HEIMAT

 

Nr. 179

Ich bin in eine Gruppe hineingeboren worden, die weder eine Familie war, noch eine Heimat hatte. Wie gehetzt zog sie von einer brandenburgischen Kleinstadt in die nächste. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich auf dem Turmbahnhof der Kleinstadt Doberlug-Kirchhain, deren sorbischen Namen die Nazis in einen deutschen gewandelt hatten, auf dem Weg zu meinen französisch benannten Verwandten. Dort glaubte ich zum ersten Mal, die Welt verstanden zu haben: es kreuzten sich zwei Bahnlinien der Nordsüd- und der Ostwestrichtung. Um die Welt zu verstehen, benötigst du n! Fakten und Synapsen – und schon hast du es. Wem die Zahl zu hoch erscheint, der lege erst einmal immer die doppelte Anzahl Fakten und Synapsen auf die Felder seines Schachbrettes. Damit kannst du jeden Großmufti in dir überwinden.

In diesen Kleinstädten gab es Vertriebene, die bei uns im Osten aber Umsiedler hießen, und bei denen es Mittagessen aus Schlesien, Ostpreußen, Hinterpommern und dem Warthe- und dem Sudetengau gab, ja, sie sagten Sudetengau, obwohl in der Zeitung Bruderland stand. Wie eine Antizipation des in der gegenwärtigen Jugendsprache wieder üblichen und fast inflationären Wortes Bruder, das der Bibel, Schiller und dem gesamtdeutschen Vokabular genauso vertraut war wie der sozialistischen Propaganda, kommt mir heute das merkwürdige Wort Bruderstaat vor. Denn der Staat ist niemandes Bruder. Nur der Bruder kann dem Bruder Bruder sein. Da ich keinen Bruder hatte, musste ich mir welche suchen.

Wir wohnten dann in einer Kleinstadt mit einer Russenkaserne. Die Soldaten waren eingesperrt. Wenn sie flohen, flohen sie nicht immer vor dem Sozialismus und der Mangelwirtschaft ihrer Blechnäpfe, sondern oft auch, was ich damals noch nicht wusste, vor der Dedowtschina genannten grausamen Herrschaft der dienstälteren über die blutjungen, wie Kinder wirkenden Soldaten. Tödlichen Ausgang der Dedowtschina gibt es auch heute noch.

Die Offiziere konnten sich zwar frei bewegen, aber sie waren geächtet und sie verachteten die Deutschen. Meine ersten Worte in einer fremden Sprache habe ich dort im gemeinsamen Spiel mit den Kindern der Offiziere erlernt und auch am Abendbrottisch. Sie waren sehr freundlich, aber die Väter wollte immer wissen, was mein Vater im Krieg gemacht hat. Zum Glück hatte ich keinen Vater, jedenfalls kannte ich keinen. Noch schlimmer ging es meinen Cousins: sie hatten keine Mutter, denn die war in Russland im Gulag. Aber das sagte man hinter vorgehaltener Hand.

Der erste Afrikaner, mit dem ich lange Gespräche führte und der viele Wochenenden bei mir verbrachte, war ein Partisan aus Südrhodesien, der in der DDR geschult wurde. Er zeigte mir an der Havel, wie er am Sambesi den Krokodilen entkommen war. Auf dem zugefrorenen Ruppiner See lief er und rief er: I am Jesus! Sein Pech war, dass er dem falschen Volk angehörte. Die Anhänger des heute dienstältesten und neben Isaias Afewerki und Kim Jong Un absurdesten Diktators der Welt erschossen ihn, als er in seine Heimat zurückkehrte, um sie zu befreien.

Es hat mir sehr geholfen, dass meine ersten wirklich schönen und vertrauten Städte im Ausland zwei deutsche Städte waren: Danzig und Hermannstadt. In Danzig verschwanden damals gerade die Kaschuben, deren Verwandte ich aus Lübbenau kannte, und immer wieder geben sich Menschen zu erkennen, die auf der Gustloff oder auf der Kap Arkona Königsberg, Danzig oder Stettin entkommen konnten. Viele Jahre bereiste ich Siebenbürgen, sah noch die Geschlechtertrennung in den Dorfkirchen und die Äpfel an den Weihnachtsbäumen. Jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen zurück in die Heimat, wie sie sagen, obwohl sie heute noch von der süßen Heimat Siebenbürgen singen,  stürzen auch die Türme ihrer schönen, schönen Kirchenburgen ein.

Was ich also seit dem Turmbahnhof, der Russenkaserne, dem schlesischen Himmelreich und der Lügenbrücke in Sibiu  verstanden zu haben glaubte, war die Bikulturalität, wenn nicht sogar die Multikulturalität, obwohl es das Wort noch gar nicht gab. Ich bleibe im Konjunktiv, weil es einen Indikativ der Zukunft nicht geben kann.

Das Gegenargument wäre der uralte Pejorativ vom vaterlandslosen Gesellen. Ich dagegen glaube, dass es viel schwerer ist, Heimat als einen unverwechselbaren, monokulturellen Ort zu bestimmen, als anzuerkennen, dass wir jedes Fleckchen Erde mit anderen teilen.

Hört man sich Nationalhymnen oder Regionallieder an, so wird in jedem Song das Gleiche beschworen: das Vaterland, die Muttersprache, die Kindheit, die Wälder, Wüsten, Täler, Höhen, die süßer nie klingen als an eben dieser einen einzigen Stelle, von denen es unzählige gibt. Gläubige glauben zudem, dass ihre wahre Heimat im Jenseits ist. Kein Ort ist so schön, dass man nicht einen zweiten kennen würde. Also ist Heimat auch Gewohnheit, Erinnerung, Prägung. Man könnte von einem topical imprinting sprechen: wir sind von dem Ort geprägt, den wir zuerst gesehen haben. Später sagen wir: das ist unsere Heimat. Die meisten Menschen sagen: das war meine Heimat. Immer mehr Menschen sagen: das wird meine Heimat, weil Migration keine Ausnahme ist.

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Man muss noch einen Gesichtspunkt bedenken. Die meisten Menschen früherer Zeiten waren an einen Ort gebunden. Für sie war Heimat immer auch Gefängnis. Ihre weiteste Reise war die Kreisstadt. Urlaub gab es für die allermeisten nicht. Eine wichtige Quelle der Fernerkundung waren der Militärdienst und der Krieg. Er speiste Fremdenangst und Völkerhass, aber auch Neugier und Sprachkenntnis. Trotzdem kennt jeder die Geschichten, wie im ersten Weltkrieg die Waffen schwiegen und stattdessen plötzlich Weihnachtslieder erklangen. Das bekannteste Weihnachtslied seit zweihundert Jahren ist: Silent Night. Wenn man es von Mahalia Jackson gesungen hört, kann man ihre und seine Heimat vergessen.

Von dem großen Weltreisenden Alexander von Humboldt stammen zwei schöne Erkenntnisse: dass es nämlich keine Weltanschauung ohne Weltanschauung geben könne und dass alle Menschen, die er getroffen habe, und das waren solche in allen Weltgegenden, gleich intelligent und emotional gewesen wären. An diesem Beispiel kann man auch lernen, dass eine Gegend, in diesem Falle Berlin, sowohl Heimat des größtmöglichen Kosmopolitismus, heute würden wir eher sagen größter Multikulturalität sein kann, wie auch Herd und Heimat maximaler Menschenverachtung.

Man kann also auf der einen Seite beklagen, dass Menschen an einem zufälligen Örtchen kleben. Man kann genauso beklagen, dass andere Menschen keinen solchen Ort haben. Nie war es aber richtig oder gut, Menschen für den Ort, die Hautfarbe, den Zufall ihrer Geburt zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen. Im Falle des Mordes sollte man allerdings neu bedenken: ein Mord ist immer eine infame Tötung aus Berechnung, aus niederen Beweggründen, dazu zählen auch Mordlust und Sexualität, mit Häme und nach Plan. Warum muss man also die falschen und widerwärtigen Motive der Mörder sprachlich konservieren? Es gibt keine ‚rassische‘ oder ‚rassistische‘ Verfolgung. Es gibt keine Heimat. Niemandem gehört ein Land.

TRIVIA:

Alle Menschen waren/sind/werden Brüder/Schwestern. Du sollst deines Bruders Hüter sein. Die Grenze zwischen Nomaden und Sesshaften verläuft in den Menschen, nicht zwischen ihnen. Ich bin, weil wir sind. Ubuntu. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Es gibt nur eine Erde. Geld kann man nicht essen. Man ist als Mensch vergessen, wenn man nichts hinterlässt, was überall gilt. Wetteifert um gute Taten. The more I give the more I have.  Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.  

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DAS MERCEDESPUTZGEN

 

[getan ist was du tust nicht was man dir tut]

Nr. 178

 

Von der türkischen Wanderung können wir nur einen Bruchteil sehen: der über Istanbul hinaus bis Westberlin, München, Frankfurt, Wolfsburg reichte. Jene weitaus mehr Ostanatolier, die in Istanbul blieben, wurden Istanbuler, die anderen wurden Berliner, Frankfurter, Hamburger. Der angebliche Mangel an Integration ist eine Wahrnehmungsverzögerung. Solange die indigene Bevölkerung (die um 1960 auch alles andere war als indigen) die sogenannten Gastarbeiter als Gäste sah, konnten diese sich auch als Gäste fühlen. Das änderte sich nicht durch das Eingreifen der Politik, sondern durch die Wirkung des eigenen Verhaltens, die Gastarbeiter bekamen Kinder, die Eingeborenen lernten die Verkaufskultur der neuen Gemüseläden schätzen. Fast gleichzeitig mit diesem komplementären Verhalten der beiden nicht homogenen Gruppen kamen der Behaviorismus aus Amerika und die Verhaltensbiologie aus Wien. Man hätte wissen können, was man jetzt weiß, aber man weiß es erst jetzt: die Menschen sind so, wie sie sich verhalten, nicht wie sie sich verhalten möchten oder verhalten sollten. Das heißt nicht, dass es keine Ideale oder Imperative gäbe, sondern dass das Verhalten der ersten Gruppe nicht weniger normativ für die zweite Gruppe ist als das Verhalten der zweiten für die erste. Hinzu kommt, dass es selten nur zwei aufeinander treffende Gruppen gibt. In den fünfziger und sechziger Jahren wirkten sich das Hollywood- und Rock’n’Rollverhalten, verstärkt durch die tatsächlich anwesenden Amerikaner, und das der französischen und italienischen Nachbarn ebenfalls prägend aus. Überhaupt gab es im Westen Deutschlands den vorsichtigen Beginn der Globalisierung, kommentiert und gebremst durch Nazirichter und einige rechtskonservative Politiker. Auf der anderen Seite standen aber Willy Brandt, Heinrich Böll und Günter Grass. So hat eine ganze Generation Salingers Fänger im Roggen in der Übersetzung von Böll gelesen. Vergleichbare Leitbilder gab es im Osten nicht, auch der kulturelle Austausch blieb hier marginal. Immerhin können die meisten älteren Ostbürger wenigstens eine andere Schrift deuten.

Die Frage also, ob das Essener Busexperiment, wenn es in fünfzig Jahren unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt wird, im Ergebnis gleich bleibt, kann man positiv beantworten, wenn auch ohne jede Garantie. Allerdings muss man die Naivität der Frage durch ein großes ALLERDINGS bremsen. Fünfzig Jahre gelten seit Goethe und Kondratieff als eben jene Mittelfrist, in der sich Basisinnovationen und Verhaltensweisen so grundlegend ändern, dass die Welt ausgetauscht erscheint. Wir hatten deshalb den Honeckersatz vom Januar 1989 als unfreiwillige Karikatur dieses Austauschs ansehen können. Allerdings muss man sagen, dass die Berliner Mauer eher eine Metapher oder Marginalie als ein tatsächliches gravierendes Ereignis war. Man muss sie nur in Beziehung setzen zu den wirklich großen Innovationen dieser Zeit: der Atombombe als letztem Waffensystem, dem Computer als Modellierung und Mobilisierung der Welt und Automobil und Flugzeug als größtem Mobilitätsschub der bisherigen Geschichte.

Wenn man in den siebziger,  achtziger und neunziger Jahren durch bestimmte Straßen von Offenbach, Rüsselsheim oder Kreuzberg ging, sah man das deutscheste Verhalten: tausende von Männern putzten ihr Statussymbol – auch das Wort kam damals auf – und ihre Mobilitätsmetapher – denn in Wirklichkeit gingen sie zur Arbeit um die Ecke -, den 123er Mercedes, mit dem sie in die Heimat fuhren, die ihnen durch ihre Kindheit tränenfeucht nah war, durch ihre Kinder aber immer rationalpragmatisch ferner wurde. Das Putzen des Mercedes war also kein nationales oder rationales Verhalten, sondern vom Mercedes, vom Sozialstatus, vom Zeitgeist vorgegeben. Wir werden es noch erleben, dass das Zweite Fahrradzeitalter alle in Europa lebenden Stadtbewohner erreichen wird, egal, wo ihre Großeltern gelebt hatten.

ALLERDINGS widersetzt sich das Leben allen Berechnungen. Das Gegenteil des Lebens ist Kalkül. Einen Tod kann man berechnen, wie Franz von Moor es tat, aber das Leben folgt komplexeren Bedingungen. Deshalb wäre es unsinnig, Gutes zu tun, um Gutes zu erhalten. Do ut des – gib damit dir gegeben wird – ist ein Rechts- oder Vertragsprinzip. Eine Hand wäscht die andere ist ein ironischer Spruch bestenfalls aus dem Alltagsleben. Aber eigentlich beschreibt er Korruption. Schließlich ist das zwar auch aus dem Volksmund kommende, dann aber in die Spieltheorie übergegangene tit for tat bestenfalls eine Strategie, die im Spiel oder im Gefängnis aufgehen kann. Sie erkennt schon das Wesen und das Fundament des menschlichen Handelns: die Kooperation, die sich evolutionär aus dem Pflegeverhalten ergeben hat. Wir können nicht ohne Pflege überleben. Es ist immer wieder schwer zu erkennen, dass damit nicht vor allem die Pflege gemeint ist, die uns angetan wurde und wird. Als Kind wissen wir noch, wie beschämend es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein. Wir versuchen, uns aus der mütterlichen oder väterlichen Fürsorge, die zunehmend als Klammerung empfunden wird, zu emanziperen. Aus dem protecting wird allzuschnell und allzuleicht overprotecting. Und das hat einen ganz einfachen Grund: es bereitet Freude und Genugtuung, zu geben und zu helfen, zu beschützen und zu pflegen, zu retten, zu bewahren und wiederzubeleben. Alles Leben ist Renaisssance.

Dem widerspricht nicht wirklich, dass es Situationen gibt, in denen Egoismus sich wie ein schwarzer Schatten vor die Kooperation schiebt, durch Todesangst zum  Beispiel. In der schlimmsten Schiffskatastrophe aller Zeiten überlebten vier Kapitäne und tausend Männer, es starben neuntausend Frauen und Kinder. Aber der zweite dreißigjährige Weltkrieg ist eben kein Modell des Lebens und das Leben ist eben kein Krieg aller gegen alle. Wenn alle Metaphern wörtlich zu nehmen wären, gäbe es keine. Eine Hand wäscht die andere, aber nicht deshalb. Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.

 

Wir dichten da nicht: wir rechnen.

Aber damit wir rechnen können,

hatten wir zuerst gedichtet.

           Friedrich Nietzsche

DIE MAUER WIRD NOCH IN HUNDERT JAHREN STEHEN…

Nr. 177

 

 

Es gibt einen kleinen Film, mag es nun ein Fake oder wirklich ein Experiment der Universität Duisburg-Essen sein, in dem in öffentlichen Verkehrsmitteln erneut die Segregation eingeführt wird, deren Abschaffung einst Martin Luther King und die ungeheuer mutige Rosa Parks im Montgomery Busboykott initiiert hatten. In Essen oder in dem Fake weigert sich nun die Mehrheit der Menschen oder der Schauspieler  in eine solche widersinnige und anachronistische Unordnung einzutreten. Was soll daran schlecht sein? Die Mehrheit der guten Menschen versichert sich von Zeit zu Zeit ihrer Mehrheit. Diese schweigende Mehrheit des Guten ist nur durch Demagogen und auch nur zeitweise zu beeinflussen. Demagogen nannte man früher die Populisten. Der eigentliche Mut des Busboykotts lag bei Rosa Parks, denn sie wusste ziemlich genau, dass ihre harmlose Aktion – nämlich auf dem Platz für Weiße einfach sitzen zu bleiben – für sie tödlich enden konnte. Für die Bewohner von Montgomery und die Besitzer der Busgesellschaft dagegen verwirklichte sich nur, was in der Bibel und in der amerikanischen Verfassung geschrieben steht. Deren Frage war falsch gestellt: woher nehme ich die Garantie, dass, wenn einmal die Schwarzen die Mehrheit haben, ich noch einen Platz im Bus bekomme. Die Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die Frage des alten Mannes in Georg Kreislers Lied ‚Der Hund‘, was nämlich macht, wenn ein Krieg kommt und Welt untergeht, mein Hund.

Hamlet ist auch ein Fake und keine Wirklichkeit, wir lernen daraus trotzdem, dass wir uns mit überlanger Prokrastination nur schaden. Aber wir lernen aus Hamlet auch, dass es schwer ist, über seinen Schatten zu springen. Deshalb ist Veränderung ein ungeheuer langsamer Prozess, der hin und wieder von traumatischen Ereignissen durchbrochen wird. Die Ergebnisse von beiden Entwicklungslinien sind nicht voraussehbar, die Zeit ist andererseits irreversibel, unumkehrbar. Davon träumen die Fiktionen, an denen wir uns mehr und mehr erfreuen. Es gab einmal eine Zeit, wo viele Menschen Angst hatten, dass die Märchen durch ihre Grausamkeit den Kindern schaden könnten. Man nahm vielleicht an, dass jedes kleine Mädchen, das nicht schnell genug in seine neuen Schuhe zu schlüpfen imstande wäre, sich die Hacken abhacken würde. Der vielleicht berühmteste Märchenforscher und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim fand heraus, dass Kinder Märchen brauchen und die Grausamkeiten als Fake oder Fiktion erkennen. Kinder wollen immer wieder hören und sehen, dass das Gute siegt, so wie in dem Essener Bus.  Die alten Griechen, von denen wir die ersten großen Erzählungen auf der Bühne haben, unterschieden auch schon in Komödien, in denen man über die Fehler der Protagonisten lachen kann, und Tragödien, wo sie sterben und wir mit geläuterter Seele nach Hause gehen. Die große Erzählung von David und Goliath weiß nichts vom falschen Triumph der Schwachen, sondern von der Erneuerung der Eliten. Bekanntlich wird der siebte Sohn des Hirten, der seinen Brüdern nur das Essen bringen soll, König und Begründer einer Dynastie, und zwar nur weil er die bessere Technologie hat.

Globalisierung beginnt nicht mit Kolumbus, der übrigens weder Amerika entdecken wollte noch sonderlich über die Zukunft der Menschheit nachdachte, sondern der einfach reich und glücklich werden wollte, wie wir alle. Besonderen Wert legte er auf den Titel Vizekönig von Indien. Trotzdem kann man das Ignorieren der Globalisierung mit dem Ignorieren der Kartoffelgestalt der Erde vergleichen und als präkolumbianisches Denken bezeichnen. Genau genommen ist es aber auch gar kein Denken, sondern ein Beharren.

Manche Menschen behaupten, dass sie, wie in der Diktatur, bestimmte Dinge nicht mehr sagen oder eben fragen dürften, sie nennen das dann Meinungsdiktatur, Lügenpresse, Gutmenschenfaschismus. Aber sie fragen jedes Mal das gleiche: ob jemand ihnen die Garantie geben könnte, dass im Essener Busfake, wenn die anderen die Mehrheit haben, sie sich dann für uns genauso einsetzen wie wir jetzt für sie. Dieser merkwürdige Gedankengang unterstellt, dass jemand die Zukunft voraussagen könnte oder dass politische Konstrukte, wie Staat, Sozialversicherung oder LAGESO, eine größere Halbwertzeit als hundert Jahre haben könnten. Letztlich ist die Frage eine Variation des berüchtigten Honecker-Satzes vom 19. Januar 1989, der übrigens auch stark tautologisch und demagogisch war, dass nämlich die Mauer noch fünfzig oder hundert Jahre bestehen bliebe, wenn sich die Bedingungen nicht änderten. Bekanntlich änderten sich die Bedingungen schneller, als Honecker denken konnte.

Von der Globalisierung profitieren wir alle, indem wir unsern Reichtum dem Export verdanken. Dabei spielen Waffen zum Glück zahlenmäßig nur eine untergeordnete Rolle von unter einem Prozent. Hauptsächlich exportieren wir Autos, Maschinen, Chemie- und Pharmaziewaren sowie Elektronik. Von der Globalisierung profitieren wir aber auch ganz persönlich, indem wir ein Handy benutzen, in dem Seltene Erden verwendet werden, das ist die etwas irreführende Kurzbezeichnung für gar nicht einmal so selten auftretende Metalle, die aber schwer zu gewinnen sind.

Globalisierung ist aber auch die Reise in den Hotelkomplex irgendeines Landes, dessen Bewohner viel ärmer sind als wir, die aber auch, indem sie uns bedienen oder Seltene Erden fördern, von der Globaliserung Nutzen haben und nicht etwa nur an den Folgen des Kolonialismus leiden. Wir leiden übrigens auch an den Folgen des Kolonialismus, indem manche Menschen immer noch nicht wissen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind. Damals war Verbrüderung verboten, weil man Verkafferung befürchtete, ein Wort, das in den Köpfen einiger Menschen als archaische Angst herumspukt.

Schließlich aber ist die Globalisierung die Hauptursache dafür, dass die großen und wichtigen Länder der Welt keinen ernsthaften und großen Krieg mehr führen. Zwar gibt es noch Bürgerkriege, in denen auch Interessen der Nachbarländer oder sogar der Großmächte oder Möchtegerngroßmächte kollidieren. Aber alle diese bedauerlichen und überflüssigen Konflikte sind nicht mit dem Dreißigjährigen Krieg des siebzehnten Jahrhunderts (1618-1648) oder gar mit dem dreißigjährigen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts (1914-1945) vergleichbar.

Obwohl Nietzsche sich selbst eher als scharfsinniger Beobachter gesehen haben wird, weniger als Konstrukteur einer neuen Gesellschaft, hat er zur Konstruktion der Zukunft, also unserer Gegenwart, doch einige Bauteile geliefert: die Umwertung aller Werte und Abschaffung restriktiver Moral etwa und eben die notwendige Beseitigung der Grenzen.

 

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keinen Nachbarn mehr.

FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachlass 1883, KSA Band 10, S. 137

Angst und Verachtung sind die eigentliche Katastrophe. Die Lösung aller Katastrophen aber ist Zuversicht.

DAS WACHSENDE HAUS

Nr. 176

Am Anfang war das Wort. Aber dann kam schon die Hütte. Wir Menschen brauchen immer ein Obdach und oft auch einen Mentor, aber da wir fast immer nach der trial and error Methode vorgehen, müssen wir manchmal dutzende oder hunderte von Jahren mit unseren Irrtümern leben und lernen dabei auch Widerstand und Geduld. Vielleicht ist dies auch ein Generationenkonflikt: am Anfang leisten wir Widerstand und später folgen wir den Mentoren, die schon alt waren als sie uns den Rat gaben, Geduld zu lernen und zu üben.

So kann man die Geburt der Renaissance, was ja Wiedergeburt heißt und somit wunderbar den Ausschnitt aus dem uns unendlich erscheinenden Zyklus von Werden und vergehen beschreibt, in das Florenz des ersten Drittels des 15. Jahrhunderts (italienisch Quattrocento) datieren. Masaccio, der Schüler, der schon Meister war, gestaltet in seinem Fresco Dreifaltikgkeit die Dreidimensionalität und sein Lehrer Brunelleschi vollendet 1436 die Kuppel des Doms, erfindet dabei den Rückwärtsgang eines Getriebes und überholt die Byzantiner, die kurz darauf den Osmanen unterliegen, die dann weiter Kuppeln bauen, die ihren Gipfel in Mimar Sinan erreichen. Die Weltgeschichte kann man in einem Satz einzufangen versuchen.

In Berlin wurde einst ein komplexes Nahverkehrssystem für eine Weltstadt entwickelt. Berlin leistete sich früher auch Stadtbaudirektoren, die Meilensteine der Baugeschichte setzten. Ludwig Hoffmann überzog die Stadt mit einem Netz wunderbarer Bildungseinrichtungen, Gemeindeschulen, deren kathedralartige Elemente den unterprivilegierten Schülern wenn schon nicht Perspektiven aufzeigen, so doch Raum für Trost bieten konnten. Indessen nahm das Elend nicht in dem Tempo ab, wie es notwendig gewesen wäre. So gesehen kann man den ersten Weltkrieg auch als ein großes Ablenkungsmanöver von den Nöten der Zeit sehen, wahrscheinlicher aber ist er das erste gescheiterte Rückzugsspektakel des Konservatismus. Man wird nicht behaupten können, dass mit dem sozialen Wohnungsbau auch tatsächlich alle sozialen Probleme gelöst werden können. Das Gegenteil, dass man nämlich mit einer Wohnung einen Menschen wie mit einer Axt erschlagen könne, ist sowohl behauptet (Heinrich Zille) als auch lange Zeit zitiert worden.

Dagegen trat nun der Stadtbaudirektor Martin Wagner mit seiner Idee des sozialen Wohnungsbaus an. In Ernst Reuter fand er seinen Senator, in einer ganzen Phalanx von hervorragenden Architekten und Landschaftsarchitekten kongeniale Mitarbeiter. Poelzig bezeichnete Wagner als Regisseur des Bauens. Einige der damals gebauten Wohnsiedlungen gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe (Schillerpark, Hufeisensiedlung, Wohnstadt Carl Legien, Siemensstadt, Weiße Stadt). Viel später verkam der soziale Wohnungsbau zu einer urbanen Subkultur, zu den berüchtigten Plattenbauten an den Rändern schnellwachsender Großstädte, suburbs, banlieus, gecekondus, Vorstädte, Wohnsilos. Das moderne Ghetto fand hier seine Heimat.

Martin Wagner wurde von den Nazis entlassen. Er lebte noch einige Jahre in Berlin wie ein Flüchtling. Weil er es nicht ertragen konnte, ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne die Fortführung seiner großen Ideen zu sein, setzte er sich jeden Morgen in die S-Bahn und fuhr von seinem Reihenhaus im Eichkamp in Charlottenburg an die Stätte seines einstigen Wirkens, das Rote Rathaus. Sein Freund Hans Poelzig verschaffte ihm einen Beraterauftrag in Istanbul, wo allerdings keines seiner geplanten Häuser gebaut wurde. Wieder ein paar Jahre später wurde er Harvardprofessor, fand noch einmal seine Bestimmung als Stadtplaner und entwickelte etwas, das wir heute im doppelten Sinn gut gebrauchen könnten: das wachsende Haus.

Schon in Istanbul muss Wagner beim Anblick der vielen Moschee- und Marktkuppeln (Bedestan) die Idee seines Igloo Hauses gekommen sein, das größte Variabilität auf kleinstem Grundriss ermöglicht. Über dem kreisrunden Grundriss erhob sich eine vorgefertigte Kuppel, außen aus Stahl, innen aber mit Sperrholz ausgeführt. Diese Igloo-Elemente konnten beliebig kombiniert werden. Ebenfalls vorgefertigte Fundamente aus Stahlbeton zeigen die Herkunft Wagners aus dem deutschen Wohnungsbau, der eben auch die Vorfertigung (Schinkel) und den Plattenbau hervorgebracht hat. Die erste deutsche Plattenbausiedlung hatte Wagner selbst entworfen, sie befindet sich in Friedrichsfelde, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Der heutige Name der Splanemann-Siedlung ehrt einen kommunistischen Widerstandskämpfer, der alte Name ‚Kriegerheim-Siedlung‘ war nach zwei Kriegen für die Bewohner und den Erbauer unerträglich geworden.

Martin Wagner wurden zwar von General Motors die Patentkosten bezahlt, aber sonst fand sich kein Investor für seine großartige Idee, die für den normalen Wohnungsbau, für schnell erforderlichen Wohnraum, für Wochenend- und Zweitwohnungen, auch für den militärischen Unterkunftsbau geeignet gewesen wäre. Er stand im Briefwechsel mit seinem berühmten Kollegen Richard Buckminster Fuller, der auch schon ökologische Gedanken mit seinem ganz ähnlichen Projekt, dem Dymaxion, verband. Beide waren zu früh gekommene Denker und Konstrukteure.

Warum nun eine so großartige Stadt wie Berlin sich weder auf die in ihr geborenen Ideen besinnt noch diese Ideen überhaupt erinnert, statt dessen ein Bild des hilflosen Durcheinanders bietet, gerade auf den Gebieten, wo sie schon einmal weltweit führend war, bleibt unverständlich. Knapp hunderttausend Flüchtlinge kamen in den letzten Wochen und Monaten nach Berlin. Teils sind sie in komfortablen Containerbauten untergekommen, teils in vorhandenen Heimstätten, aber eben auch in konfiszierten Turnhallen und anderen unwürdigen Massenunterkünften. Jeder weiß, dass es dort zu Stress und Hysterie kommen muss. Warum weiß niemand Verantwortliches, dass der bedeutendste Berliner Stadtplaner einst Häuser ersann, um genau so eine Krise zu meistern. In schneller und doch ökonomischer und ökologischer Bauweise hätten Wohnstätten entstehen können, die Lücken gefüllt und die Menschen menschenwürdig und sogar komfortabel dezentral untergebracht hätten. Zudem sind diese Kuppeln ein wunderbares Architekturzitat, eine hochsignifikante Metapher für das Himmelszelt, dessen moralisierende Funktion zwar in Königsberg beschrieben, aber gleichwohl in Deutschland und anderswo vergessen wurde. Schon lange fragen sich viele Menschen, wann endlich von Berlin wieder Gedanken ausgehen von der Größe der Relativitätstheorie, Ideen verwirklicht werden von der Art des wachsenden MW-Hauses, übrigens befand sich auch das erste Kraftwerk der Welt in Berlin. Auch andere Obdachlose, denn was sind Flüchtlinge?, kann man auf diese Weise unterbringen. Überhaupt müssen wir endlich darüber nachdenken, dass es zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum keine Hierarchie gibt, es ist die eine Lebensweise nicht der anderen überlegen. Es ist überhaupt keine Lebensweise einer anderen überlegen. Trotzdem und gerade deswegen können und müssen wir voneinander lernen. Das wird im täglichen Kleinleben auch nicht so sehr bezweifelt, im großen Leben dagegen prallen immer wieder einmal Ideen aufeinander, darunter auch solche, die längst vom Leben widerlegt wurden. Andere, gute, wichtige dagegen stehen in der Warteschlange.

 

 

Für meine zahlreichen österreichischen Leser bemerke ich noch, dass Martin Wagner aus einer nach Ostpreußen ausgewanderten Salzburger Familie stammte. Das MW-Haus habe ich den Aufzeichnungen seines Sohnes, ‚Martin Wagner – Leben und Werk‘, Hamburg 1985 entnommen. Zwei nicht unbedeutende Quellen, Dehio und Wikipedia, geben für das Weddinger Rathaus einen anderen Architekten, einen Mitarbeiter Wagners, an.