DIE KONSTRUKTION DES BÖSEN AUS LINKEM UND RECHTEM WAHN

Nr. 166

 

Es ist immer ein Wähnen, wenn man glaubt, Wahrheit, Lösung, Wissen gefunden zu haben. Trotz zunehmender Bildung ist der Wahn weiter verbreitet, dass es für alles kurzfristige, einfache und plausible Lösungen gibt, die von System, Systemverbrechern, alteingesessenen Fremden, von der Geldgier der anderen, überhaupt: von anderen verhindert werden.  Bücher haben Millionenauflagen, in denen geschrieben steht, dass Deutschland sich abschafft, wenn es so weiterlebt. Niemandem fällt auf, dass es diese Angst schon immer gibt. Vor dem ersten Weltkrieg waren fast alle Menschen in Deutschland, merkwürdigerweise auch sehr viele Intellektuelle, der Meinung, dass Deutschland verschwände, würde es sich nicht präventiv seiner Feinde erwehren. Aber selbst nach dem zweiten Weltkrieg, der so viele Menschen und Länder, darunter auch Deutschland, in den Orcus des Verderbens gerissen hatte, gab es Deutschland noch. Man sprach damals von Zusammenbruch und meinte den Hitlerwahn, der wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war, weil er aus nichts bestand und trotzdem leider nicht von heute auf morgen verschwand, und man bemerkte nicht, dass die Kinder in den Schulen schon wieder und immer noch Goethegedichte lasen und ‚Kein schöner Land‘ sangen.

In anderen Büchern, die sich ebenso gut verkaufen, steht, dass ein bestimmtes Ereignis im Jahre 1953 in Persien der Ausgangspunkt für die heutigen Auseinandersetzungen sei, an denen demzufolge die Amerikaner allein Schuld hätten. Als vorsichtige Argumente seien erwähnt: der Streit zwischen Schiiten und Sunniten dauert schon 1400 Jahre, der zwischen dynastischem und selektivem Prinzip, ob also ein Anführer genetisch oder nach seinen tatsächlichen Fähigkeiten bestimmt wird, währt schon hunderttausende von Jahren,  geht man noch einen Schritt zurück, so ist es die Auseinandersetzung zwischen Schwarmintelligenz und zeitweiliger Führerschaft (Aberglaube vom Alphatier). Das alles ändert sich ohnehin, wenn ein harter Winter kommt: Ein sehr harter Winter ist, wenn ein Wolf den andern frisst. Das heißt, Prinzipen überschneiden sich, Paradoxien sind weder leicht erkennbar noch plausibel, man folgt aus Gewohnheit oder aus Gruppensolidarität, weniger und seltener aus rationalen Gründen. Alleine über Gruppensolidarität lässt sich immer wieder nachsinnen: wir folgen den Gruppen gleicher Religion, gleicher Nation, aber zum Schluss folgen wir immer der Gruppe des gleichen Geschlechts, das sind mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen.

CIMG2481

SED-Kreisleitung in Strasburg 

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelten sich drei Grundgedanken, um die Gesellschaft, die, vielleicht entfernt vergleichbar mit den heutigen Erscheinungen, aus einem fragilen, allerdings auch glitschigen Zustand wieder herauszuführen. Die vom Land in die Stadt drängenden Elenden, die dort hofften, ihr Elend abschütteln zu können, sahen sich getäuscht, mussten nun auch unter traurigsten äußeren Verhältnissen schuften. Der Wohlstand, den diese Arbeitermassen erwirtschafteten, kam erst ihren Enkeln zugute. Man nannte das die soziale Frage. Der erste Grundgedanke war, die Verhältnisse umzustürzen, in denen solch ein Leid für so viele Menschen genauso produziert wurde, wie all die Lebensmittel und Gegenstände, die es vorher nicht gegeben hatte. Sowohl die Menge der Lebensmittel als auch die Menge der Gegenstände wuchsen exponentiell. Dass sie schneller wachsen würden als die Menge der Menschen, die nur in eine hohe Sterblichkeit und nach Amerika ausweichen konnten, war nicht absehbar. Der linke Mythos, dass der Umsturz der Verhältnisse die kurzfristige, einfache und plausible, wenn auch schmerzhafte Lösung sei, war geboren und wurde erprobt. Ihr Scheitern war ebenso schmerzhaft wie ihre Geburt, bedeutete aber nicht das Ende des Mythos. Er lebt fort in den Forderungen linker Parteien überall auf der Welt und in tödlichen Karikaturen linker Diktaturen und Diktatoren, wie zum Beispiel in Nordkorea. Dort hat sich auch das dynastische mit dem selektiven Prinzip verbunden. Es herrscht eine Art Baby Doc, der Enkel des Staatsgründers. Von allen Ideen, die links und plausibel gewesen sein mögen, sind nur der absurde Traum von Autarkie und ein ebenso absurder Militarismus geblieben. Unter Militarismus soll hier nicht nur die relativ zur Bevölkerung größte Armee der gegenwärtigen Welt verstanden werden, sondern auch die militaristisch-gleichförmige und totale Bewegung großer, wahrscheinlich sogar der meisten Bevölkerungsteile, die ganz sicher auch dem Nationalhymnenwahn erlegen sind, dass sie im besten aller Länder leben. Sie kennen allerdings nur ein Land, und das ist durch die Leere gekennzeichnet.

Barmherzigkeit ist dringend notwendig, aber auch nicht die Lösung großer sozialer Spannungen, wie sie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Europa auftraten. Wichern und Kolping, zwei religiös fundamentalistische, sozial aber revolutionäre Denker, haben den Adventskranz und den Wahn hervorgebracht, die Rückkehr zur frommen Idylle könnte die einfache, relativ kurzfristige und plausible Lösung sein. In dem Maß, wie sich Religion als soziale oder nationale Sprengkraft versteht, wird sie weiter scheitern. Sie scheitert, indem sie in der Säkularisierung untergeht, und sie scheitert, indem sie immer wieder bewaffnete Mörderbanden toleriert, um nicht zu sagen: billigt oder gar losschickt. Der Versuch ist sträflich und schändlich. Es gibt keinen Grund zum Töten.

Sobald der dritte Grundgedanke auch nur erwähnt wird, winken die Realisten beider Lager, des linken und des rechten, des Umsturzes und der Bewahrung, ab. Die Zunahme des Wohlstands muss von einer gleichen Zunahme an Bildung, Kultur und Moral begleitet werden. Die Lösung des Problems ist langfristig, komplex und nicht leicht, fast gar nicht einzusehen: sie besteht in der Produktion von Dingen und Gedanken, die sich schnell ausbreiten können und auch tatsächlich schnell verbreiten. Auch Gerechtigkeit unterliegt dem Gesetz der großen Zahl und ist nur asymptotisch zu haben.

Im Theater dagegen sind hin und wieder die alten Mythen zu sehen. Während Ovid sein altes Ehepaar durch die Götter belobigen lässt, sie dürfen zusammen sterben und leben als Bäume vor ihrem Haus weiter, schauderte es Goethe und vor allem Brecht vor soviel Gutem. Goethe lässt am Ende von Faust II Philemon und Baucis, jenes alte Ehepaar, durch Mephisto umbringen, der den Geist des blinden Aktionismus gepaart mit Skrupellosigkeit verkörpert. Brecht lässt seine Shen Te, seinen guten Menschen von Sezuan, auflaufen, scheitern und hinter der Maske des kalten und bösen Kapitalisten verbergen. Das Böse maskiert sich immer mit dem Guten, das Gute hingegen ist immer nackt. Das Böse scheitert immer so wie Macbeth und Hitler gescheitert sind: in Schande, Verachtung und Ekel. Das Gute triumphiert immer, und sei es am Kreuz oder Galgen.

Es ist genau umgekehrt: der Kapitalismus erzeugt jenen Wohlstand, der für Demokratie und Wohlfahrt Voraussetzung und Rückhalt ist.

Es ist genau umgekehrt: das Scheitern des guten Menschen in widrigen Verhältnissen ist die Zeugung des Keims besserer Verhältnisse in den Herzen vieler Menschen und dann später in der Wirklichkeit.

 

[Das Titelbild zeigt die Kleiderbörse für Arme im ehemaligen französischen Pfarrhaus in Strasburg in der Uckermark.]

Advertisements

MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST

Nr. 165

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte vom Turmbau zu Babel ziemlich genau beschreibt, wie es wirklich war, nimmt mit fortschreitender Globalisierung zu. Wir kommen aus Ostafrika und je weiter wir uns von der Urheimat entfernten, desto mehr diversifizierten sich unsere Sprachen, bis zur Unkenntlichkeit. Solange unsere Vorfahren kaum aus ihrem Dorf, geschweige denn aus ihrem Land herauskamen, gingen sie von der fundamentalen Verschiedenheit der Menschen aus. Obwohl es Reiseberichte gab, die Versöhnliches berichteten, hörte man lieber – und das ist bis heute so geblieben – auf die Schreckensmeldungen. Über Kannibalenwitze mag man lachen oder nicht, der Kinderraub der Zigeuner wird ernsthaft in der Berliner U-Bahn kolportiert. Auch in dem Slogan ‚Kindermörder Israel‘, der während der letzten offenen Kämpfe im Nahostkonflikt auf Berliner Demonstrationen zu hören war, stecken uralte antisemitische Vorurteile, Ängste und Gewaltrechtfertigungen.

Seit zehn Jahren sagen die Demografen voraus, dass sich hunderttausende Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen werden. Während die Politiker von schroff ablehnend (ZÄUNE BAUEN LEITKULTUR) bis krass humanistisch (WIR SCHAFFEN DAS) reagierten, sind die Bevölkerungen in einer überwältigenden Mehrheit offen freundlich, hilfsbereit, neugierig und spendenbereit. Allerdings haben die Flüchtlinge, wenn sie hier bei uns angekommen sind, das schlimmste hinter sich. Sie begegnen Europa zuerst auf dem Mittelmeer oder auf der Balkanroute in Form von Marinesoldaten mit Hygieneschutzkleidung oder Polizisten, die scheinbar nur zwei Wörter kennen: PASSPORT und FINGERPRINT.

Die  Politiker und Verwalter zögern hamletmäßig bei der Verwendung so gut geeigneter Häuser wie dem ehemaligen Innenministerium in Moabit, obwohl wir für dessen Leerstand eine Dreiviertelmillion Euro pro Monat an Miete und Sicherheit bezahlen müssen. Das Haus und das Geld werden dringend benötigt! Die Flüchtlinge dagegen haben schon ein eigenes Theater, den Refugee Club Impulse, und sie spielten gestern im derzeitigen migrantischen Wallfahrtsort Gorkitheater. MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST, schreibt ein fiktiver Flüchtling nach Hause. Frau Müller, die wunderbare Karikatur einer Deutschlehrerin im Erstkurs, muss alle diese Briefe lesen, um zu verstehen, dass es nicht darauf ankommt, Demokratie zu erklären, sondern zu leben. Und sie macht mit! Wer diese Art Theater nicht als Bereicherung empfindet, der hat von Theater, von Kultur, von Musik und Parabel nicht viel verstanden. DIE ANTWORT GOTTES AUF BABEL IST HIPHOP. Fast unbemerkt von unseren Konzertsälen und Opernhäusern, vor allem aber von unserer Fernsehunkultur, hat sich eine globalisierte Jugendkultur, nicht als Subkultur und nicht als Parallelgesellschaft, entwickelt, die keiner Sprache mehr bedarf. Graffiti werden in teuren Kunstbänden gesammelt, wer zum ersten Mal einen arabischen Rapper hört, ist überwältigt und, wenn er es sich übersetzen lässt, zu Tränen gerührt, und Breakdance hat sich zu einer umfassenden Theaterdisziplin entwickelt, die die alte Pantomime mit dem Puppenspiel zu einer expressiven Akrobatik vereinigt, allerdings scheint Gott selbst der Puppenspieler zu sein.

Dem wunderschönen Theaterabend in der mehr als überfüllten Studiobühne ᴙ des Maxim Gorki Theaters vorausgegangen war ein fast ebenso schönes, von einer spontan gebildeten Patenklasse und – wie in einer Montessorischule  von den Müttern unterstützt – organisiertes arabisches Frühstück für die Willkommensklasse der Martin-Wagner-Schule. Die sehr jungen Flüchtlinge, die fast kein Wort sprechen konnten (MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST) und fast verängstigt wirkten, fühlten sich plötzlich durch Dolmetscher und arabisch-kurdische Delikatessen aufgefangen. Es wurde die These eines syrischen Jungen diskutiert, immer als Antwort auf das Babeltrauma,  ob tatsächlich jeder Mensch viermal auf der Welt gleichzeitig existiert. Denn anders kann man sich nicht erklären, und man muss der Wissenschaft dankbar sein, die das auch so sieht, dass manch ein Mensch, trotz anderer Hautfarbe und unverständlicher Sprache, uns so vertraut ist, als wäre er unser Bruder. Er ist unser Bruder, wurde noch deutlicher, als zwei Rapper zu Beats aus dem Telefon, verstärkt durch den Beamer im Klassenzimmer, miteinander in Arabisch und Deutsch auftraten.

Ein ähnliches Schlüsselerlebnis hat man, wenn man mit einem Erstkurs durch den Supermarkt in einer Kleinstadt geht und – gefühlt – jedes der etwa tausend Produkte untersucht und zu erklären versucht. Der Filialleiter hatte zunächst Bedenken, die wir aber zerstreuen konnten, und kam dann sehr schnell auf den aufklärerischen Ansatz, dass ihm gebildete Kunden – woher auch immer – lieber sind als ungebildete. Der Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Unterrichtsstunde war ein Exkurs über Leinen in Eritrea, Syrien und Deutschland. Das Publikum bestand aus alten einkaufswagen- und rollatorschiebenden Ehepaaren, die – freundlichst begrüßt – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben über Globalisierung und Verjüngung nachdachten.

gorki.jpg

Dagegen scheint man ins Mittelalter zurückversetzt, wenn man in einer großen deutschen Stadt durch Zufall in den Gottesdienst einer Kirche gerät. Dort wird an einem ‚Volkstrauertag‘ genannten Sonntag der Toten gedacht, die einst andere Länder überfielen und sich wunderten, dass sie das nicht überlebten. Aber, um diese krasse Einseitigkeit aufzulockern, werden dann auch die anderen Toten genannt, so die „Juden, die ermordet wurden, weil sie vermeintlich einer anderen Rasse angehörten“. Wenn sie also tatsächlich einer anderen Rasse angehört hätten, wären sie zurecht erschossen worden? Ganz sicher hat der Pfarrer, der im weiteren eine bemerkenswerte und bemerkte Predigt über die immer und gerade jetzt hochaktuelle Frage ‚Wer ist eigentlich der Nächste, dem wir aufhelfen sollen‘ hielt, das nicht gemeint. Aber er hat es gesagt. Und wir alle sagen es immer wieder, wenn wir von ‚Judenmord‘ sprechen, so, als wäre es etwas anderes, einen Juden oder einen Menschen zu ermorden. Der latente sprachliche Antisemitismus ist möglicherweise die nicht erlaubte Rechtfertigung vom traumatischen, billigend in Kauf genommenen Tod von Menschen oder sogar von Mord. Nach wie vor sprechen wir zum Beispiel von ‚Vernichtung‘ von Menschen, und wir könnten und müssten wissen, dass unsere Vorfahren tatsächlich ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ benutzten, um Menschen zu ermorden. Und wir sprechen immer noch von ‚ausrotten‘. Und was, bitte, ist denn Ungeziefer? Kafka lebte übrigens vor dem Holocaust, seit ihm können wir wissen, dass auch der Käfer unser Bruder ist. Und wo, wenn nicht in einer Schule oder in einer Kirche oder in einer Moschee oder in einer Synagoge, sollten wir gemeinsam darüber nachdenken, was uns Käfer oder Ameisen bedeuten, die ausdrücklich in der Bibel und im Koran gewürdigt werden, von Darwin ohnehin. Wenn wir wirklich das Land und der Kontinent werden wollen, als die wir im Moment im Nahen Osten und im Teilen Afrikas gelten, dann sollten wir schnellstens unsere kranke Sprache überprüfen und ändern. Sie ändert sich, ob wir es wollen oder nicht, ohnehin gerade, und zwar nicht durch die Migranten und Flüchtlinge, wie so viele bösartig vermuten, sondern durch uns selbst. Wir haben den Genitiv weitgehend aufgegeben (‚Wir gedenken den Menschen.‘ O-Ton ‚Volkstrauer‘) und legen gerade Dativ und Akkusativ zusammen, den Konjunktiv gibt es nur noch im Grammatikteil der Schullehrbücher. Aber wenn wir schon dabei sind, die Sprache der Bequemlichkeit und der Globalisierung zu opfern, dann sollten wir schnellstens ihren mittelalterlichen Gebrauch überdenken. Sonst werden unsere neu hinzugekommenen Mitbürger eines nicht so fernen Tages, wenn sie die Sprache literaturfähig beherrschen,  über sie sagen: MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST.

FISCHBESTECK 1 und 2

für Mustafa

1

Die landende Insel. Ambidexter

Auf die Insel Usedom kommt man über zwei Brücken. Die Insel verlandet und wird gleichzeitig weggespült. Vielleicht war die sagenhafte Stadt Vineta auf ihr, vielleicht war aber auch die Odermündung, an der Vineta lag, ganz woanders. Die Insel gehörte schon immer den Slawen und den Germanen, die heute als Deutsche im Begriff sind, das Gegenteil von dem zu werden, was sie vor achtzig Jahren sein wollten oder sollten. In einem Wikingerrestaurant – bekanntlich sind die Wikinger auf Grönland untergegangen – sitzen ein Linkshänder, der das Messer in der rechten Hand hält und ein Rechtshänder, der das Messer in der linken Hand hält. Der Rechtshänder ist ein geborener Linkshänder, der aber in einer Zeit Kind war, als die Erwachsenen glaubten, dass Linkshändigkeit schädlich für den Charakter sei. Genau genommen glaubte man wohl, dass jemand, der anders sei, auch die anderen gefährde und eines Tages die ganze Gesellschaft auf dem Kopf stellte. Obwohl schon im Sturm und Drang der Dichter Lenz einen Lehrer ironisch sagen lässt: wer nicht gerade schreiben kann, kann auch nicht gerade leben, herrschte noch lange strenges Normdenken vor. Die Ironie wurde genau so hartnäckig ignoriert wie die seines berühmteren Kollegen Goethe: denn was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen. Je virtueller Schrift und Text werden, desto mehr wird den Menschen die vorherige Ironie bewusst. Unserem Linkshänder wurde seinerzeit mit viel böser Mühe, mit Strafen und Ermahnungen über seine Minderwertigkeit die Linkshändigkeit abgewöhnt, so dass sich als Vorteil eine leichte Ambidextrie einstellte, als Nachteil aber eine extrem schlechte Handschrift. Handwerkliche Arbeiten und Handschrift waren aber gerade das Argument, warum man glaubte, dass nur mit Rechtshändigkeit ein erfülltes rechtgläubiges Leben möglich sei. Als Kind denkt man darüber natürlich nicht nach, sondern man fühlt sich lange Zeit so, wie man von den Erwachsenen bewertet und mitgedacht wird.

Der Linkshänder dagegen hatte noch nie mit einem Fischbesteck gegessen. Um nichts falsch zu machen und weil er sich ohnehin gerade auf einer Bildungsreise befand, orientierte er sich an dem umerzogenen Linkshänder, der sich als einziges Privileg seiner ehemaligen Linkshändigkeit, die nun einer erzwungenen Rechtshändigkeit und teilweisen Beidhändigkeit weichen musste, das Essen mit dem Messer in der vermeintlich falschen Hand erhalten hat. Gib statt zu sagen ‚Gib die schöne Hand!‘ dem Linkshänder die linke Hand, wenn es kein Türke ist, und versuche als Linkshänder mit der rechten Hand in Spiegelschrift zu schreiben. Da sitzen sie nun und verstehen die Welt nicht mehr, weil ihre Begriffe falsch sind. Claude Levi-Strauss, von dem nicht die Hosen, sondern die traurigen Tropen sind, schlug vor, von binären Oppositionen auszugehen, also von reinen Gegensätzen, die sich – vielleicht sogar unversöhnlich – gegenübersitzen. Der Linkshänder und der Rechtshänder auf Usedom sehen sich aber gerade nicht als unversöhnlich, sondern in einer Art gewünschtem Adoptionsverhältnis. Levi-Strauss, dessen Einfluss auf die Soziologie und Anthropologie nicht zu unterschätzen ist, kam dann auf das weitere Begriffspaar der komplementären Dichotomie. Komplementär sind zwei Dinge, wenn sie zusammen erst ein Ganzes geben, obwohl sie alleine auftreten, also zum Beispiel biologisch der Geschlechtsdimorphismus oder kulturell die Dominanz einer Hand. Sieht man aber noch genauer hin, dann bemerkt man, dass das Komplement so funktioniert wie Wechselstrom im Gegensatz zum Gleichstrom. Es war die Entscheidung zwischen diesen beiden eine Glaubensfrage zwischen Edison und Tesla, auch die beiden selbst sind ein komplementäres Paar. Obwohl Edison stotterte und hyperventilierte, war er der weitaus bessere Vermarkter seiner genialen Ideen, während Teslas Ideen nicht schlechter waren, aber in einer für den Markt unverständlichen Sprache vorgetragen wurden.

Daraus folgt, dass die menschliche Lern- und Bindungsfähigkeit natürlich nicht statisch ist, sondern absolut dynamisch, fließend, ständigen Wechseln unterliegend. Deshalb ist eine statische Schule falsch. Viel erfolgreicher sind Bildungsreisen. Man lässt die Landschaft, die Natur und Kultur, die Sprache und das Denken, die Moleküle und Marotten an sich vorüberziehen, erklärt, wenn gefragt wird und eine Erklärung bereitsteht, genießt, wenn es einfach nur schön ist, erholt sich, wenn etwas zu holen ist. Der Unterschied zu einer virtuellen Reise, die heute problemlos möglich ist, besteht darin, dass man jene jederzeit abschalten kann, während man auf einer tatsächlichen Reise dort ist, wo man gerade ist. Das Merkwürdige unserer Zeit besteht in der fortwährenden Verwechslung der beiden Welten: Menschen haben Angst vor einer Überflutung mit Daten, die sie einfach abschalten könnten, werden sie dagegen mit Wasser überflutet, halten sie es für eine Ungerechtigkeit. Kein Wunder also, dass sich die dritte Welt, das transzendente Himmelszelt darüber, auch gerade wandelt, am rechten Rand zum Fundamentalismus, am linken zur Beliebigkeit, obwohl es beides auch schon immer gab.

Wir haben also einerseits mehr Bindungsmöglichkeiten, als wir glauben, weil sie nämlich schneller wechseln, als wir verstehen können. Andererseits sind wir, was wir schon immer ahnten, durch die Geschwindigkeit der Möglichkeiten unfreier, als uns lieb ist. Der berühmten Frage, was wir mit unserer Freiheit eigentlich anfangen wollten, bleiben wir die Antwort immer und immer wieder schuldig. Wir lassen uns auf Mitmenschen ein, und das ist nicht nur richtig, sondern die einzige Möglichkeit zu leben. Die Marktbegriffe von Angebot und Nachfrage mögen hilfreich sein, sie lösen unsere bangen Fragen nicht: wird gesucht, was ich der Welt zu bieten habe? Gibt es überhaupt das, was ich suche und zu brauchen glaube. Lange Zeit halten wir uns für Solitäre und erkennen uns erst spät in der Gruppe oder in der Masse wieder. Manchmal suchen und suchen wir in den Menschenmassen und erkennen nicht unsere Einzigartigkeit, die nur in der Tat bestehen kann, nie im bloßen Dasein. Gemeinschaften, deren Sinn die Masse und die Hilfe ist, betonen deshalb immer wieder die Einzigartigkeit a priori, vor allem.  Aber jede Tat ist auch das Resultat unseres ganzen Wesens, unserer ganzen nicht aufgeschriebenen Biografie, denn wenn wir sie aufschreiben, wird sie notwendig verzerrt und verlogen. Diese Gedanken beschäftigen uns am meisten, wenn wir gerade im Begriff sind, aus dem sprichwörtlichen Nest zu fallen. Aber das ist schon wieder ein Trugschluss: fallen wir nicht jeden Tag aus jedem Nest, weil nämlich jeder Tag und jeder Ort – Raum und Zeit also – uns Sicherheit vorspielen, wo sie uns lieber die Schwierigkeiten des steten Wandels zeigen sollten. Aber man kann wieder auch nicht ohne das Gefühl der Sicherheit leben. Wir wissen noch nicht einmal, was uns lieber ist: die Spannung oder die Befriedigung. Später im Leben sehnen wir uns eher nach der Spannung, früher eher nach der Befriedigung. Auch wenn man den wirklich Hungernden bitter weh tut: wenn man satt ist, sehnt man sich nach dem Hunger. Es wird oft gesagt: entspann dich. Das Bild kommt aus der Pferdesprache. Als man sich mit Hilfe von Pferden fortbewegte, war es wichtig, die Pferde abends auszuspannen. Entspannt ist also keine Bewegung möglich. Die Lösung des Dilemmas ist die Hoffnung, nichts weiter. Solange wir glauben, dass sich das Gute und das Böse gegenüberstehen, brechen wir die Welt auf eine Kinderformel herunter, die ihr nicht gerecht werden kann. Auch für Kinder muss man die Welt nicht verkitschen, um sie – die Kinder und die Welt – zu verstehen. Es ist ein bisschen so wie der Unterschied zwischen der Diktatur, wo alles einfach, hierarchisch, zwangsgeordnet ist, und der Demokratie, wo nichts zu funktionieren scheint, alles länger dauert als erwartet und immer frustrierend ist. Es ist schwer zu verstehen, dass es nichts als Hoffnung geben kann, keine Garantie auf das sogenannte Gute, keine Zwangsläufigkeit des Bösen. Pessimisten und Optimisten sind gleichwohl schlecht beraten, nur übertroffen durch die selbsternannten Realisten. Hoffnung und Glaube hängen so eng zusammen, dass es schwer ist einzusehen, dass, wer nicht glaubt, alles wissen müsste, um zu überleben. Vielleicht liegt darin der Grund, dass der Mensch seinen Glauben, seine Hoffnung, die so individuell sind wie nichts anderes, immer wieder institutionalisierte und dann mehr an die Institutionen glaubt als an den Gegenstand seines Glaubens, der gedanklich nicht zu fassen ist. Zu glauben, dass man nichts glauben kann, heißt nicht, dass man nicht glauben sollte, sondern dass es keine Gewissheiten gibt, weder im Glauben noch außerhalb von ihm.

Vielmehr ist es verwunderlich, dass Monologe nicht nur immer dialogisch sind, weil sie Adressaten haben und Signale senden, sondern dass sie sich mit unendlich vielen Monologen interferent berühren wie die Kreise der Steine, die man ins Wasser warf. Die Kunst des Lebens besteht auch darin, wie viel Interferenz man in seinen Monologen erkennt, wie oft es gelingt, aus der unendlichen Reihe der Monologe auszubrechen und kurz in einen echten Dialog einzutreten. Dialog ist die kurze Zeit existierende interferente Schnittmenge zwischen zwei Kreisen im Wasser. Anders gefragt: Kann man das Dritte mitdenken? Das Dritte ist nicht nur nicht ausgeschlossen, es ist ausdrücklich erwünscht! Die Alten haben sich – wie auch wir – ihre Welt zurechtgedacht: tertium non datur, ‚das Dritte kann es nicht geben‘, mit der linken Hand kann man nicht schreiben, der Mensch kann nicht fliegen, wenn die Erde keine Scheibe wäre, würden wir herunterfallen. Das ist präkolumbianisches Denken. Der Junge will vom Alten lernen, aber der Alte muss vom Jungen lernen. Werte sind oft nur schlechte Gewohnheiten. Inseln sind oft nur heimatloses Land oder umspülter Meeresboden. Was mag man mehr, den anderen oder dass man den anderen mag?

 

2

Die gotische Pforte. Counterpoint

Für den kleinen Bach begann das Jahrhundert schrecklich. Erst hatte er seine Eltern verloren, dann auch noch seinen Freiplatz. Einen Freiplatz würden wir heute als ein Stipendium erklären, das aus der Teilnahme an den Mahlzeiten besteht. Die Schule im Wohnort seines großes Bruders war nicht schlecht, aber die Schule, zu der er jetzt mit seinem Freund wanderte, war besser, und er war nicht nur ein sehr guter Schüler, sondern auch ein hervorragender Sänger und bemerkenswerter und schon bemerkter Organist und Cembalist. Er hätte auch Geigenvirtuose werden können und hatte seine Geige als einziges Gepäckstück dabei: die Geige und das Geigenspiel war das Erbe seines Vaters, des Eisenacher Ratstrompeters. Weil die evangelische Kirche die neue Zeitrechnung um fast zwei Jahrhunderte verschlafen hatte – nur durch die orthodoxe Kirche überholt, die zwei weitere Jahrhunderte wartete – wurden im Jahr 1700 zehn Tage ausgelassen, damit der Kalender wieder stimmte. Der kleine Bach hatte zehn Tage keine Sorge ums Essen, denn er aß zeit seines Lebens sehr gerne. In der gotischen Stadt, in die er gewandert war, verdiente er sein erstes Geld, und nicht wenig, indem er für die Michaeliskirche sang und für die benachbarten und befreundeten Ritterschüler zum Tanz aufspielte. Der kleine Bach lernte also in zweieinhalb Jahren in dieser Stadt: auf eigenen Beinen stehen, Geld verdienen, Orgel spielen, Orgel bauen, alle paar Wochen nach Hamburg laufen, um noch bedeutendere Orgeln und Organisten zu hören, französisch von den Rittern, italienisch von den Musikern, lateinisch  in der Schule, er las Ovids Metamorphosen, und wanderte als ganz junger und schon berühmter Meister nach Thüringen zurück. Der übelste Scherz, den die Ritterschüler mit ihm machten, zeugt von der großen Hochachtung, die dem 16jährigen Meistercembalisten entgegengebracht wurde. In einem Gasthaus zwischen Hamburg und der gotischen Stadt warfen sie für ihn Heringsköpfe auf den Mist, die mit soviel dänischen Dukaten gefüllt waren, dass er davon nicht nur gut essen, sondern auch die nächste und übernächste Fahrt nach Hamburg finanzieren konnte. Immerhin haben es die Ritter mit dieser Geschichte in die Weltgeschichte zu gelangen geschafft: der kleine Bach wurde der größte Musiker aller Zeiten. Er zerlegte die Heringsköpfe nach keiner Regel und mit keinem Fischbesteck. Er kannte alle Regeln der Musik und schuf die schönsten Melodien und Harmonien und die  krassesten Kontrapunkte.

Schon wieder sitzen sie sich gegenüber: der Linkshänder, der das Messer in der rechten Hand hält, und der Rechtshänder, der ein verhinderter Linkshänder ist und das Messer als letzten Trotz in der linken Hand hält. Man sieht es nur beim Fischbesteck. Das Fischbesteck ist der Inbegriff falscher Regelhaftigkeit. Sie essen Forelle und der Linkshänder seziert seine Forelle nach allen Regeln. Er sagt: der Mentor, der ein Chaot ist und chaotisch seine Forelle isst, hätte hier lernen können. Und der Mentor sagt: wir sitzen hier, um Regeln zu vergessen, weil sie zwar nicht immer falsch, aber fast immer historisch sind. Lernen ist immer besser als regeln. Ein Mentor, und da stimmen sie wieder überein, kann nur Mentor sein, wenn er sich heraushält und selber lernt. Ein Kind oder ein Schüler ist ein Projekt, ein Abenteuer, ein Weg, aber keine Projektion der eigenen Projekte, Abenteuer und Wege. Man lernt nicht aus Fehlern, schon gar nicht aus den Fehlern der anderen. Der Linkshänder ist auch ein Südländer, der ein Nordländer sein will und der Rechtshänder ist ein verhinderter Südländer, der durch viele Südländer gereist ist, um das Geheimnis von Nordland und Südland zu finden. Jetzt reist er mit dem Südländer, der ein Nordländer werden will und auch ist, durch Nordland, auch um das Geheimnis zu finden. Es gibt keines.

Es ist so, wie man als Kind glaubte, dass es ein Geheimnis des Erwachsenseins gäbe. Natürlich, es gibt die Sexualität. Aber sie ist dann, wenn man sie mit einem bestimmten Alter erreicht hat, kein Geheimnis, sondern vielmehr ein Merkmal, eine innewohnende und so oder so ausgeübte Eigenschaft. Wenn man Essen und Sexualität vergleicht, könnte man die Frage stellen, was ist das Fischbesteck der Sexualität? Gibt es ein geheimes Regelwerk der Liebe? Das sind schon zwei verschiedene Bereiche, wenn sie auch eng zusammenhängen. Und wir glauben inzwischen, dass es nur ganz wenig zu regeln gibt: gib mehr als du nimmst und achte mehr als du geachtet werden möchtest. Es gibt nicht mehr als die goldene Regel zu beachten. Alle Religionen wollen das gleiche, die Philosophien predigen nicht anderes. Die Unterschiede der Menschen sind seit der Antike gleich: entspricht der Mensch seinem Bild oder nicht. Der berühmte antike Philosoph Empedokles, von dem die Vierelementetheorie und die Rhetorik stammen sollen, hat seinem Leben durch den Sprung in den Ätna ein Ende gesetzt. Aber: hat er dadurch göttliche Qualitäten offenbart, wie seine Anhänger meinen, oder wollte er vielmehr durch sein spurloses Verschwinden göttliche Qualitäten vortäuschen, wie seine Gegner behaupten. Wir wissen nichts von den Spuren, die wir hinterlassen, aber auch fast nichts von den Spuren, denen wir folgen. Die meisten Menschen sind im Leben blind, so steht es im Faust, und wir wissen nicht, ob das, was wir sehen, Einbildung oder Ausbildung ist.

Die einzige Rückkopplung, die es gibt, ist die Praxis. Gegen den metaphorischen Charakter der Wissenschaft spricht immerhin ihr Ergebnis: das Rad, der Rechner, die Rakete. Aber wir wissen nicht, was diese Resultate für uns bedeuten: vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären in der Steinzeit verblieben wie die Yanomami am Amazonas. Vielleicht sind die Raketen oder die Rechner der Anfang vom Ende der Menschheit und der Erde?  Genauso ergeht es dem einzelnen Menschen. Alles, was er tut, kann genauso falsch wie richtig sein, weshalb die Begrifflichkeit von falsch und richtig falsch ist. Woran soll er sich aber orientieren?

Der arme Mensch hat nur drei Möglichkeiten zum Überleben: nachahmen, lieben und geben. Alle drei sind lebensgefährlich, äußerst riskant und ein Erfolg ist niemals garantiert.  Du ahmst deine Eltern nach, aber sie sind Nazis oder Analphabeten oder beides. Aber das ist noch nicht das schlimmste: du ahmst deine Eltern auch dann nach, wenn du sie ablehnst und überwunden zu haben glaubst. Die Nachahmung, die seit der frühesten Kindheit unsere Überlebensstrategie ist, sitzt uns bis zum bitteren Ende so sehr in den Gelenken und Gedanken, dass wir sie für ein Gen halten. Ein Erbe ist sie allemal. Der Streit darüber, was Natur des Menschen ist, was Nachahmung, dauert schon seit Empedokles an. Daraus kann man nur lernen, dass alle Wissenschaft, mit Ausnahme der Resultate, Metapher ist: Pythagoras konnte Fischschwärme lenken und Alan Turing starb an einem vergifteten Apfel.

Nicht viel anders ist es mit der Liebe. Wir folgen eher Instinkten und tief – nicht von uns – eingegrabenen Mustern und sind stolz auf das, was wir für unsere Wahl halten, bis es zur Qual wird. Aber es gibt auch Paare, die fünfzig oder sechzig Jahre zusammen und glücklich sind. Es gibt auch Paare, die Minuten oder wenige Tage nacheinander sterben, darunter sind auch Zwillinge. Das zeigt, dass wir den Begriff der Liebe immer zu eng und einseitig auf die Geschlechtsliebe beziehen. Liebe ist – wie eigentlich jeder weiß – viel mehr, von Geschwistern über Erziehung bis zur Menschheitsliebe, die oft Nächstenliebe genannt wird, nach Jesus, aber eben auch Fremdenliebe heißen sollte, denn was uns am Fremden einzig hindert, ist Angst, Restrisiko. Das Restrisiko wird zwar durch Gruppenzugehörigkeiten gemindert, diese beruhen aber auf ungenauer und falscher Beobachtung.

Von meiner Großmutter, die mir die Kunst nahebrachte, habe ich auch den verhängnisvollen Spruch, der in Jüterbog am Zinnaer Tor nebst zugehöriger Keule hängt: ‚Wer seinen Kindern giebt das Brodt, und leidet nachmals selber Noth, den schlage man mit der Keule todt.‘ Die Angst, sich zu verausgaben, war in den Zeiten des Hungers, als ein Stück Brot goldwert war, natürlich größer als heute, wo sie wie ein Atavismus vor  einer übersättigten Menschheit hergetragen wird. Dass in armen Ländern Solidarität allgemeines Merkmal sei, kann nicht nachvollzogen werden, dass Solidarität aber ein selektiver Vorzug sei, sehr wohl. Gegen Geben spricht nichts, auch nicht die Angst. Es mögen genauso viel Menschen durch unvorsichtiges und selbstloses Teilen gestorben sein, wie am durchbrochenen Magen durch Weihnachtsganswettessen reicher Bauern in unvernünftiger Zeit. Unter unvernünftiger Zeit wollen wir verstehen, dass die Reichen dick und die Armen dünn sind. Heute ist es umgekehrt. Beim Geben, wenn man es als Teilen versteht, kann man also am wenigsten falsch machen, zumal es auch selbst angstabbauend ist.

Wenn du nicht überleben willst, kannst du jederzeit in den Ätna springen. Wenn du aber auf dem Ätna stehst, erfüllt dich plötzlich und zum Glück ein unsägliches Verlangen nach Leben und Liebe, nach Wärme und Geborgenheit. So kalt und ungeheuerlich ist es da oben.

Wer teilen und geben nicht gelernt hat oder zu lernen nicht bereit und fähig ist, dem fehlen wesentliche Bausteine eines sinnvollen und erfüllten Lebens. Egoismus, Egozentrismus, Konsumismus und Selbstbezogenheit erscheinen jeder Zeit als typisch, sind aber ständige Begleiter der menschlichen Gesellschaft.

Wer teilen und geben gelernt hat oder zu lernen bereit und fähig ist, der hat den besseren Kontrapunkt zum allgegenwärtigen und oft widerwärtigen konsumieren. Kaufen und kaufenwollen können sogar krankmachen und kranksein.

Empathie ist aber in jedem Lebensalter für jede Gruppe und immer erlernbar. Alle Religionen und alle Philosophien lehren sie. Empathie ist die schönste und erfolgreichste Metamorphose und der größte Gewinn ist der für sich und die anderen.

 

DIE GEDICHTE MEINER GROSSMUTTER

Die Gedichte meiner Großmutter standen alle in einem gelben Buch ‚Des Mägdleins Dichterwald‘ von Theodor Colshorn, aus dem uns am Sonntagfrüh im Bett vorgelesen wurde. Der Sonntag war damals noch der einzige Nichtwerktag, in seiner Einhaltung berief man sich auf den Schöpfungsbericht. Meine Großmutter widersetzte sich dieser starren Interpretation. Sie erklärte den Sonntag zum Kunsttag. Der Grund dafür war eher ihre Unlust aufzustehen, so verband sie das Angenehme mit dem Nützlichen. Denn dass Kunst nützlich sei, war für sie Axiom. Ihre gesamte Lebenserfahrung war an Sprüche und Zitate gekoppelt, die aus dem Bildungsschatz des neunzehnten Jahrhunderts stammten. Das neunzehnte war das Jahrhundert Schillers. Durch seinen frühen Tod ist Schillers jugendliches Pathos direkt in die Schullesebücher katapultiert worden, während Goethe dort als alter weiser Mann erschien, dessen moralische Sentenzen für Wände taugten, nicht für Köpfe. Dass das Pathos oft auch nur äußerst gekonnte Rhetorik war, übersah man im rhetorischen Jahrhundert gerne. Schiller ist zweifellos der beste Stilist deutscher Zunge, aber er war auch selbstverliebt in seine wunderschönen Formulierungen: ‚In seinen Göttern malt sich der Mensch‘ und ‚In seinen Taten malt sich der Mensch‘ war für Schiller kein Widerspruch, sondern glückliche Sprachkunst [Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, 1789; Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, 1795].

Meine Großmutter zitierte, wenn sie Schiller zitierte, zumeist aus der Glocke, die als normativ empfunden wurde, von Schiller aber ganz sicher deskriptiv gemeint war. Sein Anspruch mag der perfekte Schöpfungsbericht als Parallelgeschichte gewesen sein. Sicher werden ihm Ludwigsburger, Rudolstädter und Apoldaer Glockengießer vom fragilen Schöpfungsprozess einer Glocke erzählt haben. In der Geschichte dieses Gedichts zeigt sich die Verwechslung von Wirklichkeit und Parabel sowie Produktion und Rezeption. Dass ausgerechnet Jacob Grimm, der Wörterbuchmeister und Märchenerzähler, die nationalistische Deutung, nur wir Deutschen hätten so ein Gedicht, aufbrachte, mag mit den historischen Umständen zu Schillers hundertstem Geburtstag entschuldigt sein.

Vor der massenhaften Reproduzierbarkeit von Kunst war die Kunst ganz eng an elitäre Lebensweisen einerseits und an den Bildungskanon andererseits geknüpft. Der Roman vom Werther wurde genauso wie die Glocke wörtlich genommen: man erschoss sich aus Liebe und man fügte sich in die lebenslängliche Ehe, weil es so geschrieben stand. Man kann sogar so weit gehen, dass die Analogie, die buchstabengetreue Auslegung zum Gipfel der Kriegskunst führte, der glücklicherweise mit seinem Ende zusammenfiel und die Begriffe Krieg und Kunst für immer trennte. Unsere Vorfahren lernten weniger Varianten als vielmehr Analogien und Muster, Normative statt Narrative. Eine Geschichte ist ein Viereck, das aus dem Leben gebrochen ist; das Leben ist ein Vieleck, das aus Geschichten besteht. Die Konstruiertheit jeder Parabel, jeder Geschichte spricht gegen ihre direkte Entnahme aus dem Leben und vor allem gegen ihre analoge Verwendungsmöglichkeit. Man sollte keinen gelben Frack anziehen und sich erschießen, weil man unglücklich verliebt ist. Man sollte nicht für sein Vaterland in Krieg und Tod ziehen, weil es der Vater und der Großvater ebenso taten. Der Begriff des Vaterlands begründet, wenn überhaupt, nur eine schwache Bindung von Menschen, denen es offensichtlich an Bildung und Sinn mangelt. Sinn, zumal Lebenssinn, ist viel schwerer zu finden als in Analogien gesucht wird. Sinn verhält sich zur Analogie wie Demokratie zur Elternschaft. Man kann zwar suchen, aber man wird nicht finden. Das Gesetz der großen Zahl ist eine wunderbare Erklärung, aber kein identitätsstiftendes Muster für ein Leben. Es gibt kein Muster für ein Leben. Es gäbe ein Muster für das Leben, wenn jemand alle Weltereignisse wüsste und verarbeiten könnte, das ist ein Schillerzitat, das ihn in einer Reihe mit Nietzsche und Wittgenstein als Verächter törichter Warumfragen und als reinen Denker ohne hohles Pathos zeigt.

Das neunzehnte Jahrhundert indessen und meine Großmutter, die mir damit den Sinn für Poesie eingab, blieben in der pathetischen und normativen Spur. Ihr Lieblingsgedicht, das sie uns zu Tränen gerührt immer wieder vorlas, war ‚Das Gewitter‘ des Sagendichters Gustav Schwab, nach dem in der schwäbischen Stadt Tuttlingen der Blitz dergestalt einschlug, dass von den zehn Toten vier in direkter Abstammung sich zueinander verhielten: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Kind. Sie werden nicht in ihrer individuellen, sondern in ihrer klassifizierten Form gezeigt. Dem Dichter gelingt auch kein Trost, wie er manchmal sogar der Natur eigen ist. Als am 29. Juni 1764 der schwerste Tornado, den es in Deutschland je gab, die Stadt Woldegk  verwüstet, sterben nur zwei Menschen, ein Enkel und eine Großmutter, weil sich alle anderen, weil es einer der vierteljährlichen Bußtage war, in den dem Sturm trotzenden Kirchen befanden. Die Ernte war zerstört, die Menschen überlebten trotzdem. Aus diesem Tornado ging aber keine Geschichte, sondern die wissenschaftliche Meteorologie hervor.

Obwohl die Bildung in den letzten hundert Jahren von einer elitären Veranstaltung fast zum Gemeingut wurde, verbleibt sie leider immer noch viel zu viel im Reich des Faktischen und Analogen, des Aufsagens und des Abfragens.

Wir brauchen in Zukunft nicht nur ein Bruttosozialprodukt, sondern ein Bruttosozialglück, nicht die Inflation der Dinge, sondern ein Maximum an Bildung. Und diese Bildung müsste sich nicht nur am Wissen orientieren – das in jeder Suchmaschine zu finden ist-, sondern auch am Gewissen. Und das Gewissen schult sich eher am Ungewissen als am inflationären Wissen. Aus der normativen Kraft des Faktischen, des Gemachten, muss zunehmend die normative Kraft des Gedachten werden. Aber wie lehrt man denken? Und wie nutzt man die narrative Kraft der Gedichte?

DIE GESCHICHTEN MEINER GROSSMUTTER

Meine Großmutter war der Vorgeschmack  auf die heutigen Medien: ihre Geschichten und Sprüche waren allgegenwärtig. Es waren mehr Legenden darunter als eine Zweizimmerwohnung ertragen konnte. Sie war auch Verschwörungstheorien nicht abgeneigt und ging hin und wieder in einen spiritistischen Zirkel. Durch unsere Großeltern, wenn sie fern genug sind, und durch unsere Enkel, wenn sie jung genug sind, haben wir eine Erfahrungsspanne von fast anderthalb Jahrhunderten.

Genauso wie wir uns in den Medienkonsum flüchten, flüchtete man früher in die Familiengeschichte. Seit langem gibt es Fotoalben, lange vor den Nationalsozialisten gab es ein Interesse an Familiengeschichte. Die Hausbibel hatte oft vorgeschaltete Seiten mit dem so genannten Stammbaum. Jede Zeit bietet übrigens genügend Stoff, um individuelle, Familien- und Weltgeschichte miteinander zu verknüpfen. Der erste Weltkrieg, davon abgesehen, dass er von vielen Historikern als die Urkatastrophe des an Katastrophen nicht gerade armen Jahrhunderts angesehen wird, war für viele Menschen die erste Gelegenheit, an andere, weit entfernte Orte zu gelangen. Das Ausland besuchten bis dahin nur ganz wenige Menschen. Kein Wunder also, dass ihre Berichte zu Legenden wurden. In der Familie meines Großvaters, der sieben Geschwister hatte, was damals nicht ungewöhnlich war, kam die Legende auf, dass in einer nordfranzösischen Stadt, nicht weit von Belgien entfernt, in einem Museum die Urahne unserer Familie als möglicherweise sogar von Lucas Cranach gemalte Idelette de Bure, verwitwete Stordeur, ausgestellt ist. Das Bild gibt es noch als Kopie und unser Nachname ist stammt tatsächlich aus dieser europäischen Gegend. Was heute ein Urlaubsnachmittag ist, war damals ein abendfüllendes Programm.

In der Kleinstadt, aus der meine Großmutter stammte und wir lebten, herrschte niemals das Weltjudentum. In meiner Kindheit herrschten dort die Kommunisten und verwalteten das Elend. Rings um die kleine Stadt wurde Braunkohle abgebaut. Wir zählten oft die Waggons eines Güterzuges. Eine Lokomotive der Baureihe 54 zog locker 54 Waggons mit je 20 Tonnen, also insgesamt über 1000 Tonnen Braunkohle, aber wir rechneten, wenn wir überhaupt rechneten, alles in Zentner um. Unsere Kindheit war braunkohlenrußgewschwärzt, zumal auch die Briketts, die gepresste Braunkohle, angeliefert wurde, indem man sie auf die Straße schüttete, von wo sie mit Eimern in die Keller geschafft wurde. Das war eine gute Gelegenheit, sich eine oder zwei Ostmark zu verdienen. Allerdings zeigt sich heute, dass es zwischen Braunkohle und Kommunisten keinen Kausalzusammenhang gibt.

Im Elternhaus meiner Großmutter, in dem wir damals wohnten, war ein altes Flüchtlingsehepaar aus Breslau untergebracht. Der Mann war ein Farbengroßhändler, was man an seiner umgehängten Aktentasche sehen konnte, und die Frau war Spiritistin. Sie konnte tatsächlich den Kontakt zu Toten herstellen. Das einzige Zimmer ihrer winzigen Wohnung wurde verdunkelt, es gab zu Einstimmung einen Kräuterlikör und es wurde reichlich nachgeschenkt.  Spielkarten lagen auf dem Tisch, der dann irgendwann im Laufe des Abend anfing zu wackeln. Meine Großmutter hörte meinen toten Großvater sprechen. Der Mann starb dann bald und die alte Frau verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim, das in einer alten Wasserburg untergebracht war. Und darin gab es seit Jahrhunderten eine weiße Frau, die nachts durch die Räume lief und die Menschen nicht erschrecken wollte, aber doch erschreckte. Einige starben sogar an den Schrecken dieses Spuks, wie sie selber glaubten und wie dann von den Überlebenden immer wieder und wiede5r erzählt wurde. Die Besuche in diesem Altersheim empfand ich als schrecklich, aber sie brachten uns jahrelang Westpakete ein, die von der dankbaren Tochter, die nicht kommen konnte, regelmäßig geschickt wurden. An diese Pakete muss ich heute noch denken, wenn ich durch einen ALDI gehe.

Lange bevor es Seifenopern tatsächlich gab, wurden wirkliche Ereignisse durch die Großmütter in Legenden umgegossen. Es gab schon einmal eine Zeit, wo dieser Vorgang in die Weltliteratur einging, als nämlich die Gebrüder Grimm Märchen sammelten, die von besonders fähigen Erzählerinnen allabendlich verbreitet wurden. Ein Mensch wurde von einem blitzgefällten Baum erschlagen und die Generation meiner Großmutter machte daraus einen Mann mit vier Kindern, der drei Straßen weiter wohnte, und aus dem Gewitter wurden die Wetterunbilden, die zwischen Gottesstrafe und Klimawandel angesiedelt waren. Es war Stimmungs- und Angstmache über der seifenduftenden Fußwaschschüssel. Sogar die Scheintoten, durch übrigens tatsächlich veränderte Untersuchungs- und Beerdigungsmethoden gänzlich ausgeschlossen, mussten in diesen Erzählungen herhalten. Das ganze neunzehnte Jahrhundert lebte in meiner Kindheit fort. Ein Teil der Geschichten wurde in Sprüchen konzentriert oder besser kondensiert. Mir war als Drittklässler schon das Wort Surrogat geläufig, denn es stand auf dem von mir sehr geschätzten Caro-Kaffee, der in den Westpaketen war.

Wie die Sprüche mit den Geschichten korrelierten, zeigt ein Lieblingsspruch meiner Großmutter: Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet nachher selber Not, den schlagt mit dieser Keule tot, so steht es am Stadttor von Jüterbog. So wie in dem Märchen ‚Hänsel und Gretel‘ ausführlich erzählt, war in diesem bösen Spruch das heutige Denken noch nicht zu erkennen. Während wir von einer eindeutigen gegenseitigen und umkehrbaren Versorgungspflicht ausgehen, glaubte man damals an den Vorrang der Eltern. Das Ideal war überhaupt der alte Mensch. Die Jugend musste sich als alt verkleiden, heute ist es genau umgekehrt.

Aber vieles, vielleicht sogar das meiste, ist auch gleich geblieben. Die Geschichten gibt es heute im Fernsehen, die Sprüche und Verschwörungstheorien bei Facebook und bei Bundestagswahlen. Wer weiß schon, dass BüSo, die auch für den Bundestag kandidieren, eine verschwörungstheoretische Gruppe ist, die sogar den guten alten Schiller missbraucht? Viel stärker als alle unsere Vorfahren, die doch ununterbrochen Geschichten erzählten und vorlasen, hängen wir von den Geschichten aus den vielfältigen Medien ab, denen wir uns kaum entziehen können, die aber auch andererseits die Quelle sehr umfänglichen Weltwissens und sogar Weltgewissens sein können. Ich glaube nicht, dass wir unter einer medialen Flut leiden. Ich glaube, dass wir dem Höhepunkt der Poetisierung erst noch zustreben werden, ein Zustand, der von den Romantikern mit ziemlicher Präzision, denn einige von ihnen waren Naturwissenschaftler, vorausgesagt und herbeigewünscht wurde. Irgendwann werden wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir in der Wirklichkeit sind oder in einer Fortsetzungsgeschichte. Der Wahn und die Geschichten waren schon immer Surrogat der Welt. Aber ist die Welt nicht auch manchmal Surrogat für eine schlechte Geschichte? Die Welt wird eines Tages so sein, als ob wir alle vom Fliegenpilz gegessen oder auf meine Großmutter gehört hätten. Aber einen besseren Trost über und für die Welt kann es doch nicht geben?

DIE TELLER MEINER GROSSMUTTER

Meine Kindheit ist überstrahlt von einigen Gegenständen, die nur zu Festtagen benutzt wurden oder an denen die Besonderheiten einer Familie sich festmachten, einer Familie, die durch den Krieg zerstört und geschändet war, so die selbstmitleidige Selbstwahrnehmung. Aber so ist es nicht. Zwar nimmt man als Kind solch ein gewolltes und immer wieder erklärtes Familienbild auf, aber erstens sah man schon als Kind, dass die anderen Menschen auch nicht anders lebten. Und zweitens hat man als Kind ganz andere Prioritäten. Mein Ziel war es zum Beispiel, alle Automarken theoretisch und praktisch zu erkennen und Fahrradfahren zu lernen, die Nachbarstochter zu küssen und in der Clique einen Platz einzunehmen, der größer wäre als mein Körper.

Es gab in unserer kleinen und sehr dürftigen Wohnung ein paar Dutzend Gegenstände und sie befanden sich in der gleichen Hierarchie wie die Menschen, die sie benutzten  und die uns umgaben. Es gab die täglichen Dinge und die feiertäglichen, es gab das Elend und die Größe. Ging man hinaus dann war es ebenso: der aus russischer Gefangenschaft heimgekehrte Wehrmachtsoffizier schlug seine Kinder und der beinlose Bettler verkaufte Nadelkissen aus seinem Selbstfahrer genannten Wagen heraus, der ein Rollstuhl mit handgetriebener Fahrradmechanik war. Man hielt an einer Ordnung fest, die soeben gescheitert war. Man flüsterte über die Weltmacht jener Juden, die man gerade umgebracht hatte. Man schürte das Vorurteil gegen Zigeuner, die es nicht mehr gab. Dagegen glaubte man langsam wieder, was in den Zeitungen stand. Das Misstrauen gegen die Zeitungen war nur kurz. Es ist ein Unterschied, ob ich den Zeitungen in einer Diktatur glaube oder die am Verkauf orientierten Zeitungen eines freien Landes als Lügenpresse bezeichne. Die Erkenntnis, dass Medien staatsgesteuert sein können, kommt sozusagen 35 oder 80 Jahre zu spät. Jetzt erkennen manche, was sie damals nicht hätten glauben sollen. Inzwischen gibt es, wie in jeder Demokratie, eine große Gruppe von Menschen, Nixon nannte sie silent majority und glaubte sich ihrer Zustimmung sicher, die den Primat der Politik nicht mehr wichtig nimmt. Die Demokratie ist etabliert. Man muss nicht mehr darum kämpfen, seine Meinung sagen zu dürfen. Man muss auch nicht mehr sein Leben anbieten, wie noch Voltaire meinte, damit der andere seine kontraproduktive Meinung sagen kann. Bei jeder Pegidakundgebung un bei jedem NPD-Pressefest wird uns das deut- und ärgerlich. Wer aus der letzten Diktatur kommt, ist erstaunt, wie frei die Freiheit ist, wie umständlich aber auch die Demokratie. Viele Politiker benehmen sich wie Gewerkschafter, die immer noch vom Kampf um den Achtstundentag träumen. Es ist auch so, wie mit dem Hunger. ist er einmal beseitigt, wird das Essen nicht mehr so geachtet wie bisher. Deshalb ist eine Pause beim fortwährenden Essen nicht schlecht. Das Essen, der Dank dafür, immerhin haben Generationen daran gearbeitet, und es war ein Poker gegen die Zerstörungsfraktion, die in der Ukraine das Kornkammer Europas sah, der Fokus aus das Elementare des Lebens wird wieder bewusster, wenn man ein Zeitlang, einen Ramadan lang, darauf verzichtet. Noch schöner wäre ein rationalisierter Ramadan in einem moderaten Monat und mit einer Minimalmenge an Wasser.

In der Durchschnittswohnung eines Westeuropäers befinden sich etwa 10.000 Gegenstände. Dementsprechend groß sind unsere Wohnungen. Allerdings erzeugt die Befriedigung der Wünsche neue Wünsche, das stets vorhandene Geld zieht keine Grenze mehr. Wer kein Geld hat, leiht sich welches. Das ist nicht neu, aber perfektioniert. Wir habe eine Inflation der Dinge, die die Inflation des Geldes abgelöst hat. Gleichzeitig gibt es auch eine noch wenig beachtete Inflation der Worte. So wie Generationen vor uns mit ihren Schwierigkeiten, und darunter waren immerhin Pest und Krieg, Cholera und Inflation, Hunger und Unbildung (die Unbilden der Unbildung), der Glaube schließlich an Hierarchien statt an Gedanken und Menschen, so müssen wir mit unseren Schwierigkeiten leben. Die Welt wird nicht immer schlimmer, sondern sie wird nur zu langsam besser, als dass wir es wahrnehmen und uns darüber freuen könnten. Immer wieder werden neue Tautologien aufgehäuft, um die besonderen Probleme des rezenten Menschen zu zeigen: in Zeiten wie diesen, heutzutage, in Zeiten leerer Kassen (in denen es mehr Geld gibt als je zuvor), in unserer schnelllebigen Zeit, Informationsflut undsoweiter undsoweiter.

Lest die Bibel und den Koran, da findet ihr genau die Probleme, die uns heute plagen. Der Mensch hat sich nicht grundlegend geändert. Vielmehr hilft er sich mit seiner atemberaubenden Technik über seine geistige Atemnot hinweg. Stellt das gute Geschirr eurer Großeltern in den Mittelpunkt eures bewussteren, ramadangestützten Essens. Denkt an unseren Umgang mit den Tieren, wenn ihr im Supermarkt für das Wochenende einkauft. Esst lieber weniger, dann werdet ihr wieder mehr in dem Sinne, dass ihr über das besser nachdenken könnt, über das unsere Vorfahren aus Hunger hinwegschlingen mussten. Ich schreibe ‚ihr‘ und meine ‚wir‘ nur aus rhetorischen oder stilistischen Gründen. Dieser Ton bestimmt Nietzsches schönes Zarathustrabuch und ist mit Absicht imitiert nach dem Jesus der Bibel. Er spricht uns an, weil unsere Großmütter, indem sie ihre gutes Geschirr aus dem alten knarrenden Schrank holten, uns unnütze Ratschläge gaben, an die wir uns doch gerne erinnern. Was hat sich geändert?

Sie glaubten sich reich, wenn sie einen Ring und ein Fahrrad besaßen, für die sie so lange gespart hatten. Wir glauben uns reich, wenn wir Dutzende und Aberdutzende von unnützen Gegenständen besitzen und wegwerfen, um neue zu kaufen und sie wieder wegzuwerfen. Unser Problem ist demzufolge der Müll, ihr Problem war die Legende. Aberglaube ist beides.

Und was ist kein Aberglaube?  Es geht nicht um Gegenstände, weder um singuläre, noch um inflationäre. Es gibt auch keine dauerhaften Regeln, vielleicht einmal von der goldenen Regel abgesehen, die man aber auch besser erfährt als erlernt. Es geht immer nur um Menschen und ihre Beziehungen untereinander. Was Nietzsche sich noch nicht zu sagen wagte, weil er nicht klingen wollte wie sein Vater auf dessen kümmerlicher Kanzel – man kann nicht von Kanzeln herab auf Menschen reden -, das können wir seit Lennon aussprechen, in Lennon ist auch nur die Quintessenz von all den Gandhis und Schweitzers und Luther Kings unserer immer wieder also so schlecht gemachten Zeit: alles, was du brauchst ist Liebe, die du empfängst und die du gibst.

KEINE VERSCHWÖRUNG IN SICHT

  für Mustafa

Wenn wir jemandem sympathisch sind, dann sagt er gerne etwas, das uns erfreut, er stimmt für uns und denkt gar nicht über die Sache nach, über die er da abstimmt. Genauso gibt es Menschen, die wählen seit fünfzig Jahren die gleiche Partei, obwohl die ihr Programm, ihre Zielgruppe und sogar auch ihren eigentlichen Charakter verändert hat. Und genauso gibt es Politiker oder Lehrer, die sagen etwas, nicht weil sie glauben dass das, was sie sagen, den Tatsachen entspricht oder für die Partei oder für das Land zweckmäßig sei, sondern sie sagen es einzig und allein deswegen, weil sie genau wissen, dass es von den Menschen, die sie ansprechen, gemocht wird. Zum Beispiel hört jeder Mensch gerne, dass er gar nicht schuld ist an der Situation, in der er sich befindet. Die Umstände selbst oder aber hinterhältige Verführungen hätten ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Die Umstände kann man wahlweise personalisieren oder im sachlichen Bereich belassen. Das ist Populismus. Wenn man sich verdeutlicht, wer alles Populist war, dann wird einem schnell klar, dass man durch Populismus zwar schnelle Erfolge erzielen kann, aber insgesamt nicht besonders gut dasteht. Manchen Menschen ist das aber scheinbar gleichgültig. Es wird geglaubt, was angenehm ist. Sobald man jedoch anfängt zu denken, wird einem schnell bewusst, dass nicht alles, was andere Menschen sagen, angenehm für uns sein kann.

Nicht alle Fakten sind einleuchtend, und nicht alles, was einleuchtet, ist ein Fakt. Die Mannschaften von Kolumbus waren fest davon überzeugt, dass die Erde eine endliche Scheibe ist und sie, wenn das Ende erreicht  ist, mit ihren Schiffen ‚herunter‘ fallen würden. man kann nur über die Kraft des kolumbianischen Geistes und seines Befehls staunen, dass sie ihm trotzdem gefolgt sind! Trotzdem benennen wir die geistige Wende nach Kopernikus und nicht nach Kolumbus: die Erde ist keine Scheibe mit Ende, sondern eine endlose Kartoffel. Es ist nicht einleuchtend, aber anscheinend wahr. Die Evolution ist nicht besonders gut bildlich vorstellbar, schon allein ihre numerische Gestalt bleibt unfassbar: Milliarden Individuen und Milliarden Jahre. Daraus folgt, dass manche Texte es vorziehen, den Menschen mit einer mechanischen Uhr zu vergleichen, die einen Schöpfer hat. Das kann man fassen, und weil man es fassen kann, ist es wahr. Im Streit zwischen Evidenz (Einsichtigkeit, Einleuchtung) und Tatsachen wird, mit Rücksicht auf unsere natürliche Beschränktheit, der Evidenz der Vorzug gegeben. Nicht alles, was geschieht, erschließt sich uns.

Wenn ein Ereignis in unser Bewusstsein tritt, zum Beispiel eine Geburt oder der Tod, dann fragen wir gerne: Warum ist das geschehen? Wir könnten wissen, dass wir diese Frage niemals beantworten können. Schon als Kleinkind, falls wir sehr geduldige und universell gebildete Eltern hatten (aber so erscheinen zunächst alle Eltern), konnten wir erfahren, dass Warumfragen eine unendliche Folge von immer ungenaueren Antworten nach sich ziehen. Wir saßen im Kinderwagen und quälten unsere Eltern mit einem Exkurs in immer fernere Vergangenheiten. Die Ausgangsfrage war vielleicht, warum ein bunter Hund bellt. Unsere Eltern gaben irgendwann auf oder wir waren durch die nächste Frage abgelenkt.

So ist es auch im so genannten wirklichen Leben. Warum jetzt das Leben im Kinderwagen weniger wirklich sein soll, ist nur durch das Missverhältnis von Evidenz und Tatsache hinreichend erklärbar: wir können uns nicht vorstellen, dass wir damals schon wirklich gelebt haben. Später begnügen wir uns entweder mit einem Ausschnitt aus der unendlichen Folge der Antworten auf ein einmaliges Warum oder mit einer unendlichen Folge von Warumfragen oder mit einem unendlich dummen Glauben an die Wissenschaft. Davon abgesehen, dass natürlich alles Wissen mit Glauben, zum Beispiel als Vertrauen, beginnt, ist es nicht besonders wissenschaftlich, die Relativität wissenschaftlichen Denkens plötzlich, sozusagen wieder zurück, in den Rang von ewigen Wahrheiten zu erheben.

Es gibt keine ewigen Wahrheiten.

Das Wissen der Menschen, aber auch ihr Glaube, ist immer relativ an die Zeit, an die Umstände, an den Wissensstand,  selbst an den Ort gebunden. Ewige Wahrheit wäre gleichbedeutend mit Stillstand. Niemand wird inzwischen bestreiten, dass nichts stillsteht. Die Annahme zum Beispiel, dass Felsen still stehen, beruht ja nur auf der Kürze der Beobachtungszeit. Der Entdecker der Kontinentaldrift ist zunächst von der gesamten Wissenschaft verlacht worden. Heute weiß jedes Kind (besser: glaubt jedes Kind zu wissen), dass Erdbeben Folge des Schwimmens der Kontinente sind.

Es gibt keine Wahrheit.

Daraus folgt, dass es auch keine relativ kurz festzuhaltenden ganz sicheren Erkenntnisse gibt. Zu jedem Zeitpunkt wird alles diskutiert. Was festgehalten wird, ist schon veraltet. Wenn wir die Geschwindigkeit der Erkenntnis erhöhen, verringert sich unser Vertrauen (Glauben), erhöhen wir dagegen unser Vertrauen in eine Erkenntnis, verliert sie an Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Menschliches Erkennen ist also nur im Dilemma zwischen Glauben und Wissen zu haben.

Es gibt keine Fakten.

Ein intergalaktisches Ereignis ist schon Millionen Jahre vorüber, wenn wir es zur Kenntnis nehmen. Ein Unfall vor unseren Augen wird von zwanzig Beteiligten zwanzigfach verschieden geschildert, einige Teilnehmer sind sogar bereit zu schwören. Selbst ein von uns selbst geschaffener Fakt, ein Artefakt, die berühmte Gabel, würde zu nichts verfallen, wenn die Menschheit und die Erde plötzlich zerstört wären. Niemand und nichts würde die Gabel brauchen, erkennen und benennen können. Sie wäre gleich Null.

 

Wenn die Welt also von einem halben Dutzend dicker Juden oder dicker Scheichs oder dicker Amerikaner regiert werden würde, wäre das erkenntnistheoretisch von großem Vorteil. Wir wüssten dann, was los ist. Als für historisch kurze Zeit tatsächlich die Führer eines Teils der Welt alle miteinander verwandt waren, hat es weder Frieden noch Gerechtigkeit noch allgemeinen Wohlstand gegeben, die drei gibt es auch nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika, obwohl deren Präsidenten nicht miteinander verwandt sein können. Die allgemeine Vernetzung durch IT erzeugt zwar das Gefühl einer totalen Globalisierung, verhindert aber nicht traumatische Ereignisse. Nach wie vor gibt es fast keine universellen Botschaften und die es gibt, sind alle älter als die IT. Selbst wenn man die gesamte IT-Kraft auf das Abhören und weiteres Ausforschen der Menschen konzentrieren würde, würde man nicht herausbekommen, was man nicht schon wusste: Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Es gibt keine Wahrheit. Es gibt keine Fakten. Die Menschen streben nach Glück, aber wissen nicht, wie sie dahin kommen können, also glauben oder wissen sie alles und nichts.