YHPRUMs LAW

 

Nr. 180

Alle negativen Sichten, darunter auch Murphy’s law, tragen zu unserer Entlastung und Erheiterung bei. In den letzten zwei-, dreihundert Jahren ist nicht nur die Leistungsgesellschaft entstanden, sondern gleichzeitig die Mußegesellschaft verschwunden. Das heißt, dass sich der Rechtfertigungsdruck erhöht hat. Parallel dazu verlief aber auch die Säkularisierung, was wiederum bedeutet, dass jahrtausendalte bewährte Rechtfertigungsgründe von heute auf morgen gestrichen wurden. Und schließlich ist, fünftens, in derselben Zeit die Assekuranzkultur entstanden, die Vorstellung also, dass man auf alles, was vorhanden ist ein Recht hat oder erwerben kann und dass man dieses Recht bei einer Versicherungsgesellschaft hinterlegen kann. Die absurdeste dieser Vorstellungen ist die Lebensversicherung.

Es wird also weder der allgemeine Fortschritt bedacht, dass das Leben heute auch um vieles leichter ist, noch gar Dankbarkeit gefühlt. Dankbarkeit zeigt man vielleicht einmal, weil es Konvention ist. Aber hat man sie auch als wirkliches Gefühl? Täglich wird von Politikern oder anderen Personen gesagt, dass sie sich zum Beispiel  betroffen zeigten oder empört zeigten. Hinter dieser Formulierungsschwäche verbirgt sich unser echtes Problem, dass wir nicht Anteil nehmen, sondern Anteilnahme zeigen, nicht mitleiden, sondern Beileid wünschen, eher eine Betroffenenvertretung gründen als betroffen sind. Mit der Inflation der Menschen und des Geldes kam auch die Inflation der Geschichten und Gefühle. Die Anonymisierung des Bösen versteckte sich hinter der bürokratischen Formel, dass man nur seine Pflicht tue. Das ist auch heute noch so, aber das Böse ist nicht mehr das Böse, weil es ebenso kontrolliert und hinterfragt wird wie das Gute. Das Böse zieht sich sozusagen in die rauen Berge der kalten Diktaturen zurück, von denen es immer weniger gibt. Und wenigstens wird jede einzelne Untat von einem, wenn auch normierten und medialisierten, so doch universellen Aufschrei begleitet. Die meisten Diktatoren werden, wenn man ihrer habhaft werden kann, vor ein internationales Tribunal gestellt. Mit dieser nachvollziehenden Strafe wird nicht Gerechtigkeit hergestellt, weil man keine Toten aufwecken kann, aber der Spielraum für das Böse wird deutlich immer kleiner.

Es entschuldigt uns in gewissem Maße die unfassbare Menge an Menschen und ihre ebenso unbegreifliche Vernetzung. Seit Samuel Morse wissen wir in weit mehr als Windeseile, was in weit entfernten Gegenden der Welt passierte. Soeben ist unser Lieblingswort geworden.  Soeben noch beklagten wir die Vereinzelung des Menschen in der Großstadt, schon kommt eine Million Flüchtlinge mit je einem Smartphone in der Hand zu uns. Ein paar Wochen später spielen die Flüchtling Fußball in der Kreisklasse, trainieren die Kinder auf dem Dorf, haben ein eigenes Theater, machen Musik. Wozu die französischen Flüchtlinge, die vor dreihundert Jahren in die Uckermark kamen, Jahre brauchten, auch weil sie sprachlich, religiös und kulturell isoliert waren, das passiert heute in wenigen Wochen. Selbst wenn die heutigen Flüchtlinge genauso im räumlichen und informationellen Ghetto verbleiben wollten, über Facebook sind sie längst mit ihren neuen Nachbarn verlinkt und verklinkt. Das Smartboard des Deutschkurses der Flüchtlinge ist gleichzeitig ein Fenster in die Welt. Es hat viel von der archaischen Vorstellung der Magie, die jetzt eine Magie des schnellen Lernens ist. Das Smartboard verhält sich zur Kreidewandtafel und zum Fenster wie ein Kompass zu evolutionären Algorithmen. Und dabei muss man bedenken, welche große Schritte der Menschheit der Kompass und die Schiefertafel einst waren.

Weil es der Menschheit so viel besser geht als vor fünfzig oder hundert Jahren, von fünfhundert und tausend ganz zu schweigen, glaubt sie es sich leisten zu können oder zu müssen, einen teils scherzhaften, teils aber auch bitter ernsten Kult des Lächerlichen und Negativen zu zelebrieren. Was früher auf einzelne Figuren projiziert wurde, Till Eulenspiegel etwa, Hoca Nasreddin, die Figur des Kaspar im Puppenspiel, den realen Hofnarren oder den Totengräber im Hamlet, die Narrenkappe überhaupt als reale Metapher. Alles das haben wir modernen Menschen in das Gesetz der Butterstulle (закон бутерброта), auch Murphy’s law getan und damit die Schuld für das Misslingen genauso individualisiert, wie wir den Dank weggekürzt haben.

Wir wären mental gut beraten, wenn wir unseren Blickwinkel einfach auf die fünfzig Prozent jeder Dinge legten, die uns gelingen. Dazu müssten wir zugeben, dass wir eher froh sind und dankbar sein sollten. Uns hindert fatalerweise unsere ebenfalls enorm gewachsene Bildung. Sie sät zurecht in alles Zweifel. Aber diese Zweifel, so angebracht sie bei den wieder schon sprichwörtlichen fünfzig Prozent sind, so unangebracht sind sie, wenn, in der anderen Hälfte, offensichtliche Tatsachen unseren Vorstellung, die ein Alptraum oder eine Wunschbild sein kann, zuwiderlaufen. Das nennt man kognitive Dissonanz, ein Missklang zwischen unserer Wahrnehmung und unserem durch oft beträchtliche Bildung gestützten Weltbild. Diese Differenz wäre mit einem optimistischen Blick nicht mehr interpretierbar. Deshalb bleiben wir so gerne auf unserem Missmut sitzen. Es ist wesentlich leichter in den Chor der Pessimisten einzustimmen als immer wieder seine Stimme zu erheben und auf die Erfolge zu verweisen. Die Last der Erwartung ist allemal größer als die Entlastung durch das Schwarzsehen.

Geblieben ist uns die Lächerlichmachung der Vergangenheit, die auf der anderen Seite verklärt wird. Das Festnetztelefon ist uns nicht Vorläufer unseres geliebten und unentbehrlich gewordenen Smartphones, sondern ein altertümliches Folterinstrument, das nichts konnte, ein besseres Hörrohr. Einem Flüchtling kann man ein Telefon auch kaum erklären, die gesamte dritte Welt hat diese Stufe übersprungen.

Die Medien, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Gewerkschaften und schließlich jeder einzelne von uns müssen die Welt immer wieder schlechtmachen, um selbst gut dazustehen. Dass zum Beispiel ein Krieg mit der angeblichen Verteidigung des Guten begründet wird, spricht doch nicht gegen das Gute, sondern gegen den Krieg. Jeder Krieg zerstört und ist durch nichts gerechtfertigt, es ist nur die Frage wo man mit der Kritik ansetzt. Es ist immer besser, die Schuld zuerst und am meisten bei sich zu suchen. Erstens ist dann der Täter schneller gefunden. Zweitens behalte ich mir den Nachbarn als Option offen. Drittens zeigt sich dann, dass der Schaden der Grenzen, der Abgrenzung, der Angst, der Feindschaft immer größer ist als der vermeintliche Nutzen eines Krieges. Liebe deine Feinde, denn hast du keine. Sei Mozart, sieh die Welt heiter, auch wenn du Probleme hast. Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern. Das steht in allen Schriften, also höre auf zu fragen, was dein Nachbar ist oder isst oder liest.

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2 Gedanken zu “YHPRUMs LAW

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