MENSCHE ÄNDERE DICH

In einer Zeit der Inflation von fast allem gibt es auch das überbordende Angebot der Unterrichtsfächer. Jeder, der meint herausgefunden zu haben, was für die Menschen der Zukunft wichtig sein kann, macht daraus ein neues Unterrichtsfach. Durch die vielen neuen Fächer entsteht aber nicht nur Beliebigkeit, sondern auch ein Großteil der Gleichgültigkeit. Die permanente Verfügbarkeit der Fakten lässt den Schüler gegen eine Schule abstumpfen, die nach wie vor glaubt, Fakten vermitteln und zu Festigung und Leistungsüberprüfung abfragen zu müssen. Es besteht die Vorstellung von reiner Quantifizierung des Wissens und Denkens fort. Die Qualifizierung der Menschen versteckt sich hinter Bergen von Scheinwissen und falschen Ansprüchen, zum Beispiel die vorgebliche Erziehung zu Werten. Dieses Scheinwissen zeigt sich am besten in Abfrage-Shows im Fernsehen. Millionär wird, wer weiß, wo die längste Brücke der Welt war.

Werte und Charakter sind relativ unabhängig von der Schule, andererseits sind sie nicht a priori vorhanden. Wissen kann und muss nicht mehr das Ziel der Schule sein, weil es allgemein verfügbar ist. Wir suchen eher Sinn als Fakten, die genauso inflationär sind wie alle Dinge. Also sollte die Schule mit ihrem neuen Fächerkanon lebenspraktisch, berufs- und freizeitvorbereitend, also kreativ, und wertestabilisierend sein.

Die Inflation von fast allem erscheint einerseits als Atomisierung, andererseits als Entfremdung. Gerade die Schule aber zeigt, dass das Leben keineswegs beschleunigt wurde, wie immer wieder behauptet wird. Die Schule verharrt geradezu auf ewiggestrigen Positionen, sie scheint stehengeblieben zu sein. Dass sie tatsächlich nicht stehenbleibt, liegt an den lebendigen Menschen, die in ihr, allen Verwaltungsvorschriften und -vorstellungen zum Trotz, agieren.

Die wirkliche Verwandlung besteht aber in dem Wechsel vom produktiven zum konsumtiven Leben. Seit mehr als einem Jahrhundert tun wir fast nichts mehr. Wir konsumieren, beschäftigen uns mit dem Konsumieren und kommentieren den Konsum. Der Hauptinhalt unseres Denkens ist Werbung, zunehmend auch die Apothekenrundschau. Auch Nachrichten, besonders Katastrophen und Kriege, werden nur noch konsumiert, niemand kommt auf die Idee, sich nach ihnen zu richten. Die sogenannte Medienflut besteht zu 99% aus überflüssigen Mitteilungen, in der Sprache der Medien selbst: aus Redundanz, die sich aus Tautologien speist. Selbst die Wetterberichte, ein schönes Beispiel für Inflation, gehen kaum über das empirisch Wahrnehmbare, den Blick aus dem Fenster, hinaus. ‚Fenster‘ heißt denn auch das am häufigsten benutzte Weltsimulationsprogramm unserer Lieblingsspielzeuge.
Noch im neunzehnten Jahrhundert standen Essen und Bewegung sowohl in einem Kausalzusammenhang als auch in einem annähernden Gleichgewichtsverhältnis. Seit der Überwindung von Hunger und Not muss mehr als die Hälfte der Menschheit ernsthafte Programme zur Gewichtsreduzierung absolvieren. Der jetzt mögliche Konsum hat das Gleichgewicht nach der anderen Seite hin ausschlagen lassen. Wir reden noch von Not und leiden schon lange unter Übergewicht.

So ist es auch mit der Bildung. Die Schulen sind zu Anstalten des überregulierten, überimitierten und maßlosen Konsums geworden. Ein Schüler ist ein Mensch, der an einem Tag Datenmengen in der Größenordnung und Komplexität von drei oder vier Spielfilmen verarbeiten soll. Das führt zu der schon erwähnten Beliebigkeit und Gleichgültigkeit, zumal der Inhalt der Filme leicht auch austauschbar und variant beschaffbar ist. Während der Lehrer noch mit der Filmapparatur kämpft, haben die Schüler schon die Kernsätze des künftigen Aufsatzes ausgetauscht. Während der Lehrer noch an Invarianz glaubt, wissen die Schüler, dass alles variant ist. Selbst Dissertationen bestehen nicht mehr aus Gedanken, sondern aus leicht beschaffbaren Kernsätzen und verschulten Modulen. Bestseller behaupten, was die Mehrheit immer wieder lesen will.

Aber in dieser festgefahrenen Situation liegt auch die Chance zur Umkehr, nicht der Richtung, sondern der Traktion: der Schüler wird zum Produzenten seiner selbst, wenn jedes Unterrichtsfach, um lebenstauglich zu werden, permanent interaktiv ist.
Im Dreifächermodell sind dies Theater, Spurensuche und Fußball, weshalb es auch Baden-Powell-Modell genannt werden könnte. Lord Baden-Powell gründete die Boyscouts, weil er die Defizite der Bildung oder umgekehrt gesagt, die Entfremdung einer ganzen Generation sah. Er wurde an der Universität abgelehnt, bestand aber die Aufnahmeprüfung bei der Armee als Landesbester. Er war ein erfolgreicher General und lehnte aber den Krieg als Mittel der Auseinandersetzung ab. Er verachtete die herkömmliche Bildung und schuf die immer noch weltgrößte Jugendorganisation, die alle ihre schlechten Kopien überlebte.

Dem Fach Theater ordnet sich von selbst das natürliche Rollenspiel der Kinder, aus dem es hervorgegangen ist, unter. Weiter aber beinhaltet es Sprachen, Literatur, Musik, Kunst und die Teile der Philosophie, die mit der Vermarktung des entstandenen oder aufgeführten Dramas sowie mit seinem Praxisbezug zusammenhängen. Der ‚deus ex machina‘ mag der Angelpunkt zum zweiten Fach sein, der Spurensuche, zu der alle Religionen gehören. Die Beschäftigung mit einer Religion schließt nicht die anderen Religionen aus, die Verinnerlichung aller Religionen schließt nicht die traditionelle Übernahme oder individuelle Wahl der einen Religion aus. Zur Spurensuche gehören aber vor allem auch Naturkunde und Mathematik, einschließlich der Netzwerke und ihrer Programmierung. Naturbetrachtung wird vorrangig in Exkursionen und Spielen stattfinden, die auch wieder der Angelpunkt zum nächsten Fach sind, das wir Fußball nennen. Aber die Schüler werden eben nicht nur Fußball spielen, sondern sich überhaupt taktisch bewegen, einmal ihrem eigenen Körper gegenüber (fitness und bodybuilding), zum anderen in der Natur, was jeder Beschränkung zuwiderlaufen wird. Exkursionen werden das Normale sein, das Zusammenfallen von Diskurs und Exkurs. Baumbestimmung geht in das Fußballturnier im Nachbardorf über, das sein neuestes Theaterstück in Englisch oder Türkisch zeigt. Die Prüfungen finden im Verfassen von Texten, im traditionellen scouting, gekoppelt mit einer Wanderung im unbekannten Gebiet statt.
Das Vierfächermodell sieht eine ähnlich komplexe Struktur vor, bezeichnet sie aber konventioneller mit Deutsch, Sprachen, Naturkunde/Mathematik und Kunst/Bewegung.
Das Fach Deutsch meint Sprachkunde, Computerbenutzung, Literatur, Theater, Geographie und Geschichte sowie Philosophie und Religion, also eigentlich alles, was hier zu erleben ist. Das Fach Sprachen hingegen (nicht: Fremdsprachen!) meint alles, was nebenan passiert: Englisch als die uns allen befreundete und nahe Sprache sowie die Sprachen unserer tatsächlichen und geographischen Nachbarn, also Türkisch, Französisch, Polnisch etwa. Natur und Mathematik hebt die atomisierte oder dichotomisierte Betrachtung von Bild (Natur) und Abbild (Mathematik) auf und modelliert im Programmieren. Kunst und Bewegung dagegen sind die Vermittlung zum Alltag der Kinder und Jugendlichen. Hier tun sie, was sie immer tun: spielen. Spielen ist aber, so wie auch schon im Dreifächermodell, als eine äußerst produktive und komplexe Tätigkeit zu gestalten. Während Computerspiele und die bisherige Schule zwar taktisches Verhalten etwa im Stil von ‚Mensch ärgere dich nicht‘ voraussetzen und resultieren, bilden Theater und Fußball doch die Welt, das Leben und den Menschen durch Tätigkeit und, in begrenztem Umfang, Kreativität, ab. Das neue Spiel heißt ‚Mensch ändere dich und die Welt‘.

 

 

Exkurs: Der gefangene Wärter

Wer lange an Orten verbleibt, nimmt deren Charakter an. Der Schornsteinfeger wird jeden Tag aufs neue schwarz und der Lehrer bleibt immer Schüler. Dass Lehrer jung bleiben, ist umso wünschenswerter, als ihr Altersdurchschnitt so dramatisch steigt, dass sie sich gezwungen sehen, gegen sich selber öffentliche Demonstrationen zu veranstalten.
In ihrem Inneren glauben sie aber, ihre Kindlichkeit einerseits durch Entertainment verschleiern, andererseits durch autoritäres Droh- und Verwaltungsverhalten verschärfen zu müssen.

Was man mit zunehmendem Alter an Erfahrungen gewinnt, verliert man aber auch an Geschwindigkeit, Flexibilität, Multifunktionalität, Emotionalität, Freudigkeit. Charisma ist immer Jugend gekoppelt mit einem anderen Faktor. Jugend ist das Erstaunenswerte, das eigentliche Wunder des Lebens. Wir erkennen das zwar bei Wunderkindern, weigern uns aber zu sehen, dass alle Kinder Wunderkinder sind. Warum, wenn das so ist, Jugend dann so spät erst als Lebensalter entdeckt wurde und immer noch nicht als sich selbst organisierende Lernepoche gesehen wird, liegt in der mangelnden Reflexion sowohl des eigenen Lebens als auch der Gesellschaft insgesamt, liegt weiter in der Überschätzung der Versorgungsleistung und in der Überschätzung der egozentrischen Erfahrung . Die nachgeäffte Mode der Jugend kann wirkliche Jugend nicht ersetzen.
Die Ereignishaftigkeit der Jugend besteht darin, dass jedes Ereignis tatsächlich neu, frisch, eruptiv und tiefgreifend ist, während es sich durch fortwährende Wiederholung kumulativ abschleift. Die Irreversibilität ist es, die uns veranlassen müsste endlich zu erkennen, dass man die Jugend nicht in billigem Abfragen und Bestrafen verschleudern darf, seine eigene nicht und die der anderen schon gar nicht.
Das Gefangensein in der Kindlichkeit spricht dafür, die kindliche Untersuchungssucht beizubehalten, den Forscher- und Unternehmungsdrang, zumal das Erziehungsziel nicht mehr der relativ passive Arbeitnehmer, sondern der hochflexible Unternehmer ist. Wir wollen nicht mehr befehlen. Also müssen wir auch nicht mehr gehorchen. Wir wollen Netzwerke nutzen, also müssen wir auch Netzwerk sein.
Das Bildungsideal von Baden Powell: learning by doing, Spurensuche, Theater und Fußball ist wichtiger und richtiger als zehn Tonnen Lehrplan und Kompetenzgerede, wenn die Grundlagen der Schule Anwesenheit und Abfragen bleiben.
Hinter diesem Bildungsideal verbergen sich nicht nur alle traditionellen Schulfächer, sondern vor allem auch die Herangehensweise des Unternehmens, hier im doppelten oder ursprünglichen Sinne des Wortes. Das, was das Kind und der Jugendliche wollen, etwas unternehmen, um ein anderes Etwas zu erkennen, muss in die Schule hineingelegt werden.
Fußball, Theater und Computer sind ohnehin schon allgegenwärtig, schon lange muss man sich wundern, wie schwerfällig sie Eingang in die Schule gefunden haben. Die ganze heutige junge Generation hat den Computer durch learning by doing erfahren. Die fehlende Experimentierfreudigkeit ist es, die älteren Menschen den Umgang mit jeder neuen Technik erschwert. Wenn man also einen Computer in einem Regelwerk versteckt, wird man ihn nicht wiederfinden. Das gilt aber für alle Gegenstände. Erfreulicherweise wurde in den letzten Jahren die Priorität der Rechtschreibung durch die der Schreibung abgelöst. Dazwischen wurde aber immerhin ein Regelwerk eingebaut, das zunächst nur autorlose Texte gebiert. Genauso fraglich ist es, warum man die Regeln des Hochsprungs oder der Genetik kennen muss, wenn es um Bewegung und Naturkenntnis geht. So bewundernswert viele Biologielehrer die Natur kennen, so wenig ist es verständlich, dass sie die Schüler Regeln wissenschaftlicher Naturbetrachtung lehren, die niemand braucht als der Wissenschaftler selbst. Überhaupt: Lehrer sind nicht nur Kinder geblieben, was wunderbar ist, sie sind leider auch Opportunisten, die sich hinter Schulräten, Punktetabellen, Lehrplänen und Anwesenheitskontrollen stets und fast perfekt zu verstecken wissen. Lehrer sind oft Menschen mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz, aber ohne besonderes Interesse. Aus der Geschichte ragen nur die Lehrer hervor, die ein solches apartes Interesse, gerade oft auch in Biologie, Politik oder Heimatgeschichte, entwickelt haben.
Lord Baden Powell ist auf seinen reformpädagogischen Ansatz nicht nur durch seine Betrachtung der sozialen Frage, wie man das damals nannte, gekommen, sondern im Gegenteil durch seine Bewunderung der jugendlichen Späher und Spurenspürer in einer Kriegshandlung im zweiten Burenkrieg. Auch biografisch ist er interessant, indem er zum Militär ging, weil ihn die Universität, wie auch schon vorher die Schule, ablehnte. Später lehnte er den Krieg ab, führte ihn aber weiter und gewann sehr oft, entwickelte während seiner militärischen Tätigkeit sein boyscouting.

Statt also die Natur in abstrakten Regelwerken zu verpacken, sollten wir überlegen, ob wir den gesamten naturwissenschaftlichen Unterricht nicht als eine Art Spurensuche anlegen sollten. Man kann die Spuren der Menschheit in den Wäldern schweigen hören. Man kann die chemischen Prozesse der Überdüngung riechen. Der dringend gebotene Energiesparwahn zieht eine Schneise der Verwüstung durch das Land, die es zu untersuchen gilt. Die Städte haben oft eine reichere Flora und Fauna als der von Monokulturen geplagte ländliche Raum. So wird jede Unterrichtsstunde – die wir auch endlich beenden müssen, die preußische Zerhackstückung der Welt in 45-Minuten-Takte – zur Unternehmung. Lasst uns die Zoos, Orte der Gefangenenpsychosen, abschaffen zugunsten von Beobachtungssafaris jeder Schulklasse der ganzen Welt nach Afrika. Lasst uns Afrika zum Ferienparadies für die Afrikaner und alle anderen Menschen machen!
Theater und, heute gleichberechtigt und numerisch überlegen, Film sind eine mimetische Spurensuche menschlichen Verhaltens. Die Umkehrung vom konsumierten zum produzierten Theater bringt genau so einen Unternehmungsgewinn wie der Wandel vom betrachteten zum gespielten Fußball. Indem die Schule den Konsum so zur Norm machte wie der Rest der Gesellschaft, verspielte sie das Aktivpotenzial der Kinder und Jugendlichen, den vielbeschworenen, aber allzu oft vergessenen wirklichen Reichtum, der mit autoritärem Restgehabe in einer zunehmend demokratischer werdenden Umgebung mit Füßen getreten wird.

Das wahre Gefangenendilemma besteht darin, dass der Wärter zum Gefangenen seiner autoritären Strafideologie wird. Er glaubt zum Schluss selbst, dass Gefangensein Freiheit bringen kann. Der dichotomische Reflex von Schuld und Sühne, projiziert auf ein Bildungssystem des Abfragens veralteten Wissens, ist eine gigantische Zusammenfassung aller vordemokratischen Zustände. Wie ein Wunder scheint es, dass die Demokratie vor den Netzwerken entdeckt wurde.

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