SYMMETRISCHE VISIONEN: SELAMÜN ALEYKUM

 

 

Zur Erinnerung an die Uraufführung 2014 von Begegnung der Propheten von Erhan Sanrı

 

Ich saß zuerst auf dem falschen Platz der leider nur gut zu zwei Dritteln besetzten Philharmonie in Berlin. Ein freundlicher junger Deutschtürke zeigte mir seine beinahe identische Karte. Dem Architekten des Hauses, Hans Scharoun, gelang, wovon wahrscheinlich viele Architekten träumen: ein symmetrisches Konstrukt, das spontan wirkt, aus dem Ärmel geschüttelt, das die perfekte Akustik für Visionen hat. Nur die Orgel ist asymmetrisch.

Als Auftragswerk der Berliner Cappella entstand ein Oratorium, das, so ähnlich wie Bach, Händel oder Mendelssohn Bartholdy Thora- und Bilbeltexte vertonten, erstmalig Korantexte zur Grundlage hat. Erhan Sanrı stand vor der schwierigen Aufgabe die beiden religiösen Welten, die musikalischen Sprachen des Morgen- und Abendlands sowie antikes Denken und modernes Publikum zusammenzubringen.

War die türkische Musik im achtzehnten Jahrhundert eine Mode (alla turca), so ist ihr Einfluss über die Militärmusik, deren Instrumente und Rhythmen sich mit dem nordamerikanischen Gospel vereinigten und an der Wiege aller modernen Musik standen, viel nachhaltiger als wir alle denken können.

Zu Zeiten Bachs und Händels war die biblische Sprache den Menschen in Europa so nahe wie die Sprache des Korans den heutigen Muslimen. Diese aber kennen nur die traditionelle melodiöse Vortragsweise.  In diesem Spannungsfeld entstand eine äußerst interessante und im zweiten, mittleren, Jesus gewidmeten Teil hochemotionale Musik.

Der erste Teil zeigt, wie der Prophet Mohammed zu seiner Berufung kam und stand und wie er mit ihr umging. Da der Prophet, aus Hochachtung, nicht direkt zu uns sprechen kann, wird sein erster Biograf Ibn Ishaq als Vermittler seiner Worte eingeführt, für die gläubigen Muslime spricht und singt Fatima. Ganz ähnlich wie bei Bach steht die wunderbare und samtene Altstimme für die tiefgläubigen Frauen, die als Mütter viel mehr für die Weitergabe des Glaubens tun als die teils hochgelehrten Männer, so wie die Frau des Propheten der erste Mensch war, der an seine Berufung glaubte.

Im dritten Teil sind sich die drei monotheistischen oder abrahamitischen Weltreligionen am nächsten, er zeigt Mose in den uns allen bekannten Situationen. Plötzlich kann uns klar werden, dass aus dem Orient nicht nur jeden Morgen das Licht, sondern auch das Wort kommt. Musikalisch tut  Sanrı in diesem Teil das, was wir vielleicht am meisten von ihm erwarten: er zeigt mit orientalischen musikalischen Mitteln, den Klarinetten, die Verwandlung des Stockes in eine Schlange und zurück. Aber andererseits entgeht der Komponist genau diesem erwarteten Schema. Zwar hat er zwei orientalische Instrumente, die Nay-Flöte und die orientalische Zither Qanun, die vor allem auch für die Rezitative eingesetzt wird, er entgeht jedoch der Folklore-Falle weitaus mehr als sein berühmter Kollege Fazil Say in seiner Istanbul-Sinfonie. Aber, um noch einen Vergleich zu bringen, der die Eigenständigkeit der Tonsprache Sanrıs gegenüber anderen betont, auch die vollständige Auflösung des orientalischen Modells in elektronische und minimalistische Klänge wie bei Erdem Helvacıoğlu (‚Timeless Waves‘) wird vermieden. lediglich einige Orgelcluster zeigen, dass Sanrı auch diese Sprache beherrscht. In Hamburg wurde Sanrı kritisiert, dass er nicht der neue Bach sei, ein Vorwurf den sich auch Beethoven und Paul McCartney gefallen lassen müssten, in Berlin muss er gelobt werden, dass er versucht hat, für das neue Zusammenleben der alten Religionen und Weltsichten eine neue Tonsprache wenigstens zu versuchen. Die Synthese muss nicht zwangsläufig erkennbare, gar folkloristische Elemente enthalten, sie kann und soll differenzierter und emotionaler sein. Die meisten Chöre sind eher in der Schönbergschen Tradition der allerspätesten Spätromantik, während das Orchester, beispielhaft an den beiden Trompeten vorgeführt, oft in kleinen Sekunden dahinschreitet und fast atonal ruft. Am besten gelungen scheint das im emotionalsten und spannungsreichsten zweiten Teil, der Jesus, also Isa, dem jüdischen Stifter des Christentums und islamischen Propheten gewidmet ist. Aber anders als bei Mose teilen sich bei Jesus auch die Ansichten. Die Juden erkennen ihn nicht als Messias an, die Muslime sehen ihn zwar als Propheten, nicht aber als Sohn Gottes. Auch ist er nach islamischer Überlieferung nicht durch Schriftbesitzer, also die Juden, getötet worden, sondern am Kreuz entrückt, zu Gott eingegangen, und das hat er mit allen Propheten gemeinsam, von Adam und dem rätselhaften Idris, über den gottergebenen (‚Muslim‘) Ibrahim (Abraham) bis zu Musa (Moses), Isa und Mohammed. Sie alle werden musikalisch gestaltet. Der wuchtige Chor ‚Jesus gleicht Adam‘ kann sich einen Platz in der Oratorienkultur erobern, besonders wenn er sich dann mit dem bemerkenswerten Altsolo, gesungen von Sunniva Eliassen, zu einem machtvollen Bekenntnis aller Religionen, Weltsichten, ja, aller Menschen vereinigt: Friede sei auf allen, selamünaleyküm.

Wenn sich die Gedanken und Gefühle aller Menschen einer Stadt vereinen, dann schwebt über ihr schon lange der Geist der Gemeinsamkeit und Toleranz, wenn auch von hier der schlimmste Rückfall in die Barbarei geplant und ausgeführt wurde. Geplant wurde in Berlin aber auch der Nathan, der mit weiser Voraussicht und im Verein mit dem weisen Saladin und dem ungestüm-weisen jungen Tempelherrn die geheimen Verwandtschaften der Menschen aufdeckt. Und uraufgeführt wurde gestern in Berlin der sehr gut gelungene Versuch, die Oratorientradition mit einem Seitenzweig zu bereichern, der den über Berlin schwebenden Geist musikalisch ausdrücken will. So gesehen hat sich das Toleranzviertel von der Gegend um die Sophienkirche in Berlins Mitte in Richtung auf die Emmauskirche am Lausitzer Platz verschoben, tatsächlich aber über ganz Berlin ausgebreitet.

In den nächsten Wochen wird Bachs Weihnachtsoratorium in Berlin bestimmt fünfzigmal aufgeführt. Tausende Berliner Muslime lesen gerade, weil sie ein Fachabitur machen wollen, Lessings Nathan. Das ist gut. Aber schön wäre, wenn wir nächstes Jahr zu Weihnachten in Berliner Kirchen wenigstens den mittleren Teil von Sanrıs Oratorium hören könnten. In einer Moschee wird es noch lange nicht möglich sein, weil es deren Tradition verbietet.

Natürlich gibt es keine symmetrischen Konstruktionen im Zusammenleben der Menschen, insofern ist die Architektur nicht erstarrtes Leben. Aber wir sollten uns immer wieder bemühen, die andere Seite aus ihrer vermeintlichen Asymmetrie zu befreien, so wie sie uns aus unserer Asymmetrie zu befreien suchen sollte, und welches schönere Bild kann es für den vereinten gekrümmten Raum geben, als die Kuppel einer Moschee oder Kirche. Das ist eine Vision, und übrigens heißt Sanrı übersetzt: Vision. Ich hoffe, dass mein symbolisches Spiegelbild, der junge deutschtürkische Mann auf Platz 2 Reihe 2 Block B rechts ebenfalls gute Gedanken und Gefühle hatte.

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