39387 ANDERSLEBEN

 

Nr. 202

Vielleicht sind die Menschen, darunter die Politiker und Polizisten und Richter in Sachsen nicht rechter als anderswo, aber staatstreuer. Vielleicht wird, genauso wie in der DDR, nichts rechts oder links oder gut oder schlecht oder nützlich oder unnütz belohnt oder bestraft, sondern treu oder nicht treu. Und wie sich der Staat als Staat treu bleiben soll oder treu bleiben will, so wollen sich auch seine Zweifler und Gegner treu bleiben. Sie wollen Zeichen setzen, weil sie glauben Zeichen setzen zu sollen.

Vielleicht teilt sich überhaupt die Menschheit mehr in Bewahrende und Aufbrechende. Die Aufbrechenden müssen sich als Verächter des Alten beschimpfen lassen. Den Bewahrenden dagegen wird vorgeworfen, dass sie das Neue, den Fortschritt behindern. Den Fortschreitenden wird hinterhergerufen, dass es schändlich ist, den Raum der eigenen Geschichte zu verlassen. Wer aber das Elternhaus als Gefängnis erlebt, der freut sich über die Befreiung von außen. Bringt nur eine agrikulturelle Maschine Nutzen oder auch das Hünengrab auf dem Hügel? Ist ‚Nutzen‘ überhaupt die geeignete Kategorie, um unser Leben zu beschreiben? Ist vielleicht alles ewiger Generationskonflikt?

Der größte Irrtum ist, dass es eine wenn auch noch so kleine Wahrheit gibt. Niemand hat einfache Antworten auf die immer komplexer werdenden Fragen. Denn Globalisierung heißt nicht nur, dass mein Frühstück aus Argentinien und mein Koch aus Pakistan stammt, sondern auch, dass der Schaden, den ich anrichte, irgendwann im Süden Afrikas ankommt. Die alten Witzworte, dass uns etwas interessiert ‚wie die Wasserstandsmeldung‘ oder nahegeht ‚wie der in China umkippende Sack Reis‘ werden uns noch im Halse steckenbleiben. Wer also Alternativen sucht, sollte an Tätigkeiten denken, nicht an Thesen. Um zu verdeutlichen, dass sich Philosophie und Technik perspektivisch nicht so sehr unterscheiden, wie man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen könnte, begeben wir uns in ein Gedankenexperiment: Man kann die scheinbar unendliche und grenzenlose Technikentwicklung auf zwei Grundprinzipien reduzieren, nämlich Mobilität der Körper und Mobilität der Gedanken. Dann wäre das Smartphone eine Variante des Marathonläufers und des Rauchzeichens und der Stau auf der A9 eine Permutation des Mongolensturms. Die heutige technische Entwicklung wäre nichts anderes als die ständige Verkleinerung der Dinge bei gleichzeitiger Erhöhung ihrer Nutzgeschwindigkeiten. Dann erscheinen die zeitgenössische Einfallslosigkeit der Philosophie des letzten Jahrhunderts oder das Fehlen wirklicher Geistesriesen nicht mehr als Mangel. Genau wie in der Technik würden dann die einmal und für immer erkannten Grundprinzipien in tausend Variationen fortgeschrieben, was auch Arbeit ist. Das Warten auf Lösungen in einer gelösten Welt erschiene dann als sinnlos, nicht das vermeintliche geistige Vakuum der Philosophie.

Es gibt vielleicht zwanzig Zinstheorien. Es gibt überall auf der Welt wachsenden Reichtum und wachsende Möglichkeiten des Ausgleichs von Armut und Reichtum, wie zum Beispiel Handel, Entwicklungshilfe und Flucht. Trotzdem gibt es immer wieder Gruppen oder einzelne Menschen, die glauben, dass das Elend oder das Wohl der Welt im Zins läge. Wer über den Zins klagt, liebt das Haus nicht, in dem er lebt. Von dem Brot, das wir essen, lebt auch der Bäcker. Man hat nicht zu wenig Geld, sondern zu viele Wünsche. Aber statt dankbar zu sein, dass wir nicht mehr hungern wie unsere Vorfahren, dass wir nicht mehr an der Pest sterben, dass es keinen Krieg gibt, statt dankbar dafür zu sein und die aufzunehmen, bei denen Krieg ist, popeln wir lieber solange in der Geschichte herum, bis wir einen Schuldigen an einem Krieg gefunden haben, den wir beschimpfen und bekämpfen können. Am Bürgerkrieg in Syrien können die Amerikaner schuld sein oder die Russen, der syrische Diktator oder der Kolonialismus, der Waffenhandel oder der Ölpreis, der Kampf zwischen den Schiiten und den Sunniten oder die Kreuzzüge, der zweite Weltkrieg oder der erste, der Kommunismus oder der Kapitalismus. Wem hilft es, wenn wir einen oder zwei oder alle immer wieder benennen? Wem hilft es, wenn wir einem Flüchtling oder einem Obdachlosen helfen? Den Waffenhandel beenden Wahlen und nicht Beschimpfungen. Bildung bringt mehr Freiheit, und die Erkenntnis, dass es keine absolute Freiheit gibt, bringt nichts.

In einem Laden in einem sächsischen Städtchen kann man die Treue zum permanenten Protest sehen, wie aber auch die Lösung der menschlichen Probleme in der Tätigkeit. Kunst ist die Alternative für denjenigen, dem sein Leben zu eng erscheint. Denn Politik ist immer mehr Verwaltung und Veraltung als Innovation oder gar Revolution. Immanuel Kant bewunderte jenen Herrn in Potsdam, der mehr Herrentum abgeschafft hat als die köpferollenden Revolutionäre in Paris und Petersburg. Aber auch das Preußentum ist pervertiert, und der letzte deutsche Kaiser ist eher der Vorläufer vom totalen Krieg als der Nachfahre jenes weisen Preußenkönigs gewesen.

In diesem Laden werden Blätter verteilt, die Lösung für Probleme versprechen, die keine sind, die Politik als etwas kritisiert, was sie nicht ist und meistens auch gar nicht sein kann. Dass Politik visionär gigantische Menschheitsprobleme löst, kommt ganz selten vor, und es ist geradezu lächerlich, einen gewöhnlichen Bundestagsabgeordneten als  Schattenwirtschaftsexperten anzusehen. Da wird links schneller zu rechts als man den Kopf wenden kann.

Die Welt wird besser, wenn wir alle etwas tun, denn ob es tatsächlich für die Verbesserung ist oder dagegen, können wir meistens nicht erkennen. Noch stehen in unserm Land tausende Denkmale herum, die unterstellen, dass Menschen mit Krieg Opfer für ihr Land, das sie verkleinerten, für uns, die sie nicht kannten, für ihre Kinder, denen sie den Vater raubten, gebracht hätten. Noch nicht einmal die simple Erkenntnis, dass Frieden immer ist und Krieg nur ganz selten, hat bisher ein Denkmal erhalten.

Ob man also in einem alten Laden alte Bücher, zum Beispiel von Kant, verkauft, oder ob man in einem Blog alte Gedanken wägt, das bleibt sich gleich, wichtig ist nur, dass man etwas tut. Man hört schon wieder die Rufe der Empörer: Beliebigkeit, wo bleibt die Wahrheit, wo bleibt die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bleibt immer in der Asymptote des Tuns.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s