BETRACHTUNG ZUM 34. NEUJAHRSGEDICHT

rst-vademecum 34   für  2017

 

bloßes grübeln macht uns krank

bitterböses kreisverkehren

zeitgeistkübel die vergären

und zum schluss bleibt zoff und zank

 

weiß wer wie titanic sank

kann er auch das all belehren

wo sich tausend gründe queren

schwindet nichts im schredderschrank

 

und wer schwächelt kann nicht zehren

früher half das hirn zu leeren

dass man fliegenpilze trank

 

dass wir wieder wildwuchs werden

statt empörer mit beschwerden

hilft uns nur gedankengang

 

Von C.G. Jung stammt der schöne Satz, dass Denken schwer sei und dass darum die meisten Menschen urteilen. Dürfte man für urteilen, das noch einigermaßen neutral klingt, das alte Wort richten einsetzen, dann hätte man den Kommentarteil ganzer sogenannter sozialer Medien – gibt es denn auch asoziale Medien? – auf einen Satz heruntergebrochen. Indes gibt uns das Vademecum 34 einen anderen Ausweg nicht nur zu bedenken, sondern auch zu begehen: das Grübeln. Wer grübelt nicht, aber wer weiß nicht auch, dass Grübeln endlos ist, eine Schleife, ein bitterböser Kreisverkehr ohne Ende. Dabei ist ein Kreisverkehr eigentlich hilfreich, besser, kürzer, optionaler als eine Kreuzung mit oder ohne Vorfahrt. In der barocken Manier der Hyperbel werden die Endlosschleifen des Grübelns mit den sprichwörtlichen Kübeln (achten Sie auf den Binnenreim!) voller Unrat, in diesem Fall des Zeitgeists, verglichen. Wer einen solchen Kübel voll Zeitgeistscheiße je auf den Kopf geschüttet erhielt, weiß, dass er ohne Zank, Zoff, Streit und vielleicht sogar Hass nicht wird weiterleben können. Die für die ersten beiden Quartette (Vierzeiler) eines Sonetts übliche Aufzählung der Schlechtigkeiten der Welt wird diesmal, es ist immerhin das vierunddreißigste Mal, mit einer Betrachtung über die Dummheit oder jedenfalls Sinnlosigkeit der Warumfragen fortgeführt. Die vermeintliche oder tatsächliche Bösartigkeit der Welt wird also hier in den immer  sinnlos wiederholten Fragen gesehen. Zwar sind Fragen an sich weiterführender als Antworten, die auf ein Ende, einen Abschluss, eine Lösung hindeuten, aber Fragen zu stellen, die keiner beantworten kann, ist genauso falsch wie Antworten zu geben, die zur vorschnellen Befriedung führen. Das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. In seiner berühmten Antrittsvorlesung ‚Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?‘ hat Prof. Dr. Dr. Schiller seinen Studenten in einer schier endlosen Aufzählung vor Augen zu führen versucht, wieviele, nämlich unendliche viele, Elemente notwendig wären, die Frage nach dem WARUM zu beantworten. Sein bildhafter Vergleich war die einfach erscheinende Frage: Warum wir hier in diesem Raum zu dieser Stunde zusammenkamen? Spielen Sie diese Frage einmal auf einer der nächsten Silvesterpartys durch, gerne auch mit ein paar Flüchtlingen, die Sie hoffentlich dazu eingeladen haben. Das Vademecum nimmt nun genauso launig die Frage als Beispiel, dass, wer wüsste, warum und wie die Titanic sank, auch das All mit all seinen Alliterationen belehren könnte, das der Lenker aller Dinge geschaffen haben mag, wenn es ihn gibt, und hier verbietet sich der fast schon abgestorbene Konjunktiv, weil der wahrhaft Glaubende durch ihn verletzt sein könnte. Überall queren sich Gründe und Wirkungen. Im postfaktischen Zeitalter, von dem einige glauben, dass es als Antimerkelismus jetzt erst begann, das aber genauso alt ist wie das faktische Zeitalter, verwechseln so viele Menschen die Tatsache mit der Meinung. Man kann sich jeden Fakt in Sekundenschnelle – wir wollen nicht sagen: beschaffen, dazu bedürfte es eines online-3-D-Druckers – vergegenwärtigen, genauso schnell sind Meinungen eingeholt, aber jetzt kommt das wirklich Neue: jede noch so absurde Meinung wird auch in Sekundenschnelle bestätigt. Wir können also kiloweise Meinungen produzieren und vernichten, Sekunden später sind sie wieder auferstanden (sozusagen aus den Ruinen des Aktenschredders [erinnern Sie sich ruhig einmal an die Monate und Jahre nach 1990, als Kilometer über Kilometer Akten von ihren fassungslosen Verfassern zerrissen und dann von arbeitslosen Losern wieder zusammengeklebt wurden]), das Echo hallt aus dem Netz wider. Wenn Storm noch Nachtigall auf Widerhall reimte, so reimt sich Stordeur heute Schredderschrank und Netzecho zusammen.

Das Sonett folgt seit der Renaissance strengen Regeln. Das rst-vademecum spielt seit vierunddreißg Jahren mit den Regeln und dem streng gegliederten Inhalt, aber auch darin folgt es nur den Vorbildern. Nach den beiden Quartetten erscheinen die beiden Terzette (Dreizeiler). Sie wechseln langsam zu der erwünschten Erkenntnis, die in diesen Neujahrsgedichten ironisch dazu aufrufen, dem Autor gedanklich zun folgen. Früher war das Vademecum ein Lehrbuch, eine Prüfungsvorbereitungskladde, im englischen Sprachraum gar eine Lebensanweisung für Lehrlinge von Samuel Richardson, dem Erfinder des Briefromans, des Frauenromans und des Liebesromans. Diese, auch wieder ironisch gemeinte Aufforderung beschränkt sich diesmal auf die letzte Zeile, allerdings wird in der vorletzten Zeile auch schon vor Empörern mit ihren ewigen Beschwerden gewarnt. Empörer hat es natürlich schon immer gegeben. Das Geschwafel der Wasch- oder Marktweiber war sogar einem einzigen Geschlecht zugeordnet, das damals zur faktischen Untätigkeit verurteilt war, aber war es auch zur Meinungslosigkeit gezwungen? Vielmehr können wir, und die Brüder Grimm sind unsere Zeitzeugen, davon ausgehen, dass das Narrativ bei den Frauen so gut aufgehoben war, dass der Ort des Erzählens zum Substantiv des kreativen Tuns wurde: die Spinnstube, das Spinnrad, das Spinnen. Die Gleichheit der Tätigkeiten der Spinnerin und der Spinne führte auch zu dem antihierarchischen Gedanken des Netzes, der Vernetztheit, der Gleichrangigkeit aller Gedanken und Fakten und ihrer mystischen, heute elektronischen, Verbundenheit. Man kann die Spinne täuschen, indem man statt durch eine Fliege, musca domestica, durch eine Stimmgabel die Schwingung erzeugt, die die Spinne glauben macht, dass die Zeit zum Essen gekommen sei. Nicht die Vorsorge oder der vermeintliche Egoismus ist der Unterschied, sondern das soziale Netz der Vorsorge, die Breite der Nächstenliebe oder Fremdenliebe, um nicht zu sagen Feindesliebe – denn allein durch sie wird bewirkt, dass es keine Feinde mehr gibt -, aber das predigt der berühmteste Jude der Welt, der den Christen ein Heiland, den Muslimen ein Prophet, den Menschen aber anscheinend ein Gräuel ist, seit zweitausend Jahren vergeblich. Wenn dich etwas ärgert, sagte er wohl auch, reiß es aus, und unser Vademecum-Dichter dichtet dazu passend: dass und wenn man es nicht beim Empören belassen sollte, dann gingen auch die Beschwerden wie von selbst weg. Wie. Das Spiel mit dem über drei Strophen gleich bleibenden Reim wird, ganz zur Bestätigung des Inhalts im letzten Terzett in zwei Paarreimzeilen aufgegeben. Aber der Rapper hört hier mit: nur zugunsten einer Assonanz wird der Reim aufgegeben, vielleicht, um moderner zu wirken, vielleicht hofft der Autor, von Banksy an einen Zaun gesprüht zu werden, vielleicht, weil er den Inhalt dann letztendlich doch nicht nach dem Reim verbiegen wollte. Denn man muss sagen: das Barockzeitalter, wiewohl es für immer vorbei ist, war groß im Variieren und Permutieren, aber genauso unsinnig groß im Worteverdrehen. Das erste Terzett lebt von der Anspielung auf die Allgegenwart der Drogen aller Art. Solange der Mensch denken kann, vernebelt er sich sein Hirn, und muss er es auch vernebeln, denn es ist zwar von riesiger Fasskraft, aber die Welt ist größer. Der Mensch muss sortieren, ordnen, naturwidrig hierarchisieren, archivieren. Die Welt ist nicht nur zu groß für das Hirn, sondern auch zu schwer und zu böse. Jedenfalls erscheint ihm, dem kleinen Menschen, jeder zweite Stein zu schwer, jede Falle zu tief, jedes Tier zu böse, das Schicksal – falls das mehr sein sollte als die Auflistung der Lebensfakten – gegen ihn gerichtet, immer nur gegen ihn. Aber neben ihm sind noch sieben Milliarden anderer Menschen, die sieht er nicht, der kleine Mensch. Deshalb ist er klein. Aber er wird groß und größer, wenn er sich daran macht, die Welt zu malen, zu tanzen, zu schreiben, zu singen, auf dem eigens dafür gebauten Klavier nachzuspielen, auf dem Theater nachzuspielen, auf dem Fußballplatz nachzuspielen, gar auf dem Schachbrett nachzuspielen, wir haben uns so sehr in das Wort nachspielen verliebt, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir die Welt nachspielen oder die Welt uns. Denn: am Anfang war das Wort, egal ob wir jetzt glauben, dass es das Wort Gottes war oder das Wort des sich aufrichtenden Primaten, der seine Greif- und Bastelhand mit Wohlgefallen betrachtete, es ist einerlei, was wir glauben, wichtig ist nur, dass wir glauben. Denn das Glauben kommt zuerst und ist konstant, das Wissen ist dem Glauben nachgeordnet und immer historisch. Was wir gestern wussten, haben wir nicht nur vergessen, wir können es auch getrost vergessen.

Stellen wir uns vor, dass ein Yanomami-Indianer aus dem Amazonasdelta in der Berliner Philharmonie die dritte Beethoven-Sinfonie hören und niemand sich daran stören würde, dass er barfüßig und halbnackt wäre. Vielleicht würde er die für uns wunder- und leicht deutbare Musik als Lärm empfinden, als Rauschen, als einschläfernd, als Droge wie einen Fliegenpilz-Cocktail, wir wissen es nicht. Aber was wir wissen: von unserem Genuss, von unserem Verständnis, von unserer Interpretation trennt ihn nur sein Vorleben, so wie unser Vorleben uns von dem Verständnis der Yanomami-Musik trennt. Nur ein dummer Hierarchieglaube, der falsche Glaube, dass es über- und untergeordnete Systeme gäbe, konnte uns dazu bringen anzunehmen, dass unser Verständnis der Welt einschließlich der dritten Beethovensinfonie das bessere, weil höhere sei. Nur ein blinder Technikglaube konnte uns verführen, die Schäden unserer Lebensweise zu übersehen. Vom Abschlachten der Indianer und in diesem Jahr von achtundvierzig Millionen männlicher Küken bis zur CO2-Sättigung der Erdatmosphäre durch Energieverschwendung spricht alles gegen uns und für die Indianer. Das erkannt zu haben, ist das Verdienst von Rousseau, dem wir auch den Gedanken des Gesellschaftsvertrags verdanken, der mit seinem edlen Wilden sich dem Zivilisationsmenschen haushoch überlegen glaubt, darauf spielt unser Vademecum in der zwölften Zeile an. Weshalb sich also der Yanomami eine Beethovensinfonie nicht sofort aneignen kann, sondern erst Übung in dieser Tonsprache braucht, so wie man für jede neue Sprache Zeit und Übung benötigt, leuchtet sofort ein. Aber warum versteht der gewöhnliche Mitteleuropäer angeblich ein in seiner Sprache geschriebenes Gedicht nicht, obwohl er acht, neun, zehn oder zwölf, gar dreizehn Jahre zur Schule gegangen ist? Er versteht es nicht, weil er solange zur Schule gegangen ist.

‚In einem kleinen Apfel, da sieht es lustig aus…‘ lernen wir als kleine Kinder und kein Kind kommt auf die Idee, dass hinter dem Lied, das den Apfel zur Metapher für ein Haus macht, das Haus aber im Gegenzug zur Metapher für den Apfel, das die Kindheit, das Keimen und Wachsen und Reifen erklärt, und heute etwas unverständlich eine anthropomorphe Sinnhaftigkeit unterstellt: die Kerne des Apfels träumen in dieser Dichtung davon, als fertige Äpfel am Weihnachtsbaum zu hängen. Leider, wissen wir heute und lernt jedes Kind, das zunächst von diesem entzückenden Lied begeistert war, gibt es einen Sinn nicht an sich, sondern nur, wenn wir ihn suchen und finden, was nicht jedem gegeben ist. Aber hinter dem Lied etwas anderes zu vermuten als der Text bildlich zeigt, auf die Idee kommt kein Kind und muss kein Erwachsener kommen. Wir werden durch Regeln verbildet. Wir suchen, wie manche Blinde, den Stock und nicht den Weg. Wir sehen, wie es früher hieß, den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir leben in einer Welt voller Metaphern – WELT1RAUM2BAHN3HOF4 – und wollen ein Gedicht nicht mehr verstehen? Es gibt neuerdings Texte, in denen die Autoren Metaphern in Anführungszeichen setzen – also etwa:  In ‚einem‘ ‚kleinen‘ ‚Apfel‘ da ‚sieht‘ es ‚lustig‘ aus -, in Talkshows, die schon an sich albern sind, machen viele Schwätzer die albernen amerikanischen Gänsefüßchen mit jeweils zwei Fingern ihrer beiden Hände und sagen dazu Ironiemodus ein oder aus; das alles führt dazu, dass wir einen Text lesen, sei er gut oder schlecht, sei er lang oder kurz, und sofort sagen: das verstehen wir nicht. Das verstehen wir nicht mehr, weil wir es nicht mehr verstehen wollen. Wir wollen es erklärt bekommen, wir wollen Regeln, Fußnoten, Links dazugeliefert erhalten. Wir sind es gewohnt zu googeln statt zu denken. Aber wer sich jetzt im Vorteil wähnt, weil er gar kein Internet hat, dem sei gesagt: noch dümmer, weil suggestiver, ist das Fernsehen. Die Menschheit verblödet nicht, sondern sie verfault. Sie schafft sich Maschinen, die das Denken, die Arbeit, die Kraftanstrengung abschaffen. Unser klassisches Beispiel dafür sind die elektrischen Läutewerke der Kirchenglocken, die gerade in dem Moment erfunden und angeschafft wurden, als ein Viertel der Menschen dazu verurteilt war, am Fenster zu sitzen und auf das Glockenläuten zu warten: denn wer schwächelt kann nicht zehren. Ohne Komma. Dann schlurft der Rentner zum Pfandflaschenverschluckautomat statt mit dem Pfandflaschenannehmer über das Wetter oder die Weltraumbahnhöfe Baikonur, Cape Canaveral oder  Kourou in Französisch-Guayana zu reden.

Denken Sie einfach darüber nach und legen Sie nicht jeden Text nach zwei Minuten aus der Hand, was neuerdings oft auch darunter steht: Lesezeit zwei Minuten. Wer einen Text liest, wird sein Autor. Lesezeit: ein Leben lang. Das ist keine Feststellung, sondern eine Aufforderung zum Lesen und Träumen, zum Verstehen und Missverstehen.

Marion Ette-Bollwerk

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EMANZIPATION

 

Nr. 219

Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Es bleiben Müll und Gedanken. Weihnachten, einmal abstrahiert von all dem verkünstelten Kitsch, ist auch ein Tag der Emanzipation, nicht des Menschen zu Gott oder Gottes zu den Menschen, sondern des Menschen zu den Menschen.

Um den heutigen – gedanklichen und begrifflichen – Zustand der Welt zu schaffen, mussten zwei Prozesse aufeinanderzulaufen, und man kann den heutigen Umbruchszustand auch verstehen als ein Zuschlagen der Türen zu alten Befindlichkeiten und ein Spüren des allerersten Hauchs einer ganz neuen Atmosphäre. Die eine Linie ist die Emanzipation, die andere die Demokratie, beide haben eine gleiche Gegenseite, die aufzubrechen war, die Hierarchie.

Jesus, der Held von Weihnachten, wurde, wie sein Vorgänger Mose, durch einen flächendeckenden Knabenmord bedroht. Man stellte sich die menschliche Fortpflanzung sozusagen nach ihrem äußerlichen und sichtbaren Teil männlich dominiert vor und glaubte bis in die Neuzeit, dass man ein Volk dezimieren oder sogar ermorden kann, wenn man die Männer tötet. Frauen galten bis in die Renaissance hinein als bloße Gefäße der Virilität, nicht als ihr ebenbürtiges Gegenstück oder noch besser gleichartiges Komplementär. Nachträglich lässt sich leicht spotten: es ist umgekehrt, mit einem Mann kann man tausend Kinder zeugen, wenn man tausend Frauen hat, aber mit tausend Männern kann man nur ein Kind zeugen, wenn man nur eine Frau hat. Indessen wissen wir, dass Völker ohnehin keine konstanten Größen sind. Es gibt keine nationalen Eigenschaften, die Wertigkeiten abbilden würden. Neunundneunzig Prozent des genetischen Materials des Menschen sind identisch, nur ein Prozent zeigt sich als individuelle Besonderheit. Wo ist der Todesmut der Hunnen oder Mongolen anders als im Grab, wo er hingehört. Erfolg ist genauso flüchtig wie Misserfolg. Alle großen Reiche brachen sich an ihrer eigenen Hybris. Während ihrer Existenz aber verweisen sie immer auf Quantitäten, wie zum Beispiel EIN SECHSTEL DER ERDE oder WELTRELIGION, weil es Qualitäten nicht gibt. Religionen und Ideologien verbreiten sich demografisch und nicht nach dem Wahrheitsgehalt. Wahre Multikulturalität widersetzt sich der Dominanz, sonst wäre es keine Multikulturalität, sondern Hierarchie. Jugoslawien ist nicht am Zusammenleben der Völker oder Religionen gescheitert, sondern an der immer wieder durchgesetzten und zuletzt implodierten Dominanz der Serben.  Übrigens widersetzt sich jeder der Dominanz, und sei es durch Lethargie oder ihre Steigerung, den Tod.

Die Frau musste sich, so merkwürdig uns das heute vorkommen mag, in einem vieltausendjährigen Prozess emanzipieren. Viele Berufe, die früher Frauen verboten waren, sind heute sogar typisch, so gibt es in Westeuropa viele Lehrerinnen, Ärztinnen, Richterinnen. Die oberste Richterin der Welt ist eine schwarze Frau. Die Schwarzen, überhaupt die colored nations, deren gewitzteste Vertreter zurecht darauf verweisen, dass ihre Farbe weitaus konstanter ist als unsere, die wir erröten und erblassen, müssen an vielen Orten der Welt immer noch um ihre Anerkennung fürchten, werden diskriminiert oder schlecht behandelt. Im Gegenzug glauben viele Europäer und weiße Nordamerikaner, dass sie persönlich das Automobil erfunden hätten, weil sie weiß sind. Die neuesten fremdenfeindlichen Parteien behaupten, dass sie nicht gegen die Fremden sind, sondern gegen deren Religion.

Erst im neunzehnten Jahrhundert, in der Folge der Aufklärung konnte sich das Individuum als eigenständige Rechengröße durchsetzen. Bis dahin hat man Menschen nur als Angehörige von hierarchisch geordneten Gruppen wahrgenommen. Die theoretischen  Höhepunkte dieser schädlichen und falschen Ansichten von den Rassen, Klassen, Nationen und Glaubensgemeinschaften lagen im neunzehnten Jahrhundert, praktisch wurden sie alle in den Weltkriegen falsifiziert. Im neunzehnten Jahrhundert entstand aber auch durch Industrialisierung und Romantik gleichermaßen die neue Welt des universellen permanenten Narrativs, der Erzählung, die alle Menschen jederzeit und überall umfasst. Es ist eine Erzählung mit unendlich vielen seriellen Fortsetzungen. Das Smartphone ist sein Vehikel.

Die Emanzipation des Schwarzen wurde schon erahnt und gekoppelt mit der Emanzipation des Kindes durch das Auftreten der drei Könige aus dem Morgenland, deren einer vielleicht aus dem heutigen Äthiopien, dem damaligen Reich Axum kam. An der Bezeichnung und an ihrem Verbleib in Köln kann man schon die Verwirrung ablesen: auch Jesus wurde im  Morgenland geboren, die Könige kamen vielleicht eher aus dem Süden. Merkwürdigerweise werden solche Botschaften auch gerne vergessen. Der schwarze König wurde so gründlich vergessen, dass man heute dem erstaunten Flüchtling erklären muss: ja, wir kennen euch schon lange, die Botschaft von euch war schon lange vor euch da. Zwischen der alten Kenntnis und heute lagen schwarze Zeitalter.

Die drei Könige als Metapher für den Fremden, für den Migranten, ist die verschüttete Botschaft, obwohl in Italien und im Rheinland die Kinder sich die Gesichter schwärzen wie ein Othello, wenn sie am Tag der drei Könige um Geld und Güte singen.

Andererseits hat die Abwehr des Fremden auch gar nichts mit der Hautfarbe oder überhaupt mit der Herkunft zu tun. Als Ende 1944 und im ersten Halbjahr 1945 vielleicht zehn Millionen Deutsche aus den verlorenen Ostgebieten und aus Angst vor den jahrelang als Angstgespenst aufgebauten Russen flohen, wurden sie in Mittel- und Westdeutschland nicht freundlich aufgenommen. Der absurdeste Vorwurf war die Migration selbst. Allerdings haben die Geflohenen auch ihre Vertreibung kultiviert und natürlich nicht ihre Mitschuld. Das oder der Fremde wird auch dann abgelehnt, wenn es der eigene Verwandte ist, wie man übrigens auch auf jeder größeren Familienfeier beobachten kann.

Das alles habe ich am gestrigen Abend gedacht, als ich wieder einmal auf einem wackligen Stuhl (‚ach hier sind unsere Milliarden‘) im Asylbewerberheim saß. Die Konstellation, auf die man trifft, ist immer eine andere, mal ist der da, mal jener. Und gestern war dieser eine da, der mir schon lange seine Geschichte erzählen wollte. Es war eine Geschichte von seiner Familie, an die er immer denken muss, die aber auch nur mit ihm eine Chance hat, von Gefängnis, Soldaten, Handschellen, Flucht, Diskriminierung, Unverständnis. Dieser Flüchtling spricht immer sehr leise und eindringlich. Aber das kommunikative Rauschen des Weltnarrativs waren in diesem mehr als fragilen Refugium ein Smartphone, das auf dem zum Tisch umfunktionierten Regal lag und deutsche Unterhaltungsmusik reproduzierte, und ein Uraltfernsehgerät, das einen deutschen höchst fragwürdigen, verkitschten Liebesfilm in beträchtlicher Lautstärke anbot, den keiner wollte und der doch seinen Sinn hatte. Das war die Stunde dieser Geschichte. So wird diese Geschichte in das große Narrativ eingehen. Nie werde ich die – erzählten – sudanesischen Soldaten mit ihren Handschellen vergessen, die ein neunzehnjähriges Mädchen ins Gefängnis warfen, aus dem sie erst das Geld aus Deutschland befreien konnte.

Vielleicht ist es diesem Jahrhundert vorbehalten gewesen, den Fremden zu emanzipieren.

KEINE UTOPIE

 

Nr. 218

Let’s do as we may be done by.

Thomas Morus gehörte mit Thomas Müntzer zum Kanon der Revolutionäre, die Vorläufer des Kommunismus waren. Morus hatte eine Satire auf die Zustände in England geschrieben und die Handlung auf die Insel NIRGENDWO  – u topia – verlegt. Das Eigentum war auf dieser Insel ebenso abgeschafft wie einige Jahre zuvor in Mühlhausen und Münster. Die Antworten früherer Regierungen waren immer gleich: vierteilen, hängen, enthaupten. Dagegen sind die Käfige an der Lambertikirche in Münster, in denen die Delinquenten verhungerten, schon originell, vor allem dass sie heute noch hängen. Aber schrecken sie auch ab? Nein, die Gesellschaft ist heute bei den humanen Forderungen angekommen, für die damals gestorben wurde. Der Staat ist der Sozialrevolutionär. Morus war übrigens wie Bismarck ein konservativer Umstürzler. Er glänzte durch überragende Bildung und Verhandlungsgeschick. Er war der Vater der gebildetsten Frau Europas.  Er war aber auch so sehr Katholik, dass er ein katholischer Heiliger wurde.

Shakespeare, der – merkwürdigerweise – mit vier Kollegen zusammen ein Stück über Thomas Morus schrieb, gefielen aber zwei Fakten nicht, und so änderte er sie in der Fiktion einfach ab. An dem tatsächlichen ‚bösen Maitag‘ 1517 (evil may day) hörten die aufständischen Migrationsgegner nicht auf Thomas Morus und sie wurden deshalb gehängt, ausgenommen und gevierteilt. Und Shakespeare war irritiert, dass die französischen Flüchtlinge, die er sah,  noch genauso schlecht behandelt wurden wie zu Zeiten des Lordkanzlers Thomas Morus.

Zum einen darf man sich nicht täuschen über den tatsächlichen menschlichen Fortschritt. Er ist gering. Wir sind Tiere, deren Verhaltensänderungen evolutionär verankert werden müssten, und das dauert zehntausende von Jahren.  Wir verwechseln immer wieder den erfreulichen technischen Fortschritt mit den notwendigen Veränderungen der menschlichen Gesellschaft und der menschlichen Individuen. Dann bemerken wir, dass der technische Fortschritt nicht nur erfreulich ist, sondern desaströse Langzeitwirkungen hat, aber gerade in dem Moment zeigt sich die Trägheit der Gesellschaft, die reagiert wie ein Galileisches Pendel: es verharrt in der einmal vorgegebenen Bewegung. Es gibt aber auch etliche technische Neuerungen, die selbst abgelehnt und bekämpft wurden, weil man glaubte, dass sie nur negative Auswirkungen haben würden, zum Beispiel die Eisenbahn. Die Eisenbahn ist der Vorläufer der Massenproduktion und der Globalisierung, sie bekämpfte erfolgreich den Hunger und die Sehnsucht nach der Ferne. Aber nicht wenige Menschen hatten Angst vor der Dampfmaschine, vor der Geschwindigkeit, vor der Entwurzelung, vor dem ungeheuren Energieverbrauch, vor der Zerstörung der Landschaft. Nicht wenige Romantiker sehnten sich nach dem eisenbahnlosen alten Wald und vergaßen, dass in ihm die Räuberbanden mit hungrigen und deshalb kriminellen Kindern lebten, die zuvor von bösartigen, aber ebenfalls hungrigen Eltern buchstäblich zum Teufel gejagt und gemacht wurden. So gesehen ist der soziale Fortschritt unübersehbar und riesengroß: weite Teile der Welt kennen keinen Hunger mehr, überhaupt nur noch ein Achtel der Menschen hungert, und in denselben sieben Achteln der Menschheit ist mit dem Hunger auch der Aberglaube an Strafe und Abschreckung gebrochen und zum großen Teil verschwunden.

Aber andererseits scheint es archaisches Verhalten zu geben, das uns besonders in Katastrophen oder in als Katastrophen erlebten Situationen zur Verfügung steht. Oft ist dieses Verhalten dann die wahre und eigentliche Katastrophe. Im Leben unserer frühen Vorfahren war es wohl kein Unterschied, ob ein Erdbeben die Vorräte beseitigte oder eine feindliche bewaffnete Großfamilie. Aber schon zur von Jesus ausgelösten Zeitenwende war genügend Spielraum für die Einsicht, dass es eigentlich gar keine Feinde gibt, dass man mit Barmherzigkeit für sich selber dieselbe Wirkung erzielt und dabei noch die Weltmentalität nachhaltig verbessert. Die ehemaligen Feinde würden ihre Feinde ebenfalls als ehemalig erkennen und damit würde die unsinnigste Energieverschwendung, die für Aggression, entfallen. Jeder kennt die Rechnung: würden wir heute auf Bewaffnung verzichten, hätten wir nicht nur das Hungerproblem, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Energieproblem gelöst. Aber so schnell sind wir Menschen eben nicht. Wir müssen zweitausend Jahre über so etwas nachdenken. Und das schlimmste ist noch, dass die meisten Menschen gar nicht nachdenken.

Shakespeare denkt sich also einen Morus aus, der so geschickt argumentiert, dass die Aufständischen sofort einsichtig werden und umkehren. Er lässt ihn sagen, dass sie das brechen, wonach sie schreien: den Frieden, die Ordnung. Würden sie, die Fremdenfeinde, Recht bekommen, so wären sie nur die Könige ihrer Wünsche (as kings in your desire). Niemand würde auf einen Meuterer hören. Die Meuterer müssten fliehen und wären nun selbst Fremde – ausdrücklich wird auch Deutschland als Ziel benannt -, die von der Meute angegriffen würden. Der Shakespearsche Morus redet sich in Rage. Die wütende Menge der Fremdenfeinde glaubt, das Evangelium selbst zu hören (thats true as the Gospel) und schließlich kehrt der Mob um und erkennt von selbst – angeleitet zwar durch den göttlichen Morus – die goldene Regel: Handeln wir, wie wir an uns gehandelt sehen wollen.  Und Shakespeare setzt noch eins drauf: ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Denn der erste Meuterer und Schreihals, er heißt geschichtsironisch Lincoln, ist schon hingerichtet, als die Botschaft der königlichen, von Morus auf Knien erbetenen Gnade ankommt.

Die Aktualität dieser winzigen Szene ist erhellend. Zu allen Zeiten haben die Menschen Angst vor ihresgleichen gehabt. Wer nur König seiner Wünsche ist, dem mangelt es an Mitgefühl. Eine der großen Empathiegeschichten wird gerade erzählt, aber man kann sie nur als Konsumterror mit gigantischer Energieverschwendung erkennen. Vielleicht sollte man sich an die nächste Ecke stellen und vorlesen: Es begab sich aber zu der Zeit des Kaisers Augustus, dass die Menschen ein kleines Kind als Lebenssinn und als wahren Retter der Welt erkannten. Aber wen wir auch als Retter der Welt ansehen, es stehen immer einige wenige am Weg, die schreien: Kreuzige. Und es finden sich immer einige wenige, die auf diesen falschen und bösartigen Ruf hören. Ist es immer noch ein Angstschrei oder ist es die Gier, König der Wünsche zu sein?

Die Szene ist schon lange bekannt, aber erst seit kurzem wissen wir, dass sie von Shakespeare stammt. Es ist sogar die einzige Handschrift von ihm, die wir haben. Die Kriminalistik, die die Herkunft des Bösen immer im einzelnen nachweisen muss, verfügt inzwischen über Methoden, die mit ziemlicher Sicherheit Täter und Schriften entziffern können. Die vergleichende Sprachwissenschaft, die word cluster untersucht, ist zu dem nämlichen Ergebnis gekommen.

Ein Großmeister hat gesprochen. Folgen wir ihm oder schüren wir Gerüchte und Feuer?

[William Shakespeare, Die Fremden, dtv, München 2016, Deutsche Erstausgabe herausgegeben und übersetzt von Frank Günther]

script

Eine Betrachtung zu Weihnachten

Wenn wir wüssten, wer unser Script schrieb, würden wir auch nicht anders leben. Es ist genau so wie mit den Warumfragen, die wir nicht beantworten können; weil es eine unendliche Menge von Antworten gibt, von denen wir glauben, dass sie unser Leben erleichtern, die uns aber eigentlich nur ablenken oder ablenken sollen, wie im Falle des Warums auf dem Grabstein. Es bleibt sich gleich, ob Gott unser Script verfasste, und das von Milliarden Ameisen, oder die so genannte Umwelt, unter der man früher nur die Nachbarn verstand, heute dagegen die Natur, oder die Gene, was bedeuten würde, dass wir doppelt in der Hand unserer Eltern und Voreltern sind, die ihre Probleme auch gern damit lösen, dass sie uns für fehlerhafte Kopien ihrer selbst halten. Oder sind wir selbst die Verfasser unseres Scripts? Seit der Aufklärung legt sich uns dieser Gedanke sozusagen von selbst nahe. Wir wären gerne die Verfasser unseres Scripts, weil wir dann vor uns und vor anderen besser dastünden. Das gilt aber leider nicht nur für den erfolgreichen Teil unseres Lebens: für unsere Anpassung, für unsere Mitwirkung, für unsere Taten und Rettungsaktionen. Das gilt dann aber auch, so wie die Hochzeitsformel nahe legt: in guten und in bösen Tagen, für unser Versagen, für unseren Widerstand, für unsere Untaten und für all das Kontraproduktive, das wir tun.

Die Warumfrage ist die personalisierte Schuldfrage. Wenn wir selbst schuld zu sein glauben, laden wir unserer armen gequälten Seele eine Last auf wie Hamlet , die sie nicht tragen kann. Und wie Hamlet müssen wir dann nicht nur überlegen, was wir tun sollten, um einen moralisch oder aktionistisch zukunftsfähigen Zustand wieder herzustellen, sondern wir müssten uns mit der Frage quälen, wie wir hätten verhindern können, dass es soweit gekommen ist, wie es kam. Die Hälfte unseres Lebens verbringen wir – wenn wir glauben, dass wir für unser Script verantwortlich sind – mit Rechtfertigungen. Wir suchen Gründe, warum wir dennoch richtig sind, obwohl alles falsch ist. Oder, noch viel schlimmer, warum wir falsch sind, wenn doch alles richtig ist.

Richtig und falsch sind die unrichtigen, die veralteten und vereinfachten Kategorien. Nur wenn wir statt von einem Durchschnitt von einer Norm oder einem zu verwirklichenden Ideal ausgehen, der neue Mensch oder dergleichen, fällt ein Teil der Menschen durch das Raster der selbst ernannten Kontrollbehörde. Der Satz also ‚es gibt kein richtiges Leben im falschen‘ ist falsch, weil es kein richtiges Leben gibt. Denn nur in Gesellschaften, in denen einfache Antworten akzeptiert werden, kann es diese Kontrollinstanzen geben. Während die Religionen Trost spenden, sagt die Aufklärung eigentlich nur: suche deinen Weg, den es nicht gibt, aber wenn du ihn nicht findest, dann werden wir dir mit Hoffnung und Trost aushelfen. Das solidarische Modell ist genetisch verankert im Kindchenschema, sozial verankert im Kain-Abel-Paradigma: ja, ich soll meines Bruders Hüter sein, nicht, weil er auch mein Hüter ist, sondern weil sich die Welt nicht nur verbessert, sondern überhaupt erst bewohnbar wird, wenn wir aufeinander achten. Zu unseren Brüdern gehören aber auch die Ameisen. Davon sind die Geschichten voll, aber auch unsere realen Biografien, sofern es sie überhaupt gibt.

Denn wir sind nicht nur das, was wir selbst über uns denken, fühlen und glauben, nicht nur das, was andere über uns denken, fühlen und glauben, sondern auch die Überschreibungen, Verschränkungen, Schnittmengen, Schnitte, akuten Verletzungen, verheilten Narben, Wunschträume, wir sind unser permanentes Wunschdenken, wir sind unsere permanente Enttäuschung.

Das ist der Unterschied zum Script. Wir sind eher ein Palimpsest, eine Festplatte, auf der schon einmal etwas anderes stand. Wir hängen nicht nur an dem Weihnachtsglück aus Kindertagen, sondern auch an dem Schmerz, den uns andere oder wir selbst zufügten. Dieser schmerz ist nicht nur oft eine willkommene Erklärung, sondern wahrscheinlich genau so oft tatsächlicher Handlungsimpuls. Was Galilei vom Pendel fand, gilt genau so vom menschlichen Handlungsantrieb: er ist träge, aber seine Trägheit drängt nicht nur nach Stillstand, sondern verharrt auch gleichermaßen in der Bewegung.

Einerseits gilt natürlich weiterhin, dass des Menschen Leben erst nekrologisch logisch wird. Zum Schluss wird es erst stimmig geredet, so lange geglättet, bis es eine zu Tränen rührende Geschichte wird und in seiner Gesamtheit auf einen Stein passt: WARUM.

Andererseits haben wir die Möglichkeit, unser Leben vorher, bevor es auf Stein gemeißelt wird, schon anzunehmen, und zwar nicht in der Differenzbestimmung zum Ideal, sondern genau so wie es ist. Mit dem Aussehen haben wir es leichter, es ist leichter zu korrigieren, aber die Korrektur ist auch leichter wieder rückgängig zu machen. Trotzdem gibt es wahrscheinlich keinen Menschen, der mit seinem Aussehen zu jedem Zeitpunkt zufrieden ist. Zwar lässt sich Verhalten auch korrigieren, aber nicht rückgängig machen. Schon ein Wort ist nicht zurückholbar. Insofern modelliert der Computer nicht das menschliche Kommunikationsverhalten. Wir haben weder eine ENT noch eine ESC taste, aber wir können verdrängen, vergessen, ignorieren, schweigen, lachen, überlegen tun, unterlegen tun. Wir sind kein Computer, der das letzte update haben muss und ständig darauf wartet, dass jemand die ESC taste drückt, damit wir ihn wieder so gut finden wie zuvor.

Die menschliche Antwort auf alle Schwierigkeiten ist Liebe. Sie ist gleichzeitig der einzige Maßstab, den nicht wir anzulegen berechtigt sind, sondern den das Leben selbst anlegt. Man kann sich die nächsten Sätze sparen: jeder Mensch wird geliebt, weil jeder liebt und umgekehrt. Auch hier sind wir aber eher unzufrieden. Es gibt immer Geschichten von größerer Liebe und größerer Enttäuschung, als wir sie erlebt haben, immer ist es nur ein broken hallelujah. Weihnachten ist ein falsches Ideal, aber eine gute Erinnerung an die mangelnde Kraft des Palimspests.

Die freudsche Entdeckung, dass unser ICH von einem ÜBERICH und einem ES überlagert ist, ist äußerst hilfreich, aber sie meint Dimensionen, Ausdehnungen, nicht Zwangsjacken.

Die Absicht eines Textes wird sich nicht erfüllen. Wer einen Text liest, wird sein Koautor. das Script eines Menschen, wer es auch geschrieben hat, kann sich nicht erfüllen, weil wir immer an ihm mitschreiben, unsere Angst diktiert die Ahnung. Und die so genannten Fakten sind nichts weiter als das Lametta des Lebens. Ein Baum ist nicht durch seine Schönheit schön, sondern durch sein Sein.

HAUSMUSIK

 

 

 

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Ein Paradigmenwechsel ist nur insofern ein Ende, als er auch ein Anfang ist. Alles, was früher galt, gilt auch heute, nur mit einer anderen Wertigkeit, in neuen Zusammenhängen. Man kann mit einem Faustkeil oder mit einem Dreschflegel noch genau das gleiche tun wie früher, nur tut man es jetzt wesentlich seltener. Hegel nannte das Aufgehobensein. Das ist auch eine schöne Erklärung für wahren Konservatismus: die Tradition wahren, das Alte aufheben, ohne das Neue zu verachten. Inzwischen ist aber, da wir erkannt haben, dass jede Innovation auch einen neuen Grad von Zerstörung in die Welt bringt, eine neue Denkgröße hinzugetreten: die Nachhaltigkeit, die relativ neue Vorstellung, dass nicht mehr verbraucht werden kann, als nachwächst oder sich regeneriert. So können wir überlegen, ob der Faustkeil in einer semimobilen Brechanlage funktional gut aufgehoben ist oder ob diese soviel Energie verbraucht, wie durch die neue Straße, die mit den gebrochenen Steinen als Unterbau entsteht, eingespart wird. Dann  hätte diese Gleichung eine fette Null als Lösung, das ist der Traum vom Gleichgewicht, aber in Wirklichkeit verbrauchen wir in Deutschland soviel Energie wie ganz Afrika. Das ist ein Verhältnis von achtzig Millionen zu über einer Milliarde Menschen und nicht durch das schlechte Wetter hierzulande hinreichend erklärt. Das ist signifikant nicht nachhaltig, selbst nicht mit Windrädern, denn diese müssen her- und hingestellt und später entsorgt werden, sie beeinträchtigen zudem die Lebensqualität, wenn auch weit weniger als Kohle- oder Kernkraftwerke.

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In einem winzigen Dorf in der menschenleeren Uckermark wird am Reformationstag 2014 eine neue alte Orgel eingeweiht. Früher, im neunzehnten Jahrhundert, war die Orgel eine Schnittstelle zwischen elitärer Kultur und dem so genannten einfachen Volk. Diese Kultur war nicht insofern elitär, als dass sie niemand hätte verstehen können, sondern in dem Sinne, dass sie, mangels Reproduzierbarkeit, selten zu hören und zu sehen war. Wenn sie allerdings stattfand, waren an ihr mehr eingeborene Personen beteiligt als heute. Wir nehmen einmal an, der Dorfschullehrer von Woddow oder Bagemühl hätte sich zum Reformationstag 1814 vorgenommen, einen Bachchoral aufzuführen. Den kräftigsten Schüler hätte er als Kalkanten eingesetzt, die schönsten Stimmen hätten gesungen. Viele hätten mitgemacht. Mädchen denken immer, dass sie gut singen können, Jungen denken meistens, dass sie es nicht können. In einem Bachchoral gibt es keine Hierarchie, alle Stimmen sind gleichverpflichtet, die Orgel muss so laut sein, dass sie jeder hört, aber so leise, dass sie nicht die zarten Stimmen der angeblich groben Dorfkinder übertönt. Wie sollen die Kinder nicht die Schönheit dieses Chorals empfunden haben? Und wie soll das im Gegensatz zur Kirmesmusik gestanden haben, wie man damals Pop nannte? Nur in einer Hierarchie gibt es oben und unten, gut und schlecht. Nach zwei verheerenden Kriegen, die eine Hierarchie der Nationen stützen sollten, brach die internationale Hierarchie zurecht zusammen, aber nicht Freiheit war das Ergebnis, sondern zunächst Chaos. Vandalismus kann nie Freiheit bringen, aber vielleicht doch Befreiung. Gutshäuser wurden angezündet, Kirchen geplündert. Die Gutsherren und die Kirchenfürsten hatten sich zu sehr ins Zerstörungsgeschäft gemischt. Die Pfeifen der Woddower Orgel, wir wissen noch nicht einmal, wer das Werk einst gebaut hatte, wurden, nachdem sie Kindern zum Gespött dienten, als Altmetall verscherbelt und der Rest als Altholz verbrannt. Die Kirche verfiel, ihr Inventar, darunter ein wertvoller mittelalterlicher Altar, wurde ausgelagert. ‚Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…‘ ächzten die Fugen des Feldsteinbaus.

Inzwischen war in Berlin durch denselben Krieg zum fünften Mal jene Kirche zerstört worden, die an der ältesten Stelle dieser nicht so sehr alten Stadt gestanden hatte, die Petrikirche. Aber im Gegensatz zu Woddow kam der Krieg nicht als fremdes unverstandenes Schicksal auf Berlin, sondern er war von hier als böses Schicksal für viele Millionen Menschen ausgegangen. Von der ältesten Gemeinde blieb ein Schutthaufen übrig, aber auch Hoffnung in einem Gemeindehaus. Für den weiteren Verfall wird gerne der durch die Diktaturen geförderte Atheismus verantwortlich gemacht, denn das haben wir alle in Hierarchien und Diktaturen gelernt, dass es leichter ist, von äußeren Ursachen auszugehen. In jeder Schuldzuweisung liegt ein falscher Trost. Zum Schluss wurde auch dieses Gemeindehaus verkauft, so dass, nachdem die Petrikirche einst die größte Orgel Berlins besessen hatte (Carl August und Carl Friedrich Buchholz, IV, 60, 1860), die letzte kleine Orgel heimatlos übrig blieb.

Und man möchte beinahe glauben, dass auf wunderbarem Weg sich diese beiden Geschichten trafen. Die Orgel scheint für die gerettete Kirche von Woddow wie gemacht, hier erst entfaltet sie ihren wahren Klang, ungedämpft durch Querelen und Hölzer. Aber für wen wurde die Kirche gerettet? Zunächst wurde sie für die Retter gerettet, die Bewohner des Palindromdorfes und der umliegenden Orte. Sodann aber auch für willkommene Gäste, seien es Verwandte und Bekannte, Touristen und Migranten. Gerade in diesen Dörfern kamen vor dreihundert Jahren französische Glaubensflüchtlinge an, die vielleicht nicht in jedem Falle willkommen waren, zumindest haben sie selbst auch lange gefremdelt, aber dann haben sie sich so sehr integriert und assimiliert, dass ihre Nachkommen heute noch nicht einmal mehr ihre eigenen Namen französisch aussprechen. Die Uckermark ist also auch ein Landstrich der Migration. Vielleicht sollten wir wieder ausrufen, dass Flüchtlinge, aus welchem Grund und Land auch immer, hier jederzeit willkommen sind. Vielleicht wird Woddow dann die erste Moschee mit einer Orgel, noch besser aber: keine Moschee und keine Kirche, sondern ein Haus für alle Menschen haben. Die einen beten – in welchem Kult und in welcher Sprache auch immer – zu Gott, die anderen beraten, was man Gutes für die nächsten Generationen tun kann. Dann hätte die alte Feldsteinkirche von Woddow dieselbe Bestimmung wie der Ort der Petrikirche, wo gerade jetzt ein Tempel der drei monotheistischen oder abrahamitischen Religionen entsteht, das HOUSE OF ONE. Um die Ecke haben übrigens zwei berühmte Pfarrer gewohnt: Gotthold Ephraim Lessing erdachte dort den weisen Nathan und den weisen Saladin und den weisen Tempelherrn, der aus der Hierarchie aussteigt wie aus einem falschen Mantel, und Johann Peter Süßmilch, der übrigens tatsächlich auch Pfarrer an der Petrikirche war, erdachte dort die Statistik als Beschreibung des perfekten göttlichen Wirkens. Er war nicht nur einer der Begründer der Demografie, sondern auch der erste Denker, der Evolution und Glauben zusammenbrachte, ein gottnaher Mathematiker.

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Die Nachhaltigkeit einer mechanischen Orgel erklärt sich aus ihrem Material, Kiefernholz, Eichenholz, Kupfer, Blei, Zinn und Zink, wie aus ihrer robust mechanischen Bauweise und Zweckbestimmtheit. All das wirkt in Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit zusammen. Eine Orgel besteht sicher hundert und zweihundert, oft dreihundert und vierhundert Jahre. Sie muss allerdings gepflegt und benutzt, gewollt und gemocht sein. Solange die Kirche das Monopol und den Primat im menschlichen Lebenslauf hatte, war also auch die Orgel, wo sie überhaupt vorhanden war, allgegenwärtig. Bis in das Denken und die Sprache hinein war sie zu hören: Kinder wie die Orgelpfeifen, denen man die Flötentöne schon beibringen wird, wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Pfeifen, alle Register ziehen, den Riemen auf die Orgel werfen, die Pfeife spricht oder ist blind, zu der Orgel gehören andere Bälge, draußen orgelt der Wind. Fast jede Orgel hat viele Generationen von Menschen erlebt, fast jede Kirche hat mehrere Generationen Orgeln gehört. Konkurrenz hat die Orgel in dieser Beziehung zum Menschen nur im neunzehnten Jahrhundert vom Harmonium und vom Wohnzimmerklavier bekommen. Ansonsten steht sie einzig da: das Musikinstrument, das die meisten Menschen in vielen Jahrhunderten begleitete. Nachhaltigkeit ist also keineswegs nur eine Materialfrage. Vielmehr kann man von einer Prägung der abendländischen Bevölkerung sprechen. Sprechen die Glocken mehr als Signal, so kann die Orgel Gefühle kommentieren und sogar hinterfragen. Die Symbiose des europäischen Menschen mit der Orgel wies aber auch in die Zukunft:  Jeder kleine aufmerksame Kalkant wusste schon im neunzehnten Jahrhundert, was programmieren ist: eine Melodie oder Harmonie als Software und eine Flöte oder Trompete als grundlegende Hardware zusammenbringen. Dieses Prinzip wurde in der weitgehend verachteten Drehorgel noch weitergeführt, so dass man sagen kann, der Lochstreifen des Zuse-Computers ist die legitime Tochter der Walze von Drehorgeln oder der Lochplatten von anderen mechanisch-automatisierten Instrumenten.

Ist die Musik uns emotional am nächsten, so ist es das Haus rational. Beide treffen sich im Ton. Die mit Abstand meisten Orgeln stehen in Gotteshäusern. Es gab eine ganz kurze Periode von Kinoorgeln, die allerdings schnell durch den Tonfilm abgelöst wurde. Dennoch ist die Verwandtschaft der Kultorgeln in Kirchen und Kinos nicht zu übersehen. Die Allgegenwart des christlichen Kultus erscheint im zwanzigsten Jahrhundert abgelöst durch die Allgegenwart narrativer Medien. Wenn man noch die unvermeidliche Globalisierung hinzudenkt, ist die Angst vor Synkretismus unverständlich bis lächerlich. Alle Reinheitsvorstellungen sind notwendig absurd. Es gibt keine hundert Prozent. Alle Balken brechen nach dem Muster der Eulerschen Knickfälle und alle aufeinandertreffenden Systeme bilden Schnittmengen nach Venn, auch er übrigens ein Pfarrer.

Kultische Häuser sind einerseits Versammlungsstätten, Orte der Gruppen. Andererseits aber zeigt ihre Anzahl, ihr Raum und der Ort, auf dem sie stehen, an, dass sie gleichzeitig Symbole der Transzendenz sind. Jeder Mensch fühlt, dass es eine höhere Kraft als ihn selbst und die Summe von seinesgleichen gibt.  Selbst wenn wir das moralische Gesetz, das Kant unter dem gestirnten Himmel spürte, als Kindchenschema oder gar als biochemische Schutzreaktion der Arterhaltung deuten, ist uns klar, dass dahinter eine höhere Rettungsmacht steht, die sozusagen naturwidrige Wunder vollbringt: der gefürchtete Wolf zieht ein Menschenbaby auf und umgekehrt. Der Wolf löst gleichzeitig Furcht und Nähe aus. So ist auch das Verhältnis von Technik und Leben: sie schließen sich gleichzeitig ein und aus. Heute ist uns erst klar geworden, wer in diesem Wettstreit letztendlich obsiegen wird.  Ganz ähnlich wirken die von uns so genannten Gotteshäuser auf uns, weil wir wollen, dass etwas so auf uns wirkt. Wir spüren Gott, weil wir im gotischen Dom oder in der prächtigen Moschee Gott spüren wollen und sollen, der Architekt baut, was wir alle fühlen. Wir alle fühlen hinter den Feldsteinmauern, die durchaus auch den Regeln von Feuchte und Moder gehorchen, das Übernatürliche.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Alle Hochrechnungen sind letztlich falsch. Als man von Telepathie träumte, wurde das Telefon erfunden, kurz darauf die die Television. Zwar spinnen wir Luftgespinste (empty visions), wie es in einem der schönsten Lieder heißt, aber selbst der felsenfesteste Fundamentalist wird zugeben müssen, dass doch nicht nur eine erstaunliche Anzahl von leeren Visionen Wirklichkeit wurde, sondern auch auf höchst erstaunlichen Gebieten. So sind wir selbst als Körper hochmobil, aber noch schneller sind unsere Gedanken. In wenigen Sekunden sind sie in Amerika oder Australien. Aber braucht sie dort jemand, fragte schon Samuel Morse?

Je schneller unser Leben zu sein scheint, desto mehr Entschleunigung benötigen wir. Man kann nach Schweden fahren oder in die Feldsteinkirche Woddow gehen, denn alles, was früher galt, gilt auch heute, wenn auch mit einer anderen Wertigkeit.

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Also, wozu brauchen wir diese Orgel?

So wie das Kreuz die Zusammenführung zweier Linien ist, so ist die Orgel in gewisser Weise ein Symbol für das Abendland, für alles, was gestern war und von dem wir fürchten, dass es morgen nicht mehr sein wird. Unsere eigene Angst vor der Vergänglichkeit, von der die Fugen des Feldsteinmauerwerks singen, wird in der Bewahrung aufgehoben. Unser Leben hat nur Sinn auf andere Menschen hin, so wie wir von anderen Menschen leben, leben wir auch für sie. Wenn wir also etwas bewahren, tun wir es gerade auch für andere Menschen, Generationen und sogar Nationen.

Und obwohl diese Feldsteinkirche, die nach 69 Jahren Schweigen wieder eine Orgel hat, ein doppeltes und dreifaches Symbol für das Abendland ist, ist sie gerade durch ihre Leere, durch ihr Verwurzeltsein im leeren Raum, in einer Landschaft, die nahezu menschenleer ist, offen für alles Neue, ob es nun Flüchtlinge sind oder elektronische Gedankenstützen und Gefühlsreproduzenten. In der Feldsteinkirche aus dem dreizehnten Jahrhundert wohnte schon immer die Hoffnung und wohnt sie wieder. Nur wenige Touristen eilen durch unser abgelegenes Brüssower Land. Aber wenn in jedem Jahr einer darunter ist, der hier Entschleunigung und Trost findet, Stille und einen neuen Gedanken, dann hat es Sinn gehabt, die Schukeorgel opus 278 aus dem verkauften Petrigemeindesaal der fünfmal zerstörten ältesten Kirche Berlins, dort wo jetzt das HOUSE OF ONE gebaut wird, ganz in der Nähe vom Geburtsort des weisen Nathan,  in das fast schon verlassene Dorf in der menschenleeren Uckermark zu bringen, in die Kirche, die schon aufgegeben und vergessen war, an die Stelle der Orgel, an die sich niemand erinnert…Jedes Dach ist ein Obdach und jede Melodie ist Heimat.

abgedruckt in:

Prenzlauer Heimatkalender 2017, Prenzlau, Dezember 2016

SOPHIE UND IHRE KLEINEN SCHWESTERN, Kirchen im Brüssower Land,

Brüssow 2017

ORGELLANDSCHAFT BRANDENBURG, website

UMWEGE ZUM RUHM

 

Nr. 217

Kirk Douglas ist dieser Tage hundert Jahre alt geworden und man gönnt ihm, dass er zwar wie so viele alte Menschen einen Rollator hat und von einem Pfleger geleitet wird, aber dann in seinen Rolls Royce einsteigen kann. Das Lächeln in die Kameras, die sicher nur noch an wenigen wichtigen Tagen erscheinen, strengt ihn an. Viele Menschen kennen ihn als Westernhelden, als Spartacus, als Vincent van Gogh. Aber er hatte vor Spartacus schon einmal mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet, und wenn man heute zufällig auf diesen frühen Film stößt, so erkennt man ihn gleich als ein großes Meisterwerk. Es ist der erste Film Kubricks, der kein happy end hat. Die Spannung des Films kommt nur durch seine Meisterschaft, nicht durch seinen Plot. Ein französischer Oberst im ersten Weltkrieg soll eine Höhe einnehmen, was ziemlich unmöglich erscheint, und als der opferreiche Angriff tatsächlich misslingt, werden Verantwortliche gesucht und durch Los in den Reihen der einfachen Soldaten bestimmt. Es geht zu wie in einer antiken Tragödie: für einen Fehler sollen unschuldige Menschen und ihre Kinder und Kindeskinder bestraft werden. Der Film ist gedreht worden, als die Wunden des zweiten Weltkrieges noch ganz nah waren. Der Zusammenhang der beiden Kriege wurde nicht so gesehen wie heute, und man hatte sicher weniger Sinn für Parabeln, in einer Zeit, da realistische Schilderungen vorherrschten. In Frankreich war der Film anfangs sogar verboten, da man ihn dort nationalistisch verstand, aber auch in Westdeutschland wollte man wohl eher nicht über die Verantwortung der Verantwortlichen nachdenken. Kubricks Film spart das alles aus. Die Parabel wird untersetzt durch die Psychogramme der beteiligten Figuren. Zwei Generäle reden gar nicht über Menschen, sondern über Marionetten, die Prinzipien folgen. Der von Kirk Douglas dargestellte Oberst ist hin- und hergerissen zwischen seiner patriarchalischen, auf die Männer seines Regiments gerichteten Fürsorgepflicht, und dem, was auch ihm als übergeordnete Pflicht des Vaterlands, der Strategie, der Vernichtung des Feindes erscheint. Es geht um wenige Meter Landgewinn. Einer der Unterschiede zwischen den beiden Weltkriegen ist, dass es im ersten um Ackerflächen ging. Selbst der Todesacker von Verdun, auf dem eine Million französische und deutsche Soldaten begraben liegen, bleibt überschaubar, wenn auch grauenhaft. Und im zweiten Krieg ging es, als Vorausnahme der Globalisierung, um Kontinente. Ganze Länder wurden verschoben und Völker zernichtet.

Die tiefste und längste Episode zeigt dann, wie die drei zum Tode verurteilten Soldaten mit dieser krassen und irreversiblen Ungerechtigkeit umgehen. Der Film ist so gemacht, dass man als Rezipient die ganze Zeit hofft, nein, weiß, dass dem Schicksal dieser Schlag nicht durchgehen darf. Ein Priester erscheint. Er erinnert nur, was Jesus gesagt hat, als er zum Tode verurteilt war, nämlich dass sie heute noch im Paradies sein werden. Das klingt aus heutiger Sicht wir der falsche Trost eines Selbstmordattentäters. Die drei Soldaten waren aber keine Selbstmörder, sondern von den eigenen Leuten zur Abschreckung und Projektion der Schuld am Versagen aller zum Tode verurteilt. Der Priester wird als Teil des Verbrechersystems von einem der Soldaten angegriffen und von den anderen niedergeschlagen. Er wird dann am nächsten Morgen zur Erschießung auf eine Bahre geschnallt, was wie eine Kreuzigung aussieht. Die Auseinandersetzung der Soldaten mit dem Tode und mit dem Priester findet in einem Stall statt, wie die legendäre Geburt von Jesus.  Die Erschießung wird dagegen zu einem Staatsakt hochstilisiert: aufmarschierte Soldaten, Generäle, Priester, Bürgermeister, Kommandos, all das soll das Staatsverbrechen durch Inszenierung legitimieren. Der Staat glaubt sich im Recht, wenn seine Untertanen  den Ritualen folgen. Wie sollte man sonst erklären können, dass wir Menschen anderthalb Jahrtausende lang sonntags die Botschaft DU SOLLST NICHT TÖTEN zelebrierten und von montags bis freitags dem Geschäft des Todes nachgingen? Im Film gibt es kein happy end. Ob wir die Jahrtausende des Tötens durch Jahrtausende der Liebe, wie Schopenhauer meinte, werden aufwiegen können, kann niemand voraussagen. Man kann Geschehenes nicht ungeschehen machen, die Zeit ist unumkehrbar. Noch nicht einmal Worte kann man zurückholen. Man kann nur nach vorne handeln, geben und vergeben. Der frühe Film von Stanley Kubrick erwies sich also als ein großes Meisterwerk mit großer Nachwirklung. Hoffentlich fällt er uns bei der nächsten Abschiebung ein.

Riesig ist dagegen die Diskrepanz zwischen einer ebenfalls fast mit antiken Ausmaßen daherschreitenden Geschichte und ihrer Verfilmung durch einen alternden und schwächelnden Meister, Istvan Szabo. Er hat die Geschichte seiner Namensvetterin verfilmt, die von einer einfachen Frau erzählt, deren Leben durch zwei tragische Ereignisse deformiert wird. Als Kind erlebt sie, wie ihre beiden kleinen Schwestern, die Zwillinge waren, vom Blitz getroffen wurden und ihre Mutter darauf in einen dieser schönen ungarischen Brunnen springt. Sie rettet dann beinahe wie Christophorus ein kleines Mädchen ihrer von den Nazis verfolgten Herrschaft. Das kleine Mädchen verwurzelt sich im Heimatdorf der Frau, was der Geschichte eine weitere ganz starke Dimension hinzufügt. Aufgearbeitet wird diese große und tragische Lebensgeschichte, als die Frau, nun schon alt, die Haushälterin einer Schriftstellerin, nämlich von Magda Szabo wird, die gleichermaßen einbezogen ist, wie aber auch mit Unverständnis und Gleichgültigkeit reagiert, so wie wir alle, wenn wir einen Bettler sehen. Dann fallen uns auch gleich allerhand Belehrungen ein. Die Skurrilität der alten Frau wird durch ein Zitat aus Wilhelm Hauff gezeigt: weil ihr eine Katze an der Türklinke erhängt worden war, hält sie ihre Katzen jetzt versteckt in der Wohnung, aber es werden immer mehr. Sie stirbt dann auch an den hygienischen Defiziten, was zu ihrer Lebenstätigkeit als Haushälterin in krassem Paradox steht. Auch hier gibt es kein happy end. Das einst gerettete Mädchen kommt aus Amerika, um zu danken, aber es ist zu spät. Die symbolische Szene auf dem Friedhof, die den sinnlosen Sturm des Lebens zeigt, zeigt auch gleichzeitig die Schwäche des Films. Wie ein Machwerk des einst sozialistisch sein wollenden Realismus wird Symbol über Symbol angehäuft. Die atheistische alte Frau redet ständig in Gleichnissen wie Jesus. Sie verbreitet ein Pathos der Arbeit, das uns als Ethos gepriesen werden soll. Tatsächlich fegt sie aber immer wieder den gleichen Gehweg vor ihrem Haus, und es gelingt ihr so wenig wie dem korinthischen König Sisyphos, der uns unter Mitwirkung von Albert Camus die Metapher des absurden Lebens schenkte.

Die Worte werden uns auf den Lebensweg mitgegeben, aber dann ist jeder in seinem Vokabular gefangen.

 

 

Stanley Kubrick: Wege zum Ruhm, 1957

Istvan Szabo: Hinter der Tür, 2012

DIE GESPRUNGENE SCHALLPLATTE

 

Nr. 216

Weil sie fühlte oder ahnte, dass Faust ein Repräsentant einer anderen oder neuen Welt sei, stellte ihm Gretchen, bevor sie sich mit ihm einließ, gerade weil von ihm der Reiz des neuen Systems ausging und trotz seines beträchtlichen Alters, er war vierzig, die Frage nach seiner Kompatibilität mit der alten, bürgerlichen Welt ihrer Herkunft. Faust antwortete bekanntlich mit einer völlig neuen, erstmals das Individuum in den Mittelpunkt stellenden Gottessicht: Gott ist die Assistenz zur Güte. Die heutige Entsprechung wäre der Turing-Test: würden wir in einem Dialog zwischen Mensch und Maschine die Maschine erkennen? Schon Weizenbaum, der das erste Dialogprogramm für einen Computer fand (ELIZA), kritisierte nicht nur die Schwachstellen der Maschine, sondern auch der beteiligten Menschen.  Die machten nämlich, vor über fünfzig Jahren, denselben Fehler wie der Teslafahrer vor einigen Wochen, der mit seinem selbstfahrenden und selbststeuernden Mobil in einen Sattelzug raste und wie  jene Fahrer, die mit einem herkömmlichen Navigationsgerät, wenn sie von Bochum nach Düsseldorf wollen, in Prag merken, dass etwas schiefgelaufen ist. Der Turing-Test, der der Gretchenfrage so ähnlich ist, bannt die Angst vor der Übermacht der Assistenzsysteme. Diese Angst überbetont die Kollateralschäden neuer Systeme, zum Beispiel des Buchs, der Eisenbahn oder des Automobils, und projiziert oder stilisiert sie zu neuen Feinden der Menschheit. Dabei ist seit der Antike klar, dass wir Menschen uns höchstens selbst im Weg stehen. Wir verbrennen und kreuzigen jene, um noch einmal Faust zu zitieren, die uns wirklich und durch Vorlaufen Wege weisen wollen und verherrlichen andere, die als dümmliche und statische Wegweiser immer nur die Vergangenheit beschwören können. Deshalb wirken ihre ohnehin schon schwächlichen Argumente wie eine broken record, die seit fünfhundert oder noch mehr Jahren dudelt.

Am Montag vergangener Woche fand in der European School of  Management and Technologies, einer Privatuniversität im ehemaligen Staatsratsgebäude, ein vom rbb organisierter und durchaus hochkarätiger Dialog statt, auf dem die pro- und die contra-Seite mit prominenten Befürwortern und Gegnern der Künstlichen Intelligenz besetzt war. Auch ein echter Obermitarbeiter, principal scientist, von Google sprach einführende Worte, durch die man endlich bemerkte, dass es Google wirklich gibt und dass es aus echten Menschen und echten Milliarden besteht. Viele Menschen halten ja Google und Facebook, aber auch GPS für eine transzendente, höhere, nicht aber wirkliche Wirklichkeit. Deshalb ist es wichtig, dass man, wenn schon nicht Lord Zuckerberg persönlich, so doch hin und wieder Menschen sieht, die diese virtuellen Räume herstellen. Nicht jeder von uns hat das Glück, in der Familie einen Informatiker zu haben, der den Computer reparieren und nebenher den Turing-Test erklären kann.

Die Fragestellung war schon etwas religiös gehalten, ob nämlich die künstliche Intelligenz mehr Fluch oder mehr Segen für die Menschheit ist. Die Pferde und die Kutscher haben vielleicht das Automobil als Fluch empfunden, aber man muss sich heute ernstlich fragen, ob die Pferde wirklich glücklich waren, wenn sie schwere Wagen, beladen mit Bierfässern und mit Kohle, durch Straßen aus Sand und Kopfsteinpflaster gezogen haben, als sie Straßenbahnen schleppten und Menschen, die sie schlugen, trugen, als ihnen mehrstöckige Ställe, zum Beispiel in der Berliner Schwedenstraße, gebaut wurden, in denen sie gegen jeden Instinkt, nach oben geführt wurden, denn das Pferd ist ein Fluchttier. Und wenn sie ein Leben lang für den meist undankbaren Menschen geschuftet hatten, wurden sie zu Bouletten und Mänteln verarbeitet. Ist das Glück des Sklaven, behütet und versorgt, aber unfrei zu sein, noch heute ein Ideal? Andererseits bringt das Pferdesubstitut Automobil bestenfalls eine falsche Freiheit, deren andere Seite die Abhängigkeit des Menschen von der Arbeit, vom Öl und vom Straßensystem immer größer wird, seine Verantwortung, diesmal nicht in Bezug auf lebende und fühlende Wesen, sondern auf die Belastung der Atmosphäre proportional zu seiner Freiheit wächst, die sich zum bloßen Gefühl degradiert. Das Öl der Zukunft sind die Daten.

Zum Glück für die Veranstaltung war die populistische Kapitalismuskritikerin mit dem Luxemburglook verhindert, sonst hätten wir zum siebenhunderteinunddreißigsten Mal erfahren können, dass die künstliche Intelligenz nur den Banken dient und deshalb mit diesen abgeschafft gehört. Der Kapitalismus wird von ihr erst personifiziert und dann verteufelt. Das ist schon rhetorisch fragwürdig, philosophisch aber überhaupt nicht haltbar, denn er ist eine Methode und der Computer ist sein Assistenzsystem. So erscheint sie wie die prominenteste Reichsbürgerin, gefangen in einem schönen Paradox: sie bekämpft das System und verdient dabei gut. Statt dessen erläuterte eine eingesprungene ebenfalls prominente Grüne, die vor ein paar Wochen Menschen besucht hat, die ihr Hassbotschaften geschickt hatten, dass für sie künstliche Intelligenz erst nach der Schaffung eines Rechtssystems akzeptabel sei, so als ob es bei uns einen Mangel an Rechtssicherheit gäbe und ausgerechnet die Grünen ihn entdeckt hätten. Eine Professorin aus Wien war stolz auf ihr Buch, das neunhundert Fälle von Datenmissbrauch auflistet. Sie glaubt ernsthaft, dass die Menschen ihr Buch kaufen, weil sie das System durchschauen und ablehnen wollen. Und wir sollen ihr glauben, dass sie das Buch geschrieben hat, weil sie die Wahrheit kennt und nun unter das unwissende Volk bringen will, nein, muss. So funktioniert Populismus auch ohne Wagenknecht und Petry, und wie sie alle heißen mögen. Der auch auf dieser Seite des Podiums anwesende Bischof wirkte so dümmlich wie Luther gegenüber Zwingli in Marbach im Jahre 1529. Dort argumentierte Luther rein autoritär. Das Hauptargument des gegenwärtigen Bischofs, dass die Maschinen vielleicht Intelligenz, aber kein Gewissen hätten, lässt sich in mindestens zwei Richtungen  falsifizieren. Erstens nützt einem das Gewissen wenig, wenn man sich in Mordsysteme einbinden lässt, von den Kreuzzügen bis zum zweiten Weltkrieg war das Gewissen der Christen auf Null gesetzt. Und zweitens führt ein Gewissen ohne Intelligenz auch nicht zum Ziel. Der Bischof jedenfalls wurde aus dem Publikum zurecht scharf attackiert und hatte dem nichts entgegenzusetzen: da stand er nun und konnte nicht anders als dieses eine Scheinargument zu wiederholen wie eine broken record.

Dagegen wirkte die Befürworterseite quicklebendig und konnte ihr Konzept von der Assistenz durch die Maschinen, von der Befreiung von stupider Arbeit, von der Maschine als bloßer Nachahmung menschlicher Intelligenz, von der Widersprüchlichkeit aller Perfektion, von dem Aberglauben, dass die Maschinen die Macht übernehmen könnten, beinahe möchte man sagen: undsoweiter undsoweiter überzeugend darlegen. Jedem, der Kinder oder Flüchtlinge dabei beobachtet hat, wie sie Sprache lernen, und der auf der anderen Seite schon einmal den Googleübersetzer benutzte, weiß, dass von der Maschine keine Gefahr ausgeht. Trotzdem gewannen die Gegner in der Abschlussabstimmung Prozentpunkte, wenn auch nicht die Mehrheit.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich Zellen, Wahrheiten und Software, sobald sie manifest sind, zu teilen beginnen. Bei den Zellen begrüßen wir es, bei der Software verstehen wir es nicht und bei den Wahrheiten glauben wir immer wieder und immer wieder, dass es sie gäbe. Wir glauben immer wieder, dass der gegenwärtige Stand der Dinge der letzt- und immergültige sei. Statt dessen ist es wohl eher so: Das Fernsehen ist wie ein vertrautes Wohnzimmer, aber der Computer ist der immer noch verpackte Fernsehapparat, der in der Diele steht.