MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST

Nr. 165

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte vom Turmbau zu Babel ziemlich genau beschreibt, wie es wirklich war, nimmt mit fortschreitender Globalisierung zu. Wir kommen aus Ostafrika und je weiter wir uns von der Urheimat entfernten, desto mehr diversifizierten sich unsere Sprachen, bis zur Unkenntlichkeit. Solange unsere Vorfahren kaum aus ihrem Dorf, geschweige denn aus ihrem Land herauskamen, gingen sie von der fundamentalen Verschiedenheit der Menschen aus. Obwohl es Reiseberichte gab, die Versöhnliches berichteten, hörte man lieber – und das ist bis heute so geblieben – auf die Schreckensmeldungen. Über Kannibalenwitze mag man lachen oder nicht, der Kinderraub der Zigeuner wird ernsthaft in der Berliner U-Bahn kolportiert. Auch in dem Slogan ‚Kindermörder Israel‘, der während der letzten offenen Kämpfe im Nahostkonflikt auf Berliner Demonstrationen zu hören war, stecken uralte antisemitische Vorurteile, Ängste und Gewaltrechtfertigungen.

Seit zehn Jahren sagen die Demografen voraus, dass sich hunderttausende Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen werden. Während die Politiker von schroff ablehnend (ZÄUNE BAUEN LEITKULTUR) bis krass humanistisch (WIR SCHAFFEN DAS) reagierten, sind die Bevölkerungen in einer überwältigenden Mehrheit offen freundlich, hilfsbereit, neugierig und spendenbereit. Allerdings haben die Flüchtlinge, wenn sie hier bei uns angekommen sind, das schlimmste hinter sich. Sie begegnen Europa zuerst auf dem Mittelmeer oder auf der Balkanroute in Form von Marinesoldaten mit Hygieneschutzkleidung oder Polizisten, die scheinbar nur zwei Wörter kennen: PASSPORT und FINGERPRINT.

Die  Politiker und Verwalter zögern hamletmäßig bei der Verwendung so gut geeigneter Häuser wie dem ehemaligen Innenministerium in Moabit, obwohl wir für dessen Leerstand eine Dreiviertelmillion Euro pro Monat an Miete und Sicherheit bezahlen müssen. Das Haus und das Geld werden dringend benötigt! Die Flüchtlinge dagegen haben schon ein eigenes Theater, den Refugee Club Impulse, und sie spielten gestern im derzeitigen migrantischen Wallfahrtsort Gorkitheater. MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST, schreibt ein fiktiver Flüchtling nach Hause. Frau Müller, die wunderbare Karikatur einer Deutschlehrerin im Erstkurs, muss alle diese Briefe lesen, um zu verstehen, dass es nicht darauf ankommt, Demokratie zu erklären, sondern zu leben. Und sie macht mit! Wer diese Art Theater nicht als Bereicherung empfindet, der hat von Theater, von Kultur, von Musik und Parabel nicht viel verstanden. DIE ANTWORT GOTTES AUF BABEL IST HIPHOP. Fast unbemerkt von unseren Konzertsälen und Opernhäusern, vor allem aber von unserer Fernsehunkultur, hat sich eine globalisierte Jugendkultur, nicht als Subkultur und nicht als Parallelgesellschaft, entwickelt, die keiner Sprache mehr bedarf. Graffiti werden in teuren Kunstbänden gesammelt, wer zum ersten Mal einen arabischen Rapper hört, ist überwältigt und, wenn er es sich übersetzen lässt, zu Tränen gerührt, und Breakdance hat sich zu einer umfassenden Theaterdisziplin entwickelt, die die alte Pantomime mit dem Puppenspiel zu einer expressiven Akrobatik vereinigt, allerdings scheint Gott selbst der Puppenspieler zu sein.

Dem wunderschönen Theaterabend in der mehr als überfüllten Studiobühne ᴙ des Maxim Gorki Theaters vorausgegangen war ein fast ebenso schönes, von einer spontan gebildeten Patenklasse und – wie in einer Montessorischule  von den Müttern unterstützt – organisiertes arabisches Frühstück für die Willkommensklasse der Martin-Wagner-Schule. Die sehr jungen Flüchtlinge, die fast kein Wort sprechen konnten (MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST) und fast verängstigt wirkten, fühlten sich plötzlich durch Dolmetscher und arabisch-kurdische Delikatessen aufgefangen. Es wurde die These eines syrischen Jungen diskutiert, immer als Antwort auf das Babeltrauma,  ob tatsächlich jeder Mensch viermal auf der Welt gleichzeitig existiert. Denn anders kann man sich nicht erklären, und man muss der Wissenschaft dankbar sein, die das auch so sieht, dass manch ein Mensch, trotz anderer Hautfarbe und unverständlicher Sprache, uns so vertraut ist, als wäre er unser Bruder. Er ist unser Bruder, wurde noch deutlicher, als zwei Rapper zu Beats aus dem Telefon, verstärkt durch den Beamer im Klassenzimmer, miteinander in Arabisch und Deutsch auftraten.

Ein ähnliches Schlüsselerlebnis hat man, wenn man mit einem Erstkurs durch den Supermarkt in einer Kleinstadt geht und – gefühlt – jedes der etwa tausend Produkte untersucht und zu erklären versucht. Der Filialleiter hatte zunächst Bedenken, die wir aber zerstreuen konnten, und kam dann sehr schnell auf den aufklärerischen Ansatz, dass ihm gebildete Kunden – woher auch immer – lieber sind als ungebildete. Der Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Unterrichtsstunde war ein Exkurs über Leinen in Eritrea, Syrien und Deutschland. Das Publikum bestand aus alten einkaufswagen- und rollatorschiebenden Ehepaaren, die – freundlichst begrüßt – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben über Globalisierung und Verjüngung nachdachten.

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Dagegen scheint man ins Mittelalter zurückversetzt, wenn man in einer großen deutschen Stadt durch Zufall in den Gottesdienst einer Kirche gerät. Dort wird an einem ‚Volkstrauertag‘ genannten Sonntag der Toten gedacht, die einst andere Länder überfielen und sich wunderten, dass sie das nicht überlebten. Aber, um diese krasse Einseitigkeit aufzulockern, werden dann auch die anderen Toten genannt, so die „Juden, die ermordet wurden, weil sie vermeintlich einer anderen Rasse angehörten“. Wenn sie also tatsächlich einer anderen Rasse angehört hätten, wären sie zurecht erschossen worden? Ganz sicher hat der Pfarrer, der im weiteren eine bemerkenswerte und bemerkte Predigt über die immer und gerade jetzt hochaktuelle Frage ‚Wer ist eigentlich der Nächste, dem wir aufhelfen sollen‘ hielt, das nicht gemeint. Aber er hat es gesagt. Und wir alle sagen es immer wieder, wenn wir von ‚Judenmord‘ sprechen, so, als wäre es etwas anderes, einen Juden oder einen Menschen zu ermorden. Der latente sprachliche Antisemitismus ist möglicherweise die nicht erlaubte Rechtfertigung vom traumatischen, billigend in Kauf genommenen Tod von Menschen oder sogar von Mord. Nach wie vor sprechen wir zum Beispiel von ‚Vernichtung‘ von Menschen, und wir könnten und müssten wissen, dass unsere Vorfahren tatsächlich ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ benutzten, um Menschen zu ermorden. Und wir sprechen immer noch von ‚ausrotten‘. Und was, bitte, ist denn Ungeziefer? Kafka lebte übrigens vor dem Holocaust, seit ihm können wir wissen, dass auch der Käfer unser Bruder ist. Und wo, wenn nicht in einer Schule oder in einer Kirche oder in einer Moschee oder in einer Synagoge, sollten wir gemeinsam darüber nachdenken, was uns Käfer oder Ameisen bedeuten, die ausdrücklich in der Bibel und im Koran gewürdigt werden, von Darwin ohnehin. Wenn wir wirklich das Land und der Kontinent werden wollen, als die wir im Moment im Nahen Osten und im Teilen Afrikas gelten, dann sollten wir schnellstens unsere kranke Sprache überprüfen und ändern. Sie ändert sich, ob wir es wollen oder nicht, ohnehin gerade, und zwar nicht durch die Migranten und Flüchtlinge, wie so viele bösartig vermuten, sondern durch uns selbst. Wir haben den Genitiv weitgehend aufgegeben (‚Wir gedenken den Menschen.‘ O-Ton ‚Volkstrauer‘) und legen gerade Dativ und Akkusativ zusammen, den Konjunktiv gibt es nur noch im Grammatikteil der Schullehrbücher. Aber wenn wir schon dabei sind, die Sprache der Bequemlichkeit und der Globalisierung zu opfern, dann sollten wir schnellstens ihren mittelalterlichen Gebrauch überdenken. Sonst werden unsere neu hinzugekommenen Mitbürger eines nicht so fernen Tages, wenn sie die Sprache literaturfähig beherrschen,  über sie sagen: MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST.

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