SPINNEN ODER FÜRCHTEN

Nr. 167

Variation auf Sonett XVI von William Shakespeare

Die Angst vor dem Verändern ist mit der vor Menschen fast identisch. Menschen sind Veränderung. Sobald man sich auf einen neuen Menschen einlässt, muss man seinen Weg ändern. Wenn man seinen Weg partout nicht ändern will oder kann, muss man ganz allein bleiben, was nicht geht, autoritär werden, was nicht durchhaltbar ist, oder sich in eine Hierarchie einordnen, und das ist widernatürlich. Der Kompromiss ist vielleicht die kritische Distanziertheit, etwa so: die Menschen sind schlecht, noch nicht reif, unentwickelt, partiell böse, aber ich, wir meine Familie, mein Volk, meine Religion, wir sind immer richtig. Man kann nur leben, wenn man sich für richtig hält. Aber wenn man lebt und sieht, dann sieht man auch, dass man tastet, wo man gehen sollte, dass man nach dem Stock sucht, wo man den Weg finden könnte. Wir sind nicht richtig. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir brauchen den Kompromiss und die Veränderung.

Wir wollen uns vorstellen, dass das Leben eines Menschen wie sein Haus ist, das er sich nicht selbst gebaut, aber im Laufe eines langen Lebens seinen Bedürfnissen und Gewohnheiten, seinen Ängsten und seinem Mut angepasst hat. Wir brauchen gleichzeitig die Geborgenheit und die Tür. Wir brauchen das Fenster ebenso wie den Ofen. Von unserem Hausgast, der Spinne, haben wir nicht nur die Fähigkeit zum Alleinsein, sondern auch zur Vernetzung. Die Spinnen sind uns, obwohl wir für die Angst vor ihnen sogar ein eigenes Wort haben, Arachnophobie, so nah, dass wir für unser Veränderungsdenken ihren Plural zum Verb gemacht haben: wir spinnen. Da war allerdings der Umweg über eine zweite Metapher: das Spinnen am Spinnrad, das wir den Spinnen nachgeahmt haben. Am Spinnrad mögen mehr Geschichten erzählt worden sein als Weltveränderungsfantasien, aber Geschichten, obzwar sie ein Spiegel der Welt sind, sind doch auch ihr Script. Wir gehen in die Welt mit einem Repertoire von Geschichten für alle Situationen. Entweder haben wir das, was heute unsere Geschichte ist, selbst erlebt, oder schon mit auf den Weg bekommen. Mit auf den Weg bekommen haben wir es durch unsere Eltern und deren Maximen, die aus der Religion oder aus der Region stammen können, oder aus dem größten Speicher der Menschheit, den Geschichten der Geschichte. Auch der Speicher ist eine Baumetapher. Lernen ist Nachahmen, oft mit dem Umweg der Geschichten.

Aus diesen Geschichten könnten wir wissen, dass es immer Menschen geben muss und wird, die bleiben, und solche, die aufbrechen. Unser Geschichtengedächtnis ist aber selektiv. Wir hören immer die Geschichte, die wir hören wollen. Wollen wir aufbrechen, hören wir die Geschichte vom Aufbrechen. Wollen wir bleiben, so singt es in uns ‚Kein schöner Land‘ oder ‚Das Boot ist voll‘ oder andere Nationalhymnen. Dagegen gibt es in jeder Familie einen Urgroßvater, der aufbrach und verschwand oder der ein neues Leben fand. Wir unterschätzen, wieviele Menschen in der Zeit der Sesshaftigkeit aufbrachen, nach Russland, nach Rumänien, ins Banat, nach Amerika, um es nur von hier aus zu betrachten. Der ewige Streit um Nomaden und Sesshafte ist eben tatsächlich ein ewiger Streit, der nie entschieden wird. Leider scheint uns mit dem Glauben an die Richtigkeit unseres Weges (oder Stockes) auch die Verächtlichkeit der anderen Wege eingeboren zu sein. Toleranz muss man genauso lernen wie Einsamkeit oder Gemeinsamkeit oder Spinnen. Ohne Kultur könnten wir noch nicht einmal auf zwei Beinen gehen. Verächtlichkeit lernen wir auf dem gleichen Weg wie das Aufrechtgehen: durch Nachahmung. Es gibt demzufolge Verhaltensweisen, die über Jahrtausende gleich bleiben, obwohl sie weder gut noch nützlich sind. Wir übernehmen sie nur deshalb, weil sie vorhanden sind und sich alles andere, was vorhanden ist, mehr oder weniger bewährt hat. Wahrscheinlich nur so ist das Festhalten an nationalen Gewohnheiten und Rechthabereien zu verstehen, obwohl die Welt ihre Globalisierung so offensichtlich über Frühstücksgewohnheiten hinaus ausdehnt.

Auch das Scheitern wird gespeichert. Vielleicht sind die wirklichen und die wirklich neuen Entscheidungen immer aus dem Dilemma (bei Kant: Zwietracht) geboren. Am krassesten wird uns das deutlich, wenn wir ein innovator’s dilemma miterleben. Ein Mensch hat eine vielleicht sogar wesentliche Neuerung in sein und das Leben seiner Mitmenschen implantiert. Aber sein Stolz, seine Eitelkeit, seine Vergesslichkeit, seine Trägheit, seine Perspektive, die notwendig verzerrt ist, sie alle hindern ihn zu erkennen, dass auch seine Innovation veraltet und er mit ihr. Zum Schluss sitzt er – wie alle – in seinem Rollstuhl und murmelt etwas von ‚heutzutage‘ und ‚bloody tyrant time‘.

Ein Haus zu bewohnen erfordert genau so viel Mut wie ein Boot zu besteigen. Die Zeit überwogt uns genau so stark wie das Meer. Mehr Menschen sterben in ihren Häusern als durch ihre Boote. Trotzdem hören wir lieber eine Odyssee als die Geschichte vom Spinnrad. Trotzdem haben wir vor dem mehr Angst, der mit dem Boot zu uns kommt, als vor dem, der still vor seinem verfallenden Haus sitzt und Schreckliches ausbrütet: Langeweile und Xenophobie. Vor dem Verfall kann man sich nur retten, indem man sich nicht vor ihm fürchtet. Unser Haus verfällt genauso wie unser Boot. Alle Reparaturen führen in den Untergang.

Von unseren Häusern müssen wir lernen: zu verfallen und gleichzeitig erhaltenswert zu sein. Von unseren Spinnen können wir lernen in einer eher feindlichen Welt auszuharren, ungeheuer komplexe Fähigkeiten haben und in einem Augenblick anwenden, aber lange Zeiten den Durst nach Taten aushalten wie den Durst nach Wasser. Verfall ist notwendigerweise Entmutigung, also müssen wir uns immer wieder ermutigen. Für die nächsten tausend Jahre schlage ich das Wort Arachnotharros vor, Spinnenmut. Das kann und sollte sowohl unser Mut sein, mit der Spinne zu leben als auch der Mut, den die  Spinnen haben. Es erfordert ebensoviel Mut, seine Gedanken fortzuspinnen, überhaupt erst einmal eigene Gedanken zu haben. Aber es hilft auch nicht, die Gedanken der anderen zu ignorieren. Der Kompromiss wiederum schließt das Charisma nicht aus. Ein wahrer Führer fühlt seine Gemeinschaft. Auch er lernt nur durch Mimesis, durch Nachahmen. Der Schauspieler ahmt uns nach, aber wir ahmen den Schauspieler nach. Nur wenn du gibst, hast du auch. Es gibt keine anderen Menschen. Die Menschen – das bist du und das bin ich. Mein Haus ist offen für alle, die offen für mein Haus sind.

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