BESSER LERNEN ALS REGELN

polizist mit flüchtlingskind

Vom rechten und linken Rand aus kommen immer die gleichen Sprüche gegen die herrschende Politik, auch wenn diese in einer großen Kehrtwende gerade wieder Lösungen für wahrlich nicht kleine Probleme zu entwickeln bereit ist. Große Probleme können selten in einmaligen Akten gelöst werden. Genauso wie die Ursachen von Problemen sind auch ihre Entwicklungen und dann mögliche Lösungen vielfältig und komplex.

Weder die Wissenschaften noch die Geheimdienste haben die Flüchtlingsströme vorausgesagt, die uns jetzt Probleme bereiten. Natürlich ist eine Politik, die sich darauf verlässt, immer genügend Spielraum für die Lösung bis mittelgroßer Aufgaben zu haben, überfordert, wenn es keine verlässliche Prognostik gibt. Die Geheimdienste scheinen, soweit man das von außen beurteilen kann, das Schicksal der Medien zu teilen und sich weitgehend mit sich selbst zu beschäftigen. Weder 1990 noch 2015 haben sie wirkliche und verwertbare Voraussagen über mittelfristig eintretende Entwicklungen geliefert. Es ist höchste Zeit, diese Art von Geheimdiensten genauso abzuschaffen wie die Wehrpflicht. Das ist alles von gestern.

Es ist ohnehin unsinnig, Schuldige zu suchen und zu benennen, wenn es um so große gesellschaftliche Veränderungen geht, wie wir sie im Nahen Osten und im Maghreb  seit einigen Jahren erleben. Die ganze Weltgeschichte wäre nötig, um diese Ereignisse genauesten zu analysieren, und die hat bekanntlich niemand zur Verfügung. Statt und über die Vereinigten Staaten von Amerika auf der einen und von Europa auf der anderen Seite zu empören, sollten wir lieber endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in den Diktatur und in den Bürgerkriegen heute alle medial miteinander verknüpft sind. Flüchtlingsströme kommunizieren heute untereinander schneller als repressive Polizeikräfte samt ihrer Innenminister. Wo die Not größer wird, wächst nicht nur der Mut, sondern auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation. Merkwürdigerweise gibt es gerade in der westlichen Welt Kritik daran, dass die Menschen aus den ärmeren Ländern die ihnen von uns verkaufte Technik nun auch  tatsächlich benutzen. Das ist schon perfide, Menschen auf der Flucht ihr Handy zu neiden, überhaupt einen Flüchtling zu beneiden oder auch nur zu kritisieren.

Unter Abzug der Tatsache, dass wir nicht vorbereitet oder wenigstens gewarnt waren, beginnt jetzt langsam ein sinnvoller Umgang mit der Herausforderung. Es handelt sich keineswegs um einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben. Es handelt sich darum, dass Menschen aus bevölkerungsreichen Gegenden der Welt in bevölkerungsarme ziehen. In den bevölkerungsreichen herrschen Armut und Bürgerkrieg, in den bevölkerungsarmen Gegenden herrschen Reichtum und sogar Überdruss. Keineswegs sterben bei uns Obdachlose, weil es keine Suppenküchen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Keineswegs hungern bei uns Arbeitslose und andere Arme. Wobei wir einsehen müssen, dass die bürokratischen Hürden, die der Staat vor die Transferleistungen gestellt hat, für die Betroffenen oft bitter, für die Gebenden eine gewisse Garantie der Rechtsmäßigkeit sind. Denn was heißt Transferleistung anderes, als dass der Wohlhabendere dem weniger Begüterten abgibt? Transfer ist das neudeutsch-bürokratische Wort für Nächstenliebe. Der Sozialstaat ist die bessere Welt ohne Hunger und ohne Krieg, leider nicht ohne Neid und Gier. Unsere Gier ist es, die unsere Wirtschaftsordnung zu einen Dumpingsystem einerseits und zu einer Megaschatzkammer auf der anderen Seite gemacht hat. Wer billig einkauft, macht sich schuldig, das gilt für den berühmten Otto Normalverbraucher genauso wie für den Milliardär in seinem Privatjet. Seit Jahrtausenden wird die jeweils gegenwärtige Lage als katastrophal empfunden und der jeweils Andere als der Schuldige. Wer nur die selektive Zeitung, nicht aber die seit Jahrtausenden bewährten Schriften liest, kann das nicht wissen. Bildung bringt nicht nur die tatsächliche Freiheit, sondern auch die Freiheit des Denkens. Man muss lange nachdenken, bevor man bemerkt, dass tatsächlich die Freiheit des Denkens erst das Ergebnis der Freiheit und oft auch eines langen Lebens ist. Am Anfang des Lebens ist es normal, abhängig zu sein, im Sein wie im Denken.

Der Flüchtlingsstrom ist also keinesfalls nur ein Strom zu den Fleischtöpfen – das ist angesichts des Überflusses fast überall auf der Welt ohnehin ein Bild von vorgestern. Es geht wohl auch darum, seinen Kindern den Zugang zu hervorragender Bildung zu verschaffen. Fast unbemerkt hat sich in unserem Land – wie auch, wenngleich nicht ganz so gut, in Großbritannien und Frankreich – eine dritte Generation von Migranten den Zugang zu höherer Bildung verschafft und erhalten. Kaum einer bemerkt, dass mehr als die Hälfte der Menschen jetzt das Abitur macht und damit sowohl studieren kann, was allerdings nur etwa der Hälfte gelingt, oder aber so flexibel ist, wie es der Arbeitsmarkt braucht. Die klassischen Gymnasien sind sowohl überfüllt wie auch zurecht in der Kritik, weil sie oft noch auf ein rigides Leistungsdrucksystem festgeschrieben sind. Das kann man leicht daran sehen, wie viele Jahre schon darüber gestritten wird, ob man zwölf oder dreizehn Jahre benötigt, um das Abitur abzulegen, statt einfach die Lerninhalte auf die neuen Bedingungen umzustellen, also eine Bildungsreform statt der vielen kleinen und völlig überflüssigen Schulreformen zu machen. Man kann heutige Menschen immer weniger dazu zwingen, einen vorbestimmten Weg einzuschlagen. Sie müssen es – gemäß unserem Ideal von Freiheit und Demokratie – auch wollen. Die Erziehung muss also nur noch herausfinden und befördern, WAS DER EINZELNE MENSCH WILL und demzufolge kann. Dabei braucht man immer weniger Regeln, aber immer mehr Empathie. Glücklicherweise wird auch ununterbrochen über Empathie und Vernetzung gesprochen, was zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Dank der ethischen Vorgabe durch die Religionen und Philosophien in allen Kulturen und der politischen Umsetzung durch sie soziale Marktwirtschaft, die ein lebendiges, sich ständig veränderndes System ist, wurde die Welt besser. Wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird, so kann das nur ideologische Interessen haben: man will die eigene Klientel als Schafherde behandeln und zusammenhalten. Wer immer behauptet, den einzigen Weg zu kennen, reduziert die Welt auf den Inhalt eines kranken Hirns. Keine Religion und Philosophie gebot uns, neidisch, gierig oder gewissenlos gegen unsere Mitmenschen zu sein, nur die Wahnvorstellung der verkürzten Antwort, die absurde Vorstellung, ein großes, ein Epochenproblem könnte eine einfach, gleichsam in einem Tag zu bewältigende Lösung haben. All diese Eintagslösungen verschlimmern nur das Problem, lenken uns von Lösungsansätzen ab, binden unsere Energie zum Selbsterhalt und verschwenden sie damit. Kulturen können sich nur entwickeln, indem sie sich öffnen, Das gleiche gilt auch für einzelne Menschen. Das ist übrigens der normale, durch die Bildung geförderte Entwicklungsprozess: der Blick erweitert sich, je mehr Windeln und Gängelbänder wir abzulegen imstande sind, unsere ersten Schritte waren noch begleitet, dann müssen wir selbst laufen.

Eines Tages wird der kleine Junge aus Syrien, den ein Polizist aus München so freundlich empfangen hat, ein freundlicher deutscher Polizist sein, der anderen hilft und sie empfängt und begleitet. Eines Tages wird die kleine Angela Merkel Adé, deren Eltern einst aus Ghana zu uns kamen und aus Dankbarkeit und Hoffnung auf Bildung ihrer Tochter diesen Namen gaben, eine IT-Spezialistin oder Mikrochirurgin sein. Ganz sicher.

angela merkel adé

Fotos:
1 AFP
2 dpa Julian Stratenschulte

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