DIE LEGENDE VON DER UNGLEICHHEIT DER MENSCHEN

In einem fernen Land lebte vor langer Zeit ein Mann, der hatte zwei Söhne. Er zog sie mit viel Liebe groß, denn was ist Erziehung mehr, als Liebe und Vorbild? Aber als sie erwachsen waren, wollten sie trotz aller Liebe hinaus in die Welt, um viel Geld und Ruhm zu verdienen. Doch beim Abschied ermahnte sie der Vater: nach fünfzig Jahren, wenn ein Menschenleben vorbei ist, kommt ihr wieder und berichtet eurer Heimat, was ihr erreicht und gewonnen habt.

Der ältere Sohn war über die großen Berge in den Norden gewandert. Dort war es kalt und dunkel. Aber es gab viel Wasser. Jedes Haus hatte einen Brunnen, der nie versiegte. Vor dem Dorf war ein kleiner See. Er hatte sich ein festes Haus gebaut. Das brauchte man hier, um über den Winter zu kommen. Hinter dem Haus war das Holz gestapelt, mit dem geheizt wurde. Hinter dem Haus war aber auch ein großer Garten, in dem Äpfel und Birnen, Kohl und Pastinaken in Hülle und Fülle wuchsen. Im Stall standen zwei Kühe, die sehr viel Milch gaben, und zwei Pferde, die jeden Wagen bewegen konnten. Auf den Feldern wuchs das Korn für das täglich Brot. In jedem Dorf gab es eine Mühle und eine Schule. Er heiratete eine Frau, die sein Hab und Gut zusammenhielt und mehrte. Bis auf ihre Sorgenfalten war sie sogar auch schön anzusehen. Die harten Sorgen hatten sie unfruchtbar gemacht. Das war eine Sorge mehr, und die Tränen darüber schmeckten salzig und bitter. Das Leben im Norden ist so schwer, sagten sie oft.

Der jüngere Bruder hatte mehr Glück. Er wanderte in den warmen Süden, wo die Menschen dankbar und fröhlich sind. Ihm genügte eine kleine leichte Hütte, die ihn vor dem Regen schützte. Mittags konnte er zwar nicht arbeiten, denn es war zu heiß. Aber er vergnügte sich in der schattigen Hütte mit seiner jungen, stets lachenden Frau. Das Wasser mussten sie allerdings aus einem kleinen Fluss holen, der drei Meilen vor dem Dorf floss. Im Sommer trocknete er jedoch aus. Dann hatten sie das Wasser aus einem sehr weit entfernten Brunnen zu holen und dafür auch zu zahlen. So kam es, dass ihre Rücklagen von feuchten Wintern in trockenen Sommern schmolzen. Sie hatten nur eine einzige Ziege, deren Milch nur für die kleineren Kinder reichte. Manchmal machten sie einen Käse aus der Milch. Aber wenn sie keinen Käse hatten und auch keine Milch mehr da war, aßen sie ihr Brot trocken und lachten dazu. Besonders ihr kleinster Sohn konnte sehr schön singen und Witze machen. Sie tranken sozusagen ihre eigenen Freudentränen. Täglich dankten sie der Sonne für ihr Erscheinen.

Als nun die fünfzig Jahre vergangen waren, wanderten die beiden Brüder in ihre Heimat zurück. Der jüngere Bruder aus dem Süden musste mit dem Schiff über das Meer fahren. Das kostete sein ganzes Geld. Zum Glück war John Maynard ihr Steuermann (‚In the long run we are all dead.‘), sonst wären sie nicht angekommen. Aber trotz der ganzen Odyssee und der Gefahren und Risiken nahm seine Vorfreude zu. Der ältere Bruder ging über die Berge und durch die Täler. So, dachte er, ist auch mein Leben gewesen, ein ständiges Auf und Ab, ein Haschen nach Schatten und Glück, ein Unglück kam selten allein. Der Vater war tot, aber die Großcousins neugierig. Sie fühlten sich zur Abnahme der Beichte berechtigt und bestanden darauf. Der ältere Bruder sagte: Ich habe viel Gold gewonnen in meinem schweren Leben. Aber ich habe es vergraben, damit es mir nicht gestohlen wird. Es wird heute viel gestohlen und veruntreut. Es herrscht der kalte Neid. Du kannst nicht vorsichtig genug sein. Vorsicht und Sparsamkeit, man kann auch sagen Angst und Geiz, das ist die Maxime meines Lebens und ich wünschte, sie würde zum allgemeinen Gesetz. Seine Frau weinte dazu. Der jüngere Bruder sagte: ich habe kein Gold. Ich habe nichts vergraben. Aber ich habe fünf Söhne und fünf Töchter. Hier sind sie, damit sie uns Freude machen. Seine Frau musste lachen.

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