HAYMATLOS II

Nr. 199

Der Druck auf die Emigranten und Immigranten erhöht sich sichtbar, wenn die Flucht oder die Wanderung als Verrat, politisches Versagen oder gar politische Provokation bewertet werden. So wurden Kleidung, Möbel und Wohnungseinrichtungen sowohl der geflohenen als auch der in die Ghettos und Konzentrationslager deportierten Deutschen jüdischen Glaubens geplündert und verhökert. Einige Jahre nach dem Mauerbau gab es in der DDR spezielle, meist provisorisch eingerichtete Läden, in denen das zurückgelassene Leben der Republikflüchtigen, so der offizielle Terminus, billig zu haben war. Mit dem zunehmenden Wohlstand und der Normalisierung der moralischen Wertskala drehte sich das Verhältnis langsam um. Eine polnische Familie, die von den an Russland abgetretenen Gebieten Ostpolens nach dem von Deutschland erhaltenen Westpolen vertrieben worden war, hat das ehemals deutsche Haus samt seiner Einrichtung bis in die sechziger Jahre, mitten im kalten Krieg, für den Fall konserviert, genau so erhalten wie sie es – nach ihrer Meinung unrechtmäßig – übergeben bekommen haben. Und die westdeutsche Familie hat es bei einem tränenreichen Besuch genau so vorgefunden wie sie es verlassen haben. Überhaupt sind die deutschen Ostgebiete, ein nicht minder trauriges wie aber auch ermutigendes Beispiel dafür, dass es Vergebung und Ausgleich geben kann. Auch unser Verhältnis zu Frankreich spricht für den Triumph einer menschlichen Moral. Die heutigen Möbelbörsen arbeiten umgekehrt: sie stellen Altmöbel für Arme und Flüchtlinge zur Verfügung. Ein Schrank ist zwar keine Heimat, aber ein Land mit Repression, Krieg, Verfolgung und bitterer Armut auch nicht,

Vielleicht ist es aber alles auch ganz anders. Die Verwirrung der Sprachen war wirklich eine Strafe, ob nun von Gott, der Natur, der Evolution oder der immer noch nicht wiederentdeckten Natur des Menschen. Alle Versuche der Nationalisten, Rassisten, Militaristen, religiösen Fanatiker und überhaupt Rechthaber, die Welt zu separieren, parzellieren, zu spalten, zu zerreißen und zu zerstören, sind gescheitert. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Gewaltherrschaft. Die letzten Diktatoren verlassen, wie die sprichwörtlichen Ratten, ihre sinkenden Schiffe. Das waren skurrile blutrünstige Gestalten, an die wir Menschen nur geglaubt haben, weil uns der Mut fehlte, den wirklich Guten einfach zu folgen: liebt eure Feinde, dann habt ihr keine mehr; wetteifert um gute Taten; getan ist, was ihr tut, nicht was man euch tut. Es fehlt uns nicht an Maximen, aber immer noch an Mut, ihnen einfach zu folgen. Dabei ist die billigste Formel: man muss tatsächlich bei sich anfangen.

Was wir gerade erleben, wäre dann das letzte Aufbäumen dieser seit Jahrtausenden gewalttätigen und widerwärtigen Welt, der es schwerfällt sich von den Grundsätzen der Kurzdenker, überhaupt von Grundsätzen zu lösen. Nachdem es im neunzehnten Jahrhundert einen Höhepunkt der Vernunft und Regelhaftigkeit gegeben hatte, löste sich sowohl das naturwissenschaftliche wie auch das religiös-staatsrechtliche Bild von der Zwanghaftigkeit der Regelwerke auf. Je mehr Regelwerke im Orkus der Selbstauflösung verschwanden, desto mehr dämmert uns Menschen, dass Freiheit keiner Grenzen und Stacheldrähte bedarf. Zwar muss zunächst ein Gesetzeswerk gegossen und Besitztum abgesteckt werden, aber nur, um Menschen hervorzubringen, die satt und frei sind und ihr Leben selbst gestalten wollen und können. Der wahre Gesetzgeber ist der, welcher sein Volk lehrt und bekehrt, ohne Gesetze zu leben, und das Volk ist die Welt.

Alle bisherigen Schulen haben noch immer jeden Gedanken in ein Gesetz umgeformt und jeden verfolgt, der das anders sah. Wenn wir jede Verfolgung beenden, brauchen wir keine Gesetze mehr und übrig bleiben die Gedanken, zu denen jeder nicht nur ermächtigt, sondern auch befähigt wird. Allerdings ist keine Gedanke denkbar, der nicht mit Liebe gekoppelt wird.

Wer gerade einen Schiffsuntergang beobachtet, kann nicht erkennen, dass das Wasser die Quelle allen Lebens ist. Wer seinen Blick auf den Terror einer winzigen Minderheit und auf die Propaganda eines verbliebenen falschen Rests konzentriert, kann nicht erkennen, dass um ihn herum ein neues Leben entstanden ist und entsteht: Verbrüderung, die in Wirklichkeit auch eine Verschwisterung ist, Teilen als Sinn des Reichtums, Globalisierung statt der Errichtung von Mauern und Zäunen, Überwindung auch der Sprachbarrieren durch die viel gescholtenen Kommunikationsmöglichkeiten, von denen ihr erster Urheber, Samuel Morse noch glaubte, dass sie keinen Sinn machen würden.

An der weltweiten Verbreitung des Wortes BRO kann man sehen, wohin die Richtung geht. Seine Quelle kannte bestimmt nicht Schillers Worte, aber Schillers Geist ist ein Destillat seines Geistes: eine Mischung aus Matthäusevangelium und Jazz. Aber der Jazz selbst ist schon das eigenartigste Substitut von Bachchoral, Mehterhane* und Rhythmus der sklavischen Baumwollpflücker in Alabama. Wir verdanken das Wort BRO ebenso wie die gesamte moderne und weltverbindende Musik den einst am meisten verachteten Menschen: den schwarzen Sklaven Amerikas, dem Inbegriff der Heimatlosigkeit und Verlassenheit, sometimes I feel like a motherless child. Aber zu dieser zarten Klage kam das donnernde Schlagwerk der osmanischen Eroberer und die elektronische Erlösung aus der Sprachlosigkeit. Wir haben früher als köstlichen Witz empfunden, die drei berühmtesten Juden in Jesus, Marx und Einstein zu sehen. Der Witz bestand in der Entthronung von Marx, der damals bei uns als einziger Weltverbesserer galt. Aber heute müsste man als den Schöpfer der modernen Welt eher Emil Berliner, den Erfinder der Schallplatte, sehen. Außerdem ist er eine schönes Symbol für das ewige Wandern der Menschen: er ging von Hannover nach Amerika und dann wieder von Amerika zurück nach Deutschland, und sein Name ist ohnehin Metapher.

 

* osmanische martialische Militärmusik

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HAYMATLOS

Nr. 198

Am Rande ostdeutscher Städte findet sich oft eine Ansammlung alter Gebäude, teils verfallen, teils rekonstruiert. Es sind ehemalige Wehrmachtskasernen, und wer in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Welt hätte verstehen wollen, der hätte wissen können, dass ein Krieg bevorsteht. Aus diesen Wehrmachtskasernen ging dann der Schrecken hervor, der gar nicht im einzelnen aufgezählt werden kann, weil er biblische Ausmaße hat, nur der tausend Frauen wollen wir gedenken, die sich am 2. Mai 1945 in einer dieser kleinen Städte gemeinsam mit ihren Kindern das Leben nahmen, aus Angst vor den kommenden Gräueltaten, die auch tatsächlich kamen, weil Rache – hin und her und wieder hin, bis, so glaubte man, in alle Ewigkeit – von allen Beteiligten als passende Antwort  gesehen wurde. In diese Wehrmachtskasernen zog dann die siegreiche Rote Armee ein. Aus einem unseligen Gebiet wurde eine terra incognita, eine unbekannte Zone.

Vielerorts stehen Ruinenstädte als ungewolltes Mahnmal einstiger und heutiger Verkommenheit. In einer sehr schönen kleinen Stadt hat man die Kreisverwaltung und ein OSZ in diesen doppelten Kasernen- und Unheilskomplex gesetzt, um damit das Schicksal dauerhaft zu wenden. Viele ältere Menschen, wissen gar nicht, was ein OSZ ist, als sie jung waren, gab es noch die klassische Berufsschule mit neun Zehnteln Lehrlingen als Lernende. Ein bekannter diesbezüglicher Hoax ist der Handwerksmeister, der einen Lehrling nicht einstellen konnte, weil der beim Aufnahmegespräch nicht zwei mit zwei multiplizieren konnte, multiplizieren gar für einen Pejorativ hielt. Tatsächlich ist ein großer Teil der Handwerksleistungen in die Dumpingzone geraten, in der Lehrlinge einfach zu teuer und nicht handhabbar sind. Denn gegen die Multiplikationsschwäche spricht, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen ein Abitur macht, das natürlich auch nicht mehr das ist, was es einmal war. Wie jeder seinen Schmerz und seine Schwierigkeiten als die größten glaubt, so sind auch seine Schule und sein Abitur die schon damals denkbar härtesten gewesen. Ein OSZ hat nur noch ein zehntel Lehrlinge und der Rest sind diejenigen Jugendlichen, die vom Handwerk und von der Welt vergessen wurden und die nun Schulabschlüsse unter entspannten Bedingungen nachholen, Berufsorientierungen über sich ergehen lassen, Berufe lernen, deren Zertifikate weniger wert sind als die Lebenserfahrung, die auch auf dem Arbeitsmarkt nützlich sein kann, und die schließlich das Fach- oder Vollabitur machen, um endgültig im postmodernen Leben angekommen zu sein.

In einer anderen kleinen Stadt gibt es, gleich wenn man auf der Bundesstraße aus Richtung Süden kommt, auf der einen Straßenseite einen neuen Schulkomplex, obwohl in derselben Stadt auch schon Schulen leerstehen, und Eigentumswohnungen, auf der anderen Straßenseite eine Ruine, die schon durch ihre Farbe als ehemalige Kaserne erkennbar ist, und ein Asylbewerberheim, das durch zwei Containerbauten ergänzt wird.

In dieser Stadt gab es einst ein slawisches Heiligtum, an dessen Stelle jetzt eine im letzten Krieg zerstörte und nicht vollständig wieder aufgebaute Kirche steht, in deren Jugendkeller einst der Kommunist Wolf Biermann, dem ein Verhältnis mit Margot Honecker nachgesagt wurde, gegen den Kommunismus ansang. In dieser Stadt wurden ebenjene Slawen assimiliert, das ist die Hochform von Integration oder Inklusion, deren Heiligtum man gerade umgewidmet hatte. In dieser Stadt lebten einst geachtete und integrierte Juden, die sich selbst als Deutsche mit einer abweichenden, aber engverwandten Religion sahen. Ihre Synagoge war ein typischer neoklassizistischer Bau des neunzehnten Jahrhunderts an der Wasserpforte, wo also die Stadtmauer den Durchgang zum Wäschewaschen hatte. Heute steht dort ein Denkmal. Fast ein Jahrhundert lang lebten in dieser Stadt genau zu Dritteln Deutsche, Juden und Franzosen. Letztere waren gekommen, weil sie in ihrer Heimat aus Konfessionsgründen verfolgt und in Preußen aus ökonomischen Gründen aufgenommen wurden. Ihre Spuren sind nicht in einem Denkmal surrogiert, sondern in den Nachnamen einiger weniger Bewohner und in den Kirchengemeinden von zwei oder drei Dörfern der Umgegend. Im neunzehnten Jahrhundert dominierte die Einwanderung aus Polen. Sie hatte ihren Ursprung in den Schnitter genannten Saisonarbeitern der teils großen, hier in der Uckermark aber eher ärmlichen Güter, das sind große Landwirtschaftsbetriebe, die teilweise heute noch als ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) fortbestehen. LPG ist jetzt Autogas an Tankstellen. Einige russische Nachnamen resultieren aus der Liebe, die im ersten Weltkrieg russische Kriegsgefangene zu deutschen Mädchen empfanden. Wurden sie nach dem zweiten Weltkrieg vom NKWD gefunden, so verbrachten sie als vermeintliche Verräter Jahre im GULAG. 1930 waren in dieser Stadt von 1800 russischen Mennoniten siebzig, vor allem Kinder, gestorben, die zu Fuß aus Moskau, wo 13.000 von ihnen wochenlang den Roten Platz belagert hatten, um ihre Ausreise zu erzwingen, gestorben, Die anderen zogen nach Paraguay weiter. Von den nach dem letzten Krieg in diese kleine Stadt und ihre Umgebung gezogenen Flüchtlingen erwähnen wir nur den Maler K., der auch zu Fuß aus seiner ehemaligen Heimat, der Batschka in Kroatien floh, und vor ein paar Jahren im Bestsellerroman eines bosnischen Kriegsflüchtlings, dessen Eltern inzwischen, weil sie hier nicht bleiben konnten, in Amerika wohnen, wieder auftauchte.

In dieser kleinen Stadt, in dieser ehemaligen Kaserne saß ich vor ein paar Tagen zum Kaffeetrinken in einem Raum, der mit abenteuerlichen, aber gemütlichen Möbeln ausgestattet ist, die, so berichteten mir die Bewohner, von Christa und anderen stammten, deren Namen sie nicht wussten. Im Fernsehen lief die Rede des Diktators, in der er vielleicht 1000 lachenden Jugendlichen erklärte, warum in diesem von ihm deformierten Land die Zukunft zu finden sein wird. Ein Siebtel der Bevölkerung ist vor dem Zwangsarbeitssystem, das keinen Wohlstand bringt, geflohen. Dann wurde das Fernsehen aus Höflichkeit auf einen deutschen Kanal umgeschaltet, und da lief die Tour de France, in der, ich glaube, auf Platz 81 Daniel Teklehaimanot mitfährt, und jeder, der die Tour de France schon einmal gesehen hat, weiß, was das für eine enorme Leistung ist. Sein supergutes Rennrad bekam er von dem Diktator geschenkt. Wir beschlossen, endlich unseren schon lange geplanten Ausflug zu machen, um noch mehr Refugees aus diesem Land zu treffen. Während dieser Fahrt, die inzwischen stattfand, trafen wir auf einen türkischen Dönerrestaurantbesitzer, der einen afghanischen Flüchtling beschäftigt. Wir trafen auf eine steinalte Frau, die mit ihrem Rollator jeden Tag zu dem Dönerrestaurant fährt und dort einen Kaffee geschenkt bekommt und deshalb jeden Tag zwei Euro siebzig übrig hat und glücklich in den zittrigen Händen hält. Vor dem Asylbewerberheim trafen wir einen superstolzen Romajungen aus Serbien, der in die Schule geht und wirklich sehr gut deutsch sprechen kann, ebenso wie einen Kochlehrling aus Somalia, der sich selbst, mit einem Englischwörterbuch, deutsch beigebracht hat, weil es in diesem Ort keinen Deutschkurs gab und gibt. Drei fröhliche Mamas aus jenem fernen Land kochten für uns Tee. An der Ostsee fuhren meine drei Refugees Riesenrad, denn der Mensch strebt immer zu dem und dorthin, was er gerade nicht hat und wo er gerade nicht ist. Auf der Rückfahrt trafen wir, wieder zufällig, mehrere junge Leute aus jenem Land. Einer hieß wie der Diktator aus dem Fernsehen.

 

‚haymatlos‘ ist ein türkisches Wort, so wie ‚zugzwang‘ ein englisches ist.

HERKUNFT BRAUCHT ZUKUNFT

Nr. 197

Mit 300 Kilometern in der Stunde dahineilende Vehikel nennen wir immer noch Eisenbahnen und den Haltepunkt, der ein Gewirr von Schienen, Treppen, Läden und Restaurants sein mag, einen Hof. Das Automobil verweist auf seine Vergangenheit als Pferdekutsche, indem sein Kraftäquivalent Pferdestärke heißt. Als sich das Radio als Massenmedium ausbreitete, war es eher ein kleines Theater, und so ist der Chef eines Rundfunksenders weiterhin Intendant. Die Vergangenheit ragt also zweifelsfrei in die Zukunft hinein. Name und Design vieler Dinge von heute verweisen auf ihr Gestern. Und oft, wenn wir ein Morgen denken, geben wir ihm die Gestalt von gestern. Auch die Lösungen von vielen Problemen werden in der Vergangenheit gesucht. Aber werden sie auch da gefunden? Wir alle hängen an der Vergangenheit, weil wir die Zukunft nicht kennen. Das ist aber kein Grund, die Vergangenheit als Schutzschild zwischen Gegenwart und Zukunft zu stellen.

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Bahnhof Oertzenhof in Mecklenburg-Vorpommern. Hier enden Adel, Eisenbahn und  DDR. Keine Zukunft für diese Herkunft.

Wir haben auch Angst vor der Zukunft, obwohl wir nicht zugeben können, dass es die Gegenwart ist, die uns gefällt. Das sind zwei wichtige Gründe, in die Vergangenheit zu fliehen. Die politische Richtung heißt Konservatismus, und sie kam auf, als wieder einmal alle alten Werte zu brechen schienen. Die Konservativen stellen das neue gerne als Chaos, die neuen Herrscher, wenn es welche gibt, als Ochlokraten dar. Dabei stammt die Vorstellung, dass jede Herrschaftsform eine Verfallsform habe und sich so ein Kreislauf des Guten und Bösen in der Geschichte ergäbe, von dem römischen Geschichtsschreiber Polybios, der ein Ideengeber von Scipio Africanus, dem Sieger im Dritten Punischen Krieg, war. Nach dieser Theorie verfällt die Demokratie zwar zur Herrschaft der schlechtesten, aber herrschen die schlechtest möglichen Politiker eine Weile, so finden sich neue Demokraten, die unter unsäglichen Opfern den an die Herrschaft geratenen Pöbel, der sich als demokratisch ausgibt, vertreibt. Wahre Demokratie benötigt zur Rechtfertigung nur Wahlen, keine inszenierten Reichstagsbrände, Militärputsche und Bürgerkriege, die in inszenierten Volksfesten der eigenen Anhänger enden. Die Monarchie mündet nach Polybios in die Tyrannei und die Aristokratie in die Oligarchie. Viele Menschen halten die derzeitigen großen Demokratien für die Herrschaft von Oligarchen, eine Handvoll Mächtige, die die Gewinne unter sich aufteilen. Das liegt auch daran, dass keiner gerne zugeben mag, dass seine Gegenwart gerade erträglich oder sogar erfolgreich sei. Die Angst vor dem Neuen und vor dem Fremden lässt uns in das Vertraute und Vergangene fliehen. Würde man das Gedankenexperiment weiter zurückgehen, so würde einem schnell klar, dass die glücklichen Sklaven, die die Feinde der Demokratie sein müssen, in Wirklichkeit Gefangene ihrer Illusion sind. Sie werten ihre Ketten zu Schmuck und Zuckerwerk auf, weil sie Angst vor der Freiheit haben. Der Mensch, schreibt der Begründer der Demokratie, wird frei geboren, doch überall liegt er in Ketten. Das Böse, erwidert der Erfinder des Konservatismus, siegt allein schon dadurch, dass oder wenn die Guten nichts tun.

Manche Gedanken sind rhetorisch so gut, dass man sie nicht aufgibt, zum Beispiel das Bild und das Wort Sonnenuntergang. Seit wir fotografieren können, sind wir in die Sonnenuntergänge ganz vernarrt. Täglich werden in die sozialen Netzwerke etwa zwei Milliarden Fotos eingespeist, davon sind bestimmt zehn Prozent Sonnenuntergänge. Und trotzdem geht die Sonne nicht unter, sondern die Erde dreht sich so, dass wir die Sonne sehen oder nicht sehen und auch den Moment zwischen Sehen und Nichtsehen sehen können. Was evident oder plausibel ist, muss noch lange nicht wahr sein, und was wahr ist, muss noch lange nicht real sein.

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana

A demonstrator protesting the shooting death of Alton Sterling is detained by law enforcement near the headquarters of the Baton Rouge Police Department in Baton Rouge, Louisiana, U.S. July 9, 2016. REUTERS/Jonathan Bachman TPX IMAGES OF THE DAY. Wer ist hier die Herkunft und wer kann nur die Zukunft sein?

 

So ist es auch mit Odo Marquards Slogan über das Verhältnis von Herkunft und Zukunft. Er stammt aus einen gleichnamigen Büchlein aus dem Jahre 2003 und steht dort über einem gleichnamigen Essay. Marquard versucht darin, seine Angst vor der Zukunft nicht nur in Worte, sondern überhaupt in eine Kategorie zu fassen. So erklärt er den Computer, wie es damals unter älteren Menschen üblich war, zu einer besseren Schreibmaschine. Und so wie das Automobil den Begriff der Pferdestärke in sich trägt, so übernimmt der Computer die Tastatur der Schreibmaschine, jenes QWERTZUIOP, das kein Wort, kein Begriff, aber ein Inbegriff ist. Die nächste Generation der natives, der im elektronischen Zeitalter Aufgewachsenen, tut sich schwer mit Tastaturen und herkömmlichen Computern, ist eins geworden mit dem Smartphone, das zwar auch QWERTZUIOP verwendet, aber vor allem durch seine Allgegenwart, beinahe hätte ich geschrieben Omnipotenz auffällt. Es gibt eine schöne Karikatur, die den sozusagen historischen Hans Guckindieluft aus Hoffmanns Struwwelpeter zeigt, wie er träumend in den Fluss läuft, weil er abwesend ist. Aber die natives sind ja nicht abwesend, sondern auf eine ganz neue Art anwesend, die nicht mit der Schreibmaschine oder der Eisenbahn oder den Pferdestärken zu tun hat. Sie sind in einer globalisierten Welt anwesend, die keine Bücher und keine Faktenschule braucht. Diese Welt relativiert die Realität genauso wie sie sie abbildet. Sie lässt den Traum der Romantiker wahr werden, dass wir in einem kontinuierlichen Narrativ statt in der wirklichen Welt leben. Schlegel hielt es für wünschenswert, die ganze Welt zu poetisieren und eben das tut das Smartphone. Wie eine Droge ist es eine Bewusstseinserweiterung und nicht eine verlängerte Schreibmaschine. Gleichwohl leben wir also nicht nur in dem beginnenden Zeitalter der Allgegenwart von Kunst, sondern auch in der Epoche, in der am meisten geschrieben und gelesen wird. Und auch die Bücher bleiben erhalten und bilden ihrerseits eine Parallelwelt. Die Vergangenheit ist eine conditio sine qua non, eine Bedingung der Gegenwart und der Zukunft, aber kein Rückzugsgebiet für ängstliche, übervorsichtige oder gar rückwärtsgewandte Menschen. Wer denkt, kann nur vorwärts denken, nur wer grübelt, blickt zurück. Wer glaubt, dass Lösungen für gegenwärtige Probleme in der Vergangenheit lägen, der muss auch den Hunger, den Krieg, die Pest, die Unterdrückung, die undurchlässigen Grenzen, die Verachtung, den Rassismus, die Prügel hinnehmen, die damals die Begleiterscheinung der Ordnung waren. Außerdem erscheint die Ordnung immer nur als Ordnung. Tatsächlich ist Ordnung Chaos, Auflösung und helle Aufregung. Aber im Chaos einer Menschenmenge setzt sich nicht nur der Tod durch, sondern auch die Rettung, die mit der Gefahr, wir zitieren schon wieder einen Romantiker, wächst. So vieles muss sich bessern. Aber so vieles hat sich auch schon gebessert. Und so braucht Herkunft Zukunft. Hast du ein Problem gelöst, so ist der Optimismus größer als die Summe der verbleibenden Probleme.

 

Die blogs mit Nummer sind neue Texte, die ohne Nummer dagegen stammen aus dem alten untergegangenen rochusthal.blog.de, sie weichen im Umfang manchmal ab. 

VERSÖHNUNG

Nr. 196

Wo zwei Menschen zusammen sind, gibt es Widerspruch. Konsens dagegen findet in der Gruppe statt. Und: man kann schlecht schweigen. Das sind die Grundthesen menschlicher Kommunikation. Aus diesen drei Sätzen lässt sich aber auch eine ganze widersprüchliche Welt reproduzieren.

Gruppen haben das Bestreben, sich zu spalten. Die Schüler von Jesus etwa hatten sich schon zerstritten, bevor der Meister tot war. Eine Frau wollte ihm die Füße salben, da schrien sie: Wozu dienet dieser Unrat? Eltern brachten ihre Kinder zum Segnen, da wurden sie unwillig. Petrus verleugnete den Meister, Thomas glaubte nicht an die Auferstehung, aber Judas wurde als Verräter angesehen, obwohl er nur tat, was in der Bibel vorgesehen war. Auf allen Bildern  der nächsten zweitausend Jahre ist er rothaarig mit Schurkenblick, beim Abendmahl sieht er in die andere Richtung. Es vergehen keine dreihundert Jahre und schon herrscht unter den Christen Mord und Totschlag über der Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war. Bei den Nachfolgern des Propheten Mohammed beginnt der Streit mit seinem Tod: wer ist das rechte Oberhaupt  und Kalif, der Schwiegervater Abu Bakr oder der Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib. Bis auf den heutigen Tag dauert der Streit, selbst darüber, ob es gut ist, dass dadurch der Ölpreis sinkt, herrscht Uneinigkeit. Sprichwörtlich war die Spaltung der Linken, deren erbitterter Kampf gegeneinander nicht nur skurrile Formen annahm, sondern den Kampf gegen den Kapitalismus vergessen ließ. So hat das kleine Albanien, als es kommunistisch war, nicht nur 600.000 Einmannbunker gegen die Amerikaner gebaut, sondern auch Tonnen von Propagandamaterial und starke Kurzwellensender gegen die Helfer der Imperialisten in Peking, Moskau, Belgrad und Ostberlin geschleudert. Tirana war mit jedem verfeindet. Die Selbstzerlegung einer rechten Partei dagegen kann man immer wieder, wie auch gerade jetzt, beobachten.

Ein Schisma ist natürlich immer auch Machtkampf rivalisierender Personen und Untergruppen. Aber dahinter scheint auch immer die Frage zu stehen, ob eine Bewegung mehr Selbstzweck oder mehr Weltzweck ist. Vielleicht sollte man dies das abrahamitische Dilemma nennen, nicht weil es Abraham gehabt hätte, sondern weil die Christen mehrere hundert Jahre darüber stritten und dieser Streit sich auch durch den Koran zieht*. Wer glaubt, dass sein Sinn in Loyalität bestünde, kann nicht gleichzeitig die Welt verbessern, wer die Welt verbessern will, kann nicht gleichzeitig loyal sein. Das gilt auch dann, wenn der Grund, loyal zu sein, einst die Weltverbesserung, und der Grund zur Weltverbessrung die Loyalität oder Gruppenzugehörigkeit war.

Versöhnung ist nur dann unmöglich, wenn beide Seiten das gleiche glauben: nihil esse innovandum, nichts ist zu erneuern. Dann stirbt jede Gruppe den Infarkttod und die Welt bleibt stehen.

Versöhnung ist aber dann möglich, wenn beide Seiten ein drittes erkennen, das sie gemeinsam haben oder haben könnten. Dass ausgerechnet Charles de Gaulles, der General und konservative Politiker, zum Mitbegründer der französisch-deutschen Aussöhnung wurde, mag verwundern, wenn man ihn nur für das hält, was er auf den ersten Blick war: ein rechtskonservativer General, der ständig von der Größe Frankreichs schwafelte. Stattdessen war er aber auch ein Befehlsverweigerer und, nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, ein permanenter Ausbrecher und Freiheitssucher. In diesem Bestreben lernte er den wesensverwandten späteren Marschall der Sowjetunion Michail Tuchatschewski kennen, der ebenfalls schon mehrfach geflohen war und dem die letzte Flucht auch gelang, und die beiden befreundeten sich und sind sich später auch noch begegnet. Tuchatschewski sprach fließend französisch, de Gaulle konnte sehr gut deutsch, beide interessierten sich für die Kriegführung der Zukunft, auf beide wurde später nicht gehört. Beide entstammten übrigens Adelsfamilien und waren sehr gebildet, Tuchatschewski zudem noch künstlerisch interessiert und begabt. Das mag sie zusammengeführt haben.

Zukunft und Versöhnung brauchen also gerade nicht Herkunft, sondern Offenheit und Freiheit als hohes Gut, das all die verlogenen Begriffe der Vergangenheit ablösen muss, die auf Gruppenzugehörigkeit oder Loyalität allein beruhen. Jede Gruppe ist Therapie. Aber jede Therapie ist auch tödlich, wenn sie nach der Gesundung fortgeführt wird.

Auf deutscher Seite stand für die Versöhnung der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer zur Verfügung. Würde man ihn nur aus der Sicht etwa der Spiegelaffäre oder seines Altersstarrsinns beurteilen, so wäre er noch rechter als de Gaulle. Aber noch als erster Dezernent, also bevor er Bürgermeister wurde, schuf er ein ‚Rheinisches Schwarzbrot‘ aus Topinambur, das ihm zwar den Spottnamen Graupenauer, aber auch das Überleben und die Dankbarkeit vieler Kölner einbrachten. Die erste orthotrope** Brücke der Welt geht, nach dem Sieg im Zweiten Kölner Brückenstreit, in dem er sich mit der verhassten KPD verbündete, auf Adenauer zurück. Auch er war also ein Konservativer mit der Fähigkeit zur Öffnung. Nicht sicher kann man sich sein, ob er im Falle der Gefangenschaft geflohen wäre oder durch Verhandlungen und Innovationen erreicht hätte, dass das Lager aufgelöst und die Gefangenen freizulassen sind. Legendär ist sein Einsatz für die deutschen Kriegsgefangenen, die daraufhin tatsächlich im Jahre 1955 nach Hause entlassen wurden. Ob sie es als ihr Zuhause wiedererkannten, sei bezweifelt. Für sie galt auch Williams Faulkners schöner Beitrag zu unserem Thema: Das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen.

Für die ebenso notwendige und ebenso gelungene Versöhnung mit unserem östlichen Nachbarn Polen fehlt eine solche personale Dimension. Hier wirkte der von de Gaulle und Adenauer implantierte Europagedanke. Ironischerweise hat die gerade im Absterben begriffene Sub- und Unkultur der sogenannten Polenmärkte zum Abbau der Vorurteile  einer ungebildeteren und ärmeren Bevölkerungsgruppe  beigetragen, die sonst vielleicht im nationalen Dünkel steckengeblieben wäre.

Es ist kaum bekannt, dass es regelmäßige Gipfeltreffen der französischen, polnischen und deutschen Politik gibt, die wegen der geometrischen Verhältnisse der drei Flaggen zueinander und wegen des ersten Treffpunkts Weimarer Dreieck genannt werden. Um die Bevölkerungen unserer drei Länder und um ihre Beziehungen untereinander muss man sich ohnehin keine Sorgen machen.

Vielmehr sollten wir versuchen, unsere Erfahrungen beim Abbau falscher Gruppenloyalitäten weiterzugeben. Zurecht entstehen immer neue Loyalitäten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie unweigerlich auch immer zum Dissens führen, wo sie nicht offen bleiben, Freiheit als wichtigsten Wert sehen und sich zu erneuern vermögen.

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Masaccio-Trompeter 1426

 

Fotos: Mülheimer Brücke in Köln, Masaccio-Trompeter verkündet einen Sohn und Versöhnung

Das Wort Versöhnung kommt nicht von Sohn, sondern von Sühne, wie man aus dem Weihnachtslied ‚O du fröhliche‘ hätte wissen können, wenn einen nicht das Vorurteil des schlechten Reims gehindert hätte.

* Brief des Paulus an die Römer 4,3; Brief des Jakobus 2,21; Sure 5 Al Maedah

** durch sich selber getragene

DAS ÜBERSCHÄTZTE BÖSE

 

Nr. 195

Das sogenannte Böse, schrieb schon Konrad Lorenz, wird nicht nur in dem Sinne überschätzt, als es tautologisch für eine eigenständige Kraft gehalten wird, was er mit dem Wort Automobilkraft vergleicht. Das Böse wird auch in seiner Wirkung maßlos überschätzt. Wenn die Absichtserklärung des Bösen die Zerstörung des Gesamtsystems war, dann ist die Wirkung gleich Null.

Als Graf Stauffenberg vergeblich versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, drohte dieser unter anderem mit einer wörtlichen Blutrache, er werde, schrie er, die Sippen dieser Verräter auslöschen. Tatsächlich wurde das jüngste und fünfte Stauffenbergkind im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Es gibt ein Foto, auf dem die neunzigjährige Nina Gräfin Schenk zu Stauffenberg mit neunzig Familienangehörigen zu sehen ist, und sie hat das Foto ausdrücklich als Antwort auf Hitlers unsinniges Racheversprechen machen lassen. Die Familie war und ist zudem superreich. Stauffenberg war Hitlers Idol wie schon in seiner Kindheit der kleine Wittgenstein, der wie er ganze Wagneropern pfeifen konnte, sonst aber hochbegabt, schwerreich und stockschwul war, was Hitler alles bewunderte und imitierte. Ludwig Wittgenstein war, weil sein Vater es für gut erachtete, ein Jahr lang auf einer öffentlichen Schule, nämlicher jener Realschule in Linz, die zum gleichen Zeitpunkt, allerdings nicht erfolgreich, von dem kleinen Hitler besucht wurde. Es gibt eine  gemeinsames Jahrgangsfoto.

Goebbels erfand, um den unbedingten Rachewillen der Nazis auszudrücken, ein neues Verb: statt die Städte Großbritanniens ‚auszuradieren‘, was schon das Bild der Landkarte mit der Realität vermischte, ordnete er an, sie zu ‚coventrieren‘, also nach dem Vorbild von Coventry vollständig zu zerstören. Das gelang auch beispielsweise bei den Städten Freiburg im Breisgau und Anklam in Vorpommern. Das ist furchtbar, aber der Anspruch, alles was sich der Naziführung entgegenstellte, erbarmungslos zu vernichten, wurde noch nicht einmal im Ansatz erfüllt.

Großbritannien gehört nach wie vor zu den führenden Nationen der Welt. Auch Anklam hat es nach siebzig Jahren geschafft, den Turm der Nikolaikirche, wenn auch in anderer Form, zu rekonstruieren. Die Welt hat sich von dem falschen und schädlichen Begriff der Rasse getrennt und ein globalisiertes, multikulturelles Kapitel begonnen. Jetzt wird deutlicher, dass die Kriege und Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts der Rückzug des nationalistischen, rassistischen, überhaupt des hierarchisch-konservativen Denkens und Handelns war. Es hat so gesehen keine fünfzig Jahre gedauert, um aus dem tiefsten Mittelalter der dichotomischen Bewertung und Ermordung von Menschen – der ist richtig, jener ist falsch – zur langsamen Verwirklichung des überfälligen Slogans ‚All men become brothers‘ zu gelangen. Dass Schiller nicht Männer und Frauen meinte, die natürlich nicht Brüder werden können, sondern soziale und geopolitische Grenzen beseitigen wollte, kann man aus der Urfassung von 1785 erlesen: Bettler werden Fürstenbrüder.

Auch die ansonsten vergessenen Punischen Kriege, die uns aber die römische Kultur brachten, werden von den Rechten als Sieg menschlichen Willens und menschlicher Fähigkeiten, von den Linken aber, nach Brecht, als Warnung vor dem Krieg gedeutet. Tatsächlich gab es aber nicht nur Scipio Africanus, sondern auch Hannibal, nicht nur den Untergang Karthagos, sondern auch den Roms. Kriege sind falsch, weil keiner wirklich gewinnt. Scipios Sieg über die Bürokratie – er zerriss vor den Augen des Senats die Belege über das verbrauchte Geld – und sein Satz über die 96% unserer Reaktion auf die 10% dessen, was uns passiert, sollten uns wichtiger sein als alle Berichte über Schlappen und Schlachten. Sein Schwur, Karthago dem Erdboden gleichzumachen und Salz zu verstreuen, um es für immer unbewohnbar zu halten, ging in Brechts berühmten Satz ein, aber war genauso wenig zu verwirklichen, wie alle bösen Schwüre und Taten.

Der Tyrann Herodes ließ eine ganze Kohorte Knaben ermorden, weil er die Ankündigung, dass ein neuer König der Juden geboren worden wäre, genau so wörtlich verstand wie der sprichwörtlich gewordene römische Beamte Pontius Pilatus, der nicht nur Jesus ans Kreuz nageln ließ, sondern auch das Schild IESUS NAZARENUS REX IUDAEORUM. Beide irrten sich gewaltig, denn geboren und ermordet war der Gründer einer globalen Bewegung, die später sowohl die römische Kultur und Sprache als auch den griechischen Humanismus mit in die Zukunft transportierte. An Herodes und Pilatus erinnern wir uns nur wegen Jesus, gleichgültig ob er nun Gottes Sohn oder einer der wichtigsten Denker der Weltgeschichte ist. Seine Sätze sind wichtiger als seine Herkunft. Die Wirkung seiner Sätze wird mehr durch die menschliche Überhöhung als durch das überschätzte Böse behindert. Das erste Konzil von Nicäa war genauso wenig göttlich inspiriert, sondern vom trivialen Zeitgeist bestimmt, wie jedes andere Konzil.

Ein vorletztes perfides Beispiel, das sogar die völlige Umkehrung eines bösen Wortes und darauffolgender böser Taten belegt, sind die Worte des amerikanischen Viersternegenerals Westmoreland, dass er die Vietnamesen in die Steinzeit zurück bombardieren werde. Diese unsinnigen Worte, denn die Zeit ist bekanntlich irreversibel, gingen damals durch die Nachrichtensendungen der ganzen Welt, die sich empörte und letztlich obsiegte. Einer derjenigen Wehrpflichtigen, die ihren Gestellungsbefehl vor dem Weißen Haus verbrannten, wurde wenig später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA bezahlen heute jährlich dreistellige Millionensummen für die Wiedergutmachung der in dem verheerenden Krieg angerichteten Schäden. Auf der anderen Seite stehen 90 Millionen Vietnamesen, die allerdings nicht wohlhabend sind.

Der letzte deutsche Kaiser hielt im Jahre 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Truppen eine auch rhetorisch schreckliche Rede. Auslöser war die Ermordung des deutschen Botschafters Clemens Freiherr von Ketteler. Ketteler selbst war, wie wir heute sagen würden, eher der Inbegriff von Multikulturalität, zu seinen Verwandten zählen sowohl der von Bismarck im Kulturkampf inhaftierte Arbeiterbischof von Ketteler, als auch der französische Marschall Louis Franchet d’Espery und die amerikanische Präsidentenfamilie Bush. Wilhelm sagte: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Statt sich über die Brutalität der Worte zu ereifern, die für den Nationalsozialismus programmatisch waren, sollten wir endlich realisieren, dass nichts davon verwirklicht wurde. Das Böse bleibt Programm. Es ist nicht verwirklichbar. Es ist nicht existent, sondern immer wieder nur eine zeitweilige Summe aller falschen Entscheidungen.

 

Bild: Der Masaccio-Trompeter von 1426 verkündet das Gute.