KATHEDRALE DER LEERE

Nr. 163

 

Es ist alles besser geworden. Die meisten Menschen auf der Welt müssen nicht mehr hungern oder gar Hungers sterben. Es fliehen heute mehr Menschen als früher, weil sie auch mobiler denken können und weil die Aufnahmekapazität der Zielländer größer ist. Trotzdem wirken die Flüchtlinge, als kämen sie direkt aus dem Alten Testament in die Wirklichkeit. Aber vielleicht sind daran auch die Bilder in den Medien schuld, die von solch einer Vorstellung schon ausgehen: drei Polizisten zu Pferd führen abertausend Flüchtlinge über die Grenze, die eine Hälfte gesichert, die andere Hälfte geöffnet sehen möchte.

Die Fülle an Freizeit, die uns der Wohlstand bescherte, wird auch dazu benutzt, immer wieder, wie zu Weihnachten, die kindliche Freude zu reproduzieren. Superlative und Quietschvergnügen, Freizeitparks mit Dauerzuckerwatte und Bungee Jumping erfreuen die kindlich gebliebene Seele. Kindsein kann man dagegen nicht wirklich reproduzieren, wohl aber als Wert bewahren.

Die vermeintlichen Reproduktionen von Kindheit stellen sich meist als getarnte Konsumtionen heraus.

Auf halbem Weg zwischen Berlin und dem Spreewald befand sich einst ein Flugplatz der Wehrmacht, den später die Russen nutzten. Es ist ganz sicher eine gute und menschliche Idee der Konversion, militärische Einrichtungen nicht nur in zivile, sondern in solche geradezu kindlicher Freude umzudrehen. Aber unter doppelter Ausnutzung des Obdachgedankens, das hier als Nachbildung sogar des Himmelszelts erscheint, wird nichts weiter von uns verlangt als Vergnügungssucht und Dauerkonsumtion. Um die größte freitragende Halle der Welt, in der Zeppeline gebaut werden sollten, die aber niemand brauchte, stehen noch die Hangars, die heute Shelter heißen, und die Halle selbst wirkt innen wie ein großes Zelt, in dem man sich in wohliger Wärme geborgen fühlen könnte.

In einer Welt der Armut und des Hungers wird die grenzenlose Konsumtion als Trugbild der Freiheit erscheinen, aber in der Welt der Freiheit ist Konsumtion nur ein weiteres Gefängnis. Dass der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt, die Fessel liebet, die ihn lenkt, schreibt Schiller. Was aber, wenn auch die Konsumtion als Pflicht erscheint, den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten, so wie der Blutkreislauf medikamentös gestützt wird? Eine Welt aus Substituten soll uns einerseits ewige Kindheit in den Tropen vorspielen, andererseits aber auch zum Dauerkonsumieren reizen. Von außen mag die Halle die größte der Welt sein, innen erweist sie sich als äußerst beschränkt. Man läuft im Kreis. Man läuft gegen die Wand. Irgendwann war man schon überall. Die Insel wird zum Gefängnis und zum Abbild der Welt. Aber anders als Robinson Crusoe können wir nicht mit Vernunft überleben, sondern nur mit Geld, das wir von einer Plastikkinderarmbanduhr abbuchen können. Allerdings müssen wir später dafür bezahlen.

Vielleicht träumen wir gar nicht von tropischen Inseln, auf denen wir uns daueramüsieren können. Vielleicht träumen wir von guten Gesprächen über Freiheit und Ordnung, die es beide nicht alleine und nicht umsonst gibt. Man sagt, die Freiheit hat ihren Preis. Aber ist der Preis der Ordnung nicht genau so hoch und letztlich unbezahlbar? Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben, schreibt Goethe, aber das Gesetz stimmt nie für alle zu jeder Zeit. Wir brauchen zur Vermittlung Richter. Aber Richter sind Menschen, jeder tausendste vielleicht ist bestechlich, jeder hundertste ermüdet und jeder zehnte überfordert. Die armen und überwiegend alten Narren, die sich montags in Dresden und Ostberlin nach Ordnung sehnen, übersehen, dass ihre Freiheit zwar durch Gesetze garantiert, aber durch den Ausbruch aus der scheinbar festgefügten Ordnung ermöglicht wurde. Freiheit ist so, wie blind Fahrrad fahren: man muss sehr sicher sein. Ordnung ist zwar immer Gefängnis, aber immer auch Zelt und Obdach, wenn nicht sogar Uterus, nachdem wir uns sehnen. Jedes Paradies ist einen Ausbruch wert. Freiheit und Ordnung sind wie zwei Brüder. Der eine weiß, was der andere braucht, aber jeder glaubt rechtzuhaben und  unabdingbar zu sein, und so ist es ja auch. Selbst Zwillinge sehen sich als Individuen. Wir sind zwar Individuen, aber wir bedürfen der Gemeinschaft als Geschenk. Jene vermeintlich harten Typen, welche sagen, dass ihnen auch nichts geschenkt wurde, dass sie sich alles hart erarbeiten mussten, sind blind für die Geschenke, die ihnen gemacht wurden: vielleicht Begabung, vielleicht Geschäftssinn, Musikalität, Bedingungen, ein Leben voller Sport oder Kinder. Kinder vor hundert Jahren in Europa oder heute in Afrika mögen die Schule als Geschenk des Himmels empfinden, viel zu viele Schüler empfinden dagegen die Schule als Gefängnis, als Freiheitsberaubung. Und dort, wo es heißt: Mützen herunter, Fakten herein, ist sie es auch. Schule sollte weder autoritäres Denken fördern, noch den Glauben an Fakten, die immer Perspektiven oder Interpretationen sind.

Warum gibt es nicht Freizeitparks, in denen man denken und baden kann? Natürlich kann man und wird man überall denken. So wie man nicht nichtkommunizieren kann, so kann man auch nicht nichtdenken. Aber man muss gedachte und gesprochene Reflexion in den bisherigen Freizeitparks auf harten Bänken ertrotzen. Besser wäre es, das Nachdenken würde gefördert oder angeregt, wie es so schön in Aufsätzen heißt. Der bisherige Betrieb ist defizitär, was uns nicht kümmern muss, da es sich um private Betreiber handelt. Wie wäre es, wenn statt dessen der Staat diesen und andere Parks übernähme und so ausstattete, dass sie sowohl dem Relaxen wie auch dem Nachdenken dienen könnten. Jeder weiß, dass man mehr lernt, wenn es nicht um Fakten geht, die sich heute jeder jederzeit beschaffen kann. Jeder weiß, dass eine angenehme Umgebung, die Abwechslung von Denken und Bewegen, der freie, gleichberechtigte  Austausch absolut förderlich sind. Der Betrieb des von uns besuchten und auch zum Denken benutzten Parks kostet im Jahr rund 40.000.000 €, aber eine Million Menschen kämen in den Genuss eines schönen Tages voller Denken und Schwimmen und Essen. Das sind 40 € pro Besucher, Schüler, Lehrer, Eltern, Kinder, Großeltern, Enkel. Es geht doch nicht um Gelten, sagte der Junge, es geht um Geben…

Ich danke Vincent, Selcuk, Toni, Onur, Nemanja, Yusuf,  Aho, Leonardo, Daniel, Timurhan, Said und Muhammed für die guten Gespräche im Zelt, die ich hier nur aufgezeichnet habe.

Foto: Stefan Kühn

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