KEINE VERSCHWÖRUNG IN SICHT

  für Mustafa

Wenn wir jemandem sympathisch sind, dann sagt er gerne etwas, das uns erfreut, er stimmt für uns und denkt gar nicht über die Sache nach, über die er da abstimmt. Genauso gibt es Menschen, die wählen seit fünfzig Jahren die gleiche Partei, obwohl die ihr Programm, ihre Zielgruppe und sogar auch ihren eigentlichen Charakter verändert hat. Und genauso gibt es Politiker oder Lehrer, die sagen etwas, nicht weil sie glauben dass das, was sie sagen, den Tatsachen entspricht oder für die Partei oder für das Land zweckmäßig sei, sondern sie sagen es einzig und allein deswegen, weil sie genau wissen, dass es von den Menschen, die sie ansprechen, gemocht wird. Zum Beispiel hört jeder Mensch gerne, dass er gar nicht schuld ist an der Situation, in der er sich befindet. Die Umstände selbst oder aber hinterhältige Verführungen hätten ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Die Umstände kann man wahlweise personalisieren oder im sachlichen Bereich belassen. Das ist Populismus. Wenn man sich verdeutlicht, wer alles Populist war, dann wird einem schnell klar, dass man durch Populismus zwar schnelle Erfolge erzielen kann, aber insgesamt nicht besonders gut dasteht. Manchen Menschen ist das aber scheinbar gleichgültig. Es wird geglaubt, was angenehm ist. Sobald man jedoch anfängt zu denken, wird einem schnell bewusst, dass nicht alles, was andere Menschen sagen, angenehm für uns sein kann.

Nicht alle Fakten sind einleuchtend, und nicht alles, was einleuchtet, ist ein Fakt. Die Mannschaften von Kolumbus waren fest davon überzeugt, dass die Erde eine endliche Scheibe ist und sie, wenn das Ende erreicht  ist, mit ihren Schiffen ‚herunter‘ fallen würden. man kann nur über die Kraft des kolumbianischen Geistes und seines Befehls staunen, dass sie ihm trotzdem gefolgt sind! Trotzdem benennen wir die geistige Wende nach Kopernikus und nicht nach Kolumbus: die Erde ist keine Scheibe mit Ende, sondern eine endlose Kartoffel. Es ist nicht einleuchtend, aber anscheinend wahr. Die Evolution ist nicht besonders gut bildlich vorstellbar, schon allein ihre numerische Gestalt bleibt unfassbar: Milliarden Individuen und Milliarden Jahre. Daraus folgt, dass manche Texte es vorziehen, den Menschen mit einer mechanischen Uhr zu vergleichen, die einen Schöpfer hat. Das kann man fassen, und weil man es fassen kann, ist es wahr. Im Streit zwischen Evidenz (Einsichtigkeit, Einleuchtung) und Tatsachen wird, mit Rücksicht auf unsere natürliche Beschränktheit, der Evidenz der Vorzug gegeben. Nicht alles, was geschieht, erschließt sich uns.

Wenn ein Ereignis in unser Bewusstsein tritt, zum Beispiel eine Geburt oder der Tod, dann fragen wir gerne: Warum ist das geschehen? Wir könnten wissen, dass wir diese Frage niemals beantworten können. Schon als Kleinkind, falls wir sehr geduldige und universell gebildete Eltern hatten (aber so erscheinen zunächst alle Eltern), konnten wir erfahren, dass Warumfragen eine unendliche Folge von immer ungenaueren Antworten nach sich ziehen. Wir saßen im Kinderwagen und quälten unsere Eltern mit einem Exkurs in immer fernere Vergangenheiten. Die Ausgangsfrage war vielleicht, warum ein bunter Hund bellt. Unsere Eltern gaben irgendwann auf oder wir waren durch die nächste Frage abgelenkt.

So ist es auch im so genannten wirklichen Leben. Warum jetzt das Leben im Kinderwagen weniger wirklich sein soll, ist nur durch das Missverhältnis von Evidenz und Tatsache hinreichend erklärbar: wir können uns nicht vorstellen, dass wir damals schon wirklich gelebt haben. Später begnügen wir uns entweder mit einem Ausschnitt aus der unendlichen Folge der Antworten auf ein einmaliges Warum oder mit einer unendlichen Folge von Warumfragen oder mit einem unendlich dummen Glauben an die Wissenschaft. Davon abgesehen, dass natürlich alles Wissen mit Glauben, zum Beispiel als Vertrauen, beginnt, ist es nicht besonders wissenschaftlich, die Relativität wissenschaftlichen Denkens plötzlich, sozusagen wieder zurück, in den Rang von ewigen Wahrheiten zu erheben.

Es gibt keine ewigen Wahrheiten.

Das Wissen der Menschen, aber auch ihr Glaube, ist immer relativ an die Zeit, an die Umstände, an den Wissensstand,  selbst an den Ort gebunden. Ewige Wahrheit wäre gleichbedeutend mit Stillstand. Niemand wird inzwischen bestreiten, dass nichts stillsteht. Die Annahme zum Beispiel, dass Felsen still stehen, beruht ja nur auf der Kürze der Beobachtungszeit. Der Entdecker der Kontinentaldrift ist zunächst von der gesamten Wissenschaft verlacht worden. Heute weiß jedes Kind (besser: glaubt jedes Kind zu wissen), dass Erdbeben Folge des Schwimmens der Kontinente sind.

Es gibt keine Wahrheit.

Daraus folgt, dass es auch keine relativ kurz festzuhaltenden ganz sicheren Erkenntnisse gibt. Zu jedem Zeitpunkt wird alles diskutiert. Was festgehalten wird, ist schon veraltet. Wenn wir die Geschwindigkeit der Erkenntnis erhöhen, verringert sich unser Vertrauen (Glauben), erhöhen wir dagegen unser Vertrauen in eine Erkenntnis, verliert sie an Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Menschliches Erkennen ist also nur im Dilemma zwischen Glauben und Wissen zu haben.

Es gibt keine Fakten.

Ein intergalaktisches Ereignis ist schon Millionen Jahre vorüber, wenn wir es zur Kenntnis nehmen. Ein Unfall vor unseren Augen wird von zwanzig Beteiligten zwanzigfach verschieden geschildert, einige Teilnehmer sind sogar bereit zu schwören. Selbst ein von uns selbst geschaffener Fakt, ein Artefakt, die berühmte Gabel, würde zu nichts verfallen, wenn die Menschheit und die Erde plötzlich zerstört wären. Niemand und nichts würde die Gabel brauchen, erkennen und benennen können. Sie wäre gleich Null.

 

Wenn die Welt also von einem halben Dutzend dicker Juden oder dicker Scheichs oder dicker Amerikaner regiert werden würde, wäre das erkenntnistheoretisch von großem Vorteil. Wir wüssten dann, was los ist. Als für historisch kurze Zeit tatsächlich die Führer eines Teils der Welt alle miteinander verwandt waren, hat es weder Frieden noch Gerechtigkeit noch allgemeinen Wohlstand gegeben, die drei gibt es auch nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika, obwohl deren Präsidenten nicht miteinander verwandt sein können. Die allgemeine Vernetzung durch IT erzeugt zwar das Gefühl einer totalen Globalisierung, verhindert aber nicht traumatische Ereignisse. Nach wie vor gibt es fast keine universellen Botschaften und die es gibt, sind alle älter als die IT. Selbst wenn man die gesamte IT-Kraft auf das Abhören und weiteres Ausforschen der Menschen konzentrieren würde, würde man nicht herausbekommen, was man nicht schon wusste: Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Es gibt keine Wahrheit. Es gibt keine Fakten. Die Menschen streben nach Glück, aber wissen nicht, wie sie dahin kommen können, also glauben oder wissen sie alles und nichts.

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