FRIEDRICH DER ZWEITE DACHTE

 

Nr. 185

Obwohl er den berüchtigten, fast tödlichen Konflikt mit seinem jähzornigen Vater hatte und man verstehen könnte , dass er alles anders machen will, hat Friedrich ein gutes Verhältnis zu einer Tradition gefunden, die alles andere als rational war. Sein Vater hat ganz auf die Armee, die Vorsicht und den berechtigten Zorn gesetzt. Er hatte eine große, ungeheuer teure Armee, aber er hat sie nicht eingesetzt. Sein Verhältnis zum Menschen war mehr als patriarchalisch. Er fühlte sich als Sklavenhalter und von Gott dazu berufen, auf seine Mitmenschen einzuprügeln. Katte musste sterben und Friedrich dabei zusehen, obwohl Friedrich die Flucht geplant hatte und nicht Katte. Friedrich war gerade einmal achtzehn Jahre alt.

Friedrich schätzte und nutzte trotz des falschen, schändlichen und zurecht verhassten Verhaltens seines Vaters dessen traditionell auf das Wohl des Landes ausgerichtete Einwanderungspolitik.

Zweitens aber tat er, was damals mit Ausnahme seiner Erzfeindin Maria Theresia niemand tat, er setzte auf die Aufklärung, und zwar in einem ganz praktischen Sinn. Während er vielleicht Schlesien eroberte, um Maria Theresia zu ärgern, was wir heute ganz vehement ablehnen, hat er sich mit der Kartoffel und der vorsichtig versuchten Gewaltenteilung einen Dauerbonus in der Geschichte verschafft. Die Kartoffel war und ist so nachhaltig, dass die heutigen Migranten uns sogar so nennen.

Friedrich, sein Vater und sein Großvater sagten nicht nur ‚Bienvenue aux réfugiés‘ und ‚Wir schaffen das‘, sondern sie schufen ein auch wirtschaftlich günstiges Klima. Wer heute von Neulietzgöricke im Oderbruch bis Bagemühl in der Uckermark fährt, sieht immer noch viele Dutzende französische Kolonistenhäuser. Manche sind in der zwölften Generation liebevoll restauriert, andere sind vom Verfall bedroht.

Der Verfall hat indes nichts mit Ein- oder Auswanderung zu tun, er ist das Ergebnis bedauerlicher und heilloser Überalterung und Kinderlosigkeit, kurz demografischer Wandel genannt, denn wir lieben Metaphern und Euphemismen.

Warum stellen wir nicht interessierten Flüchtlingen verfallene oder verfallende Häuser zur Verfügung, dazu Baumaterialgutscheine, Steuerfreiheit, ein zinsloses Darlehen für startups und dazu braucht man in Deutschland leider auch bürokratische Hilfe. In anderen Ländern kauft man sich einfach ein Schild, auf dem die Firma, die man gegründet hat, steht, und schon steht die Firma. Aber dafür haben andere Länder andere Nachteile, die zum Teil nicht hinnehmbar sind. Wer sich ernsthaft einen solchen Präsidenten vorstellen kann, den kann man nicht mehr ernstnehmen.

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Der Vorschlag staatlich geförderter Hausbesetzungen ist relativ leicht umzusetzen. Wenn auch nur ein Viertel der Flüchtlinge auf diese Weise unterkäme, könnte doch mit größerer Streuwirkung gerechnet werden. Aber was sollen die Flüchtlinge, die nun Neubürger und Hausbesitzer sind, tun, um Geld zu verdienen.

Es gab einst einen schönen Werbespruch von ESSO, der sagte, dass es viel zu tun gäbe und man es nur anpacken müsste. Man könnte einerseits eine Expertenkommission einsetzen, die zu prüfen hätte, woran es uns fehlt. Viele denken, dass es uns an nichts fehlt, aber das ist eine Frage der Perspektive. Es fehlt uns an Pflegekräften. Wir müssen endlich Pflegekräfte besser bezahlen und ihnen viel mehr Zeit einräumen. Es fehlt uns an innovativer Implementierung vielfältiger Computertechnik. Es fehlt uns an Fußballtrainern, Feuerwehrleuten, Erziehern und Sozialarbeitern. Es fehlt uns an Dichtern und Mathematikern, die die Leistungsgesellschaft schrittweise in eine poesie- und computergestützte Idylle verwandeln. Die Expertenkommission dürfte auch gerne einen Wettbewerb ausschreiben.

Auf der anderen Seite kann man einfach abwarten: was werden die hausbesitzenden Neubürger als nächstes tun? Sobald sie etwas Gemeinnütziges auch nur vorhaben, muss man ihre Vorhaben finanziell und logistisch unterstützen. Es wird sich zeigen, dass bei dem einen oder anderen Projekt die Neugierde über die Fremdenangst siegen wird. Über den maroden Zaun hinweg wird Deutsch gelernt und Innovation. Es werden langsam, Schritt für Schritt, auch Altbürger einbezogen werden, die zu Transferleistungsbeziehern degradiert wurden, nicht von jemandem, sondern durch die Eigendynamik einer einerseits höchstleistenden, andererseits aber auch sozialen Gesellschaft. Es ist billig und populistisch, die Erhöhung der Sozialleistungen auf ein, wie es heißt, menschenwürdiges Niveau zu fordern. Menschwürdig ist es allein, sich selbst – wenn auch mit Hilfe – zu unterhalten. Selbsthilfewerkstätten, Dorf- und Kleinstadtzentren, in denen geplant und gewerkelt werden kann, könnten das Ergebnis dieser neuartigen Zusammenarbeit sein.

Nun sind die Flüchtlinge, selbst die gut gebildeten syrischen, keineswegs alle genügend qualifiziert oder gar überqualifiziert, um solch ein gigantisches Werk zu vollbringen. Aber sie haben alle einen Unterdruck an Aktionismus und Innovation. Sie kommen alle aus repressiven oder wenigstens autoritären Mangelwirtschaften, so dass sie jede finanzielle, logistische und liebevolle Hilfe dankbar annehmen. Sie wissen Bildung als hohes, oft unerreichbares Gut zu schätzen. Statt ihnen schon wieder einfach nur Geld zum Konsumieren zu geben, sollten wir jede Idee, jede Tat und jede Gemeinnützigkeit belohnen. Wir haben schon wieder Monate mit solchen Fragen zugebracht: Sind alle oder doch einige Flüchtlinge Terroristen? Darf man mit einem Kopftuch schwimmen/kochen/helfen? Was ist der Unterschied zwischen einem Kirchturm und einem Minarett?

Die Chancen für ein funktionierendes Miteinander sind in den Dörfern und Kleinstädten größer als in den Großstädten. Die Gefahr der Ghettoisierung auf beiden Seiten ist geringer. Wenn du immer nur die Gruppe ändern willst, zu der du gar nicht gehörst, wirst du nichts ändern! Lasst uns Spielräume schaffen und nicht Geld verteilen! Öffnen wir unsere Häuser und unsere Köpfe!

Der Staat und die Gesellschaft, und wer soll das sein, wenn nicht wir, sollten sich endlich auf ihre Großen besinnen: Friedrich und sein hochproduktives Verhältnis zu Tradition und Fortschritt. Was wir brauchen, ist eine Innovation von der Dimension der Kartoffel.

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