BESUCH BEIM KÖNIG

 

Nr. 254

Es gibt Zitate, die kann man nicht mehr hören, so oft präsentiert sie uns jemand, als hätte er sie gerade erfunden. Besonders beliebt ist die Einleitung: Wie Einstein schon sagte, dann kommt, was wir alle schon wussten, dass zwei Dinge unendlich seien. Pfarrer zitieren in diesem Jahr wahrscheinlich so oft Luther, dass er für die nächsten fünfhundert Jahre verbrannt ist. Und auch des großen Friedrichs Satz, des Königs in Potsdam, dass alle nach ihrer Façon selig werden sollten, ist oft gehört worden. Als Kind dachten wir da eher an den Friseur, der uns fragte: Fasson?

Inzwischen ist auch seine Ermutigung hinreichend bekannt, dass ‚wir ihnen Mosquen bauen, wenn sie kommen‘. Friedrich, der sowohl oberster Bischof von Preußen als auch belesener und aufgeklärter Philosoph war, wollte vielleicht den Streit über den Aberglauben beenden, dass ein Mensch wüsste, wo und wie er die Zeit nach dem Tod verbringt. Dieser Streit dauert leider noch an, und da es mehr Menschen gibt als zu Friedrichs Zeiten, sind auch mehr in diesen Streit verwickelt, wenn auch zum Glück nicht aktiv. Ob zum Beispiel der Konflikt in Jemen um Hegemonie geführt wird oder um den ‚rechten Glauben‘, wird niemand entscheiden können. Auch der gegenwärtige Terrorismus, soweit er nicht von rechts kommt, wird religiös begründet. Allerdings ahnen wir, dass die gute Botschaft der Religionen unbeschädigt bleiben kann, während die Ideologie so vieler religiöser Menschen nicht nur weit hinter den Erwartungen, sondern vor allem auch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Obwohl alle das Tötungsverbot eint, zerstreiten und bekämpfen sie sich mit Mord und Totschlag. Jetzt wäre es opportun, die Salafisten zu beschimpfen. Aber es sind nicht die einzigen Mörder.

Der in diesem Jahr gefeierte Luther rief zu seiner Zeit zu Mord und Totschlag auf, als hätte es keine Reformation gegeben. In Minden wurden nach der Reformation mehr Hexen verbrannt als vorher. Nicht nur der Antisemitismus wurde aus der ideologischen Klamottenkiste geholt, sondern auch der Krieg gegen die osmanische Expansion religiös begründet und die Türken zum Antichrist erklärt. Diese ideologisch begründete Feindschaft wirkt immer noch als Angst nach. Was wir gerne übersehen, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika die Menschen religiöser sind als in der übrigen westlichen Welt. In den Kirchen der Schwarzen wurden der Gospel (und mit ihm Elvis Presley) und Martin Luther King jun. geboren. Aber der weiße Protestantismus im Süden ist nach wie vor rassistisch und aggressiv und behält das Morden als Option bei. In den USA werden täglich 89 Menschen erschossen. Das sind seit 1968 mehr Menschen, als in allen amerikanischen Kriegen zusammen getötet wurden. Das sind selbstverständlich nicht alles religiöse Morde. Wenn man aber bedenkt, dass die meisten Opfer Schwarze sind, Homosexuelle, Ärzte, die abtreiben, Diebe oder gedachte Diebe, dann ist der Anteil des Protestantismus an der Begründung der Taten ziemlich hoch. Auch Lincoln, Kennedy und Dr. King wurden erschossen, drei von anderthalb Millionen. Der aggressive Atheismus hat den aggressiv-missionarischen Ton übernommen. Aber fast unbemerkt ist eine sanfte Richtung des religiösen Ungebundenseins entstanden, die sich auf Friedrich II. und seinen Kontrahenten Lessing beruft, auf Schleiermacher, Tolstoi, Gandhi, Albert Schweitzer und eben Martin Luther King.

Wir müssen uns nicht streiten, ob Yesus Mensch oder Gott war, was nach dem Tod ist, ob wiederverheiratete Geschiedene Niquab tragen dürfen. Wir wissen, dass man niemanden töten darf und wir töten auch niemanden. Wir sind nicht nur gegen Krieg, sondern auch gegen Waffen und Militärbischöfe, überhaupt gegen Bischöfe mit Pensionsanspruch und Dienst-BMW. Die Quelle des Guten oder überhaupt der Moral liegt nicht in einer dieser tausend und abertausend Gruppen von Rechtgläubigen, sondern in der Menschheit, in ihrer Philosophie, in ihrer Religion und in ihrer Kunst.

Am amerikanischen Weltbild, seinem Hang zum Irrationalen, seiner Überschätzung der Gewalt und seiner sozialdarwinistischen Grundeinstellung, mag Hollywood einen großen Anteil haben. Diese kritische Sicht vergisst, dass weltweit, auch im überdimensionierten Bollywood-Bereich, das Chaplin-Narrativ wirkt. Chaplin schuf diesen einfachen Menschen, der vom Pech verfolgt wird wie die Yesus-Leute vom Aussatz, aber sich nicht nur seine Menschlichkeit bewahrt, sondern auch noch, oft mitten in all dem Pech und Slapstick, Hilfe leistet und schlussendlich obsiegt. Die Sprache dieser frühen Filme ist universell. Der Typ, der auch noch Tramp heißt, ist universell. Die Botschaft ist philosophisch, interreligiös, universell, sozusagen die Verfilmung der Goldenen Regel. Ästhetisch sollte man Chaplin lieber mit Shakespeare vergleichen als mit Buster Keaton. So wie Shakespeare aus der Mischung von hochphilosophischem Gedankengut und Stegreiftheater (commedia dell arte, das ist auch der Schnittpunkt mit Chaplin) bleibende Kunst gemacht hat, die auch vierhundert Jahre später noch ausverkaufte Theater und Katharsis ohne Ende erzeugt, so hat Chaplin aus dem obdachlosen Pechvogel den Überlebenskünstler gemacht, der Gutes tut, weil er gut ist.

Warum ein so gebildetes Volk wie wir, statt einfach immer einmal wieder nach Sanssouci zu gehen und zur überlegen, was der große König meinte, immer wieder neue Umwege zum Guten findet, bleibt unbegreiflich. Zwar speist sich unser Optimismus aus dem Triumph von Demokratie, Sozialstaat mit seinen Anleihen bei der Caritas, und Rechtlichkeit, aber immer wieder lässt uns der Ausschlag der Sinuskurve nach unten verzagen. Man darf sich wahrscheinlich Ideengeschichte nicht anthropomorph denken. Die Ideen wirken in jedem Menschen gleich. Sie sind nicht an ihre ersten Hervorbringer gekoppelt. Auch hier gilt wohl unsere Hypothese, dass nicht die Herkunft entscheidend ist, sondern die Zukunft. Der Fortschritt ist kein Nepotismus, sondern nur durch Vernetzung erreichbar.

Im Park von Sanssouci spazieren Menschen aus aller Herren Länder, mehr Japaner als Afrikaner, mehr Amerikaner als Russen, mehr Franzosen als Türken. Warum ist es nur ein Park und kein Ort des Gedankenaustauschs? Warum werden in den Audioguides Details der Bau- und Pflanzgeschichte erläutert, die die Menschen schon vergessen haben, wenn sie die Headphones abnehmen, und nicht Gedanken von Friedrich über Rousseau bis Schweitzer und King? Dann kann jeder nach seiner Façon selig werden und wir müssen nicht immer wieder dieselben Zitate hören.

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