RAMSES II. IM MÜLL

 

Nr. 231

Niemand, der in der Krise steckt, weiß, wie tief sie ihn erfassen wird und wie er aus ihr hervorgehen wird. Niemand kann die Zukunft voraussagen. Unsere Vorfahren waren durch Pest, Krieg und Hunger bedroht. Wir fühlen uns durch schlechte Nachrichten bedroht Aber tatsächlich steckt Welt in einer Krise. Die Apokalyptiker sehen sie bereits untergehen, die Populisten sehen sich aufgehen, die Liberalen sind genervt und trauen ihren Werten nicht mehr über den Weg. Jeder versucht in letzter Minute, auf den Zug des anderen aufzuspringen. Aber wenn alle Trittbrettfahrer von allen sind, sollte der Zug umkehren, dann muss eine neue Idee her.

In der Megastadt Kairo gibt es einen Stadtteil, der einst Heliopolis hieß. Es ist ein Slum, der nicht nur im Müll, sondern auch im Schlamm zu versinken droht. Alle diese Megastädte haben Probleme: die Armut und den Müll. Es ist der Gegensatz unserer Welt: auf der einen Seite werden geschälte Apfelsinenstückchen in Plastikfolie eingepackt, auf der anderen Seite lernen Kinder nichts weiter, als im Müll nach Nutzen zu suchen. Zwar gibt es eine Abnahme der Armut, weniger als ein Siebtel der Menschheit, nämlich 800 Millionen, sind von Hunger bedroht. Aber es gibt leider zwei immer wieder aufflackernde Schwerpunkte: Hungersnöte in Kriegs- und Dürregebieten. Das sind im Moment besonders Südsudan, Somalia, Jemen und Nigeria. Wir liefern keine Waffen in diese Gebiete. Aber liefern wir genügend Bücher und Brunnen?

Der zweite Schwerpunkt sind die Slums in den Megastädten, vielleicht mit Ausnahme von Tokyo und New York. In Lagos, das ist die riesige und chaotische Hauptstadt von Nigeria, dürften sich beide Probleme kreuzen. Aber in Heliopolis graben deutsche und ägyptische Archäologen im Schlamm, und sie werden immer wieder gefragt, was es denn besonderes in ihrem Slum zu suchen und zu finden gäbe.

Der Name sagt es schon: die ägyptische Hochkultur glaubte daran, dass genau an diesem Ort, in diesem Slum, in diesem Schlamm die Welt einst gegründet worden sei. So wie wir uns jeden Gott anthropomorph vorstellen, so stellen wir uns jede Weltgründung nicht als evolutionären, hunderttausende Jahre währenden Prozess, sondern als Gründung, als Zeugung, als Empfängnis, als einmaligen Akt, als Punkt vor. Zwar gibt es mehrere Punkte der Welt, an denen die Welt gegründet worden sein soll, aber es ist möglich, dass unser nicht ganz bedeutungs-, allerdings auch nicht prolemloser euro-asiatisch-afrikanischer Entstehungspunkt für die Menschheit wichtig war, weil seine Folgen im Guten wie im Bösen, sich über die gesamte Welt gelegt haben. Von Ramses II. gibt es viele Zeugnisse, viele Statuen, Gebäude und Inschriften. Im Schlamm des Slums wurde jetzt eine weitere gefunden, dazu sein kleiner Enkel – als Statuette. Vor ihm herrschte die berühmte inzestuöse Familie Echnaton und Nofretete mit ihrem körperlich leicht behinderten, aber genialen Sohn Tutenchamun. Sie heißen nicht nur nach der Sonne, sondern sie installierten den wahrscheinlich weltweit ersten uns bekannten Monotheismus. Warum soll nicht Mose, der Begründer des nächsten, wegen seiner Folgen weit wirkungsvolleren Monotheismus, seine Ideen von seiner Mutter, die nach der Überlieferung eine Pharaotochter war, oder von den ägyptischen Sonnenpriestern übernommen haben? Jede Überzeugung veraltet und hat immer auch schon das Schisma in sich. Also gab es in dem kleinen Volk der Juden mehrere Gruppen, die die mosaische Lehre erstarrt fanden und sich auf die Quellen beriefen, die Samaritaner, wir kennen sie aus dem Gleichnis des barmherzogen Samariters, und es gibt sie heute noch als eine wunderliche, aber auch bewundernswerte Gemeinschaft, und die Essener. Aus den Essenern könnte Jesus hervorgegangen sein. Jedenfalls stammt von Jesus diese Bewunderung der Samaritaner oder Samariter: Ein Mensch war von Räubern überfallen worden und lag schwer verletzt in der Wüste. Alle gingen vorbei: der Rabbiner, der Beamte, der Gelehrte. Dann kam ein Samaritaner oder Samariter, hielt an, versorgte die Wunden, nahm den Verletzten mit und bezahlte seinen Aufenthalt in einem Gasthof. Das ist die Parabel der guten Tat, die nicht nach unserer Herkunft oder unserem Bekenntnis fragt, sondern nur nach unserer Effizienz. Jeder Religionsstifter lebt unter definierten Bedingungen in einer ebenso bestimmten Zeit. Man muss also in seiner Interpretation den Zeitgeist von der Quintessenz, dem Kern seiner Botschaft trennen. Das ist insbesondere das Problem Mohammeds, der sich am Anfang in seiner Heimatstadt Mekka seiner Feinde zu erwehren hatte und in die später nach ihm benannte Stadt Medina auswich. Man könnte Mohammed, der sich im Koran dutzende Male auf Jesus beruft, auch einen konsequenten Monotheisten nennen, denn die Christen hatten inzwischen einen Dreigott installiert und darüber waren heftige Kämpfe ausgebrochen.

Gandhis Werk des gewaltlosen Widerstands wurde von Martin Luther King fortgesetzt und ist in allen Demokratien als wichtiges, wenn nicht wichtigstes Element enthalten: der Staat hat das Gewaltmonopol, aber er darf es nur sehr sparsam anwenden. Solange es Waffen und Wasserwerfer gibt, ist die Demokratie nicht allgemeingültig.

Wir sollten weder Macht demonstrieren noch unsere nationalen oder auch religiösen Prinzipien über andere stellen. Statt dessen sollten wir in einem gigantischen Programm, – unter anderem mit dem Geld, das US-Präsident Trump für die Erhöhung des Rüstungsetats bereitstellen will, und das mehr ist, als Russland für Rüstung ausgibt, – die Slums in den großen Städten durch Wohnungsbauprogramme und Bildungsangebote schließen. Dies muss mit einer echten Arbeitsbeschaffung einhergehen. Staatliche Gelder werden nicht in staatlichen Organisationen, wie beim nazideutschen Autobahnbau, ausgegeben, sondern dienen gleichzeitig, wie von Lord Keynes vorgeschlagen und vom erfolgreichsten aller US-Präsidenten, Franklin Delano Roosevelt, ausgeführt, der Konjunktur. Sodann wird dieser unwürdige Kampf ums Öl dadurch beendet, dass wir einen kostenlosen öffentlichen Stadtverkehr in allen Städten der Welt durchsetzen. Dadurch würde sich der Ölverbrauch von selber senken. Sodann muss die ebenfalls unwürdige Plastikverschwendung, vor allem für Verpackungen, sofort beendet werden. Viele Länder, allen voran China, haben uns nachgemacht. Das führt dazu, dass ganze Flüsse und große Teile der Meere in Plastikverpackungsabfällen zu ertrinken drohen. Die Massentierhaltung muss sofort durch Fastenprogramme und vegetarische Alternativen sanft beendet werden. In Deutschland sind schon neun Millionen Menschen Vegetarier. Allerdings verbieten sich Verbote. Alle anderen Probleme lassen sich dann mit dem Schwung, den wir dann aufgenommen haben, besser lösen.

Alles das muss sofort in die Bildungsprogramme aller Länder eingehen: von den rumänischen Slums der Roma bis hin zu den Slums in den Megastädten. In Heliopolis kann man mit dem anfangen, was jetzt hin und wieder der deutsche Chefarchäologe interessierten Zaungästen erklärt. Hier, so würde in den Kursen erklärt, fanden wir Menschen die erste Transzendenz: die Sonne, das Licht, das Gute, die Hilfe, die Sattheit, den Reichtum, die Würde des Menschen und des Tiers, alle Menschen sind unter der Sonne gleich, alle Tiere sind unsere Schwestern und Brüder.

Das ist Sozialromantik? Ja, natürlich, aber heute wird man dafür nicht mehr gekreuzigt.

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