GLOBALISIERUNGSGEGNER

Nr. 157

Der Schinkelplatz in Berlin ist der eigentliche Gedenkplatz für den Beginn des Kapitalismus in Deutschland. Goethe ist dort als der Großvater der Moderne zu sehen, obwohl er für Beuth, Thaer und Schinkel, die drei stehen dort, eher eine Vaterfigur und mit Thaer sogar gleichalt war. Thaer ist der am wenigsten bekannte. Hunger kennt man nur, wenn er sichtbar und spürbar ist. Das ist auch der Grund, warum rechtsradikale Argumentationen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sich auf ebenjene Obdachlose beziehen, die sie noch vor wenigen Jahren als undeutsch attackiert und ermordet haben (Eckard Rütz† und Klaus-Dieter Gerecke† in Greifswald im Jahre 2000).

Thaer und später Liebig legten die Grundlagen für eine so nachhaltige Hungerbekämpfung, dass heute in weiten Teilen der Welt eher Übergewicht das Problem ist. In den Märchen der Gebrüder Grimm, die nicht weit vom Schinkelplatz entfernt wohnten, waren noch die Reichen überdimensioniert dick, heute sind es eher die armen und bildungsfernen Menschen, die Billig- und Fastfood in sich hineinschlingen und dabei Billigmedien konsumieren. Trotzdem gibt es immer noch die Angst, vielleicht nicht vor dem Verhungern, aber vor dem Verarmen. Die Obdachlosen werden einerseits als Verlierer verachtet, andererseits stellen sie lebendige Mahnmale der Verarmung dar.

In Schüben, möglicherweise direkt im Gefolge der Innovationsschübe, fallen Globalisierungs- und Fremdenängste über die Menschen her. In den Dörfern hört man das Zähneklappern der Angst vor den Fremden. Plötzlich werden eiligst die alten Neubaublocks aus der DDR abgerissen, nur damit der Landkreis nicht Flüchtlingsfamilien ansiedeln kann. Dann würde wieder Kinderlachen zu hören sein, in Dörfern, in denen fast nur noch Rollatoren zu sehen und Zähneklappern zu hören ist. Dabei sind die ländlichen Neubauten der DDR möglicherweise nicht nur Ausdruck unmoderner Produktionsweisen der Landwirtschaft gewesen und nicht nur ästhetische Bekämpfung der Schlösser und Kirchen, sondern auch der letztlichen menschenwürdigen Unterbringung jener Flüchtlinge und deren Nachkommen, die der letzte Krieg der Rechtsradikalen erzeugt hat. Das waren, es gibt unterschiedliche Zahlenangaben, um die zwölf Millionen im Jahre 1945. Angesichts der demografischen Katastrophe der heillosen Überalterung (eigentlich durch Mangel an Hunger) und wirtschaftlichen Verödung müsste jede Flüchtlingsfamilie aus Syrien und jeder gutgelaunte junge Mann aus Schwarzafrika mit den Schalmeienkapellen aus Penkun und Rossow und Girlanden aus dem rechten Blumenladen begrüßt werden.

Statt dessen erinnert man sich an Verschwörungstheorien und gibt dem Kapitalismus die Schuld am eigenen Unbehagen. Blättert man auf rechten Seiten, so findet man nach dem gewöhnlichen populistischen Unfug bald auch den Hinweis auf das Weltjudentum. Rothschild, der schon lange nicht mehr auf der Liste der 1000 reichsten Familien, steht, gehört die Welt. Merkel ist Obamamagd und Obama ist Judenknecht. Zu diesen Ansichten haben zwei wenig bekannte Nazis beigetragen. Gottfried Feder, einer der wenigen Freunde Hitlers und Verfasser des NSDAP-Programms, hatte die Idee, die Zinsen abzuschaffen, das Projekt nannte er ganz romantisch ‚Brechung der Zinsknechtschaft‘ (1919). Die schlangenblickähnliche Faszination vieler Menschen in bezug auf Schulden und Zinsen mag von ihm stammen. Wir alle haben die Hoffnung, dass ein kompliziertes Problem vielleicht doch eine ganz einfache Lösung haben könnte. Ein zweiter wenig bekannter Nazi, der angebliches Geheimwissen produzierte und publizierte, war Wolfgang Diewerge. Er befasste sich mit der jüdischen Weltherrschaft. Er sah sie in David Frankfurter, einem Studenten, der Gustloff erschoss. Das war ein Obernazi, der nur dadurch bekannt wurde, dass nach seiner Ermordung ein Schiff nach ihm benannt wurde, das am 30. Januar 1945 mit 10.000 Flüchtlingen an Bord unterging. Das war die größte bisherige Schiffskatastrophe. Herschel Grynszpan dagegen erschoss einen schwulen Botschaftssekretär, dessen Geliebter er möglicherweise war. Vielleicht wollte er aber auch sagen, was sich heute vielerorts zurecht als Graffito findet: KEIN MENSCH IST ILLEGAL. Noch absurder ist der von Diewerge erfundene Kaufman-Plan, der vorsah, alle Deutschen zu sterilisieren. Theodore Newman Kaufman gab es tatsächlich, auch wenn er schwer zu finden ist. Er besaß eine kleine Werbeagentur in South Orange N.J. und gab drei Schriften heraus, allerdings im Selbstverlag und mit einer Reichweite von unter 1000 Exemplaren. Niemand kannte oder kennt ihn. Trotzdem findet man heute in rechtsradikalen Pamphleten immer wieder Untergangszenarien der Art des Kaufman-Plans von Oberregierungsrat SS-Standartenführer Dr. Wolfgang Diewerge.

Alle Entwicklungen werden von Ängsten begleitet, leider gilt der Satz nicht auch umgekehrt. Es waren aber immer die falschen Bewahrer scheinbar wertvoller Traditionen, die die Systeme zerstörten. Es wäre auch nicht schlimm, wenn nur Staatssysteme zerbrächen. Aber alle Revolutionen und Kriege sind immer mit der Auslöschung von Millionen oder einzelnen Menschenleben und mit Bildersturm verbunden. Wäre das nicht so, könnte man über die immer gleichen oder doch sehr ähnlichen Argumentationen der Ewiggestrigen lachen. Aber leider schaffen sie es immer wieder, Menschen für ihre Antiideen zu fanatisieren. Fantasie- und ideenlose Nazis, die behaupteten und behaupten, Deutschland retten zu wollen, können nur sehr bruchstückhaft die deutsche Sprache, kennen weder Goethe, den Großvater der Moderne, noch die Humboldt-Brüder, weder Schinkel noch Thaer und Beuth, keinen Hardenberg und keinen Reichsfreiherrn vom und zum Stein. Sie haben deren  Denkmäler rund um den Schinkelplatz in Berlin noch nie gesehen.

Neulich wurde ein ehemaliger IS-Kämpfer verhört, der den Koran nicht kannte und nichts von den Regeln des Islam wusste, den er doch gegen die westliche Welt zu verteidigen vorgibt. Amerikaner gibt es, die immer noch an die qualitative Unterscheidung von so genannten Rassen glauben, Russen, die die Krim für russisch und Lenin für einen Weltverbesserer halten, Franzosen die vom Algerienkrieg träumen, Kubaner, die die Ursache der Armut in den USA vermuten.

Überall auf der Welt feiert die Unbildung, das Vergessen, die politische Nostalgie der Ewiggestrigen immer noch kurze, immer kürzer werdende Triumphe. Wie in Wellen taucht die Hoffnung auf die kurze Erklärung, den einfachen Grund, die monokausale Lösung immer wieder auf, freilich nur, um dann auch wieder zu verschwinden. Die eigenartige technizistische und damit modern klingende Sprache der Nazis, die von einem Sprachwissenschaftler akribisch im Tagebuch (LTI) festgehalten wurde, hat für diese falsche und durch und durch unwissenschaftliche Hoffnung einen Terminus geschaffen, der uns das geistige Mahnmal sein sollte: nie zu glauben, dass etwas endgültig gelöst werden könnte, nie zu glauben, dass eine Gruppe von Menschen am Zustand der Welt schuld sein könnte, nie zu glauben, dass ein Mensch oder eine Antwort irgendein Problem dieser Welt lösen könnte.

Der Kapitalismus – eine Verabredung, kein Mensch, kein Scheusal – hat den Hunger besiegt, aber er hat nicht  alle Probleme der Menschheit gelöst, noch nicht einmal das Hungerproblem für wirklich alle Menschen, er hat natürlich auch neue Probleme geschaffen, die wir in Zukunft lösen werden. Hunger ist keine Idylle, aber Energieverschwendung und Nichtstun auch nicht.

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