ADENAUER ALS NARZISST

Nr. 223

Schon allein sein Dienstmercedes 300 C Langversion ist heute eine Freude. Mit ihm fuhr er 1958 zu General de Gaulle, seinen Dienstmercedes nahm er nach Moskau mit. Jeden Morgen fuhr er mit ihm auf einer Fähre über seinen geliebten Rhein. Als Adenauer vor fünfzig Jahren starb, war er schon ein steinalter Mann, der zweimal Witwer geworden war, drei politische Systeme überlebt und das vierte wesentlich mitgeprägt hatte. Er starb so gesehen mit einem guten Gewissen. Wie in einem Menschenleben, so ist es auch mit einem Land: hinterher kommt uns alles, was geschah, notwendig vor, richtig, schön. Das Leben wird erst nekrologisch logisch. Die Kunst des Lebens und Überlebens und damit auch der Politik besteht aber gerade darin, dass man nicht weiß, ob das, was  getan wird, sich auch als richtig und gut erweist. Ein schönes Beispiel ist das Werk von Adenauers östlichem Widerpart, die Mauer. Die Wirkung einer Mauer ist, umgekehrt wie das Leben, zunächst evident. Aber ob sich dann auch ein wirklicher Nutzen oder gar Sinn einstellt, ist bei der Berliner Mauer doch eher zu bezweifeln. Wäre sie sinnvoll gewesen, dann hätten wir Ostmenschen unser Schicksal angenommen. Da wir aber täglich in unseren Zeitungen lasen, dass morgen alles besser wird, waren wir zu Verzicht und Demut nicht bereit. Die bedeutendste Leistung von Adenauer dagegen ist eben jene Öffnung nach Westen hin gewesen, die ein paar Jahre später von Brandt durch die Öffnung nach Osten ergänzt wurde. Jahrzehntelang hatte es eine erbitterte Konkurrenz zwischen Frankreich und Deutschland gegeben, wirtschaftlich, kulturell, hegemonisch. Immer wieder fanden sich auf beiden Seiten des Rheins verbohrte Politiker, die den Zwist anheizten und zum Krieg reifen ließen. Drei verheerende Kriege mussten uns schwächen, bis sich Adenauer und de Gaulle in der wunderschönen Kathedrale zu Reims die Hände reichten. Schon lagerten vierhundert Journalisten mit Fotoapparaten und Schreibmaschinen an den geschichtsträchtigen Orten, aber noch wollten die Menschen Symbole und Metaphern sehen, Händedruck statt Großkonferenz. Es ist heute unvorstellbar, dass Europa damals von drei charismatischen Greisen geführt wurde: Churchill, de Gaulle,  Adenauer und auch Amerika bis 1961 einen greisen Präsidenten hatte, der noch dazu ein ehemaliger Fünfsternegeneral war.

Wahrscheinlich haben die Zeitgenossen etwas ganz anderes als größte Leistung Adenauers gesehen. Er reiste 1955 als erster westlicher Staatschef nach Moskau, um diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufzunehmen und die letzten 10.000 Kriegsgefangenen zurückzuholen. Beides gelang ihm nicht ohne Schwierigkeiten. Als die ehemaligen deutschen Soldaten, die sich entscheiden konnten, ob sie nach Ost- oder Westdeutschland entlassen werden wollten, in Friedland bei Hannover eintrafen, war Adenauer anwesend und eine alte, tränenüberströmte Frau versuchte immer wieder, ihm die Hände zu küssen. Adenauer wollte das einerseits abwehren, weil er ein eher distanzierter Mensch war, andererseits verstand er natürlich die Geste und genoss sie. Die alte Frau benahm sich traditionell, sie dankte – bildlich gesprochen – dem Bischof an Gottes statt, da kein Heiland greifbar war, griff sie sich den Verkünder. Politik und Religion waren immer noch eins, wenn auch diese unheilvolle Verbindung schon schwer beschädigt war. Wir können heute nur spekulieren, aber doch annehmen, dass sich die meisten Kriegsgefangenen und ihre Familienangehörigen für unschuldig hielten. Niemand lebt gern mit seiner Schuld. Wir Menschen suchen uns gerne unsere Perspektive aus: mal wollen wir lieber Täter sein, dann wieder scheint uns die Opferrolle angemessen. Aber das Kaninchen, das geschlachtet wird, eines der grausamen Bilder aus meiner Kindheit, tötet nicht noch vorher schnell tausend Mäuse oder Bienen, weil sie unter ihm zu stehen scheinen.

Das Politikverständnis von Adenauer war von dem Ulbrichts also nicht so sehr verschieden. Beide sahen sich als Heilsbringer, die nicht nur eine Botschaft, sondern auch Lösungen hatten. Beide misstrauten ihren Mitarbeitern und Nachfolgern. Beide waren autoritär. Beide waren alt. Warum aber der eine sein Land einmauern ließ, der andere es aber gerade im Gegenteil öffnete, ist eine der unsinnigen Warumfragen, die man nicht beantworten kann.

Erst einem anderen Bundeskanzler ist dann ein Paradigmenwechsel im Politikverständnis gelungen. Willy Brandt hat sich nicht als Heilsbringer gesehen, obwohl er nicht weniger charismatisch war als Adenauer, sondern als erster Bürger seines Landes. Er bat die Nachbarn um Vergebung für etwas, das er nicht mitgetan hatte. Er war übrigens in seinem ersten Wahlkampf, – im zweiten durch gentleman agreement nicht mehr, er verzichtete im Gegenzug auf die Nennung des Altnazis Globke -, von den Konservativen und auch von Adenauer persönlich sowohl als uneheliches Kind als auch als Vaterlandsverräter bezichtigt worden. Fast scheint es so, als ob in dem Wort Volksverräter dieser Ungeist wieder erwacht, wenn auch nur bei einer Minderheit. Auch der vorgestern inaugurierte 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird mit seiner patriotischen Argumentation nicht erfolgreich sein, wie sich schon mit den machtvollen Demonstrationen am nächsten Tag zeigte. Die Zeiten des Einmauerns und Händeküssens sind vorbei. Jeder Politiker braucht eine Portion Narzissmus, um den politischen Alltag zu überstehen, aber Narzissmus ist kein politisches Programm. Übrigens ist schon Narziss an sich selbst und überhaupt gescheitert. Narziss und Echo scheinen jedoch wieder auferstanden.

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