QUELLE ODER MÄANDER

[pınar yahut menderes]

Nr. 190

                                                                                                                         [Am Tag der kalten Sophie]

Dass der Mathematiker John Forbes Nash jr. mehr als eine halbe Stunde brauchte, um auf der Speisekarte ein Essen auszuwählen, wissen wir schon, aber dass Albert Einstein vor neunzig Jahren in der Preußischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag hielt, dessen erster Teil sich mit der konträren Zirkulation der Teeblätter in einer Tasse befasste, passt in unsere heutige Gedankenwelt.

Über einem Rapsfeld, dessen sattes Gelb Anlass zu Gemälden und Gedanken gibt, läuft eine Telefonleitung entlang der Straße, zwischen zwei Leitungsmasten leuchtet ein Kirchturm. Man sieht sofort die Verwandtschaft der drei Bildelemente. Der Kirchturm erscheint als eine Energie- und Navigationsquelle, die Leitung als Energie- und Navigationstransport, der Raps dagegen hat nur Energie zu bieten und vollendete Schönheit, das satteste Gelb des Frühsommers, der an Grün und Gelb nicht reicher sein könnte: Sumpfdotter, Löwenzahn, Schellkraut.

Aber so sind wir Menschen: weil wir zu faul zum Denken sind, lieben wir unsere Denkfehler. Die Kirche, wie auch jedes andere Gotteshaus, erhebt uns nicht, weil es ein Gottesbau ist, sondern weil der Architekt, der vielleicht an Gott, aber auf jeden Fall an die Wirkung konzentrierten Raums glaubte, die  ihm als gottgegeben erschienen sein mag, einen Bau errichtete, der die Absicht hatte, uns zu erheben. Zwar ist es unübersehbar, dass uns ein großer und reicher, wunderschöner und höchst kunstvoller Bau, etwa die Hagia Sophia in Istanbul oder der Petersdom in Rom, besonders faszinieren, aber eine winzige Kirche in Eritrea hat fast dieselbe Wirkung auf die Menschen, weil sie jeden Sonntag nicht nur voller gläubiger und fröhlicher Menschen ist, sondern noch hunderte um sie herum singen und tanzen und beten und sich segnen lassen. Das ist zweifelsfrei eine Energiequelle. Aber die Quelle dieser Quelle war die Idee und die Quelle der Idee war das Ei, weshalb schon in der römischen Antike ‚ab ovo‘, vom Ei an, gesagt wurde, wenn man die Quellenlosigkeit der Quellen beschreiben wollte. Jeder kennt das Kinderrätsel, das so ernst ist wie alle Kinderfragen, wer zuerst dagewesen sei: die Henne oder das Ei. Daraus folgt, dass eine Kirche nichts über Gott aussagt, sondern über den Zeitgeist der Architektur, der Religion, der Kommunikation.

Aus heutiger Sicht erscheint die Kommunikation vor der Erfindung des Telegraphen als sinnentleert und wirkungslos. Wer so denkt, ist schon wieder in seinen Denkfehler verliebt: er oder sie unterstellt, dass es einen Sinn an sich gäbe. Tatsächlich ergibt sich der Sinn erst aus dem Getanen, aus der Tat, so wie sich die Absicht aus dem Bild der Welt ergibt und nicht etwa aus der Welt selbst. Das wussten schon die Alten und nannten das, was ist, das Getane: den Fakt. Der Sinn ist das, was sich ergibt, wenn etwas gelingt. Aber vieles scheitert. Wir verdrängen hin und wieder, dass wir einfach selbst denken und dies unseren Mitmenschen mitteilen können. Aber das ist nicht neu und nicht durch die von uns selbst erfundene Leitung – als Metapher für den Strom und die Führung – bestimmt, sondern durch unsere Vorsicht, Unfähigkeit und Faulheit. Alle Probleme der Welt sind Folgen von Kommunikationsanomalien, woraus zwingend folgte, dass die Lösung aller Probleme die Optimierung der Kommunikation wäre. Aber sowohl Shakespeare als auch der in einem Taxi in einer scharfen Kurve unweit New York vor fast genau einem Jahr verunglückte John Forbes Nash jr. haben ziemlich deutlich erkannt, dass der Mensch lieber in einem Defizit verharrt, als den Schritt in ein neues Optimum oder Desaster zu wagen.

Bleibt der Raps, die Ästhetik des Frühsommers. Er ist ein Speicher der Energie, die wir verbrennen und verpulvern. Wir überlassen den Boden der Desertifikation und verstecken uns hinter dem ästhetischen Fremdwort, um die Wirklichkeit, die wir nicht erkennen, sondern nur erschaffen können, dann auch noch zu umgehen. Wir haben sie geschaffen, um uns über die nächsten Jahre zu verhelfen. Die nächsten Jahrhunderte lassen wir dabei außer Acht, weil sie nicht in unseren Blickwinkel passen. Aber auch unsere Mitmenschen erfassen wir immer noch zu sehr als Fremde, als Außenstehende, gar als Bedrohung.  Der Mensch sieht sich immer als Singular und kann doch nur als Plural überleben. Globalisierung heißt bei weitem nicht nur die Marmelade aus Argentinien zu importieren und den Turnschuh nach Ouagadougou zu exportieren, auch nicht nur, Entwicklungshilfe zu leisten, auch nicht nur Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist alles selbstverständlich. Vielmehr sollten wir wieder lernen, jeden anderen Menschen, jeden anderen Gedanken als Bereicherung, ja, als Geschenk zu begreifen.

 

 

Drei Thesen:

Diese Gedanken entstanden, als ich mit drei fröhlichen und neugierigen, absolut dankbaren und bescheidenen Flüchtlingen aus Eritrea über Land fuhr in Betrachtung all der Dinge, die in diesem Text vorkommen, darunter Kunst und Kirchen und Raps. Daraus folgt, dass wir immer wieder unsere Welt und unsere Gedanken mit Menschen aus ganz anderen Gegenden der Welt betrachten und überprüfen sollten. In Eritrea gab es das Christentum tausend Jahre länger als in Deutschland. Die Armut des Landes besteht eher in einem Mangel an Freiheit als an Brot (Injera), das allgegenwärtig ist und am liebsten kollektiv genossen wird.

Übrigens stammt auch die Redewendung ‚ab ovo‘ nicht aus der Naturbetrachtung, die es, wie wir gesehen haben, nicht geben kann, sondern aus der Kritik der Dichtung als Reflexion des Reflektierten: Horaz kritisierte damit den nach seiner Meinung falschen Beginn der Schilderung des Trojanischen Krieges aus den beiden Zwillingseiern der Leda, aus denen nicht nur Helena, sondern auch Klytemnestra und Castor und Pollux, die Protektoren der Navigation,  entschlüpften, der Anfang war also Chaos. In Prenzlau gibt es eine Skulptur der Leda mit dem Schwan und daran steht der Hinweis: KEIN TRINKWASSER. Castor und Pollux belehren uns, dass wir alle Zwillinge sind und sterblich und unsterblich zugleich, unbekannter Herkunft und namenloser Zukunft, stets zwischen Olymp und Hades unterwegs, wahrscheinlich nicht geradewegs, sondern mäandrierend, Sinus ist unser Kreuz.

Die neue Hamletfrage ist: die Wahl zwischen zwei Nash-Gleichgewichten und die Unmöglichkeit und Unnötigkeit innerhalb all der rotierenden und mäandrierenden Teeblätter eine Quelle zu erkennen. Es gibt n Antworten und n Jahre, die Fragen zu finden. Das Verhalten der Menschen ergibt sich vielmehr aus dem Verhalten, aus dem schon Getanen, aus den Reflexionen der Taten.

 

Auf dem Foto sieht man die Kirche St. Sophia zu Brüssow.

Der Titel wird auch in Türkisch wiedergegeben, weil der Fluss inzwischen Menderes heißt und in der Türkei mäandriert und seine Symbole und Erkenntnisse verbreitet.

Angosom und all den anderen sage ich: Du musst dich nicht bedanken, du bist das Geschenk.

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