BRÜSSOWER KONFIRMANDEN IN BERLINER MOSCHEEN

 

Nr. 241

Es gibt doch diese lokalzeitungsähnlichen Berichte: Wir machten einen Ausflug, für das leibliche Wohl war gesorgt. Zwei petrifizierte Metaphern sollen einen Tag beschreiben und spiegeln auch tatsächlich ganz genau die Langeweile wider, die den Tag so unspannend machte. Vielen unserer Unternehmungen ist der Sinn abhanden gekommen, es herrscht nicht der Übermut, sondern der Überdruss.

Gestern sollten eventuelle Vorurteile abgebaut werden. Aber es gab gar keine. Die Erwachsenen projizieren ihre Vorstellungen in die Kinder hinein, beklagen deren unangepasstes Verhalten, zum Beispiel die SMARTPHONESUCHT. Aber die neue Art zu kommunizieren hat auch eine globalisierte Jugend geschaffen. Während wir, die FESTNETZGENERATION, uns gerade einmal eine globalisierte Dingwelt vorstellen können, Marmelade aus Neuguinea und Büroklammern aus China, scheint der übernächsten Generation längst klar zu sein, dass es zwischen Menschen keine Unterschiede gibt, dass die Forderung der französischen Revolution nach Gleichheit ein Abschied war aus der alten Welt der Separation, der Abtrennung, des Rassismus, der Besserwisserei, des schlimmsten aller Irrglauben: dass ich allein richtig sei.

Da sitzen in einem Sandkasten vier Kinder, in jeder Ecke eines. Das erste Kind sagt: ich bin das auserwählte Lieblingskind. Deshalb bin ich richtig. Das zweite Kind sagt: mir schickte der Vater seinen Sohn, deshalb bin ich richtig. Das dritte Kind sagt: ich bekam die letzen Anweisungen, weil die andern alles falsch gemacht haben. Deshalb bin ich richtig. In der vierten Ecke sitzen die Kinder mit dem Smartphone in der Hand: ein schwarzes, ein weißes, ein gelbes, so wie man früher die Menschen eingeteilt hat. Sie sind zwar etwas abgelenkt, indem sie ständig ihr Telefon im Auge und in den Fingern haben. Aber sie sehen die Welt nicht halbiert, sondern verdoppelt. Und dabei fällt ihnen auf, dass keine von den sogenannten Wahrheiten oder Richtigkeiten – von Ewigkeit zu Ewigkeit – einen Tag überdauert. Wenn Jesus wirklich gesagt hat, was in Johannes 35 berichtet wird, dass der Mensch auf Wasser und Geist abstrahierbar sei und geboren wird, dann ist die SMARTPHONEGENERATION die erste, die ihr Leben gleichzeitig lebt und reflektiert. Da wir aber nur das Puppenstadium dieser Entwicklung sehen, urteilen wir so hart wie die Vorurteilsverteidiger [RESSENTIMENTALISTEN] zu Zeiten des Isa-Yesus, des Mohammed oder des Mahatma. Aber sie haben sich durchgesetzt, ihr Geist hat über das Wasser gesiegt.

In jeder großen Stadt gibt es sinnüberfüllte Viertel. Am Columbiadamm in Neukölln wurden die toten Soldaten aus den Regimentern südlich der Spree beerdigt. Berlin war lange die Hauptstadt des preußischen Militarismus, dessen Höhepunkt nicht der Philosoph Friedrich II. war, sondern der säbelrasselnde Wilhelm II., der mit seinem besten Freund im Orient, Abdülhamid II., den Ausgangspunkt von Krieg und Massaker bildete. Aber das sieht man dem Columbiadamm heute nicht mehr an, der zwei quicklebendige Stadtteile, Neukölln und Tempelhof, miteinander verbindet und Parks, Vergnügungsparks, Sportplätze, ein übel beleumdetes Schwimmbad, Friedhöfe und die Şehitlikmoschee fast wie eine verzauberte Enklave wirken lässt. Die Brüssower Konfirmanden mit ihrem Pfarrer ließen sich von der Märchenmoschee tatsächlich verzaubern, aus der auch gerade ein Traumbrautpaar kam. Geduldig ließen sie sich ‚Wie kamen die Türken nach Berlin‘ und ‚Die fünf Glaubenssäulen des Islam‘ erklären, dabei sah keiner auf sein Smartphone. Dann gingen sie zum Mittagsgebet in die Moschee. Unten sahen sie sowohl die Inbrunst der Beter als auch deren Toleranz gegenüber den Jungen, die mit ihren Smartphones und ihrem Übermut spielten, während sie selbst eher ehrfürchtig den wunderschön vorgetragenen Koranversen lauschten. Oben auf der Empore folgten sie den Erklärungen über Kalligraphie statt möglicher Bilder. DU SOLLST DIR KEIN BILD MACHEN. Das Smartphone ist die allerletzte Folge der Übertretung des Bilderverbots. Draußen gab es eine heftige Diskussion über die Quelle des Guten. Die Quelle des Guten kann die Religion sein, aber auch der von Gott und Natur begnadete Mensch. [Wir versuchen es einmal mit ‚Gott und Natur‘ statt ‚Gott oder Natur‘. Nicht umsonst, und das weiß jeder Muslim, den ich bisher traf, steht sowohl in der Bibel als auch im Koran die Ameise.]

Dann wurden – zu ihrer großen Überraschung – die Brüssower Konfirmanden, die gerade über die Stärke und den notwendigen oder möglichen Zuckergehalt des türkischen Tees redeten, zu einem Morgenmahl eingeladen, das zwar dem Gedenken eines Toten galt, aber alle lebendigen  Besucher der Moschee einbezog.

Mit dem VW-Bus T5 ihres Pfarrers fuhren sie dann in eine andere, aus ganz anderen Gründen berühmte Moschee: die HACI BAYRAM CAMII im Wedding. Wedding war einst ein kleines Dorf, durch das Friedrich II. ritt, dem man da, wo sich jetzt die Prinzen- und die Badstraße kreuzen, Wasser reichte, weshalb er die Gegend mit dem Namen Gesundbrunnen adelte. In dem Riesenschiff Gesundbrunnencenter tauchten unsere Konfirmanden kurz in die Welt des Konsums. Im berühmten Jugendhaus der HACI BAYRAM Moschee wurden sie von einer Gruppe empfangen, die eine völlig neue Generation von Deutschtürken und von Muslimen darstellt. Nur die Gebäude selbst, die die Väter und Großväter, Mütter und Großmütter der heutigen Leiter dem alten Wedding abtrotzten, erinnern noch an das erste Deutschtürkentum. Im heutigen Jugendhaus verbinden sich intellektueller Anspruch – alle Leiter sind Studenten – mit sozialem Auftrag und religiöser Tradition auf so gelungene Weise, dass sowohl dem Pfarrer als auch seinen Konfirmanden vor Staunen die Sprache wegblieb. Trotzdem gab es eine äußerst lebhafte Diskussion, in der die Konfirmanden selbst eine ganze Weile mehr zuhörten, aber absolut wach alles verfolgten und dann mit Fragen und Bemerkungen anreicherten. Was ist beten? Danken. Was ist Religion? Eine Quelle des Guten. Was fehlt uns? Sinn. Wenn ihr Berliner seid, geht in die HACI BAYRAM, wenn ihr fasten und fastenbrechen wollt, wenn ihr Hilfe braucht, wenn ihr Sinn sucht, wenn ihr etwas über ein Buch wissen wollt. Das ist Werbung? Die sollte im Zeitalter der Werbung wohl erlaubt sein. Das ist sowohl Werbung für die kompetenten und äußerst freundlichen Menschen in der HACI BAYRAM –  mit der guten Website – als auch für die Brüssower Konfirmanden, die gerade auf so schöne Weise die Welt entdecken, wie ihre Voreltern sich nie hätten träumen lassen. Es gibt gar keine Vorurteile, außer bei den Ressentimentalisten. Wer ist das? Vergiss es.

Bester Dank an Isa Genç und Irfan Doğan für ihre kompetente und freundliche Hilfe.

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2 Gedanken zu “BRÜSSOWER KONFIRMANDEN IN BERLINER MOSCHEEN

  1. Kai Ranshofen schreibt:

    Ob uns der Sinn des Lebens fehlt? Ich denke es gibt vier Sinnkategorien, die auf fast jeden Menschen zutreffen – Peter Jedlicka hat das in seinem „Sinnquadrat“ Konzept gut zusammengefasst … ob es nicht auch ohne Religion geht?

    Kai

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    • die vier sinndimensionen sind keine schlechte idee. trotzdem gibt es diskussionen, und eine davon habe ich hier wiedergegeben. ich bin auch nicht dagegen (schon einmal, weil ich agnostiker bin) die welt ohne religion zu denken, aber wenn konfirmanden (durch meine vermittlung) zwei moscheen besuchen, dann ist das der denkbar ungünstigste zeitpunkt dafür. aber ich bedanke mich sehr für ihr interesse und für ihren kommentar.

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