ORIENTEXPRESS

Nr. 228

Der Orientexpress, der legendäre Zug von Paris nach Konstantinopel, fährt in Leere. Inzwischen gibt es auch die beiden großen Bahnhöfe in Istanbul nicht mehr, Sirkesi auf der europäischen Seite und Endstation des Orientexpresses, und Haydarpaşa, der Ausgangspunkt der Bagdadbahn werden sollte.

Der Begriff des Romans wird gewöhnlich aus den romanischen Sprachen, woher er kommt, hergeleitet. Das übersieht die italienische Neuigkeit, novella, aus der die englische und amerikanische novel kommt. Und alle zusammen vergessen, dass nirgendwo länger und ausgiebiger erzählt wurde als im Orient, nicht nur tausendundeine Nacht lang, sondern Jahrtausende.

Die osmanische Herrschaft war traumatisch grausam wie jede Fremdherrschaft. Aber sie hatte ihre Nischen und Kommodationen. Zwar wurde jeder zehnte christliche Knabe in einer ebenso spektakulären wie theatralischen, aber auch leidvollen Aktion (devşirme, Knabenlese) für die Janitscharen, die Elitetruppe der Sultane, geraubt, und die Mütter gingen kilometerweit schreiend und klagend hinter dem Zug her. Aber jeder tausendste Knabe hatte auch die Chance des Aufstiegs. Wenn man das Leid der Familien wegrechnen könnte, dann wäre die Chancenverteilung mathematisch nicht so grundlegend anders als heute. Aus einem bosnischen Bergdorf namens Sokolov, Falkenort, unweit Vişegrads, wurde um 1515 ein solcher Knabe geraubt, der es bis zum Großwesir des Osmanisches Reiches und Schwiegersohn des Sultans Selim II. brachte, nachdem er Admiral und Gouverneur, dritter und zweiter Wesir geworden war. Er hat sich in einer Reihe berühmter Bauten verewigt, die zum Teil, wie die legendäre Brücke über die Drina und die wenig bekannte, aber wunderschöne Moschee (Sokollu Mehmet Paşa Camii), von dem ebenfalls aus der Knabenlese stammenden Megabaumeister Mimar Sinan errichtet worden waren. Was er, der seiner Familie und seinem Volk ein Denkmal errichten wollte, nicht ahnen konnte, dass Jahrhunderte später wieder ein kleiner Junge davon träumen würde, seiner Vergangenheit mit einem Monument zu dienen. Man darf nicht vergessen, dass Bosnien ein kleines, liebenswürdiges, wunderschönes, aber gänzlich unbekanntes Land ist. Ivo Andrić, der später, als er schon als alter Dichter in seiner Belgrader Wohnung sinnierte, den Nobelpreis dafür erhielt, war als kleiner Junge bei seiner Tante in Vişegrad untergebracht. Dort sah er täglich die Brücke, die nicht nur die beiden Ufer der Drina, sondern auch die beiden Welten Orient und Okzident miteinander verband. Die Brücke, die oft auch zerstört wurde, zuletzt im Bosnienkrieg 1992-1995, ist selbst auch ein kultureller Ort gewesen, den der kleine Ivo tief in sich aufgesogen hat. Andrić schrieb eine viel beachtete Dissertation und wurde Botschafter des Königreichs Jugoslawien in Deutschland. Während der deutschen Besatzung, sozusagen im Zwangsexil, schrieb der seine weltberühmte fiktive Chronik ebenjener Brücke in ihrer krassen Widersprüchlichkeit. Die Brücke ist an sich schon die perfekte Metapher der Verbindung von Widersprüchen. In diesem beschaulichen Tal trafen aber nicht nur gewöhnliche Widersprüche, sondern die beiden Welten aufeinander. Sie, diese beiden Welten, sind sich gleichzeitig Orientierung, denn wir haben das Wort son unserem morgendlichen Blick in den Osten, und Feind. Diese Feindschaft wird immer wieder beschworen. Sie ist nicht nur überflüssig, wie inzwischen jede Feindschaft, sondern auch historisch nicht vertretbar. Die Religionen, die so lange Orientierung für fast alle Menschen in Europa und damit auch in Amerika waren, kommen aus dem Orient, die Mathematik, der Kaffee und eben die Erzählkunst, das hohe Abschweifen, die ganz lange, fast permanente Geschichte. Während man lebt erzählt man gleichzeitig sein leben, so dass Leben und Erzählung, Tatsache und Fiktion, zu einem einzigen Fluss zusammenwachsen, so wie die Drina und der Rzaw an der Brücke von Vişegrad. Ivo Andrć hat diese gemächliche, alle Nebengeschichten zulassende orientalische Erzählkunst in die Gegenwart gerettet. Dort hat sie Orhan Pamuk aufgefangen. Pamuk stammt aus einer reichen Istanbuler Familie. Von seinem wunderbaren Haus kann er sowohl über den Bosporus als auch über das Goldene Horn blicken. Diese privilegierte Sicht nutzt er, um die Tiefen menschlichen Verhaltens zu beobachten und zu beschreiben. Seine Geschichte aus tausendundeinem Jahr beschreibt eine Familie, eigentlich nur einen Menschen aus dieser Familie, den Boza-Verkäufer Mevlut Karataş. Da beginnen schon die Symbole. Boza ist ein vergorenes joghurtähnliches Getränk, manchmal mit, manchmal ohne Alkohol, das in den Straßen ausgerufen und lose verkauft wurde, ein Relikt aus dem alten Konstantinopel, die letzte Bastion der Natur vor den heute allgegenwärtigen und allmächtigen Plastikbechern, die eines Tages unsere Meere zugeschüttet haben werden. Karataş, Schwarzstein, und Aktaş, Weißstein, sind die beiden Zweige derselben Familie, die alle vom Land nach Istanbul gehen und damit der merkwürdigen Stadtentwicklung folgen, die zum großen Teil aus Gecekondus besteht, aus Bauten also, die, um die Baugenehmigung zu umgehen, in einer Nacht errichtet wurden. Mevlut geling nicht der Aufstieg. Er bleibt der ewige underdog. Er schreibt mit einem Briefsteller und weiterer Hilfe Liebesbriefe an ein Mädchen, das er nur einmal gesehen hat, und muss dann ihre Schwester heiraten. Aber sie und die beiden Töchter liebt er über alles. Fast könnte man sagen, dass über dem orientalisch erzählten Roman der Satz des Augustinus stünde:  ama et fac quod vis, liebe und tue, was du willst. Aber es zeigt sich, dass man in einem normalen Leben, und das hat eben unser armer Mevlut, nicht tun kann, was man will, sondern was man muss. Also bleibt uns nur zu lieben.

Zwischendurch sollte man allerdings auch immer etwas lesen. Lesen ist keine Sache des Expresses, des Druckes der Geschwindigkeit und des Zeitgeists. Lesen ist Ausdruck – Express – des langen Flusses des Lebens, der keiner Navigation, keiner Kausalität, keinem Zwang folgt. Jedem Anstauen des Flusses folgt eine Entladung, jeder Entladung ein Mäandrieren und Verweilen. Und vielleicht sind wir alle, wie der Fährmann von Visegrad, der vor der Errichtung der berühmten Brücke sein Handwerk verrichtete: ‚Er war ein Mann von hünenhaftem Wuchs und ungewöhnlicher Kraft, aber er war heruntergekommen in vielen Kriegen, in denen er sich hervorgetan hatte. Er besaß nur ein Auge, ein Ohr und ein Bein, das andere war aus Holz. So, ohne Gruß und ohne ein Lächeln, beförderte er Waren und Reisende, launenhaft und eigenwillig, langsam und unregelmäßig, aber ehrlich und sicher, so dass seine Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit genauso weit bekannt waren wie seine Langsamkeit und Eigenwilligkeit.‘

 

 

 

Ivo Andrić,   DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA, Hanser 1962

Orhan Pamuk,  DIESE FREMDHEIT IN MIR, Hanser 2016

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