GLOBALISIERUNGSGEGNER

Nr. 157

Der Schinkelplatz in Berlin ist der eigentliche Gedenkplatz für den Beginn des Kapitalismus in Deutschland. Goethe ist dort als der Großvater der Moderne zu sehen, obwohl er für Beuth, Thaer und Schinkel, die drei stehen dort, eher eine Vaterfigur und mit Thaer sogar gleichalt war. Thaer ist der am wenigsten bekannte. Hunger kennt man nur, wenn er sichtbar und spürbar ist. Das ist auch der Grund, warum rechtsradikale Argumentationen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sich auf ebenjene Obdachlose beziehen, die sie noch vor wenigen Jahren als undeutsch attackiert und ermordet haben (Eckard Rütz† und Klaus-Dieter Gerecke† in Greifswald im Jahre 2000).

Thaer und später Liebig legten die Grundlagen für eine so nachhaltige Hungerbekämpfung, dass heute in weiten Teilen der Welt eher Übergewicht das Problem ist. In den Märchen der Gebrüder Grimm, die nicht weit vom Schinkelplatz entfernt wohnten, waren noch die Reichen überdimensioniert dick, heute sind es eher die armen und bildungsfernen Menschen, die Billig- und Fastfood in sich hineinschlingen und dabei Billigmedien konsumieren. Trotzdem gibt es immer noch die Angst, vielleicht nicht vor dem Verhungern, aber vor dem Verarmen. Die Obdachlosen werden einerseits als Verlierer verachtet, andererseits stellen sie lebendige Mahnmale der Verarmung dar.

In Schüben, möglicherweise direkt im Gefolge der Innovationsschübe, fallen Globalisierungs- und Fremdenängste über die Menschen her. In den Dörfern hört man das Zähneklappern der Angst vor den Fremden. Plötzlich werden eiligst die alten Neubaublocks aus der DDR abgerissen, nur damit der Landkreis nicht Flüchtlingsfamilien ansiedeln kann. Dann würde wieder Kinderlachen zu hören sein, in Dörfern, in denen fast nur noch Rollatoren zu sehen und Zähneklappern zu hören ist. Dabei sind die ländlichen Neubauten der DDR möglicherweise nicht nur Ausdruck unmoderner Produktionsweisen der Landwirtschaft gewesen und nicht nur ästhetische Bekämpfung der Schlösser und Kirchen, sondern auch der letztlichen menschenwürdigen Unterbringung jener Flüchtlinge und deren Nachkommen, die der letzte Krieg der Rechtsradikalen erzeugt hat. Das waren, es gibt unterschiedliche Zahlenangaben, um die zwölf Millionen im Jahre 1945. Angesichts der demografischen Katastrophe der heillosen Überalterung (eigentlich durch Mangel an Hunger) und wirtschaftlichen Verödung müsste jede Flüchtlingsfamilie aus Syrien und jeder gutgelaunte junge Mann aus Schwarzafrika mit den Schalmeienkapellen aus Penkun und Rossow und Girlanden aus dem rechten Blumenladen begrüßt werden.

Statt dessen erinnert man sich an Verschwörungstheorien und gibt dem Kapitalismus die Schuld am eigenen Unbehagen. Blättert man auf rechten Seiten, so findet man nach dem gewöhnlichen populistischen Unfug bald auch den Hinweis auf das Weltjudentum. Rothschild, der schon lange nicht mehr auf der Liste der 1000 reichsten Familien, steht, gehört die Welt. Merkel ist Obamamagd und Obama ist Judenknecht. Zu diesen Ansichten haben zwei wenig bekannte Nazis beigetragen. Gottfried Feder, einer der wenigen Freunde Hitlers und Verfasser des NSDAP-Programms, hatte die Idee, die Zinsen abzuschaffen, das Projekt nannte er ganz romantisch ‚Brechung der Zinsknechtschaft‘ (1919). Die schlangenblickähnliche Faszination vieler Menschen in bezug auf Schulden und Zinsen mag von ihm stammen. Wir alle haben die Hoffnung, dass ein kompliziertes Problem vielleicht doch eine ganz einfache Lösung haben könnte. Ein zweiter wenig bekannter Nazi, der angebliches Geheimwissen produzierte und publizierte, war Wolfgang Diewerge. Er befasste sich mit der jüdischen Weltherrschaft. Er sah sie in David Frankfurter, einem Studenten, der Gustloff erschoss. Das war ein Obernazi, der nur dadurch bekannt wurde, dass nach seiner Ermordung ein Schiff nach ihm benannt wurde, das am 30. Januar 1945 mit 10.000 Flüchtlingen an Bord unterging. Das war die größte bisherige Schiffskatastrophe. Herschel Grynszpan dagegen erschoss einen schwulen Botschaftssekretär, dessen Geliebter er möglicherweise war. Vielleicht wollte er aber auch sagen, was sich heute vielerorts zurecht als Graffito findet: KEIN MENSCH IST ILLEGAL. Noch absurder ist der von Diewerge erfundene Kaufman-Plan, der vorsah, alle Deutschen zu sterilisieren. Theodore Newman Kaufman gab es tatsächlich, auch wenn er schwer zu finden ist. Er besaß eine kleine Werbeagentur in South Orange N.J. und gab drei Schriften heraus, allerdings im Selbstverlag und mit einer Reichweite von unter 1000 Exemplaren. Niemand kannte oder kennt ihn. Trotzdem findet man heute in rechtsradikalen Pamphleten immer wieder Untergangszenarien der Art des Kaufman-Plans von Oberregierungsrat SS-Standartenführer Dr. Wolfgang Diewerge.

Alle Entwicklungen werden von Ängsten begleitet, leider gilt der Satz nicht auch umgekehrt. Es waren aber immer die falschen Bewahrer scheinbar wertvoller Traditionen, die die Systeme zerstörten. Es wäre auch nicht schlimm, wenn nur Staatssysteme zerbrächen. Aber alle Revolutionen und Kriege sind immer mit der Auslöschung von Millionen oder einzelnen Menschenleben und mit Bildersturm verbunden. Wäre das nicht so, könnte man über die immer gleichen oder doch sehr ähnlichen Argumentationen der Ewiggestrigen lachen. Aber leider schaffen sie es immer wieder, Menschen für ihre Antiideen zu fanatisieren. Fantasie- und ideenlose Nazis, die behaupteten und behaupten, Deutschland retten zu wollen, können nur sehr bruchstückhaft die deutsche Sprache, kennen weder Goethe, den Großvater der Moderne, noch die Humboldt-Brüder, weder Schinkel noch Thaer und Beuth, keinen Hardenberg und keinen Reichsfreiherrn vom und zum Stein. Sie haben deren  Denkmäler rund um den Schinkelplatz in Berlin noch nie gesehen.

Neulich wurde ein ehemaliger IS-Kämpfer verhört, der den Koran nicht kannte und nichts von den Regeln des Islam wusste, den er doch gegen die westliche Welt zu verteidigen vorgibt. Amerikaner gibt es, die immer noch an die qualitative Unterscheidung von so genannten Rassen glauben, Russen, die die Krim für russisch und Lenin für einen Weltverbesserer halten, Franzosen die vom Algerienkrieg träumen, Kubaner, die die Ursache der Armut in den USA vermuten.

Überall auf der Welt feiert die Unbildung, das Vergessen, die politische Nostalgie der Ewiggestrigen immer noch kurze, immer kürzer werdende Triumphe. Wie in Wellen taucht die Hoffnung auf die kurze Erklärung, den einfachen Grund, die monokausale Lösung immer wieder auf, freilich nur, um dann auch wieder zu verschwinden. Die eigenartige technizistische und damit modern klingende Sprache der Nazis, die von einem Sprachwissenschaftler akribisch im Tagebuch (LTI) festgehalten wurde, hat für diese falsche und durch und durch unwissenschaftliche Hoffnung einen Terminus geschaffen, der uns das geistige Mahnmal sein sollte: nie zu glauben, dass etwas endgültig gelöst werden könnte, nie zu glauben, dass eine Gruppe von Menschen am Zustand der Welt schuld sein könnte, nie zu glauben, dass ein Mensch oder eine Antwort irgendein Problem dieser Welt lösen könnte.

Der Kapitalismus – eine Verabredung, kein Mensch, kein Scheusal – hat den Hunger besiegt, aber er hat nicht  alle Probleme der Menschheit gelöst, noch nicht einmal das Hungerproblem für wirklich alle Menschen, er hat natürlich auch neue Probleme geschaffen, die wir in Zukunft lösen werden. Hunger ist keine Idylle, aber Energieverschwendung und Nichtstun auch nicht.

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DIE SCHREIBMASCHINE WILL NICHT SCHREIBMASCHINE BLEIBEN

Apodiktische Sätze gehen fast immer von Menschen aus, die mit ihrem Tun gerade das Gegenteil dessen bewirken, was sie meist plakativ und populistisch fordern und verkünden. Je verbissener das Alte verteidigt wird, desto größer ist zum Schluss dessen Zerstörung. Fast könnte man diesem aggressiven und dekonstruktiven Konservatismus – im Gegensatz zum Bismarckschen konstruktiven Konservatismus – dankbar sein, denn er wirkt oft als Katalysator eher zögerlicher und vorsichtiger Erneuerungsprozesse.

Die Dampfmaschine, so groß ihr Einfluss auf das herannahende Mobilitätszeitalter auch war, hat sich durch Perfektion und Effektivität selbst abgeschafft. Die Verbrennung konnte, durch immer präzisere Teile, von außen in den Zylinder verlegt werden. Kurz nachdem der erste Schnellzug die 100 km/h-Marke überschritten hatte, individualisierten Benz, Daimler und Maybach die Maschine und den Verkehr. Zweifellos ist die Erfindung des Buchdrucks, ähnlich wie die der Dampfmaschine, der Beginn eines Zeitalters. Jedoch ist auch hier die Schreibmaschine die Individualisierung einer ungeheuren Innovation und jenes Zeitalters. Hundert Jahre lang ist die Schreibmaschine einer der Höhepunkte des mechanischen Zeitalters gewesen.

Allerdings sagen wir nicht, was wir meinen und schreiben deshalb auch nicht, was wir sagen. Inmitten der Geschichte der Schreibmaschine gibt es die kurze Geschichte der Codiermaschinen, unter anderen der ENIGMA. Ein deutscher Konstrukteur namens Alfred Scherbius, der den Umsturz, welcher durch die Enträtselung seiner Maschine eingeleitet wurde, nicht mehr erleben konnte, weil er selbst mit einem Pferdewagen, über den er die Beherrschung verlor, umstürzte und zu Tode kam, erfand sie. Das war 1929. 1939 begann der Zweite Weltkrieg und die Wehrmacht war die am stärksten aufgerüstete Armee, die Befehle wurden codiert mit der ENIGMA, jener elektromechanischen Fortführung der Schreibmaschine mit drei oder fünf Walzen zur Verwirrung des Inhalts. 40.000 Maschinen dieser Art wurden gebaut, und sie waren das Ende der Schreibmaschine und des Zweiten Weltkrieges und der Epoche der Kriege und der Beginn einer nicht mehr zu fassenden Chiffrierung aller Bilder und Worte. Alan Turing, im Bletchley Park mit der Decodierung beauftragt, entwickelte daraus den Gedanken der Berechenbarkeit aller Informationen. Seitdem wird darüber nachgedacht, ob Maschinen denken können oder werden. Dass und ob uns Maschinen dominieren, wird weniger reflektiert: ‚Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten‘, sagen Faust und sein Kreator Goethe.

Die Schreibmaschine ist also nicht die Schreibmaschine geblieben. Sie ist viel plötzlicher verschwunden als sie kam. Nietzsche benutzte eine von dem dänischen Pastor Rasmus Malle-Hansen für Gehörlose (damals Taubstumme genannt) entwickelte skrivekugle und sagte eine neue Epoche voraus: ‚Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.‘ – und an unserer Gedankenlosigkeit. Heute kann ein Kind oder ein Jugendlicher noch nicht einmal mehr den Klang oder das Schriftbild der noch vor kurzer Zeit allgegenwärtigen Schreibmaschine identifizieren. Ihr Schicksal war es, Vorläufer zu sein. Der Computer, ihr Nachfolger, kann alles berechnen und vergleichen, codieren und decodieren, speichern und sortieren. Zusammen mit dem Telegraphen und der Schallplatte, dem Radio und der Bildauflösung ist er heute ein weltumspannendes Netz von Gedanken und Langeweile, wie jeder weiß. Ihre gemeinsame Chiffre ist, merkwürdig genug, QWERTZU. Selbst in der Schreibkugel des Pastors Malle-Hansen war das A an der gleichen Stelle wie in unserem Telefon, das wir nicht mehr aus der Hand legen und kaum noch ans Ohr halten.

Trotzdem gibt es in dieser Welt, von der immer wieder behauptet wird, sie sei schnelllebig, weil vergessen wird, dass jede Zeit sich als schneller empfindet als die jeweils davorliegende Zeit der Großeltern, man denke an Eichendorff, wie er litt, durch Europa rasen zu müssen – mit fünfzig Stundenkilometern -, trotzdem gibt es in dieser Welt voller sich selbst programmierender Technik Menschen, die glauben, dass etwas bleiben muss, was es und wie es war. Auch die ständige Wiederholung des Satzes: danach war nichts mehr, wie es war, womit man das Traumatische an einem Ereignis zu betonen glaubt, nimmt ihm nichts von seiner Trivialität. Wenn du diesen Text zuende gelesen hast, bist du nicht mehr, der du warst: wer einen Text liest, wird sein Autor. Man traut es sich kaum zu schreiben, so trivial ist es, jedes Kind weiß es. Wenn also ein Autor schreibt, dass trotz aller Nächstenliebe und Aufnahmebereitschaft, trotz allen Mitgefühls, Deutschland immer noch Deutschland bleiben muss, dann will er Prioritäten setzen und nicht Tatsachen beschreiben. Es ist letztlich der gleiche Satz, wie der oft gehörte: ich bin kein Rassist, aber… Man will in der Einleitung zerstreuen, was man im Hauptteil glaubt sagen zu müssen. Himmler glaubte vielleicht wirklich, dass das Ergebnis des zweiten Weltkrieges ein reinrassiges Deutschland sein könnte. Tatsächlich gab es danach eine Million schwarzer Deutscher – und das ist auch gut so. Wir wissen heute, dass der Begriff der Rasse nichts in der Soziologie und Politik zu suchen hat. Wir verdanken es einem fast mathematischen Satz von Luigi Luca Cavalli-Sforza, dass nämlich die  Unterschiede innerhalb einer Gruppe immer größer sind als die zwischen den Gruppen, dass wir heute wesentlich gelassener über uns Menschen nachdenken können als unsere Vorfahren, die getrieben waren von der Angst, Fremde könnten ihnen nehmen, was ihnen nach ihrer eigenen Definition zustand. Je enger die Welt war, desto mehr Fremde gab es. Je mehr Fremde es gab, desto feindlicher erschienen sie. Das war die Zeit der Kriege.

Das Automobil und die Schreibmaschine hatten schon keinen Nationalcharakter (qwertzu, qwertyu), noch viel weniger der Computer und das Computerzeitalter. Während im Vatikan hinter verschlossenen Mauern über die Wiederzulassung geschiedener neuverheirateter Menschen zur Kommunion beraten wird, was zum Glück die Mehrheit der Menschen (sechs Siebtel) gar nicht mehr versteht, befasst sich wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen mit der Nächstenliebe, keiner Erfindung von Jesus, aber doch seinem Wesensmerkmal. Es könnte sein, dass ein ganz neues Zeitalter heraufscheint: das Zeitalter der Menschen, der Nachhaltigkeit, der Bildung und der Nächstenliebe. Es könnte sein, dass die Angst vor dem Neuen, das jedes Kind kennt, der Nächstenliebe, Häuser anzünden und solche unsäglich dummen Sätze verbreiten lässt: Deutschland muss Deutschland bleiben. Es könnte sein, dass das der gleiche Geist ist, der auch den syrischen Diktator Bachar al Assad zu dem Glauben bringt, dass Syrien Syrien bleiben muss und dass man das mit Raketen und Giftgas schaffen könnte.

Begrüßen wir statt dessen lieber jeden Migranten oder sogar Flüchtling mit den Worten John von Neumanns, des großen Mathematikers und Computerpioniers: Ein neuer Mensch wird durch die Menge der bereits eingeführten definiert.

IM TAL DER DENUNZIANTEN

realität  Heute wissen wir, dass die Hexenverfolgung zwar von der Kirche installiert worden war, sich aber hielt und die bekannten Ausmaße annahm einzig dadurch, dass jeder seinen missliebigen Nachbarn und vor allem die Nachbarin denunzieren konnte. Die Beseitigung des Ärgernisses auf Staatskosten war garantiert, allein um des Prinzips willen. Auch neuzeitliche Diktaturen, wir bemerkten es bereits, hielten sich nicht vor allem durch den Terror selbst, sondern durch die Angst vor dem Terror und die Angst vor der Denunziation. In der Demokratie, so scheinen viele zu glauben, dient die Denunziation der guten Sache. Denunziert werden ausschließlich die Feinde der Demokratie, so sagt man. Der Rechtsstaat, so schreit man, treffe diese Feinde, die Nazis zum Beispiel, mit seiner ganzen Härte, so verlang die Vorsitzende der grünen Partei. Sie verliest seitenweise mit der weinerlichen Stimme einer Zwölfteklasseschülerin, die gemobbt wurde, die Hassmails der bösen Nazis. Ihr Kollege verlangt derweil, dass Erdoğan aus dem G20-Gipfel ausgeschlossen wird, weil auch er böse ist.

Wie kann der Rechtsstaat, warum sollte die Demokratie Mittel benötigen und gutheißen, die Diktaturen und finsterstes Mittelalter brauchten, um sich am Leben zu erhalten? Unsere Ideale heißen Liebe und Bildung und nicht Denunziation und Ausschluss. Vor Jahr und Tag schrieben wir hier schon an dieser Stelle über die Dummheit des Slogans ‚Nazis raus‘ und antworteten: wohin denn? in die Flucht? ins Ausland? ins Lager?

Schreibt man das in einem Internetforum, so schallt gleich der Sprechchor: Verschweigen hilft nichts! Gutmenschen sind keine Realisten, so heißt es.

Mindestens seit Schopenhauer wissen wir, dass sich die Pessimisten und Skeptizisten gerne als die einzigen Realisten sehen. Sie leiten daraus ihre Berechtigung ab, alle anderen Menschen zu beschimpfen.

Menschen kann man sich nicht aussuchen. Die einzige Möglichkeit, die Nazis loszuwerden, ist mit ihnen zu reden. Eigentlich müssen wir schon in den Familien und in den Schulen so lange mit ihnen reden, bis sie auch wie wir glauben, dass es keine monokausalen Ereignisse und keine einfachen Erklärungen gibt. Das Internet scheint die Verschwörungstheorien sogar noch verstärkt zu haben. Aber so war das nach der Erfindung des Buchdrucks auch: mit dem Sinn nimmt immer auch erst einmal der Unsinn zu. Neue Medien stehen jedem offen. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen.

Wer glaubt, eine richtige und eindeutige Antwort zu haben, muss alle Mitmenschen denunzieren, die das bezweifeln. Solch eine Antwort ist immer Ideologie und nicht Welterkenntnis. Sobald eine Erkenntnis Partei wird, wird sie auch Ideologie. Vor vierzig Jahren wollten die Grünen das System aufmischen und verbessern, geblieben sind die Mülltrennung und das Bundeseinspeisungsgesetz, epochemachende Verbesserungen immerhin, aber heute denunzieren sie missliebige Mitbürger und Mitpolitiker. Ihre Methoden ähneln also der der CSU oder der AKP, vom Mittelalter ganz zu schweigen.

Es ist schwer, nicht zu denunzieren, aber noch schwerer ist es zu denunzieren. Man muss dann mit der untragbaren Last des Gewissens leben, und das ist viel schwerer, als die vermeintliche Richtigkeit einer Erkenntnis aufwiegt.

Wer eine solche ideologische Idee in einer Partei vertritt, muss immer wieder die Welt für schlecht erklären, alle Verbesserungen als unsinniges Gutmenschentum abtun, muss immer wieder beteuern, dass sein eigener Weg alternativlos ist und muss alle denunzieren, die von ihm abweichen oder ihn gar nicht erst betreten wollen.

So schwer wie Demokratie ist es, andere Menschen und Meinungen auszuhalten. Wir müssen mit uns leben. Unsere einzige Chance ist es, denken zu lehren, nicht Gedanken zu verbreiten. Autoritäre Erziehung hat noch niemandem geschadet, wird immer wieder gesagt, doch sie führte direkt in den zweiten Weltkrieg. Ohne Autorität oder Hierarchie geht es nicht, doch das führt direkt in eine Welt ohne Kriege. Aber das sind eben die langen Wege durch die engen Pforten, von denen die Religionen und Philosophien eigentlich reden. Aber wer will schon etwas von engen Pforten und haardünnen-schwertscharfen Wegen hören?

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Auch sind nicht die Medien an einer gesellschaftlichen Entwicklung oder Verquickung schuld. Ein Smartphone kann man genauso abschalten oder wegwerfen wie eine Schreibfeder oder ein Buch. Man erinnere sich, wie Bücher mit ihren Hervorbringern und den Systemen verschwanden, deren Antworten zu eindeutig waren. Statt dessen ist die Singularität der Geschichten, die uns zum Erlernen und Vergleichen der Welt dienen, einer großen Pluralität, einer Vielfältigkeit der Narrative gewichen. Angeblich haben in Europa Menschen Angst vor den als Flüchtlingen einströmenden Muslimen. Scheinbar haben die muslimischen Einwanderer keine Angst vor dem angeblich christlich geprägten Europa. Das zeigt doch, dass es schon lange nicht mehr um Christentum und Islam geht. Jeder, ungeachtet seiner Vorfahren und Traditionen, hat heute Zugang zu allen Narrativen der Welt. Jeder kann dem ausweichen, was er als Schrecken empfindet. Er kann dahin gehen, wo die Erzählung seinen Wünschen und Idealen zu entsprechen scheint. Denn dann zeigt sich, dass wieder keine Optimierung möglich ist, das Ideal ist nicht genau verwirklichbar. Man begnügt sich mit dem besseren Leben, ideal oder optimiert muss es nicht sein.

Daneben gibt es aber auch archaische Verhaltensweisen. So ziehen aus einer durch Krieg oder Erdbeben unwirtlich gewordenen Gegend die Menschen nach wie vor in großen Strömen, auch mit Hilfe von Schleusern und Menschenhändlern, ab. Das Meer teilt sich eben nicht. Vieler sterben unterwegs, aber viele würden auch in der unwirtlichen Gegend sterben. Es ist kein Zufall, dass große Wanderungen auch große Geschichten hervorgebracht haben. Obwohl die Juden nur ein kleines Volk waren und sind, haben sie einige der größten Geschichten hervorgebracht, von Hiob (Ayyub, Eyup), der wusste, dass man nicht nur das Gute hinnehmen kann und soll, oder von Mose (Mussa), der ein Volk über das Meer führte. Die Verheißung ist in Wirklichkeit eine Geschichte. Während man früher dem Führer auf dem Berg lauschte, ist heute fast jede Geschichte fast immer verfügbar.

Die Menschen verändern sich, werden modern, aber sie bleiben auch archaisch. Genetisch hängen sie an ihren Eltern und allen Vorfahren, narrativ hängen sie an allen alten Geschichten. Allerdings ist Hollywood auch ein inzwischen allgegenwärtiger Geschichtenerzähler.

Und leider, leider ist ein archaisches Verhalten das geächtete, aber immer wieder geübte Denunziantentum. Es hilft nicht, die Denunzianten zu denunzieren. Es helfen nur Liebe und Bildung, Bildung und Liebe.

ICHESSAY

 

novemberlied

denn alles was ich wusste
war mir als kind schon klar
und dann ist schon november
das licht wird plötzlich rar
mein herzverfilzter soundtrack
sagt nichts war wie es war
mein ganzes falsches leben
ist nicht recyclebar
musik und gegenliebe
und dieses eine jahr

 

1

Welches Leben ist schon richtig und: was soll das überhaupt heißen: richtiges Leben. Ich finde, dass Adornos berühmter Satz (‚es gibt kein richtiges Leben im falschen‘) schon damals überholte Begrifflichkeiten aufwärmte, nämlich richtig und falsch. [Damit mache ich mir jetzt keine Freunde, denn manche tragen alte Sätze vor sich her, als hätte ihre Mutter sie ihnen mit auf den Lebensweg gegeben]. Demzufolge kann man jedes Leben als falsch bezeichnen, weil es nämlich dann und insofern kein richtiges Leben mehr gibt, wie wir aus ehemals festgefügten Gemeinschaften aussteigen (wollen) und uns vereinzeln, aber gleichzeitig in immer größeren Massen untertauchen. Die Menschen mögen früher ihr Leben als richtig empfunden haben, indem sie lebenslang zu genau der Gruppe gehörten, zu der sie auch gehören wollten, weil sie gar keine andere Gruppe kannten und sich vorstellen konnten. Auch heute noch gibt es Gruppen, aber sie sind flexibel wie ihre Mitglieder, man kann ein- und austreten.

 

2

Mein Ich entstand, als ich merkte, dass weder meine Begabung noch mein Ehrgeiz für das ausreichten, was ich für meine Träume hielt. (Denn das ist nochmals eine Frage: können wir auf das gekommen sein, was wir träumen, oder ist es nicht vielmehr der Zeitgeist, der es uns eingeflüstert hat, oder die Geldgier oder die Faulheit). Da hatte ich plötzlich den Mut zu vier wunderbaren Kindern, zu einem sehr wichtigen, erfüllenden, aber eher verachteten Beruf und zu einem Haus, das die Nachbarn ringsumher Ruine nannten, wir aber als historisch erkannten. Die Gegend, in der wir leben, nachdem wir unser historisches Haus restauriert und ausgebaut haben, ist von der Eiszeit hinterlassen. So kommt uns auch der Winter vor: es ist ihm nicht bloß mit Heizungen beizukommen, man muss auch genügend Widerstandskraft haben. Das Haus ist ein Dialog mit der Natur. Es ist in ein Moor hinein geschoben wie ein Schiff, das nicht untergehen kann. Sein Fundament ruht auf gewaltigen Steinen, die das Eis herschleppte. Sein Dach wiegt sechzig Tonnen, kein Wind kann es tragen. Das Haus gehört zu meinem Ich, ich gehöre aber auch zu ihm.

 

3

Ich selber war es, der den Beruf lange Zeit verachtete, obwohl ich auch nicht nur schlechte Lehrer hatte, eher Lehrer ohne jede Idee: sie ließen uns Vokabeln lernen und binomische Formeln. Mein erstes fremdländisches Wort (und auch die nächsten tausend) lernte ich aber, indem ich mit den Kindern der russischen Besatzungsoffiziere spielte und von deren Eltern in ihre mehr als dürftigen Wohnungen eingeladen wurde. Geblieben ist der Sinn für Sprache. Es kommt, weiß ich heute, nicht darauf an, Vokabeln und Formeln zu verbreiten, sondern den Mut zu sich selbst auszustreuen. Man darf nicht die Sprache der Bürokratie übernehmen, sondern muss die Menschen zu ihrer eigenen Sprache führen. Das gelingt aber nur bruchstückhaft und bei wenigen. Das ist ein Haus, das niemals fertig wird.

 

4

Unsere vier Söhne haben sich jeder ein Zimmer gesucht. Obwohl es Durchgangszimmer sind, haben sie alle auch etwas eigenes, abgeschlossenes, noch hängt der Schlüssel neben der Tür. Sie haben ihre Eltern befragt, die Natur, das Haus, den Bildungsberg, und überall holten sie sich Bruchstücke, die sie zu ihrem eigenen fügten. Sie sind sich so ähnlich, dass eine neidische Nachbarin sie als geklont erkannte, aber sie sind auch so verschieden, dass sie schon eigene Welten sind, aber Welten oder Häuser mit offenen Fenstern. Ich wusste früher nicht, wie viel man von Kindern lernt und wie sehr man ihnen dankbar sein muss. Die Kinder sind das eigentliche Geschenk des Lebens, so wie das Leben das eigentliche Geschenk ist. Obwohl man das im Laufe des Lebens erfährt, ist es schwer, aus der Konsumwelt auszusteigen, zu erkennen, dass Haben keine Größe ist, und auch nicht Sein, sondern nur Werden und Geben. Und so ist es auch nicht entscheidend, was man weiß, denn das veraltet sehr, sehr schnell, sondern was man glaubt. Und auch das Glauben, glaube ich heute, ist keine Bahn mit Wegweisern, sondern ein Suchen und Lieben und Weben und Streben. Gott, wenn es ihn gibt, ist keine Burg, sondern das Denken und Danken in uns. [Der Ring ging nicht verloren, alle haben ihn oder keiner.]

 

5

Heute kommt es mir so vor, als ob das wichtige im Leben seine Quersumme ist. Wenn man sie grafisch darstellt, kommt etwas heraus, das so ähnlich ist wie ein Sinus. Auch Musik ist so darstellbar, aber wir hören sie lieber. Das Leben sollte man auch lieber leben, als es grafisch darzustellen. Das erstaunliche an meinem Leben ist die Kontinuität von Gedanken und Gefühlen, wie zum Beispiel, dass das Kreuz eigentlich ein Sinus ist, oder aber das Gedicht als Lebensform. Das Gedicht erkennt mehr als eine Formel, weil es offen ist. Es gehört Mut dazu, mit solch offenen Erkenntnissen zu leben. Deshalb suchen so viele das endgültige Zelt. Aber das kann es nicht geben. Nichts ist gültig. Und es gibt kein Ende. Das nie zu erreichende Gleichgewicht in meinem Leben ist die Liebe auf der einen Seite, als Ideal, als Lebensform, als Zuwendung, als Offenheit, aber auf der anderen Seite meine bunkerhafte Verschlossenheit. Deshalb war auch das Internet, dieses große Bilderbuch der Welt, das uns das Denken nicht erspart, eine gute Erfindung: es ist die Funkverbindung aus meiner Höhle. Und wieder verbindet sich das mit meiner Kindheit: da habe ich sehr gerne Höhlen gebaut, eine hatte sogar ein Röhrentelefon.

 

6

Die meiste Zeit tut man nichts. Man beschäftigt sich mit sich selbst, zum Beispiel arbeitet man, um leben zu können, oder man  schläft, fährt in Urlaub, liebt jemanden, kratzt das Eis von den Autoscheiben. Das ist alles nichts. Vielleicht hat man ein Jahr lang, dreihundertfünfundsechzig Tage, achttausendsiebenhundertsechzig Stunden, etwas getan, das bleibt. Die wichtigste Frage des Lebens ist Angst, die richtigste Antwort ist Liebe. Es gibt keinen Weg und keine Antwort, und trotzdem muss man wissen und gehen, küssen und geben.

BESSER LERNEN ALS REGELN

polizist mit flüchtlingskind

Vom rechten und linken Rand aus kommen immer die gleichen Sprüche gegen die herrschende Politik, auch wenn diese in einer großen Kehrtwende gerade wieder Lösungen für wahrlich nicht kleine Probleme zu entwickeln bereit ist. Große Probleme können selten in einmaligen Akten gelöst werden. Genauso wie die Ursachen von Problemen sind auch ihre Entwicklungen und dann mögliche Lösungen vielfältig und komplex.

Weder die Wissenschaften noch die Geheimdienste haben die Flüchtlingsströme vorausgesagt, die uns jetzt Probleme bereiten. Natürlich ist eine Politik, die sich darauf verlässt, immer genügend Spielraum für die Lösung bis mittelgroßer Aufgaben zu haben, überfordert, wenn es keine verlässliche Prognostik gibt. Die Geheimdienste scheinen, soweit man das von außen beurteilen kann, das Schicksal der Medien zu teilen und sich weitgehend mit sich selbst zu beschäftigen. Weder 1990 noch 2015 haben sie wirkliche und verwertbare Voraussagen über mittelfristig eintretende Entwicklungen geliefert. Es ist höchste Zeit, diese Art von Geheimdiensten genauso abzuschaffen wie die Wehrpflicht. Das ist alles von gestern.

Es ist ohnehin unsinnig, Schuldige zu suchen und zu benennen, wenn es um so große gesellschaftliche Veränderungen geht, wie wir sie im Nahen Osten und im Maghreb  seit einigen Jahren erleben. Die ganze Weltgeschichte wäre nötig, um diese Ereignisse genauesten zu analysieren, und die hat bekanntlich niemand zur Verfügung. Statt und über die Vereinigten Staaten von Amerika auf der einen und von Europa auf der anderen Seite zu empören, sollten wir lieber endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in den Diktatur und in den Bürgerkriegen heute alle medial miteinander verknüpft sind. Flüchtlingsströme kommunizieren heute untereinander schneller als repressive Polizeikräfte samt ihrer Innenminister. Wo die Not größer wird, wächst nicht nur der Mut, sondern auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation. Merkwürdigerweise gibt es gerade in der westlichen Welt Kritik daran, dass die Menschen aus den ärmeren Ländern die ihnen von uns verkaufte Technik nun auch  tatsächlich benutzen. Das ist schon perfide, Menschen auf der Flucht ihr Handy zu neiden, überhaupt einen Flüchtling zu beneiden oder auch nur zu kritisieren.

Unter Abzug der Tatsache, dass wir nicht vorbereitet oder wenigstens gewarnt waren, beginnt jetzt langsam ein sinnvoller Umgang mit der Herausforderung. Es handelt sich keineswegs um einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben. Es handelt sich darum, dass Menschen aus bevölkerungsreichen Gegenden der Welt in bevölkerungsarme ziehen. In den bevölkerungsreichen herrschen Armut und Bürgerkrieg, in den bevölkerungsarmen Gegenden herrschen Reichtum und sogar Überdruss. Keineswegs sterben bei uns Obdachlose, weil es keine Suppenküchen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Keineswegs hungern bei uns Arbeitslose und andere Arme. Wobei wir einsehen müssen, dass die bürokratischen Hürden, die der Staat vor die Transferleistungen gestellt hat, für die Betroffenen oft bitter, für die Gebenden eine gewisse Garantie der Rechtsmäßigkeit sind. Denn was heißt Transferleistung anderes, als dass der Wohlhabendere dem weniger Begüterten abgibt? Transfer ist das neudeutsch-bürokratische Wort für Nächstenliebe. Der Sozialstaat ist die bessere Welt ohne Hunger und ohne Krieg, leider nicht ohne Neid und Gier. Unsere Gier ist es, die unsere Wirtschaftsordnung zu einen Dumpingsystem einerseits und zu einer Megaschatzkammer auf der anderen Seite gemacht hat. Wer billig einkauft, macht sich schuldig, das gilt für den berühmten Otto Normalverbraucher genauso wie für den Milliardär in seinem Privatjet. Seit Jahrtausenden wird die jeweils gegenwärtige Lage als katastrophal empfunden und der jeweils Andere als der Schuldige. Wer nur die selektive Zeitung, nicht aber die seit Jahrtausenden bewährten Schriften liest, kann das nicht wissen. Bildung bringt nicht nur die tatsächliche Freiheit, sondern auch die Freiheit des Denkens. Man muss lange nachdenken, bevor man bemerkt, dass tatsächlich die Freiheit des Denkens erst das Ergebnis der Freiheit und oft auch eines langen Lebens ist. Am Anfang des Lebens ist es normal, abhängig zu sein, im Sein wie im Denken.

Der Flüchtlingsstrom ist also keinesfalls nur ein Strom zu den Fleischtöpfen – das ist angesichts des Überflusses fast überall auf der Welt ohnehin ein Bild von vorgestern. Es geht wohl auch darum, seinen Kindern den Zugang zu hervorragender Bildung zu verschaffen. Fast unbemerkt hat sich in unserem Land – wie auch, wenngleich nicht ganz so gut, in Großbritannien und Frankreich – eine dritte Generation von Migranten den Zugang zu höherer Bildung verschafft und erhalten. Kaum einer bemerkt, dass mehr als die Hälfte der Menschen jetzt das Abitur macht und damit sowohl studieren kann, was allerdings nur etwa der Hälfte gelingt, oder aber so flexibel ist, wie es der Arbeitsmarkt braucht. Die klassischen Gymnasien sind sowohl überfüllt wie auch zurecht in der Kritik, weil sie oft noch auf ein rigides Leistungsdrucksystem festgeschrieben sind. Das kann man leicht daran sehen, wie viele Jahre schon darüber gestritten wird, ob man zwölf oder dreizehn Jahre benötigt, um das Abitur abzulegen, statt einfach die Lerninhalte auf die neuen Bedingungen umzustellen, also eine Bildungsreform statt der vielen kleinen und völlig überflüssigen Schulreformen zu machen. Man kann heutige Menschen immer weniger dazu zwingen, einen vorbestimmten Weg einzuschlagen. Sie müssen es – gemäß unserem Ideal von Freiheit und Demokratie – auch wollen. Die Erziehung muss also nur noch herausfinden und befördern, WAS DER EINZELNE MENSCH WILL und demzufolge kann. Dabei braucht man immer weniger Regeln, aber immer mehr Empathie. Glücklicherweise wird auch ununterbrochen über Empathie und Vernetzung gesprochen, was zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Dank der ethischen Vorgabe durch die Religionen und Philosophien in allen Kulturen und der politischen Umsetzung durch sie soziale Marktwirtschaft, die ein lebendiges, sich ständig veränderndes System ist, wurde die Welt besser. Wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird, so kann das nur ideologische Interessen haben: man will die eigene Klientel als Schafherde behandeln und zusammenhalten. Wer immer behauptet, den einzigen Weg zu kennen, reduziert die Welt auf den Inhalt eines kranken Hirns. Keine Religion und Philosophie gebot uns, neidisch, gierig oder gewissenlos gegen unsere Mitmenschen zu sein, nur die Wahnvorstellung der verkürzten Antwort, die absurde Vorstellung, ein großes, ein Epochenproblem könnte eine einfach, gleichsam in einem Tag zu bewältigende Lösung haben. All diese Eintagslösungen verschlimmern nur das Problem, lenken uns von Lösungsansätzen ab, binden unsere Energie zum Selbsterhalt und verschwenden sie damit. Kulturen können sich nur entwickeln, indem sie sich öffnen, Das gleiche gilt auch für einzelne Menschen. Das ist übrigens der normale, durch die Bildung geförderte Entwicklungsprozess: der Blick erweitert sich, je mehr Windeln und Gängelbänder wir abzulegen imstande sind, unsere ersten Schritte waren noch begleitet, dann müssen wir selbst laufen.

Eines Tages wird der kleine Junge aus Syrien, den ein Polizist aus München so freundlich empfangen hat, ein freundlicher deutscher Polizist sein, der anderen hilft und sie empfängt und begleitet. Eines Tages wird die kleine Angela Merkel Adé, deren Eltern einst aus Ghana zu uns kamen und aus Dankbarkeit und Hoffnung auf Bildung ihrer Tochter diesen Namen gaben, eine IT-Spezialistin oder Mikrochirurgin sein. Ganz sicher.

angela merkel adé

Fotos:
1 AFP
2 dpa Julian Stratenschulte