UMWEGE ZUM RUHM

 

Nr. 217

Kirk Douglas ist dieser Tage hundert Jahre alt geworden und man gönnt ihm, dass er zwar wie so viele alte Menschen einen Rollator hat und von einem Pfleger geleitet wird, aber dann in seinen Rolls Royce einsteigen kann. Das Lächeln in die Kameras, die sicher nur noch an wenigen wichtigen Tagen erscheinen, strengt ihn an. Viele Menschen kennen ihn als Westernhelden, als Spartacus, als Vincent van Gogh. Aber er hatte vor Spartacus schon einmal mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet, und wenn man heute zufällig auf diesen frühen Film stößt, so erkennt man ihn gleich als ein großes Meisterwerk. Es ist der erste Film Kubricks, der kein happy end hat. Die Spannung des Films kommt nur durch seine Meisterschaft, nicht durch seinen Plot. Ein französischer Oberst im ersten Weltkrieg soll eine Höhe einnehmen, was ziemlich unmöglich erscheint, und als der opferreiche Angriff tatsächlich misslingt, werden Verantwortliche gesucht und durch Los in den Reihen der einfachen Soldaten bestimmt. Es geht zu wie in einer antiken Tragödie: für einen Fehler sollen unschuldige Menschen und ihre Kinder und Kindeskinder bestraft werden. Der Film ist gedreht worden, als die Wunden des zweiten Weltkrieges noch ganz nah waren. Der Zusammenhang der beiden Kriege wurde nicht so gesehen wie heute, und man hatte sicher weniger Sinn für Parabeln, in einer Zeit, da realistische Schilderungen vorherrschten. In Frankreich war der Film anfangs sogar verboten, da man ihn dort nationalistisch verstand, aber auch in Westdeutschland wollte man wohl eher nicht über die Verantwortung der Verantwortlichen nachdenken. Kubricks Film spart das alles aus. Die Parabel wird untersetzt durch die Psychogramme der beteiligten Figuren. Zwei Generäle reden gar nicht über Menschen, sondern über Marionetten, die Prinzipien folgen. Der von Kirk Douglas dargestellte Oberst ist hin- und hergerissen zwischen seiner patriarchalischen, auf die Männer seines Regiments gerichteten Fürsorgepflicht, und dem, was auch ihm als übergeordnete Pflicht des Vaterlands, der Strategie, der Vernichtung des Feindes erscheint. Es geht um wenige Meter Landgewinn. Einer der Unterschiede zwischen den beiden Weltkriegen ist, dass es im ersten um Ackerflächen ging. Selbst der Todesacker von Verdun, auf dem eine Million französische und deutsche Soldaten begraben liegen, bleibt überschaubar, wenn auch grauenhaft. Und im zweiten Krieg ging es, als Vorausnahme der Globalisierung, um Kontinente. Ganze Länder wurden verschoben und Völker zernichtet.

Die tiefste und längste Episode zeigt dann, wie die drei zum Tode verurteilten Soldaten mit dieser krassen und irreversiblen Ungerechtigkeit umgehen. Der Film ist so gemacht, dass man als Rezipient die ganze Zeit hofft, nein, weiß, dass dem Schicksal dieser Schlag nicht durchgehen darf. Ein Priester erscheint. Er erinnert nur, was Jesus gesagt hat, als er zum Tode verurteilt war, nämlich dass sie heute noch im Paradies sein werden. Das klingt aus heutiger Sicht wir der falsche Trost eines Selbstmordattentäters. Die drei Soldaten waren aber keine Selbstmörder, sondern von den eigenen Leuten zur Abschreckung und Projektion der Schuld am Versagen aller zum Tode verurteilt. Der Priester wird als Teil des Verbrechersystems von einem der Soldaten angegriffen und von den anderen niedergeschlagen. Er wird dann am nächsten Morgen zur Erschießung auf eine Bahre geschnallt, was wie eine Kreuzigung aussieht. Die Auseinandersetzung der Soldaten mit dem Tode und mit dem Priester findet in einem Stall statt, wie die legendäre Geburt von Jesus.  Die Erschießung wird dagegen zu einem Staatsakt hochstilisiert: aufmarschierte Soldaten, Generäle, Priester, Bürgermeister, Kommandos, all das soll das Staatsverbrechen durch Inszenierung legitimieren. Der Staat glaubt sich im Recht, wenn seine Untertanen  den Ritualen folgen. Wie sollte man sonst erklären können, dass wir Menschen anderthalb Jahrtausende lang sonntags die Botschaft DU SOLLST NICHT TÖTEN zelebrierten und von montags bis freitags dem Geschäft des Todes nachgingen? Im Film gibt es kein happy end. Ob wir die Jahrtausende des Tötens durch Jahrtausende der Liebe, wie Schopenhauer meinte, werden aufwiegen können, kann niemand voraussagen. Man kann Geschehenes nicht ungeschehen machen, die Zeit ist unumkehrbar. Noch nicht einmal Worte kann man zurückholen. Man kann nur nach vorne handeln, geben und vergeben. Der frühe Film von Stanley Kubrick erwies sich also als ein großes Meisterwerk mit großer Nachwirklung. Hoffentlich fällt er uns bei der nächsten Abschiebung ein.

Riesig ist dagegen die Diskrepanz zwischen einer ebenfalls fast mit antiken Ausmaßen daherschreitenden Geschichte und ihrer Verfilmung durch einen alternden und schwächelnden Meister, Istvan Szabo. Er hat die Geschichte seiner Namensvetterin verfilmt, die von einer einfachen Frau erzählt, deren Leben durch zwei tragische Ereignisse deformiert wird. Als Kind erlebt sie, wie ihre beiden kleinen Schwestern, die Zwillinge waren, vom Blitz getroffen wurden und ihre Mutter darauf in einen dieser schönen ungarischen Brunnen springt. Sie rettet dann beinahe wie Christophorus ein kleines Mädchen ihrer von den Nazis verfolgten Herrschaft. Das kleine Mädchen verwurzelt sich im Heimatdorf der Frau, was der Geschichte eine weitere ganz starke Dimension hinzufügt. Aufgearbeitet wird diese große und tragische Lebensgeschichte, als die Frau, nun schon alt, die Haushälterin einer Schriftstellerin, nämlich von Magda Szabo wird, die gleichermaßen einbezogen ist, wie aber auch mit Unverständnis und Gleichgültigkeit reagiert, so wie wir alle, wenn wir einen Bettler sehen. Dann fallen uns auch gleich allerhand Belehrungen ein. Die Skurrilität der alten Frau wird durch ein Zitat aus Wilhelm Hauff gezeigt: weil ihr eine Katze an der Türklinke erhängt worden war, hält sie ihre Katzen jetzt versteckt in der Wohnung, aber es werden immer mehr. Sie stirbt dann auch an den hygienischen Defiziten, was zu ihrer Lebenstätigkeit als Haushälterin in krassem Paradox steht. Auch hier gibt es kein happy end. Das einst gerettete Mädchen kommt aus Amerika, um zu danken, aber es ist zu spät. Die symbolische Szene auf dem Friedhof, die den sinnlosen Sturm des Lebens zeigt, zeigt auch gleichzeitig die Schwäche des Films. Wie ein Machwerk des einst sozialistisch sein wollenden Realismus wird Symbol über Symbol angehäuft. Die atheistische alte Frau redet ständig in Gleichnissen wie Jesus. Sie verbreitet ein Pathos der Arbeit, das uns als Ethos gepriesen werden soll. Tatsächlich fegt sie aber immer wieder den gleichen Gehweg vor ihrem Haus, und es gelingt ihr so wenig wie dem korinthischen König Sisyphos, der uns unter Mitwirkung von Albert Camus die Metapher des absurden Lebens schenkte.

Die Worte werden uns auf den Lebensweg mitgegeben, aber dann ist jeder in seinem Vokabular gefangen.

 

 

Stanley Kubrick: Wege zum Ruhm, 1957

Istvan Szabo: Hinter der Tür, 2012

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