ALLE MENSCHEN SIND/WERDEN BRÜDER/SCHWESTERN. EINE WAHRSCHAU

 

Nr. 186

Nichts ist so, wie es ist oder gar nur scheint. Phänomenologisch sind wir durch die Arbeitsteilung und die vielfältigen Absicherungen, vom Konservenglas bis zum Kindergarten, fast untauglich oder jedenfalls blind geworden. Und wir können es uns leisten. Dieser Tage wird besonders unsere Abhängigkeit vom bis zu 99% überflüssigen Nachrichtenbetrieb diskutiert. Auf Segelschiffen und bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hieß der Ausguck Wahrschau, obwohl auch damals die Unwahrschau die Regel gewesen sein muss, denn der unbeliebte Platz verzerrte den Blick, Alkohol, Fehlsichtigkeit, Müdigkeit, Abgelenktheit, Hunger, Sexualität trugen zur Trübung bei. Niemand sieht, was er sieht. Man sieht eher, was man glaubt, als dass man glaubt, was man sieht. Keiner kennt alle zur Erkenntnis nötigen Details. Niemand kennt die tausend Gründe, warum etwas geschieht oder nicht geschieht. Der Grund wird zum Abgrund. Unsere Erwartung wird enttäuscht und verkommt zur Hoffnung, diese wird diskreditiert. Die Realisten behaupten, dass sie, weil von Hoffnung, Trauer, Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Freude, Selbstsicherheit, Selbstlosigkeit, Selbstbewusstsein oder Unsicherheit nicht ablenkt, die wahren Seher sind. Jeder von uns kennt dagegen Realisten, die nichts weiter als un- oder eingebildete oder ent- oder getäuschte Zyniker sind. Sie sagen immer das gleiche. Die Befürworter nennen das Klartext, weil es gegen den Mainstream oder gegen die Vision gerichtet ist, die Gegner nennen es Populismus, weil es nicht auf Beobachtung und schon gar nicht auf Nachdenken beruht, sondern auf Gefallenwollen, Beachtetseinwollen, Bewundertseinwollen und mit dem zu beobachtenden Fakt meist nichts zu tun hat. Die Flüchtlingskrise hat beispielsweise, selbst wenn die Aufnahme und beginnende Integration um die zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten sollte, nichts mit Geld zu tun, sondern mit Kapazität, Europa, Belastbarkeit, Parteipolitik, Wählerverhalten und wahrscheinlich noch weit mehr Faktoren. Gemessen an den Sozialleistungen aus dem Staatshaushalt von bis zu 150 Milliarden Euro pro Jahr fällt das nicht ins Gewicht, zumal steuerliche, konjunkturelle und investitive Rückkopplungen sofort wirksam werden. Es wird Geld ausgegeben und in den Wirtschaftskreislauf eingefügt, das sonst irgendwo herumliegen würde.

Unser metaphorisches Schiff braucht also nicht nur Kapitän und Kompass, Autorität und Aufklärung, sondern auch die Wahrschau vom höchsten Punkt des Mastes aus, die nicht nur, und vielleicht sogar weniger, Fakten erkennt und weitergibt, sondern Hoffnung, Appell, eventuell auch die Gewissheit des Endes. Im antiken Griechenland wurde der Bote der schlechten Nachricht getötet, und wir sollten uns den Verzerrungsgrad jeder Nachricht nach zweiundvierzig Kilometern Todesangst vorstellen können.

Der Schiffsjunge im Mastkorb muss über den Nebel hinaus sehen können, er muss aufklären, was ohne ihn im Dunkeln bliebe. Sein Ruf erlöste aus der Todesangst oder war das Todesurteil, sein Ruf war der Beginn einer neuen Menschheitsepoche oder der Verbleib in der Verdammnis.

Das christliche Abendland ist nicht nur durch das Christentum geprägt. Das ist übrigens eine Erkenntnis, die jeder einzelne Muslim oder Buddhist oder Atheist, der zu uns kommt, selbst macht. Das christliche Abendland ist nicht nur durch die Himmelsrichtung geprägt. Das christliche Abendland hat sich aber andererseits auch nicht nur auf den Kompass der Aufklärung verlassen, sondern genauso auf die Hoffnung und Zuversicht, auf die Menschlichkeit, die jedem Individuum, jeder Kultur, jeder Nation, jeder Dorfgemeinschaft innewohnt.

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Dass die Menschheit wenige Wege, aber Millionen Irrwege gegangen ist, darf uns nicht abhalten, weiter nach gangbaren Möglichkeiten zu suchen. Einerseits sind wir Teil der Natur, wie man durch den Atavismus der wilden Kinder überdeutlich sehen kann oder an unserer Schonungslosigkeit. Wie eine Herde Rehe fressen wir alles ab, auch die zukunftsträchtigsten Bäume, um uns dann über die Leere und den Tod zu wundern. Andererseits sind wir nach unserem Selbstverständnis mit einer Kraft begabt, die uns den Vorausblick, die Wahrschau, das Einfügen in größere Zusammenhänge ermöglicht. Immer wieder halten wir an und suchen Perspektiven, die uns von vergangener Schuld zwar nicht erlösen können, aber sie in Zukunft vermeidbarer machen.

So kann und sollte man die Aufforderung verstehen, nicht zu richten, weil man auch selbst gerichtet wird. Es ist überhaupt müßig, nach der Schuld zu fragen, weil das die Rache näher legt als die Besserung. Der Glaube an Gerechtigkeit scheint der wahre Irrglaube zu sein. Gerechtigkeit wäre ein Gleichgewicht, ein Hundertprozentzustand, die Klarheit und Reinheit ohne jede Nebenwirkung und Kollaterale, ohne die wir zum Infarkt verurteilt wären. Die Frage nach dem Warum ist eine wissenschaftliche, keine Alltagsfrage, weil sie im Alltag nicht beantwortbar ist und in der Wissenschaft jede Antwort Hypothese bleibt.

Der Wahrschauruf LANDINSICHT ist, wie wir schon gesehen haben, bei weitem nicht nur ein Fakt, wenn er nicht sowieso ein Fake ist. Er ist auch immer ein Appell, und auch der Appell ist nur dann wirkungsmächtig, wenn gleichzeitig auch mindestens einen minimalen Wahrheitsgehalt hat. Schillers Glückssatz, dass alle Menschen Brüder und Schwestern werden, beruht auf Lessings fast didaktisch daherkommenden Erkenntnis, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Vielleicht sind die Muslime Arianer und die Christen Essener, dann würde derselbe Gott endlich auch das Ende des Kopftuchstreits und des Rechthabenwollens bedeuten.

Dass die Menschen sich schon so oft wie Feinde benommen haben, Mauern errichtet, Kriege geführt, sich gegenseitig umgebracht, geglaubt oder gehofft haben, Recht zu haben oder recht zu sein und den jeweils Fremden als falsch, sinister, tierisch, teuflisch, ungläubig, böse bezeichnet zu haben, darf uns nicht hindern, zu sehen, dass auch und schon immer die Ameise unserer Bruder war, und das endlich alle Menschen Brüder werden. Noch vor hundert Jahren wusste jeder, dass ein Schwarzer faul und ungebildet, ein Wal ein Fisch, die Erde eine Scheibe, die Hierarchie Natur, der Mann intelligenter als die Frau ist, Gott Kriege nicht nur will, sondern auch führt, der Staat und die Kirche morden darf. All das darf uns doch nicht hindern, besser zu werden, auf Besserung nicht nur zu hoffen, die großen Sätze an die Kirchtürme und Minarette zu nageln: WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN oder/und ALLE MENSCHEN SIND/WERDEN BRÜDER/SCHWESTERN.

 

Anmerkung: Wir haben einem befreundeten Rapper eine Materialsammlung zu Schillers Satz geschrieben und im Gedichtblog veröffentlicht. Einer von diesen fäkalverliebten selbsternannten Realisten schrieb darunter, dass Schiller Scheiße bliebe, solange die Menschheit mehr der eigenen Art umgebracht hätte als jede andere Art. Er schlägt also vor, erst die Vergangenheit zu ändern und dann die Zukunft. Dies ist mein Antwortversuch.  

schillers rap an die freude

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