Das XVIII. Jahrhundert und die dummen Filme

Rochus Stordeur

DAS XVIII. JAHRHUNDERT UND DIE DUMMEN FILME

„Wanted“ oder Eine Betrachtung zu Weihnachten

Ein junger Mensch gerät auf der Suche nach seinem Vater (wer sucht den nicht?) in eine Geheimgesellschaft mit perfekten Tötungsmethoden. Nachdem es in der ersten Hälfte des Filmes so aussieht, als ob der junge Mann Opfer würde, schafft er es in der zweiten Hälfte, Töter zu werden. Zwar tötet er aus Versehen auch seinen Vater, aber es gelingt ihm auch en passant , die Chefs und Macher der Gesellschaft zu überführen, und zwar sowohl ihrer Schuld als auch vom Leben in den Tod.
Der Film und viele ähnliche sind nicht nur dumm, sondern nur zu einem Drittel dumm. Ein zweites Drittel besteht aus archetypischen Erzählungen. In diesem Film ist es die allmächtige Geheimgesellschaft, die immer und überall alles über jeden Beteiligten weiß . Es ist der Vater-Sohn-Konflikt, der beinahe inzwischen DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN VATER heißen könnte. Untersucht wird, ob das Verschwinden des Vaters irgendeine Rechtfertigung hat. Dieser Vater hier verschwand, weil er von der Geheimgesellschaft missbraucht wurde. Er rettet in einer dramatischen Modellbahn-Aktion seinen Sohn und wird anschließend von diesem erschossen. Eine der fast unlösbaren Aufgaben in dieser Geheimgesellschaft ist es, ein flitzendes Weberschiffchen an einem vollautomatischen Webstuhl zu fangen. Der soeben entstehende Stoff birgt eine eingewebte Botschaft, obwohl der Zusammenhang zwischen Stoff und Botschaft bekannt sein dürfte: Textil – Textur – Text. Der Kleiderstoff ist die Metapher für das Lebensgewebe und umgekehrt. Das ist das eigentliche 18. Jahrhundert: das Denken auf dem Niveau eines Webstuhls und die Vorstellung, dass Konditionierung richtig sei. Wir erinnern uns: Ein Hund oder ein Kind wird mit Tadel und Lob, Kopfnuss und Küsschen, Strafe und Lohn, die Strafe kann schon die abgeschlagene Hand sein, Tod und Überleben erzogen. Dann stellt es sich so dar, dass der Tod das falsche Ergebnis, das Überleben jedoch das richtige sei: Eine wimmelnde Welt also, wenn alle alles richtig machen und zur Belohnung überleben dürfen. Nur: wer ist der Richter? Der Gott der Ameisen, der alles weiß und alle kennt und alles darf? Warum soll der Tod falsch und schlecht sein, nur weil er im Einzelfall Trauer oder gar Verzweiflung auslöst? Schnell relativiert sich die Trauer. Platz ist geschaffen, Leid beendet. Kommt nun noch der unselige Wille des 19. Jahrhunderts hinzu, die Vorstellung also, dass das Weberschiffchen durch die bloße Konzentration des Willens gefangen werden könnte, so verkehrt sich das Leben. Jetzt kann jede einzelne Ameise Gott werden. Diese Vorstellung vergisst nur, dass es auch eine Kehrseite gibt: Jeder ist seines Glückes Schmied oder Müllmann! Die Botschaft von solchen Filmen und solchen Billigphilosophien überhaupt ist es also anzunehmen, dass, wenn das Gute nur die Mittel des Bösen hätte und anwendete, das Gute dann endlich, endlich siegen würde. Aber wer kann es dann noch vom Bösen unterscheiden, und gerade darin liegt doch die Wurzel menschlicher Moral? Das ist eine Frage! In diesem Film kann des Menschen Wille sogar Pistolenkugeln von ihrem geraden Weg ablenken, aus dem Fakt wird der Kontrafakt, aus dem Toten wird – in einer Art weißem Schokoladenüberzug – ein Überlebender, aus dem Menschen wird der Übermensch. Nietzsche meinte übrigens mit seinem Übermenschen wohl eher den fittesten Leser, allerdings glaubte er auch an einen „Willen zur Macht“, also an den Schopenhauerschen Grundirrtum. Indessen liegt der Widersinn wo anders: das Böse ist nicht eine Macht, ein Block, eine Unperson, der Untäter schlechthin, sondern ein Maximum an Fehlentscheidungen. Fehlentscheidungen können wir nur am kategorischen Imperativ Kants messen, also immer so zu handeln, dass die Formel unseres Handels zum allgemeinen Gesetz werden könnte. Daraus könnte man scherzhaft einen kategorischen Pejorativ entwickeln: handle stets so, dass du deinen Mitmenschen maximal schadest, dann schadest du auch dir am meisten! Allerdings bleibt einem dieser Scherz im Halse stecken, vor allem, wenn man nicht dumme Filme, sondern das eigene dumme Tun betrachtet, die alltäglichen Untaten, die Nullstellen im ewigen Kalender.
Bleibt das letzte Drittel, es besteht aus Märchenelementen, auch Fantasy genannt, hier bleiben die Jugendlichen Kinder, die Erwachsenen bleiben jugendlich, Weihnachten wird wahr oder die Realität wird Weihnachten!

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