SPIEGELVERWERTUNGSGEMEINSCHAFT

 

Nr. 212

Das Wort TEILEN erlebt nach einem Jahrhundert des SAMMELNS eine Renaissance, wenn nicht eine Hochkonjunktur. Das müsste uns nicht beruhigen oder beunruhigen, weil wir seit langem wissen: Steine sammeln, Steine zerstreuen, und man kann es auf den Feldern tatsächlich beobachten. Ein Traktor mit Arbeitsleiste und einem Arbeiter zieht seine Runden und sammelt die Steine, die die Eiszeit zuvor verstreut hatte. Manche Steine wurden zu Häusern oder Schlössern oder auch Straßen verdichtet, andere liegen in Söllen, jenen Wasserlöchern der Eiszeit, wieder andere bedecken Gräber, und man fragt sich, wie haben unsere Vorfahren vor dreitausend Jahren derart schwere Steine bewegen können. Die Antwort ist seitdem: mit ihrem Geist. Vielleicht schalteten sie auch zwischen ihren Geist und die Aufgabe eine Megamaschine. Das Auf und Ab des Lebens fand schon immer seine Metapher in solchen symbolischen, aber gleichzeitig auch nützlichen Tätigkeiten.

Während im Westen schon immer der Grundsatz galt: eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift, war hinter dem Eisernen Vorhang klar: eine Zeitschrift aus dem Westen ist der verdichtete, ja komprimierte Blick in den Westen, also in die Welt, durch ein zufälliges Fenster. Das zufällige Fenster konnte ein Kofferraum sein, der sich aus ganz anderem Grund geöffnet hatte, aber neben Sandwiches und Klopapier eben auch den Spiegel enthielt. Die Tasche eines Westverwandten konnte es sein, der keine Angst vor der Zollkontrolle gehabt hatte, die natürlich keine Zollkontrolle, sondern eine verlängerte Zensurmaßnahme war. Westeuropäer und Ostrentner teilten sich damals in die absolut ängstlichen, die nichts schmuggelten, und die mutigen, die ein Buch oder eine Zeitschrift nicht als verboten anerkannten. Es ist immer wieder lächerlich zu sehen, wie Diktatoren oder Potentaten sich vor dem Wort und dem Witz fürchten. Sie können nicht ohne Groll regieren. Alles Schlechte wird einem imaginären Feind zugeschrieben und alles Gute dem ebenso imaginären Freund angelastet.

In den osteuropäischen Großstädten gab es deutschsprachige, vor allem jüdische Sprachinseln, aber auch die deutschen Minderheiten, die außer in Rumänien zu Miniminderheiten geschrumpft waren, hatten Kulturräume, in denen der SPIEGEL auslag. Meist waren es alte und zerlesene Exemplare, aber manchmal war auch ein ganz neuer darunter. In Warschau und Bukarest gab es noch jüdische Gemeinden und  Theater, und in deren Lesestuben konnte man sich einfinden. Tee erhielt der Exot aus Ostdeutschland umsonst. Von daher kommt unsere Vorstellung, dass eine Zeitschrift mehr ist als eine Zeitschrift, dass die Komprimiertheit des Wissens, aber auch der Luxus einer eigenen Meinung etwas Bewahrenswertes ist. Im Osten wurde ohnehin vielmehr gesammelt, legendär war unser Plastiktütenwahn, die Ansicht, dass Verpackung selber eine bewahrenswerte Qualität sei. Da wir Brutto nicht verstanden, konzentrierten wir uns auf Netto und Tara. Der Mangel erzeugt immer eine Art ansaugendes Vakuum. Diebstahl wird toleriert, wenn er einen  staatlich gelenkten Mangel ausgleicht. Dass man  damit das Gesamtsystem noch mehr schädigt, war uns nicht bewusst. Aber wenn es uns bewusst war, dann wurden wir für verrückt gehalten. Zum Beispiel fand mein Aufruf ‚Wer sich nicht anstellt, muss nicht anstehen.‘ kein Gehör. Im Westen wurde zur gleichen Zeit die Losung eines ebenfalls kaputten Dichters bevorzugt: ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht.‘ Die gesamtdeutsche Antwort auf beide zerrissenen Teilthesen kann nur lauten: MACHT, WAS EUCH KAPUTT MACHT, GANZ.

Eine kompakte Zeitschrift erzeugt nicht nur kompaktes Wissen, sondern auch Altpapierberge. Diese kann man sammeln wie ein Mensch von damals, diesseits des Eisernen Vorhangs, man kann sie recyceln wie ein Bürger diesseits des nur noch fragmentarisch vorhandenen eisernen Vorhangs, oder aber man kann ein geistig-materielles Recycle-Programm mit einer Teilhabe mehrerer genossenschaftlich verbundener Personen ins Leben rufen. Das haben wir getan.

Durch ein Abonnement statt bisher teils sehr aufwändiger und sogar unsinniger Einzelkäufe wird der Arbeitsplatz des Verteilers gesichert. Das ist keine so leichte Aufgabe. Ich kenne einen Informatikstudenten, der ein paar Monate lang nicht nur die Zeitungen und Zeitschriften in Berlin-Kreuzberg verteilte, sondern die dazugehörigen Datensätze im Kopf hatte und auf den Wegen zwischen den Abonnenten an einer App arbeitete, die das alles verarbeitete. Sodann haben wir den Abonnenten, das bin ich für den Printteil, für den elektronischen Zugang, der rabattgestützt daranhängt, konnte ein Student der Volkswirtschaft an einer Eliteuniversität gewonnen werden. Die Printhefte gehen dann in ein weiteres uckermärkisches Dorf, wo sie zweitgelesen werden. Nach einer gewissen Zeit der Sammlung werden die Hefte dann nach Berlin-Reinickendorf zu einem Studenten der Sozialwissenschaften befördert, der damit seinen Rückstand des Lesens im allgemeinen und der Politik im Besonderen aufholen will. Das macht er seit Jahr und Tag sogar mit freiwilliger Kontrolle.

Warum kann man nun nicht, so fragen die Befürworter von Genossenschaften und Teilgemeinschaften schon mehrere Jahrhunderte lang, auch andere Güter so teilen und einer Gemeinschaft nutzbar machen? Dem steht offensichtlich das künstlich, durch Aufklärung, Wohlstand und Demokratie, vielleicht auch nur durch die industrielle Massenproduktion geschaffene Individuum gegenüber, das Ideale und Teilideale von Besitz und Unabhängigkeit in sich trägt, die nicht zu verwirklichen sind. Es macht gerade den Reiz des Lebens aus, dass einerseits unverwirklichbare Ideale den andererseits nicht zu beseitigenden Widersprüchen, deshalb heißen sie so, gegenüberstehen. Wie Vater und Sohn oder Mutter und Tochter sich gegenüberstehen, obwohl sie zu einem hohen Prozentsatz identisch sind, so sehen sich Ideal und Wirklichkeit unversöhnlich an. Der Sohn wird zum Kompromiss, wenn er Vater wird. Der Wohlstand hat nicht nur zur Hungerfreiheit geführt, sondern auch zur Sammelleidenschaft. Das ist keineswegs neu, steht schon im AltenTestament, aber neu ist seine Inflation. Wir haben zum ersten Mal Gesellschaften, in denen die Menge und sogar Mehrheit der Menschen mehr als satt ist.

Und so könnte eine neue Zeit des Teilens und der Genossenschaften gekommen sein. Es wird immer wieder behauptet, dass der Mensch an sich böse, egoistisch oder gewaltbereit sei. Wäre das so, sage ich seit langem, wären wir seit langem schon nicht mehr. Der Impuls das Kind zu schützen war immer größer als der, das Kind zu verwerfen. Das ist der Grund, warum die Menschheit, seit wir uns selbst reflektieren, wächst. Dieses Wachsen empfindet sogar wieder eine Minderheit als bedrohlich. Angst ist eine Tatsache, aber keine Entschuldigung für das Böse. Das Fremde ist sicher oft mit Angst besetzt, aber es ist auch immer die Quelle des Fortschreitens.

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4 Gedanken zu “SPIEGELVERWERTUNGSGEMEINSCHAFT

  1. Das Schlangestehen lernte ich erst so richtig kennen, als ich für eine Weile in Moskau studierte. Davor machte es vorwiegend in Englischbüchern die Runde, um als wichtiger Beitrag zur Landeskunde die besondere Disziplin der Engländer beim Warten hervorzustreichen. Wir Österreicher hatten schon immer zu tun, unseren Platz in einer Reihe gegenüber dreisten Vordränglern zu behaupten. Ich fand das damals in Moskau ziemlich entschleunigend und bewunderte die Leute, wie sie sich scheinbar mehrheitlich mit der Situation abfanden und überall stehend dösten. Wenn hierzulande nur drei Kunden aufs Zahlen warten, fordert bereits der vierte lautstark die Öffnung einer weiteren Kasse. So kann man Schlangen zwar auch vermeiden helfen, aber weniger stressig für alle Beteiligten wird es dadurch kaum. Irgendjemanden derwürfelt es vor lauter Hektik, und sei es nur die Kassiererin, die vor Beendigung ihrer regulären Pause aus der Toilette herbeigeklingelt wird.

    Was nun das Teilen betrifft, so entsteht bei uns gerade eine neue Landschaft bezüglich Leihen, Schenken, Reparieren statt neu kaufen. Und schon wettert die Wirtschaft gegen das Ausbremsen des Wachstums. Es wäre so schön, einander vermehrt helfend und teilend zu begegnen statt alles für sich allein und vorwiegend neu haben zu wollen. Man kann es wohl niemandem so richtig recht machen, obwohl gewisse Ansätze doch vielversprechende Lösungen einiger Probleme im zwischenmenschlichen Bereich vermuten ließen. Dazu bräuchte es aber Chancen, die nicht bereits durch fadenscheinige Argumente im Keim erstickt werden. Befürchter erhalten meist größere Aufmerksamkeit als Befürworter oder Ausprobierer.

    Wie wahr ist doch dein Satz „Der Sohn wird zum Kompromiss, wenn er Vater wird.“
    Das können vermutlich fast alle einstigen Kinder im Hinblick auf ihre Elternschaft bestätigen.

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