KEINE UTOPIE

 

Nr. 218

Let’s do as we may be done by.

Thomas Morus gehörte mit Thomas Müntzer zum Kanon der Revolutionäre, die Vorläufer des Kommunismus waren. Morus hatte eine Satire auf die Zustände in England geschrieben und die Handlung auf die Insel NIRGENDWO  – u topia – verlegt. Das Eigentum war auf dieser Insel ebenso abgeschafft wie einige Jahre zuvor in Mühlhausen und Münster. Die Antworten früherer Regierungen waren immer gleich: vierteilen, hängen, enthaupten. Dagegen sind die Käfige an der Lambertikirche in Münster, in denen die Delinquenten verhungerten, schon originell, vor allem dass sie heute noch hängen. Aber schrecken sie auch ab? Nein, die Gesellschaft ist heute bei den humanen Forderungen angekommen, für die damals gestorben wurde. Der Staat ist der Sozialrevolutionär. Morus war übrigens wie Bismarck ein konservativer Umstürzler. Er glänzte durch überragende Bildung und Verhandlungsgeschick. Er war der Vater der gebildetsten Frau Europas.  Er war aber auch so sehr Katholik, dass er ein katholischer Heiliger wurde.

Shakespeare, der – merkwürdigerweise – mit vier Kollegen zusammen ein Stück über Thomas Morus schrieb, gefielen aber zwei Fakten nicht, und so änderte er sie in der Fiktion einfach ab. An dem tatsächlichen ‚bösen Maitag‘ 1517 (evil may day) hörten die aufständischen Migrationsgegner nicht auf Thomas Morus und sie wurden deshalb gehängt, ausgenommen und gevierteilt. Und Shakespeare war irritiert, dass die französischen Flüchtlinge, die er sah,  noch genauso schlecht behandelt wurden wie zu Zeiten des Lordkanzlers Thomas Morus.

Zum einen darf man sich nicht täuschen über den tatsächlichen menschlichen Fortschritt. Er ist gering. Wir sind Tiere, deren Verhaltensänderungen evolutionär verankert werden müssten, und das dauert zehntausende von Jahren.  Wir verwechseln immer wieder den erfreulichen technischen Fortschritt mit den notwendigen Veränderungen der menschlichen Gesellschaft und der menschlichen Individuen. Dann bemerken wir, dass der technische Fortschritt nicht nur erfreulich ist, sondern desaströse Langzeitwirkungen hat, aber gerade in dem Moment zeigt sich die Trägheit der Gesellschaft, die reagiert wie ein Galileisches Pendel: es verharrt in der einmal vorgegebenen Bewegung. Es gibt aber auch etliche technische Neuerungen, die selbst abgelehnt und bekämpft wurden, weil man glaubte, dass sie nur negative Auswirkungen haben würden, zum Beispiel die Eisenbahn. Die Eisenbahn ist der Vorläufer der Massenproduktion und der Globalisierung, sie bekämpfte erfolgreich den Hunger und die Sehnsucht nach der Ferne. Aber nicht wenige Menschen hatten Angst vor der Dampfmaschine, vor der Geschwindigkeit, vor der Entwurzelung, vor dem ungeheuren Energieverbrauch, vor der Zerstörung der Landschaft. Nicht wenige Romantiker sehnten sich nach dem eisenbahnlosen alten Wald und vergaßen, dass in ihm die Räuberbanden mit hungrigen und deshalb kriminellen Kindern lebten, die zuvor von bösartigen, aber ebenfalls hungrigen Eltern buchstäblich zum Teufel gejagt und gemacht wurden. So gesehen ist der soziale Fortschritt unübersehbar und riesengroß: weite Teile der Welt kennen keinen Hunger mehr, überhaupt nur noch ein Achtel der Menschen hungert, und in denselben sieben Achteln der Menschheit ist mit dem Hunger auch der Aberglaube an Strafe und Abschreckung gebrochen und zum großen Teil verschwunden.

Aber andererseits scheint es archaisches Verhalten zu geben, das uns besonders in Katastrophen oder in als Katastrophen erlebten Situationen zur Verfügung steht. Oft ist dieses Verhalten dann die wahre und eigentliche Katastrophe. Im Leben unserer frühen Vorfahren war es wohl kein Unterschied, ob ein Erdbeben die Vorräte beseitigte oder eine feindliche bewaffnete Großfamilie. Aber schon zur von Jesus ausgelösten Zeitenwende war genügend Spielraum für die Einsicht, dass es eigentlich gar keine Feinde gibt, dass man mit Barmherzigkeit für sich selber dieselbe Wirkung erzielt und dabei noch die Weltmentalität nachhaltig verbessert. Die ehemaligen Feinde würden ihre Feinde ebenfalls als ehemalig erkennen und damit würde die unsinnigste Energieverschwendung, die für Aggression, entfallen. Jeder kennt die Rechnung: würden wir heute auf Bewaffnung verzichten, hätten wir nicht nur das Hungerproblem, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Energieproblem gelöst. Aber so schnell sind wir Menschen eben nicht. Wir müssen zweitausend Jahre über so etwas nachdenken. Und das schlimmste ist noch, dass die meisten Menschen gar nicht nachdenken.

Shakespeare denkt sich also einen Morus aus, der so geschickt argumentiert, dass die Aufständischen sofort einsichtig werden und umkehren. Er lässt ihn sagen, dass sie das brechen, wonach sie schreien: den Frieden, die Ordnung. Würden sie, die Fremdenfeinde, Recht bekommen, so wären sie nur die Könige ihrer Wünsche (as kings in your desire). Niemand würde auf einen Meuterer hören. Die Meuterer müssten fliehen und wären nun selbst Fremde – ausdrücklich wird auch Deutschland als Ziel benannt -, die von der Meute angegriffen würden. Der Shakespearsche Morus redet sich in Rage. Die wütende Menge der Fremdenfeinde glaubt, das Evangelium selbst zu hören (thats true as the Gospel) und schließlich kehrt der Mob um und erkennt von selbst – angeleitet zwar durch den göttlichen Morus – die goldene Regel: Handeln wir, wie wir an uns gehandelt sehen wollen.  Und Shakespeare setzt noch eins drauf: ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Denn der erste Meuterer und Schreihals, er heißt geschichtsironisch Lincoln, ist schon hingerichtet, als die Botschaft der königlichen, von Morus auf Knien erbetenen Gnade ankommt.

Die Aktualität dieser winzigen Szene ist erhellend. Zu allen Zeiten haben die Menschen Angst vor ihresgleichen gehabt. Wer nur König seiner Wünsche ist, dem mangelt es an Mitgefühl. Eine der großen Empathiegeschichten wird gerade erzählt, aber man kann sie nur als Konsumterror mit gigantischer Energieverschwendung erkennen. Vielleicht sollte man sich an die nächste Ecke stellen und vorlesen: Es begab sich aber zu der Zeit des Kaisers Augustus, dass die Menschen ein kleines Kind als Lebenssinn und als wahren Retter der Welt erkannten. Aber wen wir auch als Retter der Welt ansehen, es stehen immer einige wenige am Weg, die schreien: Kreuzige. Und es finden sich immer einige wenige, die auf diesen falschen und bösartigen Ruf hören. Ist es immer noch ein Angstschrei oder ist es die Gier, König der Wünsche zu sein?

Die Szene ist schon lange bekannt, aber erst seit kurzem wissen wir, dass sie von Shakespeare stammt. Es ist sogar die einzige Handschrift von ihm, die wir haben. Die Kriminalistik, die die Herkunft des Bösen immer im einzelnen nachweisen muss, verfügt inzwischen über Methoden, die mit ziemlicher Sicherheit Täter und Schriften entziffern können. Die vergleichende Sprachwissenschaft, die word cluster untersucht, ist zu dem nämlichen Ergebnis gekommen.

Ein Großmeister hat gesprochen. Folgen wir ihm oder schüren wir Gerüchte und Feuer?

[William Shakespeare, Die Fremden, dtv, München 2016, Deutsche Erstausgabe herausgegeben und übersetzt von Frank Günther]

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4 Gedanken zu “KEINE UTOPIE

  1. Hallo Rochusthal, herzlichen Dank für die Wochenendlektüre. Habe in den letzten Wochen regelmässig reingeschaut und bedanke mich für den geistigen „Input“. Freue mich auf weitere geistreiche Kommentare zu unserem aktuellem Leben. Gruß nach Mecklenburg. Thomano

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  2. hallo thomano, ich freue mich über treue leser natürlich sehr. brüssow liegt im äußersten nordosten brandenburgs, eingeschlossen von vorpommern, das zu mecklenburg gehört, wenige kilometer vor stettin, das in polen liegt, andererseits aber auch nur 1 1/2 autostunden vor berlin.

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  3. Klaus schreibt:

    Kein Kommentar,aber wünsche zum Fest, verbunden mit Dank und Anerkennung für den wöchentlichen Aufheller, für Deine Freundschaft verbunden mit Wünschen und guten Gedanken für das Jahr 2017.Gruß an die Familie!
    Herzlichst Klaus K.

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