ROTHSCHILD UND FEUERBACH

 

Nr. 203

für Anselm

Seit fast genau zweihundert Jahren glauben Menschen daran, dass die Familie Rothschild die Welt beherrscht.

Vor fast genau zweihundert Jahren reformierte und verwissenschaftlichte Feuerbach das Strafrecht. Erstmalig wurde die Folter abgeschafft, es durften nur noch Strafen verhängt werden für Delikte, die auch tatsächlich und vor der Tat strafbewehrt waren. Er ist damit sowohl der Begründer des positiven Rechts als auch des Rechtsstaats. Bis heute wird die von ihm eingeführte Würdigung des Täters kritisiert. So viele Menschen bemerken nicht, dass in den letzten zweihundert Jahren, besonders aber in den letzten siebzig Jahren die Gewaltkriminalität abgenommen hat, besonders bei den Kapitalverbrechen. Das hängt natürlich nicht nur von der Reform des Strafrechts, sondern auch vom gewachsenen Wohlstand ab. Alle Weltverbesserung war wahrscheinlich in den Wind geredet, solange es Hunger, Pest und Krieg gab. Schweden ist das Land ohne Zäune, und der Ausdruck ‚hinter schwedischen Gardinen‘ hängt gerade mit der Zunahme des Wohlstands durch Eisen- und Stahlexport zusammen. Deutschland ist das Land ohne Mord. Scheinbar hängen wir Menschen, wenn wir am Alten hängen, nicht nur am guten Alten, sondern auch am  bösen. Ständig gibt es die Forderung nach mehr Polizei, höheren Strafen und sogar hin und wieder die Sehnsucht nach der Todesstrafe. Obwohl Erdoğan weiß, dass mit der Wiedereinführung der Todesstrafe weder der nächste Militärputsch oder Kurdenaufstand verhindert werden kann, dass das Tor zur Europäischen Union auf lange Zeit geschlossen bliebe, ist er ganz sicher, dass er damit an Urinstinkte anknüpfen und seine Zustimmungsrate erhöhen kann. Aber auch bei uns gibt es immer wieder diese Rache- und Talionsgelüste, obwohl die Probleme abnehmen.

Der alte Feuerbach hatte früh zweimal promoviert und habilitiert, war mit sechsundzwanzig Jahren schon Professor, wenig später Gerichtspräsident. In ganz Europa wurde er mit seiner Untersuchung des Falles Kaspar Hauser berühmt. Weniger ging es hier um dynastische Spekulationen, die sich allerdings wirklich bestätigten, sondern um das Menschenrecht, das jedem menschlichen Wesen – und sei es noch so sprachlos – eine Würdigung seiner Umstände zubilligt. Er ist der einer der ersten wissenschaftlich beschriebenen Fälle, der zeigt, dass es sich lohnt, die Persönlichkeit mit ihrem angeborenen Recht und ihrer garantierten Würde gegen die bloße Phänomenologie zu stellen. Ein Fakt ist eben nicht der erste Anschein, sondern das wissenschaftlich unterfütterte Bild, mehr Theorie als Begriff. So frühvollendet der alte Feuerbach auch war, so früh starb er am Schlaganfall. Aber er hinterließ eine ebenso bewundernswerte Familie wie er selber war. Der Mathematiker Karl Wilhelm Feuerbach, sein zweiter Sohn, nimmt in einem Punkt seines Lebens das Schicksal Alan Turings vorweg: statt seine mathematische Hochbegabung zu schätzen, wurden ihm zeitgeistgemäße und haltlose juristische Vorwürfe gemacht, die zu seinem Tode führten. Am bedeutendsten war aber sein Sohn Ludwig, der Philosoph, der als Begründer des Atheismus galt und deshalb Lehrverbot an deutschen Universitäten erhielt, was seinen Einfluss noch verstärkte. Spätere Theoretiker haben ihn als den frommen Atheisten bezeichnet, weil seine Lehre vom guten und göttlichen Wesen des Menschen handelt. Es ging ihm nicht um die Ablösung Gottes, sondern um die Ablösung schädlicher Institutionen und des Glaubens an Strukturen statt an Menschen. Seine Lehre, dass Gott das menschliche Wesen, das Gute und Abstrakte im Menschen sei, geht über Hegel hinaus, dessen Weltgeist schon vom Namen her immer noch anthropomorph ist. Die Kritik am Christentum als Institution teilt er mit seinem Zeitgenossen Nietzsche, aber er geht weit darüber hinaus, indem er die Religion als etwas dem Menschen Innewohnendes erkennt.  Der Ruhm der Familie Feuerbach erreichte einen letzten Höhepunkt mit dem Maler Anselm Feuerbach, der ein Sohn des Archäologen war. Seine Bilder sind ein bedeutendes Narrativ am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sie sind ein Abschied von der alten Welt.  Mit ihm endet auch das Jahrhundert der Feuerbachfamilie.

Statt nun aber die Familie Feuerbach zu verehren, wird die andere deutsche Familie mit fünf Söhnen geschmäht. Obwohl ihre große Bedeutung und ihr überdimensionaler Ruhm im neunzehnten Jahrhundert lag, genau von 1815 bis 1914, wird ihr Nimbus hundert weitere Jahre überdauern. Selbst Heinrich Heine, nicht nur Romantiker, sondern auch von allerschärfstem Verstand, welcher nur durch seine Freundschaft mit Karl Marx getrübt wurde, glaubte, dass das Geld der neue Gott und Rothschild sein Prophet sei. Der dritte geldgeile Großgeist, der zum falschen Zeugnis über den Rothschildclan beitrug, war Balzac. Er kolportierte die Legende, dass Nathan Rothschild den Sieg über Napoleon bei Waterloo erkauft hätte. Wer Waterloo und Wavre kennt, weiß dass es anders war. Neben Wellington, ‚ich wünschte es wäre Nacht und die Preußen kämen‘, war es Blücher,  dem die Menschheit diesen Sieg dankt, und Blücher war in dem kleinen mecklenburgischen Dörfchen Galenbeck vom Schweden zum Preußen geworden.

Der alte Rothschild stammte aus dem Frankfurter Ghetto, seine Eltern starben früh und so ist er ein frühes Beispiel eines selfmademan, wozu man neben Geist auch Durchsetzungsvermögen benötigt. Reiche Menschen hat es schon vor den Rothschilds gegeben, aber soviel Kapital konnte erst im Kapitalismus entstehen. Das neunzehnte Jahrhundert ist nicht nur eine Geschichte der Romantik, der Traum vom allumfassenden Narrativ, sondern auch der fast grenzenlosen Wertschöpfung, die in ihrer Fortsetzung durch Ford und Rathenau angesichts des wachsenden Wohlstands aus der Betrachtung fiel, aus der Betrachtung, nicht aus der Wirklichkeit. Der Reichtum Deutschlands beispielsweise beruht immer noch auf Wertschöpfung, denn der Export ist nur das Ergebnis dessen, dass wir mehr produzieren – und also mehr Wert schöpfen – als wir selbst verbrauchen können. Das hat übrigens Rathenau als einer der ersten erkannt. Keinesfalls sind wir reich, weil andere arm sind, wohl aber haben wir die Verpflichtung zu teilen.

Auf der einen Seite sollten wir darüber nachdenken, was es bedeutet, Menschen zu ghettoisieren, was sozusagen der banlieue-Fehler der postmodernen Gesellschaften ist, andererseits muss uns klar sein, welche übermenschlichen Anstrengungen unternommen werden müssen, um aus dieser Bannmeile herauszukommen. Das wichtigste Ergebnis von Bildung muss die soziale Durchlässigkeit sein. Niemand darf im Gefängnis seiner Herkunft schmachten oder geschmäht werden!

Nachdem er durch Münzverkäufe reich geworden war, war es das höchste Ziel des alten Rothschild, Hoffaktor, also privilegierter Händler eines Fürsten zu werden, er träumte nicht von Geld- und Weltherrschaft. Aber er hatte eine wunderbare und hochintelligente Frau und zusammen hatten sie, wie es damals bei arm und reich üblich war, viele Kindern, darunter fünf Söhne. Diese wurden Gründer und Filialleiter der Bankhäuser in Wien, London, Neapel und Paris. Der älteste, mit seinem Vater gleichnamige Sohn blieb in Frankfurt und übernahm das Stammhaus, während der dritte Sohn, Nathan, in London der erfolgreichste und reichste war. Zwei anekdotische Faktoren mögen zu dem Irrglauben über die Weltherrschaft beigetragen haben. Erstens haben die Rothschilds Europa mit einem privaten und kryptischen Kommunikationssystem überzogen, ein Netz von Boten mit einer Geheimsprache, das überflüssig wurde, nachdem die Erfindung des Historienmalers Samuel Morse wirksam war und jedermann immer schneller kommunizieren konnte. Die Familie Rothschild ist also höchstens ein Beweis dafür, dass solche Kommunikation tatsächlich gebraucht wurde, was ihr Erfinder nicht annahm. Und zweitens ist die immer größer werdende Familie bald zu Parallel- und Kreuzcousinenheiraten übergegangen. Im Familienzusammenhalt sah man den Garanten für wachsenden Reichtum. Den Gipfel dieser ethisch wahren, genetisch aber verheerenden Ansicht hat Nicolas Berggruen, mit den Rothschilds nicht verwandt, erreicht, indem er sich zwei von ihm geclonte Kinder machen ließ. Jeder Gedanke ist gut, aber jeder zum Prinzip erhobene Gedanke wird falsch und immer falscher. Die Vernunft ist unendlich und universell, nicht der Unverstand.

rothschild und feuerbach

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3 Gedanken zu “ROTHSCHILD UND FEUERBACH

  1. Ahsen schreibt:

    „Selbst Heinrich Heine, nicht nur Romantiker, sondern auch von allerschärfstem Verstand, welcher nur durch seine Freundschaft mit Karl Marx getrübt wurde, glaubte, dass das Geld der neue Gott und Rothschild sein Prophet sei.“

    Genialer Text!
    Ausgenommen die Passage über Erdogan. :’D

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