ENTITÄTEN UND ID ENTITÄTEN

 

Nr. 215

Nichts ist mit nichts identisch, auch nicht mit sich selbst. Diesen Satz würde die Hälfte der Bevölkerung unterschreiben, aber die andere Hälfte könnte aufschreien: außer mir, und mein Nachbar denkt das gleiche. Die Gruppenbildung wird heute durch die Echowirkung der neuen und für praktisch jeden verfügbaren Medien erleichtert und verstärkt. Wirft jemand seine Wahrheit in den Raum, so springt sofort jemand herzu, der sie bestätigt. Sie bestätigen sich beide und finden bald einen Dritten, der die Welt auch so sieht. Die Gruppen lesen über lange Zeiträume nur ihre eigenen Botschaften. Es wäre falsch zu sagen, dass ihre Begriffe postfaktisch wären. Sie haben mit Fakten nichts zu tun. Es sind zu Fakten stilisierte Ängste, Befürchtungen und Vorstellungen, die zu Gewissheiten werden, je mehr sie sich wiederholen.

Man begreift, wenn man die Gegenwart genau betrachtet, den Hexenwahn besser. Er war, so wie diese eigenartigen Echos heute, eine Mischung aus tatsächlicher Angst und Denunziation. Denunziation ist auch Ablenkung von der eigenen Verantwortung und von der eigenen Angst. Das ist verständlich. Aber Denunziation ist auch so ziemlich das Niedrigste, besonders wenn sie mit der scheinbaren Allmacht von Kirche oder Staat kombiniert auftritt und den Denunzierten zum hilflosen Opfer einer omnipotenten Ranküne macht. Die Denunziation im Verbund mit der Macht ist die Verschwörung, die als Projektion von den Denunzianten den Denunzierten vorgeworfen wird. Wer anders hat mit dem Teufel gebuhlt als der Nachbar oder die Nachbarin, die die Nachbarin dem Feuer oder der Vierteilung auslieferte? Hoffentlich erinnern sich die Reformationsfeierer im nächsten Jahr, dass im protestantischen Minden viermal soviel Hexen verbrannt wurden als im katholischen Köln. Es verbessert oder modernisiert sich nie alles gleichzeitig. Manches bleibt aus guter alter Gewohnheit beim alten. Fast alle der Dutzenden Abspaltungen von den Protestanten waren Fundamentalisten. Nur die zurück gehen, wissen den Weg.

Die Krise der Demokratie, nicht ihr Ende, scheint nicht auf einem Mangel an Lebensmitteln zu beruhen. Die deutsche Kanzlerin betont, dass es uns nie besser ging als gerade jetzt, aber sie trifft damit nicht das Defizit, unter dem ihre Nichtwähler leiden. Ich wohne in einer Kleinstadt im äußersten Nordosten Deutschlands. Wenn hier in einer Diskussion Kritik vorgebracht wird, dann reagiert die führende Gruppe reflexartig mit immer derselben Argumentation: aber wir haben doch das Schwimmbad, die Freilichtbühne, das Parkfest und die neue Straße. Die neue Straße ist vierzig Jahre alt, von daher kommt auch die führende Gruppe. Aber sie versucht, wenn auch mit überholten Mitteln, die Identität, oft auch Heimat genannt, zu bewahren. Dagegen werden die Kreisreformen, die es hier seit über hundert Jahren gibt, die Identitäten der Menschen immer weiter abbauen. Ein paar Jahre später jedoch besteht wieder die Chance, dass genügend Neubürger die alte Zugehörigkeit nicht mehr kennen.

Wenn sich große gesellschaftliche Systeme im Umbruch befinden, reagieren die Menschen panisch. Aber dann sollten Institutionen da sein, die die Menschen beruhigen, ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Aber diese Institutionen müssen sich gerade auch in diesem Moment zum Reformieren zurückziehen. Der Staat schließt gerade dann seine Luken, wenn er am meisten gebraucht wird. Wir stehen konsterniert vor dem Häuschen mit dem Schild: Geschlossen aus Betriebsablaufgründen. Aber da drinnen wird nicht nachgedacht, sondern es werden die alten Schilder neu sortiert: Politikverdrossenheit, Modernisierungsverlierer, postfaktisches Zeitalter als Ersatz für schnelllebige Zeiten. Ein Schild wurde entsorgt: Alternativlosigkeit. Am besten ist: in Zeiten wie diesen.

Aber es geht nicht darum Politiker dafür zu schelten, dass sie auch nur Menschen sind, dass sie auch nur zwei Hände und einen Kopf haben. Es ist eher erstaunlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die es für ein bisschen Macht und bei uns in Deutschland nicht so viel Geld auf sich nehmen, ihr ganzes privates Leben zu destabilisieren, um nicht zu sagen zu zerstören. Und bei weitem nicht jeder von ihnen kommt in die Geschichtsbücher, was ein weiteres Motiv wäre. Viele verderben sich auch noch die Spanne zwischen dem Ende der Wirkmächtigkeit und dem Geschichtsbucheintrag.

Ein winziges Detail aus der jüngeren Geschichte mag veranschaulichen, dass der Zusammenhang zwischen ökonomischem und politischem Wohlbefinden schon lange nicht mehr entscheidend ist. Elena Ceaucescu rief ihrem Mann, dem stürzenden Diktator auf dessen letzter, scheiternder Kundgebung zu: Gib ihnen hundert mehr, denn der Lohn war in kommunistischen Diktaturen ebenfalls vom Staat diktiert. Bekanntlich haben die beiden den Tag nicht überlebt. Die letzte Rentenreform in Deutschland hat ebenfalls keine stabilisierende Wirkung auf CDU und SPD. Bedauerlich ist, dass es keine Aussicht auf eine andere Koalition gibt. In Großbritannien haben ebenfalls die älteren Wähler dafür gesorgt, dass die Taschenlampen ausgegraben wurden, um den Weg zurück zu finden: zurück aus Europa. Ein weiteres Ergebnis des Brexit könnte sein, dass die seit 1701 bestehende Personalunion des englischen Königshauses mit dem schottischen beendet wird.

Wir können uns tatsächlich unserer Identität nur rückwärtsgewandt versichern, da niemand die Zukunft voraussehen kann. Die Industrialisierung wurde nicht nur als Bedrohung gesehen, sondern fand sogar in einer ästhetischen Bewegung die wir heute noch schätzen, ihre Begleitung, nämlich in der Romantik. Und im allgemeinen Sinne ist Romantik heute immer noch: sich aus der allzu mobilen Welt zurückziehen, eine Kerze ins Fenster stellen und am besten zu zweit träumen. Es gab vehemente Widerstände gegen die Mobilitätsschübe durch die Eisenbahn und durch das Automobil, gegen die Entfremdung durch die Industrialisierung und die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzende Massenproduktion, der wir die Globalisierung verdanken. Es gab Proteste gegen die Amerikanisierung der Populärkultur in den zwanziger Jahren, die im Rassismus der Nazis ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Es gab in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ein aus heutiger Sicht völlig unverständliches, fast pathologisches Festhalten  an alten, absolut untauglichen Werten, die keine waren: Prügelstrafe, Zuchthaus, Ächtung, Verbote gegen Amerikanisierung, Verweiblichung, Gleichmacherei, lange Haare, enge Hosen. Jugendliche wurden in beiden deutschen Ländern als halbstark bezeichnet von Männern, die ihre Arme und Beine und den Krieg verloren hatten. Wenn James Dean im Kino weinte, schrien diese Männer in ihrem Nazijargon etwas von Verweichlichung.

Obwohl es höchst unangenehm ist, mit Trump und Frauke Petry zu leben, letztlich beunruhigend ist es nicht. Sie werden vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das familiär-politische Korruptheitsbündel der Trumps, Erdoğans und Putins dieser Welt ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es so gestrig ist und eine Identität vorspiegelt, die es nie wirklich gegeben hat.

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2 Gedanken zu “ENTITÄTEN UND ID ENTITÄTEN

  1. Der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität auf der einen Seite sowie die Notwendigkeit von Veränderungen andererseits schaffen Zwiespälte, denen sich viele Menschen nicht gewachsen fühlen. Der Umgang miteinander wird gerade in unsicheren Zeiten für viele zu einer Zerreißprobe. Erstaunlich, dass ausgerechnet Menschen, denen es materiell an fast nichts mangelt, manchmal lieber den Verlust ihrer immateriellen Werte riskieren als ein bisschen von Hab und Gut mit anderen zu teilen. Und das ist ihnen oft nicht mal bewusst.

    Ich weiß nicht, was in Bezug auf Identität in anderen vorgeht. Mich selber beschäftigt diese Frage nach Lesen deines Eintrags mehr als zuvor, und es wird verständlicher, warum die einen so und die anderen gegenteilig auf vermeintliche Bedrohungen reagieren. Die einen wünschen sich einen resoluten Herrscher oder zumindest eine tatkräftige Regierung, die anderen vertrauen auf die scheinbare Richtigkeit, mit der sie und Gleichgesinnte auf die Folgen von unvermeidlichen Geschehnissen reagieren, und bringen auch die nötige Geduld auf, die vielen unweigerlichen Fehler auszusitzen, bis positive Resultate spürbar werden. Vieles hängt von dem Maß der Verantwortung ab, der man sich entweder selbst nicht entziehen will oder die man schon immer lieber delegierte, je nach Typus.

    In Österreich findet heute der hoffentlich letzte Anlauf in dieser Periode zur Wahl des Bundespräsidenten statt. Alle sind sich noch halbwegs einig, dass diese Funktion mit keinen besonderen Gefahren für die Bevölkerung verbunden ist. Dennoch befetzen sich seit Bekanntwerden der Stichwahl beide Lager samt jeweiligen Anhängern in einer Weise, die viel Unschönes auf beiden Seiten zum Vorschein bringt. Wie so oft in unzähligen Wahlkämpfen wird „das kleinere Übel“ beschworen, um davon abzulenken, wie lausig die Alternativen häufig sind, nicht nur im eigenen Land. DAS ist doch das eigentlich Traurige – dass von all den vielen, fähigen Köpfen und Herzen auf der ganzen Welt die jeweilige Wahl auf Leute zugeschnitten wird, die reinen Gewissens kaum noch wählbar wären. Für alle kann es unmöglich passen, für mehr als die Hälfte geht es sich nur selten aus. Was bleibt also bei konkreten Überlegungen? Man muss sich schon selbst einbringen, entweder in Form guter Arbeit oder mittels Protest gegen die schlechte der anderen. Was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, bleibt allerdings seit Menschengedenken strittig, weil Menschen nicht nur unterschiedlich, sondern bisweilen völlig konträr denken und fühlen. So gesehen wirkt es tröstlich, dass von manchen keine Spuren bleiben werden. Denn auch jene Spuren, die uns lediglich mahnen sollten, sorgen für Reibereien, wenn nicht sogar Schlimmeres.

    Alles auf Null setzen wäre vielleicht eine Alternative. Dass dies nicht möglich ist, könnte aber auch wieder ein Glücksfall sein, solange wir nicht wissen, wie wir mit einem Neustart, der womöglich endlich allen gerecht würde, in der Folge umgehen könnten.

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  2. von der maschine her haben wir die vorstellung des neustarts, aber die maschine ist unser abbild und nicht wir das ihre. vielleicht liegt in diesem zwang zur kontinuität, so wie du schreibst, auch unsere chance. vielen dank jedenfalls für deine wohlwollende und kritische begleitung meiner texte.

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