeare trifft es am besten: life’s but a walking shadow, it is a tale told by an idiot, signifiying nothing [Macbeth V5]. Das ist vielleicht sogar am schwersten zu begreifen: das meiste bedeutet nichts.

Wenn  also jemand sagt, er läse zwar das falsche, aber er sei dabei sehr wachsam, so kann man beide Aussagen ins Reich des irrationalen entsorgen. Es gibt selbstverständlich kein richtiges und kein falsches, denn was dem einen wichtig ist, ist der anderen widerlich. Jeder weiß zum Beispiel, dass RT eine Propagandamaschinerie ist, die so agiert wie früher die Prawda, eine Zeitung des Sowjetimperiums, die Wahrheit hieß, der aber niemand glauben konnte. Trotzdem haben viele geglaubt, was darin stand, schon deshalb, weil sie nicht glauben konnten, dass man eine ganze Welt erfinden und in eine Zeitung schreiben kann. Ein beliebter Spruch in der Sowjetunion, angeblich war er von Lenin, mit dem damals Eltern ihren kleinen Kindern drohten – wahrscheinlich, weil er allgegenwärtig war -, versprach, dass Vertrauen zwar gut, aber Kontrolle besser sei. Obwohl es offensichtlich umgekehrt ist, die ganze Welt und die ganze Weltgeschichte auf Vertrauen und Loyalität beruht, stand er damals an jenen Fabriken oder Baustellen, in denen das gestohlen wurde, was es wegen der Planwirtschaft nicht zu kaufen gab. Jeder wusste damals, dass die Chruschtschow-Neubauten wegen mangelnder, unmöglicher oder absichtlich verhinderter Kontrolle so aussahen und immer noch aussehen, wie sie aussehen: schief und krumm, mit der heißen Nadel hingeworfen. Kontrolle ist unmöglich. KGB, Securitate, Staatssicherheit, Mossad, CIA, BND und Verfassungsschutz, sie alle wollten oder wollen ganze Völker kontrollieren, aber haben nicht ein einziges Ereignis voraussehen oder gar verhindern können. Kontrolle ist nur sehr teilweise möglich. Deshalb passieren Unfälle. Man kann wachsam sein, aber man wird dadurch weder klüger noch sicherer.

Wir lesen zumeist das, was wir schon wissen oder was wir wissen wollen oder was wir glauben zu wissen. Geraten wir zufällig an das Gegenteil, erklären wir es kurzerhand für manipuliert. Was wir auch lesen, es wird immer die Bestätigung dessen sein, was wir wollen. Manchmal wollen wir mit den Millionen im mainstream schwimmen, an anderes Mal sind wir stolz auf unser widerstehen im Gegenstrom.

Mein schöner Satz, dass, wer einen Text liest, sein Autor wird, wird natürlich gerne sehr positiv verstanden: von der Mitwirkung des schlauen Lesers an den großen Denkprozessen der Weltliteratur. Aber er kann auch meinen: Egal in welches Buch du blickst, du siehst immer dasselbe. Millionen Leser haben die Ironie Mephistos wörtlich genommen: denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nachhause tragen. Andere Millionen haben Senecas Witz, dass wir für das Leben lernen sogar über Schulen gemeißelt. Am neuen Museum in Berlin, jenem schmählichst geschundenen, aber auch wunderbar wieder auferstandenen Stüler-Bau, steht, jetzt etwas durch die neue Eingangshalle verdeckt, dass die Kunst niemanden hasst, nur die Unwissenden, aus denen wir das Wort Ignoranten gemacht haben. So ist es auch mit dem Leben, es hasst niemanden, aber die Ignoranten haben es schwer. Die Kraft des Rationalen ist allzu oft nur fiktiv, weshalb die rationale Kraft des Fiktiven allzu oft übersehen wird.