DER ERSTE UND DER ACHTE MAI

DER ERSTE UND DER ACHTE MAI

Wie das Leere sich füllt
Von unsinnigen Feiertagen
Der Tag der Kreativität

Die Menschen, die früher am ersten Mai für mehr Gerechtigkeit gekämpft haben, stehen heute im Jobcenter an oder bei der Übergewichtsberatung. Das soll keine Sarrazinsche Beleidigung sein, sondern das Wundern darüber, wie viele Menschen sich wundern, dass am ersten Mai niemand mehr für Gerechtigkeit und Brot kämpfen will. Wer in Wurst ertrinkt, kann schlecht Brot fordern. Mit dem Wohlstand haben zwar auch die Fähigkeit und vor allem die Zeit für das Jammern zugenommen, aber wenn es mehr Gerechtigkeit gibt als früher, dann ist es verständlich, dass viele glauben, es gäbe die vollständige Gerechtigkeit. Im Mittelalter wäre auf diese Idee niemand gekommen. Der Sinn des ersten Mai ist uns zum Glück abhanden gekommen, der Trost ist ausgiebig vorhanden: neben mehr zu essen gibt es auch weitaus mehr Autos als vor hundert Jahren, mehr Ferienreisen als je zuvor, mehr Kunst und Kultur – wenn auch Volkslieder nicht mehr an jeder Ecke dreistimmig gesungen werden. Letzteres andauernd zu beklagen ist ungefähr so dumm, wie vor hundert Jahren in die Kirche zu gehen und die Menschen zu fragen, ob sie das, was sie da so schön singen, nicht auf CD haben. Jegliches hat seine Zeit.

Wer es nicht glauben mag, dass der erste Mai und das dreistimmige Volksliedersingen in gewisser Weise ihren Sinn verloren haben, der sollte an das Schicksal des achten Mai denken.

Der achte Mai war im Ostblock, also auch in der DDR, der Feiertag der Befreiung. Das Wort Befreiung statt Zusammenbruch ist im Westen wohl erst durch Richard von Weizsäcker allgemein verbreitet worden, im Osten war es die verordnete Bezeichnung für das Ende des Nazireiches. Man kann sich vorstellen, dass sich der Jubel in den fünfziger Jahren in Grenzen gehalten hat. Als dann die Grenze zu war, hat man sich nicht mehr aufgeregt, sondern den Tag als das genommen, was er wirklich war: ein schöner Maitag. Wer einmal an diesem mit einer Delegation in einer Kaserne der Sowjetarmee zum Gratulieren war, erlebte einen Kulturschock krassen Ausmaßes. Allein die Blechnäpfe waren erschütternd. Aber ebenso wenig wie die Menschen im Saarland verinnerlichten, dass sie sich selbst aushöhlten, haben die Menschen in Mitteldeutschland, wie es damals in Westdeutschland hieß, bemerkt, welcher ein gigantischer Schwindel das Gerede vom Kommunismus war. Andererseits hat es aber auch niemand, selbst die 150%igen Parteimitglieder nicht, geglaubt. Wir haben es nicht geglaubt, aber auch nicht für einen gigantischen Schwindel gehalten. Das ist schon merkwürdig. Ganz ähnlich aber wurde im Westen nicht vorausgesehen, dass das wunderbare Wirtschaftswunder einst eine Kehrseite haben würde: den Mangel an Arbeit und die Unterhöhlung des Saarlands. Bestimmte Erscheinungen glauben wir erst, wenn sie wirklich da sind, obwohl man sie mit ziemlicher Sicherheit voraussagen kann. Andererseits erwarten wir, dass uns jemand garantiert, dass alles so bleibt wie es ist.

Es gibt noch einen dritten Tag im Mai, der äußerst fragwürdig geworden ist.

Eine so altehrwürdige Institution wie die christliche Kirche kann man nicht am Besuch an einem Tag des Jahres messen. Es steht uns auch nicht zu, den Tag etwa theologisch bewerten zu wollen, obwohl auch vielen Pfarrern der Tag als Dilemma erscheinen dürfte: nehmen sie das Namen gebende Ereignis als Metapher, verliert es an Tatsache, nehmen sie es als Tatsache, verliert es Andachtsfähigkeit (Transzendenz), als Transzendenz wird es aber weit schlechter angenommen (‚geglaubt’) als etwa die Geburt im Stall oder die Kreuzigung auf Golgatha. Das soll und kann aber nicht unser Problem sein, sondern der Tag im Mai ist es. Noch zu Bachs Zeiten war er ein wunderbares Oratorium wert, nach dem letzten Krieg verkam er zum Alkoholtag für ausgeflippte Männer, übrigens im Osten schlimmer als im Westen. Der Osten war nicht nur atheistischer, sondern auch alkoholischer. Aber selbst wenn die alkoholische Tendenz abgenommen hätte, was wir erfreut vermerken könnten, bliebe der Tag, wie selbst christliche Fundamentalisten zugeben müssten, ein weitgehend unchristlicher Wandertag.

Es wäre wohl verwirrend, wenn wir noch den Pfingstmontag diskutieren wollten. Er liegt auch nicht immer im Mai.

Sinnentleerte Tage haben, anders als kaffeeentleerte Tassen, die Neigung sich einen neuen Sinn zu suchen, so wie die Heimat, die ihre Menschen verloren hat, sich einfach neue sucht. Kein Mensch wird sich ärgern, dass er im Mai zwei Tage zum Spazieren, für die Familie, die Erholung, die jetzt Relaxen heißt, hat. Wohl aber ärgern sich Menschen, dass im bevölkerungsmäßig fünfzehntgrößten Land der Welt gerade einmal 10.000 Menschen zuhören, wenn der Gewerkschaftsvorsitzende neue Gerechtigkeit fordert und/oder verkündet. Schon im Osten gab es eine kostenlose Bockwurst und fünf Ostmark, damit man hingeht. Die anderen 81.998.000 machen definitiv etwas anderes. Selbst das wäre noch nicht so schlimm, wenn nicht noch weit weniger als 10.000 ausgerechnet an diesem Tage Autos anzünden, Schaufensterscheiben einschlagen und Polizisten mit Steinen bewerfen würden. Selbst daran hätten wir uns beinahe gewöhnt, wenn nicht wieder andere, vielleicht sogar einige 10.000, sich dieses Gewaltspektakel ansehen würden, natürlich nur, um es lautstark zu verurteilen. In Berlin sind übrigens schon einmal beinahe zwei Abiturienten verurteilt worden, weil sie sich das Spektakel angesehen haben und dabei einer Gruppe von Polizisten gerade recht kamen. Es ist nicht alles Recht, was gerade recht kommt. Und allerneuestens treten die rechten Chaoten an diesem Tag gegen die linken Chaoten an. Gegen die Rechten wiederum treten die Bürger an, die nicht rechts-, aber auch nicht linksextrem sind. Es soll Polizisten geben, die den Tag seitdem gar nicht so schlecht finden. Man könnte sich seinem Garten widmen und das alles auch als Minderheitenbeschäftigung abtun.

Aber warum tun wir uns das überhaupt noch an?

Wir sollten schnellstens, schon im nächsten Jahr, sowohl den ersten Mai als auch den Himmelfahrtstag zugunsten eines neuen Tages der Kreativität abschaffen. Um die zu erwartende Gewerkschaftskritik gleich zu entkräften, sollte die Arbeitgeberseite verpflichtet werden, den Gewinn der beiden Tage dem neuen Tag zur Verfügung zu stellen.
An diesem wunderschönen Tag im Monat Mai sollte jeder aufgefordert sein, aber auch Gelegenheit erhalten, die Produkte oder auch Anstrengungen seiner Kreativität seinen Familien, Freunden, Nachbarn vorzuführen. Dazu sind alle Plätze, aber auch viele Straßen, wie auch Autobahnabschnitte, öffentlichen Gebäude einschließlich der Kirchen offen. Von der Häkeldecke bis zum Elektroroller, vom Gedicht bis zur Tanzgruppe, von Musik bis zur Software ist alles gefragt, Blogger, Biker, Paraglider, Skater, Redner, Guinessbuchrekordhalter, Spieleerfinder, Politiker, Pfarrer, Lehrer, alle, alle zeigen, was sie können und was sie machen.

Noch sinnvoller wäre es, diesen Tag gleichzeitig zum flugzeug- und autofreien Tag zu erklären. Der Vulkan Eyafjällajökull hat uns doch sehr gut ermöglicht zu sehen, dass selbst hohe und höchste Regierungschefs ohne ihr Flugzeug auskommen können. Da der Tag dann festliegt, liegen ja keine Menschen fest, weil die Flugzeuge unerwartet ausfallen. Übrigens war es auch ein Vulkanausbruch – des Tambora auf Sumbawa – der zum Jahr ohne Sommer führte (es war das Jahr eighteen hundred and frozen to death, 1816), weswegen sich in Europa der Hafer verteuerte und auch die verhungerten Pferde gegessen wurden, so dass ein durchgeknallter Ingenieur, der übrigens Förster war, das Fahrrad erfand. Wir haben also guten Grund, den Tag der Kreativität auch als Tag des (fehlenden) (kreativen) Ingenieurs zu begehen. Nicht jeder wird dabei zum inGENIEur. Allerdings sollten wir das Gedicht neben die technische Erfindung stellen, wurde doch die Bedeutung des Gedichts solange unterschätzt, wie der Ingenieur überschätzt wurde. Gedichte sind nicht zuletzt durch Jugendliche selbst, die den Kanon erwachsener Gedichte und Loblieder der Arbeit ablehnten, als Rap wiederentdeckt.

Wir tun immer noch so, als ob wir wie unsere Urgroßeltern aus den Kohlegruben und wie unsere Eltern aus den Wirtschaftswundern fast nur arbeiten würden. Es wird leicht übersehen, dass wir sowohl weit weniger Lebensarbeitszeit, Jahresarbeitszeit, Wochen- und schließlich auch Tagesarbeitszeit, umgekehrt gesagt viel mehr Freizeit haben als alle unsere Vorfahren zusammen, einschließlich der Jäger und Sammlerinnen, deren durchschnittliche Lebenserwartung ja bei nur 25 Jahren lag! Die Technik hat die Arbeit abgeschafft.

Die Schule muss nun die Leere füllen. Genauso wie sie früher fast einseitig der Berufsvorbereitung diente, muss sie nun den Menschen zeigen, wie man sinnvoll seine Freizeit eben nicht verbringt, und schon gar nicht nur konsumierend, sondern wie man der Freiheit näher kommt, indem man kreativ statt aggressiv oder gelangweilt ist. Langeweile ist durchaus etwas anderes als Muße, die ja eine Vorstufe zur Kreativität ist. Feiern wir den Tag der Kreativität gleichzeitig als Tag der offenen Türen aller Schulen, die an diesem Tag vorführen, was man vorführen kann, und das sind bestimmt keine grammatikalischen und mathematischen Regeln. Damit der Mai der Monat des Spazierengehens bleiben kann, bietet sich der 29. April, der Geburtstag jenes Forstmeisters an, der das Fahrrad und die Schnellschreibmaschine erfand. Statt eines Datums ist es aber vielleicht besser einen bestimmten Tag zu definieren: zum Beispiel den ersten Mittwoch nach dem zweiten Frühlingsvollmond oder wem das zu religiös klingt: den Mittwoch zwischen dem ersten und dem achten Mai.

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4 Gedanken zu “DER ERSTE UND DER ACHTE MAI

  1. Soviele gedanken in einen Blogeintrag.
    Die größte Seltsamkeit ist das der 1.Mai als „Tag der Arbeit“ tituliert wird, die neuen schwarzen Robocops und grünen Förster mit Helm und Montour arbeiten im Kollecktiv der Hunderschaften, der gemeine Angestellte gar nicht. Mike Lehmann nannte ihn „Tag der Höchstleistung“.

    Ich bin für die Abschafung aller gesetzlich festgelegten Religösen Feiertage wie Weihnachten etc. . Es ist halt komisch das zu Himmelfahrt gesoffen wird, statt an das zentrale „Wunder“ der Christlichen Mythologie, zu gedenken. Ich sags mal so wer Himmelfahrt säuft kann Weihnachten auch arbeiten.
    Christliche Feiertage für Christen, Jüdische Feiertage für Juden. Wer weder das eine noch das andere ist, der sollte einfach die Klappe halten.
    Eben unter der von dir genannten option, daß man nicht in der Hartz IV-falle steckt oder einen so fetten Arsch hat, das er sich nur mit beihilfe von A nach B verschieben lässt.

    Ich glaube das ein Tag/Woche ruhe echt gut wäre. Hat den nicht selbst ein Gott am 7. Tag geruht? Es ist doch total verückt in dieser Geschwindigkeitsverrückten Welt, das wo man mit 300 Km/h von Berlin nach Hamburg fahren kann, mann es nicht aushalten kann das eine SMS 2 Sekunden zur Datenübermittlung gebraucht hat, ich darauf achten soll ob mein Drucker 18Seiten/min oder 22Seiten/min druckt.

    In einer Welt in der man externe Eidrücke nicht abstellen kann und man mit künstlichen gedöns zugeballert wird, entsteht auch nichts kreatives. Kreativität kommt von innen und dazu braucht man innere Freiheit und diese innere Freiheit hat man nicht wenn man ständig einen anruf erwartet, SMSen simmst, newsfeeds added, wegen 15 minuten ehr da sein mit 180 auf der Autobahn entlang rase und alles und jeden gefährde.
    Deswegen meine Meinung, Sonntags kein ICE, kein Flugzeug, Keine Autobahn, kein TV und sonstige Medienverblödung. Ein entschleunigen und Zeit zur Ruhe Mut zur Muße. Nur so entsteht wieder Kunst, Theater, Literatur. Ich muss aber zugeben, Furcht habe ich schon wenn ich ans Glasperlenspiel denke. WO BLEIBT AVANTGARDE??

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  2. das freut mich aber sehr, dass jemand meine gedanken nicht radikal findet. mir ging es allerdings nicht um abschaffung der feiertage überhaupt, sondern der feiertage, die schon lange keinen sinn mehr haben und sich jetzt nicht wundern müssen, dass sie sich einen neuen unsinn suchen. in der frage der kreativität stimmen wir dagegen völlig überein.
    beste grüße
    r.

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