HILFSSCHULE DER DIKTATOREN

 

Nr. 220

Die Schule der Diktatoren ist eine bitterböse Komödie von Erich Kästner, die 1957 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. Sie handelt davon, dass verschwörerische Drahtzieher, so die höchst aktuelle Wortwahl, austauschbare Ersatzdiktatoren bereitstellen. Auch die Verschwörer sind austauschbar. So ist nichts real außer den Hintermännern. So kommt vielen heute die Welt vor und Kästner, der kettenrauchende Spötter, hätte wieder einmal recht gehabt. Dass man halbwegs begabte Schauspieler dazu bringen kann, die ziemlich dürftigen Stilmittel eines Diktators nachzuahmen, ist einleuchtend, aber warum lernen eigentlich Diktatoren nicht? Wie sind sie denn nach oben gekommen? In einer Demokratie wirkt es immer wieder verstörend, wenn ein völlig inkompetenter Mensch eine zeitlang eine Position einnimmt, die Fachkenntnisse voraussetzt. Man kann Kompetenz auch spielen, sagen Felix Krull und Tom Henks. Es gibt in der Politik also noch eine andere Dimension als die Kompetenz, und das ist die Loyalität. Auch der demokratische Politiker braucht Stimmen und Claqueure.  Der Diktator lebt allein von ihnen. DER SPIEGEL, der soeben seine siebzigsten Gründungsausgabe feierte, hatte zum Beispiel einen grinsenden Stoph mit martialischer Armeegeneralsuniform als Titel (29/1959) und fragt scheinheilig oder naiv: Was will der DDR-Verteidigungsminister. Wir wissen heute, dass er gar nichts wollte, nur nach oben. Er hatte einen schlechten Ruf, aber alles geschafft, nach dem Verteidigungsminister wurde er Ministerpräsident, dann Staatsratsvorsitzender, dann wieder Vorsitzender des Ministerrats. Er war für nichts verantwortlich und seine letzte Rede ging so: Fragen Sie Herrn Honecker. Dann trat er ab und starb. Allerdings bleibt er ein Muster für den ergebenen Parteisoldaten, der außer zustimmen nichts kann und muss. Man wird nicht umhinkönnen anzunehmen, dass auch heute Parteien, die zu lange regieren, dies nicht nur mit kompetenten Leuten tun.

Der Diktator kann nur überhaupt keine Gegenstimmen mehr ertragen, das mag in seiner Regierungspartei, die schon längst zu einem Abstimmungs- und Jubelverein verkommen ist, Sinn machen. Aber warum müssen alle Journalisten, Dichter, Lehrer, Staatsanwälte, überhaupt Regierungsbeamte verfolgt oder sogar erschossen werden? Vielleicht, erstens, sind die Diktatoren genau jene Politiker, die von einem bestimmten Teil ihres Volkes dazu auserkoren sind, den gewünschten Polizeistaat zu errichten. Es sind das die Menschen, die tatsächlich glauben, dass, als die Köpfe noch abgeschlagen wurden, weniger gemordet wurde. Faktisch ist es nicht so. Der Staat, der sich anmaßt, das eherne Gesetz zu brechen, erzeugt Gesetzesbrecher. Die Kriminalität sinkt, wenn das Gesetz und der Staat das Leben und die Würde des Menschen achten. Gerade die Gewaltverbrechen gehen, wie bei uns in Deutschland, krass zurück. Man kann ziemlich sicher sein, dass auch die Neubürger sehr schnell diesen Zusammenhang lernen werden. Verbrechen insgesamt sind allerdings weder durch den Polizeistaat noch durch sein Gegenteil zu verhindern. Die zweite Möglichkeit wäre, dass die Diktatoren intelligenter und gebildeter sind als gemeinhin angenommen. Dann könnte es sein, dass sie die Menschen nur glauben machen wollen, dass jetzt der Staat gekommen sei, in dem endlich alles rechtens und richtig sei. Mit Recht wird immer auch Gerechtigkeit verbunden, wobei übersehen wird, dass zum Beispiel die soziale Durchlässigkeit der Wohlfahrt und Bildung viel wichtiger ist als Gerichtsurteile. Der potentielle Delinquent ist immer in der Schule besser aufgehoben als im Gefängnis. Selbst bei Hitler, wenn man seine allerdings umstrittenen Gespräche mit Herrmann Rauschning zur Grundlage nimmt, könnte dieser zweite Fall vorliegen, wenn man nicht auch wüsste, wie er 1934 und 1945 gegen seine getreuesten Mittäter wütete. Stalin aber, der seine zweite Frau am Abendbrottisch erschoss und aus dem Fenster warf, scheint an die Allmacht der Strafe und Abschreckung tatsächlich und immer geglaubt zu haben.

Die dritte Möglichkeit ist, dass sie einfach und tatsächlich panische Angst hatten. Die hatten und haben sie tatsächlich, denn sie glauben, dass die Gegenseite, heute oft Gutmenschen genannt, zu ebenderselben Rache greifen wird, wenn sie die Möglichkeit dazu hat. Das passiert auch, wenn die Gegenseite gar nicht die Gegenseite ist, wie zum Beispiel bei Ceauşescu Weihnachten 1989. Viertens schließlich, dafür sprechen alle diese unsäglichen Biografien, kann es sein, dass die Diktatoren einfach keine andere Idee hatten und haben, als die ihnen zu Hause eingebläut wurde. Damit schließt sich der Kreis zur ersten Möglichkeit.

Wie kommt man ausgerechnet Weihnachten auf diese Gedanken?

E.T.A. Hoffmann hat eine der schönsten Weihnachtsgeschichten geschrieben, Nussknacker und Mausekönig. In dieser Geschichte versetzt sich der große Dichter und mit ihm seit genau zweihundert Jahren seine Leser in die Kinder, die zugleich die Protagonisten der Geschichte und der Geschichte in der Geschichte sind. Realität, falls es sie überhaupt gibt, geht mit der märchenhaften Fiktion ein perfektes Bündnis ein. Immer tiefer gelingt es der Erzählung, die möglichen Gefühle wirklich zu machen. Die Hässlichkeit wird zur Schönheit. Das sogar von Gneisenau und Scharnhorst gelobte Militärische der Erzählung wird zum Kinderspiel. Der Nussknacker gewinnt nicht nur den Krieg, sondern auch das Herz. Vielleicht ist es das, was die Diktatoren fürchten.

An Hoffmann ist es so faszinierend, dass er, während wir kaum unsere eindimensionalen Pflichten erfüllen können, neben seiner Tätigkeit als Kammergerichtsrat Kapellmeister in Bamberg war, Komponist, Bühnenbildner, Dichter und Karikaturist. Nur der erste und die letzten beiden Berufe kollidierten miteinander. Er bekritzelte in Preußen hochgeachtete und weit überschätze Akten, er machte sich über nichtswürdige Kollegen lustig. Schließlich wurde er, obwohl hochgeachtet, polizeilich verfolgt, sogar durch den Innenminister Kaspar Freiherr von Schuckmann persönlich. Hoffmann hatte in seiner Erzählung Meister Floh ein Wort (‚mordfaul‘) aus den Akten der Untersuchungskommission benutzt, das der Innenminister als Beweis für den geplanten Umsturz durch einen Studenten angesehen hatte und Hoffmann dadurch kannte, dass er widerwilliges Mitglied dieser Kommission war. Er hatte zum Beispiel in einem Gutachten den so genannten Turnvater Jahn, der später auch der Großvater der Nationalisten wurde, von rechtlicher Verantwortlichkeit freigesprochen, Gesinnung, meinte Hoffmann sehr heutig, sei keine Straftat. Aber Hoffmann wurde nicht nur vom Innenminister verfolgt, sondern auch von seiner Syphilis. Es war ein schrecklicher Wettlauf. Die Syphilis gewann, der Innenminister beschimpfte Hoffmann noch lange nach dessen Tod. Er, der Freiherr von Schuckmann, der Weihnachten 1755 geboren worden war, liegt heute in einer sehr schönen Gruft in Battinsthal in Vorpommern, die im Schinkelstil für ihn errichtet wurde. Man findet sie kaum. Hoffmann dagegen ruht in den Herzen der Kinder aller Altersstufen und aller Erdteile, wenn sie die wunderbare Geschichte von Nussknacker hören oder sehen, denn Tschaikowski, noch so ein gefährlicher Träumer, hat sie mit genauso wunderbarer Musik für ein Ballett versehen.

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