HAYMATLOS II

Nr. 199

Der Druck auf die Emigranten und Immigranten erhöht sich sichtbar, wenn die Flucht oder die Wanderung als Verrat, politisches Versagen oder gar politische Provokation bewertet werden. So wurden Kleidung, Möbel und Wohnungseinrichtungen sowohl der geflohenen als auch der in die Ghettos und Konzentrationslager deportierten Deutschen jüdischen Glaubens geplündert und verhökert. Einige Jahre nach dem Mauerbau gab es in der DDR spezielle, meist provisorisch eingerichtete Läden, in denen das zurückgelassene Leben der Republikflüchtigen, so der offizielle Terminus, billig zu haben war. Mit dem zunehmenden Wohlstand und der Normalisierung der moralischen Wertskala drehte sich das Verhältnis langsam um. Eine polnische Familie, die von den an Russland abgetretenen Gebieten Ostpolens nach dem von Deutschland erhaltenen Westpolen vertrieben worden war, hat das ehemals deutsche Haus samt seiner Einrichtung bis in die sechziger Jahre, mitten im kalten Krieg, für den Fall konserviert, genau so erhalten wie sie es – nach ihrer Meinung unrechtmäßig – übergeben bekommen haben. Und die westdeutsche Familie hat es bei einem tränenreichen Besuch genau so vorgefunden wie sie es verlassen haben. Überhaupt sind die deutschen Ostgebiete, ein nicht minder trauriges wie aber auch ermutigendes Beispiel dafür, dass es Vergebung und Ausgleich geben kann. Auch unser Verhältnis zu Frankreich spricht für den Triumph einer menschlichen Moral. Die heutigen Möbelbörsen arbeiten umgekehrt: sie stellen Altmöbel für Arme und Flüchtlinge zur Verfügung. Ein Schrank ist zwar keine Heimat, aber ein Land mit Repression, Krieg, Verfolgung und bitterer Armut auch nicht,

Vielleicht ist es aber alles auch ganz anders. Die Verwirrung der Sprachen war wirklich eine Strafe, ob nun von Gott, der Natur, der Evolution oder der immer noch nicht wiederentdeckten Natur des Menschen. Alle Versuche der Nationalisten, Rassisten, Militaristen, religiösen Fanatiker und überhaupt Rechthaber, die Welt zu separieren, parzellieren, zu spalten, zu zerreißen und zu zerstören, sind gescheitert. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Gewaltherrschaft. Die letzten Diktatoren verlassen, wie die sprichwörtlichen Ratten, ihre sinkenden Schiffe. Das waren skurrile blutrünstige Gestalten, an die wir Menschen nur geglaubt haben, weil uns der Mut fehlte, den wirklich Guten einfach zu folgen: liebt eure Feinde, dann habt ihr keine mehr; wetteifert um gute Taten; getan ist, was ihr tut, nicht was man euch tut. Es fehlt uns nicht an Maximen, aber immer noch an Mut, ihnen einfach zu folgen. Dabei ist die billigste Formel: man muss tatsächlich bei sich anfangen.

Was wir gerade erleben, wäre dann das letzte Aufbäumen dieser seit Jahrtausenden gewalttätigen und widerwärtigen Welt, der es schwerfällt sich von den Grundsätzen der Kurzdenker, überhaupt von Grundsätzen zu lösen. Nachdem es im neunzehnten Jahrhundert einen Höhepunkt der Vernunft und Regelhaftigkeit gegeben hatte, löste sich sowohl das naturwissenschaftliche wie auch das religiös-staatsrechtliche Bild von der Zwanghaftigkeit der Regelwerke auf. Je mehr Regelwerke im Orkus der Selbstauflösung verschwanden, desto mehr dämmert uns Menschen, dass Freiheit keiner Grenzen und Stacheldrähte bedarf. Zwar muss zunächst ein Gesetzeswerk gegossen und Besitztum abgesteckt werden, aber nur, um Menschen hervorzubringen, die satt und frei sind und ihr Leben selbst gestalten wollen und können. Der wahre Gesetzgeber ist der, welcher sein Volk lehrt und bekehrt, ohne Gesetze zu leben, und das Volk ist die Welt.

Alle bisherigen Schulen haben noch immer jeden Gedanken in ein Gesetz umgeformt und jeden verfolgt, der das anders sah. Wenn wir jede Verfolgung beenden, brauchen wir keine Gesetze mehr und übrig bleiben die Gedanken, zu denen jeder nicht nur ermächtigt, sondern auch befähigt wird. Allerdings ist keine Gedanke denkbar, der nicht mit Liebe gekoppelt wird.

Wer gerade einen Schiffsuntergang beobachtet, kann nicht erkennen, dass das Wasser die Quelle allen Lebens ist. Wer seinen Blick auf den Terror einer winzigen Minderheit und auf die Propaganda eines verbliebenen falschen Rests konzentriert, kann nicht erkennen, dass um ihn herum ein neues Leben entstanden ist und entsteht: Verbrüderung, die in Wirklichkeit auch eine Verschwisterung ist, Teilen als Sinn des Reichtums, Globalisierung statt der Errichtung von Mauern und Zäunen, Überwindung auch der Sprachbarrieren durch die viel gescholtenen Kommunikationsmöglichkeiten, von denen ihr erster Urheber, Samuel Morse noch glaubte, dass sie keinen Sinn machen würden.

An der weltweiten Verbreitung des Wortes BRO kann man sehen, wohin die Richtung geht. Seine Quelle kannte bestimmt nicht Schillers Worte, aber Schillers Geist ist ein Destillat seines Geistes: eine Mischung aus Matthäusevangelium und Jazz. Aber der Jazz selbst ist schon das eigenartigste Substitut von Bachchoral, Mehterhane* und Rhythmus der sklavischen Baumwollpflücker in Alabama. Wir verdanken das Wort BRO ebenso wie die gesamte moderne und weltverbindende Musik den einst am meisten verachteten Menschen: den schwarzen Sklaven Amerikas, dem Inbegriff der Heimatlosigkeit und Verlassenheit, sometimes I feel like a motherless child. Aber zu dieser zarten Klage kam das donnernde Schlagwerk der osmanischen Eroberer und die elektronische Erlösung aus der Sprachlosigkeit. Wir haben früher als köstlichen Witz empfunden, die drei berühmtesten Juden in Jesus, Marx und Einstein zu sehen. Der Witz bestand in der Entthronung von Marx, der damals bei uns als einziger Weltverbesserer galt. Aber heute müsste man als den Schöpfer der modernen Welt eher Emil Berliner, den Erfinder der Schallplatte, sehen. Außerdem ist er eine schönes Symbol für das ewige Wandern der Menschen: er ging von Hannover nach Amerika und dann wieder von Amerika zurück nach Deutschland, und sein Name ist ohnehin Metapher.

 

* osmanische martialische Militärmusik

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