DAS PAZIFISTISCHE PARADOX

Der Vorwurf, der in Kriegszeiten immer laut wird, dass Frieden Wunschdenken sei, ist doppelt falsch. Erstens ist jedes Denken Wunschdenken. Hätten unsere Vorfahren sich nicht nach vorne, in die Zukunft gedacht und gewünscht, wären sie nicht nur rückwärts geschritten, sondern wir wären nicht da. Zweitens ist der Normalzustand der Menschheit Frieden und nicht Krieg. Daraus folgt, dass Pazifismus der Wunsch und das Denken ist, diesen Zustand möglichst lange aufrechtzuerhalten. Die Bellizisten dagegen glauben, und auch das kann man als Wunschdenken bezeichnen, dass der Krieg der Rückfall in den angst- und gewaltbesetzten Normalzustand der Menschheit ist. Menschen wären also die gewalttätigste Art Lebewesen und dies wäre auch nicht zu ändern. Schuld sind dabei immer die anderen (l’enfer c’est les autres) und man würde nur in der Sprache reagieren, die dieser böse Gegner als einzige verstünde: in der Sprache der Gewalt und der Waffen. Allerdings denkt dieser böse Gegner genau das gleiche.

Der Blick auf das zwanzigste Jahrhundert ist schon getrübt, wenn man es nur als das Jahrhundert Hitlers und Stalins und Mao Tse Tungs und gigantischer Todesmaschinerien sieht. Es gab tatsächlich zwei verheerende Weltkriege, die man auch als einen einzigen dreißigjährigen Megakrieg deuten kann, mit vielleicht 70 Millionen Toten. Aber die Erfindung der schrecklichsten Waffen und ihre punktuelle Anwendung in Hiroshima und Nagasaki ließen die nächste dichotomische Konfrontation, den Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem Osten, erstarren und zum Glück in waffenklirrender Untätigkeit verharren. Er wurde auch dann kein Krieg und schon gar kein nuklearer, als der Ostblock zusammenbrach. Vielleicht ist Putins Waffengerassel als Nachbeben jenes fast lautlosen Zusammenbruchs zu verstehen. Es sieht so aus, als ob Europa die Botschaft und das Potenzial des Friedens verstanden und verinnerlicht hätte. Die Pazifisten haben Recht behalten. Pazifisten gab es schon immer, aber zu einer Bewegung wurden sie erst im Ersten Weltkrieg. Als Beispiel für die asymmetrische Behandlung von Pazifisten in einer bellizistischen Gesellschaft stehen die beiden jungen Hutterer, die sich weigerten, eine Uniform anzuziehen und deshalb nackt und angekettet bei starkem Frost sterben mussten. Auch Präsident Wilson, später als Friedensheld gefeiert, hatte kein Verständnis für diesen konsequenten Pazifismus. Die Hutterer haben übrigens gewonnen.

Ein viel größeres Volk als die Europäer, nämlich die Inder, hat in diesem zwanzigsten Jahrhundert seine Freiheit und Unabhängigkeit errungen, ohne zu den Waffen zu greifen. Leider sind spätere indische Politiker wieder in das kriegerische Paradigma gefallen. Trotzdem ist Indien ein hervorragendes, bis heute höchst erfolgreiches Beispiel für den Sieg des Pazifismus. Der britische Offizier übrigens, der als einziger in die unbewaffnete Menge hat schießen lassen, ist auch in Britannien geächtet worden. Gandhis schöner Satz von der Blindheit der Welt als Folge der biblischen Forderung ‚Auge um Auge‘ ist, wie jeder Aphorismus, zugespitzt und witzig, trifft aber nicht den Kern. Vielmehr ist das Talionsprinzip ein Vorläufer des Pazifismus: hat jemand einem anderen das Auge ausgestochen, so ist dessen Familie nicht berechtigt, einen Krieg zu beginnen, sondern nur spiegelnd zu strafen: Auge um Auge und Zahn für Zahn (2. Mose, 21, 23-25), es geht also um Schadensbegrenzung und Schadenersatz und richtet sich gegen Blutrache.

Den größten Anteil an der Verbreitung des Friedens dürfte allerdings die Wohlfahrt haben. Man könnte von einer Ernährungs- und Wohlfahrtsrevolution im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert sprechen, die darin bestand, dass durch die Einführung geeigneter Pflanzen und Tiere, der Bodendüngung und neuer Methoden der Konservierung nach und nach die Menge der Lebensmittel schneller wuchs als die Menge der Menschen. Es gab und gibt mehr Lebensmittel als Leben. Zudem wuchs durch den Einfluss und das Beispiel der Religionen und durch den Erfolg der staatlichen Wohlfahrt, zum Beispiel der Sozialversicherung, die Anzahl der Staaten, die die Wohlfahrt zum Prinzip erhoben. Dadurch sind die Verteilungskämpfe seltener und sinnloser geworden. Die Entwicklung der Medizin und ihre Verbreitung als Menschenrecht, überhaupt auch die Erhebung der Menschenrechte in überall geltendes Recht, haben ebenfalls wesentliches zur friedlichen Entwicklung beigetragen. Die Weltbevölkerung hat sich demzufolge im zwanzigsten Jahrhundert zweimal verdoppelt: von zwei auf vier und dann von drei auf sechs Milliarden Menschen. Das ist kein Erfolg des Hungers und der Kriege, sondern der Wohlfahrt und des Pazifismus!

Die Sprache der Bellizisten und Untäter hält sich länger als diese selbst und vergiftet das Denken. So sprechen wir immer noch von Wehrpflicht und Gleichschritt, von ‚rassischen Gründen‘ jemanden umzubringen, überhaupt von ‚Rassimus‘ so, als gäbe es Rassen. Die Sicht eines Auschwitzhäftlings, dass ihn die Waffen der Alliierten befreit haben, ist emotional verständlich, darf uns doch aber nicht an der Überlegung hindern, wie man Hitler, seine Aufrüstung und seinen Genozid hätte verhindern können oder was man daraus für die Zukunft lernen kann. Das pazifistische Paradox besteht darin, dass es immer wieder ausweglose Situationen gibt. Immer wieder muss die Menschheit überlegen: bewaffnen wir jetzt die Guten und wie lange wird es dauern, bis sie dann die Bösen sind? Wir müssen uns zu dem Gedanken durchringen, dass nicht nur Gewalt und Krieg falsch und böse sind, sondern auch die Waffen. Die Versuchung, die Waffe anzuwenden, wächst mit ihrem Besitz. Die Versuchung zu verhandeln wächst mit dem Mangel an Waffen und Gewaltbereitschaft. Wir müssen die Sprache der Untäter ächten, indem wir sie als Untäter erkennen. Leider sind das unsere Vorväter und Vormütter. Wir müssen aufhören Waffen zu exportieren und überhaupt Waffen herzustellen. Schießen ist kein Sport, Jagen ist kein Hegen. Der österreichische Thronfolger, dessen Ermordung den ersten Weltkrieg veranlasste, der dazu führte, das ganze Jahrhundert mitsamt seinem Pazifismus zu verteufeln, galt als der beste Schütze der damaligen Welt und er hat 274.889 Tiere erschossen. Das ist kein Grund, ihn zu erschießen, entwaffnen hätte genügt, das ist kein Grund einen Weltkrieg zu beginnen, entwaffnen hätte genügt. Das ist nur eine pazifistische Anekdote, die das Leben selber schrieb. Das Leben ist pazifistisch und deshalb sollten wir alle es auch sein.

Der Krieg ist irrational, instabil und uneffektiv. Der Frieden ist rational, stabilisierend und hocheffektiv. Das mag man als pazifistisches Geschwätz abtun. Dann muss man aber auch anerkennen, dass es bellizistisches Geschwätz ist, wenn gesagt wird, Krieg sei alternativlos, der Gegner verstünde nur diese eine Sprache, die Sprache der Gewalt. Geschwätz um Geschwätz, fangen wir an zu denken!

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DAS TOTE WARUM DES VERLORENEN SOHNS

 

1

Wir streben nach Kontinuität und erleben jeden Tag Diskontinuität. Alles erscheint uns als Bruch, das nicht unsere staunenden und glänzenden Kinderaugen reproduziert. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter: unser eigentliches Lebensideal ist das Paradies, ein widerspruchsfreier Wohlfühlort. Davon voll sind die Literaturen seit altersher und die Prospekte der Reisebüros. Wenn man das tiefe Tal der beobachtbaren Menschheit im Mittelalter oder auch noch im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ansieht, das mit Krieg, Hunger und Seuchen gefüllt war, dann ist es zumindest verständlich, dass die heutige Konsumwelt in Europa, Nordamerika und Südostasien als Vorstufe des Paradieses wahrgenommen wird: Wohlstand als Lebenssinn. Indessen täuscht die oberflächliche Beobachtung. Wohlstand bringt auch einen Überhang an Kultur hervor, so dass der alte Streit zwischen Produktion und Konsumtion durch den ebenso alten zwischen Kultur und Agrikultur weiter ergänzt bleibt. Allerdings erzeugt die produktive Seite, die seit der Industrialisierung vor allem auch eine technologische, maschinen- und automatengestützte Massenherstellung ist, die sich nur im Export entladen kann, auch den Sozialstaat, so dass die verlorenen Söhne und Töchter heute zurecht im sprichwörtlichen sozialen Netz landen, wenn sie ihre Sinnsuche über das dreißigste Lebensjahr hinaus ausdehnen. Im Computer finden sich übrigens sozusagen methodisch geeint alle Bereiche wieder: der produktive, der konsumtive, der kulturelle und der völlig neue Bereich der Freizeitvernichtung. Die produktive Seite bringt einen Überfluss nicht nur an Alimenten und Luxusgütern, sondern vor allem auch an Zeit hervor. Solange der gegenständliche Überfluss exportiert und so in Reichtum umgewandelt werden kann, droht von dieser Seite kein Sinnvakuum, das allerdings durch den Zeitüberfluss schon lange an uns zehrt. Schule ist leider zu langsam, um diese Zeitverschiebung aufzufangen. Stattdessen wird soeben im Netz die völlig überflüssige Frage diskutiert, ob Versicherungsverträge und Geldanlagepläne oder Gedichte in vier Sprachen in der Schule gelehrt werden sollen.

2

Die suchenden Söhne und Töchter, die man früher verloren glaubte, werden heute materiell durch den Sozialstaat und den allgemeinen Wohlstand aufgefangen. Indem aber die heutigen Verhältnisse mehr von ihren Schwierigkeiten her interpretiert werden, übersieht man leichter ihre Erleichterungen. Zwar ist es schwer, sich selbst seinen Beruf, seinen Ort in der Gesellschaft, seinen Lebenssinn zu finden, statt in die vorgegebenen Bahnen und Traditionen, in arrangierte Ehen und Gewerbe im Elternhaus einfach einzusteigen. Diese Vereinfachung übersieht, dass Traditionen und Paradiese zwar Heimstatt, aber immer auch Gefängnis sein können, übersieht, dass die Zugehörigkeit früher auch erzwungen wurde, übersieht, dass Erziehung früher immer auch schwarze Pädagogik war. Bis zur Strafrechtsreform 1871 konnte ein Vater seinen verlorenen Sohn nicht nur schlagen, sondern auch erschlagen. Dieses Züchtigungsrecht berief sich auf alle Traditionen, und, obwohl der Schaden der Gewalt in meiner Kindheit in materiellen und geistigen Trümmern zu besichtigen war, beriefen sich die Erzieher weiter auf ihr Recht, auf alles einzuschlagen, was diskontinuierlich war.

Die Botschaft der Parabel vom verlorenen Sohn wurde und wird weiter in die Ferne projiziert. Aus heutiger Sicht, und welche Sicht sollten wir sonst haben?, erscheint die Vergebung nicht als eine ferne, nicht mehr zu erlebende Gnade, sondern als Normativ einer Gesellschaft, die sich zum Glück nicht mehr um das tägliche Brot bücken muss. Aus dem selben Grund verbietet sich auch Besserwisserei gegenüber anderen Glaubens-, Denk- und Wirtschaftsmodellen. Toleranz erscheint als ein Luxusgut, aber auch als eine Wohlstandspflicht. Nicht nur muss Vergebung an die Stelle von Strafe, Verfolgung und Verbannung treten, sondern es muss das Recht auf Suchen die Pflicht zum Finden ersetzen. Dieses Recht auf Suchen schließt den Irrtum ein, das Verzeihen, das gemeinsame Überwinden tatsächlicher Irrtümer, aber auch eine bedeutend größere Toleranz gegenüber der Diskontinuität. Auch das ist keine ferne Botschaft, sondern überwiegend schon gelebte Wirklichkeit. Jedoch sehen wir gerade auf beiden Seiten unserer Welt Rückfälle in das alte Denken von richtig und falsch. Es geht nicht darum, was man gegen Pegida tun kann, zum Beispiel, ihnen das Licht ausschalten, sondern wie wir sie wieder zurückholen können aus ihrem Wahn des Rechthabens. So wie der Mensch nicht allein ist und allein sein soll, so ist natürlich auch das Abendland nicht ohne sein Komplementär, das Morgenland, zu verstehen, die Alte Welt nicht ohne die Neue. An dem Gedanken der Antipoden ist eben das Anti schlecht gedacht, es war dumm zu glauben, dass sie auf dem Kopf stehen. Der Mensch ist auf Begegnung angelegt, nicht auf Ausschluss. Schwerer als die Pegidaleute zurückzuholen wird es allerdings, die verlorenen Söhne der Migranten zu finden, die verloren sind, weil sie sich doppelt überflüssig fühlen, wirtschaftlich und religiös.

3

Wenn man sich vorstellt, dass man ganz oben auf einem Kirchturm steht, während dieser in einem Barockgedicht als Metapher oder in einem Weltkrieg tatsächlich einstürzt, dann ist es gut möglich, dass im Heck des Kirchenschiffes ein totes Warum steht, wie in Celans Gedicht, das uns vom Sturz, von der Katastrophe, vom notwendigen Tod ablenken soll. Mit der Wissenschaft kam auch der Wahn der Wissenschaft: wenn vieles erklärbar wird, dann muss auch alles erklärbar sein. Die Aufklärer selbst hatten vor dem Warumwahn gewarnt. Schiller mahnte seine Studenten in seiner zurecht berühmten Antrittsvorlesung, zu bedenken, dass selbst die einfache Frage, warum sie alle damals am 26. Mai 1789, sechs Uhr nachmittags, in diesem Griesbachschen Hörsaal zusammenkamen, nur mit der gesamten Weltgeschichte würde zu beantworten sein. Das überflüssige Warum steht dem Vergeben und der Toleranz gegenüber. Dies ist keine Verherrlichung des Irrationalen, sondern nur die Feststellung, dass zwar theoretisch alles erklärbar ist, nicht aber praktisch, weil niemand, und schon gar nicht im Moment des Einsturzes, über die gesamte Weltgeschichte verfügt. Deshalb flüchten wir so gerne in die Evidenz auf der einen, ins Irrationale auf der anderen Seite. Der Wissenschaftswahn, also der falsche Glaube in die Allmacht der Wissenschaft, lenkt uns darüberhinaus von Erklärungs- und Lebenshilfsmodellen ab, die sowohl evident als auch Tatsache sind: die Parabel vom verlorenen Sohn, die den Neid der bodenständigen Söhne hervorruft, oder die Parabel vom toten, weil überflüssigen Warum auf dem Kahn, der die Trümmer unserer Welt und unseres Weltbildes transportiert. In Celans Paradigma ist manchmal nur schwer der blaue Himmel zu sehen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn wird von den Brotgelehrten auch heute noch gerne missverstanden, aber der grenzenlose Optimismus von Schiller darf in einer eher narrativen und plakativen Welt nicht verloren gehen.

Wir alle brauchen diesen Optimismus, aber wir brauchen auch die Söhne und Töchter, die aufbrechen, um die Welt neu zu sehen und neu zu beleben, wir brauchen die Toleranz und das Vergeben als Grundpfeiler unseres Zusammenlebens.

 

Gleichnis vom verlorenen Sohn, Neues Testament,  Lukasevangelium 15, 11-32,

Paul Celan ‚Schuttkahn‘, Gesammelte Werke, suhrkamp taschenbuch, Bd. 1, S. 173

Prof. Dr. Dr. Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, Jena 1789

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ES KANN NUR GUT WERDEN IN DER WELT DURCH DIE GUTEN

Nr. 161

Manifest der Mutmacher

Die etwas verquere Grammatik passt zu ihr, die man sich verspielt vorstellen muss und sexy, aber doch auch ernst. In den schönsten Lichtblicken ihres wirklich exzellenten Lebens sagte oder schrieb  sie wunderbare Sätze. Sie liebte Schiller und wollte ihn nach Berlin holen, sie verehrte Pestalozzi   und gründete einen Kindergarten in ihrem Fluchtort Tilsit, sie sprach tagelang mit Kanzler Hardenberg über Politik, ihr Lieblingsdichter war Kleist aus der Familie der Generäle, und sie traf Napoleon, um    ihn, angeblich, um bessere Bedingungen für ihr Volk zu bitten. Als sie siebzehn war, griff sie im Lotto des Lebens einen Volltreffer, sie bekam einen guten, wenn auch etwas verschlossenen Mann, den preußischen Kronprinzen, ihre Lieblingsschwester dessen Lieblingsbruder. Nach einer wunderbaren Liebe mit zehn Kindern, von denen zwei Könige und zwei Kaiser wurden, starb sie mit 34 Jahren in Hohenzieritz im Sommerschloss ihres Vaters, des Großherzogs von Mecklenburg, und in den Armen und im Angesicht ihres Mannes, des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., und ihrer Söhne Friedrich Wilhelm, des späteren IV., und Wilhelm, des späteren I.

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Es ist die alte Frage, ob es böse Menschen und das Böse in physischer Gestalt gibt. Die Kunst führt uns die Bösewichter vor: Franz Moor aus Schillers ‚Räubern‘ oder Jago aus Shakespeares ‚Othello‘, die Schurken, die Ungeheuer, die deformierten kaputten Seelen, jeder glaubt einen zu kennen. Seit altersher gibt es auch die Vorstellung vom Sündenbock, der die Last des Unglücks zu tragen hat, paarig und komplementär dazu das unschuldige Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegträgt. Das zeigt doch nur, wie eng wir einst mit den Schafen gelebt haben, obwohl sie nicht die ersten Tiere waren, die wir uns dienstbar gemacht, ohne unser Verhältnis insgesamt verbessert oder auch nur geregelt zu haben. Der Wolf, der ein Schaf frisst, soll böser sein als Eichmann oder soll Eichmann berechtigter böse sein als der böse Wolf? Der Wolf ist also nur eine Projektion des Bösen.

Auch die Strafe ist eine Projektion des Bösen. Der Gedanke von der spiegelnden Kraft der Rache und von der Herstellung der Gerechtigkeit durch die angeblich einfache Beseitigung des physisch vorgestellten Bösen ist in uns Menschen tief verankert, vielleicht durch das Leben in der Steinzeitherde, vielleicht durch das Leben als kleines hilfloses Schaf in den Armen unserer armen Eltern, und je nach Bildung und Herkunft drängt es immer wieder zur Ausführung.

Das ist die eine Seite: das Böse scheint zu existieren und Rache und Strafe würden dann Sinn machen.

Die andere Seite aber ist: dass die Welt sich gebessert hat seit Abrahams/Ibrahims Tagen oder seit dem Zeitalter der Kreuzigungen und Pfählungen und seit dem dreißigjährigen Krieg, das sieht selbst der Kurzsichtigste. Zwar gibt es noch Länder, in denen selbst ernannte Richter überlegen, wieviele Menschen in dieser Woche zu erschießen sind oder ob der Delinquent erst enthauptet und dann gekreuzigt wird, aber das sind die absoluten Ausnahmen. Die meisten Länder der Welt haben auf diese wahrhaft vorsintflutliche Art der Rache und Strafe längst und mit großem Erfolg verzichtet. Der Hunger ist auf weniger als ein Siebtel der Menschen zurückgedrängt, die meisten bösen Krankheiten sind besiegt, es gibt keinen Krieg mehr. Bürgerkriege wird es noch solange geben, wie die Demokratie einer Minderheit von Menschen als Schwäche erscheint. Um sich die Winzigkeit dieser Minderheit vorstellen zu können, muss man die Zahl der Pegidademonstranten, 15.000, zu allen Dresdenern, 500.000, und zur deutschen Gesamtbevölkerung, 80.000.000, ins Verhältnis setzen, sowie die Zahl der Menschen, die in Diktaturen involviert sind, vielleicht ein bis zwei Millionen, zur Weltbevölkerung, nämlich sieben Milliarden, also 2.000.000:7.000.000.000. Das Böse ist also deutlich zurückgedrängt, selbst wenn man den Hunger, den Krieg und die Flucht dazurechnet.

Warum werden dann aber immer noch die Menschen, die sich im großen oder im kleinen um das Gute bemühen, denunziert, lächerlich gemacht? Als einen gewissen Gipfel dieser merkwürdigen Entwicklung kann man die Aufnahme des Wortes Gutmenschen in den Kanon der Pejorative ansehen. Die das tun, sehen sich als Realisten. Aber weder Jesus noch Michelangelo noch Turing waren Realisten. Im Alltag braucht man einen gewissen Realitätssinn, aber selbst der wird am Abend zugunsten des Zaubers oder des Gifts abgeschaltet. Aber der Weg aus der Höhle und dem Hunger wurde gewiss nicht von Realisten angeführt.

Vielmehr ist das Böse offensichtlich nicht physisch vorhanden. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit die Summe aller falschen Entscheidungen sowohl eines einzelnen Menschen als auch aller Menschen in der Geschichte. Das ist sicher ein riesengroßer Berg böser Taten, Gedanken und Wünsche, aber er ist umgeben von den wunderschönen Tälern des Fortschritts und der Barmherzigkeit. In der modernen Barmherzigkeit, dem Sozialstaat, haben sich sogar Aufklärung, also Verstand, und Romantik, also Schwärmerei, vereinigt: obwohl Wucher und Waffenexport fortexistieren, gibt es schon große weltumspannende hunger- und fast sorgenfreie Zonen.

Andererseits gibt es keinen Sinn des Lebens, der sich auf einen einzelnen Menschen selbst bezöge. Alle Religionen und Philosophien, alle denkenden Menschen sind sich ziemlich sicher und einig: das Leben bezieht sich immer auf andere. Das gilt für die Herkunft, man schleppt seine Eltern und Voreltern mit sich herum, ob man es will oder nicht, selbst dann, wenn man sich gelöst und alle Tradition verflucht und verworfen hat. Erst besitzen uns die Eltern, dann sind wir von ihnen besessen. Das gilt für die Zukunft: was du auch tust, es gilt immer auch anderen. Deine Schulden bezahlen andere, deinen Gewinn können sich deine Kinder untereinander aufteilen.

Deshalb bringt es nichts, jemanden, was immer er auch vorhat, zu entmutigen. Erörtern darf niemals entmutigen heißen. Seit wir Mut nicht mehr in einem kämpferischen oder gar kriegerischen Sinne verstehen müssen, können wir ihn ganz heiter als eine vorwärtsgewandte Zuversicht sehen. Über die Wege eines Menschen kann sich wie Nebel und Schnee die Decke der Vorurteile und bösen Erinnerungen legen. Aber am Wegrand kann und wird immer auch ein freundlicher Mensch auftauchen. Wir müssen nur offen genug für ihn sein.

Wer also einen anderen Menschen als Gutmensch zu beschimpfen und sich dabei als einen Realisten glaubt, weiß nicht, wie recht er hat und tut: denn der Gutmensch ohne Anführungszeichen (auch so eine Unsitte) wird sich durch dieses Gerede aus der dunklen Vergangenheit ermutigt fühlen*, weiß er doch, dass der nächste, den er sehen wird, der Nächste sein kann oder wird, den er liebt und der ihn liebt. Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.

* The robbed that smiles steals something from the thief. Shakespeare, Othello I,3

DREISSIG VARIATIONEN ÜBER ‚EL PUEBLO UNIDO‘

Nr. 160

1

Niemand möchte Episode sein, aber jeder ist es. Aber Episodesein heißt auch, für jemanden irgendwann und irgendwo das Lebensgefühl gewesen zu sein.

2

Du kannst das Volk nicht einen. Was soll das überhaupt heißen, das Volk. Die Unterschiede in einem Volk sind größer als die Unterschiede zwischen den Völkern. In jedem Volk gibt es den Tyrannen und den Märtyrer, die Täter, die Opfer, die Armen, die Reichen, die Vergessenen, die Geeigneten, die Enteigneten, die Dichter und die Richter.

3

Die Demokratie und der Sozialstaat kommen vielen Menschen wie ein zu leichter Mantel im tiefen Winter vor: sie frieren schon in Erwartung des Frosts. Und so wenig die Familie perfekt ist, so wenig sind es auch der Sozialstaat und die Demokratie.

4

Überhaupt ist es eine Fehlentwicklung, alle Arbeit an Maschinen und alle menschlichen Leistungen an den Sozialstaat zu delegieren. Es entsteht dadurch das Gefühl der Leere und der Isolation, wogegen die Menschen in der Diktatur sich aufgehoben und gemeint fühlen. Die Demokratie meint dich nicht, sie redet von Menschheit, wo du Angst oder sogar Hunger hast.

5

Die Demokratie verspricht dir, dass alle Menschen Brüder werden – auch eine Liedzeile -, aber die Diktatur weiß, wer schuld an deinem Elend ist.

6

Fitness und Demokratie sind schon eine gute Verbindung, perfekt kann die Zukunft nur werden, wenn dazu der Sinn, der Inhalt, die Bildung und das Buch tritt.

7

Bildung ist keine Faktensammlung, sondern Navigation, der Mut und die zunehmende Fähigkeit, Wege, Dinge und Lösungen auszuprobieren.

8

Das Vehikel der Freiheit, das Automobil, erhöht in Wirklichkeit unsere Abhängigkeit, statt sie zu vermindern. Das Ideal des neuen Menschen ist also nicht der Besitzer eines noch schnelleren, noch schöneren, noch größeren Automobils, sondern der fitte und wandernde Leser.

9

Den Menschen zu erklären, dass sie unbesiegbar seien, wenn sie vereint wären, ignoriert nicht nur die Unvereinbarkeit des Unvereinbaren, sondern setzt ein falsches Ideal, das auch noch durch eine falsche Methode erreicht werden soll.

10

Wenn der Kampf zur Methode erklärt wird, kann es nur Verlierer geben. Das falsche Ideal ist das Maximum an Konsum, Freiheit, Autarkie. Mit dem Weg dahin werden alle Opfer gerechtfertigt. Dagegen setzen Feindesliebe, Demokratie und Sozialstaat auf Opfervermeidung.

11

Niemand ist unbesiegbar, außer wer nicht kämpft, aber verlieren kann der auch.

12

Wo Völker oder überhaupt große Menschengruppen sich unter einer Idee vereinen, spalten sie sich. Sie lernen nicht Navigation, sondern Folgerichtigkeit. Sie glauben sich im Besitz der Wahrheit, nicht der Liebe.

13

Mord, Totschlag, Krieg und Revolution finden ihre Begründung sowohl in Neid und Gier als auch im falschen Glauben, im Besitz einer Wahrheit zu sein.

14

Die Schönheit und Strahlkraft eines gesungenen Verses sagt nichts über seine Adäquatheit aus. Das gilt für ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘ genauso wie für ‚El pueblo unido‘. Ein geeintes Volk gibt es nicht und kein Volk sollte Gewalt anwenden. Gott ist eine Gedanke, ein Gefühl, eine Navigation und keine Burg, keine Verteidigung, überhaupt keine Begründung der Gewalt. Beides sind wirkmächtige Metaphern, aber keine Wirklichkeit und auch kein adäquates Abbild der Wirklichkeit.

15

Wer darauf vertraut, dass Gott ihn führt, kann doch nur darauf vertrauen, einen Weg zu finden. Wenn Gott in den Menschen ist, so ist es kein Unterschied, von Gott oder einem Geschwister geführt zu werden, der sich genauso unserer Führung anvertraut.

16

Das ist der einzige Ausweg aus dem Episodesein, zu dem wir verurteilt sind, wenn wir Dingen und Gedanken folgen, die für richtig oder wichtig erklärt wurden.

17

So wie wir unsere Familie gleichzeitig verlassen müssen und in ihr bleiben, müssen wir auch Dinge und Gedanken gleichzeitig fortsetzen und überwinden.

18

Es geht gar nicht um Völker. Völker sind nur sehr zeitweilige Zusammenfindungen von Menschen. Viel wichtiger als Völker sind verschwistert sein und verschwägert sein. Völker existieren nur, bis sie wandern. Der eigentliche Zustand der Menschheit ist die Völkerwanderung.

19

Aber auch das individuelle Leben ist mit der Wandermetapher gut beschrieben, und für diesen Lebensweg brauchen wir Orientierung.

20

Der Orientierung dienen aber nur die Koordinaten, nicht die tatsächlichen Wege und Ziele anderer Menschen, Menschengruppen und Völker.

21

In einer größeren heterogenen Gruppe finden sich zuerst Geschlechter, dann Religionen, dann Sprachen, dann Alter, und dann erst nationale und rationale Kleingruppen.

22

Wege sind immer Variationen von Zielen. Ziele sind zeitweilige Festschreibungen von Wegen. Dazwischen sind die Wegweiser, die sich gegenseitig zitieren und variieren.

23

Wenn der Weg das Ziel wäre, gäbe es kein Ende. Ende ist aber die schmerzlichste und fundamentalste Erfahrung. Nur die Kopie und das Universum sind unendlich.

24

Niemand und nichts ist unbesiegbar, genauso wie niemand und nichts immer siegen kann und soll. Sieg und Niederlage sind die falschen Kategorien.

25

Dagegen gibt es für Scheitern in allen Religionen und Philosophien Entsprechungen. Irren und Scheitern sind die Schatten und Echos des Seins.

26

Musik ist deshalb so elementar. weil sie ein Ausschnitt aus der allmächtigen Resonanz ist. Musik ist die Resonanz des Lebens.

27

Resonanz ist Transzendenz, das Höhere, das Gefühl der Gemeinsamkeit, die Gemeinsamkeit selbst, das zum Axiom gewordene Menschsein, wenn es gleichzeitig Geschwisterlichkeit ist, das kategorische Narrativ.

28

Es ist nicht entscheidbar, ob das menschliche Leben Verwirklichung von Narrativen ist oder ob die Narrative Beschreibung von Leben sind und kraft Masse und Multiplikation zur Orientierung werden. Das ist nur mit Wechselwirkung, also Resonanz, zu verstehen und zu erfühlen.

29

Vertrauen, Navigation und Orientierung entstehen nur durch Resonanz.

30

Deshalb kann man durch Lieder und andere Narrative genauso tief getäuscht wie orientiert werden.

Angeregt wurde dieser Text durch ‚THE PEOPLE UNITED WILL NEVER BE DEFEATED. 36 VARIATIONS ON іIL PUEBLO UNIDO JAMÁS SERÁ VENCIDO!‘ von Frederic Rzewski (*1938), die dieses gleichzeitig triviale wie wirkungsvolle Lied musikalisch seziert und in seine Anatomie freigelegt und damit ein neues Kunstwerk geschaffen haben, ohne vielleicht auf den schwachen, deklamatorischen, ideologischen und propagandistischen Inhalt eingehen zu können. Das Lied war eine kurze Zeit, also episodisch, Hymne linken Weltverbesserungswahns.  

MUSTERBILD AN TREUE UND/ODER LIEBE

Nr. 159

 

Als ich Kind war, war er schon ein alter Mann und hatte das seltsamst beständige Leben hinter sich:  er hat viele, viele Jahrzehnte in der gleichen Wohnung verbracht, obwohl sich alles um ihn herum veränderte. Die Straße änderte ihren Namen. Der Staat verkam, der die Straßen benannte. Er war ein mittlerer Beamter bei der Deutschen Reichsbahn, aber sein Beruf interessierte ihn nicht weiter, als dass er ihm das Geld brachte, das er zum Unterhalt seiner wahrlich großen Wohnung benötigte. Er lebte allein in fünf riesigen Zimmern. Als ich Kind war, war ich besonders fasziniert vom Hintereingang in der Küche mit eigenem Treppenhaus für die Dienstboten, wenn es auch schon keine Dienstboten mehr gab. An seinem großen Schreibtisch im Herrenzimmer saß er und blätterte in wirklich wertvollen Zeitschriften, wir würden heute eher Magazine dazu sagen. Er war ein Bildungsbürger, dem es an wirklicher Bildung fehlte. Er hatte kein Abitur, und darunter litt er auch ein Leben lang. Das Abitur war in seiner Jugend ein elitärer Freifahrtschein, ohne den er sich ausgeschlossen fühlte. Er lebte in seiner Bilder- und Artikelwelt, deren Fremdwörter und komplizierte Gedanken er mit Bleistift am Rand übersetzte. Das war die Welt der Lebensreformer, der Gesundheitsapostel, der Vegetarier und der Arier. Hitler, erklärte er mir immer wieder, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn er war Vegetarier. Vegetarier erkennen das Leid der Tiere, sie gestehen den Tieren als Kreaturen die gleichen Empfindungen zu wie uns Menschen. Wer die Tränen der Tiere trocknet, so der Onkel, kann nicht wirklich böse sein. Etwas anderes ist es, was aus einer guten Idee gemacht wird. Sobald diese Idee in der Hierarchie des Volkes nach unten fällt, wird sie wieder roh wie alles, was dort unten gedacht und gemacht wird. Sieh dir die rohen Menschen an, welche Papier auf die Straße werfen, ihren Rotz auf das Pflaster schnäuzen oder sogar Wände bemalen. Voller Verachtung zeigte er mir den Abfall des rohen Volkes. Dann gingen wir in den Stadtpark und er schwärmte vom Fürsten, der gleichzeitig ein Landschaftsarchitekt und Schöngeist war, ein Weltreisender und Goethefreund, der sich sogar eine schwarze Frau aus fernen Ländern in Afrika mitgebracht hatte. Aber, so sagte Onkel Robert, das Schwarze kann hier nicht leben, zu fremd und zu entartet ist es. Sie hat sich dann deswegen das Leben genommen. Mit diesen Gedanken und Gefühlen gingen wir durch die vom Krieg zerstörte Stadt, und Onkel Robert erklärte mir nicht, wie die Stadt heute ist, sondern wie ideal und schön sie früher war. Das schöne Kino Weltspiegel war nur eine, das Staatstheater drei Querstraßen entfernt. Ich war noch sehr klein, aber durch ihn wusste ich schon, was Jugendstil ist, der Stil, in dem er immer noch zeichnete.  Erst spät hatte er die passende Frau für seine große Wohnung gefunden. Sie spielte Gitarre und war selbstverständlich auch Vegetarierin. Sie arbeitete bei der Post, aber ihr Beruf interessierte sie nicht sehr.

 

Als iCIMG4607ch Kind war, waren Berufe für mich überhaupt nicht wichtig. Die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, nannten Beruf Pflichterfüllung. Das war wohl nichts Lästiges, aber Enthusiastisches schon gar nicht. Nach dem Krieg kamen zwei Schwestern der angeheirateten Großtante aus Schlesien, auch sie waren bei der Post und teilten sich ein Zimmer der großen Wohnung. Ein weiteres Zimmer war an zwei nicht näher bezeichnete Damen untervermietet, sie wurden immer nur ‚die Damen‘ genannt, auf die man Rücksicht zu nehmen hatte. Wenn ich zu Besuch war, wurden im Wohnzimmer zwei schwere Sessel zusammengeschoben, auf denen ich schlief.

Ich habe später das Archiv von Onkel Robert geerbt, all die schönen historischen Jugendstilmagazine, in denen die vegetarische, nudistische, lebensreformerische, auch arische Lebensweise hergeleitet und heruntergebetet wurde. Er war also Nazi gewesen. Wenn er mit mir durch seine Heimatstadt ging, war er den neuen Machthabern, selbst den Russen gegenüber nicht unfreundlich. Er war ein Opportunist gewesen und hat alle Systeme und Frauen seiner Umgebung überlebt. Zum Schluss saß er mit tränenden, immer entzündeten Augen an seinem mächtigen Schreibtisch und zählte homöopathische Kügelchen und dachte an Rudolf Steiner, den er auch verehrt hatte.

Seine biografische Mission hatte aber darin bestanden, jedem in unserer Familie, dessen Lebenszeit sich mit der seinen überschnitt und solange sie sich überschnitt, akribisch und mit der Präzision eines astronomischen Kalenders die liebevollsten Geburtstagsgrüße zukommen zu lassen. Dabei hatte er sich im Laufe der vielen Jahrzehnte seines segensreichen Wirkens einen Stil angeeignet, der gleichzeitig gehoben bis schwülstig und launig bis heiter war. Er bestand aus vorgefertigten Textbausteinen derart, dass der Jubilar ‚im Kreise seiner Lieben‘, das war gleichzeitig ein Zitat, die schönen Stunden genießen solle, ohne den Ernst des Lebens zu vergessen. Noch viele Jahre sollten ihm, dem Jubilar, beschieden sein und er, andererseits,  solle für seine Lieben das bleiben, was er auch schon bisher war. Er schrieb so, als würde er sich selbst zitieren. Es klang immer gekünstelt, aber in der Familie galt das als Begabung. Zu so genannten runden Geburtstagen schrieb er, allerdings nur für sehr nahe Verwandte, lange gereimte Biografien. Er zeichnete dazu passend die Lebensstationen. Auf Familientreffen, später, stellen wir alle immer wieder fest, wie sehr uns diese Treue und Präzision gefallen hatte, wie sehr sie uns geprägt hat. Jeder von uns fühlte sich gemeint. Jeder dachte, nur er würde mit dieser Liebe der Geburtstagsbriefe, Gedichte und Zeichnungen bedacht worden sein. Kein Jahr verging, in dem nicht pünktlich zum Geburtstag jener eigenartig gestanzte, aber doch wieder Liebe und Wärme ausstrahlende Text, mit breiter Feder geschrieben, mit einer durchaus eigenständigen, keineswegs genormten Schrift, eintraf. Er hatte Memoiren geschrieben, die nur wenige Seiten umfassten und fast nichts sagten, er hatte unter seiner Mittelmäßigkeit gelitten. Aber er hat in uns allen ein Lebenswerk hinterlassen, das uns zeigte, wie man für andere Menschen, auf andere Menschen hin leben kann. Natürlich würden wir, bei genauerer Betrachtung, das Formale seiner Treue eher kritisieren. Wir kritisieren schon den Begriff der Treue als einer äußeren sekundären Eigenschaft, der der Inhalt fehlt. Und trotzdem, statt über die so genannte Schnelllebigkeit zu jammern, über die Unverbindlichkeit der Konsumära, über die Herrschaft des Geldes und der viel zu vielen Dinge, über die Inflationen der Unflätigkeiten, sollten wir uns lieber einen kleinen Vorrat an Geburtstagspostkarten zulegen, und jedem, den wir mögen, in jedem Jahr, das wir gemeinsam erleben dürfen, eine davon schicken.

in memoriam Robert Wendt *18.8.1888 – 3.6.1981

In diesem Jahr habe ich einige Geburtstage übersehen, das hier ist der Versuch der Entschuldigung.

HAVELBERG ODER IST DER ANDERE UNS ZWECK ODER SINN

Nr. 158

Havelberg ist so als würde Gustavo Dudamel in Caracas Beethovens Neunte dirigieren. Beides sind Summen, Produkte und Potenzen unendlicher Glieder und Vernetzungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als unmöglich galten. Damals wurden Havelberg als Obsieg des Deutsch- und Christentums und Beethoven als Schluss- und Höhepunkt weißer eurozentrischer Kultur gefeiert. Hinterher erscheint es uns eher unmöglich, dass man andere Sichten für so unmöglich hielt.

Der spätromanische Dom thront immer noch über der Havelinsel und man kann besonders aus der einundachtzig Meter hohen Aussichtsplattform gut die strategische Lage vor tausend Jahren begutachten: wer Insel und Berg besaß, war unschlagbar. Vor diesem Hintergrund erscheinen die kleinen Fenster im mächtigen Westwerk des Doms als Schießscharten.  Aber vielleicht sind das Westwerk und die Überdimensioniertheit nur Ausdruck des neuen Reichtums, des Triumphes der Nächstenliebe über die Götter der Angst und der Rache? Im so genannten Wendenkreuzzug von 1147 ging es jedenfalls mehr um Macht als um Glauben, und Anselm von Havelberg, obwohl er an diesem militärischen, barbarischen und obskuren Akt teilnahm, schrieb später ein berühmtes Buch mit dem Titel DIALOGE, allerdings war er da schon Botschafter im byzantinischen Konstantinopel.

Die heutigen Auseinandersetzungen zeigen deutlich, wie der damalige Streit ausgesehen haben könnte, die damaligen Dispute und Kämpfe vermitteln uns ein Bild dessen, wie die heutigen Diskussionen geführt werden und ausgehen können.  Es gibt immer die besonders ängstlichen und beharrenden Traditionalisten, die jeden Quadratzentimeter dem Alten erhalten wollen. Nichts darf sich ändern an der Väter und Urväter Weise. Die Werte von gestern sollen auch morgen noch gelten. Der Veränderung wird kein Fenster geöffnet. Dagegen sind die Neuerer, die Innovatoren, die Reisenden, die Jungen, die Lerner und die Anarchisten. Sie haben eine Vision. Vom Altmeister allen Besserwissens stammt der schöne Satz: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Dazwischen stehen die Realisten, jene, die sich nicht entscheiden können. Opportunistisch gesehen sind sie Konservative, aber andererseits sagt ihnen ihre Bildung, dass sich das Rad der Geschichte, das schöne Bild von Schiller, wohl kaum rückwärts dreht. In der Volkswagenführung und in der Flüchtlingsdebatte begegnen uns die gleichen Konfigurationen: geht es um Umweltschutz oder um die Leistungsfähigkeit der Automobile, haben wir das Automobil (als Metapher für Freiheit) erfunden, damit es alle benutzen können?  In München toben die Traditionalisten, aber in Wittstock wird es auf dem Markt wieder bunter. Jedoch ist in Wittstock die Ablehnung des Neuen auch größer als in München, denn München ist zwar die Hauptstadt des Konservatismus, aber andererseits Großstadt mit urbanem Großgeist und eben der Weltoffenheit, die durch das Zusammentreffen vieler Kulturen entsteht.

Das Christentum, dessen Symbol der Havelberger Dom sein mag, brachte indessen nicht nur vordergründige Erlösungsstrategien. Die hatten andere Religionen auch. Vielmehr wurde reines Zweck- und Nutzendenken (später Teleologie und Utilitarismus genannt) durch einen höheren Sinn ersetzt. Du bist, war die neue Lehre, eben nicht dazu da, Feinde zu bekämpfen, Kinder zu zeugen und ein Moor trockenzulegen. Wenn du deine Feinde liebst, statt sie zu bekämpfen, wenn du deine Kinder liebst, statt sie nur in die Welt zu setzen, wenn du ein Moor gleichzeitig trockenlegst, um den Hunger zu bekämpfen, und feucht erhältst, um auch künftigen Generationen und Völkern das Leben zu ermöglichen, dann wirst du die Welt verbessern, nicht nur deine Heimat, dann wird die Welt deine Heimat, dann brauchst du den Begriff der Heimat gar nicht mehr, dann musst du vor dem Neuen, sei es ein Flüchtling oder ein Automobil, keine Angst mehr haben.

Wenn du deine Feinde liebst, hast du keine mehr. Wenn du deine Grenzen öffnest, musst du sie nicht mehr verteidigen. Wenn du dein Herz öffnest, kannst du sterben, verschließt du es, wirst du sterben. Wer die Augen schließt, um sich seiner Grundsätze zu versichern, sieht nichts mehr.

Vertrauen ist ein Paradox: du musst glauben, was du noch nicht weißt. In den Fortschritt kann man nur stolpern, niemand weiß, was sich hinter der soeben aufgestoßenen Tür befindet. Aber du musst sie aufstoßen, weil du und wenn du frische Luft benötigst. An Prinzipien dagegen kann man leicht ersticken. Die Frage lautet eben nicht, was habe ich davon, wenn ein neuer Mensch zu mir kommt. Fortschritt und Kultur ist immer die Reibung zwischen den bestehenden Systemen und Visionen. Es gäbe nicht nur kein Smartphone, sondern im Gegenteil: ein Großteil der heutigen Smartphone-Benutzer würde Hungers sterben, wenn wir nicht immer wieder offen gewesen wären und nicht die Fragen nach Zweck und Nutzen gestellt hätten. Dadurch dass manchmal Zweck und Sinn zusammenfallen, darf man nicht schlussfolgern, dass sie auch identisch wären. Die zweite falsche Schlussfolgerung wäre die Forderung nach Askese, so gut uns Askese tun kann, das Gegenteil von Nutzendenken ist vielmehr Bildung und Kultur. Es gibt keine bessere Beförderung der Konjunktur als Kultur: der kleinste Hartzvierempfänger hat den größten Bildschirm. Hartzvier ist also nicht nur Geldtransfer, sondern auch Kulturweitergabe. Besser ist natürlich eine gediegene und aktive Bildung, mit der man überall bessere Chancen auf Lebensunterhalt, einschließlich etwa notwendiger Flucht, hat.

Wenn man also durch jenen Teil Deutschlands zur BUGA fährt, der einst mit dem obskuren Wendenkreuzzug ins Licht der geschriebenen Geschichte trat, so passiert man Westwerke von Kirchen, die dem Mindener und Havelberger Dom nachempfunden sind. Sie sind, wie alle Kultur, Verschwendung im schönsten Sinne. Aber sie sind nicht, wenn auch der Zeitgeist es uns immer wieder einreden will, Zeugnis zerstörerischen Militärungeists. Luthers Leistung war die Bibelübersetzung, nicht die Kirchenspaltung und die Zementierung des Zeitgeists. Auf diesen Plätzen vor den gotischen Kirchen und ratlosen Rathäusern entfaltet sich als fragiler Keim ein Leben, das schon fast vergessen war: das Gespräch um des Gesprächs willen, um die Nähe zu pflegen, warum sagen wir nicht: wegen der Nächstenliebe. Die das miteinander besprechen, haben einfach ihre Tradition mitgebracht und auf den Marktplatz von Wittstock gestellt. Da steht sie nun und kann  nicht anders. Und wir werden bald auch dort stehen oder sitzen und über das Wetter reden, statt nur in die Hände zu  spucken und das Bruttosozialprodukt zu steigern. Zwar ist das Bruttosozialprodukt von hoher Anziehungskraft, aber nichts geht über ein Gespräch vor gotischen Domen. In Havelberg übrigens, direkt vor dem spätromanischen und gleichzeitig frühgotischen Dom, in einem italienischen Restaurant, wurden wir, mein orientalischer Filter und Katalysator und ich, bedient von einem ägyptischen Kellner mit Heimweh und bemerkenswertem Anstand. Er lehnte das Trinkgeld ab, weil er uns eigentlich einladen müsste. Davon kann man lernen. Das ist Nutzen, Zweck und schöner Sinn zugleich.