PERFIDER MORD

Nr. 182

Immer wieder wird der eine Mord gegen den anderen ausgespielt. Der halbe Ostblock hat Anfang der neunziger Jahre gehofft, dass die Verbrechen diesseits des Eisernen Vorhangs gerechtfertigter seien als die Verbrechen der Hitlerdiktatur. Immer wenn es einen Toten an der Mauer gab, wurde auf die Toten der anderen Seite verwiesen. Die andere Seite gab die Opfer zu, aber argumentierte, dass diese Opfer im Namen der zu erhaltenden Freiheit unvermeidlich seien. Die Toten wurden nicht nur aufgerechnet, sondern auch unterschiedlich gerechtfertigt und gewertet. Der eine Tote war mehr wert als der andere, also war der eine Mord weniger Verbrechen als der andere. Alle Seiten hatten schon immer ihre Märtyrer.

Alles ist Interpretation, und keine Interpretation ist richtig oder wahr. Wahrheit wäre die völlige Übereinstimmung zwischen dem Fakt und seiner Beschreibung. Richtig wäre die perfekte Voraussage eines künftigen Weges. Selbstverständlich kann man Probleme lösen, aber wir werden nie ein Problem so lösen, dass nicht andere entstehen. Dafür wollen wir zwei Beispiele ansehen. Wenn ich bestimmte Pflanzen anbaue, also auf einem abgegrenzten Raum eine Monokultur errichte, werden dem Boden überproportional Stoffe entzogen. Albrecht Daniel Thaer und Justus von Liebig haben nun vorgeschlagen, diese Stoffe dem Boden durch gezielte Düngung zurückzugeben. Da man diese Düngung nicht genau dosieren kann, entsteht leicht ein Überdüngung. Phosphate oder gar Antibiotika – beispielsweise – gelangen in den Boden und damit in den Ernährungskreislauf. Genau das gleiche passiert, wenn wir eine Krankheit oder einen Virus bekämpfen. Daraus folgt, dass es weder Wahrheit noch Richtigkeit geben kann, sondern nur Unwahrheit, die vielleicht im besten Falle nicht beabsichtigt ist, oder Unrichtigkeit. Warum leben wir trotzdem? Uns genügt ein Ungefähr. Wenn wir uns ein altes Kloster genauer ansehen, so fallen uns die unregelmäßigen Ziegel auf, im antiken Orient gar wurden handgeformte Ziegel sonnengebrannt, und die Häuser stehen immer noch. In einer vollautomatischen W*Ziegelfabrik entnehmen gelangweilte Arbeiter, von denen es nur vier gibt, jeden zehntausendsten Ziegel, der eine Abweichung von unter 0,1% haben darf. Wir werden sehen, ob die mit ihnen gebauten Häuser in tausend Jahren noch stehen. Uns genügt ein Ungefähr.

Gegen die Herrschaft dieses Ungefähr im technischen und technologischen Bereich haben unsere Vorfahren in der Moral einige Gebote errichtet, die zu 1000% gelten. Allerdings müssen wir manchmal abwägen: gilt das Tötungsverbot mehr als die Loyalität?

Es scheint fast so, als hätten wir die Hierarchie erfunden, um diese schwere Frage nicht immer entscheiden zu müssen: Ist jemand weniger wert als wir, so müssen wir ihm gegenüber auch nicht loyal sein und umgekehrt. Ist jemand weniger wert als wir, so können wir ihn auch vom Tötungsverbot ausnehmen. Das ist die allgemeine Erklärung für Krieg. Sie wird noch dadurch verstärkt, dass wir auf der anderen Seite Mitmenschen einen höheren wert als uns selber verleihen. Dann dürfen sie unsere Loyalität einfordern und uns jeden Befehl geben, auch den zum Töten.

An dieser Stelle merken wir, dass das Problem nicht lösbar ist. Wenn man die Demokratie, also die Enthierarchisierung, bis zum letzten Ende durchdenkt, dürfen wir auch keine Tiere und Pflanzen töten. Eine Lösung des Problems käme einer dritten Ernährungsrevolution gleich: alle Nahrung für Menschen müsste synthetisch aus unbelebter Materie gewonnen werden. Allerdings würde dann zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine natürliche Hierarchie entstehen: wir würden den Tieren und Pflanzen etwas zugestehen, auf das wir selbst aus Einsicht verzichten.

Aber sollen wir und dürfen wir bis dahin auf den jetzt für gut erkannten Grad von Denken und Empathie verzichten? Nein, natürlich nicht. Demnach gibt es keinen Grund, einen Menschen zu töten. Wer es trotzdem tut, setzt sich über dieses seit allen Zeiten geltende Gebot hinweg und wird nach den jetzt geltenden, nicht vergeltenden Regeln aus der Gemeinschaft geschlossen, und das ist wörtlich zu verstehen. Demnach darf man sich auch nicht auf das Unrecht eines staatlichen oder religiösen Systems einlassen. Das ist viel verlangt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Unholde von Herodes bis Kim Jong Un zählbar sind, genauso wie ihre Tage. Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn es anders wäre. Seit der Steinzeit folgen wir in der überwiegenden Mehrheit lichten Leitfiguren. Allerdings kann man nicht bestreiten, dass es dazwischen immer wieder auch schwarze Tage und Jahre gibt.

Oft kann man lesen, dass in der Gegenwart die Christen die meistverfolgte Gruppe sind, viele Muslime fühlen sich verfolgt und stellen ihrerseits Listen getöteter Muslime auf. Wir werden mitschuldig, wenn wir Opfer auch noch nachträglich diskriminieren: der Grund ist gleichgültig, das Töten ist das Verbrechen.

Wer von heute noch ‚Judenvernichtung‘ oder Ermordung aus ‚rassischen Gründen‘ spricht, macht sich nachträglich an den unschuldigen Opfern schuldig. Es gibt keinen Grund, einen Menschen zu töten. Es gibt keine Rasse. Das bösartige Wort Vernichtung im Zusammenhang mit dem Holocaust kommt von dem Gift ‚Zyklon B‘, das nach Meinung seiner Hersteller ein ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ war, auch da schon falsch gebraucht, denn es gibt nur in einer hierarchischen utilitaristischen Relation ‚Ungeziefer‘. Wir haben uns hier schön öfter auf Kafka bezogen, der als erster Neuzeitseher den Versuch einer Empathie in das Wesen eines Käfers gemacht hat, und deshalb steht im ersten Satz seines berühmten Textes das Zeitgeistwort ‚Ungeziefer‘, während es im Fortgang der Geschichte zum unwissenden Kommentar von Ignoranten herabgestuft wird.

Wer heute noch sagt: in Auschwitz wurden Zigeuner ermordet, macht sich mitschuldig, denn er übernimmt – vielleicht nicht absichtsvoll, aber in jedem Fall gedankenlos – einen Teil der absurden Scheinbegründung der Mörder. Das Grundgesetz wurde schon mehr als fünfzig Mal geändert, aber wir schaffen es nicht, das falsche und böse Wort ‚Rasse‘ aus ihm zu entfernen. Fragt man hochbezahlte Oberbürokraten, zum Beispiel promovierte Referenten vom Bundespräsidialamt, so begründen sie auf zwei Seiten, dass sie bei der Sprache der Täter bleiben, damit das Perfide des Mordes auch heutigen Menschen klar wird.

Unabhängig von juristischen Bewertungen, zum Beispiel dem Unterschied zwischen Totschlag und Mord, sind solche Scheinbegründungen und solche Wörter überhaupt weit hinter dem Bewusstseinsstand der überwiegenden Mehrheit der heutigen europäischen Bevölkerung zurückgeblieben. Die weitaus meisten heutigen Menschen in Europa morden nicht nur nicht, sondern wissen, dass es keinen Grund gibt und geben kann, einen Menschen zu töten. Die meisten heutigen Menschen in Europa wissen, dass die Unterschiede innerhalb einer Gruppe von Menschen immer größer sind, als die Unterschiede zwischen den Gruppen.

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