LOVE ME TENDER

 

oder

Wir singen schon lange global

Nr. 187

Es gibt Sätze mit einer sehr großen Halbwertzeit, wie zum Beispiel ‚All you need is love‘ oder ‚Alle Menschen sind/werden Brüder/Schwestern‘. ‚Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein‘ wird auch gut und richtig bleiben, später allerdings wird die Menge der Erklärungen zunehmen, wenn niemand mehr wissen wird, was Sünde und was Strafe ist, von Steinigung ganz zu schweigen. Andere Sätze verlieren an Bedeutung, weil nichts, was sie einst beschrieben, noch da ist: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch‘ wird dann wie eine IKEA-Werbung klingen. Wenn man sich das riesige Bruttosozialprodukt unseres Landes im Vergleich zur geringen Zahl der Arbeitskräfte ansieht, dann weiß man, was Geisterhände sind. Dann gibt es Sätze, die werden weiter zitiert, aber nicht weiter hinterfragt. Sie klingen gut und waren wahr, warum sollten sie nicht mehr klingen? ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘, meinte Adorno angesichts des Nazi-Terrors, aber meinte er nicht auch, dass es kein Leben mehr wie früher gibt? Denn ursprünglich hatte sein Satz anders gelautet: ‚Man kann privat nicht mehr richtig leben.‘ Und das fragen wir: was soll denn ‚richtig‘ sein? Soll es heißen: wie früher, soll es heißen: wie später, soll es ideal heißen, traditionell, revolutionär? Es gibt kein richtiges Leben im falschen, weil es kein richtiges Leben gibt. Falsch dagegen scheint mir eher das Synonym für ein Leiden an der Unangepasstheit, der Überangepasstheit, dem Mangel an Kreativität, dem Gefängnis der Begriffe zu sein. Falsch ist ein burnout des Richtigen, also historisch Angepassten. Falsch heißt meistens veraltet.

Marshall McLuhan wollte dagegen mit seinem Klassiker zurecht das Fernsehen diskreditieren. Das Fernsehen ist auch heute noch das dümmste Medium. Aber aus heutiger Sicht ist sein berühmter Satz ‚Das Medium ist die Botschaft‘ zumindest veraltet.

Mehr noch durch das Internet als durch das Fernsehen sind alle großen Narrative weltweit zu jedem beliebigen Zeitpunkt frei verfügbar. Die Kehrseite, dass dadurch auch jeder Mensch transparent und kontrollierbar sei, verkommt zur Bedeutungslosigkeit, da schon die Datenmengen herkömmlicher Geheimdienste nicht zu bewältigen waren. Es ist uns überhaupt erst in den letzten Jahrzehnten seit McLuhans Tod die riesige Menge an Daten bewusst geworden, die von unseren Gehirnen und Maschinen bewegt werden. Die unvorstellbar größten Zahlen (‚googolplex‘, das ist eine 1 und 10100 Nullen, nicht zu verwechseln mit der danach benannten Suchmaschine) reichen nicht aus, um mathematisch zu beschreiben, was wir denken und wissen und teilen. Schon die Zahl selber ist unvorstellbar. Um 106 Nullen darzustellen, würde ein normales Buch mit 400 Seiten reichen. Wir brauchten also noch 1094 solcher Bücher, um alle Nullen unserer schönen Zahl zu drucken. Die ganze Welt ist nicht, wie McLuhan beklagte, eine Bibliothek von Alexandria geworden. Das Buch musste seinen Rang mit einem faustkeilgroßen Universalgerät teilen, das die tatsächliche Globalisierung mehr voranbringt als die Produktion und Konsumtion aller anderen Güter zusammen. Das Wort ‚universal‘ ist hier sowohl als global wie auch als omnipotent oder universell zu verstehen. Natürlich bleiben die biotischen Fundamente Essen und Trinken sowie die sozialen Basics Obdach und Alphabet.

Beiträge zu einer universalen Sprache haben früher schon die Mathematik und die Philosophie geleistet, aber den Durchbruch brachte die Popmusik mit ihrem Vorläufer Jazz. Der Jazz nahm sowohl Elemente der polyphonen europäischen Kirchenmusik als auch, besonders vom Instrumentarium her, der von der Mehterhane geprägten Militärmusik auf und vereinigte sie zu einer weltweit wie eine neue Kultur wahrgenommenen Botschaft. Zugleich ist es der erste große Beitrag der ehemaligen Schwarzafrikaner zur Weltkultur. Am ersten weltberühmten Popsänger, der ebenfalls durch die schwarze Chorkultur geprägt war, kann man auch gleich die Botschaft der Globaliserung ablesen. Elvis Presley kam als Besatzungssoldat, also als Repräsentant einer finsteren Vergangenheit, des Krieges, nach Deutschland. Sozusagen von hier aus begann seine Weltkarriere. LOVE ME TENDER, eine Volksliedadaption, hörten zuerst gleichzeitig 54 Millionen Menschen. Trotz aller Diversifizierung der Musik, die seitdem stattgefunden hat, gibt  es, außer SILENT NIGHT, jetzt Lieder, die jeder auf der ganzen Welt kennt, ohne dass er ihre Herkunftssgeschmacksrichtung teilt.

In der Substitution des Buches, die gleichzeitig seine Einbeziehung ist, spielt der Film nach der Musik die zweite Rolle. Jeder Mensch auf der ganzen Welt kennt Charlie Chaplin. Viele glauben, da sie die Sequenz nur aus youtube kennen, dass die berühmte Rede des Friseurs im GROSSEN DIKTATOR ein Originalbeitrag zur Philosophie ist. Davon träumten die Romantiker: der Mensch wird durch Geschichten gebildet, nicht durch Belehrungen. Der Mensch lebt in Geschichten mehr als in der Welt. Die Welt des Menschen ist verwirklichtes Narrativ, von der Felszeichnung, die zur Jagd ermutigen sollte, bis zum Smartphone mit seinen unendlich vielen Sequenzen, Filmen, Fakten und Fakes.

Das Fake ist die radikale Metapher. Nur der Außenseiter der virtuellen Welt verwechselt es mit der Wirklichkeit. Niemand, der Aschenputtel gelesen hat, hackte sich den Hacken ab, um in unpassende Schuhe zu kommen. Niemand, der eine Unpässlichkeit mit seiner kleinen Welt fühlt, glaubt, dass Rothschild daran Schuld haben könnte. Rothschild ist so absurd wie der abgehackte Hacken. Rotschild ist der moderne schwarze Mann.

Indessen kommen Flüchtlinge nach Europa, nach Deutschland und auch nach Prenzlau. Wenige Prenzlauer kennen das Land, aus dem die schwarzen jungen Männer sind. Diese aber kennen das Smartboard und hören in den Pausen ihres Deutschkurses Musik aus ihrem geheimnisvollen schönen und schrecklichen Land. Und die Musik klingt so, als würde Elvis Presley singen, wenn er heute noch singen würde und aus diesem Land käme. Wir singen schon lange global.

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