DISTANZ

Nr. 207

Der Wohlstand gebiert Kinderlosigkeit, Massentierhaltung, Monokulturen und Müll. Die Umwelt verarmt in demselben Grad wie der Mensch aufblüht. Die hohe Lebenserwartung erzeugt Demenz, Hilflosigkeit und Alleinsein. Der Nationalstaat, dem heute doch eine beträchtliche Menge nachtrauert, hatte Grenzen, Mauern und Kriege als Begleiterscheinungen. Aber auch diese neuen Probleme können gelöst werden, wenn man beachtet, dass diese Lösungen wieder problematisch sind. Während man früher auf den Staat hoffte, dessen autoritäres Gehabe bis hin zur Todesstrafe man als Gegenleistung hinzunehmen hatte, bringen  Wohlstand und Demokratie aber auch jenen mündigen Bürger hervor, den die Aufklärung als Voraussetzung des demokratischen Zeitalters erträumte. Merkwürdigerweise hat die Bildung, obwohl sie nebst dem Wohlstand  zwingende Voraussetzung der Demokratie ist, selbst noch nicht ihre neue Dimension erreicht, vielleicht, weil sie zu lange in der falschen Vorstellung der Hierarchie des Wissens, des Staates und damit der Bildungsinstitution gefangen ist. Und im Gefängnis lernt es sich schlecht.

Jegliches hat also nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis. Je radikaler die Lösung eines Problems ist, desto umfassender sind auch die Kollateralschäden oder Nebenwirkungen. Das Individuum, der Mensch, der sich als Einzelwesen sieht und sehen kann, aber auch sehen darf, ist die Entdeckung des achtzehnten Jahrhunderts, aber erst jetzt kann sich der Einzelne, von einigen Grundbedürfnissen abgesehen, auf sich selbst zurückziehen, und also nicht zufällig ist jahrzehntelang von Selbstverwirklichung die Rede gewesen. Der Anspruch der Selbstverwirklichung ist zum Beispiel die individuelle Voraussetzung der sozialen Durchlässigkeit. Die Ideale können sich anders verteilen. Andererseits führt aber die Konzentration auf die Selbstverwirklichung zu einer Isolation, die die Verwirklichung anderer Individuen in unserem Umkreis verhindert, zum Beispiel der Kinder. Der sich selbst verwirklichende Mensch hat vorsichtshalber weniger bis keine Kinder, um gar nicht erst in den Konflikt zwischen den verschiedenen Verwirklichungsmöglichkeiten zu geraten. Am Rande ist zu erwähnen, dass dann oftmals das eine Kind mit Verwirklichungsmöglichkeiten überhäuft wird, die es wieder entindividualisieren, diesmal durch seine Helicoptereltern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, diesmal durch einen Berg von Zuwendung, Supervision und Luxus.

Von Ludwig Feuerbach stammte der Begriff der Entfremdung, bei ihm die Entfremdung des Produzenten von seinem Produkt. Heute entfremdet sich der Mensch von sich selbst, er betrachtet sich im Spiegel seiner medialen Äußerungen. Das Foto von sich selbst, liebevoll selfie genannt, das Foto der Mahlzeit, das Hochzeitsfoto, fast sympathisch die Kinderfotos. Aber die Kinderfotos werden auch am meisten kritisiert, seien sie doch ein Angriff auf die kommende Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Sollte das heutige Kind einst Weltstar sein, dann könnte ihm die Eitelkeit seiner Eltern im Wege stehen. Auf der anderen Seite aber stürzen sich ohnehin mehrere hundert Journalisten auf den Lebenslauf eines Politikers oder Stars, um ihn auf Unwägbarkeiten, Lug und Betrug zu durchsuchen.

Diese Distanz wir auch in den Schulen gelehrt. Die Kinder und Jugendlichen lesen dort nach wie vor große und bedeutende Texte. Dann aber schreiben sie selber keine Erwägungen dazu, sondern folgen einem Regelwerk, das ihnen bestenfalls zeigt, wie man einen vorgefertigten Text aus Bausteinen zusammenbastelt. der Lehrer ist lediglich der Moderator zwischen dem Regelwerk und dem entfremdeten Kind. Das Kind lernt nicht, seine Gedanken aufzuschreiben. Es genügt vielen Lehrern, wenn da steht ‚Der Text hat mich zum Nachdenken angeregt.‘ Jede zeit hat ihre Modeausdrücke und Formeln, um etwas zu sagen oder nicht zu sagen. Barocke Texte scheinen nur aus Textbausteinen zu bestehen, und das neunzehnte Jahrhundert brachte uns nicht nur Grimms Märchen und Grimms Wörter, sondern auch die hyperventilierte Kanzleisprache mit ihrem ‚an sich‘ und ‚im Grunde‘, das sie Hegel entnommen hatte, ihrem ‚beziehungsweise‘, ’sozusagen‘ und ‚und so weiter‘, das sich oft als ‚et cetera‘ bildungssprachlich verkleidet. Das können wir nicht verbieten und auch nicht recht kritisieren, so verbreitet ist es. Aber warum muss in der heutigen Schule gelehrt werden? Die heutige Schule müsste doch durch die vielfältigen Hilfsmittel viel mehr Zeit haben um vielleicht nicht jedem Schüler, aber doch mehr als den Ausnahmen die Entwicklung einer eigenen Sprache zu ermöglichen. Dazu braucht man kein Smartboard, so praktisch das auch ist, sondern Ermutigung und eigene Kompetenz. Letztlich könnte man das Schreiben auch mit Bleistift und Papier erlernen. In jeder ersten Klasse im großen Landkreis Uckermark ist in diesem Jahr ein Flüchtlingskind. Vielleicht bringen sie neue Metaphern ein, die hier am Verdorren sind.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass Politik und Medien sich ebenfalls in Floskeln zurückziehen. Was auch passiert, die Bundeskanzlerin oder der Außenminister ‚zeigte sich betroffen‘. Schon wenn sie betroffen gewesen wären, wäre das wenig genug, weil es eine menschliche Selbstverständlichkeit wäre. Auch der linken Nachbarin sieht man ihre tatsächliche Betroffenheit an, wenn sie vom Tod der  rechten Nachbarin hört. Vielleicht ist die Formulierung erfunden worden, um die normale Empathie, zu der fast jeder Mensch fähig und willens ist, abzuheben und auf das Podest der Abgehobenheit zu stellen. Aber das ist nur eine Erklärung und keine Entschuldigung.

Vielleicht müssen wir auch, angesichts der Dauerpräsenz der Weltereignisse in unserem Hirn, über unsere stete Neigung zum Whataboutism nachdenken, jener schon in der Antike, natürlich unter anderem Namen, kritisierten Haltung, auf jede Schrecklichkeit mit einer anderen Schrecklichkeit zu antworten, um damit abzulenken und unsere Verantwortung zu blocken, falls es eine gibt. Denn auf der anderen Seit kann nicht jeder Mensch, obwohl die Empörer gerne so tun, für alles verantwortlich sein, was auf der Welt passiert. Vielmehr gilt: Würden wir unsere distanzierte Ausdrucksweise aufzugeben vermögen, dann hätten wir mehr Raum und mehr Kraft, die Probleme zu lösen, die uns in unserem unmittelbaren Umkreis reichlich gegeben sind. darüber hinaus können wir wählen gehen, und das ist mehr, als die Menschen in immer noch zu vielen Ländern der Welt können. Niemand ist gehindert, Gutes zu tun, aber jeder greift wie zu einem Rettungsring gern zu distanzierten Textbausteinen der Abwehr und Gleichgültigkeit. Die Kraft, die wir in ein verklausuliertes NEIN investieren, würde oft für ein schönes und optimistisches JA ausreichen.

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DIE HOFFNUNG DER MENSCHHEIT

 

Nr. 206

Je trüber der Blick, desto kaputter ist die Welt. Das kann man zurzeit auch auf der politischen Bühne nicht nur hierzulande, auf der gerade unperfect actors in großen Dramen und noch größeren Mengen agieren, beobachten. Aber auch die europäische Bevölkerung ist von Verlustängsten und Minderwertigkeiten geschüttelt. In Europa wird in diesen Wochen und Monaten so geredet, wie in Pompeji am Vormittag des 24. August 79 hätte geredet werden können oder sogar müssen. Über das Datum wird seither übrigens gestritten, während die einen auf den absolut glaubwürdigen Beobachter Plinius den Jüngeren schwören, gehen die anderen von Essenresten und anderen Indizien aus. Was man auch beobachtet: es ist falsch.

Es gibt immer Zeichen des Untergangs. Auf einem Schiff ist es das ringsumher befindliche Wasser, das deutliche Züge des Untergangs zeigt. Alle Schiffe, die untergegangen sind, taten dies im Wasser. In einer Gesellschaft ist es der Mangel an Gleichgewicht. Obwohl die europäischen, nordamerikanischen und ostasiatischen Gesellschaften in den letzten zweihundert Jahren immer stabiler wurden, gab es immer wieder ein Aufflackern des ursprünglichen oder des endzeitlichen Chaos auf der einen Seite, auf der anderen aber die unerschütterliche Angst davor. Das Chaos selbst dagegen ist nur aushaltbar, indem man es konsequent leugnet. Die Menschen in Pompeji, auf der Titanic, der Gustloff und auf der Rampe in Auschwitz waren felsenfest davon überzeugt, dass sie nicht untergehen können. Dass aber selbst das Wunder ein Klischee sein kann, beschreibt der Roman Hiob von Joseph Roth, der sein großes Talent an den Teufel verkauft hat.

Das Glauben der Menschen – und das ist etwas anderes als der Glaube der Menschheit – befindet sich seit jeher in einem riesigen Dilemma: Gehen sie vom Untergang aus, so tritt dieser nicht ein,  leben sie in beschwingter Sicherheit, so leben sie nicht mehr lange. Aber dieses Dilemma ist gleichzeitig ein Trugschluss, denn das Leben richtet sich nicht nach dem Glauben der Menschen. Je mehr Wissenschaft es gibt, desto größer ist auch der Wissenschaftsglaube, den man genauso gut Wissenschaftsaberglaube nennen könnte. Je mehr Wissen es gibt, desto mehr Glauben gibt es und muss es auch geben. Es gibt überhaupt die Inflation von fast allem. Nur das Wunder ragt weiter einsam in die Welt und in unser Leben hinein. Leider wird es manchmal – und das hat sich überhaupt nicht geändert – gar nicht und nach wie vor nicht gesehen. Auf einer Wiese zum Beispiel gibt es das Wunder der Harmonie und der komplementären, ästhetischen Abhängigkeit, wie sie niemand besser als Darwin beschrieben hat, und wer an einen anthropomorphen Gott glaubt, der jede einzelne Ameise kontrolliert, der kann hier die Perfektion der Schöpfung anbeten. Inflation dagegen entsteht, wenn eine Tierart, zum Beispiel der Mensch mit einem Pestizid, speziell Herbizid, in diese Harmonie eingreift. Nach dem Einsatz eines Herbizids kommen die Pionierpflanzen als erste und zunächst einzige in Massen: Brennnessel, Distel, Klettenlabkraut. Das Ergebnis ist  DER STUMME FRÜHLING, in meinem Meyers Konversationslexikon von 1907 stünde jetzt: siehe dort.

Wenn man also auf eine mit Brennnesseln überfüllte Fläche gerät, dann ist nicht nur die göttliche Harmonie gestört, sondern auch unser Blick getrübt, der Fokus richtet sich auf die Bekämpfung der Brennnesseln, beim Klettenlabkraut muss man sich sogar zuerst einen Weg bahnen.

Und so – denke ich – haben wir uns auch den Blick für die  Lösung unserer Probleme dadurch verstellt, dass wir durch Problemlösungen neue Probleme zu den alten gefügt haben. Schon vor vierhundert Jahren hat Shakespeare darüber gespottet: The time is out of joint, o cursed spite that ever I was born to set it right. Natürlich ist niemand berufen, die angeblichen Krankheiten der Zeit – schon allein daran kann man die Satire erkennen – zu heilen. Wer immer das behauptet, hat die billigste Larve auf, als ein unperfect actor on the stage, und trotzdem wird die billigste Versprechung inflationär immer wieder geglaubt.

Die Lösung aller unserer Probleme liegt nicht im Rückwärtsgrübeln und Aberglauben an Wunderheiler, sondern in den nächsten Generationen. Wir Europäer haben den Glauben an unsere Kinder so nachhaltig aufgegeben, dass wir immer weniger Kinder haben. Begegnet uns ein fröhliches und neugieriges Kind, so erschrecken wir und es fallen uns tausend Probleme ein, die dieses Kind haben oder verursachen könnte. Unsere Kinder werden mit Ritalin und künstlich erzeugtem Schulstress für die Erwachsenenwelt kompatibel gemacht. Eine Gesellschaft, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung fröhliche Kinder sind, können wir uns schon lange nicht mehr vorstellen. Falsche Fröhlichkeit lassen wir uns in unseren Lieblingsspielzeugen, den Massenmedien, von sexistischen und immer wieder und nur die Politiker beschimpfenden Kabarettisten vortäuschen. Niemand scheint bemerken zu wollen, dass diese Kabarettisten und Bücherschreiber eben damit sehr viel Geld verdienen und Teil des Systems sind, das sie zu bekämpfen vorgeben. Millionenauflagen kann man haben, wenn man behauptet, dass die Gier der Kapitalisten an allem schuld sei. Gestern noch waren die Juden an allem schuld, morgen werden es die Flüchtlinge sein. Die Kartoffelkäfer aus Amerika und die Amerikaner, das Geld, die Schulden, die Zinsen, die Chinesen als gelbe Gefahr, die Achtundsechziger, die Polen, die uns alles wegkauften, die Muslime im allgemeinen und die Burkträgerinnen im besonderen, alle waren schon schuld an unserem Unglück. Aber wo ist unser Unglück?

Man sieht schon die Gegenargumente – aber sind es wirklich Argumente? – wie Maden aus verdorbenem Weißkohl krabbeln: Naivität, Romantik, Sonntagsreden, Unrealismus, Versöhnlertum, Synkretismus, Nestbeschmutzer und seit neuestem Gutmenschen.  Aber selbst wenn aus ihnen Fliegen werden – ihr wisst: musca domestica, unser treuer, unverzichtbarer Ekel -, so können sie doch nicht die Schönheit des unverdorbenen Weißkohls, der harmonischen Wiese und des fröhlichen und neugierigen Kinderlachens stören. Das Unglück der Welt gibt es tatsächlich, aber immer wieder lachen Kinder und freuen sich selbst da, wo die Erwachsenen Schimpf und Schande anhäufen.

Wir haben es nur vergessen. Die Kinder sind keine Last, sondern die Hoffnung der Welt. Und: ‚Es sind ja noch itzo ganze Völker, bey welchen die Schönheit so gar kein Vorzug ist, weil alles schön ist.‘ [Johann Joachim Winckelmann]

FREIHEIT UND ORDNUNG II

 

Nr. 205

[Man verliert eine Heimat nach der anderen. JOSEPH ROTH]

Früher war alles gut. Früher war alles sicher. Selbst die Menschen, die im bitteren Winter 1945 bei minus 20 Grad über die Kurische Nehrung vor den Russen, die sie als Monster und Schicksal angesehen haben, geflohen sind, empfinden ihre davor liegende Kindheit als Idylle. Schuld ist als Projektion immer fern und stark, Idylle dagegen nah und schwach. Die Menschen, die heute auf Nussschalen über das Mittelmeer kommen, werden trotz ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit als Bedrohung gesehen. Beide Gruppen wurden und werden als Fremde beschimpft und gedemütigt. Tatsächlich ist jemand, der unter widrigen Umständen vor Gefahr und Chaos flieht, stark und ein anderer, der sich hinter Staat und Tradition verbirgt, schwach.

1

Die Menschen im Nordosten wählten aber nicht eine autoritätsaffine Partei, weil sie besonders viel Angst vor den wenigen Fremden in ihrem bevölkerungsarmen Land haben. Vielmehr wirkt in ihnen besonders der sechsmalige Wechsel eines Staatssystems als Verlust des Staates. Das gleiche Gefühl gibt es aber auch in Norwegen, wo seit 100 Jahren der gleiche Staat und die gleiche Familie (sogar die Familie wie in Dänemark) herrscht. Im Bewusstsein derjenigen Menschen, die der Demokratie misstrauen, herrscht der Staat eben nicht mehr. Je mehr Demokratie es in einer Gesellschaft gibt, desto weniger Staat muss es geben. Da aber der Staat große Teile der einst rein religiösen Barmherzigkeit als Sozialstaat adaptiert hat, wirkt er gerade in jenen Bevölkerungsteilen noch omnipotent, die sowohl wirtschaftlich abhängig als auch bildungsfern sind. Es besteht sogar ein Kausalzusammenhang zwischen der Abhängigkeit und der Weigerung zu lernen. Die Gegenleistung für soziale Absicherung oder Barmherzigkeit war in autoritären Systemen die Akzeptanz der Strafe. In der Demokratie und im Sozialstaat ist diese Gegenleistung die zunehmende Selbstständigkeit. Dieses Verhältnis wird als asymmetrisch empfunden.  Dasselbe Fünftel, das die autoritätsaffine Partei gewählt hat, ist im  Rentenalter und hat früher in der Landwirtschaft gearbeitet. Der Grund für die relativ günstige Altersstruktur im Jahre 1990 war nicht die hohe Geburtenquote, sondern die niedrige Lebenserwartung durch die härteren Arbeitsbedingungen, den hohen Alkoholkonsum und die schlechte medizinische Versorgung. Als Erinnerung bleibt aber: die Zeit vor 1990 war glücklich, denn es gab Kinder, Kinderkrippen, Schulen und einen funktionierenden Staat, der ordentlich bestrafte, was zu bestrafen war. 1945, als Mecklenburg mit Flüchtlingen überfüllt war, gab es eine ähnliche Staatsnostalgie gegenüber dem nationalsozialistischen Wahn. Man verliert eine Heimat nach der anderen, schrieb der große Erzähler Joseph Roth.

2

Das Gefühl belogen worden zu sein, ist aus den Untergängen beider Diktaturen überliefert. Soeben ist der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger gestorben. Er hatte unter anderem herausgefunden, dass wir Menschen nicht rational kaufen und verkaufen, dass wir kein homo oeconomicus sind. Und obwohl das eine triviale Erkenntnis ist, gehen die meisten nach wie vor davon aus, dass sie besonders clever einkaufen, wählen und verreisen, dass wir belogen und betrogen werden, dass der Bäcker um die Ecke einen Versorgungsauftrag hat, dass die Preise ständig steigen und die Löhne kräftig sinken. Die letzten Politiknobelpreisträger Deutschlands waren Brandt und Rathenau, sie gingen nicht vom rationalen mündigen Bürger, sondern davon aus, was letztendlich für Europa gut sein wird. Das war in beiden Fällen der politische und wirtschaftliche Ausgleich mit jenen Ländern, die Deutschland im jeweiligen Krieg überfallen und ausgeplündert hatte. Der Wähler lebt vom Erfahrungsschatz seines Großvaters und von der Menschenkenntnis seiner Großmutter. Das Spannungsfeld zwischen Erlebtem und Erzähltem wird in unserem eigenen Leben nicht als Lüge erlebt, aber erst im Nekrolog logisch. Bei jedem anderen unterstellen wir aber Unwahrhaftigkeit. Dass Wahrheit nicht erreichbar ist, mag den meisten von uns dämmern, also verlangen wir Wahrhaftigkeit, die wir selbst nicht zu geben bereit sind. Mit der quantitativen und qualitativen Zunahme der Medien nehmen auch der Focus auf bestimmte Ereignisse und die Unschärfe zu. Denken wir uns kurz zurück in die Zeit, als wir HEUTE, AKTUELLE KAMERA und TAGESSCHAU nacheinander sahen. Wo war da die Lügenpresse? Was wir sehen, ist immer der statistische Schnitt aus Evidenz und Abbild gekoppelt mit der von uns projizierten Wahrhaftigkeit. Die Medien haben nicht nur aus technischen Gründen zugenommen, sondern auch, weil wir alle wesentlich mehr Freizeit haben als unsere Voreltern. Diese freie Zeit wird nun mit genau dem gefüllt, was mit ihr entstanden ist: der medialen Aufbereitung sowohl der Welt als auch unserer Unterhaltungssucht.

 

3

Letztendlich ist die Wahl der falschen Partei durch zwanzig Prozent der Bevölkerung sogar ein Sieg der Demokratie. Diese Menschen haben vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben bemerkt, dass ihre Stimme gefragt ist und Wert hat, nicht nur in dem Sinne, dass sie einer Partei ins Parlament geholfen haben, sondern auch dass sie durch die eigentlich verachteten Medien wahrgenommen werden. Das ganze Land spricht von ihnen, den Rentnern aus Vorpommern, die stumpfsinnige und schwere Arbeit in der Landwirtschaft verrichten mussten, die dafür – so glauben sie – viel zu wenig Rente bekommen, die eine geringere Lebenserwartung als alle anderen in der Republik haben und deren Enkel in Bayern und Holstein, in Westfalen und Württemberg arbeiten. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben haben sie etwas entschieden, nicht ganz freiwillig, denn die Partei, die sie gewählt haben, hat genau das gefordert, was sie fühlen. Und was sie fühlen ist eine Ablehnung der Gegenwart, ein kollektiver Widerspruch gegen alles, was vom Westen her kommt, was ihre Vergangenheit in Frage stellt, was sie nicht verstehen, weil es für sie nicht evident ist. Demokratie herrscht nicht, schrieb einst Erich Fried, und genau dieses Nichtherrschen wird hier als Mangel empfunden und soll nun, wenn schon nicht von Udo Pastörs, so doch von Gauland und Petry beendet werden. Die Flüchtlinge der Kanzlerin, die auf den Hauptstraßen der kleinen gottverlassenen Städte zu dritt auf einem Fahrrad  zu sehen sind, sind dabei nur das Vehikel des Volkszorns. Man kann hier beinahe nicht anders als dieses populistische Wort von Goebbels zitieren. Denn einen Volkszorn kann es nicht geben, weil es kein Volk gibt. Wir reden hier von den Rentnern in Mecklenburg-Vorpommern, die AfD gewählt haben, das sind 20 Prozent von etwas mehr als einer Million Wahlberechtigten. Weil es das Volk nicht gibt, ist Demokratie eine so wichtige Errungenschaft. Schon zwei Menschen denken nicht mit einer Stimme, wenn sie sich auch manchmal einstimmig fühlen. Auch früher war vieles unsicher, vor allem das Leben selbst. Früher war alles schlechter.

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Krähe

Fotos:

Das Gefängnis zu Prenzlau

Krähenkolonie im Stadtpark Prenzlau

FREIHEIT UND ORDNUNG

 

Nr. 204

Freiheit ist wie ein Vakuum und so gesehen wenig wünschenswert. Ordnung dagegen ist wie eine heillos mit Regeln überfüllte Rumpelkammer. Trotzdem gibt es nur zwei Lebensalter, in denen wir Freiheit der Ordnung vorziehen: die Pubertät und das Greisenalter. Im Greisenalter müssen wir keine Rücksichten mehr nehmen, aber es entsteht der gleiche Widerspruch wie in der Pubertät: wir wollen unabhängig sein und sind noch oder schon wieder abhängiger als dem freiheitssüchtigen Menschen recht sein kann. Die durch Ordnung gebändigte Abhängigkeit wird am deutlichsten in der abhängigen Erwerbsarbeit. Sie zeigt auch das Dilemma, in dem wir stecken, dass die Vorbedingung identisch mit dem Endergebnis ist. Es ist schwer, aus diesem Zirkel wenigstens soweit herauszukommen, dass mehr als ein Grabstein von uns bleibt. Das Leben darf nicht die Reise sein, die man nur macht, um von ihr erzählen zu können. Denn wir wissen alle, auch wenn wir es lange verdrängen, die Reise endet genauso wie die Erzählung.

Die Kritik an der Freiheit meint also eher die Kritik an dem weltfremden Wunsch nach dem Vakuum der absoluten Unabhängigkeit. Denn sobald ich mich auf einen anderen Menschen zubewege, und sei es, um ihm zu helfen, begünstige ich eine doppelbindige Abhängigkeit, die des Schutzsuchenden an mich und meine an die Hilfsbedürftigkeit. Ein beliebter Vorwurf der Ignoranten ist also das Helfersyndrom. Man könnte statt dessen sagen, hätten alle Menschen das Helfersyndrom, wäre die Welt zwar nicht problemlos, aber wenigstens ohne Not. Etwas nicht zu tun aus Angst, dass das Ergebnis nicht das gewünschte sein könnte, ist absolut unsinnig. Das Ergebnis ist so wenig das gewünschte, wie es überhaupt Dinge mit nur einer Ursache gibt. Es gibt keine. Am leichtesten kann man sich Multikausalität vorstellen, wenn man ein weißes Blatt Papier vor sich auf den Tisch legt und versucht, einen Gedanken, den man gerade hatte, darauf schriftlich auszuführen. Man schreibt immer etwas anderes,  als man denkt. Und man denkt immer etwas anderes, als man gerade schreibt. Da helfen, glauben die Ignoranten, nur Regeln. Ja, sagen die Neinsager, da helfen Regeln nur insoweit, wie sie zeitweilig und provisorisch gemeint sind, weil Regeln, Gesetze, Ordnungen und selbst Traditionen immer nur zeitweilig und provisorisch sein können. Wenn wir uns ein Kind vorstellen, das laufen lernt, so ist es auf unsere Hilfe angewiesen, es schwankt von Elter zu Elter, deren Plural ihm zum ersten Mal bewusst wird, ist an das Gefühl gebunden, welches ihm fragile, manchmal durch Jähzorn oder Unfähigkeit gebremste Sicherheit gibt, aber es ignoriert seinerseits die Regeln der Ignoranten. Unter Ignoranten wollen wir in diesem Text Menschen verstehen, die tatsächlich glauben, dass ein Leben nur die eine Dimension der Ordnung hätte, sie glauben es sogar zu wissen. Allerdings wird der Spielball der Fakten immer schneller. Die Notwendigkeit eines Regelwerks wird durch seine Umstürzbarkeit aufgehoben und neu bestätigt. Das Leben hat keine Leitplanken, und sie sind für Motorradfahrer wenig hilfreich. Das Leben ist überhaupt, und wem sage ich das, keine Spazierfahrt in einer selbstbeweglichen und selbstnavigierenden Kutsche, sondern eher die unsichere Fahrt mit einem Mountainbike, das Kraft und Navigation und Geschicklichkeit, Erfahrung und Innovation von uns verlangt.

Auch wenn man das schon tausende Lebensalter währende Dilemma von Freiheit und Ordnung betrachtet. kommt man auf nur eine mögliche, aber selbst wieder dilemmatische Lösung, die so fragil ist, wie der Mensch oder Gott selbst: die Liebe. Sie bindet uns nicht nur an einen Menschen und die Menschheit, sondern auch an uns selbst.

Alle Energie wird Bindung und alle Bindung wird Energie, wenn sie nicht durch zu viel Ordnung und Tradition unnötig gebunden sind. Und Energie ist die Vorbedingung und das Ergebnis der Freiheit.  Freiheit ist, hinter den verworfenen Regeln den übergreifenden Sinn zu ahnen. Wenn die Vorbedingungen der Freiheit Bildung und Bindung sind, dann ist ihr Ergebnis Liebe.

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Fotos:

1 Grabstein neben der zur Konzerthalle umgebauten Marienkirche in Neubrandenburg

2 Fenster des ehemaligen Zucht- und Korrektionshauses Luckau