DREISSIG VARIATIONEN ÜBER ‚EL PUEBLO UNIDO‘

Nr. 160

1

Niemand möchte Episode sein, aber jeder ist es. Aber Episodesein heißt auch, für jemanden irgendwann und irgendwo das Lebensgefühl gewesen zu sein.

2

Du kannst das Volk nicht einen. Was soll das überhaupt heißen, das Volk. Die Unterschiede in einem Volk sind größer als die Unterschiede zwischen den Völkern. In jedem Volk gibt es den Tyrannen und den Märtyrer, die Täter, die Opfer, die Armen, die Reichen, die Vergessenen, die Geeigneten, die Enteigneten, die Dichter und die Richter.

3

Die Demokratie und der Sozialstaat kommen vielen Menschen wie ein zu leichter Mantel im tiefen Winter vor: sie frieren schon in Erwartung des Frosts. Und so wenig die Familie perfekt ist, so wenig sind es auch der Sozialstaat und die Demokratie.

4

Überhaupt ist es eine Fehlentwicklung, alle Arbeit an Maschinen und alle menschlichen Leistungen an den Sozialstaat zu delegieren. Es entsteht dadurch das Gefühl der Leere und der Isolation, wogegen die Menschen in der Diktatur sich aufgehoben und gemeint fühlen. Die Demokratie meint dich nicht, sie redet von Menschheit, wo du Angst oder sogar Hunger hast.

5

Die Demokratie verspricht dir, dass alle Menschen Brüder werden – auch eine Liedzeile -, aber die Diktatur weiß, wer schuld an deinem Elend ist.

6

Fitness und Demokratie sind schon eine gute Verbindung, perfekt kann die Zukunft nur werden, wenn dazu der Sinn, der Inhalt, die Bildung und das Buch tritt.

7

Bildung ist keine Faktensammlung, sondern Navigation, der Mut und die zunehmende Fähigkeit, Wege, Dinge und Lösungen auszuprobieren.

8

Das Vehikel der Freiheit, das Automobil, erhöht in Wirklichkeit unsere Abhängigkeit, statt sie zu vermindern. Das Ideal des neuen Menschen ist also nicht der Besitzer eines noch schnelleren, noch schöneren, noch größeren Automobils, sondern der fitte und wandernde Leser.

9

Den Menschen zu erklären, dass sie unbesiegbar seien, wenn sie vereint wären, ignoriert nicht nur die Unvereinbarkeit des Unvereinbaren, sondern setzt ein falsches Ideal, das auch noch durch eine falsche Methode erreicht werden soll.

10

Wenn der Kampf zur Methode erklärt wird, kann es nur Verlierer geben. Das falsche Ideal ist das Maximum an Konsum, Freiheit, Autarkie. Mit dem Weg dahin werden alle Opfer gerechtfertigt. Dagegen setzen Feindesliebe, Demokratie und Sozialstaat auf Opfervermeidung.

11

Niemand ist unbesiegbar, außer wer nicht kämpft, aber verlieren kann der auch.

12

Wo Völker oder überhaupt große Menschengruppen sich unter einer Idee vereinen, spalten sie sich. Sie lernen nicht Navigation, sondern Folgerichtigkeit. Sie glauben sich im Besitz der Wahrheit, nicht der Liebe.

13

Mord, Totschlag, Krieg und Revolution finden ihre Begründung sowohl in Neid und Gier als auch im falschen Glauben, im Besitz einer Wahrheit zu sein.

14

Die Schönheit und Strahlkraft eines gesungenen Verses sagt nichts über seine Adäquatheit aus. Das gilt für ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘ genauso wie für ‚El pueblo unido‘. Ein geeintes Volk gibt es nicht und kein Volk sollte Gewalt anwenden. Gott ist eine Gedanke, ein Gefühl, eine Navigation und keine Burg, keine Verteidigung, überhaupt keine Begründung der Gewalt. Beides sind wirkmächtige Metaphern, aber keine Wirklichkeit und auch kein adäquates Abbild der Wirklichkeit.

15

Wer darauf vertraut, dass Gott ihn führt, kann doch nur darauf vertrauen, einen Weg zu finden. Wenn Gott in den Menschen ist, so ist es kein Unterschied, von Gott oder einem Geschwister geführt zu werden, der sich genauso unserer Führung anvertraut.

16

Das ist der einzige Ausweg aus dem Episodesein, zu dem wir verurteilt sind, wenn wir Dingen und Gedanken folgen, die für richtig oder wichtig erklärt wurden.

17

So wie wir unsere Familie gleichzeitig verlassen müssen und in ihr bleiben, müssen wir auch Dinge und Gedanken gleichzeitig fortsetzen und überwinden.

18

Es geht gar nicht um Völker. Völker sind nur sehr zeitweilige Zusammenfindungen von Menschen. Viel wichtiger als Völker sind verschwistert sein und verschwägert sein. Völker existieren nur, bis sie wandern. Der eigentliche Zustand der Menschheit ist die Völkerwanderung.

19

Aber auch das individuelle Leben ist mit der Wandermetapher gut beschrieben, und für diesen Lebensweg brauchen wir Orientierung.

20

Der Orientierung dienen aber nur die Koordinaten, nicht die tatsächlichen Wege und Ziele anderer Menschen, Menschengruppen und Völker.

21

In einer größeren heterogenen Gruppe finden sich zuerst Geschlechter, dann Religionen, dann Sprachen, dann Alter, und dann erst nationale und rationale Kleingruppen.

22

Wege sind immer Variationen von Zielen. Ziele sind zeitweilige Festschreibungen von Wegen. Dazwischen sind die Wegweiser, die sich gegenseitig zitieren und variieren.

23

Wenn der Weg das Ziel wäre, gäbe es kein Ende. Ende ist aber die schmerzlichste und fundamentalste Erfahrung. Nur die Kopie und das Universum sind unendlich.

24

Niemand und nichts ist unbesiegbar, genauso wie niemand und nichts immer siegen kann und soll. Sieg und Niederlage sind die falschen Kategorien.

25

Dagegen gibt es für Scheitern in allen Religionen und Philosophien Entsprechungen. Irren und Scheitern sind die Schatten und Echos des Seins.

26

Musik ist deshalb so elementar. weil sie ein Ausschnitt aus der allmächtigen Resonanz ist. Musik ist die Resonanz des Lebens.

27

Resonanz ist Transzendenz, das Höhere, das Gefühl der Gemeinsamkeit, die Gemeinsamkeit selbst, das zum Axiom gewordene Menschsein, wenn es gleichzeitig Geschwisterlichkeit ist, das kategorische Narrativ.

28

Es ist nicht entscheidbar, ob das menschliche Leben Verwirklichung von Narrativen ist oder ob die Narrative Beschreibung von Leben sind und kraft Masse und Multiplikation zur Orientierung werden. Das ist nur mit Wechselwirkung, also Resonanz, zu verstehen und zu erfühlen.

29

Vertrauen, Navigation und Orientierung entstehen nur durch Resonanz.

30

Deshalb kann man durch Lieder und andere Narrative genauso tief getäuscht wie orientiert werden.

Angeregt wurde dieser Text durch ‚THE PEOPLE UNITED WILL NEVER BE DEFEATED. 36 VARIATIONS ON іIL PUEBLO UNIDO JAMÁS SERÁ VENCIDO!‘ von Frederic Rzewski (*1938), die dieses gleichzeitig triviale wie wirkungsvolle Lied musikalisch seziert und in seine Anatomie freigelegt und damit ein neues Kunstwerk geschaffen haben, ohne vielleicht auf den schwachen, deklamatorischen, ideologischen und propagandistischen Inhalt eingehen zu können. Das Lied war eine kurze Zeit, also episodisch, Hymne linken Weltverbesserungswahns.  

Advertisements

2 Gedanken zu “DREISSIG VARIATIONEN ÜBER ‚EL PUEBLO UNIDO‘

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s