VERSCHLEISS DER DINGE UND GEDANKEN

 

Nr. 238

Beziehungen erkalten, Telefone und Regierungen veralten. Aber was ist mit den linken und rechten schönen und alten Sätzen, die aus dem Protest gegen den jeweiligen Zeitgeist kreiert wurden und immer richtig waren? Ist das Medium nicht mehr die Botschaft? Stimmt der Satz, mit all den neuen Medien, nicht mehr denn je? Und gibt es plötzlich ein richtiges Leben im falschen? Braucht Zukunft keine Herkunft mehr? Das sind alles Sprüche, die zurückweisen, einmal zeitlich in die Vergangenheit zurückweisen zum anderen aber, und das ist bei den beiden linken Sprüchen mehr als verwunderlich, Menschen zurückweisen.

Wenn wir den neuen Medien unterstellen, dass sie selbst die Botschaft wären und keine Botschaften beförderten, unterstellen wir gleichzeitig ihren Benutzern, dass sie gar keine Botschaften hätten. Aber was soll daran neu sein? Man kann mit Rauchzeichen nichts sagen und mit dem Smartphone. Man kann mit einem Pistolenschuss ein ganzes Jahrhundert verheeren, während es Bürgerkriege gibt, die völlig ergebnis- und ereignislos fünfzig Jahre vor sich hin dämmern. Leider ist es uns mit der Demokratie auch so ergangen. Wir haben sie jahre- und jahrzehntelang als Ende der Geschichte (Hegel, Fukuyama) gefeiert und als alternativlos dargestellt, bis sie wahrscheinlich jenen Menschen überdrüssig wurde, die in ihr so gut wie nicht mehr vorkamen. Überall ist, ebenfalls seit Jahrzehnten, die traditionelle Trennung zwischen rechts und links aufgehoben, versandet, in der Mitte zusammengeflossen. Alle Parteien bezeichnen sich als große Volksparteien. In Deutschland sind die Grünen die einzige Parteigründung gewesen, die einen neuen, nicht am Rechtslinks-Schema orientierten Identitätsaspekt in die Politik eingebracht haben, auch neue Formen der politischen Auseinandersetzung, aber dann sind sie auf einem Gebiet in das Muster der anderen Parteien gefallen, das vermeidbar gewesen wäre: sie sind inzwischen auch eine gutbürgerliche Partei, die von Greisen geführt wird.  Greise merken nicht, dass sie alt werden und alt sind. Da man sich nur von innen sieht, kann man seine Wirkung auf andere schlecht abschätzen. Auch Selfies scheinen da nicht zu helfen. Es ist auch kein Trost, dass die ehemalige Arbeiterpartei allen Ernstes einen Hoffnungsträger präsentiert, der noch zwei Jahre bis zur Rente seine Hoffnungen verbreiten kann. Auch die eiserne und ewige Kanzlerin hat die Grenze zur Rente bereits überschritten. Bei der Linken weiß man gar nicht, wer der große Vorsitzende ist, es reden nach wie vor nur Gysi und Lafontaine, allenfalls noch dessen verwirrte Gattin. Nur die FDP hat einen jüngeren Vorsitzenden, aber dafür ist er doppelt so wirkungslos.

Die Demokratie ist zu kompliziert, um als alternativlose ewige Wahrheit durchzugehen. Das gilt selbst dann, wenn die Ergebnisse eineindeutig sind: in Deutschland lebende türkische Staatsbürger bevorzugen nach wie vor ein autoritäres System, das wirtschaftlich am Boden liegt, vor einer wirtschaftlich vorzüglich und mit großem Gewinn funktionierenden Demokratie, in der sie sich nicht erkennen. Offensichtlich führen die neuen Medien, Internet mit Smartphone gekoppelt, zu einer neuen Spiegel- oder Resonanzwahrnehmung ihrer Benutzer. Plötzlich erkennt der absurdeste Gedanke, dass er nicht allein ist. Es ist inzwischen absolut üblich geworden, selbst evidenten Fakten zu widerstehen. Trump ist da nur ein prominentes Beispiel. Er hat, nicht nur in Amerika, viele follower.

Auf all das weiß die Demokratie nicht nur keine Antwort, sie hat noch nicht einmal bemerkt, dass da eine Frage ist. Sie macht einfach weiter so wie bisher. Macht macht krank, auch einer von diesen Sprüchen, aber sie macht scheinbar auch blind, besoffen, niederträchtig und handlungsunfähig. Nach wie vor gibt es Botschaften, wenn auch wenige, so wie Visionen, die natürlicherweise proportional zu den gelösten Problemen abnehmen. Es gibt aber wesentlich mehr Medien, die auch Risiken und Nebenwirkungen haben, und zwar nicht nur für die abfällig user genannten Mitbürger, sondern scheinbar auch für die Medien, die Politik, den Konsum, die Produktion, die Wirtschaft insgesamt, die Beziehungen der Staaten untereinander, für Krieg und Frieden. Es ist nichts anderes als das schon oft besprochene WARUM-Mirakel.

Noch falscher, und zwar schon immer, ist der Satz, dass es angeblich kein richtiges Leben im falschen gäbe. Es gibt kein richtiges Leben. Es gibt kein falsches Leben. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen. Scheinbar sind auch im Exil lebende und schreibende Großphilosophen nicht vor solchen Fundamentalfehlern gefeit. Um es ganz krass zu sagen: Wenn ich gedanklich zulasse, Nationalsozialisten als  falsche Menschen zu definieren, dann gebe ich denselben Nationalsozialisten recht, die Juden oder die Kommunisten als die möglichen falschen Menschen erkannt zu haben. Das gleiche, möchte man fast Lessing zitierend weitersagen, gilt für die Kommunisten oder Demokraten. Mit dem Wort Abschaum ist es noch leichter. Wer andere Menschen als Abschaum bezeichnet, gibt denen recht, die ihn Abschaum nennen. Jeder, der latte macchiato trinkt, weiß wie dumm dieses Bild obendrein ist.

Herschel Grünspan ist nach wie vor ein wunderbares und gleichzeitig ganz falsches Beispiel für das Falsche, das richtig sein kann, und das Richtige, das falsch sein kann. Gewalt ist immer falsch, und wenn er den Botschaftsrat tatsächlich aus einer sexuellen Begegnung kannte, ist sie, falls das steigerungsfähig ist, noch falscher. Wenn man aber andererseits bedenkt, dass er in den Zeitungen las, dass er selbst und seine Familie plötzlich staatenlos, rechtlos, von einer Partei zudem heimatlos gemacht worden waren, die ständig von Heimat und Vaterland schwafelte und sich im selben Atemzug anschickte, genau das alles nicht etwa nur für die Juden oder die deutschen, sondern für alle Europäer kaputt zu schlagen, so wie es in ihren grausigen Liedern auch hieß. Man kann sich eben nicht bedenkenlos dort niederlassen, wo gesungen wird. Auch böse Menschen haben Lieder. Also hat ein siebzehnjähriger trauriger Junge etwas getan, das bei anderen als große Widerstandstat gefeiert wird. Auf jeden Fall hat er etwas getan, was weit über die übliche moralische Entrüstung hinausgeht, die derselbe Marshall McLuhan, von dem die dem Medium innewohnende Botschaft stammt, als die Würde der Idioten bezeichnet hat. Diese Empörung, gerne auch mit der Forderung nach Petitionen gegen Tierquälerei im Süden Marokkos, ist ein neuer Zeitvertreib geworden. Der Glaube kompetent zu sein verstärkt sich durch das mediale Echo, das fast immer nur ein Spiegel des eigenen Gestammels ist, und die Empörung hält sich für eine Heldentat. Die Zukunft braucht kompetente Menschen, die etwas ganz einfaches von Herzen gern tun, und nicht Spekulationen darüber, ob ihr Leben falsch sei, ob sie falsch seien, ob ihre Medien Botschaften haben oder sind und was ihre Eltern oder Großeltern waren.

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