SCHACHMATT FÜR DEN GROSSMUFTI

für Raif Badawi, meinen berühmten Bloggerkollegen

 

Der Mensch spielt nur da, wo er ganz Mensch ist

und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich von Schiller

 

Teile und alle werden satt,

spalte und alle werden vernichtet.

Yunus Emre

 

Groß ist nicht, wer sich groß nennt. Auch ein Amt kann nicht groß machen, so viele sind durch ihr Amt winzig geworden, Staub, vergessen, vergangen. Groß wird man durch Taten, die länger als Menschen wirken. Groß wird man durch Ideen, die Menschenleben verbessern, Menschen beflügeln. Gott hat die Welt nicht für Ordnungshüter geschaffen, sondern für uns, die Menschen, und uns helfen dabei solche Riesen wie Ibn Ruschd,  Sinan, Bach, Michelangelo, Shakespeare, Einstein.

Seit Jahrhunderten wird Schach gespielt. Seit Jahrtausenden wird gespielt. Es spielt der Mensch, es spielt das Tier. Spiel ist nicht nur etwa Zerstreuung, die durch Permaernst ersetzt werden müsste oder könnte. Spiel ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Das Spiel der Kinder modelliert das Leben, bildet es zur Probe ab. Aber weder das Lernen noch die Arbeit substituiert das Spiel. Vielmehr bilden die drei, je älter der Mensch wird, eine komplementäre Dreiheit. Das schließt keinesfalls die transzendenten Tätigkeiten des Menschen aus, allerdings ist auch hier die Religion nur ein Drittel, die anderen beiden sind Kunst und Philosophie. Besonders in der Kunst berührt der zweite transzendente Kreis den ersten praktischen Kreis menschlicher Tätigkeiten, und zwar im Spiel. Eine Reihe von Künsten werden im Spiel ausgeübt: Theater, Tanz, Musik.

Die populärsten Spiele überhaupt waren mehrere Jahrhunderte lang Schach und Fußball. Sport muss jüngeren Datums sein, da er früher nur als Ritterturnier, also nur für die Eliten vorkam. Ansonsten ist Sport ein Kind der Sattheit. Wer mehr isst, als er durch Arbeit verbrennen kann, braucht Sport. Schneller als man überhaupt denken kann, sind diese beiden Spiele aber durch Millionen von Computerspielen überholt worden, die von Milliarden Menschen gespielt werden. Es ist so, wie mit der katholischen Kirche und der Wiederzulassung Wiederverheirateter Geschiedener zum Abendmahl. Das betraf früher die Mehrheit der Menschheit. Heute versteht die Mehrheit gar nicht, was das sein soll. Sechs Milliarden Menschen kennen kein Abendmahl. Sechs Milliarden Menschen werden von dem Schachverbot noch nicht einmal hören, obwohl sich sonst die Schlagzeilen und die Nachrichten überholen.

Die Ignoranz wird die Ignoranten teuer zu stehen kommen, das war schon immer so, jedoch können über dem Schachverbot oder der Hinrichtung eines religiösen Führers der Gegenpartei einst bedeutende Staaten zu Wüstenoasen verkommen.

Saudi Arabien, das nicht so sehr von seinem greisen und gebrechlichen König Salman, sondern wahrscheinlich viel mehr von seinem überaus agilen Sohn Mohammed bin Salman (MBS) geführt wird, der gleichzeitig faktischer Außenminister, wirklicher Verteidigungsminister, stellvertretender Ministerpräsident und Vizekronprinz ist. Er führt den Krieg gegen die Schiiten im Jemen, er schürt den Krieg gegen die Schiiten im Iran, er fährt Verluste im dreistelligen Milliardenbereich ein, um den Ölpreis verfallen zu lassen. Man kann im Koran überall nachlesen, dass das nicht gutgehen kann. Der Koran verpflichtet die Muslime zu dem, was alle Menschen guten Willens wollen und tun: Gutes. Wetteifert darum in guten Werken, heißt es zum Beispiel in 5:49. Ob dazu Flächenbombardements gegen Glaubensbrüder gehören, kann man gerne bezweifeln. Richten kann allerdings nur einer.

In derselben Sure (5:91) steht auch, womit ebenfalls alle vernünftigen und gutwilligen Menschen der ganzen Welt und der ganzen Geschichte übereinstimmen: dass Glücksspiele und Wein, Götzenbilder und Lospfeile Werke des Bösen sind, in anderen Übersetzungen kann das ein wenig abweichen, der Sinn bleibt. Glückspiele sind sinnlos, weil sie falsche Hoffnungen auf schnelles Geld wecken, die fast immer, zu 99,99% enttäuscht werden müssen. Ein anderer großer Prophet hat bekanntlich die Geldwechsler und Glücksspieler aus dem Tempel geworfen.

Es gibt jedoch in keinem der heiligen Bücher einen Hinweis darauf, und kein vernünftiger Mensch wird darauf kommen, dass Spiel überhaupt verboten sein könnte. Im Gegenteil beteiligten sich auch große Propheten wie zum Beispiel Salomon (Suleiman, Salman) am Spiel der Menschheit.

Die Ignoranz geht indessen weiter, als man auf den ersten Blick sehen kann. Schach hat schon immer den Nebenblick auf die Mathematik und die Philosophie gehabt. Die großen Schachspieler waren die ersten Nerds. Darunter waren auch bedeutende Politiker, wie zum Beispiel Sultan Saladin, der zurecht der Große genannt wird.

Die Mathematik der letzten Jahrzehnte hat mit ihrer Spieltheorie versucht, das menschliche Denken, aber auch Taktik und sogar Strategie zu modellieren, um all diese Denkhilfsmaschinen zu konstruieren, die unser Leben effektiv, schnell und schön machen. Wenn wir die Druckerpresse mit beweglichen Lettern einbeziehen, dann ist das ein Prozess, der seit fünfhundert Jahren an Tempo und Wirksamkeit exponentiell zunimmt. Nach der Druckerpresse kamen die Telegrafie, die Kinematografie, die Schallplatte, das Radio, das Tonband, das Fernsehen, der Computer, die CD, das Smartphone. Die Produktion fast aller Gegenstände wird heute von Computern gesteuert und von Robotern realisiert. Eine der ersten Maschinen, leider war es ein Fake, war der so genannte Schachtürke von Johann Nepomuk Mälzel, den er ab 1804 vorführte, der aber ungeachtet seines von Edgar Allan Poe logisch hergeleiteten Trickcharakters die Diskussion um die künstliche Intelligenz  beschleunigte.

Die Entspannung, die das Spiel dem Menschen gewährt, ist wesentlich mehr wert als alle Verordnungen von Fundamentalisten. Der wahre göttliche Funken trifft auf den Menschen wahrscheinlich nicht so sehr im Gebet als im Spiel. Das Gebet ist die Hinwendung und die Konzentration des Menschen, im Spiel dagegen entfaltet sich der Mensch als Abbild dessen, dessen Abbild er ist. Das Spiel modelliert die Welt und die Welt modelliert das Spiel, bei Schach und Fußball ist es so offensichtlich, dass es niemandem entgehen dürfte. Das Leben verwirklich Geschichten, und Geschichten sind konzentriertes Leben. Träume sind erinnerte Wege, Wege sind erinnerte Träume.

Der ganze Nahe Osten spielt Schach, in jedem türkischen Café spielen die alten Männer, in Europa, in Amerika. In Asien gibt es ähnliche Spiele. Wir werden für ein paar Jahre – vielleicht – auf Saudi Arabien verzichten müssen, aber dann, niemand wird mehr wissen, wie der Großmufti hieß, wird ein Araber – endlich – Schachweltmeister.

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Sokollu Mehmet Pasha Camii in Istanbul,  gebaut von Mimar Sinan

 

 

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