MALCHOW

überall ist malchow
Es gibt mehrere Dörfer und Städte mit dem Namen Malchow, der aus dem Urslawischen kommt und vielleicht einfach ‚klein’ (maliki) oder Bruchwald (maleko) heißt. Wer weiß! Das Städtchen Malchow, von dem wir hier reden wollen, liegt an der Autobahn Berlin Rostock oder besser: die Autobahn liegt an dem freundlichen Städtchen. Gleich fällt auf, dass die Insellage, das Umschlossensein von Wasser, schon etwas Chaotisches, wenigstens Instabiles hat. Die Drehbrücke, die Klosterinsel und Stadt trennt oder verbindet, ist der Beweis für den, der nicht glaubt. Zwar gehören Kirche und Orgel zusammen, doch überrascht mit ihrem Chaos die Kirche, die voller Orgeln steht. Das Kloster, das noch lange nach der Reformation weiter benutzt wurde, unter anderem als Stift für adlige Fräulein, war eine Einrichtung, die beinahe allem widerspricht, was man heute denkt. Doch die einfache Übersetzung ‚Altenheim’ fällt einem nicht gleich ein. Nach langem Verfall, der in der DDR noch durch Missachtung katalysiert wurde, aber ein halbes Dutzend alter Leute nicht hinderte, hier licht- und staatsabgewandt zu wohnen, die Namensschilder sehen aus, als ob sie selbst schon pensioniert wären, ist die Anlage in ein, wenn nicht grelles, so doch beachtlich neues Licht gerückt. Einige Räume, notdürftig, aber liebevoll eingerichtet, dienen als Ausstellung ortsüblicher Kleinmaler, die, obwohl sie ihre Vergangenheiten nachträglich nicht mehr ablegen können, sympathisch ihr kleines Städtchen in die Symmetrie satter Farben getaucht haben. Von der Klosterinsel geht man zurück zur Stadt der überhaupt nicht schweigsamen oder abweisenden Menschen, wir werfen das Vorurteil gleich in den Mülleimer der Geschichte und betrachten die genau gegenüber vom Kloster liegende neugotische Kirche. Auch hier wird das Blättern des alten Glanzes erst neuerdings durch einen auch im Internet aktiven Verein aufgehalten. Sieben äußerst aufgeschlossene Frauen mittleren Alters fragen mich, weil sie offensichtlich ihre Langeweile betäuben wollen, ob auch die Kirche aufgeschlossen und zur Besichtigung freigegeben ist. Nein, soweit geht die Liebe zum Bauwerk und zu dem transzendenten Wesen, das durch den Bau verehrt werden soll, denn doch nicht. Im Norden sind die Kirchen geschlossen. Hinter hohen Mauern beklagt man, dass irgendjemand Gott für tot erklärt und man nun die Folgen zu tragen habe. Jegliches hatte seine Zeit.
Schon auf dem Hinweg zur Stadtkirche ist die in Gerüste eingepackte Goetheschule aufgefallen, deren Sgraffito zeigt, dass die DDR gern jeden Dichter als Moralerzieher missbraucht hat, was in diesem Fall aber nicht verwerflich ist, denn der Mensch sollte tatsächlich edel, hilfreich und gut sein und ist es wohl auch überwiegend. Nur billige Betrachtungen wollen uns wegen des Sensationswertes des Bösen etwas anderes einreden. Dichotomisches Denken entspricht nicht der Struktur der Welt, sondern den Besonderheiten unseres Geistes. Die Wirklichkeit ist viel einfacher als unser böse-gut-Denken: Hasen sind aus Karotten, Karotten sind aus Hasen und Wölfen und Wehrmachtssoldaten. Was soll daran böse sein?
Indem all das bedacht ward, sieht man erst gegenüber der Goetheschule, die eingepackt nicht von Gerüstbauern, sondern vom Künstler Christo erscheint, ein DDR-typisches Gebäude, wie es als Kulturhaus oder, so hier, als Kino in viele kleinere und größere Städte und sogar Dörfer gezwängt wurde. Warum dieser leicht pompöse, auf jeden Fall den Klassizismus nachahmende Stil ZUCKERBÄCKER genannt wurde, will sich von hier aus nicht recht erklären lassen. Das Gebäude ist, grau in grau, vor die Kirche an den Fuß des Hügels gequetscht, passend allerdings zu der Schule. Noch immer steht ‚Filmpalast‘ in geschwungenem Schriftzug daran, ein Wort, das aber älter ist als die DDR und ungeschickt von großer Wertschätzung für die neue Kunst spricht. Das Kino hat mit der daneben liegenden Kirche das Überdimensionale gemein, die Markthalle mit ihrem transzendenten Gedanken des Handels, des Tauschs, fehlt hier noch. Die Scheune dagegen wird mit Wirklichkeit gefüllt. Der Stoff, aus dem die Träume sind (Shakespeare, Der Sturm, IV,1) wurde an die hundert Jahre im Kino gehandelt, nicht in der Kirche. Man kann Säkularisation nicht mit einem einzigen Ereignis (Erdbeben von Lissabon) oder gar mit einem einzigen Namen (Nietzsche) verbinden, vielmehr sollte man beachten, wer das transzendentale Bedürfnis bedient und befriedigt: auch in Malchow an jenem Tag war die Kirche geschlossen und das Kino offen. Der Film, ungeachtet des technischen Mediums, auf dem er transportiert und transparent gemacht wird, hat das Theater, die Literatur und eben auch die Religion substituiert. Allerdings muss man bedenken, dass das alles vor hundert Jahren noch ziemlich elitäre Einrichtungen waren, die heute fast jeden Menschen auf der ganzen Welt erreichen. Es ist fast leichter, einen Film zu sehen, als satt zu werden. Aber das gilt auch glücklicherweise nur noch für ein Sechstel der Menschheit, die anderen sind satt bis dick und sehen ununterbrochen Filme. Wenn wir Film für Kunst überhaupt setzen, dann sind, mit dem belehrenden Teil jeder Kunst, die Forderungen der Aufklärung, und mit dem unterhaltenden, poetisierenden Teil die Forderungen und Projektionen der Romantik erfüllt. Kein Wunder, dass mit dieser Erfüllung auch die programmatischen Zeitalter enden. Film widerspiegelt und repräsentiert aber natürlich, wie jede Kunst und Religion, nur Bruchstücke, Splitter der Welt. Wenn wir uns die Welt als in einem 10hoch9-teiligen Puzzle als realistisch abgebildet vorstellen können, dann sieht man, wie viele Filme nötig wären, um das zu erreichen. Im Kino in Malchow konnte man in der Woche zwei bis drei Filme ansehen. Zweiundfünfzig Wochen hat das Jahr. Es ist falsch anzunehmen, dass in der DDR alles verboten war, es gab auch französische, britische, italienische und sogar amerikanische Filme. Aber es ist genauso falsch anzunehmen, dass im Kino in Malchow oder Bochum die Welt auch nur halbwegs abgebildet werden konnte.
Das Kino in Malchow ist indessen als Kino auch tot. Stattdessen hat ein rühriger Verein, schon der zweite Verein, der etwas bewahrt, alle Dinge zusammengetragen, die aus der DDR stammen. Das sind sehr viele Dinge, denn man trennt sich von Haushaltsgegenständen nur schwer. Öffentliche Gegenstände dagegen, wie Honeckerbilder, Fahnen und etwa Uniformen, sind schon rarer. Ganz sicher ist so ein Raritätenkabinett oder Museum im ursprünglichen Sinne hilfreich. Trotzdem lehnten die sieben munteren Frauen mit den Worten ‚das haben wir auch zuhause im Keller’ einen Rundgang ab. Den Menschen aus dem Westen zeigt das Kabinett, womit sich die Brüder und Schwestern im Osten des geteilten Vaterlandes, so der menschlich warme Sonntags-O-Ton, behelfen mussten. Den Menschen im Osten treibt es Schauer behaglicher Nostalgie den Rücken herunter: ja, so war es. Jeder ist überzeugt, dass die WM 66 immer noch funktioniert. Und übrigens, dieser eigenartige Stolz, den manchmal DDR-Menschen aufbringen, kommt ja daher, dass die WM 66 – gegen alle Erwartungen – tatsächlich funktionierte. Der in diesem Kabinett der Bedürftigkeit aufgebaute Kiosk hat sogar noch das originale meistgehasste Schild ausgehängt: „Wegen…mit amtlicher Genehmigung geschlossen!“

Dieses Museum nun kann uns zeigen,obwohl es das gar nicht will, wie unser Gehirn mitsamt dem Gedächtnis funktioniert.

Fast ohne Auswahl werden Gegenstände und ihre Metaphern oder Symbole, Prozesse und Gedanken in das Museum geschaufelt. Im Innern verbleiben und veralten sie. Aber je nach Standort – im Innern – spielen sie in der weiteren Wahrnehmung und Beurteilung eine unterschiedlich gewichtete Rolle. Stellt man sich vor, dass im Foyer eine fragende Besuchergruppe steht, so hat der Museumsdiener zu tun, die nachgefragten Gegenstände zu finden und es dauert seine Zeit, bis er mit ihnen wieder im Foyer ist. Dort ging das Leben (zum Beispiel die Diskussion über der DDR) aber weiter. Der zu langsam gefundene Gegenstand wird jetzt anders betrachtet, als er noch vor zehn Minuten gesehen worden wäre.
Die falscheste Vorstellung war und ist aber immer die, dass die Welt draußen logisch und systematisch ist und somit auch das Abbild ein getreuliches Abbild sein kann und nur, sozusagen, logisch aufgestellt werden muss. Jeder stellt sich also unter einem Gehirn eher ein hierarchisch geordneten Computer oder ein systematisches Naturkundemuseum vor. Stattdessen gleicht unser armes Gehirn – was fast nie überfordert ist – aber vielmehr dem DDR-Museum Malchow: es ist schmuddlig, staubig, ungeordnet, aber es funktioniert wunderbar.
So wie die Grazie einer Bewegung mit ihrer Bewusstwerdung verloren geht (Heinrich von Kleist), so wird unser Gedächtnis von uns beschimpft, weil die Erwartung falsch ist. Da ist kein Regallager, das man von vorn und hinten lesen und durchsuchen kann, da ist kein Naturkundemuseum, noch nicht einmal ein Kino mit seinen 52×3 statt 10hoch9 Puzzleteilen pro Jahr, sondern eine nostalgisch-ordnungslose Bude, die bis ins hohe Alter funktioniert, obwohl es nicht erwartet werden kann. Sie funktioniert übrigens nie so, wie wir es wollen, nicht erst im zarten und hohen Alter nicht. Wir können es nur in der Mittelzeit besser verbergen, was uns alles einfällt, das nicht gefragt war, als Kinder und als Greise verplappern wir uns einfach. Der Weg vom Gedächtnis zum Mund ist nicht taktisch abgesichert, wie bei Menschen im Berufs- oder Sexual- oder gar politischen Leben.
Und weil das alles so ist, wie es ist, sehen wir ständig auch nur halbe Sachen, die wir dann auch noch getrost belachen (Matthias Claudius), nicht weil wir Ignoranten wären, sondern weil wir immer gleich in unser Raritätenkabinett zurückblicken müssen. Wir vergleichen alles Neue mit allem Alten. Auch die Art des Sammelsuriums ist gut mit dem Gedächtnis vergleichbar: während wir unsere Sammlung für einmalig halten, würden wir staunen, wenn wir engrammatisch in das Hirn unseres Nachbarn blicken könnten. Da steht die gleiche WM 66, allerdings hat sie ganz sicher einen anderen Stellenwert. Wir sind nicht unverwechselbar, wir müssen uns erst unverwechselbar machen, unersetzbar zu sein ist dagegen unerreichbar.
Als neuen Terminus für das hier beschriebene alte Phänomen schlage ich zu Ehren des sympathischen Städtchens MALCHOWMETAPHER vor.

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