ERST BESITZEN UNS DIE ELTERN, DANN SIND WIR VON IHNEN BESESSEN

 

Variationen über ein eigenes Thema

 

Der Spielraum des Menschen ist nicht groß. Hat er viele Geschwister, so wird er zwar in ein meist wunderbar funktionierendes soziales Netz hinein geboren, aber sein Raum, Individualität zu entwickeln, ist naturgemäß klein. In klassischen Wohnungen früherer Zeiten war das meist unbenutzte Wohnzimmer, das fast nur der Repräsentation und Weihnachten oder Bayram diente, stets viel größer als das Kinderzimmer. Die Kinder, dachte man, sind doch noch klein, sie benötigen keinen Raum. Die Hierarchie zwischen Kindern und Eltern war eindeutig und verkehrtherum.

Auch das Gefüge zwischen Eltern und Kindern ist komplexer als es durch den Begriff der Hierarchie abgebildet werden kann. Lange Zeit nahm man an, dass Hierarchie eine natürliche Ordnung sei, wie überhaupt alles, was war, für natürlich, alles andere, was nicht in das Raster passte, für widernatürlich erklärt wurde. Erst im neunzehnten Jahrhundert begann man zu ahnen, dass Hierarchie eine Herrschaftsstruktur, keinesfalls aber eine natürliche Ordnung sei. Lange hielt sich noch der Aberglaube von den Alphatieren. Erst spät entdeckte man die Schwarmintelligenz, das Verhalten als Orientierung. Konrad Lorenz beschrieb bis dahin für ewig gehaltene Muster (‚Mutterinstinkt‘) als Verhalten, dessen Impuls angeboren, dessen Ausführung weitgehend zufällig ist. Seine kleinen Enten folgten dem Fernlenkspielzeugauto. Und bei jedem Schritt der Weltentdeckung riefen die Traditionalisten, dass man die Welt zerstören wolle, und sie meinten ihr Weltbild.

Eltern und Kinder hängen also nicht hierarchisch zusammen, obwohl der erste Eindruck so ist. Das ebenfalls von Konrad Lorenz beschriebene Kindchenschema lässt von vornherein auch fremde Eltern zu, die Extremfälle sind und bleiben Wölfe als Menscheneltern und Menschen als Wolfseltern. Das spannungsvolle Verhältnis zwischen Menschen und Wölfen scheint in die später durch Domestikation erlebte Symbiose hinzuführen. Die Verlängerung des menschlichen Lebens erst zeigte, dass die falsch gedachte Hierarchie sich gänzlich umkehrt. Alte und pflegebedürftige Menschen hat es zwar schon immer gegeben, aber nicht in dieser großen Anzahl. Aber es scheint nicht nur um die symmetrische Aufgabenumkehrung zu gehen.

Ganz ohne Hierarchie, selbst bei revolutionärster Ablehnung sind mehr Väter und Mütter in uns als uns lieb und förderlich sein kann. Die Natur oder Gott, beide jedenfalls weiser als die Traditionalisten und Oberinterpretierer und Dauerbesserwisser, haben Kontinuitäten und Diskontiniutäten eingebaut und zugelassen, die sowohl den Fortbestand als auch die Fortentwicklung, Sesshaftigkeit und Nomadentum, Aussterben und Neugeburt, auch Renaissance oder Reinkarnation genannt, ermöglichen.

Wenn wir uns eine Familie mit sieben Kindern und zwei Eltern vorstellen, dann hat jedes Kind den genetischen Baukasten der Eltern zu Verfügung, aber er hat nicht nur zwei Bestandteile, sondern tausend mal tausend mal tausend. Ein Teil, der kontinuierliche, wird auf biotischem Weg weitergegeben, der diskontinuierliche Teil wird sozusagen ausgesucht. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht identisch, obwohl es oft, auch ihnen, so erscheint.

Die Spannungen und Entspannungen zwischen den Eltern und den Kindern sind auch jeweils differenziert und tragen zur Auswahl oder Ablehnung, Verstärkung oder Abschwächung bei.

Nicht zu unterschätzen sind die gesellschaftlichen Rollen, der Zeitgeist. So ist die Vaterrolle nach fünftausend Jahren Patriarchat inzwischen die fragilste und umstürzendste geworden. Hier drängt sich die Metapher des großen Krieges auf: Der letzte große Krieg war die letzte große Jungmännerermordung, aber auch Kinderermordung, nach dieser kehrte sich das Vaterbild radikal um. Demografisch spielt das übrigens keine große Rolle.

Die großen Erzählungen von Vätern und Söhnen sind, sofern sie von Opfern reden, wie bei Ikarus, Isaak (Ismael) oder Jesus, getreue Abbilder der Vorstellungen der jeweiligen Zeit und nicht umgekehrt. Allerdings steht zwischen uns der Provenienzstreit, also die Frage, woher das Narrativ eigentlich kommt. Eine Ausnahme und damit ein möglicher Neubeginn scheint das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu sein (Lukasevangelium, Kapitel 15). Es ist schon deshalb bemerkenswert, weil es viel mehr verlorene Väter gibt und man lange davon ausgegangen ist, dass dies auch besonders schädlich für die Entwicklung der Kinder ist. Demgegenüber zeigt das Gleichnis vom verlorenen Sohn die Beschädigung des Vaters. Es zeigt die Abhängigkeit des Vaters von seinen Söhnen, es zeigt, dass der Autor nicht von einer Hierarchie ausgegangen ist. Allerdings gibt es für eine so alte Geschichte sehr viele Interpretationen, und keine sollte den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben. Aus der Geschichte geht auch nicht eindeutig hervor, ob der Sohn wegen seiner Armut zurückkehrt oder wegen seiner Sehnsucht. Vielmehr wird die Sehnsucht als Erinnerung dargestellt. Wir sehnen uns immer nach idealen Zuständen, ohne sie je gehabt zu haben oder erreichen zu können. Trotzdem bleibt das Paradies eine Vorstellung, die gleichzeitig in die Vergangenheit wie in die Zukunft verlegt wird.

Das Missverhältnis oder, besser gedacht, das gedachte Missverhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität ist es , das uns Sorgen macht. Wir leiden genauso darunter, wenn wir unseren Eltern zu ähnlich sind wie unter der vermeintlichen zu großen Entfernung von ihnen. Vielleicht ist es ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Sesshaftigkeit und Wanderung: wenn wir an einem Ort sind (‚Heimat‘, ‚Verbannung‘), wünschen wir uns fort, sind wir in der Fremde (‚Urlaub‘, ‚Flucht‘), wünschen wir uns nachhause. Dazwischen gibt es Kult und Tradition, Drogen und Kunst, Sehnsucht und Sicherheiten. Wirklichkeiten werden behauptet, aber wer sie nicht benennen und analysieren kann, sollte vorsichtig mit ihnen umgehen. Wohl dem, der eine Großmutter hat (zitiere ich meine Großmutter), die noch jede Wirklichkeit in das schönste Märchen umdeuten und umdichten kann und uns damit mehr Richtung gibt, als alle Traditionen und Wegweiser und Wirklichkeiten zusammen. Vielleicht gehen wir ein Leben lang mit den Geschichten unserer Großmütter schwanger.

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