FRANKFURT ODER ÇANAKKALE

 

Nr. 251

Solch eine Stadt müsste jedes Land haben, aber nicht als Museums- oder Gedenkstadt, sondern mit all den kaputten Menschen darin, die nicht ausbleiben, wenn eine Stadt so sehr und eigentlich für immer zerstört ist. Im Osten Deutschlands gibt es überflüssigerweise einige solcher Städte, die dem heutigen Besucher weh tun. Das Mitleid treibt uns die Tränen ins Gesicht, wenn wir Anklam sehen, das von der deutschen Luftwaffe in den allerletzten Tagen des Krieges als Strafe dafür zerstört wurde, dass es kampflos sich ergeben wollte, wie schon vorher die Nachbarstadt Greifswald. Friedland in meckelnburg ist sogar zweimal der Erdboden gleichgemacht worden, im dreißigjährigen Europa- und im zweiten Weltkrieg. Aber keine war so wichtig, dass ihre Zerstörung die ganze Nation berührte, zumal sie schon dadurch bekannt ist, dass es den Namen zweimal gibt und man immer den Fluss dazusagen muss, über den zu gelangen der Grund für die Gründung dieser Stadt war. Die Stadt im Osten hatte das Pech, dass sie nach der Zerstörung eben im äußersten Osten lag, zur geteilten Grenzstadt wurde und die Führung der DDR keinen Grund sah, die Stadt etwa historisch wieder aufzubauen. Statt dessen wurden die gleichen Neubaublocks hingeworfen wie in Bratislava oder Stettin oder Braşov, von denen man sie dann in der Folgezeit nicht besonders gut unterscheiden konnte. Die beiden berühmtesten Bürger der Stadt haben mit ihr nichts zu tun, der eine, Kleist, ist hier geboren, der andere, Carl Philipp Emanuel Bach, hat hier studiert aber keinen Abschluss gemacht. Der eine hat ein sehr schönes Museum, der andere eine sehenswerte Konzerthalle. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind sonst das alte Rathaus mit einem bemerkenswerten Südgiebel und eine Kirchenruine.

Nach der Wiedervereinigung bekam die Innenstadt zwei Einkaufszentren, die an Hässlichkeit und Öde kaum zu überbieten sind. Deshalb sind sie auch immer leer, vielleicht und hoffentlich außer Weihnachten. Selbst die Junkies und Alkis, die es reichlich gibt, versammeln sich lieber im angrenzenden Kleistpark und vor dem leerstehenden Kino. Das ist so ein Kulturpalast, den es in der DDR als Typenbau gab und der Trost spenden sollte über all die Kultur, die es außer billigen Büchern, nicht gab. Aber auch bei den billigen Büchern fehlte einiges: Hesse und Grass, Mann und Maus*.

Wenn wir einen Dichter von solcher Sprachgewalt wie Kleist hätten, dann sollte er schreiben: Anekdote nach dem letzten preußischen Kriege über eine Stadt als lebendiges Mahnmal. In solch einer Stadt kann auch der letzte rechte Ignorant sehen, dass Kriege nicht nur keine Gewinner, sondern ewige unabsehbare Folgen haben. Der Schaden wäre beinahe nicht so groß, wenn es die Stadt gar nicht mehr gäbe. Aber das geht natürlich nicht, weil es immer Menschen gibt, die an ihrer Heimtatstadt hängen, und, beinahe noch wichtiger, weil es immer Menschen gibt, die bis hierher geflohen sind und nicht mehr weiter können. Ihnen ist es gleichgültig, wie eine Stadt aussieht, wenn sie nur Dächer oder wenigstens Schlupfwinkel hat. Und wir reden hier nicht über die Antike.

Statt dessen gibt es solche Gedenkorte wie Çanakkale. Das ist eine Stadt und ein Landkreis an den Dardanellen, wo die Türken im Bündnis und unter dem Befehl der Deutschen gegen die Entente eine wichtige und opferreiche Schlacht gewonnen haben. Ein junger Oberst des osmanischen Heeres machte zum ersten Mal von sich reden: Mustafa Kemal. Im zweiten Weltkrieg gab es einen jüdischen Witz, der ging so: Hitler ist wütend auf die jüdischen Generäle. Wieso, der hatte doch gar keine. Eben. Aber die Türken in Çanakkale hatten einen: der deutsche Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Marschall des Osmanischen Heeres und deutscher General der Kavallerie, Otto Liman von Sanders hatte einen jüdischen Großvater namens Liepmann. Für uns ist das nicht wichtig, aber sowohl in Deutschland als auch in der Türkei gab es in der Folgezeit reichlich Antisemiten, und die sollten wissen, wem der grandiose Sieg in Çanakkale zu verdanken war. General Liman von Sanders ging, was den Ruhm betrifft, ziemlich leer aus, den ernteten vor allem Mustafa Kemal und Enver Pascha.

Über der grandiosen Gedenkanlage, die über der seit der Antike berühmten Meerenge thront, vergessen viele Besucher und viele Türken, dass trotz dieses Sieges der Krieg auf deutscher und türkischer Seite nicht nur verloren, sondern das ganze Reich unter ging. Das war in der Türkei die Stunde des Generals Mustafa Kemal, der dann in der Namensreform zurecht den Ehren- und Nachnamen Atatürk, Vater der Türken, erhielt, weil er in nicht einmal zwei Jahrzehnten die Türkei zu einem modernen demokratischen Rechtsstaat machte. Die lateinische Schrift wurde eingeführt, alle lernten lesen und schreiben, europäische Nachnamen und Gesetze brachten das Land schnell auf den Stand Europas. Aber alle Reformen, die Menschen betreffen, brauchen immer Generationen. Was man einsieht, wird nicht Gewohnheit, was man als Zwang empfindet, sieht man noch nicht einmal ein. Seit Atatürks Tod im Jahre 1938 gibt es ein Auf und Ab von Demokratie, Säkularisation und Religion. Unter Erdoğan, der einen wirtschaftlichen und zunächst auch einen demokratischen Aufschwung zu verantworte hatte, tritt eine Geschichtsvergessenheit oder sogar -verdrängung ein, die nicht zu verantworten ist. Der deutsche General Liman von Sanders hat zum Beispiel energisch, auch unter Androhung militärischer Gewalt gegen den Genozid an den Armeniern protestiert, der, weil er gegen Russland gerichtet war, sonst aber vom Deutschen Reich und von Österreich-Ungarn toleriert wurde. Das war der Grund für die Entschließung des Bundestages. Abdülhamid II., der die Verfassung außer Kraft setzte und seinen Namen für die ersten Massaker an den Armenier hergab (Hamidische Massaker), wird plötzlich zum Helden und Vorbild für Erdoğan. Tausende türkische Jugendliche sehen billige Propagandafilmchen, in denen der kritisierte Sultan und Kalif Abdülhamid II. erscheint und didaktisch fragt: wem hast du alle das Gute zu verdanken? Da er einen Teil der Tanzimat-Reformen zurücknahm, ist Abdülhamid, sind aber vor allem aber seine Söhne, die letzten Sultane, verantwortlich für den endgültigen Niedergang des osmanischen Reiches, des kranken Mannes vom Bosporus.

Auch die Deutschen hatten solch eine übertriebene und einseitige Gedenkstätte aus dem ersten Weltkrieg: das Tannenberg-Denkmal, eine gigantische Großanlage militaristischen Gedenkens an Friedrich II., der pietät- und stillos dahin umgebettet worden war, und an Hindenburg, der angeblich die Schlacht bei Tannenberg gewonnen hatte. Sie ging im zweiten Weltkrieg wie die gesamten deutschen Ostgebiete verloren. In den letzten siebzig Jahren ging auch der Sinn für den Krieg, die Freude an gewonnenen Schlachten und der Militarismus verloren. Gründe dafür sind natürlich nicht vorrangig die vorhandenen oder nicht vorhandenen Gedenkstätten, sondern die Demokratie, die Bildung, der Wohlstand. Zur Bildung gehört natürlich auch das historische Wissen.

Übrigens hat jener damals noch unbekannte junge Oberst später als Staatspräsident eine bemerkenswerte Rede zu  Gedenken an die vielen Opfer der Schlacht bei Çanakkale gehalten, in der er sagte: Im Gedenken an die Opfer  gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, gemeint waren die britischen und die türkischen Soldaten. Erdoğan hat diese Sprechweise pervertiert. Er fragt nur noch die Hälfte der Mehmets.

 

 

*Isaak Maus, 1748-1833

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EMPATHIE STATT EMPHASE

 

Nr.  250

Nach dem letzten großen Krieg hat man in Deutschland genauso wie in vielen anderen Ländern hunderte von Kriegsfilmen gesehen. Allerdings war die gewünschte und vorgegebene, durch Kritik und Schule unterstützte und privilegierte Interpretation seitenverkehrt. Die deutsche Seite des Krieges wurde als das beschrieben, was sie war: grausam, unrecht, massenmörderisch. Die alliierte Seite wurde als edel, überlegen und siegreich beschrieben. Lange Zeit wurden Kriegsverbrechen der alliierten Seite ausgespart oder gar tabuisiert, edles Verhalten der deutschen Seite und ihrer Verbündeten verschwiegen. Das änderte sich erst mit Spielbergs Film ‚Schindlers Liste‘ von 1993.

Das dadurch entstandene Fühlen und Denken vieler Menschen in Deutschland wird von der rechten Seite als ‚Schuldkult‘ diskreditiert, was seinen vorläufigen Höhepunkt in der unsagbaren Rede des Bernd Höcke in Dresden am 17. Januar 2017 fand. Die rechte Seite meint seit langem, seit neuestem aber laut und aggressiv, dass sich die Deutschen durch diese seitenverkehrte Interpretation in eine unterwürfige, masochistische Rolle begeben hätten. Weiter kann dann eine Hörigkeit gegenüber den früheren Alliierten konstruiert werden, die alten antisemitischen Klischees können eine Rolle spielen, vor allem aber kommt die alte sozialdarwinistische Sicht wieder zum Vorschein. Da viele Rechte damals wie heute sich nicht auf einer durchschnittlichen Höhe der Bildung befinden, glauben viele von ihnen, dass Sozialdarwinismus Tatsache sei und keine Ansicht oder Theorie. Hitler und Himmler waren vielleicht die wirkmächtigsten Sozialdarwinisten, aber keineswegs die einzigen. Hundertundfünfzig Jahre Evidenz des Sozialdarwinismus haben dauerhafte Wirkung hervorgebracht. Die ständigen Vergleiche Höckes mit Goebbels sind völlig überzogen, Goebbels war ein fanatischer, aber doch auch restintellektueller Redner. Höckes Rhetorik dagegen erreicht noch nicht einmal die eines normalen Oberstudienrates, der er angeblich war, was dem hessischen Bildungswesen zur Schande gereicht.

Wahrscheinlich ist aber etwas ganz anderes passiert. Nur in Westdeutschland wurde von den drei westlichen Besatzungsmächten die Demokratie installiert, in Ostdeutschland dagegen wechselte die zweite Diktatur die erste einfach ab. Das war insofern im Einzelfall bizarr, indem Menschen glaubten, dass sie nun aber wirklich die Wahrheit besäßen. Ein pensionierter, 1945 reaktivierter Lehrer quittierte seinen Dienst erneut, als er von einem kleinen Mädchen gefragt wurde, warum denn Stalin, wenn er doch ein so guter Mensch und im Besitz der Wahrheit wäre, ihren Vater nicht freiließe.  Weder eine psyeudowissenschaftliche Ideologie noch die Demokratie entsprechen einer Wahrheit genannten scheinbaren Übereinstimmung so genannter Fakten mit den Gedanken, kürzer gesagt: es gibt keine Wahrheit. Aber es gibt einerseits Evidenz, das augenscheinlich oder empirisch Erkennbare und auf der anderen Seite die Einübung sozialen Verhaltens. Was wir als Fakt wahrnehmen, wird sofort einem Check unserer Erfahrung, Wahrscheinlichkeit, Evidenz, Wünschbarkeit (…jedes Denken ist Wunsch…), sozialen Grammatik, nicht zuletzt Taktik und Rhetorik unterworfen.  Das Denkbare ist nicht das Sagbare ist nicht das Machbare ist nicht das Wünschbare. Daraus leiten alle Ideologien ab, dass es auch nicht bezweifelbare Dinge gibt. Auch eine noch so universell scheinende Methode wie die Dialektik hat letztlich voraussagbare Ergebnisse, zum Beispiel, dass aus quantitativen Veränderungen qualitative entstünden. Das führt in die quantenmechanische Diskussion hinein, inwiefern das Verhalten der Dinge, insbesondere der Elementarteilchen, gesetzmäßig, also vorhersehbar sei. Dieser Diskurs hält seit Bohr, Heisenberg und Einstein an. Wir können nur schwer an die Willkür des Faktischen geschweige denn seine normative Kraft oder den Zufall glauben.  Gesetze, Götter und Identitäten sind uns lieber.

Wahrscheinlich ist also passiert, dass wir durch Literatur und  Filme, durch Geschichtsbetrachtung und Interpretation in siebzig Jahren gelernt haben, uns in das einzufühlen, was unsere Vorfahren noch als feindlich empfunden haben, ob es ihnen nun eingeredet worden oder tatsächlich in ihr Bewusstsein übergegangen war.  Erst im zwanzigsten Jahrhundert dämmerte der Gedanke auf, dass Solidarität einen evolutionären Vorteil bringt, obwohl die Gewaltlosigkeit Bestandteil vieler Religionen, vor allem aber des ursprünglichen Christentums ist. Krieg scheint immer die schnellere Lösung zu sein. Allerdings verkennen alle Kriegsapologeten, dass es keine Sieger gibt. Jedesmal wenn man sich auf den wohl eher sagenhaften König Pyrrhos beruft, wird nachgefragt, wer das sei. Dagegen kennen alle Hannibal und seinen scheinbar siegreichen Gegner Scipio Africanus, Wallenstein und Gustav II. Adolf, ein Krieger, nachdem sogar Kirchen benannt sind, in denen wahrscheinlich steht: wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Selbst Rommel und Eisenhower sind bekannter als Pyrrhos.

Wenn wir weiter aufhören würden, die Menschen nach ihrer Herkunft zu klassifizieren und schneller auf die Sprache der Täter verzichten könnten, so sollten wir auf diesem Weg der Vermenschlichung der menschlichen Gesellschaft auch besser vorankommen. Für unsere Gesellschaft ist es nicht wichtig, wo ein Mensch herkommt, sondern wo er hinwill. Will er Mitglied unserer empathischen Solidargemeinschaft werden, so ist er willkommen, egal ob er durch Geburt oder durch Migration hergekommen ist. Will er nicht Mitglied dieser Gemeinschaft werden, haben wir ein Problem, das wir nicht durch Ausschluss lösen können, auch nicht durch verbalen Ausschluss. Wir können annehmen, dass das Erstarken rechter Gruppierungen auch durch den ständigen verbalen Ausschluss durch die demokratische und pluralistische Gesellschaft ermöglicht wurde. Empathie ist also einerseits die Voraussetzung, andererseits das Ergebnis seitenverkehrter Interpretation, pluralistischen Handelns und demokratischer Voraussetzungen. Es handelt sich um eine permanente Unumkehrbarkeit und Unvorhersehbarkeit sozialer Prozesse, einfacher gesagt, gibt es eben keine Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen und jedes Handeln hat Folgen, auch wenn wir sie nicht sehen oder sogar nicht sehen können. Wir sollten statt WOHER lieber WOHIN fragen, aber beides ist nur schwer beantwortbar.  Sir Karl Poppers Konzept der offenen Gesellschaft (das Buch erschien 1945) muss um diesen Aspekt erweitert werden: die Erziehung zur Einfühlung. Demzufolge ist es kein Zufall, sondern  notwendige Folge des bisherigen Handelns der letzten siebzig Jahre, dass es zu einer Renaissance des Fahrrads kam und dass wir uns von der Massentierhaltung abwenden. Dass es in Europa keinen Krieg mehr geben wird und wir immer mehr zu einer multinationalen und multikulturellen empathischen Gemeinschaft werden, die daraus folgend nur demokratisch, pluralistisch und offen sein kann, ist wünschenswert und absehbar. Das Ziel jeder Bildung ist soziale Durchlässigkeit. Nicht der Reiche steht dem gegenüber, sondern der Ignorant.

Der Mensch ist kein Mann deutscher, heterosexueller, rechtshändischer, unbezweifelbarer, weißer,  starker und siegessicherer Herkunft, sondern eine fragile Existenz. Es gibt keine Identitäten, sondern nur Entitäten.

Dass einige hundert Kriegsfilme solch einen Fortschritt gebracht haben, lässt hoffen.

HASS IST EIN GROSSES WORT

 

Nr. 249

Eine Antwort an Ahmad Hashish

Der Flüchtling, also du, und die deutsche Gesellschaft, also ich, haben je zwei Probleme mit sich, die sich so miteinander verschränkt haben, dass man von je einem Dilemma reden kann. Das ist ein Problem, bei dem es zwei Lösungen gibt, die beide schlecht sind. Das gibt es im Alltag sehr oft, und die Flüchtlinge von 2015 sind inzwischen zum Teil unseres Alltags geworden und wir zu ihrem.

Der Flüchtling ist vor katastrophalen Verhältnissen, Krieg, Hunger, Pest, die drei symbolischen und realen Feinde der Menschheit, geflohen. Oft werden diese drei Katastrophen durch einen Diktator wie mit einem Fokus verstärkt. In Syrien ist das der Sohn des vorhergehenden Diktators, Bashar al Assad, in Eritrea ist es der ehemalige Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Isaias Afewerki. Beide hatten auch Zeiten, in denen man ihnen glaubte und folgte. Trotz dieser ungeheuren Schwierigkeiten des Lebens oder sogar des Überlebens geht der Flüchtling nicht ganz freiwillig. Zu stark sind die Bindungen, die wir alle in unserer vertrauten Umwelt haben, Schule, Arbeit, Freunde, Verwandte, Musik, Literatur, Filme, Natur, Architektur, alles das hält uns mit starken Seilen dort fest, wo uns der Zufall hingeworfen hat. Das ändert sich nicht, wenn wir annehmen oder sogar sicher sind, dass ein gütiger Gott uns an unseren Platz gestellt hat. Es bedarf sehr guter Argumente, begründeter Hoffnungen und auch viel Geld, damit sich einer, zum Beispiel du, auf den Weg macht. Geht er mit seiner Familie, so hat er zwar seine Familie nicht verloren, aber doch alles andere aufgezählte. Geht er mit seiner Familie, so kann sein Widerwille berechtigterweise mitwandern.  Geht er alleine, so verlässt er auch noch seine Familie und bleibt auch mit seinem Ärger allein, hat keine Projektionsfläche, um den Ärger abzuladen. Der Flüchtling will also gleichzeitig da sein, wo er herkommt, und hier sein, wo es ihm besser gehen soll. Ginge er zurück, ließe er seine Hoffnung hier, bliebe er hier, so wäre der unerträgliche Abschied sein täglicher Begleiter.

Der Eingeborene dagegen hat in seiner Kindheit gelernt, wie wichtig Hilfe und Fürsorge, Solidarität, Nächstenliebe, Vertrauen und Sicherheit sind. Auch er hat gelernt, dass Freiheit und Gerechtigkeit die großen Ideale der Menschheit und jedes einzelnen Menschen sind. Aber zu seinem Glück ist er in einem Land aufgewachsen, in dem es seit siebzig Jahren Frieden, Wohlstand und immer mehr Gerechtigkeit gibt. Gerechtigkeit an sich gibt es natürlich nicht, sie ist und bleibt ein Ideal so wie Cristiano Ronaldo ein Idol bleibt, und trotzdem kann man ihm nacheifern. Das Land, Deutschland, wenn man es so schildert, gleicht einem Märchen. Tatsächlich sprechen die Menschen vom Wirtschaftswunder. Es gibt aber auch ein Bildungswunder, fast die Hälfte aller Menschen macht Abitur. Es gibt auch ein Politikwunder, so viele Menschen stehen zur Demokratie und sind mit den politischen Verhältnissen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sehr einverstanden. Trotzdem gab es immer wieder Schwierigkeiten. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen die deutschen Siedler aus dem europäischen Osten zurück nach Deutschland. Das waren über zehn Millionen Menschen ohne Hab und Gut. Und obwohl sie oft nicht gerade sehr freundlich empfangen wurden, haben sie eine neue Heimat gefunden. Dann kamen, weil das Wirtschaftswunder Arbeitskräfte brauchte, Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien und vor allem aus der Türkei. Sie haben zunächst fast unbeachtet in ghettoähnlichen Zuständen gelebt. Heute sind sie geachtete Mitbürger, die mehr als die eingeborenen Deutschen Klein- und Mittelunternehmer sind. Sprichwörtlich und erfolgreicher als alle amerikanischen Fastfoodketten ist der deutsche Döner aus Berlin, eine absolut leckere türkische Spezialität, absolut halal. Berlin ist die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Dann kam im Jahre 1990 die deutsche Wiedervereinigung, fünfzehn Millionen Ostdeutsche blieben zwar, wo sie waren, aber eigneten sich das westdeutsche System erfolgreich an, so dass sie heute – hoffentlich – nicht mehr oder kaum noch zu unterscheiden sind. Der Eingeborene hat also das Doppelproblem, dass er einerseits helfen will, aber andererseits auch Angst davor hat, dass diesmal das System versagen, abstürzen  könnte. Überall in Europa hat sich zudem eine gewisse Demokratiemüdigkeit breitgemacht, so wie auch in den USA nicht gerade der demokratischste Präsident gewählt wurde. Allerdings gibt es in den letzten Jahren tatsächlich auch eine Bedrohung durch islamistischen Terror, der sich zwar hauptsächlich gegen Gruppierungen im eigenen Land wendet, aber doch auch in Amerika und Europa Schaden angerichtet und Angst hervorgebracht hat.

Niemals gibt es nur ein Problem, eine Lösung, eine Seite, eine Katastrophe. Wir können diese unsere Welt deshalb so schwer verstehen, weil zu jedem Zeitpunkt, nennen wir ihn Sekunde, tausend Probleme und tausend Einflüsse und tausend Lösungsmöglichkeiten gleichzeitig auftreten. Wir können aber nur maximal vielleicht zehn gleichzeitig verstehen. Deshalb werden von einem Bruchteil der Bevölkerung zum Beispiel die Flüchtlinge abgelehnt, obwohl sie weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind. Und so wie manche Menschen wie gebannt auf diese eine Prozent starren, starrst du auf die dich anschreienden alten Frauen und Männer, wenn du mit deinem alten Fahrrad vorbeifährst. Starre doch einmal lieber auf die sechs Millionen Flüchtlingshelfer, die es in Deutschland in Kirchengemeinden, Bürgerinitiativen, Volkshochschulen, Flüchtlingsheimen, Fußballmannschaften, Theatergruppen und sonstwo gibt. Rein rechnerisch kommen also auf jeden Flüchtling sechs Helfer. Praktisch sieht es leider nicht so gut aus. Meine Lösung des Problems – das eigentlich gar kein objektives Problem ist – lautet demzufolge: jeder Helfer sucht sich einen Flüchtling, dem er helfen kann, jeder Flüchtling sucht sich einen Helfer, dem er sich anvertraut.

Niemand oder fast niemand hasst dich. Das ist ein viel zu großes Wort für die Angst, die vielleicht hier und da vorhanden ist, die Missgunst, den Neid auf die Aufmerksamkeit. Wir kennen das von Kindern, die schwer ertragen können, wenn sich die Aufmerksamkeit der Eltern oder der Lehrer plötzlich jemandem zuwendet, der in diesem Moment hilfebedürftiger ist. Wie kommt man aus dem falschen Fokus heraus? Am besten versucht man, aus seinen Albträumen Träume zu machen. Man sucht sich eine Aufgabe, die über die Schule oder die Arbeit hinaus geht. Du kannst so gut Deutsch, und immer wieder werden Dolmetscher gebraucht. Manche Hilfesuchender braucht nur eine Begleitung zum Arzt oder will einfach die Muttersprache hören. Der Zauber der Freude, glaub mir, bindet wieder, was  Neid, Missgunst und Angst getrennt haben. Sei froh, dass du deine Familie hast, dass du in die Schule gehst, dass um dich herum Frieden herrscht. Nichts wird die wenigen Schreier mehr überzeugen, als ein erfolgreicher Flüchtling. Meine sechs Millionen Kollegen und ich wünschen dir dabei Glück, Liebe und Freude.

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IDEAL IST KEINE WIRKLICHKEIT

 

Nr. 248

 

Das Gestern wird schon deshalb keine Wirklichkeit sein, weil es nur als Narrativ existieren kann. Die Menschen erzählen sich nicht, was gestern war, sondern was gestern hätte sein können, vielleicht gewesen war, hätte sein sollen. Der Erzähler dramatisiert seinen Beitrag entweder in Richtung des handelnden Täters oder des leidenden Opfers. Niemand gibt gerne zu, dass er zwar als Täter erscheint, aber nicht wirklich etwas getan hat (Kohl-Syndrom). Auch als Opfer kann man seinen Statut durchaus erhöhen, wenn man zu einer demonstrativ leidenden Gruppe zu gehören scheint oder gehören will oder auch tatsächlich gehört. In einem Krieg sind aber tatsächlich alle Seiten Opfer. Selbst über gravierende Fehler spricht es sich leichter, wenn man zum Schluss obsiegt hat oder so tun kann, als hätte man genau das gemeint, was schief gelaufen war (Schabowski-Tag). Die Politik bietet sich als Beobachtungsfeld für diese allgemein menschlichen Schwächen an, seit wir die Politik Tag und Nacht rund um die Uhr beobachten können. Politiker bieten sich als Projektionsfläche unserer Kritikfreudigkeit an, weil sie etwas tun oder nicht tun, was viele Menschen betrifft, weil der Bildungsgrad und die Freizeit zugenommen haben, weil Politiker sich meist nicht auf ein so hohes oder sogar hehres Ideal stützen können, wie beispielsweise Kirchenmänner oder Fußballprofis. Selbst solche offensichtlich bösen und unsolidarischen Kirchenmänner wie Meisner (und sein Schützling Tebartz mit dem goldenen Klo), Mixa und Müller konnten jahrzehntelang ihr Unwesen treiben, weil sie durch ihre Berufung auf Yesus, den selbst Atheisten achten, geschützt waren. Welcher Politiker sieht sich so von seinem Ideal, wenn er überhaupt eins hat, umfangen? Es ist keine Beschimpfung, wenn man sagt, dass es Politiker mit und solche ohne Ideal gibt. Kohl war ein Konservativer, aber er hat ohne Gewissenskonflikte die Brandtsche Ostpolitik bis zu Vereinigung Europas fortgeführt. Adenauer hätte, von seinem Geburtsjahr her, noch Nationalist sein können, war aber ein nach Westen offener Konservativer, der aber als erster westlicher Staatsmann in die Sowjetunion reiste. Angela Merkel ist so erfolgreich, dass ihre Wiederwahl immer wahrscheinlicher wird, aber hat sie eine Vision oder ist sie, wie ihr Lehrmeister und Ziehvater, eine Pragmatikerin? Zudem hat sie das Glück, dass es eine Reihe wirklich engstirniger und unfähiger Politiker gibt, die als projizierter, manche glauben auch projektierter Schrecken auf die Welt wirken. Da reicht es schon, einfach nur pragmatisch gut zu sein. Die Strahlkraft eines Trudeau oder eines Macron geht ihr ab.

Die älteste Partei in Deutschland, die Sozialdemokratie, hat ein ebenso altes und auch ziemliches hohes Ideal. Aber taugt es noch für eine zerrissene Welt, in der, obwohl Maschinen für uns arbeiten, immer noch ein Siebtel der Menschen hungert und im Elend lebt? Wenn es stimmt, was Justin Trudeau sagt, dass die Rechte Angst und die Linke Wut verbreitet, und wenn es stimmt, dass die Welt sich heute mehr in geschlossene und offene Gesellschaften teilt und es gar nicht mehr um links und rechts geht, dann ist auch der Gedanke der Parteien überlebt. Dann ist die AKP als Schutz- und Trutzgemeinschaft eines Autokraten genauso richtig wie Emanuelle Macrons En Marche-Bewegung eines Demokraten. Solche Auffangbecken des Protests sind aber auch die AfD und die Trump-Wählerschaft. Die Wirklichkeit kann sich nicht am Gestern orientieren, das wäre in einem doppelten Sinne die falsche Richtung. Von Ingeborg Bachmann stammt der schön-traurige Gedanke, dass die Geschichte zwar lehrt, aber keine Schüler finden kann. Der Mensch, der sich im Alltag gern mit hohen Geschwindigkeiten bewegt, seit Tamerlans Zeiten vom Gestern fortzujagen glaubt, sehnt sich am Sonntag gerne ins Vorgestern zurück. An dieser Haltung zur Bewegung kann man das dilemmatische und ambivalente Wesen von uns Menschen sehen. Wer nur das Gestern und nicht das Ideal erhalten will, muss für das Heute Wut und für das Morgen Angst verbreiten. Dass es trotzdem große Konservative gab, liegt daran, dass bei ihnen zwar Ideal mit dem Gestern zusammenfiel, sie aber wenigstens einmal in ihrem Leben den Schalter in Richtung der Zukunft umgelegt haben (Bismarck, Churchill, Adenauer).

Bleibt das Ideal. Das vor über zweihundert Jahren formulierte Programm der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit würden wir heute eher mit dem archaischen Begriff der Gerechtigkeit wiedergeben, der als religiöses Heilsversprechen noch mehr ins Gestern weist. Aber diese Sicht übersieht den technischen Fortschritt, der den Kampf ums Überleben immerhin stark erleichterte. Nur wird gerne technischer Fortschritt mit Menschlichkeit oder Gerechtigkeit verwechselt. Mit dem Fahrrad verbindet sich kein Heilsversprechen. Sein Anteil am Menschheitsfortschritt würde sich, unter Abzug der Umweltfolgen der Mobilität, nur sehr mühevoll berechnen lassen, obwohl er offensichtlich ist. Schon allein, dass bis zum zwanzigsten Jahrhundert jede technische Neuerung zunächst elitär war, heute aber universell ist, zeigt den Riesensprung, den die Menschheit gemacht hat. Zeitgleich änderte sich auch, ebenfalls durch die verbesserten Lebensumstände, die Gesamtzahl der Menschen so dramatisch, dass auch dies eher Ängste als Freude auslöste.

Jedem Sozialdarwinismus muss, mit welchem Ideal auch immer, die Stirn geboten werden. Seit es Menschen gibt, sind sie solidarisch. Wettbewerb ist immer nur die Ergänzung der Solidarität. Die Ausnahme hierbei ist der Krieg, aber seit dem zwanzigsten Jahrhundert wissen wir, dass der Krieg keine positiven Aspekte hat. Nichts am Krieg ist gut, es gibt keinen Sieger. Jeder vermeintliche Sieg ist pyrrhisch. Auch der sagenhafte Krieg um Theben endete mit dem folgenschweren Tod sowohl des Angreifers als auch des Verteidigers. Es bleibt eine seltsame Frage, warum die Menschheit, obwohl sie seit den Tagen von Polyneikes und Etokles oder Pyrrhos oder Hanibal weiß, dass Kriege nie mit Siegen enden, den Gedanken so spät, jetzt erst, gegen den Gedanken des freien Handels vertauscht hat. Und auch jetzt tun sich Abgründe von Widersprüchen auf. Gerade auf dem möglichen Höhepunkt der neuen Erkenntnisse, fallen ganze Völker, vielleicht aus dem Mangel an Erfolg, in die Zeit düsterer Autokratie zurück. Allerdings können wir ganz sicher sein: das Licht bleibt das Ideal und nicht die Finsternis. Ob wir an Erleuchtung glauben oder auf Aufklärung schwören, nur das Licht kann die Richtung vorgeben. Wenn man aus dem erdnahen Raum auf die Erde blickt, sieht man nicht nur die Ungerechtigkeit, nicht nur die Energieverschwendung der reichen Länder, sondern auch die Vision des Echnaton: die Sonne als Ideal und Wirklichkeit.

KOHL UND STEINBACH

 

Nr. 247

 

Manche Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Andere bewirken ihr Gegenteil. Menschen widersprechen sich und anderen. Andere hassen und bekämpfen sich. Das liegt daran, dass wir zur Vereinfachung der Welt ein dichotomisches Weltbild haben: gut und böse, warm und kalt, oben und unten,  Mann und Frau, man kann nicht ein bisschen schwanger sein, das war immer so, das sind die Fakten. Die katholische Kirche zum Beispiel, die gerade wieder vor der Ehe für alle warnt, warnte einst vor den Antipoden, von denen die meisten schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das war.

Erika Steinbach war nicht vertrieben, sie war gar nicht aus Westpreußen. Sie ist dort geboren, weil ihr Vater nahe Danzig Soldat und ihre Mutter Flakhelferin war. Trotzdem war sie lange Zeit Präsidentin des Verbandes der Vertriebenen.  Als Vertriebenenchefin  hat immer wieder das Unrecht betont, das Polen angeblich über Deutschland gebracht hat. Irgendetwas in ihrem Leben hat sie dazu gebracht, die ganze Welt immer von gestern aus zu betrachten. Als schließlich die ganze CDU an ihr vorbeigezogen war, trat sie aus ihrer Partei und hielt am vorigen Freitag ihre letzte Rede, die ihr keinen Beifall und stattdessen eine Rüge des Bundestagspräsidenten einbrachte. Beifall erhielt sie, als sie sagte, dass sie aus dem Bundestag ausscheidet.

Konservatismus ist eine politische Richtung, aber Politik ist die Kunst der Kompromisse. Steinbach kollidierte nicht mit Merkel, sondern mit Kohl. Kohl hatte als Oppositionsführer und Kanzlerkandidat ähnlich vollmundig wie Trump die Rücknahme der Politik seiner Vorgänger angekündigt. Gemeint war der Ausgleich mit dem Osten und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war die spektakuläre und visionäre Außenpolitik Brandts. Sie hat letztlich zu deutschen und europäischen Vereinigung geführt. Schmidt dagegen bekämpfte dem ultralinken Terror der RAF und erfand den NATO-Doppelbeschluss. Da gab es für Kohl, der Schmidt 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum, ermöglicht durch den Seitenwechsel der FDP, ablöste, nichts zurückzunehmen. Das alles muss Steinbach verschlafen haben. Kohl hat dann während seiner sechzehn Jahre als Kanzler den Nationalstaatsgedanken zugunsten der europäischen Union samt gemeinsamer Währung aufgegeben. Der Grund dafür war sicher nicht die deutsche Wiedervereinigung, die niemand ahnte. Später aber zeigte sich, dass die europäische Einigung die Kompensation für das vereinte und erstarkte Deutschland verstanden werden könnte. Das Rathenau-Modell, zu produzieren und nur durch die Qualität und Quantität der Produkte Absatzmärkte zu sichern, ist letztlich durch den konservativen Kohl durchgesetzt worden.

Kohl war kein Ideologe. er verstand sich als Machtmensch und Politik als pragmatisches Handeln. Kohl polarisierte in seiner Partei, konnte Menschen gewinnen und wegbeißen. Nur einmal hat er auch außenpolitisch polarisiert, aber diesen krassen Fehler sofort korrigiert. Nach dem Machtantritt Gorbatschows hielt er dessen Reformkurs für einen propagandistischen Trick und verglich ihn mit Goebbels. Diese Korrektur zeigt, dass Kohl die Größe hatte, die weit über die Verspottungsbegriffe hinausging, mit denen er gerne belegt wurde. Größe bewies er auch, als er im dichotomischen Wettstreit mit dem zwergenhaften Kanzlerkandidaten der SPD auf die Währungsunion setzte und damit die DDR mit einem Federstrich wegschob. Das wiederum verletzte die letzten verteidiger der DDR, und das waren erstaunlicherweise ehemalige Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer auf der Seite und Betonköpfe der SED auf der anderen Seite. Das war eine winzige Minderheit. Angst dagegen hatten viele. Steinbach scheint auch das verschlafen zu haben. Vielleicht kam sie 1990 in den Bundestag nur durch die Konjunktur der CDU. Jedoch setzte sie ihren Marsch rückwärts fort. Sie trat aus der evangelischen Kirche, die ihr zu modern war, und schloss sich jener Splittergruppe* an, die sich um 1850 gegen die Modernisierungsversuche des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebildet hatte.

Kohl dagegen konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ein neues Ziel: die europäische Einigung, deren eine Dimension er zusammen mit dem CSU-Führer Theo Waigel erreichte, die gemeinsame Währung. Die zweite notwendige Dimension, die Aufgabe der nationalen Souveränität zugunsten eines funktionierenden europäischen Parlaments und der dazugehörigen Regierung, bleibt weiter umstritten. Einleuchtend ist es aber, dieses Europa der Regionen, denn die Nationalstaaten sind Konstrukte des neunzehnten Jahrhunderts und seiner Kriege bis hin zum zweiten und letzten Weltkrieg.

Auch Kohl war ein Konservativer. Er hielt sein Ehrenwort höher als die Gesetze. darin steckt eine letztverbliebene konservative Verachtung der Demokratie. Sie hat ihm und der CDU nur geschadet. Überhaupt ist Kohl mit seinem eigenen Erbe schlecht umgegangen. Während Adenauer und Brandt zurecht kultisch verehrt werden, und Schmidt sich ein Leben als elder statesman erarbeitet hat, nach dem er hochgeachtet starb, hat Kohl, und darin zeigt sich seine Kleine, seinen Ruf auf lange Zeit verdorben. Groß war er ohnehin nicht, aber ein bedeutender Pragmatiker, den die zeit mit Erfolg verwöhnt hat und dem wir in Europa demzufolge viel verdanken.

Wenn es für Kohl eine Gnade war, so spät geboren zu sein, dass er nicht mehr schuldig werden konnte, er war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zuende ging, so war es für Steinbach scheinbar eine Strafe, zu spät geboren zu sein, um all das verantworten zu dürfen, für das sie sich später einsetzte. Warum hat sie Polen beschimpft? Warum hat sie sich immer gegen Versöhnung ausgesprochen? Wir sollten nicht nur nicht gegen Versöhnung sein, sondern unsern Nachbarn danken, dass sie uns verziehen haben. Aber auch das ist ein Satz von gestern. Denn in Wirklichkeit ist die Gegenwart des letzten Krieges zum Glück im Nebel der nachfolgenden Generationen und eingewanderten Mitbürger verschwunden.

Steinbach glaubte, wegen Merkels humanitärer Flüchtlingspolitik nach rechts ausweichen zu müssen. Aber sie landete im Orkus der Unmenschlichkeit und damit des Verbrechens. So hart kann Dichotomie sein.

 

 

* die altlutherische oder selbstständige lutherische Kirche