DISTANZ

Nr. 207

Der Wohlstand gebiert Kinderlosigkeit, Massentierhaltung, Monokulturen und Müll. Die Umwelt verarmt in demselben Grad wie der Mensch aufblüht. Die hohe Lebenserwartung erzeugt Demenz, Hilflosigkeit und Alleinsein. Der Nationalstaat, dem heute doch eine beträchtliche Menge nachtrauert, hatte Grenzen, Mauern und Kriege als Begleiterscheinungen. Aber auch diese neuen Probleme können gelöst werden, wenn man beachtet, dass diese Lösungen wieder problematisch sind. Während man früher auf den Staat hoffte, dessen autoritäres Gehabe bis hin zur Todesstrafe man als Gegenleistung hinzunehmen hatte, bringen  Wohlstand und Demokratie aber auch jenen mündigen Bürger hervor, den die Aufklärung als Voraussetzung des demokratischen Zeitalters erträumte. Merkwürdigerweise hat die Bildung, obwohl sie nebst dem Wohlstand  zwingende Voraussetzung der Demokratie ist, selbst noch nicht ihre neue Dimension erreicht, vielleicht, weil sie zu lange in der falschen Vorstellung der Hierarchie des Wissens, des Staates und damit der Bildungsinstitution gefangen ist. Und im Gefängnis lernt es sich schlecht.

Jegliches hat also nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis. Je radikaler die Lösung eines Problems ist, desto umfassender sind auch die Kollateralschäden oder Nebenwirkungen. Das Individuum, der Mensch, der sich als Einzelwesen sieht und sehen kann, aber auch sehen darf, ist die Entdeckung des achtzehnten Jahrhunderts, aber erst jetzt kann sich der Einzelne, von einigen Grundbedürfnissen abgesehen, auf sich selbst zurückziehen, und also nicht zufällig ist jahrzehntelang von Selbstverwirklichung die Rede gewesen. Der Anspruch der Selbstverwirklichung ist zum Beispiel die individuelle Voraussetzung der sozialen Durchlässigkeit. Die Ideale können sich anders verteilen. Andererseits führt aber die Konzentration auf die Selbstverwirklichung zu einer Isolation, die die Verwirklichung anderer Individuen in unserem Umkreis verhindert, zum Beispiel der Kinder. Der sich selbst verwirklichende Mensch hat vorsichtshalber weniger bis keine Kinder, um gar nicht erst in den Konflikt zwischen den verschiedenen Verwirklichungsmöglichkeiten zu geraten. Am Rande ist zu erwähnen, dass dann oftmals das eine Kind mit Verwirklichungsmöglichkeiten überhäuft wird, die es wieder entindividualisieren, diesmal durch seine Helicoptereltern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, diesmal durch einen Berg von Zuwendung, Supervision und Luxus.

Von Ludwig Feuerbach stammte der Begriff der Entfremdung, bei ihm die Entfremdung des Produzenten von seinem Produkt. Heute entfremdet sich der Mensch von sich selbst, er betrachtet sich im Spiegel seiner medialen Äußerungen. Das Foto von sich selbst, liebevoll selfie genannt, das Foto der Mahlzeit, das Hochzeitsfoto, fast sympathisch die Kinderfotos. Aber die Kinderfotos werden auch am meisten kritisiert, seien sie doch ein Angriff auf die kommende Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Sollte das heutige Kind einst Weltstar sein, dann könnte ihm die Eitelkeit seiner Eltern im Wege stehen. Auf der anderen Seite aber stürzen sich ohnehin mehrere hundert Journalisten auf den Lebenslauf eines Politikers oder Stars, um ihn auf Unwägbarkeiten, Lug und Betrug zu durchsuchen.

Diese Distanz wir auch in den Schulen gelehrt. Die Kinder und Jugendlichen lesen dort nach wie vor große und bedeutende Texte. Dann aber schreiben sie selber keine Erwägungen dazu, sondern folgen einem Regelwerk, das ihnen bestenfalls zeigt, wie man einen vorgefertigten Text aus Bausteinen zusammenbastelt. der Lehrer ist lediglich der Moderator zwischen dem Regelwerk und dem entfremdeten Kind. Das Kind lernt nicht, seine Gedanken aufzuschreiben. Es genügt vielen Lehrern, wenn da steht ‚Der Text hat mich zum Nachdenken angeregt.‘ Jede zeit hat ihre Modeausdrücke und Formeln, um etwas zu sagen oder nicht zu sagen. Barocke Texte scheinen nur aus Textbausteinen zu bestehen, und das neunzehnte Jahrhundert brachte uns nicht nur Grimms Märchen und Grimms Wörter, sondern auch die hyperventilierte Kanzleisprache mit ihrem ‚an sich‘ und ‚im Grunde‘, das sie Hegel entnommen hatte, ihrem ‚beziehungsweise‘, ’sozusagen‘ und ‚und so weiter‘, das sich oft als ‚et cetera‘ bildungssprachlich verkleidet. Das können wir nicht verbieten und auch nicht recht kritisieren, so verbreitet ist es. Aber warum muss in der heutigen Schule gelehrt werden? Die heutige Schule müsste doch durch die vielfältigen Hilfsmittel viel mehr Zeit haben um vielleicht nicht jedem Schüler, aber doch mehr als den Ausnahmen die Entwicklung einer eigenen Sprache zu ermöglichen. Dazu braucht man kein Smartboard, so praktisch das auch ist, sondern Ermutigung und eigene Kompetenz. Letztlich könnte man das Schreiben auch mit Bleistift und Papier erlernen. In jeder ersten Klasse im großen Landkreis Uckermark ist in diesem Jahr ein Flüchtlingskind. Vielleicht bringen sie neue Metaphern ein, die hier am Verdorren sind.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass Politik und Medien sich ebenfalls in Floskeln zurückziehen. Was auch passiert, die Bundeskanzlerin oder der Außenminister ‚zeigte sich betroffen‘. Schon wenn sie betroffen gewesen wären, wäre das wenig genug, weil es eine menschliche Selbstverständlichkeit wäre. Auch der linken Nachbarin sieht man ihre tatsächliche Betroffenheit an, wenn sie vom Tod der  rechten Nachbarin hört. Vielleicht ist die Formulierung erfunden worden, um die normale Empathie, zu der fast jeder Mensch fähig und willens ist, abzuheben und auf das Podest der Abgehobenheit zu stellen. Aber das ist nur eine Erklärung und keine Entschuldigung.

Vielleicht müssen wir auch, angesichts der Dauerpräsenz der Weltereignisse in unserem Hirn, über unsere stete Neigung zum Whataboutism nachdenken, jener schon in der Antike, natürlich unter anderem Namen, kritisierten Haltung, auf jede Schrecklichkeit mit einer anderen Schrecklichkeit zu antworten, um damit abzulenken und unsere Verantwortung zu blocken, falls es eine gibt. Denn auf der anderen Seit kann nicht jeder Mensch, obwohl die Empörer gerne so tun, für alles verantwortlich sein, was auf der Welt passiert. Vielmehr gilt: Würden wir unsere distanzierte Ausdrucksweise aufzugeben vermögen, dann hätten wir mehr Raum und mehr Kraft, die Probleme zu lösen, die uns in unserem unmittelbaren Umkreis reichlich gegeben sind. darüber hinaus können wir wählen gehen, und das ist mehr, als die Menschen in immer noch zu vielen Ländern der Welt können. Niemand ist gehindert, Gutes zu tun, aber jeder greift wie zu einem Rettungsring gern zu distanzierten Textbausteinen der Abwehr und Gleichgültigkeit. Die Kraft, die wir in ein verklausuliertes NEIN investieren, würde oft für ein schönes und optimistisches JA ausreichen.

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2 Gedanken zu “DISTANZ

  1. Worthülsen. Unsere kapitalistische Scheingesellschaft (in der man sich von sich selbst entfremdet, um in der Gesellschaft korrekt „erscheinen“ zu können) lebt davon. Natürlich müssen sie also auch in den Schulen gelehrt werden. Und nicht nur der korrekte Ausdruck zählt, auch der korrekte, nicht vom Mainstream abweichende Inhalt. In unserer Schule gab es bereits „Erwartungshorizonte“ genannte Checklisten, bei denen die Lehrer abhaken sollten, ob erwartete inhaltliche Aussagen in einem Aufsatz vom Schüler getroffen wurden oder nicht. In der Schule lernt man vor allem, sich anzupassen und zu funktionieren. Es bedürfte tatsächlich mal einer echten Schulreform. Leider hat auch das Wort „Reform“ in diesem Zusammenhang seine Bedeutung verloren, ist leer und ein Unwort geworden. Der inflationäre „Reformwahn“ der letzten Jahre an den Schulen hat schon dafür gesorgt.

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  2. vielleicht, weil es schulreformen – gemacht von verwaltungsbeamten – waren und keine bildungsreformen. wessen worthülsen kritisierst du emphatisch? was ich nicht verstehe: was soll eine scheingesellschaft sein? eine gesellschaft kann defizitär oder verlogen oder dergleichen sein, aber der schein ihrer selbst? aber: vielen dank für das lesen und kommentieren!!!

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