ZÄHL DEIN GLÜCK DOPPELT

 

 

Nr. 243

 

Viele Menschen glauben, dass die Welt immer schlechter, böser, ungerechter, ärmer und kriegerischer wird. Zu Anwälten dieser Ansicht haben sich die Billigmedien, aber auch diejenigen Religionsvertreter gemacht, die Angst haben, vor leeren Bankreihen zu predigen. Apokalyptische Ängste sitzen tief in uns, wahrscheinlich seit dem Neolithikum. Unsere Vorfahren haben aus ihrer Angst Kunst und Religion, vielleicht auch Wissenschaft gemacht. Und dieses Dreigespann zieht heute noch den Karren der Menschheit durch den Schlamm der Ängste und Befürchtungen. Kein Mensch greift zum Lexikon oder zur Bibel, wenn er Angst vor für ihn konkreten Erscheinungen des Lebens hat.

Das zwanzigste Jahrhundert hat in Europa eine ganze Reihe von Umbrüchen erleben lassen, die die Menschen nicht nur tief verunsichert haben, sondern auch atavistische Ängste verstärkten. Bei jedem steinalten Menschen, der in Deutschland stirbt, zählen wir die politischen oder ideologischen Systeme, die er durchlebt und oft auch durchlitten hat. 2008 starb ein Mensch namens Franz Künstler, der mit 108 Jahren der älteste noch lebende Teilnehmer am ersten Weltkrieg war, er stammte aus Siebenbürgen. Nach einem anderen Franz Künstler ist Berlin-Kreuzberg eine Straße und war in Ostberlin ein Reichsbahnausbesserungswerk benannt. Überlegen wir, welche politischen Komplikationen in diesen beiden Sätzen versteckt sind.

Die Reanimation uralter Ängste hat immer Hochkonjunktur, wenn eine sicher geglaubte Periode zuende geht. Man kann es im Moment gut beobachten. Seit dem Sturz des Kommunismus hat Europa ein Phase der Stabilität durchlebt. Regierungen hielten, was sie versprachen, so schien es uns, den Bürgern. Wenn wir aber untersuchen würden, wie hoch der Anteil Helmut Kohls an der Wiedervereinigung vor dem Fall der Mauer war, so würden wir auf einen Wert nahe Null kommen. Helmut Kohl gehörte vielmehr zu den Realpolitikern, die mit Gegebenheiten gut umgehen konnten, vor Visionen und Erscheinungen aber zurückschreckten. So hatte er die neue Ostpolitik Willy Brandts bekämpft, aber 1987 die DDR mit Krediten gestützt und Honecker in Bonn, wenn auch mit Widerwillen, empfangen, obwohl der seinem Amtsvorgänger in Güstrow eine Geisterstadt, heute würden wir sagen ein Fake, vorgesetzt hatte.

Ängste und Fakten sind also nicht immer kausal verbunden. Ängste können zu Fakten werden, wenn sie gemacht sind. Der Fall der vielgescholtenen Medien klärt sich aber ganz leicht durch einen immer wieder kolportierten Irrtum. Viele Menschen glauben, dass die Medien einen Auftrag zur Versorgung mit Informationen haben. Das ist aber nicht so, wie man an zwei einfachen Beispielen zeigen kann. Stellen wir uns vor, wir würden morgen eine Zeitung gründen, was keine gute Idee wäre, wenn wir nicht eine große Summe Geldes im Lotto gewonnen hätten. Stellen wir uns weiter vor, die Zeitung wäre wider Erwarten erfolgreich. Es gibt in einem freien Land keine Kontrolle, höchstens eine Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit und zum Dementi. Das einzige Beispiel einer verbotenen Zeitung war die Spiegelaffäre, und sie endete bekanntlich mit einer unfassbaren Solidarität der Medien untereinander und dem völligen Fiasko einer Regierung, die Demokratie noch nicht recht verinnerlicht hatte. Die Medien sind kein Subjekt, oder wenn sie eins sind, dann ein heterogenes, zu dem ab morgen der BRÜSSOWER GENERALANZEIGER gehören könnte, der sich nicht nach der SÜDDEUTSCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG richten und auch nicht zur Bundespressekonferenz erscheinen wird. Seit Adam Smith wissen wir, dass der Bäcker an der Ecke keinen Versorgungsauftrag hat, sondern selber überleben will. Deshalb bäckt er. Deshalb druckt er, könnte man ebenso von dem Zeitungsunternehmer sagen. Und deshalb sind sie beide mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Lord Rothschild oder Lord Zuckerberg gesteuert. Trotz dieser hohen, an Sicherheiten grenzenden Wahrscheinlichkeit, gibt es immer um die zehn Prozent Leichtgläubige, die hinter jedem Zusammenhang einen Kausalzusammenhang wittern, hinter jeder Ähnlichkeit eine Verschwörung. Das Subjekt dieser Verschwörung suchen sie hingegen nicht. Statt sinnloser Suche hilft manchmal Vertrauen.

Beinahe noch schwieriger gestaltet sich die Bilanz unseres privaten Glücks und Unglücks. Genauso wie die finsteren Verschwörer in der Gesellschaft, sind wir in unserer Seele geneigt, das Unglück zu zählen und nachhaltig zu verankern. Das Glück hingegen, das manchmal nur in Gestalt eines kleinen Lächelns in einem Tsunami erscheint, wird von uns gerne ignoriert.

Die Gemeinsamkeit liegt im fehlenden Subjekt. Würden wir verfolgt, vom Pech, vom Finanzamt, vom Fahrkartenkontrolleur, vom Dachziegel, so müssten alle diese und die unzähligen weiter möglichen Elemente ein gemeinsames Subjekt haben. Die Religionen bieten hierfür Gott an. Aber es scheint so, dass die falsche anthropomorphe Gottesvorstellung hier ihren unsinnigen Tiefpunkt findet. Ein Gott, der einerseits jeder Ameise den Weg ebnet, soll jedem Menschen Steine vor die Füße werfen? Hiob ist vielmehr eine Metapher für einen Menschen, der sich erstens selber treu bleibt und zweitens an etwas Höheres glaubt als an sich selber und Reichtum oder Unglück. Hiob ist gerade das Gegenbeispiel. Er glaubt nicht an Verfolgung. Die Vorstellung des strafenden Gottes findet ihre Materialisation auch in den Worten Vater oder Herr. Der Mensch, der sich nach Autoritäten sehnt, findet auch welche. Besser ist es wohl, auf die kollektive Vernunft der Menschheit zu setzen. Dafür stehen die Zeichen gerade günstig. Wir haben uns sowohl informativ als auch real eine Welt geschaffen, deren Distanzen leicht überbrückbar sind. Das Zeitalter der Kriege und Lügen ist vorbei. Was wir erleben, ist ein gigantischer Umbruch. Unsere Marmelade kommt aus Neuguinea, eine Idee aus Gambia, von dem wir früher noch nicht einmal wussten, dass es existiert, unser Nachbar ist aus Eritrea. Wenn das Telefon klingelt, sind wir in Südamerika.

Wir könnten zu dieser Sicht der Globalisierung und Gerechtigkeit beitragen, wenn wir, statt unser Unglück zu zählen, eine Liste des Glücks schrieben, auf der wir jeden Punkt doppelt zählten, so dass eventuelle, von uns meist auch übertriebene Pechbausteine sich von selbst halbierten. Wir sind satt. Wir sind zufrieden. Wir lieben jemanden (‚ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund…‘). Wir reisen. Wir lesen. Wir genießen Kunst. Wir können frei unsere Religion und unsere Sexualität wählen. Wir können sogar unsere Regierung wählen und abwählen, nur wir tun es nicht, aus Angst, aus Trägheit, aus apokalyptischem Wahn.

Ich kenne einen jungen Menschen aus einem schrecklichen Land mit unerträglicher Armut und einer verbrecherischen Regierung. Er kommt aus einer großen Familie. Er kommt in das kalte und verjammerte Deutschland und findet hier, abgesehen von seinen Landsleuten, auf Anhieb drei Menschen, die ihm helfen. Jetzt steht er glücklich auf Fotos herum. Glück und Freundlichkeit strahlen aus und machen andere Menschen auch glücklich und freundlich.

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GEDANKENGANG

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IM JOCH DER VORURTEILE

 

Nr. 242

Als das Joch noch ein im Leben vorhandener, sozusagen lebendiger Gegenstand war, war es auch als Metapher allgegenwärtig. All die Pferde, Ochsen, Ziegen und Hunde, die ins Joch gespannt wurden, um die Lasten der Menschen zu ziehen, sind durch Motore und Vehikel ersetzt. Immer geht mit einer neuen Erfindung die Verheißung der Freiheit einher. Fliegen wurde (‚frei wie ein Vogel‘) Jahrtausende lang fast als Synonym für Freiheit benutzt. Verdienstvolle Menschen opferten sich, wenn es ihnen vielleicht auch nicht bewusst war, um diesem Traum von Freiheit näher zu kommen. Lange vor Lilienthal aus Anklam und Berblinger aus Ulm flog Abbas Ibn Firnas bei Cordoba in die Katastrophe und Ahmet Celebi über den Bosporus, wurde aber als Ketzer in die Wüste geschickt. Heute fliegen Millionen Marmeladengläser aus Neuguinea, Kiwis aus Neuseeland oder Büroklammern aus China auf der einen Seite, Millionen Urlauber von ihren Plattenbausiedlungen oder jedenfalls aus ihren Großstädten in eigens für sie gebaute Ghettohotelkomplexe auf der anderen Seite. Nur Flüchtlinge benutzen noch antike Boote.

Die Globalisierung wird indessen wieder von großen Gruppen als Fluch oder Joch angesehen. Sie glauben, dass die Globalisierung ein Machwerk großer Konzerne sei, um die Menschheit erstens in den Griff zu bekommen und zweitens nach allen Möglichkeiten auszubeuten, wenn nicht gar zu versklaven.

Der Ochse konnte in der Tat nicht aus seinem Joch heraus. Er starb im Joch, auf dem Feld und wurde vom nächsten Ochsen in die Küche gezogen. Der Mensch dagegen begibt sich mehr oder weniger freiwillig, manchmal durch Unachtsamkeit, durch den Glauben an Versprechungen, durch  verlogene Herrscher oder Umstände, die er zu lange geduldet hat, in jochähnliche Zustände, aus denen er dann nicht glaubt, sich jemals wieder befreien zu können. Der Sklave, der aus widrigen Verhältnissen fliehen will, braucht nicht nur Maxima an Mut und Kraft, sondern auch an Empathie und Navigation. Der germanische Gladiator, den Seneca beschreibt, der keinen Ausweg sah, als mit der in den Hals gerammten Fäkalstange dem unausweichlichen und unwürdigen  Tod in der Arena zuvorzukommen, wird als Vorbild gerne verworfen. So viele Jahrhunderte haben wir Menschen darüber nachgedacht, um endlich vor dem Wort ‚Würde‘ zu erschauern. Lieber sagen wir, wir kennen es nicht, als dass wir anerkennen, dass es der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben ist.

Als innovator’s dilemma bezeichnet man die eigenartige Umkehrung, dass auch der Erfinder des Neuen, der Innovator veraltet und es selbst nicht merkt, weil sein Bewusstsein ihm unauslöschlich eingebrannt hat, dass er der Wegweiser ist. Aber es gibt auch ein Dilemma der Menschheit, das darin besteht, aus einem Joch in das andere zu fallen. Die Quälerei der Pferde und Ochsen in ihren Jochen mag mehr Menschen aufgefallen sein als dem schon kranken Oberphilosophen Nietzsche, der darüber zusammengebrochen ist. Demzufolge wurden die Eisenbahn, das Automobil und das Flugzeug als Befreiung angesehen, ihre Benutzung und ihr Besitz gar als Freiheit. Das ist genauso falsch, wie die Arbeit als Joch zu begreifen.

Arbeit ist genauso Nahrungs- wie Sinnbeschaffung. Tiere unterscheiden sich vom Menschen nicht durch Denken oder Fühlen, sondern dadurch, dass bei ihnen individuell Nahrungssuche und Sinn zusammenfallen, evolutionär dagegen Sinn und Funktion im Biotop. Ein Reh auf einer Waldwiese benötigt den ganzen Tag, um genau die Energie zu sammeln, die es verbraucht. Da ist kein Sinndefizit. Evolutionär gehört es in die berühmte Nahrungskette, rettet Gras und wird vom Wolf gerettet. Der Mensch dagegen  hat sich von sich selbst entfremdet, indem er sich ein Dach über dem Kopf baute und das bedeutet, dass er sich von den unmittelbaren Umständen, die optimal für ihn wären, räumlich entfernen kann. Sein Schlüsselwort ist der Vorrat, der beim Eichhörnchen und beim Hamster schon angedeutet ist, mit denen wir eng verwandt sind. Ein Supermarkt ist nichts anderes als das Lager des Hamsters oder die Scheune des Neolithikers. Die Tabakscheunen der Hugenotten in der Uckermark zeigen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, er muss sich auch betäuben. Parallel dazu, mit dem verlorenen Sinn, wurden auch Sinnsubstitute errichtet. Nicht zufällig sind die ersten Tempel baulich identisch mit Markthallen, nämlich der römische Basilikatyp. Wenn man noch weiter bedenkt, dass wir heute mit Markt unsere gesamte komplexe und globalisierte Wirtschaft meinen, dann haben wir uns einerseits nicht weit von unseren Vorfahren vor tausenden Jahren entfernt, andererseits aber wird unsere Sinnsuche klarer. Je straffer der Sinn organisiert war, desto weniger haben wir sein Fehlen bemerkt.

Das Joch ist also keineswegs etwas Negatives. Der Ochse bekommt sein Futter. Der Sklave muss über nichts nachdenken, wenn er Freiheit nicht als Mangel fühlt. Der Mensch in der Diktatur bequemt sich den bizarren Ideologien seiner Führer an, wenn er seine tägliche Banane erhält.

In diesem Gedanken liegt auch der Schlüssel für unsere Unzufriedenheit. Wir wollen alles technisch verbessern und verbessern es auch. Aber mit jeder Maschine, die wir benutzen, geht auch ein bisschen Sinn verloren. Deshalb glauben so viele Menschen, dass früher alles besser war. Es ist also nicht nur eine Generationsfrage und ein Problem billigster Medien, sondern auch ein Mangel an Sinn. Sinn ist aber auch wieder kein Regelwerk. Man muss nicht in eine bestimmte Himmelsrichtung blicken, um zu erkennen, dass der Nachbar Hilfe braucht. Ein Gott der gelobt werden will, ist eine anthropomorphe Karikatur. Ein Gott dagegen, der uns anstiftet, Gutes zu tun, die Welt zu verbessern, Sinn und Navigation zu spenden, der steht in allen Schriften aller Philosophen und Propheten.

Aus all dem könnte man leicht schlussfolgern, dass der Mensch wie die von dem kleinen Orwell durchschnittene Wespe sei, die erst, nachdem sie sinnlos geschlungen hat, bemerkt, dass ihr die wichtigere (?) Hälfte fehlt. Es ist moralisch verwerflich, Wespen oder andere Lebewesen zu zerstückeln. Es gibt keine wichtigere Hälfte. Wir müssen immer wieder neu einen Sinn suchen. Dabei können Religionen helfen, Philosophien, überhaupt Narrative. Wer will denn unterscheiden, ob die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, eine Geschichte von Liebe und Tod, von Hunger und Vergebung, von der Bindungskraft der Familie und der Geschichten, von der Erfindung der Erfindung, von Träumen und Visionen, vom Markt und seinem Chaos, von Macht und Verrat, – ob diese Geschichte von Moses oder von Thomas Mann besser erzählt wurde? Wir Menschen verbleiben lieber in unseren bewährten Vorurteilen als uns auf einen neuen Weg zu begeben.

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BRÜSSOWER KONFIRMANDEN IN BERLINER MOSCHEEN

 

Nr. 241

Es gibt doch diese lokalzeitungsähnlichen Berichte: Wir machten einen Ausflug, für das leibliche Wohl war gesorgt. Zwei petrifizierte Metaphern sollen einen Tag beschreiben und spiegeln auch tatsächlich ganz genau die Langeweile wider, die den Tag so unspannend machte. Vielen unserer Unternehmungen ist der Sinn abhanden gekommen, es herrscht nicht der Übermut, sondern der Überdruss.

Gestern sollten eventuelle Vorurteile abgebaut werden. Aber es gab gar keine. Die Erwachsenen projizieren ihre Vorstellungen in die Kinder hinein, beklagen deren unangepasstes Verhalten, zum Beispiel die SMARTPHONESUCHT. Aber die neue Art zu kommunizieren hat auch eine globalisierte Jugend geschaffen. Während wir, die FESTNETZGENERATION, uns gerade einmal eine globalisierte Dingwelt vorstellen können, Marmelade aus Neuguinea und Büroklammern aus China, scheint der übernächsten Generation längst klar zu sein, dass es zwischen Menschen keine Unterschiede gibt, dass die Forderung der französischen Revolution nach Gleichheit ein Abschied war aus der alten Welt der Separation, der Abtrennung, des Rassismus, der Besserwisserei, des schlimmsten aller Irrglauben: dass ich allein richtig sei.

Da sitzen in einem Sandkasten vier Kinder, in jeder Ecke eines. Das erste Kind sagt: ich bin das auserwählte Lieblingskind. Deshalb bin ich richtig. Das zweite Kind sagt: mir schickte der Vater seinen Sohn, deshalb bin ich richtig. Das dritte Kind sagt: ich bekam die letzen Anweisungen, weil die andern alles falsch gemacht haben. Deshalb bin ich richtig. In der vierten Ecke sitzen die Kinder mit dem Smartphone in der Hand: ein schwarzes, ein weißes, ein gelbes, so wie man früher die Menschen eingeteilt hat. Sie sind zwar etwas abgelenkt, indem sie ständig ihr Telefon im Auge und in den Fingern haben. Aber sie sehen die Welt nicht halbiert, sondern verdoppelt. Und dabei fällt ihnen auf, dass keine von den sogenannten Wahrheiten oder Richtigkeiten – von Ewigkeit zu Ewigkeit – einen Tag überdauert. Wenn Jesus wirklich gesagt hat, was in Johannes 35 berichtet wird, dass der Mensch auf Wasser und Geist abstrahierbar sei und geboren wird, dann ist die SMARTPHONEGENERATION die erste, die ihr Leben gleichzeitig lebt und reflektiert. Da wir aber nur das Puppenstadium dieser Entwicklung sehen, urteilen wir so hart wie die Vorurteilsverteidiger [RESSENTIMENTALISTEN] zu Zeiten des Isa-Yesus, des Mohammed oder des Mahatma. Aber sie haben sich durchgesetzt, ihr Geist hat über das Wasser gesiegt.

In jeder großen Stadt gibt es sinnüberfüllte Viertel. Am Columbiadamm in Neukölln wurden die toten Soldaten aus den Regimentern südlich der Spree beerdigt. Berlin war lange die Hauptstadt des preußischen Militarismus, dessen Höhepunkt nicht der Philosoph Friedrich II. war, sondern der säbelrasselnde Wilhelm II., der mit seinem besten Freund im Orient, Abdülhamid II., den Ausgangspunkt von Krieg und Massaker bildete. Aber das sieht man dem Columbiadamm heute nicht mehr an, der zwei quicklebendige Stadtteile, Neukölln und Tempelhof, miteinander verbindet und Parks, Vergnügungsparks, Sportplätze, ein übel beleumdetes Schwimmbad, Friedhöfe und die Şehitlikmoschee fast wie eine verzauberte Enklave wirken lässt. Die Brüssower Konfirmanden mit ihrem Pfarrer ließen sich von der Märchenmoschee tatsächlich verzaubern, aus der auch gerade ein Traumbrautpaar kam. Geduldig ließen sie sich ‚Wie kamen die Türken nach Berlin‘ und ‚Die fünf Glaubenssäulen des Islam‘ erklären, dabei sah keiner auf sein Smartphone. Dann gingen sie zum Mittagsgebet in die Moschee. Unten sahen sie sowohl die Inbrunst der Beter als auch deren Toleranz gegenüber den Jungen, die mit ihren Smartphones und ihrem Übermut spielten, während sie selbst eher ehrfürchtig den wunderschön vorgetragenen Koranversen lauschten. Oben auf der Empore folgten sie den Erklärungen über Kalligraphie statt möglicher Bilder. DU SOLLST DIR KEIN BILD MACHEN. Das Smartphone ist die allerletzte Folge der Übertretung des Bilderverbots. Draußen gab es eine heftige Diskussion über die Quelle des Guten. Die Quelle des Guten kann die Religion sein, aber auch der von Gott und Natur begnadete Mensch. [Wir versuchen es einmal mit ‚Gott und Natur‘ statt ‚Gott oder Natur‘. Nicht umsonst, und das weiß jeder Muslim, den ich bisher traf, steht sowohl in der Bibel als auch im Koran die Ameise.]

Dann wurden – zu ihrer großen Überraschung – die Brüssower Konfirmanden, die gerade über die Stärke und den notwendigen oder möglichen Zuckergehalt des türkischen Tees redeten, zu einem Morgenmahl eingeladen, das zwar dem Gedenken eines Toten galt, aber alle lebendigen  Besucher der Moschee einbezog.

Mit dem VW-Bus T5 ihres Pfarrers fuhren sie dann in eine andere, aus ganz anderen Gründen berühmte Moschee: die HACI BAYRAM CAMII im Wedding. Wedding war einst ein kleines Dorf, durch das Friedrich II. ritt, dem man da, wo sich jetzt die Prinzen- und die Badstraße kreuzen, Wasser reichte, weshalb er die Gegend mit dem Namen Gesundbrunnen adelte. In dem Riesenschiff Gesundbrunnencenter tauchten unsere Konfirmanden kurz in die Welt des Konsums. Im berühmten Jugendhaus der HACI BAYRAM Moschee wurden sie von einer Gruppe empfangen, die eine völlig neue Generation von Deutschtürken und von Muslimen darstellt. Nur die Gebäude selbst, die die Väter und Großväter, Mütter und Großmütter der heutigen Leiter dem alten Wedding abtrotzten, erinnern noch an das erste Deutschtürkentum. Im heutigen Jugendhaus verbinden sich intellektueller Anspruch – alle Leiter sind Studenten – mit sozialem Auftrag und religiöser Tradition auf so gelungene Weise, dass sowohl dem Pfarrer als auch seinen Konfirmanden vor Staunen die Sprache wegblieb. Trotzdem gab es eine äußerst lebhafte Diskussion, in der die Konfirmanden selbst eine ganze Weile mehr zuhörten, aber absolut wach alles verfolgten und dann mit Fragen und Bemerkungen anreicherten. Was ist beten? Danken. Was ist Religion? Eine Quelle des Guten. Was fehlt uns? Sinn. Wenn ihr Berliner seid, geht in die HACI BAYRAM, wenn ihr fasten und fastenbrechen wollt, wenn ihr Hilfe braucht, wenn ihr Sinn sucht, wenn ihr etwas über ein Buch wissen wollt. Das ist Werbung? Die sollte im Zeitalter der Werbung wohl erlaubt sein. Das ist sowohl Werbung für die kompetenten und äußerst freundlichen Menschen in der HACI BAYRAM –  mit der guten Website – als auch für die Brüssower Konfirmanden, die gerade auf so schöne Weise die Welt entdecken, wie ihre Voreltern sich nie hätten träumen lassen. Es gibt gar keine Vorurteile, außer bei den Ressentimentalisten. Wer ist das? Vergiss es.

Bester Dank an Isa Genç und Irfan Doğan für ihre kompetente und freundliche Hilfe.

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DIE HEGELSCHE TREPPE

 

Nr. 240

DER PREIS DES AUFSTIEGS IST DIE TREPPE gilt auch umgekehrt

für Tamer K.

Wir können nicht von uns fortschreiten, weder neben uns treten, noch vor oder hinter uns. Diese Gebundenheit in Raum und Zeit ist immer als Fessel der Erkenntnis gedeutet worden, so dass wir lange annahmen, wir könnten nur begrenzt erkennen und deuten. Dagegen scheint es ratsam, einmal zu untersuchen, ob die Fessel nicht vielmehr die Ursache unseres Stillstands ist, dagegen aber anzunehmen, dass der Geist, wie sich ja in jeder Phantasie und in jeder psychischen Krankheit zeigt, ganz frei sei. Das Leiden an der psychischen Störung entsteht durch die Reibung mit der Wirklichkeit, jener raum-zeitlichen Gebundenheit, in deren Fesseln die Mehrheit der Menschen lebt und leben muss. Wer aus sich heraustritt, ist für die Welt verloren.

Wir nehmen aus zwei Gründen an, dass wir fortschreiten, nämlich weil wir glauben, dass wir auf ein Ziel hin leben, und weil  uns scheint, dass die Annehmlichkeiten des Lebens das Leben selbst sind. Unsere Folgerung: das Leben wird annehmbarer, also ist es Fortschritt. Wir blenden die Unannehmlichkeiten einfach aus, zumindest nachträglich. Wir nehmen den Schein für die Wirklichkeit. Wir glauben eher das, was uns jemand über die Welt sagt, als das, was die Welt uns sagt. Wenn wir aber selber sehen, dann sehen wir mit den Augen, Brillen und Begriffen unserer Vormütter und Überväter, und das waren in unseren Augen meistens Übelväter. Wir können die Fehler der Vergangenheit viel besser deuten als die der Zukunft. Sprichwörtlich ist inzwischen unsere Abhängigkeit von Medien und Maschinen, wir haben die Aufklärung an die Stelle der  Religion gesetzt und glauben an Titel, Thesen und Temperamente.

Ein Ziel ist ja mehr als ein Ende. Das Ende der Geschichte ist ein Idealzustand, mag der nun Paradies, Kommunismus, demokratischer Sozialstaat, ewiges Leben heißen. Man glaubt sich ja am Ende seines Lebens auch am Ziel seiner Wünsche: man ist weiser, reicher, beliebter als am Anfang. Wer das glaubt, sollte doch vor der Zeit einmal ein Pflegeheim besuchen. Bis zum 18. Jahrhundert wurde das Wort Ende auch synonym zu Zweck verwendet (Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? Jena, 1789). Als Zweck des Menschen, von anderen nun wieder mit ‚Sinn’ gleichgesetzt, erscheint dann die Fortpflanzung. Das ist reine Tautologie: ich bin da, damit (oder auch: weil) ich da bin. Indessen hat hier nicht Darwin Hegel bestätigt in dem Sinne, dass der Mensch über der Ameise stünde. Die einzelne Ameise mag ein Nichts sein (wie der einzelne Mensch außerhalb seines Zusammenhangs auch), die Ameisen-Sozietät dagegen ist  ein kollektiver Makroorganismus. Aber was anderes ist der Mensch? Der Mensch ist als Körper ein sich selbst organisierendes Zusammenwirken von Mikroorganismen und Teilsystemen, die Summe des Humus, als soziales Wesen der Quotient seiner Vorväter und das Produkt seiner Urenkel. Wäre also Fortpflanzung sein Zweck, so würde er sich nur selbst bezwecken und beenden. Stattdessen sollte er sich darauf besinnen, für die nachkommenden Generationen das Leben annehmbarer zu machen als es für die vorangegangenen Generationen, denen wir nicht mehr danken können, war. Dieser Beitrag zur Lebenssinntheorie stammt von Schiller aus der genannten Antrittsvorlesung in Jena.

Im neunzehnten Jahrhundert entstand nicht nur der blinde Glaube an den Fortschritt, und wir wollen glauben, dass sein Gott Hegel hieß, sondern auch der Gegenzweifel, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Und obwohl jeder weiß, dass Wärme nicht von selbst von einem Körper niedrigerer auf einen Körper höherer Temperatur übergehen kann, glaubt es dennoch keiner.

Wir glauben an den Fortschritt oder die Wissenschaft. Wir glauben an das Buch, die Zeitung und das Internet. Wir glauben an die Hauptsätze der Thermodynamik, aber nicht an den zweiten: siehst du etwas zerfallen oder erkalten? Viele Menschen glauben an Schneeballsysteme oder an das Geld, das die Welt regiert. Wir glauben an die Omnipotenz der Maschine, besonders an das Automobil und den Ordinateur.  Viele glauben an die Kraft der Kontrolle und die Wirksamkeit der Strafe sowie an das Recht des Stärkeren. Wir können nicht glauben, dass der Mensch gut ist, wir sehen es täglich, aber wir glauben es nicht. Wir müssen dagegen glauben, dass wir höher stehen als die Ameise und der Wilde. Man sieht es ja. Wir glauben, dass Glauben etwas grundsätzlich anderes ist als Wissen. Das glauben wir zu wissen. Manche glauben, was sie sehen, und andere sehen, was sie glauben.

Der Philosoph Hegel, dessen Treppe wir bestaunen und nachbeten, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie, war zum Pfarrer bestimmt, teilte während der Schulzeit sein Zimmer mit Hölderlin und Schelling, wurde aber zunächst Hauslehrer, also Hofmeister, dann Gymnasialdirektor durch Protektion, Schulrat, Professor und schließlich Rektor der Berliner Universität. Sein wichtigstes Buch, mit dem er allerdings sein ganzes Leben beschäftigt war, Phänomenologie des Geistes (1807), schrieb in der Mitte seines Lebens in Jena, just als Napoleon sich anstellte, Jena zu erobern. Was wollte der große Napoleon mit dem kleinen Jena? Dieser Lebensweg mag manchem als Fortschritt, als ein Aufstieg von unten nach oben erscheinen.

Hegels Schwester Christiane hingegen, ebenfalls hochintelligent, arbeitete auch als Hauslehrerin, nämlich für die fünf Töchter des Freiherrn von Berlichingen. Als diese Töchter erwachsen waren und das Haus verließen, brauchte niemand mehr Christiane Hegel. Sie wurde, wie man damals sagte, schwermütig, manchmal auch hysterisch. Vielleicht war sie depressiv oder schizophren. Sie schrieb sehr schöne Gedichte und bedeutende Briefe, die ihre Familie sorgfältig vernichtete. Ihr Bruder, der ihr Abgott war, lud sie einmal ein, bei ihm zu wohnen, obwohl sie ihm unheimlich war, aber dann ließ er sie doch entmündigen. Man nahm ihr das kleine Haushaltsbüchlein fort, mit dem sie sich bewies, dass sie von niemandem abhing. Sie ernährte sich jetzt von Handarbeits- und Französischunterricht, wenn und solange sie nicht in der geschlossenen Anstalt war. Manchmal kümmerte sich Hegels Schwiegermutter, Freifrau von Tucher, um sie. Als Hegel starb, und bekanntlich baute Schinkel ihm das Grab, wollte auch seine Schwester nicht mehr leben. Sie starb selbstbestimmt in der Nagold, einem kleinen schwäbischen Flüsschen, wurde kilometerweit flussaufwärts gefunden. Alles fließt. Zu ihrer Beerdigung in Calw kamen vier Personen, davon zwei um zu sehen, wer ihre Auslagen bezahlen würde. Ihr Geist ging später in den kleinen Hermann Hesse über. Wir können nicht von uns fortschreiten, aufwärts nicht und nicht abwärts.

VOLKSZÄHLUNG

 

jeder siebte ist muslim

sechs nicht

jeder siebte ist afrikaner

sechs nicht

jeder siebte ist chinese

sechs nicht

jeder siebte ist inder

sechs nicht

jeder siebte ist europäer oder nordamerikaner

sechs nicht

zwei siebtel sind der rest der welt

fünf siebtel nicht

wer bedroht jetzt wen wer will wen schlucken

zählen wir lieber die plastiktüten im ozean