DIE GALILEISCHE KUTSCHE

DIE GALILEISCHE KUTSCHE
Zum 446. Geburtstag von Galileo Galilei am 15. Februar 2010
für grotemson

Wenn ich ein Moped in Pisa wäre, würde ich zwei von drei Studenten abwerfen. Diese langsam fahrenden, mit lachenden Studenten überladenen Mopeds passen nicht in unsere schnelllebige Zeit. Oder die schnelllebige Zeit passt nicht zu den lachenden und auf überladenen Mopeds fahrenden Studenten in Pisa.
Bekannt ist Pisa noch für zwei andere Dinge: den torre pendente und das Relativitätsprinzip. Während der torre pendente jetzt wohl endgültig stabilisiert wurde und nicht weiter kippt, bleibt uns das von Galilei beschriebene Prinzip erhalten: Wenn ein Reisender in einer schnell fahrenden Kutsche seinen Koffer betrachtet, so ruht dieser im Vergleich zu ihm. Betrachtet jedoch ein Beobachter in einem an der Straße liegenden Dorf den Koffer, so rast er mit dem Reisenden, seinem Besitzer, und der Kutsche dahin. Eine Aussage, ob der Koffer ruht oder sich bewegt, ist nur möglich, wenn man den Standpunkt des Beobachters beschreibt. Wir stellen uns natürlich vor, in der Kutsche saß Prof. Galilei und er sinnierte nicht nur über den Koffer, sondern auch über die auf den überladenen Mopeds fahrenden Studenten.
In demselben Dorf, von dem aus der rasende Koffer in der galileischen Kutsche beobachtet wurde, stand ein Bauer an der Straße, der wehmütig über die unnötige und viel zu schnelle Bewegung der Kutsche nachdachte. Er erkannte Galilei nicht, von dem er laut Brecht gehört haben musste, aber sein Fazit war: früher, in meiner Jugend, gab es doch die Eilkutsche Florenz-Pisa noch nicht, und die Menschen waren glücklicher, ist es denn nötig, dass man in acht Stunden von Florenz nach Pisa rast. Und: was will man in Pisa? Die Dummheit wohnt in hermetischen Räumen!

1857 schrieb der Freiherr von Eichendorff: “In den Bahnhöfen ist eine so große Eilfertigkeit, dass man vor lauter Eile mit nichts fertig werden kann.“ Und 1902 meinte ein anderer Kritiker der Geschwindigkeit, Walter Rathenau, der Besitzer der AEG und spätere deutsche Außenminister: „Ein Sinnbild entarteter Naturbetrachtung ist die Kilometerjagd des Automobils, ein Sinnbild der ins Gegenteil verkehrten Kunstempfindung das Verbrecherstück des Kinematographen.“ Übrigens ließen sich weder Schicksal noch Fortschritt hindern, ihn in einem Automobil aus eigener Fabrik vom Rückschritt erschießen zu lassen.

Indessen bietet uns das Automobil das Naturschauspiel des doppelten Paradoxons. Erstens glaubt, wer jede Distanz ohne fremde Hilfe zurücklegen kann, dass er der Freiheit ein beträchtliches Stück näher kommt, wenn er fährt. Tatsächlich aber erhöht sich seine Abhängigkeit vom Geld, vom Zustand der Straßen (und damit des Staates, des Steuersystems), vom Außenhandel, vom Monopol der nicht erneuerbaren Energieressourcen und schließlich von der helfenden Hand, wenn sein Fahrzeug stehen bleibt. Kurz gesagt: Das Vehikel variiert den Vektor. Zweitens aber glaubt der Besitzer natürlich, jetzt schneller zu sein als seine Vorfahren. Er hat nicht bemerkt, dass er zwar schneller von Berlin nach Tübingen kommt als seine Vorväter, dass aber sein Leben selbst keine andere Qualität hat, ja viele beklagen die Mängel des Lebens durch seine Inkohärenz und den Mangel an Halt durch Industrialisierung, Säkularisierung und Urbanisierung. Drei neue Qualitäten sind allerdings zu begrüßen, die alle nichts mit Geschwindigkeit zu tun haben: erstens der Mangel an Hunger durch die intensive Landwirtschaft (Düngung, Überdüngung, Industrialisierung); zweitens die Zunahme an Freiheit durch Demokratie, die allerdings offensichtlich eine Verlangsamung aller Entscheidungsprozesse bewirkt, als Beispiel möge hier die siebzig Jahre währende Diskussion des § 218 StGB dienen; und drittens schließlich die Zunahme an Zeit in Form der Freizeit und der Lebenszeit, die so evident ist, dass sie hier nicht erörtert werden muss.
Die schnelleren Informationen – der Einfachheit halber kann man auch von der schnelleren Bewegung der Gedanken sprechen – machen nicht soviel mehr Sinn, als man beim oberflächlichen Betrachten anzunehmen geneigt ist. Schon Samuel Morse, der übrigens überwiegend Maler religiöser Motive war, meinte (What hath God wrought?, so seine erste Nachricht), dass es die Menschen in Washington vielleicht gar nicht interessieren könnte, was in Maryland gerade passiert. Sein Telegraph benutzte übrigens das von Galilei erfundene Pendel. Zwar würde man bei Facebook 350 Millionen Menschen mit jeder Botschaft in Sekundenschnelle erreichen, aber man hat keine Botschaft, die für 350 Millionen Menschen wichtig ist.

Während all dieser Verbesserungen und Verschlechterungen (wir denken immer weiter an den Koffer in der galileischen Kutsche, der sich bewegt und nicht bewegt!) wurden Kinder geboren und starben Greise. Bevor sie starben, beklagten die Greise, dass sie das Leben nicht mehr verstünden, dass die Zeiten zu schnelllebig geworden, dass die Welten kalt und undankbar und die Menschen Egoisten seien. Und die Kinder waren schneller als ihre Großmütter und Großväter, und sie beherrschten als erste das Fahrrad, das Radio, das Grammophon, den Fernseher, den Computer. Das nenne ich den Abstand der Generationen. Er ist eine demografische Konstante, er bleibt im Prinzip gleich. Er könnte sich jetzt etwas spreizen durch die relativ hohen Gebäralter der Mütter, das wird aber locker ausgeglichen werden durch die absolute Dominanz der Menschen höheren Alters, die dann die Hälfte bis zwei Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen werden. Ich behaupte: immer wieder, seit Menschen über so etwas nachdenken, bewegt sich die jüngere Generation schneller als die ältere, scheint es also, als ob die Welt (Zeit) schneller als vorher wäre.
Zwei Faktoren sind noch zu betrachten, die das Beobachtungsergebnis abfälschen:
Die letzte beobachtete ältere Generation hat gegenüber der jetzigen jüngeren Generation massiv an Autorität verloren, so dass die Geschwindigkeit (oder der Abstand) höher erscheint, als er ist. Die Innovationen (Kondratjew-Wellen) verstärken sich in demselben Maße wie die Bevölkerung schneller zunimmt (wenn sie zunimmt) durch die erhöhte Zahl von Müttern, also geometrisch (zum Beispiel quadratisch) und nicht linear.
Man könnte dies alles das soziologische Relativitätsprinzip nennen, aber das klingt sehr kompliziert und sehr eklektizistisch, deshalb haben wir den Titel und das Bild der galileischen Kutsche gewählt, die man sich gut als relativistisches Vehikel einerseits, andererseits aber als Metapher für den Abstand der Generationen vorstellen kann. Für die Jungen sitzen die Alten immer in irgendwelchen Kutschen, sind zu langsam und überholt. Für die Alten sitzen die Jungen immer in irgendwelchen getunten Kutschen, sind zu schnell und zu unvorsichtig.

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2 Gedanken zu “DIE GALILEISCHE KUTSCHE

  1. „Zwar würde man bei Facebook 350 Millionen Menschen mit jeder Botschaft in Sekundenschnelle erreichen, aber man hat keine Botschaft, die für 350 Millionen Menschen wichtig ist.“
    Habe ich die Erlaubnis diesen wunderbaren Satz eventuell zu zitieren?

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