ZWEI SAUCEN IN FRIEDLAND

Die Ähnlichkeit von Saucen und Texten ist offensichtlich: beide unterliegen Regeln, beide werden komponiert. Alles was komponiert wird, unterliegt Regeln, wir betonen es nur, weil der Dualismus oder Nichtdualismus unser Thema ist. All die Saucen, die man so in normalen Restaurants zu normalen Gerichten bekommt, stehen in irgendwelchen Kochbüchern oder kommen aus dem allgemeinen Erfahrungsschatz unserer Großmütter. So würde man denken, wenn man nicht darüber nachdenkt. Tatsache ist aber, dass der kreative Anteil des Kochens von Männern stammt und aus herrschaftspolitischen Gründen wahrscheinlich eher nicht weitergegeben wurde. Edelköche waren sicher überdurchschnittlich oft nicht verheiratet und sind überdurchschnittlich oft durch ihre Kunst zu Tode gekommen: falsch angerichtet und schon hingerichtet.

Im Mecklenburger Hof in Friedland ist es mir am vergangenen Sonntag zum erstenmal gelungen, zwei Saucen als von einer Frau komponiert zu identifizieren. Die erste Sauce war ein mildes Dressing zu einem ganz gewöhnlichen von Weisskohl dominierten köstlichen Salat, der hervorragend zu der Forelle passte, an der man wenig falsch machen kann. Die zweite Sauce war eine auf Meerrettich basierende Remoulade, die aber von dem Meerrettich nicht überlagert, die weder zu scharf noch zu milde, und vor allem nicht von einem weiteren Gewürz gestört war. Diese auf Milde fundierte Komposition war leicht als weibliche zu erkennen. Männliche Saucen sind aggressiver. Das ist mit Texten ebenso, man erkennt das Geschlecht der Schreibung. Der irrationale Anteil beim Erkennen dürfte ebenso hoch sein, wie der irrationale Anteil bei den psychischen oder mentalen Geschlechtsmerkmalen selbst. Ein Teil von ihnen mag, wie wir spätestens seit dem herrlichen Einmanntheaterstück ‚Caveman‘ wissen, aus dem Neolithikum stammen. Tatsächlich kann sich das lange Verharren in den Berufen und Zuständen der Jäger und Sammlerinnen evolutionär ausgewirkt haben. Merkwürdig ist aber, dass unser Vorschlag diese lange Epoche auch so zu benennen, wie sie war, nämlich die Epoche der Sammlerinnen und Jäger, und nicht, wie man sinnloserweise immer noch lesen kann: Jäger und Sammler, noch nirgendwo anders zu lesen war. Trotzdem gab es auch im Neolithikum als Ausnahmen schon Amazonen und Sammler.  Beinahe noch interessanter ist aber der irrationale Anteil von Merkmalen, der durch das Verstecken und die Abwehr jener Merkmale entstanden sein mag, die nicht modern oder nicht opportun waren. Die berühmtesten Beispiele sind: Männer weinen nicht. Frauen sind gläubig.

Während die Pflichten der Frauen eher natürlicher Art waren, sind die der Männer eher gesellschaftlicher Art: Schutz, Trutz, Schmutz. Daraus ließ sich leicht eine erhöhte Bedeutung ableiten: sie bekommt die Kinder, er erzieht, beschützt, stählt die Kinder und schickt sie in den Tod. Der Anteil der Frauen an der Erziehung ist schon deshalb höher, weil man vor Siegmund Freud ja nicht wusste, dass sie im wesentlichen bis zum vierten Lebensjahr dauert. Vielleicht kommt der fragile Anteil im Mann im doppelten Sinne von der Mutter: das Menschlichallgemeine und das Nichtmännliche. Das Nichtmännliche verhindert aber eine stabile Männlichkeit, worauf beruht sie, wenn das weibliche bereits abgewehrt ist? Demzufolge würde das Fragile der männlichen Rolle nicht erst und nicht nur durch die Emanzipation der Frauen gekommen, sondern auch früher schon da gewesen sein. Allerdings konnte man die eigene Schwäche gut hinter Alkohol, Patriotismus und Krieg (heute Auto) verstecken. Organisierte Mordlust überspielt die Neigung zum Weinen. Allerdings darf man wieder nicht übersehen, mit wieviel Wohlgefallen dieses männliche Unwesen von den Frauen begleitet wurde: wieviele Frauen standen an den Straßen und winkten den Soldaten (Autos)? Genauso viele, wie es Soldaten gab. Die Uniform wurde als etwas Individuelles angesehen, weil sie ihren Träger aus der Masse der Dorf- und Kleinstadtmenschen heraushob.

Arithmetisch betrachtet ist es ja ohnehin Unfug, von weiblichen Anteilen und männlichen Anteilen zu sprechen. Erstens sind sie statistisch gesehen gleich groß, zweitens sind sie immer komplementär, selbst in solchen Gesellschaften, wo es ausgeprägtes Geschlechtsgruppenverhalten gibt. Die Räuberbanden etwa des neunzehnten Jahrhunderts mögen, von außen betrachtet, männlich dominiert und entsexualisiert gewesen sein. Aber es gibt keinen wirklichen Grund anzunehmen, dass in diesen Banden weniger Frauen waren und das Sagen hatten. Auch in patrialinearen Gesellschaften und in patriarchalischen Familien überwiegt das Komplementäre über das Symmetrische oder gar Subalterne. Man könnte es auch so beschreiben: Männer und Frauen unterliegen jeweils einer Doppelbindung. Um ein Mann zu sein, muss man eine Frau sein können, darf es aber nicht. Um eine Frau zu sein, muss frau ein Mann sein können, darf es aber nicht zeigen.

Das komplementäre mag das statistisch überwiegende Moment der Unterscheidung sein, es wird aber überlagert durch das Streben nach Dominanz unabhängig vom Geschlecht. Jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens merken, dass es ihnen fast nie gelingt, dominant zu sein, flüchten sich gerne in das von Sacher-Masoch beschriebene Phänomen und glauben, im Unterliegen überlegen zu sein. Überleben scheint mir dagegen ein komplementäres Miteinander von Dominanz und Solidarität zu sein, das in der Mütterlichkeit besser vorgeformt ist als in der Männlichkeit, dagegen ist Väterlichkeit in nichts von Weiblichkeit unterschieden. Über der berechtigten Kritik männlicher Sozietäten oder auch Horden wie Jägern, Kriegern, Räubern und Marodeuren mit ihrer bewussten Leugnung der solidarischen, oft auch ethisch genannten Prinzipien ist die permanente weibliche Hordenbildung jahrhundertlang übersehen worden. Allerdings ist ihr Schaden auch eher gering. Sie haben keine Kriege geführt, nur Männer ausgeschlossen aus ihrer Spinnstube. Vielleicht haben sie sich mit ihrem Kult des Pragmatismus, Erfolgs und Überlebens selbst von der Kreativität verabschiedet und der Jäger wäre nur deshalb Bastler geworden, weil er nicht Sammler werden durfte?

Der Begriff des Komplementären, von Watzlawick in die Gesellschaftspsychologie eingeführt, beschreibt die Verabschiedung vom Dualismus, von der Dichotomie, wie wir sie wegen der ständigen Konfrontation mit unserer Geschlechtlichkeit nicht nur denken, sondern erleben und lieben. Er beschreibt die Schnittmenge, die wir nicht mögen und nicht wollen, obwohl sie vollendete Tatsache ist. Die Schnittmenge empfinden wir als Makel, weil wir in einer immer noch dichotomischen Begriffswelt leben, die als perfektes Abbild der Welt erkannt sein will. Obwohl das Begriffspaar gerade und ungerade gerade die Unpaarigkeit beschreibt, beschreibt es eine scheinbar bipolare Welt.

Das uralte Thema jedenfalls, seit wir denken können, bleibt offen: wie werden sich Frauen und Männer weiterentwickeln, und werden sie sich überhaupt weiterentwickeln? Wird man an  Saucen und Texten und Kindern weiter ihren Haupturheber erkennen können?

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2 Gedanken zu “ZWEI SAUCEN IN FRIEDLAND

  1. Hallo Rochus,
    lange habe ich meine Zweifel gehegt, ob es gut ist, bei KV zu bleiben oder nicht. Zum Glück bin ich geblieben. Ja, Städte wie Friedland, Strasburg, Anklam, du hast noch einige erwähnt, haben alle ihre Geschichte(n), zum Glück gibt es Leute wie dich, die sie vor dem Vergessen bewahren. Gruß Lewin.

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