UNVERSCHÄMTHEIT DER ÄMTER

 

Nr. 239

Im berühmten Hamlet-Monolog und im nicht minder berühmten Sonett 66 vom berühmtesten Shakespeare freut sich jeder über die Zeile von der Unverschämtheit und der Lähmung Amtsanmaßung, es wäre ein Wunder, wenn wir kein eigenes Wort dafür hätten. Geht man heute in ein Amt, so ist es auf der einen Seite die Überfüllung, ob nun tatsächlich durch Personalmangel oder eher nicht so effektive Logistik, auf der anderen Seite aber eindeutig die Überbehütung, das overprotecting, was uns ärgern kann. Wir sind aus Schäfchen der Kirchen, die wir einst waren, zu Stichlingsschwärmen des Staates in einem Großaquarium geworden. zwar sind wir maximal behütet, aber auch denkbar eingeschränkt. Je besser wir leben, desto weniger empfinden wir unsere süße Gefangenschaft, vielmehr ist sie mit einer guten Ehe vergleichbar, in der die Ehepartner derart ähnlich und voneinander abhängig werden, dass man sie nicht unterscheiden kann. Der Verdruss kommt durch die Armut und andere Hilflosigkeit. Nun könnte man einwenden, dass es gleichgültig sei, ob man in einem over- oder in einem underprotecting System verdrossen sei. Jedoch glaubte der Arme früher an die Natürlichkeit des Standesunterschieds, heute dagegen glaubt er an einen Gerechtigkeitsmangel. Da er, wie der Wohlhabendere, ununterbrochen von Ämtern segensreich beschattet wird, muss aus seiner Sicht ein Fehler vorliegen, denn bei soviel Aufmerksamkeit so wenig Geld zu haben, kann nicht an ihm liegen. Fehler bei anderen anstatt bei sich zu suchen, ist nun aber ganz und gar kein Anzeichen der Moderne, sondern so alt wie die Menschheit.

Wie unser ganzes schönes Bürokratiesystem auf Neuankömmlinge wirkt, können wir nicht wissen, sondern nur ahnen. Ein Flüchtling, der DUBLIN III verstanden hat, geht fast jeden Tag auf irgend ein Amt. Aber wenn alle diese Ämterbesuche eines fernen Tages erfolgreich waren, sieht er sich nach Arbeit um. Im Gegensatz zur Meinung der AfD und anderer rechter Minderheiten kann er sich ohnehin nur für Arbeiten und Ausbildungen bewerben, in denen es nicht genügend – verkürzt ausgedrückt – deutsche Nachfragen gibt. Wenn dies alles zutrifft, sieht er sich einem Labyrinth von Ämtern und amtlichen Zugriffen ausgesetzt, die er unmöglich selbst bewältigen kann, zumal der eine Fallmanager oft nicht weiß, wie zum Beispiel der Quartier- oder der Gesundheitsmanager entscheiden werden oder entscheiden können.

Arbeitsteilung und Spezialisierung sind ganz sicher wirkungsvolle Instrumente unseres Erfolgs. Aber ab einer bestimmten Stufe wirken sie zurück, verweisen auf sich selbst, beschäftigen sich nur noch mit sich selbst. So wie viele Gruppen von Menschen immer mehr dazu tendieren, nur noch mit sich selbst zu kommunizieren, wodurch die Zustimmungsquote enorm steigt. Die Krise der Demokratie, die wir im Moment durchleben, hat möglicherweise genau die gleiche Ursache. Immer mehr Aufteilung der Verantwortlichkeiten führen letztendlich dazu, dass keiner mehr verantwortlich ist und die Menschen sich einen großen Guru suchen, der behauptet, dass er nicht nur alles weiß, sondern auch alles kann und alles machen wird. Das ist kein türkisches Problem.

Aber die Lösungen all unserer Probleme liegen nicht hinter uns, sondern vor uns. Es ist wenig hilfreich, immer wieder festzustellen, wer schuld ist, hat oder hatte, was gestern besser oder schlechter war. Geschichte ist interessant, man kann auch aus ihr lernen. Aber zur Lösung unserer Probleme braucht es Zuversicht und Mut. Die Demokratie selbst hat sich gegen alle Gestrigkeiten, ob sie Himmler hießen oder Spiegelaffäre oder 2. Juni durchsetzen müssen und auch durchgesetzt. Oft ist das einzige Gegenargument ‚man macht das nicht‘ oder ‚der ist schuld‘. Wir haben das schon als Kinder nicht eingesehen. Das Leben ist ein kompliziertes Geflecht aus Tradition und Innovation, aus Freiheit und Ordnung, aber daraus darf man nie schließen, dass Stillstand eine Option wäre. Die Wirkung des Chaos wurde früher maßlos überschätzt. Daher kommt aber die Gegenwehr, der staatliche  Terror, der wiederum den individuellen Terror hervorbringt. Je weniger Gewalt der Staat einsetzt, desto friedlicher werden seine Bürger. Der Mut zur radikalen Lösung und zu der Erkenntnis, dass jede Lösung ein Kompromiss und eine Zwischenlösung ist, erzeugt auf der Gegenseite ebenfalls den Mut, den die Zukunft von uns braucht.

Wir könnten endlich über wirkliche Neuerungen nachdenken: wenn wir zum Beispiel jedem Flüchtling eine Paten beigeben würden, müssten sich nicht ein Dutzend Fallmanager immer wieder in den Fall eindenken. Wenn wir zum Beispiel ältere Menschen Pfandfalschen entgegennehmen und Glocken läuten lassen würden, könnte die Verantwortung gestärkt werden. Konsumieren können ist eine große Errungenschaft, aber produzieren, und sei es Gemeinsinn, ist der eindeutig höhere Gewinn.

Die Gesellschaft sollte sich ein türkische Hochzeit zum Vorbild nehmen: zwei große Clans von Verwandten und Freunden vermischen sich, und nicht das Essen steht im Vordergrund, sondern das Zusammensein und der Rhythmus der Annäherung.

Advertisements

VERSCHLEISS DER DINGE UND GEDANKEN

 

Nr. 238

Beziehungen erkalten, Telefone und Regierungen veralten. Aber was ist mit den linken und rechten schönen und alten Sätzen, die aus dem Protest gegen den jeweiligen Zeitgeist kreiert wurden und immer richtig waren? Ist das Medium nicht mehr die Botschaft? Stimmt der Satz, mit all den neuen Medien, nicht mehr denn je? Und gibt es plötzlich ein richtiges Leben im falschen? Braucht Zukunft keine Herkunft mehr? Das sind alles Sprüche, die zurückweisen, einmal zeitlich in die Vergangenheit zurückweisen zum anderen aber, und das ist bei den beiden linken Sprüchen mehr als verwunderlich, Menschen zurückweisen.

Wenn wir den neuen Medien unterstellen, dass sie selbst die Botschaft wären und keine Botschaften beförderten, unterstellen wir gleichzeitig ihren Benutzern, dass sie gar keine Botschaften hätten. Aber was soll daran neu sein? Man kann mit Rauchzeichen nichts sagen und mit dem Smartphone. Man kann mit einem Pistolenschuss ein ganzes Jahrhundert verheeren, während es Bürgerkriege gibt, die völlig ergebnis- und ereignislos fünfzig Jahre vor sich hin dämmern. Leider ist es uns mit der Demokratie auch so ergangen. Wir haben sie jahre- und jahrzehntelang als Ende der Geschichte (Hegel, Fukuyama) gefeiert und als alternativlos dargestellt, bis sie wahrscheinlich jenen Menschen überdrüssig wurde, die in ihr so gut wie nicht mehr vorkamen. Überall ist, ebenfalls seit Jahrzehnten, die traditionelle Trennung zwischen rechts und links aufgehoben, versandet, in der Mitte zusammengeflossen. Alle Parteien bezeichnen sich als große Volksparteien. In Deutschland sind die Grünen die einzige Parteigründung gewesen, die einen neuen, nicht am Rechtslinks-Schema orientierten Identitätsaspekt in die Politik eingebracht haben, auch neue Formen der politischen Auseinandersetzung, aber dann sind sie auf einem Gebiet in das Muster der anderen Parteien gefallen, das vermeidbar gewesen wäre: sie sind inzwischen auch eine gutbürgerliche Partei, die von Greisen geführt wird.  Greise merken nicht, dass sie alt werden und alt sind. Da man sich nur von innen sieht, kann man seine Wirkung auf andere schlecht abschätzen. Auch Selfies scheinen da nicht zu helfen. Es ist auch kein Trost, dass die ehemalige Arbeiterpartei allen Ernstes einen Hoffnungsträger präsentiert, der noch zwei Jahre bis zur Rente seine Hoffnungen verbreiten kann. Auch die eiserne und ewige Kanzlerin hat die Grenze zur Rente bereits überschritten. Bei der Linken weiß man gar nicht, wer der große Vorsitzende ist, es reden nach wie vor nur Gysi und Lafontaine, allenfalls noch dessen verwirrte Gattin. Nur die FDP hat einen jüngeren Vorsitzenden, aber dafür ist er doppelt so wirkungslos.

Die Demokratie ist zu kompliziert, um als alternativlose ewige Wahrheit durchzugehen. Das gilt selbst dann, wenn die Ergebnisse eineindeutig sind: in Deutschland lebende türkische Staatsbürger bevorzugen nach wie vor ein autoritäres System, das wirtschaftlich am Boden liegt, vor einer wirtschaftlich vorzüglich und mit großem Gewinn funktionierenden Demokratie, in der sie sich nicht erkennen. Offensichtlich führen die neuen Medien, Internet mit Smartphone gekoppelt, zu einer neuen Spiegel- oder Resonanzwahrnehmung ihrer Benutzer. Plötzlich erkennt der absurdeste Gedanke, dass er nicht allein ist. Es ist inzwischen absolut üblich geworden, selbst evidenten Fakten zu widerstehen. Trump ist da nur ein prominentes Beispiel. Er hat, nicht nur in Amerika, viele follower.

Auf all das weiß die Demokratie nicht nur keine Antwort, sie hat noch nicht einmal bemerkt, dass da eine Frage ist. Sie macht einfach weiter so wie bisher. Macht macht krank, auch einer von diesen Sprüchen, aber sie macht scheinbar auch blind, besoffen, niederträchtig und handlungsunfähig. Nach wie vor gibt es Botschaften, wenn auch wenige, so wie Visionen, die natürlicherweise proportional zu den gelösten Problemen abnehmen. Es gibt aber wesentlich mehr Medien, die auch Risiken und Nebenwirkungen haben, und zwar nicht nur für die abfällig user genannten Mitbürger, sondern scheinbar auch für die Medien, die Politik, den Konsum, die Produktion, die Wirtschaft insgesamt, die Beziehungen der Staaten untereinander, für Krieg und Frieden. Es ist nichts anderes als das schon oft besprochene WARUM-Mirakel.

Noch falscher, und zwar schon immer, ist der Satz, dass es angeblich kein richtiges Leben im falschen gäbe. Es gibt kein richtiges Leben. Es gibt kein falsches Leben. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen. Scheinbar sind auch im Exil lebende und schreibende Großphilosophen nicht vor solchen Fundamentalfehlern gefeit. Um es ganz krass zu sagen: Wenn ich gedanklich zulasse, Nationalsozialisten als  falsche Menschen zu definieren, dann gebe ich denselben Nationalsozialisten recht, die Juden oder die Kommunisten als die möglichen falschen Menschen erkannt zu haben. Das gleiche, möchte man fast Lessing zitierend weitersagen, gilt für die Kommunisten oder Demokraten. Mit dem Wort Abschaum ist es noch leichter. Wer andere Menschen als Abschaum bezeichnet, gibt denen recht, die ihn Abschaum nennen. Jeder, der latte macchiato trinkt, weiß wie dumm dieses Bild obendrein ist.

Herschel Grünspan ist nach wie vor ein wunderbares und gleichzeitig ganz falsches Beispiel für das Falsche, das richtig sein kann, und das Richtige, das falsch sein kann. Gewalt ist immer falsch, und wenn er den Botschaftsrat tatsächlich aus einer sexuellen Begegnung kannte, ist sie, falls das steigerungsfähig ist, noch falscher. Wenn man aber andererseits bedenkt, dass er in den Zeitungen las, dass er selbst und seine Familie plötzlich staatenlos, rechtlos, von einer Partei zudem heimatlos gemacht worden waren, die ständig von Heimat und Vaterland schwafelte und sich im selben Atemzug anschickte, genau das alles nicht etwa nur für die Juden oder die deutschen, sondern für alle Europäer kaputt zu schlagen, so wie es in ihren grausigen Liedern auch hieß. Man kann sich eben nicht bedenkenlos dort niederlassen, wo gesungen wird. Auch böse Menschen haben Lieder. Also hat ein siebzehnjähriger trauriger Junge etwas getan, das bei anderen als große Widerstandstat gefeiert wird. Auf jeden Fall hat er etwas getan, was weit über die übliche moralische Entrüstung hinausgeht, die derselbe Marshall McLuhan, von dem die dem Medium innewohnende Botschaft stammt, als die Würde der Idioten bezeichnet hat. Diese Empörung, gerne auch mit der Forderung nach Petitionen gegen Tierquälerei im Süden Marokkos, ist ein neuer Zeitvertreib geworden. Der Glaube kompetent zu sein verstärkt sich durch das mediale Echo, das fast immer nur ein Spiegel des eigenen Gestammels ist, und die Empörung hält sich für eine Heldentat. Die Zukunft braucht kompetente Menschen, die etwas ganz einfaches von Herzen gern tun, und nicht Spekulationen darüber, ob ihr Leben falsch sei, ob sie falsch seien, ob ihre Medien Botschaften haben oder sind und was ihre Eltern oder Großeltern waren.

OSTERN IN SCHWERIN

 

Nr. 237

Durch die Straßen huscht, nachdem er vor einem Schaufenster seinen Hut gerichtet hat, ein kleiner steinalter Mann, der direkt aus dem neunzehnten Jahrhundert in unsere Zeit geflohen zu sein scheint. Jeder Versuch, ihn unauffällig zu überholen und von vorne zu fotografieren, scheitert an seinem enormen Tempo. Es wäre auch unanständig. Es ist der Landesrabbiner Wolff. Nicht seine religiöse Tracht lässt ihn aus der Zeit fallen. Der orthodoxe Rabbiner, der jeden Tag kettenrauchend die Berliner Brunnenstraße in Richtung Osten entlanggeht, ist hiesig und heutig, ihn ficht nichts an, auch nicht die scheelen Blicke all der Palästinenser, Türken und muslimischen Schwarzafrikaner, denn sie sind alle, wie auch er, Berliner. Der Landesrabbiner dagegen ist aus dem neunzehnten Jahrhundert auferstanden. Gegen solche kleinen, geistig und körperlich gewandten Menschen richtete sich der Antisemitismus, der dann später in den Holocaust überführt wurde. Aber er ist zum Glück, was seine Folgen betrifft, gescheitert. Nach einem anderen Landesrabbiner ist in Schwerin eine Straße benannt, und er, Wolff, huscht am Schabbat zu seiner Synagoge. Im Radio kann man ihn die Worte zum Schabbat sprechen hören, sie unterscheiden sich nicht von den Worten zum Freitagsgebet oder vom Wort zum Sonntag, das hier mal das Monopol hatte.

Eine Querstraße weiter, mit Blick auf das wunderschöne epigonale Märchenschloss der untergegangenen Großherzöge, das hier aber doch schon seit 1160 Vorläufer hatte, residiert der Ministerpräsident in einer der schönsten Staatskanzleien Deutschlands. Wenn man eine Weile vor diesem lichtüberströmten klassizistischen Bau steht, fällt einem gerade noch der Name des amtierenden Ministerpräsidenten ein. Aber in welcher Partei ist er? Wir wissen es nicht. Es gibt kein Wort zum Montag von ihm, das ihn als Konservativen oder Grünen, als Liberalen oder Linken, als Sozialdemokraten oder Rechtsalternativen ausweisen könnte. Man weiß nur, dass seine Frau Große Vorsitzende des Oberlandesrechnungshofes werden soll. Das ist ungefähr so eine Gewaltenteilung wie in der KIM-Dynastie. Ist das nicht traurig für solch eine wunderschöne Stadt und so ein altes gutes Land?

Das Landestheater dagegen ist eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges, und man könnte, nachdem man auch das Landesmuseum gesehen hat, ohne Bedenken einer Aufnahme Schwerins ins Weltkulturerbe zustimmen, wenn man gefragt würde. Im sehenswürdigen Landestheater spielte indessen kein Faust und kein Peter Grimes, sondern gehobene Unterhaltung. Vier erstklassige Musiker virtuosierten so ein bisschen Weltmusik vor sich hin und eine Schauspielerin, die schon einmal Haushälterin bei Pfarrer Braun war, las sieben Geschichten zum Thema der Paarbeziehung. Die Musik mit einem srilankischen Percussionisten stellte sich als eine weltmusikalische Klezmervariante heraus, meist erkennbar an der Klarinette. Aber auch die Gitarre lieferte exzellente Soli. Aber als summertime von George Gershwin auf der Melodika gespielt und von den anderen begleitet wurde, wurde der Sinn klar. War Gershwin ein typischer Amerikaner, der amerikanischste Amerikaner unter den Komponisten? Oder war er ein Sohn von russisch-jüdischen Einwanderern, womöglich aus Odessa, um es noch etwas komplizierter zu machen, und seine Musik wäre das Fundament des Klezmer? Aber ist es überhaupt richtig, nach der Herkunft zu fragen? Wir haben das merkwürdige Diktum, dass Zukunft Herkunft brauche, hinter dem sich die Ewiggestrigen so gerne verstecken, das sie als Fahne ihrer Rückfahrkarte hinzugefügt haben, schon mehrere Male ad absurdum geführt. Und in diesem Moment fällt uns eine andere Kombination von Klezmer ein: in Radu Mihaileanus schönem Film ‚Zug des Lebens‘ vereinigen sich am Ende nicht nur die Züge, sondern auch die Bands der Juden und der Zigeuner, und da wird einem klar, dass Musik Musik ist und Mensch Mensch, wenn man es nicht vorher schon ahnte. In Mihaileanus Film ‚Geh und lebe‘ – mit Leben hat ers -, wird aus dem äthiopischen Christen der Jude Schlomo, benannt nach dem Großen König, auf den sich so viele berufen: die Weisen, die Juden, die Christen, die Äthiopier und die Rastajamaikaner mit ihren weltweit verbreiteten Jüngern. Mihaileanus Vater hat auch seinen Namen rumänisiert, um nicht erschossen zu werden.

Die osteuropäischen Juden, die vor und nach dem ersten Weltkrieg nach Amerika gingen, gingen großzügig mit ihren Namen um, aus Gerschowitz wurde Gershwin, aus Reznikoff, der sich seinen neuen Namen nicht merken konnte: ‚ich hob fargessn‘ wird Ferguson aus Paul Austers 4321-Riesenroman, und hierzulande regen sich Rechte auf, weil drei Flüchtlinge ihr Papiere vergessen, verloren oder verbrannt haben. Die Welt besteht aus Menschen nicht aus Papieren. Niemals kann ein Papier einen Menschen ersetzen, beschreiben, ausweisen, identifizieren. Zuviel passiert, zu wenig wird geschrieben. Die unendliche Menge der Buchstaben hat im realen Leben immer noch n+billionen Varianten.

Nach dem Theater gehen wir in ein marokkanisches Dönerrestaurant. Dort gibt es Fertigsaucen, aber der entscheidende Unterschied ist die mangelnde Freundlichkeit. Das Missmutige des Geschäfts, das auch noch SAHARA heißt, spiegelt sich in den Gesichtern der lustlosen Söhne, die mehr gezwungen als bezwingend sind. Man weiß plötzlich um so mehr zu schätzen, was ein echter türkischer Dönerladen ist.

Wenn uns wieder einmal ein Rechter fragt, was die Einwanderung an Positivem bringen soll, und er dich gleich anschreit: ‚aber komm mir nicht mit dem Essen‘, dann wissen wir, seit wir in Schwerin waren, dass es die Dankbarkeit ist, die Dankbarkeit für so ein schönes Erbe, die Dankbarkeit für so ein schönes funktionierendes demokratisches Wohlstands- und Sozialstaatsgefüge, die Dankbarkeit für eine fröhliche, lichte, historische, ein bisschen kitschige, aber auch sehr schöne fast Weltkulturerbestadt, deren neuester Farbtupfer unter dem Denkmal der 1871 Gefallenen sieben lustige Typen von der abbessinischen Hochebene sind, die alle auf ihr Smartphone einreden und die ersten Sonnenstrahlen bei scharfem Aprilwind genießen. Das Denkmal sieht übrigens aus wie die Lord Nelson Säule in London auf dem Trafalgar Square, du weißt schon, dein Land erwartet von dir, dass du deine Pflicht tust.

Die beste Geschichte von der Schauspielerin in jenem etwas traurigen, weil äußerst schlecht besuchten Theaterabend, von 540, zu Weihnachten, wenn der Orchestergraben bestuhlt wird, sogar 640 potenziellen Gästen waren keine hundert gekommen, war ausgerechnet die von Johann Peter Hebel, der früher als Oberlangweiler in allen Lesebüchern glänzte. Er beschrieb ein inniges Liebespaar im achtzehnten Jahrhundert, was schon merkwürdig genug ist, das aber eine Woche vor der Hochzeit durch den Grubentod des jungen Mannes tragisch getrennt wird. ‚Tragisch gestorben‘ steht auch auf jedem zweiten Grabstein des russischen Friedhofs mitten in der großherzoglichen Stadt Schwerin, die 1945 zunächst von den Amerikanern befreit worden war. Die Frau des toten Bergmanns verhärmt und vergraut ihr ganzes mannloses Leben. Aber, das macht Hebel genau so wie Paul Auster, nach tausend politischen Ereignissen, zum Beispiel toten Kaisern, bei Auster ermordeten Präsidenten, nach dem Erdbeben von Lissabon, nach der Kubakrise, nach Kriegen und Eroberungen und Verlusten, finden Bergleute eine durch Eisenvitriol mumifizierte Leiche eines jungen Mannes, den die alte Frau als ihren Bräutigam identifiziert. Und allein daran kann man sehen, wie dumm das Wort identifizieren ist oder was dem jungen Bergmann ein Pass genutzt hätte. Der Sinn lag allein in der Seele der alten Frau, die durch das unverhoffte Wiedersehen, so der Titel der Geschichte, die Erfüllung ihrer Liebe und ihres Lebens endlich fand, das ganze dauerte keine Buchseite, während der vierfache Ferguson, die Varianten des Doppelgängers von Paul Auster, fast 1300 ungeheuer gut geschriebene Seiten benötigt.

Schwerin, Ostermontag 2017

SONY DSC

MOONLIGHT* II

Nr. 236

Das Konstrukt dieser Geschichte erlaubt nur eine Lösung. Wenn es aber möglich ist, und auch das ist eine Botschaft des Films, sich aus der Katastrophe herauszukonstruieren, dann muss es auch möglich sein, sich in ein besseres Leben hineinzukonstruieren. Ein Zweistundenfilm kann nicht das komplexe Leben zeigen, sondern nur eine Möglichkeit. Nie gibt es nur einen Grund oder eine Lösung oder eine Katastrophe.  Langston Hughes, der erste schwarze Lyriker Amerikas, war bus-boy und legte einem zufällig anwesenden Dichter seine Gedichte unter den Teller. Langston Hughes wurde entdeckt, gedruckt und berühmt, steht heute in allen Schulbüchern Amerikas: I, too, sing America. James Baldwin ist sogar unserem Chiron, dem Protagonisten aus Moonlight, mit der alleinstehenden Mutter ganz nahe. Und schließlich stammt der erste schwarze Millionär ebenfalls aus dem Süden, aus New Orleans, aus dem Waisenhaus und aus dem Slum: Louis Armstrong. Zur Konstruktion des Lebens gehören nicht nur Talente und Förderer, sondern auch Glück. Das ist bei der Konstruktion von Geschichten nicht anders.

Armstrong spielte in der funeral band des Waisenhauses auf einem zerbeulten Horn, wie er sein Kornett auch später noch nannte, Baldwin und Hughes haben von Anfang ihres Lebens an immer gelesen und geschrieben. Aber in all diesen wirklichen oder konstruierten Biografien geht es nicht um schwarz oder schwul oder weiß oder Ehe mit Kind, sondern um die Frage, ob und wie man einem durch die vielzitierten Umstände, und früher glaubte man durch ein prädestinierendes Schicksal, vorbestimmtem Leben folgen muss oder ausweichen kann.

Neben den Eltern und ihrem sozialen Milieu und dem Drang zum Überleben mit seinem Zwang zu kontinuierlichem entfremdetem Tun, aus dem sich diese unsägliche Erniedrigung der Arbeitswelt, schließlich auch sogar die Prostitution und Sklaverei ergeben, gibt es seit der Antike den transzendenten Bereich der Schamanen, Dichter, Priester und Lehrer. Unsere Vorfahren vor hunderttausenden Jahren haben die Jagd gespielt, bevor sie jagen gingen, haben getanzt bis zur Trance, bevor sie erwachsen werden durften, haben ihr Bewusstsein mit Drogen erweitert, bevor sie wissen wollten und wissen durften.

Lange Zeit war Kunst elitär, aber durch Religion, Bauten und Schule wenigstens minimal präsent, Religion diskriminierend, aber immer auch tröstend und Schule nur fundamental, aber das auch wieder lange Zeit elitär. Globalisierung ist also immer auch als Universalisierung zu verstehen. Die Schule musste von der Alphabetisierung (Lateinschule) zu einem universellen Instrument der Integration werden. Deshalb ist jede Kritik an der so genannten Verflachung oder Entelitärisierung verfehlt. Die Emanzipation der Frauen, der Schwarzen und der Schwulen fand im wesentlichen in der Schule statt, während die stupid white old men in Weißen Häusern und Petersdomen vor sich hinvegetieren. Das klingt ein bisschen wie Argumentation aus den sechziger Jahren, aber wir reden über Moonlight, den Film, und wir reden über Berlin und Deutschland, das es geschafft hat aus der Hauptstadt der Diskriminierung zu einer der Hauptstädte der Globalisierung und Fraternisierung zu werden. Der Begriff der Fraternisierung (in Abgrenzung zur Verbrüderung als allgemeiner Kooperation) stammt aus dem ersten Weltkrieg, der in spieltheoretischer Sicht als Nullsummenspiel gesehen werden kann, der Sieg der einen Seite war die Niederlage der anderen, und das heißt, dass Untätigkeit und Entfeindung des Feindes ein notwendiges Verhalten war. Überhaupt darf man die beiden Großkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur unter dem Aspekt des Völkermords und der sinnlosen Zerstörung sehen. Sie sind das Ende einer mörderischen Epoche und die Geburt der Epoche der Globalisierung und Fraternisierung, hier im Sinne von Emanzipation, Gleichmachung vor allem  auch von Menschengruppen mit konstruierter Differenz oder Feindschaft gemeint. Fraternisierung fand vor allem auch im intersexuellen Bereich statt, wir erinnern an das unschöne Wort Rheinlandbastard und an die schöne Tatsache, dass es hunderttausende schwarze Deutsche erst gab, seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war. Damit wir uns nicht missverstehen: nach der äußersten mörderischsten Diskriminierung kam die schöne und weitere Schönheit hervorbringende Fraternisation. General Robertson, der britische Oberkommandierende im Nachkriegsdeutschland, forderte die amerikanischen und britischen Soldaten auf, sich als Besatzer so zu verhalten, dass den Deutschen der Besatzungs- und Gewaltzustand vergessen gemacht werden könnte. (SPIEGEL 14/1948).

Juan im Film MOONLIGHT sagt, weil er glaubt, dass Chiron vielleicht unter seiner Hautfarbe leiden könnte, dass es schwarze Menschen überall gibt. Chirons Problem ist aber nicht seine Hautfarbe, sondern sein Mangel an Sinn. er weiß nicht, wohin mit sich und seinen Tränen. Ihm bleibt nur das Zerfließen.

Aber seit Louis Armstrong ist die Kunst allgegenwärtig, wenn auch oft dem Kommerz oder einer Ideologie folgend, die Religion säkularisiert, wenn auch oft politisch instrumentalisiert, und die Schule wenigstens im Aufbruch, mal durch sinnlose Verwaltung, mal durch die eigenen Traditionen oder Inkompetenz gehemmt.

Wie hätte nun der kleine traurige Chiron und Millionen anderer trauriger Kinder etwas Besseres werden können als weicher Drogendealer oder Sklave auf dem Arbeitsmarkt, was schon beinahe ein Privileg ist?

Wir müssen eine Schule schaffen, die nicht Kübel vermeintlicher Fakten und vorgeblicher Kausalzusammenhänge über die Kinder ausschüttet oder sogar mit Trichtern zu infiltrieren versucht, sondern in der jedes Ich Ich sein kann und Wege ausprobieren, um zu dem Ich zu werden, was in der Hülle des kindlichen Ichs verborgen war. Wir sehen in dem Film und in den Wirklichkeiten unserer Welt Jugendliche doppelt scheitern – erst werden sie gemobbt und zusammengeschlagen und schlagen zusammen, dann werden sie bestenfalls Elendsdealer -, und sollten nicht endlich die Idee einer neuen Schule haben?

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG DER WELT GIBT ES NUR EINE VERTEIDIGUNG: DEN KREATIVEN AKT. [Kenneth Rexroth]

Wir müssen es wagen, Schule, Kunst und transzendente Orientierung in einer Institution zu vereinen, die so wenig wie möglich Institution und Hierarchie sein darf und in der Künstler, Priester und Lehrer und die Rezipienten als Akteure soviel ICH wie möglich entwickeln können. Wir folgen damit John Deweys learning by doing, Rezeption als Aktion. Jede Aktion hat 1000 Gründe.

Die radikale Bildungsreform wäre das Dreispartenmodell: Theater, Fußball und Scouting. Wir folgen damit Lord Baden-Powell. In der Sparte Theater finden sich alle Sprachen, die eigene und zwei oder drei Fremdsprachen, Literatur vor allem als Schreiben, Philosophie im antiken Sinn als umfassendes Nachdenken einschließlich Religion und Psychologie, Rollenspiel, aber auch Musik, Malerei, Polytechnik. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen, muss aber überall auch aushelfen. Fußball bedient den Bewegungsdrang und die Notwendigkeit der Bewegung, aber auch Strategie und Taktik, Spieltheorie, Kooperation, Teamwork und Teamgeist, Freude. Wir folgen damit Fröbel und Montessori. Es gibt natürlich Alternativen für die Fußballallergiker, ohnehin zerlegt das Training des Fußballs sich in verschiedene Sportarten, die auch einzeln gewählt werden können. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen. Die dritte Sparte schließlich ist das Scouting, das Aufsuchen der Spuren des Menschen in der Natur und der Natur im Menschen. Mathematik, Physik, Chemie, Biologie finden in der Natur statt. Die Schüler können sich spezialisieren. Spieltheorie ist die Verbindung zu den beiden anderen Sparten. Es gibt keine Prüfungen und Zensuren, sondern nur Projekte mit ausführlicher Auswertung, die erfolgreich oder weniger erfolgreich sind.

Utopisch war auch der Ersatz des Bruttosozialprodukts durch das Bruttonationalglück. Utopisch war auch die Sozialversicherung. Utopisch war auch das Fliegen oder Telefonieren, das Fernsehen, die Raumfahrt. Manchmal erscheint einem das Glück unter einem riesigen Berg von Vorurteilen frei daliegend und der Diskurs darüber ertrinkt in Worten. Man muss das Glück nur ausgraben und ergreifen.

Vielleicht ist das mit Auferstehung gemeint.

Schwerin, Ostern 2017

MOONLIGHT*

 

Nr. 235

Kafkas dekonstruierende Kinder

Wir sind ohne Vater schon beschnitten genug, aber die Sucht der Mutter – und sei es Selbstsucht – lähmt uns vollständig. Romane und Filme des coming of age gibt es viele, und einige sind sehr gut und weltberühmt. Aber oft enden sie ‚draußen vor der Tür‘, so ein berühmter coming of age Titel, zeigen den Weg aus der verrotteten Welt der Eltern, aber weiter wissen sie auch nicht. Der Leser ahnt dann, dass der Protagonist der Autor wurde, der sich eben nicht erschossen hat, sondern mit der story in der Satteltasche floh.

Chiron, ein schwarzer Junge in einer ausschließlich von Schwarzen bewohnten Gegend, wird schon als Kind Schwuchtel genannt. Auch seine Mutter, die ihm ein Leid nach dem anderen zufügt, findet ihn zu weich. Der aus Kuba eingewanderte Dealer Juan nimmt sich seiner an, als er wieder einmal von einer Meute verfolgt wird. Chirons Problem ist nicht, dass er schwarz oder Schwuchtel ist. Er ist zu weich für diese Welt und er hat zu wenige Menschen, die ihn mögen, aber Juan und seine offensichtlich ebenso kinderliebe wie kinderlose Freundin gehören ab sofort dazu. Und von Anfang an hat er einen einzigen Freund, Kevin, der ihn nicht für ein Weichei hält. Chiron erleidet die Pubertät mehr als dass er sie erlebt. Der einzige Hinweis, dass er in sexueller Hinsicht anders sein könnte, ist der zärtliche Sex, den er mit Kevin am Strand hat, aber der geht von Kevin aus und Kevin, der mit seinen Mädchengeschichten prahlt, bemerkt die Unerfahrenheit Chirons, sein fast ängstliches Suchen mit den Lippen und Händen. Und eben dieser einzige Freund Kevin wird von der ebenso bösen wie hässlichen Schulgang gezwungen, Chiron niederzuschlagen.

Chiron, auch von der Sozialarbeiterin gedemütigt, die es gut mit ihm meint, greift zu der Abwehr, die er kennt, zu der Gewalt, die ihn umgibt, zu dem einzigen Ausweg, den er in die Ecke gedrängt sehen kann, wenn er weiterleben will: er zerschlägt im Klassenraum der Highschool einen Stuhl und den Schädel des Anführers.

Kann sich der Mensch selbst erschaffen? Von Religionen und Realisten wird das vehement bestritten. Die Literatur der letzten hundert Jahre versucht dagegen den Umgang des Menschen mit sich immer konstruktiver zu zeigen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich parallel dazu Geschlechtsumwandlungen und Wandlungen vom Tod zum Leben ereignen. Orhan Pamuk hat uns gerade einen Roman** geschenkt, der einen sehr einfachen, aber desto lieberen Menschen, den Straßenhändler Mevlut Karataş in Istanbul, in eine falsche Familiengeschichte hineingeraten lässt. Er schreibt an die richtige Schwester Liebesbriefe, die aus Textbausteinen bestehen, und entführt und heiratet dann die falsche Schwester und liebt sie. Um ihn herum wird eine falsche Stadt aus Gecekondus gebaut, Hütten, die in einer Nacht errichtet werden und deshalb keiner Baugenehmigung bedürfen. Paul Auster schreibt dagegen einen, seinen, Roman*** über die Varianten des Lebens, die wir alle mehr oder weniger tatsächlich erleben. Jedes Denken ist Wunsch. Jede Biografie ist auch Traum und Zerstörung. Keineswegs benötigt man, wie ein Kritiker schrieb, eine Tabelle, um sich alle Varianten merken zu können, vielmehr wird die Persönlichkeit des kleinen Archibald  Ferguson um die Nuancen reicher und reicher, die seine Träume, Varianten und Verstellungen ausmachen. Paul Auster beruft sich schließlich auf das literarische Programm: die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer****.

Das Problem des Jungen Chiron ist nicht so sehr, dass er vom Bösen umgeben ist. Auch als er im Gefängnis ist, es bleibt offen, ob der offen böse Gangleader überlebt, ist anscheinend nicht das Böse sein Problem. Er ist so still und verschlossen, dass er zwar das typische Opfer zu sein scheint, aber er ist auch nicht offen für den breiten Weg und die breite Pforte. Überall sind die Gefängnisse voller Menschen, die schon in ihrem Unglück gefangen sind. Das Böse heute ist nicht böser, als es schon immer war, aber das Gute ist auch genauso unsichtbar wie schon immer. Das Ideal des harten Dealers ist nicht weich zu sein, wie Juan, als er den verfolgten zarten und weichen Knaben entdeckt, sondern ein Auto, das allein mit seinem Motorgeräusch die Gasse erschüttert. Der Dealer wird nicht zum Leader, obwohl das ein Anagramm und demzufolge eine wunderbare Lösung wäre. Statt dessen steckt der dealer selbst in einem zu Tränen rührenden Dilemma, wenn ihm eines seiner Opfer plötzlich statt als Schlampe als Mensch, als Mutter und eben als Opfer bewusst wird. Die Mutter hingegen mag sich lange nicht damit abfinden, dass jemand anderes, jemand besseres sich um ihr geliebtes Kind kümmert. Erst in der altersweisen Schlussszene, und das ist eine der größten Leistungen des Films, die so genannten einfachen Menschen, die Opfer der Drogen und der Gesellschaft, als weise und milde zu zeigen, obwohl sie auch hart und gewalttätig sein könnten und auch oft genug sind, erst in der altersweisen Schlussszene in der Drogenklinik bekennt sich die Mutter zu ihren Fehlern und damit zu dem notwendigen Ersatzvater Juan. Chiron fehlt, wo das höchste Ideal der Deal ist, das röhrende Auto, der Dealer als Leader, der Sinn. Ein Sinn steckt nur in tiefer Menschlichkeit, die verschiedene Quellen haben kann, Vorbild, Philosophie, Religion, Leid, Verlust, selten Gewinn. Nicht die Anwesenheit des Bösen, sondern die Abwesenheit des Guten ist das Problem für Menschen in unbehüteten Verhältnissen. Die Sinnleere ist die schlimmste Lehre, die ein Mensch erfahren kann.

Auch filmisch ist MOONLIGHT ein Meisterwerk. Besonders stark sind die inszenatorischen Stanley Kubrick Zitate. Die Gewaltszenen dehnen sich unendlich, unaushaltbar, teilweise ohne Ton, teilweise mit klassischer Musik oder hip hop unterlegt. Die Taufszene, Chiron lernt in den Armen von Juan schwimmen, ist der Schlüssel zum Verständnis des Lebens: nur, wer schwimmen kann, kann das schmutzige feindliche Meer des Lebens überstehen. Irgendwann, sagt Juan zu Chiron, musst du dich entscheiden, wer du bist. Es gibt ein kleines Castingproblem, in dem weder Chiron noch Kevin als Erwachsene richtig gut zu erkennen sind. Die erwachsenen Schauspieler haben das aber mit großem darstellerischen Können überspielt: sie ahmen die Gesten, die Mimik, die Bewegungen ihrer jüngeren Kollegen meisterhaft nach. Wir Menschen bestehen in der Tat nicht nur aus Aussehen, sondern auch aus Charakter und Taten. Der hart-weiche Drogendealer Chiron mit dem noch größeren Auto ist immer noch das sensible motherless child aus dem Blues und aus dem griechischen Mythos, zu Tränen fähig und trotzdem im Leben verankert, wenn auch im falschen. Mit Paul Austers Protagonisten Ferguson könnte er sagen: ‚Ich bin du. Wer sollte ich denn sonst sein?‘ Das ist deshalb kein Film über Schwule oder Schwulsein, sondern über die Konstruktion des Menschen, der immer eine Dekonstruktion vorausgehen muss. Es gibt wohl doch ein richtiges Leben im falschen.

 

 

*          MOONLIGHT von Barry Jenkins, nach dem Theaterstück von Terell Alvin                           McCraney, 2016

**        Orhan Pamuk, DIESE FREMDHEIT IN MIR, 2014

***       Paul Auster, 4321, 2017

****     Franz Kafka, DIE VERWANDLUNG, 1912

 

FILTERANGST

 

Nr. 234

Wer etwas sagt, will den Hörer erreichen, wenn nicht gar verändern. Aber er verändert sich auch selbst. Das Gehörte wirkt zurück. Das alte Aktion-Reaktion-Schema war nicht falsch, sondern nur zu einfach. Ganz ähnlich war das geozentrische Weltbild eine vereinfachte, empirische Sicht. Das Auge sieht nicht nur, sondern es projiziert auch unsere Sicht. Wir sehen etwas, und das Gesehene verändert sich. Viele Menschen projizieren das Gute, das sie tun wollen, auf den, der es tut. Das gilt – leider – und selbstverständlich auch umgekehrt: Viele Menschen projizieren das Schlechte, das sie tun wollen, auf den, der es tut. Sie stehen am Straßenrand und freuen sich über die Rache, zu der sie nicht fähig sind, vielleicht weil sie schwach sind, vielleicht aber auch, weil das starke und gute Prinzip des Verzichts auf Rache in ihnen wirkmächtig ist.

Das Automobil bleibt die passende Metapher. Es war der Traum der Menschheit von Freiheit. Allerdings ist er nicht allein durch ein einziges Vehikel zu verwirklichen. Dazu tritt noch der Mangel an Freizeit und Freizügigkeit, der überwunden werden muss. Ein allgemeiner Wohlstand musste eintreten, bis der Traum vom Ford für jeden, vom Volkswagen, verwirklicht werden konnte. Inzwischen zeigt sich, dass die Abhängigkeit vom Erdöl, von einer großen Geldmenge, die man jederzeit zur Verfügung haben muss,  von Autobahnen Reparaturwerkstätten, Raststätten, Verkehrsregeln vielleicht schwerer wiegt als die Maximierung der Freiheit. Bei dieser Rechnung sind aber die Pferde, nach denen immer noch die Stärke der Automobile gemessen wird, unbeachtet geblieben. Zwar, so mögen einige argumentieren, gibt es heute viel weniger dieser schönen Tiere, aber, so halten wir dagegen, sie werden auch viel weniger gequält. Man kann sich die Allgegenwart der Pferde vor etwas mehr als hundert Jahren nicht mehr vorstellen. Jeder Mensch, jede Ware, jeder Gedanke wurde durch Pferde bewegt. Am schändlichsten war der tausendjährige Missbrauch der Pferde für Kriege. Im ersten Weltkrieg sind mindestens zwanzig Millionen Pferde eingesetzt worden, zehn Millionen starben. Ein Artilleriepferd hatte eine durchschnittliche Lebensdauer von zehn Tagen.

Das Leid aller dieser Tiere wurde durch das Automobil verhindert. Der Diesel- oder Benzinmotor wird durch den lange vorher erfundenen Elektromotor ersetzt werden, der Individualverkehr durch einen öffentlichen Verkehr.

Aber wer ersetzt die Echokammern in den sozialen Medien durch die Wahrheit? Es ist uns immer noch nicht bewusst, dass es die ‚Wahrheit‘ nicht gibt. Wir haben all die tausenden von Jahren vor den sozialen Medien auch mit Filterblasen gelebt. Aber so, wie sich der Verkehr durch das Automobil individualisierte, individualisierte sich auch das, was wir für einen Fakt, für eine Wahrheit halten. Große Interessengruppen haben früher mit Argumenten und Gewalt daran gearbeitet, dass wir, die einfachen Menschen, genau das glauben, was als Wahrheit ausgegeben wird. Wahrheit wäre ja die vollständige Übereinstimmung des Fakts mit dem Gedanken. Aber dazwischen war doch auch früher schon das Auge, das Gehirn mit seinen Erfahrungen, der Wortschatz mit seinen Ungenauigkeiten, die Übertragung des Wortes. Das informationelle Weltall hat schon immer gerauscht, daran haben weder die elektromagnetischen Ultrakurzwellen noch die Bündelung von Informationen in riesigen Algorithmenkäfigen etwas geändert. Geändert hat sich die Reichweite des Reiseverkehrs und des Verkehrs der Gedanken. Geändert haben sich die Geschwindigkeiten. Geblieben ist die Angst.

Wir wollen nicht, dass sich fake news ausbreiten, aber wir wollen auch nicht, dass sie einer daran hindert. Gesinnungsterror ist das Merkmal jeder Diktatur. Wir wissen heute, dass die Hexen nur aufgrund von Denunziationen verbrannt werden konnten. Juden wurden von ihren Nachbarn angezeigt und ausgeraubt. Man kann jede menschliche Gruppe diskriminieren und denunzieren. Die Gestapo oder Stasi ist in jedem selbst.

Mit dem Mangel an Medien gab es auch einen Mangel an Wahrheiten und Lügen. Daher hat sich in uns allen die Vorstellung der einen Wahrheit und der einen Lüge festgesetzt. Wir alle erkennen Notlügen, Lügen aus taktischen Gründen. Wir erkennen sie nicht nur, wir erkennen sie auch an. Die Demokratie, die ja den gesamten technischem Fortschritt seit vielleicht einhundertfünfzig Jahren begleitet, hat aber auch den Weg freigemacht für Minderheiten, für Wahrheiten, die der Allgemeinheit nicht schmecken. Das religiöse Bild vom schmalen Pfad der Wahrheit und main stream der Unglaubwürdigkeit hat sich neben der auf Mehrheiten basierenden Demokratie breitgemacht. Käme durch die Zeitmaschine ein toter Nazi auf dem Marktplatz von Saarbrücken oder Senftenberg an, würde er fragen, ja, was denn nun? Erkenntnistheoretisch sind wir alle Nazis, indem wir glauben wollen, dass einer die Wahrheit weiß. Wer Schwarze oder Schwule als gleichberechtigte Mitbürger haben will, muss auch mit Nazis leben. Man kann nicht auf der einen Seite aussortieren, was man auf der anderen Seite haben will. Die Welt ist nicht in links und rechts oder schwarz und weiß gespalten. Spaltungen sind immer zeitlich begrenzt, Vereinigungen aber auch. Wer sich Algorithmen als Mentoren wünscht, hat nicht verstanden, dass Facebook keine Quelle, sondern ein Echo ist.

Die Umwandlungen von Gedanken in Worte und von Worten in Botschaften einerseits und elektrische Signale und elektromagnetische Wellen andererseits ist von Unschärfen begleitet. Diese Unschärfen hat es schon immer gegeben. Stellen wir uns einfach vor, einer unserer Vorfahren rief seinen Kollegen zu, dass im Hohlweg ein Bär steht, so war das nicht nur eine Warnung, sondern auch eine Quelle von Missverständnissen. Wir kennen alle den berühmten Satz von Antoine de Saint-Exupery. Vielleicht fand er ihn über dem Mittelmeer, als sein Funkgerät rauschte. Ein Funkgerät, das SOS sendet, hofft, dass es für eine Quelle gehalten wird. Wie oft liest man aber in Todesanzeigen, dass der Tod für den oder jenen eine Erlösung gewesen sei.

So ist es heute: Jemand ruft, dass der Papst Trump unterstützt oder Erdoğan ein Kurde ist oder die Merkel in direkter Linie von Rothschild abstammt und gesteuert wird. Manche glauben es und andere glauben es nicht. Alle drei willkürlichen Aussagen, davon abgesehen, dass es keine Wahrheiten sind, beruhen auch auf einer falschen Grundvoraussetzung, dass nämlich Herkunft wichtiger sei als Gegenwart oder Zukunft.

Damals sagten die Menschen take care und heute sollten sie es auch sagen und meinen und glauben.