UNVERSCHÄMTHEIT DER ÄMTER

 

Nr. 239

Im berühmten Hamlet-Monolog und im nicht minder berühmten Sonett 66 vom berühmtesten Shakespeare freut sich jeder über die Zeile von der Unverschämtheit und der Lähmung Amtsanmaßung, es wäre ein Wunder, wenn wir kein eigenes Wort dafür hätten. Geht man heute in ein Amt, so ist es auf der einen Seite die Überfüllung, ob nun tatsächlich durch Personalmangel oder eher nicht so effektive Logistik, auf der anderen Seite aber eindeutig die Überbehütung, das overprotecting, was uns ärgern kann. Wir sind aus Schäfchen der Kirchen, die wir einst waren, zu Stichlingsschwärmen des Staates in einem Großaquarium geworden. zwar sind wir maximal behütet, aber auch denkbar eingeschränkt. Je besser wir leben, desto weniger empfinden wir unsere süße Gefangenschaft, vielmehr ist sie mit einer guten Ehe vergleichbar, in der die Ehepartner derart ähnlich und voneinander abhängig werden, dass man sie nicht unterscheiden kann. Der Verdruss kommt durch die Armut und andere Hilflosigkeit. Nun könnte man einwenden, dass es gleichgültig sei, ob man in einem over- oder in einem underprotecting System verdrossen sei. Jedoch glaubte der Arme früher an die Natürlichkeit des Standesunterschieds, heute dagegen glaubt er an einen Gerechtigkeitsmangel. Da er, wie der Wohlhabendere, ununterbrochen von Ämtern segensreich beschattet wird, muss aus seiner Sicht ein Fehler vorliegen, denn bei soviel Aufmerksamkeit so wenig Geld zu haben, kann nicht an ihm liegen. Fehler bei anderen anstatt bei sich zu suchen, ist nun aber ganz und gar kein Anzeichen der Moderne, sondern so alt wie die Menschheit.

Wie unser ganzes schönes Bürokratiesystem auf Neuankömmlinge wirkt, können wir nicht wissen, sondern nur ahnen. Ein Flüchtling, der DUBLIN III verstanden hat, geht fast jeden Tag auf irgend ein Amt. Aber wenn alle diese Ämterbesuche eines fernen Tages erfolgreich waren, sieht er sich nach Arbeit um. Im Gegensatz zur Meinung der AfD und anderer rechter Minderheiten kann er sich ohnehin nur für Arbeiten und Ausbildungen bewerben, in denen es nicht genügend – verkürzt ausgedrückt – deutsche Nachfragen gibt. Wenn dies alles zutrifft, sieht er sich einem Labyrinth von Ämtern und amtlichen Zugriffen ausgesetzt, die er unmöglich selbst bewältigen kann, zumal der eine Fallmanager oft nicht weiß, wie zum Beispiel der Quartier- oder der Gesundheitsmanager entscheiden werden oder entscheiden können.

Arbeitsteilung und Spezialisierung sind ganz sicher wirkungsvolle Instrumente unseres Erfolgs. Aber ab einer bestimmten Stufe wirken sie zurück, verweisen auf sich selbst, beschäftigen sich nur noch mit sich selbst. So wie viele Gruppen von Menschen immer mehr dazu tendieren, nur noch mit sich selbst zu kommunizieren, wodurch die Zustimmungsquote enorm steigt. Die Krise der Demokratie, die wir im Moment durchleben, hat möglicherweise genau die gleiche Ursache. Immer mehr Aufteilung der Verantwortlichkeiten führen letztendlich dazu, dass keiner mehr verantwortlich ist und die Menschen sich einen großen Guru suchen, der behauptet, dass er nicht nur alles weiß, sondern auch alles kann und alles machen wird. Das ist kein türkisches Problem.

Aber die Lösungen all unserer Probleme liegen nicht hinter uns, sondern vor uns. Es ist wenig hilfreich, immer wieder festzustellen, wer schuld ist, hat oder hatte, was gestern besser oder schlechter war. Geschichte ist interessant, man kann auch aus ihr lernen. Aber zur Lösung unserer Probleme braucht es Zuversicht und Mut. Die Demokratie selbst hat sich gegen alle Gestrigkeiten, ob sie Himmler hießen oder Spiegelaffäre oder 2. Juni durchsetzen müssen und auch durchgesetzt. Oft ist das einzige Gegenargument ‚man macht das nicht‘ oder ‚der ist schuld‘. Wir haben das schon als Kinder nicht eingesehen. Das Leben ist ein kompliziertes Geflecht aus Tradition und Innovation, aus Freiheit und Ordnung, aber daraus darf man nie schließen, dass Stillstand eine Option wäre. Die Wirkung des Chaos wurde früher maßlos überschätzt. Daher kommt aber die Gegenwehr, der staatliche  Terror, der wiederum den individuellen Terror hervorbringt. Je weniger Gewalt der Staat einsetzt, desto friedlicher werden seine Bürger. Der Mut zur radikalen Lösung und zu der Erkenntnis, dass jede Lösung ein Kompromiss und eine Zwischenlösung ist, erzeugt auf der Gegenseite ebenfalls den Mut, den die Zukunft von uns braucht.

Wir könnten endlich über wirkliche Neuerungen nachdenken: wenn wir zum Beispiel jedem Flüchtling eine Paten beigeben würden, müssten sich nicht ein Dutzend Fallmanager immer wieder in den Fall eindenken. Wenn wir zum Beispiel ältere Menschen Pfandfalschen entgegennehmen und Glocken läuten lassen würden, könnte die Verantwortung gestärkt werden. Konsumieren können ist eine große Errungenschaft, aber produzieren, und sei es Gemeinsinn, ist der eindeutig höhere Gewinn.

Die Gesellschaft sollte sich ein türkische Hochzeit zum Vorbild nehmen: zwei große Clans von Verwandten und Freunden vermischen sich, und nicht das Essen steht im Vordergrund, sondern das Zusammensein und der Rhythmus der Annäherung.

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