IM JOCH DER VORURTEILE

 

Nr. 242

Als das Joch noch ein im Leben vorhandener, sozusagen lebendiger Gegenstand war, war es auch als Metapher allgegenwärtig. All die Pferde, Ochsen, Ziegen und Hunde, die ins Joch gespannt wurden, um die Lasten der Menschen zu ziehen, sind durch Motore und Vehikel ersetzt. Immer geht mit einer neuen Erfindung die Verheißung der Freiheit einher. Fliegen wurde (‚frei wie ein Vogel‘) Jahrtausende lang fast als Synonym für Freiheit benutzt. Verdienstvolle Menschen opferten sich, wenn es ihnen vielleicht auch nicht bewusst war, um diesem Traum von Freiheit näher zu kommen. Lange vor Lilienthal aus Anklam und Berblinger aus Ulm flog Abbas Ibn Firnas bei Cordoba in die Katastrophe und Ahmet Celebi über den Bosporus, wurde aber als Ketzer in die Wüste geschickt. Heute fliegen Millionen Marmeladengläser aus Neuguinea, Kiwis aus Neuseeland oder Büroklammern aus China auf der einen Seite, Millionen Urlauber von ihren Plattenbausiedlungen oder jedenfalls aus ihren Großstädten in eigens für sie gebaute Ghettohotelkomplexe auf der anderen Seite. Nur Flüchtlinge benutzen noch antike Boote.

Die Globalisierung wird indessen wieder von großen Gruppen als Fluch oder Joch angesehen. Sie glauben, dass die Globalisierung ein Machwerk großer Konzerne sei, um die Menschheit erstens in den Griff zu bekommen und zweitens nach allen Möglichkeiten auszubeuten, wenn nicht gar zu versklaven.

Der Ochse konnte in der Tat nicht aus seinem Joch heraus. Er starb im Joch, auf dem Feld und wurde vom nächsten Ochsen in die Küche gezogen. Der Mensch dagegen begibt sich mehr oder weniger freiwillig, manchmal durch Unachtsamkeit, durch den Glauben an Versprechungen, durch  verlogene Herrscher oder Umstände, die er zu lange geduldet hat, in jochähnliche Zustände, aus denen er dann nicht glaubt, sich jemals wieder befreien zu können. Der Sklave, der aus widrigen Verhältnissen fliehen will, braucht nicht nur Maxima an Mut und Kraft, sondern auch an Empathie und Navigation. Der germanische Gladiator, den Seneca beschreibt, der keinen Ausweg sah, als mit der in den Hals gerammten Fäkalstange dem unausweichlichen und unwürdigen  Tod in der Arena zuvorzukommen, wird als Vorbild gerne verworfen. So viele Jahrhunderte haben wir Menschen darüber nachgedacht, um endlich vor dem Wort ‚Würde‘ zu erschauern. Lieber sagen wir, wir kennen es nicht, als dass wir anerkennen, dass es der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben ist.

Als innovator’s dilemma bezeichnet man die eigenartige Umkehrung, dass auch der Erfinder des Neuen, der Innovator veraltet und es selbst nicht merkt, weil sein Bewusstsein ihm unauslöschlich eingebrannt hat, dass er der Wegweiser ist. Aber es gibt auch ein Dilemma der Menschheit, das darin besteht, aus einem Joch in das andere zu fallen. Die Quälerei der Pferde und Ochsen in ihren Jochen mag mehr Menschen aufgefallen sein als dem schon kranken Oberphilosophen Nietzsche, der darüber zusammengebrochen ist. Demzufolge wurden die Eisenbahn, das Automobil und das Flugzeug als Befreiung angesehen, ihre Benutzung und ihr Besitz gar als Freiheit. Das ist genauso falsch, wie die Arbeit als Joch zu begreifen.

Arbeit ist genauso Nahrungs- wie Sinnbeschaffung. Tiere unterscheiden sich vom Menschen nicht durch Denken oder Fühlen, sondern dadurch, dass bei ihnen individuell Nahrungssuche und Sinn zusammenfallen, evolutionär dagegen Sinn und Funktion im Biotop. Ein Reh auf einer Waldwiese benötigt den ganzen Tag, um genau die Energie zu sammeln, die es verbraucht. Da ist kein Sinndefizit. Evolutionär gehört es in die berühmte Nahrungskette, rettet Gras und wird vom Wolf gerettet. Der Mensch dagegen  hat sich von sich selbst entfremdet, indem er sich ein Dach über dem Kopf baute und das bedeutet, dass er sich von den unmittelbaren Umständen, die optimal für ihn wären, räumlich entfernen kann. Sein Schlüsselwort ist der Vorrat, der beim Eichhörnchen und beim Hamster schon angedeutet ist, mit denen wir eng verwandt sind. Ein Supermarkt ist nichts anderes als das Lager des Hamsters oder die Scheune des Neolithikers. Die Tabakscheunen der Hugenotten in der Uckermark zeigen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, er muss sich auch betäuben. Parallel dazu, mit dem verlorenen Sinn, wurden auch Sinnsubstitute errichtet. Nicht zufällig sind die ersten Tempel baulich identisch mit Markthallen, nämlich der römische Basilikatyp. Wenn man noch weiter bedenkt, dass wir heute mit Markt unsere gesamte komplexe und globalisierte Wirtschaft meinen, dann haben wir uns einerseits nicht weit von unseren Vorfahren vor tausenden Jahren entfernt, andererseits aber wird unsere Sinnsuche klarer. Je straffer der Sinn organisiert war, desto weniger haben wir sein Fehlen bemerkt.

Das Joch ist also keineswegs etwas Negatives. Der Ochse bekommt sein Futter. Der Sklave muss über nichts nachdenken, wenn er Freiheit nicht als Mangel fühlt. Der Mensch in der Diktatur bequemt sich den bizarren Ideologien seiner Führer an, wenn er seine tägliche Banane erhält.

In diesem Gedanken liegt auch der Schlüssel für unsere Unzufriedenheit. Wir wollen alles technisch verbessern und verbessern es auch. Aber mit jeder Maschine, die wir benutzen, geht auch ein bisschen Sinn verloren. Deshalb glauben so viele Menschen, dass früher alles besser war. Es ist also nicht nur eine Generationsfrage und ein Problem billigster Medien, sondern auch ein Mangel an Sinn. Sinn ist aber auch wieder kein Regelwerk. Man muss nicht in eine bestimmte Himmelsrichtung blicken, um zu erkennen, dass der Nachbar Hilfe braucht. Ein Gott der gelobt werden will, ist eine anthropomorphe Karikatur. Ein Gott dagegen, der uns anstiftet, Gutes zu tun, die Welt zu verbessern, Sinn und Navigation zu spenden, der steht in allen Schriften aller Philosophen und Propheten.

Aus all dem könnte man leicht schlussfolgern, dass der Mensch wie die von dem kleinen Orwell durchschnittene Wespe sei, die erst, nachdem sie sinnlos geschlungen hat, bemerkt, dass ihr die wichtigere (?) Hälfte fehlt. Es ist moralisch verwerflich, Wespen oder andere Lebewesen zu zerstückeln. Es gibt keine wichtigere Hälfte. Wir müssen immer wieder neu einen Sinn suchen. Dabei können Religionen helfen, Philosophien, überhaupt Narrative. Wer will denn unterscheiden, ob die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, eine Geschichte von Liebe und Tod, von Hunger und Vergebung, von der Bindungskraft der Familie und der Geschichten, von der Erfindung der Erfindung, von Träumen und Visionen, vom Markt und seinem Chaos, von Macht und Verrat, – ob diese Geschichte von Moses oder von Thomas Mann besser erzählt wurde? Wir Menschen verbleiben lieber in unseren bewährten Vorurteilen als uns auf einen neuen Weg zu begeben.

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BRÜSSOWER KONFIRMANDEN IN BERLINER MOSCHEEN

 

Nr. 241

Es gibt doch diese lokalzeitungsähnlichen Berichte: Wir machten einen Ausflug, für das leibliche Wohl war gesorgt. Zwei petrifizierte Metaphern sollen einen Tag beschreiben und spiegeln auch tatsächlich ganz genau die Langeweile wider, die den Tag so unspannend machte. Vielen unserer Unternehmungen ist der Sinn abhanden gekommen, es herrscht nicht der Übermut, sondern der Überdruss.

Gestern sollten eventuelle Vorurteile abgebaut werden. Aber es gab gar keine. Die Erwachsenen projizieren ihre Vorstellungen in die Kinder hinein, beklagen deren unangepasstes Verhalten, zum Beispiel die SMARTPHONESUCHT. Aber die neue Art zu kommunizieren hat auch eine globalisierte Jugend geschaffen. Während wir, die FESTNETZGENERATION, uns gerade einmal eine globalisierte Dingwelt vorstellen können, Marmelade aus Neuguinea und Büroklammern aus China, scheint der übernächsten Generation längst klar zu sein, dass es zwischen Menschen keine Unterschiede gibt, dass die Forderung der französischen Revolution nach Gleichheit ein Abschied war aus der alten Welt der Separation, der Abtrennung, des Rassismus, der Besserwisserei, des schlimmsten aller Irrglauben: dass ich allein richtig sei.

Da sitzen in einem Sandkasten vier Kinder, in jeder Ecke eines. Das erste Kind sagt: ich bin das auserwählte Lieblingskind. Deshalb bin ich richtig. Das zweite Kind sagt: mir schickte der Vater seinen Sohn, deshalb bin ich richtig. Das dritte Kind sagt: ich bekam die letzen Anweisungen, weil die andern alles falsch gemacht haben. Deshalb bin ich richtig. In der vierten Ecke sitzen die Kinder mit dem Smartphone in der Hand: ein schwarzes, ein weißes, ein gelbes, so wie man früher die Menschen eingeteilt hat. Sie sind zwar etwas abgelenkt, indem sie ständig ihr Telefon im Auge und in den Fingern haben. Aber sie sehen die Welt nicht halbiert, sondern verdoppelt. Und dabei fällt ihnen auf, dass keine von den sogenannten Wahrheiten oder Richtigkeiten – von Ewigkeit zu Ewigkeit – einen Tag überdauert. Wenn Jesus wirklich gesagt hat, was in Johannes 35 berichtet wird, dass der Mensch auf Wasser und Geist abstrahierbar sei und geboren wird, dann ist die SMARTPHONEGENERATION die erste, die ihr Leben gleichzeitig lebt und reflektiert. Da wir aber nur das Puppenstadium dieser Entwicklung sehen, urteilen wir so hart wie die Vorurteilsverteidiger [RESSENTIMENTALISTEN] zu Zeiten des Isa-Yesus, des Mohammed oder des Mahatma. Aber sie haben sich durchgesetzt, ihr Geist hat über das Wasser gesiegt.

In jeder großen Stadt gibt es sinnüberfüllte Viertel. Am Columbiadamm in Neukölln wurden die toten Soldaten aus den Regimentern südlich der Spree beerdigt. Berlin war lange die Hauptstadt des preußischen Militarismus, dessen Höhepunkt nicht der Philosoph Friedrich II. war, sondern der säbelrasselnde Wilhelm II., der mit seinem besten Freund im Orient, Abdülhamid II., den Ausgangspunkt von Krieg und Massaker bildete. Aber das sieht man dem Columbiadamm heute nicht mehr an, der zwei quicklebendige Stadtteile, Neukölln und Tempelhof, miteinander verbindet und Parks, Vergnügungsparks, Sportplätze, ein übel beleumdetes Schwimmbad, Friedhöfe und die Şehitlikmoschee fast wie eine verzauberte Enklave wirken lässt. Die Brüssower Konfirmanden mit ihrem Pfarrer ließen sich von der Märchenmoschee tatsächlich verzaubern, aus der auch gerade ein Traumbrautpaar kam. Geduldig ließen sie sich ‚Wie kamen die Türken nach Berlin‘ und ‚Die fünf Glaubenssäulen des Islam‘ erklären, dabei sah keiner auf sein Smartphone. Dann gingen sie zum Mittagsgebet in die Moschee. Unten sahen sie sowohl die Inbrunst der Beter als auch deren Toleranz gegenüber den Jungen, die mit ihren Smartphones und ihrem Übermut spielten, während sie selbst eher ehrfürchtig den wunderschön vorgetragenen Koranversen lauschten. Oben auf der Empore folgten sie den Erklärungen über Kalligraphie statt möglicher Bilder. DU SOLLST DIR KEIN BILD MACHEN. Das Smartphone ist die allerletzte Folge der Übertretung des Bilderverbots. Draußen gab es eine heftige Diskussion über die Quelle des Guten. Die Quelle des Guten kann die Religion sein, aber auch der von Gott und Natur begnadete Mensch. [Wir versuchen es einmal mit ‚Gott und Natur‘ statt ‚Gott oder Natur‘. Nicht umsonst, und das weiß jeder Muslim, den ich bisher traf, steht sowohl in der Bibel als auch im Koran die Ameise.]

Dann wurden – zu ihrer großen Überraschung – die Brüssower Konfirmanden, die gerade über die Stärke und den notwendigen oder möglichen Zuckergehalt des türkischen Tees redeten, zu einem Morgenmahl eingeladen, das zwar dem Gedenken eines Toten galt, aber alle lebendigen  Besucher der Moschee einbezog.

Mit dem VW-Bus T5 ihres Pfarrers fuhren sie dann in eine andere, aus ganz anderen Gründen berühmte Moschee: die HACI BAYRAM CAMII im Wedding. Wedding war einst ein kleines Dorf, durch das Friedrich II. ritt, dem man da, wo sich jetzt die Prinzen- und die Badstraße kreuzen, Wasser reichte, weshalb er die Gegend mit dem Namen Gesundbrunnen adelte. In dem Riesenschiff Gesundbrunnencenter tauchten unsere Konfirmanden kurz in die Welt des Konsums. Im berühmten Jugendhaus der HACI BAYRAM Moschee wurden sie von einer Gruppe empfangen, die eine völlig neue Generation von Deutschtürken und von Muslimen darstellt. Nur die Gebäude selbst, die die Väter und Großväter, Mütter und Großmütter der heutigen Leiter dem alten Wedding abtrotzten, erinnern noch an das erste Deutschtürkentum. Im heutigen Jugendhaus verbinden sich intellektueller Anspruch – alle Leiter sind Studenten – mit sozialem Auftrag und religiöser Tradition auf so gelungene Weise, dass sowohl dem Pfarrer als auch seinen Konfirmanden vor Staunen die Sprache wegblieb. Trotzdem gab es eine äußerst lebhafte Diskussion, in der die Konfirmanden selbst eine ganze Weile mehr zuhörten, aber absolut wach alles verfolgten und dann mit Fragen und Bemerkungen anreicherten. Was ist beten? Danken. Was ist Religion? Eine Quelle des Guten. Was fehlt uns? Sinn. Wenn ihr Berliner seid, geht in die HACI BAYRAM, wenn ihr fasten und fastenbrechen wollt, wenn ihr Hilfe braucht, wenn ihr Sinn sucht, wenn ihr etwas über ein Buch wissen wollt. Das ist Werbung? Die sollte im Zeitalter der Werbung wohl erlaubt sein. Das ist sowohl Werbung für die kompetenten und äußerst freundlichen Menschen in der HACI BAYRAM –  mit der guten Website – als auch für die Brüssower Konfirmanden, die gerade auf so schöne Weise die Welt entdecken, wie ihre Voreltern sich nie hätten träumen lassen. Es gibt gar keine Vorurteile, außer bei den Ressentimentalisten. Wer ist das? Vergiss es.

Bester Dank an Isa Genç und Irfan Doğan für ihre kompetente und freundliche Hilfe.

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DIE HEGELSCHE TREPPE

 

Nr. 240

DER PREIS DES AUFSTIEGS IST DIE TREPPE gilt auch umgekehrt

für Tamer K.

Wir können nicht von uns fortschreiten, weder neben uns treten, noch vor oder hinter uns. Diese Gebundenheit in Raum und Zeit ist immer als Fessel der Erkenntnis gedeutet worden, so dass wir lange annahmen, wir könnten nur begrenzt erkennen und deuten. Dagegen scheint es ratsam, einmal zu untersuchen, ob die Fessel nicht vielmehr die Ursache unseres Stillstands ist, dagegen aber anzunehmen, dass der Geist, wie sich ja in jeder Phantasie und in jeder psychischen Krankheit zeigt, ganz frei sei. Das Leiden an der psychischen Störung entsteht durch die Reibung mit der Wirklichkeit, jener raum-zeitlichen Gebundenheit, in deren Fesseln die Mehrheit der Menschen lebt und leben muss. Wer aus sich heraustritt, ist für die Welt verloren.

Wir nehmen aus zwei Gründen an, dass wir fortschreiten, nämlich weil wir glauben, dass wir auf ein Ziel hin leben, und weil  uns scheint, dass die Annehmlichkeiten des Lebens das Leben selbst sind. Unsere Folgerung: das Leben wird annehmbarer, also ist es Fortschritt. Wir blenden die Unannehmlichkeiten einfach aus, zumindest nachträglich. Wir nehmen den Schein für die Wirklichkeit. Wir glauben eher das, was uns jemand über die Welt sagt, als das, was die Welt uns sagt. Wenn wir aber selber sehen, dann sehen wir mit den Augen, Brillen und Begriffen unserer Vormütter und Überväter, und das waren in unseren Augen meistens Übelväter. Wir können die Fehler der Vergangenheit viel besser deuten als die der Zukunft. Sprichwörtlich ist inzwischen unsere Abhängigkeit von Medien und Maschinen, wir haben die Aufklärung an die Stelle der  Religion gesetzt und glauben an Titel, Thesen und Temperamente.

Ein Ziel ist ja mehr als ein Ende. Das Ende der Geschichte ist ein Idealzustand, mag der nun Paradies, Kommunismus, demokratischer Sozialstaat, ewiges Leben heißen. Man glaubt sich ja am Ende seines Lebens auch am Ziel seiner Wünsche: man ist weiser, reicher, beliebter als am Anfang. Wer das glaubt, sollte doch vor der Zeit einmal ein Pflegeheim besuchen. Bis zum 18. Jahrhundert wurde das Wort Ende auch synonym zu Zweck verwendet (Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? Jena, 1789). Als Zweck des Menschen, von anderen nun wieder mit ‚Sinn’ gleichgesetzt, erscheint dann die Fortpflanzung. Das ist reine Tautologie: ich bin da, damit (oder auch: weil) ich da bin. Indessen hat hier nicht Darwin Hegel bestätigt in dem Sinne, dass der Mensch über der Ameise stünde. Die einzelne Ameise mag ein Nichts sein (wie der einzelne Mensch außerhalb seines Zusammenhangs auch), die Ameisen-Sozietät dagegen ist  ein kollektiver Makroorganismus. Aber was anderes ist der Mensch? Der Mensch ist als Körper ein sich selbst organisierendes Zusammenwirken von Mikroorganismen und Teilsystemen, die Summe des Humus, als soziales Wesen der Quotient seiner Vorväter und das Produkt seiner Urenkel. Wäre also Fortpflanzung sein Zweck, so würde er sich nur selbst bezwecken und beenden. Stattdessen sollte er sich darauf besinnen, für die nachkommenden Generationen das Leben annehmbarer zu machen als es für die vorangegangenen Generationen, denen wir nicht mehr danken können, war. Dieser Beitrag zur Lebenssinntheorie stammt von Schiller aus der genannten Antrittsvorlesung in Jena.

Im neunzehnten Jahrhundert entstand nicht nur der blinde Glaube an den Fortschritt, und wir wollen glauben, dass sein Gott Hegel hieß, sondern auch der Gegenzweifel, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Und obwohl jeder weiß, dass Wärme nicht von selbst von einem Körper niedrigerer auf einen Körper höherer Temperatur übergehen kann, glaubt es dennoch keiner.

Wir glauben an den Fortschritt oder die Wissenschaft. Wir glauben an das Buch, die Zeitung und das Internet. Wir glauben an die Hauptsätze der Thermodynamik, aber nicht an den zweiten: siehst du etwas zerfallen oder erkalten? Viele Menschen glauben an Schneeballsysteme oder an das Geld, das die Welt regiert. Wir glauben an die Omnipotenz der Maschine, besonders an das Automobil und den Ordinateur.  Viele glauben an die Kraft der Kontrolle und die Wirksamkeit der Strafe sowie an das Recht des Stärkeren. Wir können nicht glauben, dass der Mensch gut ist, wir sehen es täglich, aber wir glauben es nicht. Wir müssen dagegen glauben, dass wir höher stehen als die Ameise und der Wilde. Man sieht es ja. Wir glauben, dass Glauben etwas grundsätzlich anderes ist als Wissen. Das glauben wir zu wissen. Manche glauben, was sie sehen, und andere sehen, was sie glauben.

Der Philosoph Hegel, dessen Treppe wir bestaunen und nachbeten, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie, war zum Pfarrer bestimmt, teilte während der Schulzeit sein Zimmer mit Hölderlin und Schelling, wurde aber zunächst Hauslehrer, also Hofmeister, dann Gymnasialdirektor durch Protektion, Schulrat, Professor und schließlich Rektor der Berliner Universität. Sein wichtigstes Buch, mit dem er allerdings sein ganzes Leben beschäftigt war, Phänomenologie des Geistes (1807), schrieb in der Mitte seines Lebens in Jena, just als Napoleon sich anstellte, Jena zu erobern. Was wollte der große Napoleon mit dem kleinen Jena? Dieser Lebensweg mag manchem als Fortschritt, als ein Aufstieg von unten nach oben erscheinen.

Hegels Schwester Christiane hingegen, ebenfalls hochintelligent, arbeitete auch als Hauslehrerin, nämlich für die fünf Töchter des Freiherrn von Berlichingen. Als diese Töchter erwachsen waren und das Haus verließen, brauchte niemand mehr Christiane Hegel. Sie wurde, wie man damals sagte, schwermütig, manchmal auch hysterisch. Vielleicht war sie depressiv oder schizophren. Sie schrieb sehr schöne Gedichte und bedeutende Briefe, die ihre Familie sorgfältig vernichtete. Ihr Bruder, der ihr Abgott war, lud sie einmal ein, bei ihm zu wohnen, obwohl sie ihm unheimlich war, aber dann ließ er sie doch entmündigen. Man nahm ihr das kleine Haushaltsbüchlein fort, mit dem sie sich bewies, dass sie von niemandem abhing. Sie ernährte sich jetzt von Handarbeits- und Französischunterricht, wenn und solange sie nicht in der geschlossenen Anstalt war. Manchmal kümmerte sich Hegels Schwiegermutter, Freifrau von Tucher, um sie. Als Hegel starb, und bekanntlich baute Schinkel ihm das Grab, wollte auch seine Schwester nicht mehr leben. Sie starb selbstbestimmt in der Nagold, einem kleinen schwäbischen Flüsschen, wurde kilometerweit flussaufwärts gefunden. Alles fließt. Zu ihrer Beerdigung in Calw kamen vier Personen, davon zwei um zu sehen, wer ihre Auslagen bezahlen würde. Ihr Geist ging später in den kleinen Hermann Hesse über. Wir können nicht von uns fortschreiten, aufwärts nicht und nicht abwärts.

VOLKSZÄHLUNG

 

jeder siebte ist muslim

sechs nicht

jeder siebte ist afrikaner

sechs nicht

jeder siebte ist chinese

sechs nicht

jeder siebte ist inder

sechs nicht

jeder siebte ist europäer oder nordamerikaner

sechs nicht

zwei siebtel sind der rest der welt

fünf siebtel nicht

wer bedroht jetzt wen wer will wen schlucken

zählen wir lieber die plastiktüten im ozean

UNVERSCHÄMTHEIT DER ÄMTER

 

Nr. 239

Im berühmten Hamlet-Monolog und im nicht minder berühmten Sonett 66 vom berühmtesten Shakespeare freut sich jeder über die Zeile von der Unverschämtheit und der Lähmung Amtsanmaßung, es wäre ein Wunder, wenn wir kein eigenes Wort dafür hätten. Geht man heute in ein Amt, so ist es auf der einen Seite die Überfüllung, ob nun tatsächlich durch Personalmangel oder eher nicht so effektive Logistik, auf der anderen Seite aber eindeutig die Überbehütung, das overprotecting, was uns ärgern kann. Wir sind aus Schäfchen der Kirchen, die wir einst waren, zu Stichlingsschwärmen des Staates in einem Großaquarium geworden. zwar sind wir maximal behütet, aber auch denkbar eingeschränkt. Je besser wir leben, desto weniger empfinden wir unsere süße Gefangenschaft, vielmehr ist sie mit einer guten Ehe vergleichbar, in der die Ehepartner derart ähnlich und voneinander abhängig werden, dass man sie nicht unterscheiden kann. Der Verdruss kommt durch die Armut und andere Hilflosigkeit. Nun könnte man einwenden, dass es gleichgültig sei, ob man in einem over- oder in einem underprotecting System verdrossen sei. Jedoch glaubte der Arme früher an die Natürlichkeit des Standesunterschieds, heute dagegen glaubt er an einen Gerechtigkeitsmangel. Da er, wie der Wohlhabendere, ununterbrochen von Ämtern segensreich beschattet wird, muss aus seiner Sicht ein Fehler vorliegen, denn bei soviel Aufmerksamkeit so wenig Geld zu haben, kann nicht an ihm liegen. Fehler bei anderen anstatt bei sich zu suchen, ist nun aber ganz und gar kein Anzeichen der Moderne, sondern so alt wie die Menschheit.

Wie unser ganzes schönes Bürokratiesystem auf Neuankömmlinge wirkt, können wir nicht wissen, sondern nur ahnen. Ein Flüchtling, der DUBLIN III verstanden hat, geht fast jeden Tag auf irgend ein Amt. Aber wenn alle diese Ämterbesuche eines fernen Tages erfolgreich waren, sieht er sich nach Arbeit um. Im Gegensatz zur Meinung der AfD und anderer rechter Minderheiten kann er sich ohnehin nur für Arbeiten und Ausbildungen bewerben, in denen es nicht genügend – verkürzt ausgedrückt – deutsche Nachfragen gibt. Wenn dies alles zutrifft, sieht er sich einem Labyrinth von Ämtern und amtlichen Zugriffen ausgesetzt, die er unmöglich selbst bewältigen kann, zumal der eine Fallmanager oft nicht weiß, wie zum Beispiel der Quartier- oder der Gesundheitsmanager entscheiden werden oder entscheiden können.

Arbeitsteilung und Spezialisierung sind ganz sicher wirkungsvolle Instrumente unseres Erfolgs. Aber ab einer bestimmten Stufe wirken sie zurück, verweisen auf sich selbst, beschäftigen sich nur noch mit sich selbst. So wie viele Gruppen von Menschen immer mehr dazu tendieren, nur noch mit sich selbst zu kommunizieren, wodurch die Zustimmungsquote enorm steigt. Die Krise der Demokratie, die wir im Moment durchleben, hat möglicherweise genau die gleiche Ursache. Immer mehr Aufteilung der Verantwortlichkeiten führen letztendlich dazu, dass keiner mehr verantwortlich ist und die Menschen sich einen großen Guru suchen, der behauptet, dass er nicht nur alles weiß, sondern auch alles kann und alles machen wird. Das ist kein türkisches Problem.

Aber die Lösungen all unserer Probleme liegen nicht hinter uns, sondern vor uns. Es ist wenig hilfreich, immer wieder festzustellen, wer schuld ist, hat oder hatte, was gestern besser oder schlechter war. Geschichte ist interessant, man kann auch aus ihr lernen. Aber zur Lösung unserer Probleme braucht es Zuversicht und Mut. Die Demokratie selbst hat sich gegen alle Gestrigkeiten, ob sie Himmler hießen oder Spiegelaffäre oder 2. Juni durchsetzen müssen und auch durchgesetzt. Oft ist das einzige Gegenargument ‚man macht das nicht‘ oder ‚der ist schuld‘. Wir haben das schon als Kinder nicht eingesehen. Das Leben ist ein kompliziertes Geflecht aus Tradition und Innovation, aus Freiheit und Ordnung, aber daraus darf man nie schließen, dass Stillstand eine Option wäre. Die Wirkung des Chaos wurde früher maßlos überschätzt. Daher kommt aber die Gegenwehr, der staatliche  Terror, der wiederum den individuellen Terror hervorbringt. Je weniger Gewalt der Staat einsetzt, desto friedlicher werden seine Bürger. Der Mut zur radikalen Lösung und zu der Erkenntnis, dass jede Lösung ein Kompromiss und eine Zwischenlösung ist, erzeugt auf der Gegenseite ebenfalls den Mut, den die Zukunft von uns braucht.

Wir könnten endlich über wirkliche Neuerungen nachdenken: wenn wir zum Beispiel jedem Flüchtling eine Paten beigeben würden, müssten sich nicht ein Dutzend Fallmanager immer wieder in den Fall eindenken. Wenn wir zum Beispiel ältere Menschen Pfandfalschen entgegennehmen und Glocken läuten lassen würden, könnte die Verantwortung gestärkt werden. Konsumieren können ist eine große Errungenschaft, aber produzieren, und sei es Gemeinsinn, ist der eindeutig höhere Gewinn.

Die Gesellschaft sollte sich ein türkische Hochzeit zum Vorbild nehmen: zwei große Clans von Verwandten und Freunden vermischen sich, und nicht das Essen steht im Vordergrund, sondern das Zusammensein und der Rhythmus der Annäherung.

VERSCHLEISS DER DINGE UND GEDANKEN

 

Nr. 238

Beziehungen erkalten, Telefone und Regierungen veralten. Aber was ist mit den linken und rechten schönen und alten Sätzen, die aus dem Protest gegen den jeweiligen Zeitgeist kreiert wurden und immer richtig waren? Ist das Medium nicht mehr die Botschaft? Stimmt der Satz, mit all den neuen Medien, nicht mehr denn je? Und gibt es plötzlich ein richtiges Leben im falschen? Braucht Zukunft keine Herkunft mehr? Das sind alles Sprüche, die zurückweisen, einmal zeitlich in die Vergangenheit zurückweisen zum anderen aber, und das ist bei den beiden linken Sprüchen mehr als verwunderlich, Menschen zurückweisen.

Wenn wir den neuen Medien unterstellen, dass sie selbst die Botschaft wären und keine Botschaften beförderten, unterstellen wir gleichzeitig ihren Benutzern, dass sie gar keine Botschaften hätten. Aber was soll daran neu sein? Man kann mit Rauchzeichen nichts sagen und mit dem Smartphone. Man kann mit einem Pistolenschuss ein ganzes Jahrhundert verheeren, während es Bürgerkriege gibt, die völlig ergebnis- und ereignislos fünfzig Jahre vor sich hin dämmern. Leider ist es uns mit der Demokratie auch so ergangen. Wir haben sie jahre- und jahrzehntelang als Ende der Geschichte (Hegel, Fukuyama) gefeiert und als alternativlos dargestellt, bis sie wahrscheinlich jenen Menschen überdrüssig wurde, die in ihr so gut wie nicht mehr vorkamen. Überall ist, ebenfalls seit Jahrzehnten, die traditionelle Trennung zwischen rechts und links aufgehoben, versandet, in der Mitte zusammengeflossen. Alle Parteien bezeichnen sich als große Volksparteien. In Deutschland sind die Grünen die einzige Parteigründung gewesen, die einen neuen, nicht am Rechtslinks-Schema orientierten Identitätsaspekt in die Politik eingebracht haben, auch neue Formen der politischen Auseinandersetzung, aber dann sind sie auf einem Gebiet in das Muster der anderen Parteien gefallen, das vermeidbar gewesen wäre: sie sind inzwischen auch eine gutbürgerliche Partei, die von Greisen geführt wird.  Greise merken nicht, dass sie alt werden und alt sind. Da man sich nur von innen sieht, kann man seine Wirkung auf andere schlecht abschätzen. Auch Selfies scheinen da nicht zu helfen. Es ist auch kein Trost, dass die ehemalige Arbeiterpartei allen Ernstes einen Hoffnungsträger präsentiert, der noch zwei Jahre bis zur Rente seine Hoffnungen verbreiten kann. Auch die eiserne und ewige Kanzlerin hat die Grenze zur Rente bereits überschritten. Bei der Linken weiß man gar nicht, wer der große Vorsitzende ist, es reden nach wie vor nur Gysi und Lafontaine, allenfalls noch dessen verwirrte Gattin. Nur die FDP hat einen jüngeren Vorsitzenden, aber dafür ist er doppelt so wirkungslos.

Die Demokratie ist zu kompliziert, um als alternativlose ewige Wahrheit durchzugehen. Das gilt selbst dann, wenn die Ergebnisse eineindeutig sind: in Deutschland lebende türkische Staatsbürger bevorzugen nach wie vor ein autoritäres System, das wirtschaftlich am Boden liegt, vor einer wirtschaftlich vorzüglich und mit großem Gewinn funktionierenden Demokratie, in der sie sich nicht erkennen. Offensichtlich führen die neuen Medien, Internet mit Smartphone gekoppelt, zu einer neuen Spiegel- oder Resonanzwahrnehmung ihrer Benutzer. Plötzlich erkennt der absurdeste Gedanke, dass er nicht allein ist. Es ist inzwischen absolut üblich geworden, selbst evidenten Fakten zu widerstehen. Trump ist da nur ein prominentes Beispiel. Er hat, nicht nur in Amerika, viele follower.

Auf all das weiß die Demokratie nicht nur keine Antwort, sie hat noch nicht einmal bemerkt, dass da eine Frage ist. Sie macht einfach weiter so wie bisher. Macht macht krank, auch einer von diesen Sprüchen, aber sie macht scheinbar auch blind, besoffen, niederträchtig und handlungsunfähig. Nach wie vor gibt es Botschaften, wenn auch wenige, so wie Visionen, die natürlicherweise proportional zu den gelösten Problemen abnehmen. Es gibt aber wesentlich mehr Medien, die auch Risiken und Nebenwirkungen haben, und zwar nicht nur für die abfällig user genannten Mitbürger, sondern scheinbar auch für die Medien, die Politik, den Konsum, die Produktion, die Wirtschaft insgesamt, die Beziehungen der Staaten untereinander, für Krieg und Frieden. Es ist nichts anderes als das schon oft besprochene WARUM-Mirakel.

Noch falscher, und zwar schon immer, ist der Satz, dass es angeblich kein richtiges Leben im falschen gäbe. Es gibt kein richtiges Leben. Es gibt kein falsches Leben. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen. Scheinbar sind auch im Exil lebende und schreibende Großphilosophen nicht vor solchen Fundamentalfehlern gefeit. Um es ganz krass zu sagen: Wenn ich gedanklich zulasse, Nationalsozialisten als  falsche Menschen zu definieren, dann gebe ich denselben Nationalsozialisten recht, die Juden oder die Kommunisten als die möglichen falschen Menschen erkannt zu haben. Das gleiche, möchte man fast Lessing zitierend weitersagen, gilt für die Kommunisten oder Demokraten. Mit dem Wort Abschaum ist es noch leichter. Wer andere Menschen als Abschaum bezeichnet, gibt denen recht, die ihn Abschaum nennen. Jeder, der latte macchiato trinkt, weiß wie dumm dieses Bild obendrein ist.

Herschel Grünspan ist nach wie vor ein wunderbares und gleichzeitig ganz falsches Beispiel für das Falsche, das richtig sein kann, und das Richtige, das falsch sein kann. Gewalt ist immer falsch, und wenn er den Botschaftsrat tatsächlich aus einer sexuellen Begegnung kannte, ist sie, falls das steigerungsfähig ist, noch falscher. Wenn man aber andererseits bedenkt, dass er in den Zeitungen las, dass er selbst und seine Familie plötzlich staatenlos, rechtlos, von einer Partei zudem heimatlos gemacht worden waren, die ständig von Heimat und Vaterland schwafelte und sich im selben Atemzug anschickte, genau das alles nicht etwa nur für die Juden oder die deutschen, sondern für alle Europäer kaputt zu schlagen, so wie es in ihren grausigen Liedern auch hieß. Man kann sich eben nicht bedenkenlos dort niederlassen, wo gesungen wird. Auch böse Menschen haben Lieder. Also hat ein siebzehnjähriger trauriger Junge etwas getan, das bei anderen als große Widerstandstat gefeiert wird. Auf jeden Fall hat er etwas getan, was weit über die übliche moralische Entrüstung hinausgeht, die derselbe Marshall McLuhan, von dem die dem Medium innewohnende Botschaft stammt, als die Würde der Idioten bezeichnet hat. Diese Empörung, gerne auch mit der Forderung nach Petitionen gegen Tierquälerei im Süden Marokkos, ist ein neuer Zeitvertreib geworden. Der Glaube kompetent zu sein verstärkt sich durch das mediale Echo, das fast immer nur ein Spiegel des eigenen Gestammels ist, und die Empörung hält sich für eine Heldentat. Die Zukunft braucht kompetente Menschen, die etwas ganz einfaches von Herzen gern tun, und nicht Spekulationen darüber, ob ihr Leben falsch sei, ob sie falsch seien, ob ihre Medien Botschaften haben oder sind und was ihre Eltern oder Großeltern waren.

OSTERN IN SCHWERIN

 

Nr. 237

Durch die Straßen huscht, nachdem er vor einem Schaufenster seinen Hut gerichtet hat, ein kleiner steinalter Mann, der direkt aus dem neunzehnten Jahrhundert in unsere Zeit geflohen zu sein scheint. Jeder Versuch, ihn unauffällig zu überholen und von vorne zu fotografieren, scheitert an seinem enormen Tempo. Es wäre auch unanständig. Es ist der Landesrabbiner Wolff. Nicht seine religiöse Tracht lässt ihn aus der Zeit fallen. Der orthodoxe Rabbiner, der jeden Tag kettenrauchend die Berliner Brunnenstraße in Richtung Osten entlanggeht, ist hiesig und heutig, ihn ficht nichts an, auch nicht die scheelen Blicke all der Palästinenser, Türken und muslimischen Schwarzafrikaner, denn sie sind alle, wie auch er, Berliner. Der Landesrabbiner dagegen ist aus dem neunzehnten Jahrhundert auferstanden. Gegen solche kleinen, geistig und körperlich gewandten Menschen richtete sich der Antisemitismus, der dann später in den Holocaust überführt wurde. Aber er ist zum Glück, was seine Folgen betrifft, gescheitert. Nach einem anderen Landesrabbiner ist in Schwerin eine Straße benannt, und er, Wolff, huscht am Schabbat zu seiner Synagoge. Im Radio kann man ihn die Worte zum Schabbat sprechen hören, sie unterscheiden sich nicht von den Worten zum Freitagsgebet oder vom Wort zum Sonntag, das hier mal das Monopol hatte.

Eine Querstraße weiter, mit Blick auf das wunderschöne epigonale Märchenschloss der untergegangenen Großherzöge, das hier aber doch schon seit 1160 Vorläufer hatte, residiert der Ministerpräsident in einer der schönsten Staatskanzleien Deutschlands. Wenn man eine Weile vor diesem lichtüberströmten klassizistischen Bau steht, fällt einem gerade noch der Name des amtierenden Ministerpräsidenten ein. Aber in welcher Partei ist er? Wir wissen es nicht. Es gibt kein Wort zum Montag von ihm, das ihn als Konservativen oder Grünen, als Liberalen oder Linken, als Sozialdemokraten oder Rechtsalternativen ausweisen könnte. Man weiß nur, dass seine Frau Große Vorsitzende des Oberlandesrechnungshofes werden soll. Das ist ungefähr so eine Gewaltenteilung wie in der KIM-Dynastie. Ist das nicht traurig für solch eine wunderschöne Stadt und so ein altes gutes Land?

Das Landestheater dagegen ist eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges, und man könnte, nachdem man auch das Landesmuseum gesehen hat, ohne Bedenken einer Aufnahme Schwerins ins Weltkulturerbe zustimmen, wenn man gefragt würde. Im sehenswürdigen Landestheater spielte indessen kein Faust und kein Peter Grimes, sondern gehobene Unterhaltung. Vier erstklassige Musiker virtuosierten so ein bisschen Weltmusik vor sich hin und eine Schauspielerin, die schon einmal Haushälterin bei Pfarrer Braun war, las sieben Geschichten zum Thema der Paarbeziehung. Die Musik mit einem srilankischen Percussionisten stellte sich als eine weltmusikalische Klezmervariante heraus, meist erkennbar an der Klarinette. Aber auch die Gitarre lieferte exzellente Soli. Aber als summertime von George Gershwin auf der Melodika gespielt und von den anderen begleitet wurde, wurde der Sinn klar. War Gershwin ein typischer Amerikaner, der amerikanischste Amerikaner unter den Komponisten? Oder war er ein Sohn von russisch-jüdischen Einwanderern, womöglich aus Odessa, um es noch etwas komplizierter zu machen, und seine Musik wäre das Fundament des Klezmer? Aber ist es überhaupt richtig, nach der Herkunft zu fragen? Wir haben das merkwürdige Diktum, dass Zukunft Herkunft brauche, hinter dem sich die Ewiggestrigen so gerne verstecken, das sie als Fahne ihrer Rückfahrkarte hinzugefügt haben, schon mehrere Male ad absurdum geführt. Und in diesem Moment fällt uns eine andere Kombination von Klezmer ein: in Radu Mihaileanus schönem Film ‚Zug des Lebens‘ vereinigen sich am Ende nicht nur die Züge, sondern auch die Bands der Juden und der Zigeuner, und da wird einem klar, dass Musik Musik ist und Mensch Mensch, wenn man es nicht vorher schon ahnte. In Mihaileanus Film ‚Geh und lebe‘ – mit Leben hat ers -, wird aus dem äthiopischen Christen der Jude Schlomo, benannt nach dem Großen König, auf den sich so viele berufen: die Weisen, die Juden, die Christen, die Äthiopier und die Rastajamaikaner mit ihren weltweit verbreiteten Jüngern. Mihaileanus Vater hat auch seinen Namen rumänisiert, um nicht erschossen zu werden.

Die osteuropäischen Juden, die vor und nach dem ersten Weltkrieg nach Amerika gingen, gingen großzügig mit ihren Namen um, aus Gerschowitz wurde Gershwin, aus Reznikoff, der sich seinen neuen Namen nicht merken konnte: ‚ich hob fargessn‘ wird Ferguson aus Paul Austers 4321-Riesenroman, und hierzulande regen sich Rechte auf, weil drei Flüchtlinge ihr Papiere vergessen, verloren oder verbrannt haben. Die Welt besteht aus Menschen nicht aus Papieren. Niemals kann ein Papier einen Menschen ersetzen, beschreiben, ausweisen, identifizieren. Zuviel passiert, zu wenig wird geschrieben. Die unendliche Menge der Buchstaben hat im realen Leben immer noch n+billionen Varianten.

Nach dem Theater gehen wir in ein marokkanisches Dönerrestaurant. Dort gibt es Fertigsaucen, aber der entscheidende Unterschied ist die mangelnde Freundlichkeit. Das Missmutige des Geschäfts, das auch noch SAHARA heißt, spiegelt sich in den Gesichtern der lustlosen Söhne, die mehr gezwungen als bezwingend sind. Man weiß plötzlich um so mehr zu schätzen, was ein echter türkischer Dönerladen ist.

Wenn uns wieder einmal ein Rechter fragt, was die Einwanderung an Positivem bringen soll, und er dich gleich anschreit: ‚aber komm mir nicht mit dem Essen‘, dann wissen wir, seit wir in Schwerin waren, dass es die Dankbarkeit ist, die Dankbarkeit für so ein schönes Erbe, die Dankbarkeit für so ein schönes funktionierendes demokratisches Wohlstands- und Sozialstaatsgefüge, die Dankbarkeit für eine fröhliche, lichte, historische, ein bisschen kitschige, aber auch sehr schöne fast Weltkulturerbestadt, deren neuester Farbtupfer unter dem Denkmal der 1871 Gefallenen sieben lustige Typen von der abbessinischen Hochebene sind, die alle auf ihr Smartphone einreden und die ersten Sonnenstrahlen bei scharfem Aprilwind genießen. Das Denkmal sieht übrigens aus wie die Lord Nelson Säule in London auf dem Trafalgar Square, du weißt schon, dein Land erwartet von dir, dass du deine Pflicht tust.

Die beste Geschichte von der Schauspielerin in jenem etwas traurigen, weil äußerst schlecht besuchten Theaterabend, von 540, zu Weihnachten, wenn der Orchestergraben bestuhlt wird, sogar 640 potenziellen Gästen waren keine hundert gekommen, war ausgerechnet die von Johann Peter Hebel, der früher als Oberlangweiler in allen Lesebüchern glänzte. Er beschrieb ein inniges Liebespaar im achtzehnten Jahrhundert, was schon merkwürdig genug ist, das aber eine Woche vor der Hochzeit durch den Grubentod des jungen Mannes tragisch getrennt wird. ‚Tragisch gestorben‘ steht auch auf jedem zweiten Grabstein des russischen Friedhofs mitten in der großherzoglichen Stadt Schwerin, die 1945 zunächst von den Amerikanern befreit worden war. Die Frau des toten Bergmanns verhärmt und vergraut ihr ganzes mannloses Leben. Aber, das macht Hebel genau so wie Paul Auster, nach tausend politischen Ereignissen, zum Beispiel toten Kaisern, bei Auster ermordeten Präsidenten, nach dem Erdbeben von Lissabon, nach der Kubakrise, nach Kriegen und Eroberungen und Verlusten, finden Bergleute eine durch Eisenvitriol mumifizierte Leiche eines jungen Mannes, den die alte Frau als ihren Bräutigam identifiziert. Und allein daran kann man sehen, wie dumm das Wort identifizieren ist oder was dem jungen Bergmann ein Pass genutzt hätte. Der Sinn lag allein in der Seele der alten Frau, die durch das unverhoffte Wiedersehen, so der Titel der Geschichte, die Erfüllung ihrer Liebe und ihres Lebens endlich fand, das ganze dauerte keine Buchseite, während der vierfache Ferguson, die Varianten des Doppelgängers von Paul Auster, fast 1300 ungeheuer gut geschriebene Seiten benötigt.

Schwerin, Ostermontag 2017

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